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Die Rolle der Affekte in G. E. Lessings Hamburgischer Dramaturgie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Affekte in den ersten ücken
2.1 Erstes ück: Das Problem der Bewunderung
2.2 Zweites ück: Der natürliche Ausdruck der Leidenschaften
2.3 Elftes und Zwölftes ück: hauder und hrecken
2.4 Vierzehntes ück: Große Namen

3. Lessings Aristoteles-Rezeption
3.1 Vierundsiebzigstes und Fünfundsiebzigstes ück: Mitleid und Furcht
3.2 chsundsiebzigstes ück: Philanthropie
3.3 ebenundsiebzigstes ück: Katharsis
3.4 Achtzigstes/Einundachtzigstes ück/Zweiundachtzigstes ück: Kritik an der französischen Tragödie

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781) setzte sich das Ziel, das deutsche Drama in seiner Entwicklung zu fördern. Um dieses Ziel zu verwirklichen, nahm der Dichter 1766 das Angebot von Hamburger Kaufleuten an, an der Schaffung eines anspruchsvollen deutschen Nationaltheaters in Hamburg teilzunehmen. Zwar lehnte er die Stelle als Theaterdichter ab, doch stimmte er zu, festangestellter Kritiker zu werden.

1765 wurde Konrad Ackermann, ein Wanderbühnen-Prinzipal, in der Hansestadt sesshaft; er hatte den Plan ein stehendes Theater zu errichten, welches auch schließlich seinen Standort am Gänsemarkt in der Hamburger Neustadt fand. Allerdings erwies sich sein Vorhaben als finanzieller Fehlschlag und er sah sich gezwungen, das Gebäude neu zu vermieten. Der Schriftsteller Johann Friedrich Löwen sah darin die Gelegenheit gekommen, einen Traum zu verwirklichen: die Schaffung eines „Deutschen Nationaltheaters“. Er konnte eine Gruppe Hamburger Kaufleute von seiner Idee überzeugen. Sie pachteten daraufhin das Gebäude und übernahmen den Großteil des Ackermannschen Ensembles. Doch Löwen gelang mit der Verpflichtung Lessings ein weiterer Coup. Der Dichter stimmte zu, da auch er ein deutsches Drama vermisste, so hatte er erst vor kurzer Zeit in seinen Briefen, die neueste Literatur betreffend bemängelt: „Wir haben kein Theater, wir haben keine Schauspieler, wir haben kein Publikum!“1Lessing glaubte an den didaktischen Effekt des Theaters; das Hamburger Theater sollte eine nationale Institution sein und sollte die deutsche Einheit vorantreiben.

Seine Tätigkeit umfasste das Schreiben von Rezensionen zu den aufgeführten Stücken. Zweimal wöchentlich - dienstags und freitags - publizierte er daraufhin eine Zeitschrift, welche den Titel Hamburgische Dramaturgie trug. Seine Besprechungen - Stücke genannt - hatten zwei Aufgaben zu erfüllen:

1. „die Aufführungen für das Publikum zu kommentieren, um auf diese Weise das öffentliche Interesse zu vergrößern“
2. „durch kritische Analyse der Leistungen von Schauspielern und Autoren das künstlerische Niveau zu heben“2

Am 22. April 1767 fand die Eröffnung des Theaters am Gänsemarkt statt; an diesem Tage erschien die sogenannte „Ankündigung“, in der Lessing bekannt gab, dass er eine Zeitschrift zur Theaterkritik herausgeben werde. Am 8. Mai 1767 wurden daraufhin Lessings erste drei Stücke veröffentlicht. Allerdings konnte das ursprünglich geplante regelmäßige Erscheinen der Zeitschrift nicht durchgehalten werden; letztlich glückte es nur drei Monate lang. So sorgten beispielsweise Raubdrucke zu Verzögerungen. Ein Jahr darauf lagen 82 Stücke der Hamburgischen Dramaturgie vor. Die fehlenden Stücke 83 - 104 warteten ein weiteres Jahr auf ihre Veröffentlichung. Jene Stücke erschienen auch nicht mehr einzeln sondern in einem Band zusammengefasst. Doch Lessing und Löwen hatten nicht nur mit verlegerischen Problemen zu kämpfen. Das Fernbleiben der Zuschauer und die ökonomischen Interessen der Kaufleute führten letztlich zum Scheitern des Theaters.

