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Psychotrauma - Die Trauma-Erzählgeschichte

Hausarbeit 2011 23 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychotrauma
2.1 Begriffsklärung Trauma und Psychotrauma
2.2 Auslöser und Typeneinteilung von Psychotraumen
2.3 Auswirkungen während des traumatisierenden Ereignis
2.3.1 Besonderheiten bei Kindern
2.4 Folgen eines Psychotraumas
2.5 Grundsätze der allgemeinen Therapie
2.6 Die Trauma-Erzählgeschichte

3. Fazit

Die traumatische Zange (Anlage 1)

Beispiel einer Trauma-Erzählgeschichte (Anlage 2)

Literaturverzeichnis

Glossar / Begriffsbestimmungen

1. Einleitung

Mein Interesse für das Themenfeld Psychotrauma wurde nicht nur aufgrund meines Berufes als Polizeibeamtin geweckt, sondern auch im Zuge des Bewerberverfah- rens für die Adoption eines Kindes. In der Folge richtete sich mein Fokus insbeson- dere durch die in diesem Zusammenhang erforderlichen vorbereitenden Vortrags- und Fortbildungsveranstaltungen auf die möglichen Negativerlebnisse und die dar- aus resultierenden Psychotraumata von Kindern. Prinzipiell kann jeder Mensch durch ein einmaliges Erlebnis mit Schockcharakter (Monotrauma) oder durch wie- derholte Ereignisse (Polytrauma), die manchmal über Jahre andauern, traumatisiert werden. Dies kann ein schwerer Verkehrsunfall oder der mehrfache sexuelle Miss- brauch in der Kindheit sein. Diese Erfahrungen sind für die meisten Menschen mit schwerwiegenden belastenden physischen und psychischen Folgen verbunden, die in vielen Fällen eine Therapie notwendig machen. Aufgrund des kindlichen Entwick- lungsstandes und Geisteshorizontes können die allgemeinen Trauma-Therapien für Erwachsene nicht unisono auf Kinder übertragen werden und einige finden keine Anwendung. Noch Ende der 1970er Jahre wurden verhaltensauffällige Kinder in verschiedenen Einzeltherapien betreut und die Eltern getrennt von ihren Kindern aufgeklärt und beraten. Die Bindungsforschung war ebenfalls gerade erst durch John Bowlby angestoßen worden. In den 1980er Jahren kam es zu ersten Fortbil- dungen in der Familientherapie, indem niederländische und amerikanische Thera- peuten die systemische Sichtweise durchsetzten.

Eine junge und noch nicht erforschte Therapiemethode, die die systemtherapeuti- schen Ansätze berücksichtigt, wurde in Deutschland Mitte der 1990er Jahre durch Dipl. Sozialarbeiter Alexander Korittko1 vorgestellt und bei Kindern und Jugendli- chen eingeführt; die Trauma-Erzählgeschichte. Durch diese Therapiemethode sollen neue positive Gedanken bzw. Bilder als gegebene Situation verankert und im Ideal- fall die traumatisierende Situation so verarbeitet werden, dass diese als Vergangen- heit abgespeichert werden kann.

Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Hausarbeit kann ich nicht auf die gesam- te Komplexität dieses Themenbereiches, insbesondere nicht auf jedes Detail bei Kindern eingehen. Ich werde allerdings eine Einführung zum Thema Psychotrauma und einen kurzen Überblick zu Auslösern von Traumata, deren Auswirkungen und Folgen, auf die Besonderheiten bei Kindern sowie zu Grundsätzen der allgemeinen Therapie geben. Im Anschluss wird die Trauma-Erzählgeschichte an einem Beispiel vorgestellt und zum Schluss ein Fazit gezogen. Dabei möchte ich folgende Frage- stellung und These beleuchten:

„Die Trauma-Erzählgeschichte - ein fortschrittlicher Ansatz in der TraumaTherapie für Kinder und Jugendliche“ !

