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Liebeslyrik zur Zeit des Barock

Vergleich der Gedichte 'Wie er wolle geküßt seyn' und 'Ich halte ihr die Augen zu'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Zeit des Barocks
2.1 Die Liebe zur Zeit des Barocks
2.2 Der Petrarkismus und der Manierismus

3. Paul Flemings Wie er wolle geküßt seyn
3.1 Paul Flemings Leben und Wirken
3.2 Analyse des Gedichts Wie er wolle geküßt seyn

4. Heinrich Heine Ich halte ihr die Augen zu
4.1 Die Epoche der Romantik
4.2 Wer war Heinrich Heine
4.3 Analyse des Gedichts: Ich halte ihr die Augen zu

5. Abschließender Vergleich der Gedichte

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Fragt man – wie heute üblich, wenn man etwas nicht weiß – einfach bei google.de nach, so liefert die Homepage innerhalb von 0.14 Sekunden auf die Suche nach der Frage: „Wie küsst man eigentlich richtig und gut?“ mehr als 4.100.000 weitere Seite, die sich mit der Beantwortung der Frage beschäftigen. Scheinbar ist die Angst davor beim Küssen etwas falsch zu machen und auf diese Art und Weise möglicherweise den/die Geliebte/n zu vertreiben sehr groß. Generell scheint das Thema Küssen schon immer ein sehr wichtiges für die Menschheit gewesen zu sein.

„Küsse sind das, was von der Sprache des Paradieses übrig geblieben ist.“[1]

sagte bereits der 1857 in der heutigen Ukraine geborene polnisch—britische Schriftsteller Joseph Conrad. Egal ob in der Liebeslyrik des Barocks oder in Gedichten aus der Zeit der Romantik: das Thema des Kusses hat schon immer eine einnehmende Rolle in der Welt der Dichtung und Poesie eingenommen. Daher kristallisierte sich schnell heraus, dass das von mir gewählte Thema der Liebeslyrik des Barocks im Vergleich zur Liebeslyrik der Romantik auf die Form des Kußgedichts beschränkt werden sollte. Hier entschied ich mich jeweils für ein relativ bekanntes Gedicht von Paul Fleming Wie er wolle geküßt seyn[2], sowie für das Gedicht Ich halte ihr die Augen zu[3] von Heinrich Heine, welches mir bis dato unbekannt war und ich zufällig bei der Literaturrecherche entdeckte.

In der vorliegenden Hausarbeit soll ein Vergleich zwischen den beiden Gedichten Flemings und Heines gezogen werden. Hierzu wird im zweiten Kapitel die Zeit des Barocks, sowie die Liebe zur damaligen Zeit thematisiert. Im Weiteren wird –relativ kurz- auf den Petrarkismus sowie den Manierismus eingegangen, um einen Überblick über das Thema der Liebes- und Schwustlyrik zu geben und deren Stellenwert im barocken Zeitalter herauszuarbeiten. Im Anschluss daran soll im dritten Kapitel Paul Fleming, sein Leben und sein Wirken gebündelt dargestellt werden. Den Kern des Kapitels bilden die formale Analyse und die Interpretation des Gedichts Wie er wolle geküßt seyn. In Kapitel vier, soll, bevor das Gedicht Ich halte ihr die Augen zu analysiert und interpretiert wird, Heinrich Heine und die Zeit der Romantik vorgestellt werden. Nachdem dann beide Gedichte hinreichend auf Form und Inhalt analysiert worden sind und ein grober Einblick in das Leben und Wirken der Dichter gegeben worden ist, wird in Kapitel fünf ein abschließender Vergleich zwischen den beiden Gedichten gezogen. Dieser Vergleich bildet sogleich den rahmenden Abschluss der Hausarbeit. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass in der Arbeit die Lyrik des Barocks eine elementare Rolle einnimmt und im Vordergrund stehen soll.