Glücklicherweise galt dies nicht für die Hamburgische Dramaturgie. Zwar musste das periodische Erscheinen der Zeitschrift eingestellt werden, sodass Lessings Kritiken nicht mehr aktuell waren, doch blieb der Autor nicht bei bloßen Rezensionen. Er ging dazu über, in seinen Stücken allgemeine dramaturgische Fragen zu erörtern. Dieser Aspekt und die nachträgliche Publikation in Buchform verhinderten, dass die Dramaturgie das Schicksal des Theaters teilte. Die Leute zeigten geringes Interesse daran, was Lessing zu den wenig bedeutenden Hamburger Dramaturgen (Johann Friedrich Cronegk, Johann Elias Schlegel, Christian Felix Weiße) zu berichten wusste; vielmehr erregten seine Ansichten über die großen Namen des französischen Dramas - Voltaire, Pierre Corneille, Jean Racine - ihre Aufmerksamkeit. Dies war ganz im Sinne Lessings: „Er verspottete den französischen Anspruch auf eine kulturelle Führungsrolle in der Absicht, die bürgerlichen Schriftsteller und Theaterleute in Deutschland dahin gehend zu motivieren, einen eigenen nationalen Anspruch zu formulieren.“3 Oft wurde den Franzosen Eitelkeit vorgeworfen, doch Lessing sah diese Eigenschaft positiv; für ihn stellte sie ein Indiz für ein nationales Selbstbewusstsein dar. Das Bild, welches die Deutschen von der Tragödie besaßen, war hochgradig von der französisch-klassizistischen bestimmt: Man war der Ansicht, dass jene musterhaft sei. Dies war Lessing ein Dorn im Auge. Um die Verehrung der französischen Tragödie zu beenden, griff er auf Aristoteles (384 v. Chr. - 322 v. Chr.) zurück.

Lessing wollte den Beweis erbringen, dass die französischen Dichter nicht im Sinne der antiken Tragödienlehre handelten. Für Lessing ließ sich die Qualität einer Tragödie mithilfe der Kriterien bestimmen, die Aristoteles in seiner Poetik festlegt. Vom 74. bis zum 83. Stück legt Lessing seine Auslegung des Aristoteles dar. Hieran wird ersichtlich, dass der ursprüngliche Zweck der Hamburgischen Dramaturgie - die Besprechung der aufgeführten Theaterstücke - in den Hintergrund geriet und dramentheoretischen Abhandlungen wich.

Für die poetologische Diskussion in Deutschland und Europa hat Lessings Werk wichtige Beiträge geleistet. Ebenso ist es aus der Sicht der Affektpsychologie interessant.

Diese Studienarbeit soll nun die Rolle der Affekte in Lessings Hamburgischer Dramaturgie näher beleuchten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Lessings Aristoteles-Auslegung; der kathartischen Wirkung des Dramas und somit auf den zentralen Affekten eleos (Mitleid) und phobos (Furcht).

Allerdings behandelt der Dichter auch andere Affekte in seinem Werk wie beispielsweise die Bewunderung - diese werden ebenso erörtert werden. Die Hausarbeit folgt dabei dem Aufbau der Dramaturgie: Die einzelnen Affekte werden in der Reihenfolge betrachtet, wie sie in Lessings Text auftauchen. Das 2. Kapitel befasst sich mit den Affekten, die vor den beiden zentralen Mitleid und Furcht erörtert werden, wie die bereits genannte Bewunderung (2.1).

Kapitel 3 geht dann auf Mitleid und Furcht, Philanthropie sowie Lessings weitere Aristoteles- Rezeption ein. In diesem Kapitel wird auch Lessings Kritik an der französischen Tragödie behandelt, der er vorwirft die aristotelischen Regeln zu missachten und dadurch keine wirkliche Tragödie zu sein. Am Ende - im vierten Kapitel - werden die Ergebnisse noch einmal als Fazit zusammengefasst.

2. Die Affekte in den ersten Stücken

2.1 Erstes Stück: Das Problem der Bewunderung

Die Hamburgische Dramaturgie beginnt mit einer Rezension des (unvollendeten) Märtyrerdramas Olint und Sophronia des heute nur noch wenig bekannten Dramatikers Johann Friedrich von Cronegk (1731 - 1758).