2. Psychotrauma

2.1 Begriffsklärung Trauma und Psychotrauma

Als Einführung in die Thematik und zur weiteren Orientierung ist zunächst der Begriff Trauma und Psychotrauma zu erläutern und zu definieren. Betrachtet man die griechische Übersetzung des Wortes Trauma2, so ist die Rede von seelischen sowie medizinischen Verletzungen und Wunden. In Deutschland wird das Wort Trauma jedoch überwiegend im medizinischen Bereich verwandt und wird dort mit körperlichen Wunden in Verbindung gebracht.

Die sich mit der Erforschung von Psychotrauma beschäftigende Wissenschaft ist die Psychotraumatologie, die sich aus mehreren Forschungs- und Fachbereichen zu- sammensetzt. Folgende Berufszweige sind in diesem Kontext beteiligt: Psychologie, Medizin, Rechtswissenschaft, Psychoanalyse und die Psychotherapie, die sich mit der Lehre von psychischen Verletzungen und ihren vielfältigen negativen Folgen des traumatisierten Individuums auseinandersetzen sowie neue Therapiewege su- chen.3 Daher sind seelische Verletzungen als psychisches Trauma zu bezeichnen:

„ Ein psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedroh- lichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsm ö glichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht, und so eine dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses be- wirkt. “ 4

2.2 Auslöser und Typeneinteilung von Psychotraumen

In der unten angeführten Tabelle sind Ereignisse aufgeführt, die die Monotraumen als Typ-I-Trauma und Polytraumen als Typ-II-Trauma bezeichnen und auslösen können. Diese Einteilung ist von Terr (1995) vorgenommen worden und zur Einteilung von Kindheitstraumen aufgrund der verschiedenen Folgen, die sich daraus ergeben, besonders bedeutsam.

Weiterhin gibt es drei Kategorien. Unter Kategorie 1 sind die einschneidendsten Psychotraumen aufgeführt, die sog. „Man-made“-Traumen. Psychotraumata, die ein Mensch einer anderen Person zufügt, erschüttert deren Weltanschauung dermaßen, dass die Verarbeitung des Erlebnisses wesentlich schwerer ist. In Kategorie 2 ist die Natur oder das Schicksal Auslöser und somit leichter zu akzeptieren und zu verar- beiten. Kategorie 3 ist der schwächste Auslöser. Hierunter werden kollektive Trau- matisierungen eingeordnet, bei denen ebenfalls Menschen die Auslöser sind. Sie handeln aber nicht in einem individuellen Kontext und es sind ebenfalls viele andere Menschen betroffen.

Tabelle 15 Auslöser und Typeneinteilung von Psychotraumen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wird Kategorie 1 in der Kindheit als Polytrauma erlebt, d.h. als wiederkehrende, längere Traumatisierung über Wochen oder sogar Jahre ausgeführt und ausgelöst, so hat dies meist weitreichende Folgen, auf die im weiteren Verlauf noch eingegan- gen wird. Die Besonderheit ist, dass bei dem Typ-I-Trauma das traumatische Erleb- nis immer wieder im Detail erinnert wird. Bei jüngeren Kindern gibt es ggf. auch ma- gische Erklärungen mit Schuldzuschreibungen, oft an die eigene Person. Bei Typ-II kommt es zu emotionaler Anästhesie und Verleugnung, häufig zu Dissoziation und Depersonalisierung (Entfremdungsgefühl). Zunächst wird versucht durch sogenann- te Coping-Strategien (Bewältigungsstrategien) die Bedrohung zu vermeiden. Die nächste Stufe sind Anpassungsbemühungen auf intrapsychischer Ebene. Dies sind Abwehrmechanismen, die zur Abspaltung u.a. der Persönlichkeit führen können.

Kinder mit Typ-I-Trauma entwickeln diese Abwehrmechanismen in der Regel nicht.