2. Die Zeit des Barocks

Der Begriff Barock kommt vom portugiesischen barrocco und bedeutet unregelmäßig, schief. Der Barock ist ein um 1600 aus der italienischen Renaissance und dem Manierismus entstandener Kunststil, welcher sich in und über Europa und dessen Kolonien verbreitete und in den bildenden Künsten um 1770 abstarb.[4] In Deutschland gehört die Barockliteratur zu einer höfisch gerichteten Kultur. Die Dichter entstammten meist dem Bürgertum und waren durch ein Studium an einer Universität und beispielsweise Bildungsreisen aufgeschlossen. Angesichts des Dreißigjährigen Krieges[5] war die Lebensstimmung ernst und somit war die Unbeständigkeit alles Irdischen ein damaliges elementares Erlebnis. Dementsprechend war der Ausdruck Memento mori[6], der aus dem Mittelalter entstammt und ein Grundthema der Vanitas, der Vergänglichkeit ist, ein Hauptgedanke der Menschen. Unter Vanitas versteht man, dass die menschliche Schönheit nur ein Schein ist. Sie ist so wie jegliches menschliche Sein endlich und vergänglich. Ein weiterer Gedanke der barocken Zeit ist der „Carpe Diem“[7] -Gedanke, denn wie bereits der Vanitas-Gedanke besagt haben Freude und Schönheit keinen Bestand, sind vergänglich und am folgenden Tag könnte es bereits schon zu spät sein.

Martin Opitz[8] markierte mit dem „Buch von der Deutschen Poeterey“ 1624 den ausschlaggebenden Beginn der deutschen Barockliteratur. In diesem Werk fasste er eine Anleitung zur Dichtkunst zusammen. Von begeisterten Anhängern wurde diese neue Poesie sofort verbreitet. Überragende Repräsentanten waren Andreas Gryphius[9] und Johann Jakob Christoph von Grimmelshausen[10].

Bestehende Traditionen vom Minnesang und Meistersang wollten die Lyriker des Barocks nicht weiterführen. Die Gedichte von Martin Opitz, Paul Fleming[11], Andreas Gryphius, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau[12] und einigen weiteren wichtigen Lyrikern sollten nicht unbedingt persönliches zum Ausdruck bringen, sondern vielmehr eine allgemeingültige Behauptung, eine Lehre oder aber ein Lob vermitteln. Man orientierte sich lieber an romanischen Vorbildern, wie zum Beispiel Francesco Petrarca.[13] Die Barocklyrik gilt als gesellig und öffentlich – ein Großteil der barocken Literatur ist Gelegenheitsdichtung, zur Huldigung von Fürsten an deren Hofe und zur gehobenen Unterhaltung. Zahlreiche Dichtungen fungierten als Auftragsarbeit für Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Daher ist barocke Lyrik auch als Gesellschaftsdichtung zu bezeichnen.[14]

Dennoch bestehen Weltliche Lyrik (Liebesgedichte, Soldaten- und Trinklieder, Lobgedichte und Grabinschriften) und geistliche Lyrik (die Weiterführung des Kirchenliedes des 16. Jahrhunderts steht hier im Vordergrund) nebeneinander. Hinzuzufügen ist, dass die bevorzugte Dichtform des deutschen Barocks das Sonett war, welches sich durch seine Teilung in zwei vierzeilige Strophen und zwei Dreizeiler vorzüglich dazu eignet ein Thema argumentierend abzuhandeln, einer These eine Antithese gegenüberzustellen und beide in eine abschließende Synthese münden zu lassen.[15]