Jenes auf einer Vorlage des italienischen Dichters Torquato Tasso - Das befreite Jerusalem, 1580/81

- beruhende Werk behandelt folgendes Geschehen:

Im von den christlichen Kreuzrittern belagerten Jerusalem lässt der muslimische König Aladin ein Kreuz im muslimischen Tempel der Stadt aufstellen, um so die Ritter von ihrem Plan, die Stadt einzunehmen, absehen zu lassen. Olint, ein Berater des Königs, ist jedoch im Geheimen ein Christ und bringt das Kreuz zu den Belagerern. Aladin droht mit der Exekution aller Christen Jerusalems, sollte der Täter sich nicht stellen. Sophronia, eine christliche Jungfrau, möchte sich daraufhin opfern, um die restliche christliche Bevölkerung Jerusalems zu retten. Olint, welcher in Sophronia verliebt ist, erfährt von ihrem Vorhaben und stellt sich. Die beiden Liebenden geraten in Streit, wer von ihnen sich für das Christentum opfern und als Märtyrer sterben darf. Aladin macht Olint das Angebot, zum Islam zu konvertieren - dann würde er verschont bleiben. Doch der Christ lehnt dies ab. Beide Liebenden sollen schließlich getötet werden. Welchen Ausgang Cronegk letztlich für seine beiden Protagonisten intendiert hatte, wird leider unbekannt bleiben, da der Dichter vor der Vollendung des Dramas verstarb. Möglicherweise beabsichtige Cronegk, das Liebespaar von der heidnischen Königin Clorinde gerettet werden zu lassen, da sie bereits an früherer Stelle andeutet, sich taufen lassen zu wollen. Anhand dieses Stückes behandelt Lessing das Problem der Bewunderung. Er wirft Cronegk vor, zu verschwenderisch mit diesem Affekt umgegangen zu sein, „denn was man öfters, was man an mehreren sieht, höret man auf zu bewundern.“4 Nach Lessing kann der Zuschauer nur dann Bewunderung empfinden, wenn bewundernswerte Handlungen vereinzelt auftreten. Damit kritisiert der konkret das Verhalten der beiden Hauptfiguren Olint und Sophronia. Da beide als überzeugte Märtyrer auftreten, Folter und Tod „für ein Glas Wasser trinken“5 halten und nicht müde werden, dies zu betonen, verlieren ihre Taten an Wirkung und echte Bewunderung kann nicht stattfinden; die Bewunderung wird auf mehrere Figuren aufgeteilt und kann deshalb nicht richtig wirken. Des weiteren merkt Lessing an, dass wir in einer vernunftbeladenen Welt leben. Die Menschen sind nun in der Lage, wahre Märtyrer von falschen zu unterscheiden. Als falsche Märtyrer bezeichnet Lessing einen „Rasende[n], der sich muthwillig, ohne alle Noth, mit Verachtung aller seiner bürgerlichen Obliegenheiten, in den Tod stürzet“6. Deswegen muss der Dichter, welcher ein Märtyrerdrama verfassen möchte, einen Helden erschaffen, der aus nachvollziehbaren Gründen freiwillig in den Tod geht. Der Tod darf vom Helden ebensowenig verlacht werden. Wäre dies der Fall, so würde der Märtyrer nicht Bewunderung erwecken, sondern Abscheu. Darunter würde in Folge auch die Religion leiden, welche durch die Taten des Märtyrers eigentlich geehrt werden sollte. Das bedeutet, Lessing spricht sich eindeutig für das Gebot der Mäßigung aus; bewundernswerte Handlungen dürfen vom Dichter nicht exzessiv auf der Bühne dargestellt werden, denn dadurch verliert die Bewunderung an Wirkung.