2.3 Auswirkungen während des traumatisierenden Ereignis

Ein traumatisches Erlebnis ruft automatische Stressreaktionen hervor, die auf unse- ren Urinstinkt zurückzuführen sind. Das Gehirn schüttet verschiedene Hormone, u.a. Adrenalin und Cortisol aus, um das Überleben zu garantieren. Das Erleben oder die Handlung ist selbst nicht mehr bewusst steuerbar. Kann das Individuum keine Hilfe von außen erwarten und ein Angriff (fight) oder die Flucht (flight) sind nicht möglich, so ist die Ausweglosigkeit der Situation unerträglich für den gesamten Organismus. Der Mensch befindet sich dann in einem schockartigen Zustand mit starken affekti- ven und körperlichen Reaktionen, die über Aufregung und Verwirrung bis zur Panik führen können. Es kann aber auch das Gegenteil eintreten, eine Lähmung („free- zing), die bis zur Handlungsunfähigkeit reicht. Die Empfindung wird mit einer Ohn- macht, einhergehender Hilflosigkeit und Verzweiflung beschrieben, die zum Gefühl des ausgeliefert sein führt. Hier setzt der Schutzmechanismus des Körpers ein und die sogenannte „Freeze-Reaktion“ (Einfrieren der Situation) wird hervorgerufen. Der Körper bekämpft die Todesangst und dem „Nichtentrinnen“ können aus der Situati- on mit weiterer Ausschüttung körpereigener Opiate und Endorphine, die zur inneren Erstarrung bzw. zur Entfremdung des Geschehens führen. Die Gefühle werden ab- geschaltet, um drohende Schmerzen nicht mehr zu spüren. In der Tierwelt ist dies als Totstellreflex bezeichnet. Weiterhin wird das Ereignis in Einzelteile zerlegt und auf den verschiedenen Hirnebenen als Fragment (Splitterstück) abgespeichert.6 Daher kann das Ereignis dann auch nicht mehr zusammenhängend erinnert oder wahrgenommen werden. Dieser Vorgang ermöglicht das Überleben der menschli- chen Psyche.

2.3.1 Besonderheiten bei Kindern

Bei Kindern und Jugendlichen sind die Schutz- und Abwehrmechanismen (Coping- Strategien) noch nicht in dem Maße entwickelt und ausgebildet wie bei Erwachse- nen. Daher können Kinder auch durch Erfahrungen traumatisiert werden, welche für Erwachsene noch kein traumarelevantes Ereignis darstellen. Das kann der Sturz von einem Fahrrad, der Angriff eines Tieres, der Krankenhausaufenthalt oder auch hohes Fieber sein. Ob eine Traumatisierung eintritt, hängt aber auch von der jewei- ligen Situation, dem sozialen Kontext sowie der Stabilität des Kindes oder Jugendli- chen insgesamt ab. D.h. die Lebensgeschichte und das Bindungsmuster des jewei- ligen Individuums haben einen entscheidenden Einfluss für die Anfälligkeit einer Traumatisierung. Hierzu führt u.a. Hiller aus.

“ Die Selbstentwicklung des Kindes ist untrennbar mit seiner emotionalen Entwicklung verknüpft. Dabei sind die Bindungsbeziehungen formend, weil in ihnenüber die affektiven Reaktionen und Austauschprozesse die Grundlagen der ordnenden Funktion des Gehirns gelegt werden, besonders ihre selbstre- gulatorischen Fähigkeiten. Die Entwicklung der Affektregulation ist ein we- sentliches organisierendes Prinzip der emotionalen Entwicklung und der Hirn- reifung. Der rechte präfrontale Cortex stellt dank seiner unmittelbaren Verbin- dung zu stressregulierenden Systemen die h ö chste Ebene der Selbstregulati- on dar. Erüberwacht und reguliert wirksam die Dauer, Häufigkeit und Intensi- tät positiver und negativer Affektzustände. Das sich in Reifung und Entwick- lung befindliche Gehirn des Kindes ist für Traumata besonders vulnerabel mit der Folge, dass seine generelle Leistungsfähigkeit betroffen ist. “ 7

