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Der Komikstil von Jerry Lewis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Person Jerry Lewis

3. Der Komikstil von Jerry Lewis
3.1 Formale Elemente der Komik
3.1.1 Narrativik
3.1.2 Charakterzüge von Jerry Lewis im Film
3.1.2.1 Morty und Stanley - Tollpatsch und Trottel
3.1.2.2 Kindlichkeit, Altruismus und soziales Verantwortungsbewusstsein
3.1.2.3 Paradigmatische Rolle des Underdogs
3.1.3 Die Komik
3.1.3.1 Komische Elemente auf visueller Ebene
3.1.3.2 Komische Elemente auf auditiver Ebene
3.2 Inhalte der Komik
3.2.1 Selbstreflexion als zentrales Moment
3.2.1.1 Reflexion des Systems Hollywood
3.2.1.2 Selbstreflexion als ausgegrenzte Instanz
3.2.2 Kritik am bestehenden System des Hollywoodbetriebes
3.2.3 Ausdruck der Kritik an der Gesellschaft mittels der Figuren Stanley und Morty

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es gibt viele Dinge, die einen Menschen zum Lachen bringen können - sei es eine unerwartete Handlung, Erleichterung oder vielleicht ein gut erzählter Witz. Stets lacht der Mensch spontan und überwiegend unkontrolliert. Obwohl Lachen nicht geplant oder erzwungen werden kann, kann es doch provoziert werden. Dass dies eine nicht immer eine ganz einfache Angelegenheit ist, weiß jeder Mensch von sich selbst am besten. Häufig funktionieren Pointen nicht oder das Lachen bleibt einem sprichwörtlich im Halse stecken.

Diese meist individuelle und unkontrollierbare Begebenheit des Lachens haben sich Komiker zur Aufgabe gemacht. Einer davon ist der Amerikaner Jerry Lewis. Schon früh bemerkte er, dass seine Gabe darin liegt andere Menschen zum Lachen zu bringen. Seit Jahrzehnten erfreut er sich, insbesondere auf Grund seiner Filmkomödien, großer Beliebtheit auf der ganzen Welt. Dass hinter den oft platt erscheinenden Komödien -nicht nur bei Lewis- meist mehr steckt, als die pure Unterhaltung wurde bereits im Seminar deutlich hervorgehoben. Komik entpuppt sich als eine vielschichtige und facettenreiche Kunst. Auch am Beispiel von Jerry Lewis stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Beschaffenheit und Vielschichtigkeit seiner Komik: Wie und warum funktioniert diese? Welche Mittel werden von dem Komiker Lewis eingesetzt, um sein Publikum zum Lachen zu bringen? An welchem Themen arbeitet er sich ab und wie fügt sich die von ihm verkörperte Rolle im Film in seine Komik ein? In der folgenden Arbeit soll diesen Fragen anhand der drei Jerry Lewis-Filme „Hallo Page“ (1960), „Der Bürotrottel“ (1961) und „Die Heulboje“ (1964) nachgegangen werden. Das Erkenntnisinteresse liegt dabei darin, die formalen Elemente der Komik von Jerry Lewis, wie beispielsweise die von ihm verwendeten Stilmittel herauszuarbeiten, sowie die Komik hinsichtlich ihrer Inhalte zu analysieren.1

2. Die Person Jerry Lewis

Jerry Lewis wird als Joseph Levitch am 16. März 1926 in Newark, New Jersey geboren.2 Seine Eltern, Vater Daniel Levitch und Mutter Rachel, geborene Bodrovsky, arbeiten als Komiker und Entertainer sowie als Pianistin, sie sind ihm Showbusiness zuhause.3 Auf Grund ihrer Arbeit sind die beiden viel auf Reisen und haben nur wenig Zeit für ihren Sohn Joseph, der den Großteil seiner Kindheit und Jugend bei seinen Großeltern verbringt.4 Schon früh prägt Joseph ein „Gefühl von Einsamkeit und Isolation“, weshalb er sich bei seinem ersten Kinobesuch in Charly Chaplins „Circus“ nur zu gut „mit dem armselig gekleideten Landstreicher auf der Leinwand identifizieren konnte und davon zu träumen beginnt, wie Chaplin ein großer Clown zu sein“.5 Da Lewis von Anfang an mit dem Showbusiness vertraut gemacht wird, entdeckt er schon früh sein Faible für die Bühne und das Treiben hinter den Kulissen.6 Bereits in jungen Jahren tritt er in Vorstellungen seines Vaters oder in Amateuraufführungen auf und arbeitet nahezu übermütig an seiner Komik.7 Um sich allmählich von den Eltern unabhängig zu machen jobbt der junge Joseph, der bereits mit 16 Jahren den Künstlernamen Jerry Lewis annimmt, als Hotelpage, Platzanweiser im Kino und auch als Kellner.8

