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Was für eine Rolle spielt die engste Familie bei der Förderung ihres legasthenischen Kindes?

Seminararbeit 2003 32 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was ist eigentlich Legasthenie
1.1. Zum Begriff Legasthenie
1.2. Legasthenie und seine Eigenschaften
1.3. Legasthenie und Intelligenz
1.4. Wie Legasthenie beginnen kann
1.4.1 Der Schulreifetest
1.4.2. Erste Probleme dämpfen die Schulfreude
1.5. Wie zeigt sich Legasthenie

2. Legasthenie und die Rolle der Familie
2.1. Bedingungslose Zuwendung ohne Leistungsforderung
2.2. Wie Eltern die Legasthenie erfahren
2.3. Erste Ratlosigkeit der Mutter
2.4. Der Rollenkonflikt der Eltern
2.4.1. Doch die Eltern leben mit dem Kind
2.4.2. Die Mutter muss Mutter bleiben

3. Wie Eltern ihr Kind richtig fördern können
3.1. Mit dem Kind zu Hause üben?
3.1.1. Hausaufgaben
3.2. Schwerpunkte der häuslichen Förderung
3.2.1 Lesenlernen oder die kleinen grünen Marsmännchen (Leseanfänger)
3.2.2. Abschreiben- aber anders als sonst (Grundschulzeit)
3.2.3. Richtig lesen üben (Grundschulzeit)
3.2.4. Nicht Diktate üben sondern Wörter aufbauen (Klassen 2 bis 5)

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung:

Diese Arbeit entstand im Rahmen der Lehrveranstaltungen „Einführung in die Diagnose und Förderung lese- und rechtschreibschwacher Kinder und Jugendlicher“ beziehungsweise „Übungen zur Diagnose und Förderung lese- und rechtschreibschwacher Kinder und Jugendlicher“. welche im Sommersemester 2002 unter der Leitung von Mag. Dr. Christina Schenz am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Wien stattgefunden hat.

Erfahren die Eltern, dass ihr Kind Legastheniker ist, so ist das anfangs sicher oft ein Schock. für sie.

Zu Beginn wissen sie vielleicht nicht einmal so recht, was Legasthenie überhaupt bedeutet und machen sich Vorwürfe, da sie sich selbst die Schuld für das Legasthenieproblem ihres Kindes geben. Sie plagen sich mit Fragen wie zum Beispiel ob sie in der Erziehung irgendetwas übersehen haben oder falsch gemacht haben und die Hilferufe vom Kind nicht ernst genommen haben.

Im Idealfall suchen sie, nachdem sie von der Legasthenie-Diagnose ihres Kindes erfahren haben, so schnell wie möglich Rat bei einem professionellen Helfer. Dort werden sie alles mögliche über die Legasthenie-Problematik erfahren und sie werden auch Tipps und Informationen bekommen, was sie als Eltern machen können um ihrem Kind zu helfen.

Ganz bestimmt gibt es aber auch Eltern, die ohnehin schon aufgeben, bevor sie irgendetwas zur Lösung des Problems gestartet haben. Sie sind der Meinung, mit der Legasthenie ihres Kindes leben zu müssen, da es ohnehin keinen Sinn hat irgendetwas dagegen zu unternehmen. Sie haben ihr Kind immer noch lieb, stempeln es aber möglicherweise als „dumm“ ab.

Vielleicht würde es diesen Eltern Mut und Hoffnung machen, wenn sie wüssten, dass ein Legastheniker nicht dumm, sonder ganz im Gegenteil, in vielen Fällen sogar überdurchschnittlich begabt und intelligent ist, wie beispielsweise Albert Einstein.

Eltern müssen der Legasthenie ihres Kindes nicht hilflos ausgeliefert sein, sondern können auch als „nicht-professionelle“ ihr Kind unterstützen und ihm eine große und wertvolle Hilfe sein. Schließlich sind es ja die Eltern, und nicht irgendwelche Lehrer, die rund um die Uhr mit dem Kind leben und am meisten mit ihm zu tun haben.

Da es mich besonders interessiert, was nun ganz speziell die engste Familie des Kindes machen kann um ihm bei der Bewältigung des Legasthenieproblems zu helfen und wie sie ihm Förderung innerhalb der Familie ermöglichen kann, werde ich mich in meiner Arbeit ganz besonders diesem Thema widmen.

Da ich annehme, dass nicht immer gleich jedem klar ist, was Legasthenie überhaupt bedeutet, werde ich im ersten Kapitel zunächst näher auf dieses Phänomen im Allgemeinen eingehen. Nach einer kurzen Begriffserklärung widme ich mich den Eigenschaften der Legasthenie.

Bevor ich anschließend versuche, näher auf die Ursache eines möglichen Legasthenie-Beginns einzugehen, versuche ich deutlich zu machen, was eigentlich Intelligenz mit Legasthenie zu tun hat.

Den Abschluss des ersten Kapitels bildet die Frage, was für Anzeichen auf eine mögliche Legasthenie hinweisen können.

Anhand der in diesem Unterkapitel angeführten Listen, kann man selbst überprüfen, ob jemand förderungsbedürftige Lese-Rechtschreibschwierigkeiten hat oder nicht.