Daher stehen die elterliche Reaktion und Fürsorge in engem Zusammenhang mit den Auswirkungen des Traumaerlebnisses auf ein Kind. Das Bindungsmuster, wel- ches ein Kind in seinem 1. Lebensjahr entwickelt hat, bleibt in seinen Grundzügen lebenslang bestehen. In dieser Zeit wird das sogenannte Urvertrauen ausgebildet, welches mit Verbundenheit, Geborgenheit und Verlässlichkeit einhergeht. Ein Kind ohne verlässliche Bindungspersonen steht regelmäßig unter erhöhtem Stressein- fluss und versucht sich in Selbstregulation, die bis zu einer bestimmten Grenze möglich ist. Ein Säugling, der durch unsichere Bindungspersonen immer wieder in Todesangst versetzt wird, z. B. durch Vernachlässigung, hat nur zwei Entwick- lungsmöglichkeiten sein Leben zu retten. Die Reaktion mit Übererregung oder Dis- soziation. Werden seine Hilferufe nie erhört, wird es erkennen, dass Übererregung seine Situation nicht verändert und wird sich dann in sich zurückziehen. Die Außen- welt mit den unerträglichen Reizen wird ausgeblendet. Dissoziation bedeutet Ab- spaltung. Es wird deutlich, dass ein Kind in seinem 1. Lebensjahr durch Todesangst und Vernachlässigung mit hoher Wahrscheinlichkeit psychisch traumatisiert wird.

„ ( … ) legen bisherige Forschungsergebnisse nahe, dass bei früh und anhal- tend traumatisierten Kindern vor allem Schäden im präfrontalen Kortex und im Hippocampus zu erwarten sind. Dabei handelt es sich um morphologische Degeneration, die eine schlechtere Steuerungs-, Integrations- und Lernfähig- keit bewirken. “ 8

Kann der Mensch nach dem normalen Traumaverlauf; Schockreaktion, Einwirkphase und Erholungsphase; das Psychotrauma nicht verarbeiten und als Vergangenheit abspeichern, entsteht eine Folgeerkrankung.

2.4 Folgen eines Psychotraumas

Jedes Individuum, dass eine psychotraumatische Erfahrung gemacht hat, wird unter Stressfolgereaktionen leiden. Dieses sind normale Reaktionen auf ein außergewöhnliches Ereignis, welches der Körper mit seinen eigenen Ressourcen zu verarbeiten versucht. Bei Kindern wie auch bei Erwachsenen versucht der Körper seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Daher kommt es zu Intrusionen (lebhaftes Wiedererleben) und Konstriktion (Vermeidungshandlung), d.h das Individuum möchte sich mit dem Erlebten auseinandersetzten. Mit der Gefahr des Wiedererlebens kommt es auf der anderen Seite zu Vermeidungshandlungen, um nicht mit dem Erlebten konfrontiert zu werden. Stressfolgereaktion können u.a. Ängste, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Schweißausbrüche, Flashbacks (Intrusion), Konstriktion und Übererregungszustände (Hyperarousals) sein. Diese Symptome können auch ohne Therapie innerhalb der ersten sechs Wochen abklingen, wenn es sich um ein Typ-I-Trauma (Monotrauma) handelt. Dies ist die Einwirkphase des Psychotraumas.

Es gibt weitere Einflussfaktoren in der Einwirkphase, die auf die Traumabe- und - verarbeitung positiv sowie negativ wirken können. Auf der einen Seite gibt es schützende, auf der anderen aber auch belastende Umstände auf die zunächst normale Traumareaktion nach der Traumaauslösung, welche entscheidend für den Genesungsprozess sind, aber auch die Chronifizierung des Trauma hervorrufen können. Die Chronifizierung des Traumas bedeutet Folgestörungen oder Folgeerkrankungen zu entwickeln. Dies sind u.a. die Postraumatische Belastungs- störung (PTBS), Persönlichkeitsstörungen, dissoziative Identitätsstörungen und weitere dissoziative Störungen. Mittlerweile ist bekannt, dass schützende Faktoren, hier u.a. der Rückhalt der Familie, physische und psychische Ressourcen sind. Als Belastungsfaktoren dagegen sind beispielsweise, fehlender Rückhalt oder Unverständnis von Bezugspersonen, zusätzlicher Stress durch Verlust des Arbeitsplatzes oder Wechsel der Schule anzuführen.9

Je höher die Anzahl der Belastungsfaktoren während der Einwirkphase ist, die auf den Menschen zukommen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Person nicht in die Erholungsphase gelangt, sondern eine Folgeerkrankung entwickelt und nicht ohne Therapie genesen kann.