2.1 Die Liebe zur Zeit des Barocks

Jedoch spielt nicht nur der Vanitas-Gedanke, einschließlich des Memento Mori eine große Rolle in der Zeit des Barocks, sondern auch das Thema der Liebe. Es gibt eine Vielzahl von Gedichten, welche die irdische Liebe und die Sexualität sehr direkt und offen behandeln, wie beispielsweise Christian Hoffman von Hoffmannswaldau in seinen Gedichten So soll der purpur deiner lippen; Er schauet der Lesbie durch ein Loch zu; Beschreibung vollkommener Schönheit oder aber Paul Fleming in seinen Werken An Dulkamaren, Wie er wolle geküßt seyn. Dieser öffentliche Umgang mit dem Thema Liebe und diese Liebesauffassungen entsprachen jedoch nicht dem seinerzeit gängigen und vorherrschenden Gebot von Sittlichkeit und Moral. Von einem Ehepaar wurde weitgehende sexuelle Abstinenz verlangt. Für unverheiratete Paare war die uneingeschränkte Keuschheit von höchster Priorität. Sexualität und Triebe werden oft als unmoralisch empfunden und beispielsweise von A. Gryphius als “viehische Brunst“ oder „Seelengift“ bezeichnet. Liebe wird im Barock als konventionelles und gesellschaftliches Geschehen gesehen und beschrieben. Dichter wie zum Beispiel Paul Fleming Günther schreiben jedoch im Spätbarock über reale Erfahrungen unglücklicher Liebe. Seine Gedichte zeigen Ansätze persönlich gestalteter Liebeslyrik. Den Widerspruch zwischen dem Ausleben irdischer Wünsche, wie dem „Carpe Diem“-Motiv und dem Vanitas-Gedanken, der von christlich-religiösen Forderungen geprägt ist, sieht man also auch in der Liebeslyrik der Barockzeit.

2.2 Der Petrarkismus und der Manierismus

Der Petrarkismus ist eine, den mittelalterlichen Minnesang ablösende neue Stilform, die von Francesco Petrarca (ital. Dichter *1304- †1374)[16] begründet wurde. Die volkssprachliche Lyrik Petrarcas, von ihm Rerum vulgarium Fragmenta genannt Canzoniere prägte die europäische Liebesdichtung auf Jahrhunderte hinaus. „Der Grundton der Liebeslyrik [...], des ersten durchkomponierten Gedichtsbuch seit der Antike, ist der der Klage, der Resignation und der Melancholie, Folge der Hoffnungslosigkeit der Liebe und einer zutiefst gespalteten Haltung des Liebenden zwischen sinnlichem Begehren und distanzierter Verehrung, Verfallenheit und Sehnsucht nach Befreiung, Leidenschaft und Sündenbewusstsein. Die zur antithetischen Darstellungsweise herausfordernden Gegensätze werden schließlich in der Überwindung der irdischen Liebe und der Verklärung Lauras [ausschlaggebend für Petrarcas Liebeslyrik war dessen Liebe zu einer gewissen Laura, an die er seine Werke richtete] nach ihrem Tod aufgehoben. Der Liebesklage steht der Preis der ohne Hoffnung geliebten Frau und ihrer unvergleichlichen Schönheiten und Tugenden gegenüber.“[17] Petrarkismus bezeichnet somit eine literarische Übereinkunft, die auf diese Lyrik zurückgeht. Sprecher ist in petrarkistischen Gedichten immer der Mann, zum festen Motivkanon gehört der sog. Schönheitskatalog, die Unerfülltheit der Liebe und das Motiv der Vergänglichkeit. Das Analysieren verliebter Empfindungen, die in all ihrer Irrationalität dargestellt wird – dies zeigt sich Formal in der Verwendung von Paradoxien und Antithesen – ist der Kern des Petrarkismus.[18] „Darüber hinaus gehören zum petrarkistischen Repetoire die dichterische Vergegenwärtigung von Objekten und Orten, die mit der geliebten Frau verbunden sind, Traumbegegnungen, die Erfüllung suggerieren, oder auch Naturbezüge, die die psychologische Verfassung der Liebenden reflektieren.“[19]

Der so genannte geistliche Petrarkismus umschreibt im Gegensatz zum weltlichen Petrarkismus das Wehleiden und Klagen der Seele. „Zusammenfassend kann man über den Petrarkismus sagen, daß er aus der Nachahmung der petrarkischen Liebesdichtung seinen Ursprung nimmt, sich schließlich von allen Expektorationen Petrarkas befreit und zum selbstständigen System heranreift, in dem die Formelkunst zur festen Schematik wird.“[20]