Im zweiten Kapitel geht es dann ausschließlich um Legasthenie und die Rolle der Familie.

Gleich am Beginn komme ich auf die Wichtigkeit der bedingungslosen Zuwendung der Eltern auch ohne Leistungsforderung zu sprechen. Auch wenn das Kind in der Schule nicht die geforderten Leistungen erbringt, ist es für die Entwicklung einer starken Persönlichkeit enorm wichtig, dass die Eltern ihr Kind trotzdem lieb haben und ihm ausreichend Zuwendung schenken. Nichts ist schlimmer, als wenn man die Liebe eines Kindes nach den Leistungen, die es erbringt, misst.

Anschließend versuche ich es anschaulich zu machen, wie Eltern die Legasthenie ihres Kindes erfahren. Da es in den Familien häufig die Mutter ist, die am meisten Zeit mit dem ihrem Kind oder ihren Kindern verbringt, werde ich auch auf die erste Ratlosigkeit der Mutter, wenn sie von der Legasthenie ihres Kindes erfährt, eingehen und aufzeigen, was sie in ihrer ersten Hilflosigkeit machen kann.

Da die Probleme legasthenischer Kinder in der Schule auf die ganze Familie ausstrahlen, muss auch der Rollenkonflikt erwähnt werden. Auch wenn die Eltern ihr Kind unterstützen sollen, muss das Kind die Mutter stets als Mutter und den Vater als Vater sehen können.

Sieht das legasthenische Kind die Eltern auch bald nur mehr als Lehrer, so kann es zu einer emotionalen Krise kommen und zwar, wenn das Kind das Gefühl bekommt, von niemandem mehr Liebe, Trost und Zuwendung erwarten zu können.

Das dritte und letzten Kapitel widme ich der interessanten Frage, wie Eltern ihr Kind richtig fördern können. Das heißt, ich werde näher auf die Frage eingehen, wie Eltern mit ihrem Kind daheim üben sollen und wie eine mögliche häusliche Förderung aussehen könnte.

1. Was ist Legasthenie?

1.1. Zum Begriff Legasthenie

Der Begriff Legasthenie wurde 1916 vom ungarischen Neurologen und Psychiater Paul Ranschburg geprägt, die Symptome gab es aber schon lange vorher. Legasthenie kommt von „legere“ (lateinisch für „lesen“) und „Asthenie“ (griechisch für „Schwäche“) und wird im Duden definiert als „Leseschwäche, als mangelhafte Fähigkeit, Wörter, zusammenhängende Texte zu lesen oder zu schreiben.“ (vgl. Duden 1997 S. 468).

1.2. Legasthenie und seine Eigenschaften

Legasthenie ist eine anlage- oder entwicklungsbedingte Teilleistungsstörung des Gehirns. Sie erschwert den Kindern - obwohl sie intelligent sind, gesunde Sinne, geregelten Unterricht und gesellschaftstypische soziale Verhältnisse haben- das Erlernen der Schriftsprache. Legasthenie wird auch als umschriebene, isolierte, spezifische oder entwicklungsbedingte Lese-Rechtschreib-Störung bezeichnet ( vgl. Klasen 1995).

Legastheniker haben beim Erlernen von Lesen und Schreiben (manche auch beim Rechnen) Schwierigkeiten. International geht man von einem Anteil von ca. acht bis zehn Prozent der Bevölkerung aus, wobei die Hälfte davon schwer betroffen ist.

Da das Lernen in der Schule hauptsächlich über Lesen und Schreiben vermittelt wird, führt Legasthenie sehr oft zu einem ganzen Haufen anderer Probleme.

Legasthenie kann weitgehend behoben oder wenigstens gemildert werden, wenn sie rechtzeitig erkannt und entsprechend behandelt wird. Es gibt Leute, darunter auch Pädagoge und Psychologen, die sagen, es gäbe sie gar nicht, oder es handle sich bloß um einen Mangel an Übung. Doch wer ein legasthenisches Kind hat, weiß das besser (vgl. Götzinger-Hiebner 2002)!

Beim Wort „Legasthenie“ fallen den meisten nur Schüler ein, die Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Die einen denken dabei an die Verdrehung von Buchstaben und Wörtern, andere an Kinder, die langsam und mit Mühe lernen. Aber fast alle sehen darin eine Art Lernbehinderung ( vgl. Steltzer 1998).

Grundsätzlich lässt sich die Legasthenie als ein Syndrom auffassen. Kennzeichnend für ein Syndrom ist das gemeinsame Auftreten von Merkmalen (Symptomen), die zu einem bestimmten Erscheinungsbild führen. Die Problematik im Umgang mit geschriebener Sprache ist das Erscheinungsbild der LRS (Lese-Rechtschreib-Störung). Bei jedem Kind ist eine ganz eigene Kombination von verschiedenen Faktoren in unterschiedlicher Gewichtung für die LRS verantwortlich.

