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Der Piccolomini-Altar und die Brügger Madonna – Die Piccolomini-Madonna?

Zum Stand der Forschung

Seminararbeit 2011 21 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand
2.1. Die Figuren des Piccolomini-Altars
2.2. Die Brügger Madonna
2.3. Die Piccolomini-Madonna?

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

Bildanhang

l.Einleitung

Im Blick auf das Gesamtwerk des vielseitigen Künstlers Michelangelo Buonarroti nehmen die Brügger Madonna und mehr noch die Figuren des Piccolomini-Altars in Siena eine eher untergeordnete Rolle ein. Von der römischen Pietà, dem Bacchus, dem Marmor-David und dem Karton zur Cascina-Schlacht zeitlich umgeben, stehen die beiden Aufträge auch im Schatten dieser Meisterwerke.

War die Brügger Madonna Michelangelos einzige Statue, die Italien verließ, so war es der Piccolomini-Auftrag, welcher dem Familienmenschen Michelangelo die Möglichkeit eröffnete 1501 nach seinem ersten Romaufenthalt wieder in die Heimatstadt Florenz zurückzukehren.1

Der junge Michelangelo, durch die römische Pietà und den Bacchus bereits ein anerkannter Bildhauer, nahm während seiner Zeit in Florenz von März 1501 bis März 1505 eine Unmenge von Aufträgen an: Der Piccolomini-Auftrag vom Juni 1501 beinhaltete 15 Marmorfiguren für den Altar, im August 1501 erhielt er den Auftrag für den Marmor-David, und nur ein Jahr später beauftragte ihn Pierre Rohan mit einem heute verschollenen Bronze-David. Im April 1503 verpflichtete sich Michelangelo dazu zwölf überlebensgroße Apostel für den Florentiner Dom fertigzustellen, von denen er allerdings nur den Matthäus überhaupt begann, ihn aber nicht vollendete. Im etwa gleichen Zeitraum lagen die Privataufträge für ein Tondo Doni, Tondo Pitti und Tondo Taddei. Etwa August 1505 vollendete er die Brügger Madonna, die wohl Ende 1503 in Auftrag gegeben worden war. Bis zum März 1505 arbeitete er noch an dem Fresko der Cascina-Schlacht im Palazzo Vecchio2, ehe er vom Papst Julius II. nach Rom beordert wurde.3 Von den vielen Aufträgen mit insgesamt 37 Einzelwerken4 erfüllte Michelangelo mit dem Tondo Doni, dem Marmor- und dem Bronze-David sowie der Brügger Madonna nur vier.

Der nicht erfüllte Piccolomini-Auftrag hingegen belastete Michelangelo bis an sein Lebensende: 1537 wurde er von Antonmaria Piccolomini um die Entwürfe der noch fehlenden Figuren gebeten. Am 21.4.1564 zahlte Michelangelos Neffe Leonardo, kurz nach dem Tod des Künstlers, 100 Dukaten an die Piccolomini-Erben zurück.5 In jüngerer Zeit wandte man sich wieder vermehrt dem Auftrag zu. Besonders rückte er wieder näher ins Blickfeld der Forschung, als durch Unklarheiten die Vermutung geäußert wurde, dass Michelangelo die Brügger Madonna ursprünglich für den Sieneser Altar anfertigen wollte, sie dann aber als „Geschäftsmann Michelangelo“, zu einem Vorteil von 33A Dukaten, an die flämischen Kaufleute der Mouscron verkauft habe.6

Gegenstand der Arbeit ist der Forschungsstand zur Diskussion, ob die Brügger Madonna für den Piccolomini-Altar in Siena geschaffen worden ist oder nicht. Hierbei werden die zentralen Argumente und Streitpunkte genannt. Diese werden in einer abschließenden Bemerkung kurz reflektiert.