Der Begriff Manierismus bezeichnet einen Kunststil, der als gekünstelt und schwülstig empfunden werden kann. Mit Hilfe der überladenen, bildlichen Sprache und der reichlichen Verwendung rhetorischer Mittel sollen immer wieder neue Reize beim Leser ausgelöst werden. Diese manieristische Entwicklung kommt insbesondere bei Hofmann von Hofmannswaldau zu trage und spielt in der Liebeslyrik in der Zeit des Barocks eine wichtige Rolle. Der Manierismus dominiert jedoch nicht nur in der Barocklyrik als Stilform, sondern in ganz verschiedenen Epochen, beispielsweise in der Romantik und in der Moderne.[21]

3. Paul Fleming und Wie er wolle geküßt seyn

3.1 Paul Flemings Leben und Wirken

Paul Fleming wurde am 05.10.1609 in Hartenstein als Sohn des Bürgermeisters und Schulmeisters Abraham Fleming geboren.[22] Er besuchte die Lateinschule in Mittweida, welche zu diesem Zeitpunkt unter der Leitung von Matthias Fliher stand. „Mit Sicherheit darf man voraussetzen, daß Paul Fleming in Rektor Flihers Unterricht zuerst mit dem Handwerkszeug eines lateinischen Dichters in Berührung kam, die Grundbegriffe der Verslehre und Übungen im Verseschmieden gehörten ausdrücklich zum Schulpensum. Und mit großer Wahrscheinlichkeit hat der Lehrer auch schon gesehen, daß dieser Schüler über förderungswürdige Fähigkeiten verfügte.“[23] Mit 14 wurde er dann in die Leipziger Thomasschule[24] aufgenommen. 1628 begann er das Studium der Medizin an der Universität Leipzig und schloss dieses 1633 mit dem Magistergrad ab.[25] Mit der Zeit etablierte sich eine Gruppe von Studienfreunden, darunter Georg Gloger, Martin Christenius, Gottfried Finckelthaus und Christian Brehme, um Paul Fleming, welche eine besondere Wirkung auf dessen Persönlichkeitsentwicklung hatte. „Das gemeinschaftliche Streben nach einer resublica litteraria und ein auf wechselseitiges Loben zielender gelehrter dichterischer Umgang war Sitte und ganz besonders Merkmal dieser durch Krieg, Geldnot und Krankheit gezeichneter Jahrzehnte.“[26] Nach der Veröffentlichung einiger seiner Dichtungen wurde er 1931 zum Dichter gekrönt.[27] Ende 1633 verlässt Paul Fleming Leipzig, „um ab der Reise einer Holsteinischen Gesandtschaft nach Persien teilzunehmen.“[28] Diese Reise dauerte bis 1639. Diese Ausnahmesituation des jahrelangen Reisens, „die einerseits eine gewisse Trennung vom Literaturbetrieb bedeutete, andererseits die Selbstreflexion förderte, mag Fleming geholfen haben, den eigenen Ton zu finden.“[29]

Im Jahre 1939 verlobte er sich in Reval mit Anna Niehusen. 1940 entscheidet Paul Fleming sich in Reval als Arzt niederzulassen. Während der Reise stirbt er am 02.04.1640 im Alter von 30 Jahren in Hamburg.[30] Zu seinen bedeutendsten Werken gehören Teutsche Poemata (Gedichtssammelband 1646), sowohl zahlreiche deutschsprachige Gedichte (z.B. Wie er wolle geküsset seyn,,Grabschrift, An Sich), als auch lateinische Gedichte.