Als regelrecht bahnbrechend stellt sich im Jahr 1945 die Begegnung des 20-jährigen, bereits verheirateten, Jerrys mit dem gutaussehenden Dean Martin heraus.9 Beide verstehen sich auf Anhieb, sie bringen ihre Gegensätze -wie Martins gesangliches Können und Lewis͚ komische Einlagen, der „satirischen Pantomime“- in Einklang.10 Mit Hilfe der „anarchischen, aber leicht verständlichen Improvisationskomik“, die dem damaligen, gemeinen Publikum bis dato unbekannt war, provozieren die beiden auf der Bühne, im Radio und im Film und ernten in den Folgejahren reichlich Erfolg in allen Sparten.11

Ab 1956 begibt sich Lewis dann auf Solopfade und verabschiedet im Jahr 1960 sein Regiedebüt „THE BELLBOY“ (Hallo Page!).12 Jerry Lewis agiert in diesem schwarz-weiß Film erstmals als Schauspieler, Regisseur, Autor und Produzent. Der Charakter des jungen Hotelpagen Stanleys soll nach Lewis als „Hommage an Stan Laurel gedacht sein“, wobei für ihn „die meiste Inspiration die eigenen Erinnerungen an die Zeit als Hotelpage gewesen sein dürften“.13 Nicht nur als Autor und Regisseur, sondern auch als Hauptdarsteller agierte er in mehr als 24 Filmen, unter anderen auch in THE ERRAND BOY („Der Bürotrottel“) aus dem Jahr 1961 und noch in schwarz-weiß, sowie 1964 in THE PATSY („Die Heulboje“), einer seiner ersten Filme in Farbe.14

3. Der Komikstil von Jerry Lewis

3.1 Formale Elemente der Komik

Im Zuge der Analyse des Komikstils von Jerry Lewis, scheint es sinnvoll zu Beginn die formalen Elemente seiner Komik, wie Narrativik, Charakteristik der Protagonisten und schließlich die Stilmittel der Komik herauszuarbeiten.

3.1.1 Narrativik

Betrachtet man die Ebene der Narrativik in Lewis͚ Filmen genauer, fällt auf, dass sich die jeweiligen Grundsujets der Filme auf eine vergleichende Größe beziehen: In „Hallo Page“, sowie „Die Heulboje“ wird in der Anfangssequenz explizit deutlich gemacht, dass der Ort des Geschehens zum einen in Hollywood und zum anderen in Miami Beach, Florida, anzusiedeln ist. Als primärer Schauplatz beider Filme werden die Nobelhotelkomplexe Fontainebleau in Miami [Hallo Page 00:02:18] und The Beverly Hilton in Beverly Hills, Los Angeles [Heulboje 00:00:53], in denen die „Stars“ des Business aus und ein gehen, eingeführt. Ferner wird in „Der Bürotrottel“ und in „Die Heulboje“ demonstriert, dass das Setting der jeweiligen Filme das Showbusiness bzw. die Filmmaschinerie Hollywoods darstellt. Das Grundsujet dieser drei Filme lässt sich folglich im Showbusiness und dem Hollywoodbetrieb verorten. Dass dies von ihm ganz bewusst gemacht wird und mit einem Mehrwert versehen ist, soll unter 3.2 näher thematisiert werden.

Darüber hinaus wird von Jerry Lewis zu Beginn und zum Ende der Filme eine Sequenz eingebaut, die heterodiegetisch anhand eines Voice-Overs Information unter anderem zur dargestellten Welt abgibt. Vor allem in „Die Heulboje“ leistet diese Sequenz zudem eine Einführung in die nachfolgende Handlung. Jeweils zum Ende der Filme wird mit Hilfe der heterodiegetischen Erzählweise die Bedeutung bzw. der Mehrwert des Films dem Zuschauer sozusagen mit auf den Weg gegeben. Daran anknüpfend zeigt sich, dass Handlung per se eine sekundäre Rolle, ja eine Nebenrolle, spielt. Uneingeschränkt im Zentrum der Filme stehen die inszenierten, episodenhaften Gags mit und um den jeweiligen Protagonisten. Daran kritisieren ließe sich, dass den Inhalten in Lewis͚ Filmen zu wenig Bedeutung zugemessen wird. Er widerlegt dies jedoch im Folgenden:

„Was allerdings meine rt von Komödie angeht, da hindern Elemente wie »Handlung«, »Thema«, »story«, stellen sich in den Weg. [͙΁ Ich sage: Mach den Joke und dann weiter zum nächsten. [...] Lass sie sich biegen vor Lachen - keine »Handlung«, kein »Thema« wird einen solchen Augenblick steigern können.“15

Insbesondere in „Hallo Page“ -dem frühesten der analysierten Filme- kann von einer fehlenden Narrativik gesprochen werden. Syntagmatische Handlung in dem Sinne findet nicht statt. Die Geschichte der Hauptfigur, dem Pagen Stanley, wird an keiner Stelle im Film thematisiert, ausschließlich fokussiert werden die unzähligen, paradigmatischen Gags mit ihm. Explizit wird die fehlende Narrativik zu Beginn und zum Ende des Films verdeutlicht. In der extradiegetischen Anfangssequenz erklärt Studiochef Jack Filmverrückt:

„Der Film, den Sie im Folgenden erleben werden, ist keine Feld-, Wald- und Wiesenschnulze, wie Sie sie heute überall immer wieder zu sehen bekommen. Denn es war uns zu langweilig so etwas zu fabrizieren. [͙΁ Was wir wollten, war etwas vollkommen anderes - einen Film voll von Spaß. Sie sagen vielleicht, das gab’s schon oft. Unser Film hat aber kaum eine Handlung. Ja es ist wahr, ganz bestimmt. Er enthält kaum eine Handlung, nur Spaß. Eigentlich ist er mehr eine Folge von lustigen Erlebnissen oder, wenn Sie wollen, das verfilmte Tagebuch von einem Spaßvogel, der nie im Leben erwachsen wird.“ [Hallo Page 00:00:27]

In den zwei späteren Werken Lewis͚ lässt sich dagegen ein narrativer Charakter wiederfinden, Handlung als solche findet besonders in „Der Bürotrottel“ nicht bzw. nur bedingt statt. Eine Ausnahme stellt in diesem Zusammenhang „Die Heulboje“ -der späteste der drei Filme- dar. Lewis erzählt in diesem Werk neben den witzigen Pointen ausgelöst durch die Hauptfigur Stanley, in Grundzügen auch seine Geschichte: Auf Grund des Todes von Starkomiker Wally Brendford wird Stanley nämlich von dessen „Machern“ ausgesucht, um ihn zum neuen „famed Komedian“ *Heulboje 00:00:28] zu machen. Stanleys ursprüngliches Leben als Hotelboy, Hundesitter, Kellner und zeitweise Chauffeur wird ab diesem Zeitpunkt von Grund auf umgekrempelt und er in eine ganz neue Welt, in die Welt Hollywood, hineintransferiert. Die Erlebnisse und Erfahrungen der Hauptfigur auf dem Weg zum Starkomiker lassen sich als eine Art Heldenreise beschreiben, auf der sie eine Wandlung, sowohl auf sozialer, als auch auf moralischer Ebene, erlebt. Trotzdem stehen auch in diesem Werk die episodenhaften Gags uneingeschränkt im Fokus des Films, deren Auflösung die Handlung auch nicht wirklich vorantreiben.

Gerade dieser Punkt macht die früheren Werke von Lewis aus. Die mehr oder weniger ausgesparte Narrativik lässt sich in Lewis͚ Filme darauf zurückführen, dass seine Gags im Zentrum von Film und Aufmerksamkeit stehen sollen und keinesfalls von einer Geschichte überlagert werden sollen. Aus diesem Grund inszeniert er in all seinen Werken eine starke Hauptfigur, um die sich die Kapriolen syntagmatisch ereignen. Den Hauptfiguren der drei Filmbeispiele spricht Jerry Lewis ein soziales Umfeld und eine Vergangenheit ab.