2. Forschungsstand

2.1. Die Figuren des Piccolomini-Altars

Der Piccolomini-Altar7 befindet sich im Dom von Siena, und zwar am linken Seitenschiff. Er wurde 1481 von Kardinal Francesco Todeschini-Piccolomini in Auftrag gegeben und von 1481-85 von dem römischen Bildhauer Andrea Bregno errichtet.8

Im Mai und Juni 1501 unterschrieb Michelangelo den Vertrag mit den Piccolomini9, am 25. Juni 1501 unterzeichnete zudem Jacopo Galli als Bürge.10 Der Vertrag beinhaltete, dass Michelangelo innerhalb von drei Jahren 15 Marmorstatuen schaffen sollte11, die jeweils eine Höhe von zwei braccia, also zwei Ellen (ca. 120cm), haben sollten.12 Zudem hatte Michelangelo einen Heiligen Franziskus, den sein Rivale Pietro Torrigiani begonnen hatte, zu vollenden.13 Den Altar sollte ein Christus zwischen zwei Engeln krönen; für die obere Mittelnische war zudem ein weiterer Christus zwischen dem Heiligen Thomas und dem Heiligen Johannes dem Evangelisten vorgesehen. Die restlichen Heiligenfiguren waren noch nicht bestimmt.

Im Vertrag wurde auch auf Qualität und Aussehen der Figuren eingegangen. So sollten die Statuen qualitätvoller sein, als alle zeitgenössischen Statuen in Rom. Zudem sollte Michelangelo nach der Vollendung der ersten beiden Figuren diese von einem Gutachter auf ihre Qualität beurteilen lassen. Auch Michelangelo ließ sich die Möglichkeit auf einen wiederum von ihm selbst benannten Gutachter zusichern, so dass beide Gutachter gemeinsam zu einem Qualitätsurteil kommen sollten. Für den Fall einer negativen Beurteilung hätte Michelangelo die Statuen verbessern oder neu ausführen müssen. Der gleiche Prozess sollte nach den nächsten zwei Figuren erneut stattfinden. Des Weiteren wurde bestimmt, dass Michelangelo den Altar in Siena in Augenschein nehmen sollte um die Figuren gut auf die Nischen abzustimmen. Zudem hatte er noch vor dem Beginn der Arbeit an den Statuen Entwurfszeichnungen vorzulegen.14 Den Vertrag publizierte Mancusi- Ungaro nebst weiteren Dokumenten zum Piccolomini-Altar 1971 in englischer Sprache.15

Der Künstler sollte für den Auftrag mit 500 Dukaten entlohnt werden.16 Michelangelo lieferte mit den Heiligen Paulus, Petrus, Pius und Gregor dem Großen17 bis Oktober 1504 aber nur vier der 15 vorgesehenen Figuren. Das geht aus dem neuen Vertrag hervor, der am 15. September und 11. Oktober 150418 zwischen Jacopo und Andrea Piccolomini mit Michelangelo, nach dem Ablauf des ersten Vertrages und dem Tod des Auftraggebers Kardinal Piccolomini, abgeschlossen wurde.19

In einem Brief vom 20. Mai 1508 von Michelangelo an den Neffen des Auftraggebers und einem Brief von 1511 an Bernardo Piccolomini, welcher heute allerdings verloren ist, sind erste Zuschreibungen der Figuren zu finden.20

Michelangelos Figuren des Piccolomini-Altars in Siena bleiben bei Vasari und Condivi unerwähnt.21 Justi überlegt, ob Michelangelo die Statuen nicht für wert hielt, um sie seinen Biographen zu nennen.22

Die vier Figuren sind zwar stilistisch homogen, weisen aber untereinander Qualitätsunterschiede auf, weshalb des öfteren Zweifel darüber aufgekommen sind, ob sie alle von der Hand des Michelangelo selbst stammen, oder ob er ganz oder teilweise Gehilfen einsetzte.23 So bestritten beispielsweise Wölfflin24 und Mackowsky25 Michelangelos Autorenschaft. De Tolnay schreibt sie Baccio da Montelupo zu26, was allerdings auf einer Fehlinterpretation eines Briefes beruht, den Lodovico Buonarroti am 28. Juni 1501 schrieb.27 1942 setzten sich Kriegbaum und Valentiner erstmals intensiver mit den Statuen auseinander. Sie gehen davon aus, dass Michelangelo die Statuen eigenhändig ausführte. Ihnen folgte u.a. Enzo Carli 1964, der aber beim Heiligen Gregor die Hilfe eines Assistenten vermutet.28 Guazzoni erklärt die Qualitätsunterschiede der Figuren mit Michelangelos schwindendem Enthusiasmus für den Auftrag.29 Auch Jenkens sieht in den Figuren die Produkte eines Künstlers, der seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge richtete.30 Kriegbaums Chronologie, nach der zuerst Paulus, dann Petrus und als letztes Gregor und Pius erschaffen worden sind31, ist weitgehend anerkannt.