Abbildung 1 - Paul Fleming

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Analyse des Gedichts Wie er wolle geküßt seyn

Paul Flemings Gedicht Wie er wolle geküßt seyn besteht aus 6 Quartetten. Jedes Quartett besteht aus „Zwei Reimpaare aus trochäischen Vierhebern – das erste männlich, das zweite weiblich – sind zu einer Strophe gebunden, deren Zweiteiligkeit durch den Wechsel der Kadenzen metrisch markiert wird.“[31] Den Grundtenor bildet also eine schlichte Liedform. Mehrfach wird die Grenze zwischen dem dritten und dem vierten Vers syntaktisch überspielt. Das Reimschema ist der Paarreim.[32]

Inhaltlich weist Paul Fleming schon mit seinem Titel auf den Inhalt hin. Hier stellt er die indirekte Frage „Wie er wolle geküsset seyn“. Die ersten fünf Strophen geben eine komplizierte und sehr theoretische Antwort auf diese Frage und behandeln als Thema die bevorzugte Art und Weise eines Kusses durch das Ausschlussprinzip unerwünschter Eigenschaften.[33] Zu Beginn wird die Anweisung gegeben, dass man sich auf den Mund küssen soll, denn nur von dort können die Gefühle in das Herz gehen und Liebe auslösen.[34] Es folgen drei verschiedene Beispiele, wie man nicht küssen sollte, wobei die Gegensätze „frey“ und „gezwungen“[35] in ihren Extremen beide abgelehnt werden. Außerdem solle „nicht mit gar zu fauler Zungen“[36] geküsst werden, was wohl weniger auf schlechten Atem, sondern auf die Faulheit beziehungsweise Bewegungsarmut der Zunge anspielt. In den nächsten drei Strophen wird auf die gleiche Art und Weise ermahnt, indem Gegensätze beide in ihren Extremen verneint und zum Teil durch Vergleiche erläutert werden.[37] Das Gedicht setzt sich jedoch nicht nur aus Negativ-Beispielen zusammen; positive Beispiele sind ebenso eingebaut. Diese Dialektik des Gedichts mit gegensätzlichen Thesen ist eine typisch barocke Eigenart. In der achten Zeile wird verdeutlicht, worauf es dem lyrischen Ich ankommt: „Beyer Maß’ ist rechter Weise“[38]. Es geht demnach darum beim Küssen nicht zu sehr in ein Extrem zu verfallen, sondern das richtige Maß zu finden, da beide Möglichkeiten zu Küssen zum Teil richtig sind. „Wie in der besonders von Aristoteles herausgestellten Idee der >mediocritas< wird ein Ausgleich zwischen Extremen verlangt“[39]. Um die Bedeutung der Aussage weiter hervorzuheben wiederholt sich auch die Formulierung „nicht zu..., nicht zu...“[40]. In der dritten Strophe wird geraten, dass man die Gefühle, welche in Verbindung mit dem Kuss stehen, bis zu einem gewissen Maß an sich heran lassen soll, jedoch nicht zu weit, da man sonst Gefahr läuft in Liebeskummer zu enden.[41] Des Weiteren wird das mythologische Liebespaar Venus und Adonis als positiver Vergleich genannt: „wie Adonis Venus reichte“[42]. Der Anspruch an die Leistung des Kusses wird damit auf eine göttliche Ebene gehoben. Mittels dieser Anrufung der Mythologie soll der Forderung von Martin Opitz nach bildhafter Ausschmückung der Lyrik durch das Verwenden römischer beziehungsweise griechischer Mythologie entsprochen werden. In der vierten Strophe wechseln sich die positiven und negativen Arten zu küssen ab. Aus „nicht zu“ wird „bald zubald nicht zu“[43]. Wichtig ist, dass der „Unterscheid der Stelle“[44] beachtet wird, wodurch die relativ kleine Fläche des Mundes in unterschiedlich empfindsame Stellen aufgeteilt wird. Zu dem richtigen Maß und der göttlichen Hingabe kommt hier die Abwechslung, die Erfüllung der unterschiedlichen Bedürfnisse unterschiedlicher Stellen. In der fünften Strophe wird wieder mit verschiedenen Antithesen gearbeitet. Es werden wieder Gegensätze aufgezählt, gebissen“ „gehaucht“[45] Zeile 17, doch diesmal werden beide „halb“ verwirklicht, wodurch die Abwechslung möglich wird, denn „Beyder Maß' ist rechte Weise“[46]. Es erfolgt eine weitere Einschränkung, da der Kuss den unterschiedlichen „Zeiten“[47] angepasst werden soll. Gemeint sind hier die verschiedenen Tageszeiten. In der letzten Zeile der fünften Strophe wird zum ersten Mal die gesellschaftliche Moral thematisiert. Es soll „Mehr alleine denn bei Leuten“[48] geküsst werden. Der Raum für private Liebeserfüllungen wird als Intimbereich abgegrenzt.[49] Dieser scheinbar prüde Hinweis, eher im Privaten zu küssen hinderte Paul Fleming jedoch nicht daran, das Thema öffentlich zu machen, schließlich diente die Lyrik des Barock der gesellschaftlichen Unterhaltung. In einer Zeit, die im Wesentlichen von den grauenhaften Erfahrungen und Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges geprägt war, existierte neben dem Memento Mori auch ein ausgeprägter Hunger nach Leben, der mit dem Prinzip des „Carpe Diem“ ausgedrückt wird.