Legasthenie ist keine Krankheit, sondern eine Verarbeitungs-Schwäche im Bereich der Sprache. Sowohl in der Schule als auch in unserer Gesellschaft besitzen das Lesen und Rechtschreiben einen sehr hohen Stellenwert. Aufgrund dieser Schwäche entstehen oft sehr große Probleme. Vor allem von Seiten der Eltern und der LehrerInnen ist eine Förderung der Stärken der betroffenen Kinder und das Verständnis für ihre so oft vergeblichen Bemühungen enorm wichtig (vgl. http://www.legasthenie-into.de/wasist.html).

Der heutige Wissensstand zum Thema Legasthenie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Beim entstehen einer Legasthenie spielen viele Faktoren eine Rolle. Eigentlich gibt es nicht DIE Legasthenie sondern viele Legasthenien, die bei jedem Menschen individuell unterschiedlich verursacht sind.
2. Aufgrund von Vererbung oder durch Probleme bei der Geburt liegen kleinste Hirnfunktionsstörungen vor, welche dazu führen, dass man bei der Verarbeitung von Sprachreizen im Gehirn nicht die „Datenautobahn zur Verfügung hat, sondern den mühsamen Weg über die „Landstrassen“ fahren muss. Daher kommen dann die hohen Anstrengungen und gleichzeitig die schlechteren Leistungen.

Aus diesem Grund ist eine Legasthenie auch nicht heilbar, sondern kann nur durch gute schulische und eventuell außerschulische Betreuung so weit unterstützt werden, dass der „Weg über die Landsrassen“ verbessert wird.

Liegen zusätzliche Belastungen vor, wie beispielsweise im Bereich Hören und Sehen, wirken diese sich verständlicherweise deutlich stärker aus als bei anderen Menschen.

Das Hören hat hier eine besonders starke Bedeutung. Jede Einschränkung in diesem Bereich wirkt sich bereits beim Erwerb der Sprache in den ersten Lebensjahren aus. Sobald es dann in der Schule um das Erlernen der Schriftsprache geht, sind Probleme vorprogrammiert. Verschiedenste Therapieansätze widmen sich der zentralen auditiven Reizverarbeitung.

Ganz ähnlich ist es mit dem Sehen. Eine optimale Unterstützung visueller Funktionen könnte vor allem beim Lesen, bei der schnellen Erfassung von Text und bei der Auge-Hand-Koordination helfen (vgl. http://www.legasthenie-into.de/wasist.html).

Das Phänomen Legasthenie löst bei allen Beteiligten Verwirrung aus. Legastheniker sind immer noch Vorurteilen und unhaltbaren Wertungen ausgesetzt, die selten offen ausgesprochen werden. Assoziationen, dass bei ihnen im Kopf etwas nicht stimmt, sind ganz alltäglich. Ganz klar, wer Schwierigkeiten hat, lesen und schreiben zu lernen, fällt spätestens in der Schule auf. Hier wird Legasthenie zum Problem. Ganz wichtig ist es, sich der Tatsache zu stellen und Aufklärung zu schaffen.

Legasthenie zu begreifen ist eine Herausforderung. Sie scheint nicht nur nicht greifbar , sie ist zudem nicht mal kalkulierbar. Wann sie ausbricht, wie stark sie ausbricht und ob sie ausbricht, das ist ganz verschieden

Ein legasthenisches Kind ist unbequem. Wenn es nicht angenommen wird und ihm kein Verständnis entgegengebracht wird, entwickelt es Verhaltensstörungen und eignet sich falsche Techniken an, weil es seine Unfähigkeit, unsere Sprachsymbolik zu beherrschen, kaschieren muss. Daraus folgen dann „psychoreaktive Störungen“, wie es die Fachsprache nennt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kann der Abstieg schnell beginnen. Bei Legasthenie handelt es sich nicht um eine Beeinträchtigung des Denkens und der Intelligenz. Die Bereitschaft Verständnis aufzubringen, ist trotzdem sehr gering – ein legasthenischer ist eben noch ein Problem mehr für gestresste Pädagogen. Und weil diese Problematik in der Lehrerausbildung so gut wie gar nicht thematisier wird, hält sich bei vielen das längst widerlegte Vorurteil: Wer nicht schreiben kann, ist dumm ( vgl. Steltzer 1998).

1.3. Legasthenie und Intelligenz

Viele Legastheniker sind jedoch ganz und gar nicht dumm, sondern sehr intelligent.

Als Legastheniker ist man nicht automatisch auch ein Genie. Jedoch stärkt es das Selbstwertgefühl aller Betroffenen, wenn sie wissen, dass ihr Verstand in derselben Weise funktioniert wie der Verstand berühmter Genies. Ebenso sollen sie auch wissen, dass sie weder dumm noch unbegabt sind, nur weil sie ein Problem mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Genau dieselbe geistige Funktion, die Genialität erzeugt, erzeugt auch die Legasthenie. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Talent: eine Gabe und Begabung, eine ganz natürliche Fähigkeit. Sie ist eine ganz besondere Qualität, welche das geistige Potential der Person steigert (vgl. Steltzer 1998).

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Details

Seiten
32
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638226677
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18286
Institution / Hochschule
Universität Wien – Erziehungswissenschaften
Note
1
Schlagworte
Rolle Familie Förderung Kindes

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