Die Figuren waren aber nicht immer in der Art platziert, wie das heute der Fall ist. Erst seit 1964 Enzo Carli eine Änderung der Aufstellung veranlasste, sind die Figuren nicht mehr umgestellt worden.32

Zöllner fasst den Piccolomini-Auftrag in Michelangelos Laufbahn als denjenigen zusammen, der „Michelangelos fatalen Hang, mehr Aufträge anzunehmen, als er bewältigen konnte“ bezeugt.33

2.2. Die Brügger Madonna

Die Madonna von Brügge wurde wohl gegen Ende des Jahres 1503 vom flandrischen Tuchhändler Jean-Alexandre Mouscron in Auftrag gegeben, welcher auch Niederlassungen in Rom und Florenz hatte.34 Vermittelt wurde der Auftrag wohl durch die Balducci-Brüder, römische Bankiers, die Michelangelo durch Jacopo Galli kennenlernte.35 Im Dezember 1503 und im Oktober 1504 erhielt Michelangelo jeweils Zahlungen von 50 Dukaten von den Mouscron für die Madonna.36 Am 20.August 1505 wurde sie für den Transport verpackt; erneut verpackt wurde sie am 20.April 1506 und am 18.Juni 1506, ehe sie im Oktober des selben Jahres endgültig nach Flandern verschifft wurde.37 1514 bestimmte Alexander Mouscron den Ort für die Madonna: sie sollte in der Kirche von Nötre- Dame in Brügge stehen, wo sie noch heute zu beschauen ist.38 Bevor die Brügger Madonna bei Vasari und Condivi genannt wird, findet sie ihre erste Erwähnung im „Tagebuch der Reise in die Niederlande“ Albrecht Dürers, der die Statue am 7.4.1521 sah.39 Beide, Condivi und Vasari, allerdings geben fälschlicherweise Bronze als Material der Madonna an. Vasari bezeichnet sie zudem sogar als Tondo/Relief und nicht als Statue.

Größtenteils herrscht darüber Einigkeit, dass die Madonna im Zeitraum der Florentiner Jahre von 1501-1505 entstanden ist. Lediglich Thode, Symonds und Wilson halten sie für ein Werk aus der Zeit des ersten Romaufenthalts.40 Die exakte Datierung der Madonna ist nicht sicher. De Tolnay vermutet den Beginn der Arbeit an der Madonna im Frühling oder Sommer 1501, also noch vor dem Marmor- David.41 Kriegbaum datiert die Madonna auf 150242, worin ihm Poggi folgt.43

Grimm, Wölffin und Frey datierten sie mit dem Marmor-David44. Carli datiert sie auf 1503 und Weinberger auf April bis Dezember 1505, als Michelangelo in Carrara die Marmorauslieferung für das Juliusgrab überwachte.45 Valentiner meint, die Madonna sei zwischen 1501 und 1504 im Zusammenhang mit dem Auftrag für den Piccolomini-Altar angefertigt worden. Mancusi-Ungaro ist der Ansicht, die Madonna sei Mitte August 1505 beendet worden, da am 20. August die Zahlung der Mouscrons für die Verpackung der Madonna belegt ist.46 Poeschke ist aus gleichem Grund gleicher Ansicht wie Mancusi-Ungaro und sieht die Vollendung im August 150547 ; ebenso tut dies Verspohl.48 Zöllner widerspricht sich in seinen Angaben, wenn er zunächst die Fertigstellung der Brügger Madonna auf Oktober 150449, dann den Beginn der Arbeit auf Anfang 150550 datiert.

2.3. Die Piccolomini-Madonna?

Bis Valentiner 1942 einen Zusammenhang zwischen der Brügger Madonna und dem Piccolimini-Auftrag herstellte wurden beide Aufträge getrennt voneinander betrachtet. Valentiner aber führt verschiedene Argumente an, weshalb die Madonna ursprünglich für den Sieneser Altar angefertigt worden sein soll und regte weitere Auseinandersetzung mit dieser Annahme an.