3.1.2 Charakterzüge von Jerry Lewis im Film

Den drei Hauptfiguren ist allerdings nicht nur gemein, dass sie weder ein soziales Umfeld, noch eine Vergangenheit haben. Bei genauerer Betrachtung der drei Filme zeigt sich, dass Jerry Lewis in der Rolle des Stanley oder Morty dieselben Wesensmerkmale aufweist, die als Basis für die darauf inszenierte Komik angesehen werden können. Im Folgenden sollen die Charakterzüge der drei Protagonisten exemplarisch herausgearbeitet werden.

3.1.2.1 Morty und Stanley - Tollpatsch und Trottel

Immer wieder lässt sich eine gewisse Tollpatschigkeit und Trotteligkeit in Stanleys bzw. Mortys Verhalten finden, die häufig in unzähligen Slapstick-Momenten mündet. Des Öfteren ist der Ursprung für die tollpatschigen und trotteligen Verhaltensweisen eine gewisse Mechanik seines Tuns. Beispielsweise flutschen ihm in „Die Heulboje“ mehrmals die Eiswürfel aus der Hand. Stanley fehlt die notwendige Flexibilität, die ihn nach dem ersten Entgleiten seine Handhabe mit den Eiswürfeln ändern lässt [Vgl. Heulboje 00:05:56]. Was diese Sequenz auch zeigt, ist dass sich die Unflexibilität der Hauptfigur nicht nur auf sein Handeln, sondern stellenweise auch in seiner Sprache wiederfinden lässt. In dieser Szene spricht Stanley, absolut mechanisch, unaufhörlich von den flutschigen Eiswürfeln, während für die „Macher“ des verstorbenen Komödianten die Chose um die Würfel völlig trivial erscheint und ihre Intention -Stanley als neuen Komiker zu gewinnen- in dieser Situation geradezu untergeht.

Die Eigenschaft des mechanischen Handelns verdeutlicht auch eine Sequenz aus „Der Bürotrottel“, in der Morty zuerst gegen eine geschlossene Glastür läuft, woraufhin ein Buchstabe der Türaufschrift an seiner Nase haften bleibt. Danach fasst er mit seinen klebrigen Fingern mehrere Blätter Papier an und merkt nicht, dass die Blätter an seiner Hand kleben bleiben und er somit die ganze Ordnung im Büro durcheinander bringt [Vgl. Bürotrottel 00:36:56]. Es lässt sich auch in dieser Szene erkennen, dass der Protagonist auf Grund seiner unflexiblen Verhaltensweisen sich nicht oder nur bedingt an äußere Gegebenheiten anpassen kann, woraus sich wiederum paradigmatische Gags generieren.

Diese Filmszene zeigt bereits, dass Morty und auch Stanley chaotisch und auch relativ unbeholfen sind. Immer wieder verursachen sie Chaos und sind nicht in der Lage, dies wieder zu beseitigen: Morty bringt die Papierstapel nicht nur auf Grund seiner klebrigen Hand durcheinander, er stolpert auch noch, wodurch schließlich alle Stapel durcheinanderfliegen und das zuvor überaus ordentliche Büro in einem heillosen Papierchaos versinkt [Vgl. 00:38:36].

[...]


1 Die im Seminar vermittelten theoretischen Grundlagen zur Filmkomödie werden direkt auf den jeweiligen Filmtext bezogen einfließen. Die jeweiligen Textbelege werden in eckigen Klammern im Anschluss in den Fließtext eingefügt.

2 Vgl. Stawecki, Klaus: Jerry Lewis. Sein Leben, seine Filme. Berlin: Trescher Verlag 1995, S. 8ff

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd., S. 9

5 Ebd.

6 Vgl. ebd., S. 10

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. ebd., S. 12ff

9 Vgl. ebd., S. 19

10 Ebd., S. 19f

11 Ebd., S. 20

12 Vgl. ebd., S. 119

13 Ebd. S. 119f

14 Vgl. The Official Jerry Lewis Comedy Museum and Store, auf: http://www.jerrylewiscomedy.com/index.htm; zuletzt gesichtet am: 07. September 2009

15 Interview mit Jerry Lewis in der Frankfurter Rundschau am 15.02.1983, in: Stawecki, Klaus: Jerry Lewis. Sein Leben, seine Filme. Berlin: Trescher Verlag 1995, S. 120

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656063407
ISBN (Buch)
9783656063087
Dateigröße
881 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182681
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Romanische Literaturwissenschaft / Landeskunde
Note
1,0
Schlagworte
Komik Jerry Lewis Filmkomödie Lachen Slap Stick Komiker Amerika Bürotrottel Page Heulboje

Autor

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