[...]


[1] Joseph Conrad

[2] Als Primärtext liegt hier: Paul Fleming: Wie er wolle geküßt seyn. In: Ders. Deutsche Gedichte. Hg v. Volker Meid. Stuttgart 2008 (RUB 2455). S. 77. vor. Eine Kopie des Gedichts befindet sich im Anhang.

[3] Als Primärtext liegt hier: Heinrich Heine: Ich halte ihr die Augen zu. In: http://deutschsprachigedichtung.blogspot.com/2010/02/heinrich-heine-ich-halte-ihr-die-augen.html (Letzter Zugriff am: 15.03.2011) vor. Eine Kopie des Gedichts befindet sich im Anhang.

[4] Vgl. Der Literatur Brockhaus. [Art.:] Barock. In: Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange und die Brockhaus-Redaktion (Hgg.): Der Literatur Brockhaus. Band I. Mannheim: F.A. Brockhaus GmbH 1988, S.185ff.

[5] Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) war zum einen ein Konflikt um die Vorherrschaft in Deutschland und Europa und zum anderen ein Religionskrieg, indem sich die Gegensätze zwischen den Katholiken und den Protestanten innerhalb des Heiligen Römischen Reiches entluden.

[6] Lat. = gedenke des/deines Todes.

[7] Lat.= Nutze den Tag

[8] Martin Opitz (* 23.12.1597; † 20. 08.1639): bedeutender Dichter des Barock.

[9] Andreas Gryphius * 02.10.1616; † 16. 07.1664

[10] J. J. Ch. Von Grimmelshausen * um 1622; † 17. 08.1676

[11] Eine detaillierte Biographie über Paul Fleming bildet das Kapitel 3.1.

[12] Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (ca*25. 12. 1616 ;† 18.04.1679)

[13] Da in Kapitel 2.2 Der Petrarkismus detailliert auf Francesco Petrarca eingegangen wird, kann hier von der Vorstellung des italienischen Dichters abgesehen werden.

[14] Vgl. Volker Meid: Barocklyrik. Stuttgart: J.B. Metzler. 2008 S. 82 ff..

[15] Vgl. Der Literatur Brockhaus. [Art.:] Sonet. In: Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange und die Brockhaus-Redaktion (Hgg.): Der Literatur Brockhaus. Band III. Mannheim: F.A. Brockhaus GmbH 1988, S.403f.

[16] Die Zusammenfassung einer Biographie Francesco Petrarcas ist im Zusammenhang mit dieser Hausarbeit leider nicht möglich und würde den gesetzten Rahmen sprengen. Zur weiteren Lektüre kann ich Francesco Petrarca in Deutschland : seine Wirkung in Literatur, Kunst und Musik, Hrsg. Achim Aurnhammer, Tübingen: Niemeyer 2006 empfehlen. Um einen groben Überblick über Petrarcas Leben zu erhalten eignet sich ebenso Der Literatur Brockhaus. [Art.:] Petrarca, Francesco. In: Wolf-Dieter Lange und die Brockhaus-Redaktion (Hgg.): Der Literatur Brockhaus. Band III. Mannheim: F.A. Brockhaus GmbH 1988, S.74.