Die Madonna soll begonnen worden sein, nachdem der zweite Vertrag zwischen den Piccolomini und Michelangelo im Oktober 1504 unterschrieben worden ist.51 Valentiner geht davon aus, dass die Madonna anstelle der Dreiergruppe mit Christus zwischen dem Heiligen Thomas und dem Heiligen Johannes dem Evangelisten geschaffen worden ist, und dass sie in der oberen Mittelnische platziert werden sollte.52 Die Figuren der Dreiergruppe sollten Höhen von 127,6cm (Christus) bzw. 110cm (Nebenfiguren) haben. Dass die Madonna mit 125cm eine ähnliche Höhe hat wie sie die Christusfigur haben sollte, hält Valentiner für keinen Zufall.53

[...]


1 Auch wenn der Hauptgrund wohl die Aussicht auf den Auftrag für den Marmor-David war.

Frank Zöllner: Michelangelo. 1475 - 1564. Das vollständige Werk. Köln 2007, S.43 und Joachim Poeschke: Die Skulptur der Renaissance in Italien. Band 2. Michelangelo und seine Zeit. München 1992, S.79.

2 In Aufrag gegeben am 14.August 1504. Wilhelm Reinhold Valentiner: Michelangelo's statuettes of the Piccolomini Altar in Siena. In: The Art Quaterly. Bd.5. Detroit 1942, S.32.

3 Zöllner, S.49-51.

4 Ebd. S.49.

5 Poeschke, S.79.

6 Valentiner, S.27.

7 Abb.1.

8 Zöllner, S.410.

9 Ebd. S.43.

10 Poeschke, S.77.

11 Zöllner, S.410.

12 Valerio Guazzoni: Michelangelo. Der Bildhauer. Darmstadt 1984, S.57.

13 Zöllner, S.410.

14 Poeschke, S.77ff.

15 Harold Mancusi-Ungaro: The Bruges Madonna and the Piccolomini Altar. London 1971, S.60- 73.

16 Zöllner, S.410.

17 Abb.2-5.

18 Poeschke, S.79.

19 Zöllner, S.410.

20 Ebd.

21 Zöllner, S.410.

22 Carl Justi: Michelangelo. Neue Beiträge zur Erklärung seiner Werke. Berlin 1909, S.196.

23 Guazzoni, S.57.

24 Heinrich Wölfflin: Die Jugendwerke des Michelangelo, München 1891, S.77 f.

25 Hans Mackowsky: Michelagniolo. Berlin 1908, S.395f.

26 Charles De Tolnay: The youth ofMichelangelo. Princeton 1947, S.93.

27 Poeschke, S.79.

28 Nach Umberto Baldini: Michelangelo. Bildhauer, Maler, Architekt, Dichter. Wiesbaden 1966, S.100.

29 Guazzoni, S.57.

30 A. Lawrence Jenkens: Michelangelo, the Piccolomini and Cardinal Francesco's chapel in Siena Cathedral. In: The Burlington Magazine, Bd.144. London 2002, S.752.

31 Friedrich Kriegbaum: Michelangelos Statuen am Piccolomini-Altar im Dom zu Siena. In: Jahrbuch derpreussischenKunstsammlungen. Bd.63. Berlin 1942, S.68-75.

32 Poeschke, S.79.

33 NachZöllner, S.411.

34 Ebd. S.51. undEbd. S.414.

35 Mancusi-Ungaro, S.41, Zöllner, S.414.

36 Guazzoni, S.58.

37 Poeschke, S.80.

38 Guazzoni, S.58.

39 Nach Mancusi-Ungaro, S.42.

40 Ebd.S.2

41 De Tolnay, S.158.

42 Kriegbaum, S.78.

43 Mancusi-Ungaro: S.2.

44 Ebd. S.2f.

45 Ebd.S.3.

46 Mancusi-Ungaro, S.37.

47 Poeschke, S.80.

48 Franz-Joachim Verspohl: Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci. Republikanischer Alltag und Künstlerkonkurrenz in Florenz zwischen 1501 und 1505. In: Kleine politische Schriften. Bd.15. Göttingen, Berlin2007, S.96.

49 Zöllner, S.49.

50 Ebd. S.414.

51 Valentiner, S.25.

52 Ebd.

53 Ebd. S.26.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656066682
ISBN (Buch)
9783656066873
Dateigröße
5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182759
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
Schlagworte
Michelangelo Buonarroti Buonarotti Skulptur Piccolomini Madonna Altar Siena Dom Bildhauer Renaissance Plastik

Autor

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