2.5 Grundsätze der allgemeinen Therapie

Bei der Trauma-Therapie wird überwiegend mit der Stabilisierungsphase begonnen. Sie führt dann zur Trauma-Konfrontationsphase und sollte dann in eine Integrati- onsphase münden. Vorgeschaltet, im Regelfall innerhalb der ersten fünf therapeuti- schen Sitzungen, ist die Diagnostik. Zur physischen und psychischen Stabilisierung kann die Unterstützung von Freunden und Familie beitragen, wie auch Entspan- nungsübungen und andere unterstützende Techniken. Eine Traumakonfrontation ist nur mit relativ stabilen Personen möglich, bei Suizidalität muss zunächst weiter sta- bilisiert werden. In der Trauma-Konfrontationsphase wird mittels ausgesuchter The- rapie, das traumatisierende Ereignis rekonstruiert und soll in der Integrationsphase in die Vergangenheit eingegliedert werden. Das BASK-Modell von dem amerikani- schen Psychotherapeuten Benett Braun verdeutlicht die verschiedenen Bausteine, die innerhalb der Trauma-Konfrontation bearbeitet werden müssen, um die Integra- tion des Psychotraumas zu ermöglichen.

B= Behavior (Verhalten)

A= Affect (Beteiligte Gefühle)

S= Sensation (Körperempfindung)

K= Knowledge (Gedanken und Wissen um das Traumageschehen).10

Diese Grundsätze werden ebenfalls in der nachfolgend näher beschriebenen Therapie aufgenommen und umgesetzt.

2.6 Die Trauma-Erzählgeschichte

Die ursprüngliche Idee zur Trauma-Erzählgeschichte stammt aus den USA von Jo- an Lovett (1999). Sie nutzte zunächst die EMDR11 erfolgreich und suchte nach wei- teren Ausdrucksmöglichkeiten für Kinder, um die traumatischen Ereignisse in die Vergangenheit zu integrieren. Sie verwendete die Spieltherapie und entwickelte aufgrund des Phantasiepotenzials der Kinder die Trauma-Erzählgeschichte.12 Koritt- ko unterstützt die Trauma-Erzählgeschichte mit u.a. agierenden Tieren und bei Be- darf mit Zeichnungen, die durch die Betroffenen im Familienkontext oder dem Therapeuten selbst angefertigt werden.

Grundlage dieser therapeutischen Intervention ist die Annahme, dass Kinder (wie auch Erwachsene) traumatische Erlebnisse nicht auf allen Ebenen der Informationsverarbeitung des Gehirns integriert haben, sondern fragmentierte Informationen (Gerüche, Geräusche, Bilder, Emotionen) im limbischen System gespeichert sind, die jederzeit in der Lage sind, Alarmreaktionen auszul ö sen, wenn sie durch Erlebnisse, dieähnliche Informationsbruchstücke beinhalten … ,>>angetriggert<< werden “ . 13

Durch die Trauma-Erzählgeschichte sollen die Fragmente (siehe dazu auch unter Ziffer 2.3 dieser Arbeit) wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden, dabei soll eine vollständige Geschichte erzählt oder gehört werden, die einen Anfang, ei- nen Hauptteil mit dem oft dramatischen Höhepunkt und ein gutes Ende, wie bei ei- nem Märchen, enthält. Das psychische Trauma soll als Teil der Vergangenheit nachverarbeitet und dann auch als diese abgespeichert werden, denn das Wieder- erleben eines Psychotraumas, (Intrusion/ Flashbacks, siehe unter Ziffer 2.4), führt die Betroffenen in die Traumasituation zurück. Das Geschehen wird als real erlebt, mit allen dazugehörigen physischen und psychischen Reaktionen und Belastungen. Ein unverarbeitetes Psychotrauma kann nicht in den Lebenslauf oder in eine Zeitfol- ge integriert werden. Durch die Geschichte müssen die Emotionen des Kindes, die zwangsläufig mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung stehen, angesprochen werden, weil sie für das Zusammensetzen der zersplitterten Fragmente von großer Bedeutung sind. Bei späteren Erinnerungen an die nachverarbeitete Vergangenheit kann das Kind den aufkommenden Stress regulieren, da im Vorhinein die Emotio- nen in den Geschehensablauf des Psychotrauma neu bewertet, sortiert und darin eingeordnet wurden. Diese Emotionen sind üblicherweise Angst, Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Im Rahmen seines Vortrages14 zur o.g. Thematik zeigte Korittko einen 6-minütigen Film, indem in einer Sitzung das Trauma eines Jungen mittels der Trauma-Erzählgeschichte verarbeitet werden konnte.15