[17] Meid (Anmerkung 14) S. 35.

[18] Vgl. Meid (Anmerkung 14) S. 35.

[19] Meid (Anmerkung 14). S. 35.

[20] Kevin G. Kennedy: Der junge Goethe in der Tradition des Petrarkismus. Wien: Peter Lang 1995, S. 12.

[21] Vgl. Der Literatur Brockhaus. [Art.:] Manierismus. In: Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange und die Brockhaus-Redaktion (Hgg.): Der Literatur Brockhaus. Band II. Mannheim: F.A. Brockhaus GmbH 1988, S.552.

[22] Vgl. Heinz Entner: Paul Fleming. Ein deutscher Dichter im Dreißig-jährigen Krieg. Leipzig: Reclam 1989 S. 12-17.

[23] Entner (Anmerkung 22) S. 29.

[24] Die Thomasschule wurde im Jahre 1212 geründet und ist ein bekanntes Humanistisches Gymnasium in Leipzig. Die Schule ist eine der traditionsreichsten Bildungseinrichtungen und Bestandteil der Trias Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule.

[25] Vgl. Entnter (Anmerkung 22) S. 66.

[26] Indra Frey: Paul Flemings deutsche Lyrik der Leipziger Zeit. Frankfurt am Main: Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften 2009 S. 66.

[27] Vgl. Der Literatur Brockhaus. [Art.:] Fleming. In: Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange und die Brockhaus-Redaktion (Hgg.): Der Literatur Brockhaus. Band I. Mannheim: F.A. Brockhaus GmbH 1988, S.674.

[28] Meid (Anmerkung 14) S. 90

[29] Meid (Anmerkung 14) S. 90

[30] Vgl. Der Literatur Brockhaus. [Art.:] Fleming. In: Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange und die Brockhaus-Redaktion (Hgg.): Der Literatur Brockhaus. Band I. Mannheim: F.A. Brockhaus GmbH 1988, S.674.

[31] Wilhelm Kühlmann: Ausgeklammerte Askese. Zur Tradition heiterer erotischer Dichtung in Paul Flemings Kußgedicht. In: Volker Meid: Gedichte und Interpretationen. Band 1. Renaissance und Barock. Stuttgart: Reclam 1982. S. 179.

[32] Vgl. Kühlmann (Anmerkung 31) S. 179.

[33] Kühlmann (Anmerkung 31) S. 177.

[34] Vgl. Paul Fleming: Wie er wolle geküßt seyn. In: Ders. Deutsche Gedichte. Hg v. Volker Meid. Stuttgart 2008 (RUB 2455). S. 77, Vers 1-2.

[35] Fleming (Anmerkung 34), Vers 3.

[36] Fleming (Anmerkung 34), Vers 4.

[37] Fleming (Anmerkung 34), Vers 6.

[38] Fleming (Anmerkung 34), Vers 8.

[39] Kühlmann (Anmerkung 31) S. 177.

[40] Fleming (Anmerkung 34), Vers 9.

[41] Vgl. Fleming (Anmerkung 34), Vers 10.

[42] Fleming (Anmerkung 34), Vers 12.

[43] Fleming (Anmerkung 34), Vers 14.

[44] Fleming (Anmerkung 34), Vers 16.

[45] Fleming (Anmerkung 34), Vers 17.

[46] Fleming (Anmerkung 34), Vers 8.

[47] Fleming (Anmerkung 34), Vers 19.

[48] Fleming (Anmerkung 34), Vers 20.

[49] Vgl. Kühlmann (Anmerkung 31) S. 178.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656064466
ISBN (Buch)
9783656064725
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182711
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
10
Schlagworte
liebeslyrik zeit barock vergleich gedichte augen

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Titel: Liebeslyrik zur Zeit des Barock