2.2 Zweites Stück: Der natürliche Ausdruck der Leidenschaften

Im zweiten Stück kommt Lessing auf zwei Aspekte zu sprechen, welche Monika Fick als den „natürlichen Ausdruck der Leidenschaften und die genaue psychologische Motivation, die Übereinstimmung von Charakter, Absicht, Beweggrund, Affekt und Handlungsweise“7 bezeichnet. Der Dichter erläutert jene beiden Momente anhand der Figur Clorinde. Er kritisiert die plötzliche Bereitschaft Clorindes, sich taufen zu lassen, da sie hierfür keine plausible Motivation hat. Clorinde, die wie Sophronia in Olint verliebt ist, will rasend vor Eifersucht ihre Konkurrentin eigenhändig umbringen. Doch Sophronia zeigt keine Angst, sondern vergibt der Königin, als jene mit dem Dolch zu ihr kommt. Dieses Verhalten lässt Clorinde ihren Plan vergessen und weckt in ihr den Wunsch, Christin zu werden. Lessing genügt dies nicht - mehr als Mitleid hätte seiner Meinung nach Clorinde in dieser Situation nicht empfinden können. Er lobt Tassos Vorlage, da hier Clorindes Wandlung nachvollziehbar dargestellt ist. Erstens nimmt sie den christlichen Glauben erst in der Erwartung ihres eigenen Todes an und zweitens hatte sie zuvor erfahren, dass „ihre Ältern diesem Glauben zugethan gewesen“8 waren. In Tassos Werk ist Clorindes Bekehrung für Lessing natürlich motiviert, während er ihren Wandel bei Cronegk als Wunder bezeichnet. Fick spricht in diesem Zusammenhang treffend von „psychologischer Gesetzmäßigkeit“9, auf die der Autor achten müsse. Für Lessing ist dies so außerordentlich wichtig, da er das Theater als „die Schule der moralischen Welt“10 sieht und in jener Welt müsse „alles seinen ordentlichen Lauf behalten“11. Der Zuschauer soll erfahren, dass jede Handlung genau abgewogen sein muss. Ist er jedoch Zeuge von Handlungen, die nicht nachvollziehbar - sogar wunderbar - sind, so dient das Theater nicht mehr seinem didaktischen Zwecke.

2.3 Elftes und Zwölftes Stück: Schauder und Schrecken

In den Stücken Elf und Zwölf kommt Lessing auf die Darstellung von Gespenstern zu sprechen. Obwohl die Gesellschaft eine aufgeklärte ist, hält er das Übernatürliche auf der Bühne nicht für obsolet. Für Lessing liegt der „Saame, sie zu glauben, [...] in uns allen“12 und um jenen Samen sprießen zu lassen, besitzt der Dichter das nötige Werkzeug. Das Mittel der Dichtkunst ist die Täuschung und diese soll den Zuschauer rühren. Um Rührung - in diesem konkreten Falle Schauder und Schrecken - hervorzurufen, sind Boten aus dem Jenseits für Lessing ein legitimes Mittel.

Er vergleicht nun die Darstellung von Gespenstern in zwei verschiedenen Dramen: Shakespeares Hamlet und Voltaires Semiramis. Lessing lobt ausdrücklich den Geist im Hamlet: „Shakespears Gespenst kömmt wirklich aus jener Welt, so dünkt uns. Denn es kömmt zu der feyerlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht, in der vollen Begleitung aller der düstern, geheimnißvollen Nebenbegriffe, wenn und mit welchen wir, von der Amme an Gespenster zu erwarten und zu denken gewohnt sind.“13 Lessing lobt, dass der Engländer mit den Erwartungen des Zuschauers arbeitet und Kindheitsängste und -vorstellungen hervorholt. Hier erlebt der Zuschauer wirklich Schauder und Schrecken.

Anders bei Voltaire: Für Lessing ist dessen Illusion geradezu lächerlich. Er kritisiert, dass der Geist am hellichten Tage erscheint und inmitten einer Versammlung. Dadurch wird für den Zuschauer sofort offensichtlich, dass es sich nur um einen verkleideten Schauspieler handelt und Schrecken kommt nicht auf.

[...]


1 Jasper, Willi: Lessing. Aufklärer und Judenfreund, Propyläen Verlag Berlin/München 2001, S. 152.

2 Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie, in: G. E. Lessing: Literaturtheoretische und ästhetische Schriften, Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart 2006, S. 258.

3 Jasper, Willi: Lessing. Aufklärer und Judenfreund, S. 168.

4 Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie, in: G. E. Lessing: Literaturtheoretische und ästhetische Schriften, S. 98.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Fick, Monika: Lessing Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, Verlag J.B. Metzler Stuttgart/Weimar 2004, S. 287.

8 Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie, in: G. E. Lessing: Literaturtheoretische und ästhetische Schriften, S. 100.

9 Fick, Monika: Lessing Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, Verlag J.B. Metzler Stuttgart/Weimar 2004, S. 287.

10 Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie, in: G. E. Lessing: Literaturtheoretische und ästhetische Schriften, S. 100.

11 Ebd.

12 Ebd., S. 105.

13 Ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656064367
ISBN (Buch)
9783656064220
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182743
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,3
Schlagworte
rolle affekte lessings hamburgischer dramaturgie

Autor

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