Beispiel:

Durch Kais Pflegemutter wurde Kontakt zum Trauma-Therapiezentrum Niedersachsen aufgenommen, da der damals 5-jährige plötzlich nur noch die gleiche Bekleidung tra- gen wollte und die Mutter den Gürtel sowie die Schuhe so eng schnüren musste, dass er am Abend am Bauch und den Füßen Striemen aufwies. Die Pflegemutter konnte das Verhalten des Kindes nicht deuten. Im Vorgespräch mit dem Therapeuten Korittko stellte sich heraus, dass Kais leibliche Mutter während der Schwangerschaft stark heroinabhängig war und Kai nach der Geburt starke Entzugserscheinung aufwies. Weiterhin wurde Kai direkt nach der Geburt von seiner leiblichen Mutter getrennt und sollte nach dem Entzug in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Aufgrund der starken Entzugserscheinungen wurde der Säugling in seinem Krankenbett festge- schnallt. Das veränderte Verhalten des Jungen wurde nach einem Krankenhausauf- enthalt der Pflegemutter erstmalig festgestellt. Der Therapeut stellte fest, dass der Krankenhausaufenthalt der Mutter die Trennungsängste des Kindes ausgelöst hatte. Durch die im Gedächtnis des Kindes abgespeicherten Gerüche oder andere Auslö- sereize konnte das damalige Traumaerlebnis in sein Bewusstsein vordringen und das Kind zu trauma-situationsähnlichen Handlungen wie dem zwanghaften Einschnüren veranlassen.

[...]


1 Paar- und Familientherapeut, Systemischer Lehrtherapeut und Lehrsupervisor; tätig in einer kommunalen Jugend-, Familien- und Erziehungsberatungsstelle und Mitbegründer des Zentrums für Psychotraumatologie und Traumtherapie Niedersachsen (ZPNT).

2 Duden, Bd. 1, Die deutsche Rechtschreibung, 1996, S. 749.

3 Sinngemäß Fischer, G., Riedesser, P., 2009, S. 17 ff..

4 Siehe Fischer, G., et al., 2009, S. 84.

5 Die Tabelle wurde durch die Unterzeichnerin selbst entwickelt. Siehe sinngemäß Reddemann , L., 2007 und Hiller, W., 2007.

6 Siehe hierzu in Anlage 1 „Die traumatische Zange“.

7 Hiller, W., Leibing, E., Leichsenring, F., Hopf, H., Windaus, E. , 2007, S. 449.

8 Weinberg, D., 2006, S. 97.

9 Die Aufzählungen sind nicht abschließend.

10 Siehe auch Korittko, A., Pleyer, K.-H., 2010, S. 86 und Reddemann ,et al., 2007, S. 91 und 92.

11 EMDR Erklärung siehe Glossar.

12 Lovett, J., 2000.

13 Korittko, A., et al, 2010, S. 136.

14 Vortrag auf Initiierung des Jugendamtes Herford zur Trauma-Erzählgeschichte in Herford im August 2010.

15 Der Name des Jungen wurde durch die Unterzeichnerin geändert. Bis zum damaligen Zeitpunkt entwickelte sich der Junge normal.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656067214
ISBN (Buch)
9783656067597
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182808
Institution / Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Bielefeld
Note
2,0
Schlagworte
Traumaerzählgeschichte

Autor

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Titel: Psychotrauma - Die Trauma-Erzählgeschichte