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Populismus und Euroskeptizismus am Beispiel der Dänischen Volkspartei

Eine Gefahr für die europäische Integration?

Seminararbeit 2011 36 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Der dänische Populismus als gesondertes Phänomen

B Populismus und Euroskeptizismus am Beispiel der Dänischen Volkspartei Eine Gefahr für die europäische Integration?
I. Theoretische Grundlagen zur empirischen Analyse
I.1 Die zu Grunde liegende Definition des Begriffs „Populismus“
I.2 Das theoretische Konzept des Euroskeptizismus
II. Die Dänische Volkspartei - Protestpartei alten Typs, (rechts)populistisch oder doch legitime demokratische Partei?
II.1 Joh. Andersens Analyse zur Populismus-Anfälligkeit der Wählerschaft ...7
II.2 Die „Kernideologie“ der DVP
II.3 Die Rolle der dänischen Medien
II.4 Der Kampf gegen und der Einfluss auf die „Eliten“
III. Euroskeptizismus in Dänemark
III.1 Der Anti-Europa-Kurs der Dänischen Volkspartei
III.2 Die Tradition und Verankerung des Euroskeptizismus in Dänemark

C Die Bedeutung des dänischen Euroskeptizismus für die europäische Integration - Ein Ausblick

D Anhang

E Literaturverzeichnis

A Der dänische Populismus als gesondertes Phänomen

Populismus als besondere Form der Politik, die darauf abzielt eine „Nähe zum Volk“ zu beschwören, hat in Dänemark eine lange Tradition, die bis heute auf die realpolitischen Entscheidungen der dänischen Volksvertreter jeglicher Couleur des politischen Spektrums erhebliche Auswirkungen hat. Insbesondere die von Morgens Glistrup 1972 als reine Steuersenkungs- und damit „single-issue“ - Partei gegründete Fortschrittspartei konnte mit ihren radikalen Forderungen schnell bemerkenswerte Erfolge bei den dänischen Wählern verbuchen1, da es ihr gelang mit ihrer Forderung „der allgemeinen Entmündigung freier Menschen ein Ende zu bereiten“2 traditionelle Anhänger der unterschiedlichsten Parteien an sich zu binden. In den 1980er Jahren besetzte Glistrups Partei zusätzlich die Themen der ansteigenden Einwanderung und der Islamfeindlichkeit, welche ebenfalls die Emotionen eines großen Teils der Bevölkerung anzusprechen vermochte.3 Obwohl sie im Parlament nie einen erheblichen Einfluss ausüben konnte, beeinflusste sie die politische Kultur Dänemarks nachhaltig, auch indem sie die Sozialdemokratie in eine schwere Krise stürzte und einige ihrer Forderungen von anderen Parteien aufgegriffen und in der Regierungsarbeit umgesetzt wurden. Genau dies wurde ihr dann aber letztendlich zum Verhängnis: Zunehmende Machtkämpfe in der Partei und eine Haftstrafe Glistrups wegen Steuerhinterziehung zermürbten sie; es gelang ihr nicht mehr ihre Wähler an sich zu binden.4

1995 entschloss sich deshalb die damalige Parteivorsitzende Pia Kjærsgaard dazu, die Fortschrittspartei zu verlassen und ihre eigene Partei, die Dänische Volkspartei (Dansk Folkeparti; im Folgenden DVP), zu gründen, die ihren thematischen Schwerpunkt auf die Selbstbehauptung Dänemarks als Nation setzte. Dies implizierte zwei zentrale Forderungen: zum einen die Verteidigung des Sozialstaats gegen Nutznießer aus dem Ausland; zum anderen die Dämpfung des Einflusses der Europäischen Union, im besten Falle gar mit einer Beendigung der Mitgliedschaft Dänemarks.5

Gerade der Euroskeptizismus nahm seit den 90er Jahren innerhalb der europäischen Nationalstaaten zu, vor allem da die Mitgliedsstaaten immer mehr Souveränität und damit Kompetenzen abgaben, die vorher in den Händen der nationalen Regierungen lagen.6

Der sogenannte „Post-Maastricht-Blues“7, ausgelöst durch die Vertiefung der Integration und der Erweiterung der EU durch die Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten, sollte im Laufe der Zeit nicht nur durch die politischen Eliten getragen werden. Großbritannien beispielsweise erweist sich schon seit Jahren als ein Europa gegenüber äußerst skeptisches Land, das möglichst keine tiefergehende europäische Integration vorantreiben möchte.8

Außerdem sind die gescheiterten Referenden zum Verfassungsvertrag der EU in Frankreich und den Niederlanden sowie das im ersten Anlauf gescheiterte Referendum zum Lissabonner Vertrag in Irland als Indikator dafür zu sehen, dass die EU mittlerweile nicht mehr als reines Elitenprojekt voranschreiten, sondern auch die europäische Öffentlichkeit den Prozess der europäischen Integration mitbestimmen und im äußersten Falle ver- oder zumindest behindern kann.

In dieser Arbeit soll die DVP und ihr Einfluss auf die nationale dänische Politik untersucht werden. Besondere Relevanz erhält diese Betrachtung, da die DVP seit der Parlamentswahl im Jahr 2001 von der liberal- konservativen Regierungskoalition als Mehrheitsbeschaffer geduldet wird und als Gegenleistung einige ihrer eigenen Forderungen durchsetzen darf.9 Zentral sind dabei die Fragen, ob und nach welcher Definition die Partei als „populistisch“ gelten kann und inwiefern der im Programm verankerte Euroskeptizismus Auswirkungen auf die Politik des Landes hat und sich somit als Gefahr für die europäische Integration erweisen könnte.

Für die empirische Analyse dieser Fragen ist es zunächst notwendig die hier angewandten theoretischen Grundlagen, sowohl zum Begriff des Populismus sowie dem des Euroskeptizismus, zu erörtern. Beide Analyseraster werden dann auf die DVP angewandt; dabei sind Überschneidungen beider Theorien unumgänglich. Hauptsächlich wird die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring angewandt; vor allem in der Variante der Explikation und der weiten Kontextanalyse.10 Parteiprogramme, Reden, Interviews und Zeitungsartikel sollen dabei als mögliche Indikatoren dienen. Zusätzlich wird anhand von Umfragedaten kurz überprüft, inwieweit der Euroskeptizismus in der dänischen Bevölkerung verankert ist.11 Aufgrund der Ergebnisse dieser Analysen wird im abschließenden Teil die Bedeutung für die europäische Integration erläutert und ein Ausblick gegeben, der sich besonders auf den Ausgang der dänischen Parlamentswahlen am 15. September 2011 bezieht und der in den vorausgehenden Kapiteln nicht berücksichtigt werden kann.

Aufgrund der Komplexität beider theoretischen Ansätze kann nur ein kurzer Einblick in den aktuellen Forschungsstand gewährt werden; dies wird jeweils in den dazu gehörigen Kapiteln getan. Über die dänische Volkspartei und die Entwicklung der dänischen Politik im Allgemeinen gibt es mittlerweile eine Vielzahl an wissenschaftlicher Literatur. Am bedeutsamsten sind für diese Arbeit sicherlich die auch in weiterführenden Texten viel zitierten Untersuchungen von Jens Rydgren12, Jørgen Goul Andersen13 (i.F. Andersen, J.G.) sowie Johannes Andersen (i.F. Joh. Andersen)14, die sich auch besonders auf die Phänomene des Populismus und des Euroskeptizismus beziehen. Ansonsten wird sich auf Veröffentlichungen der für das Thema einschlägigen Forschungsinstitute und auf Beiträge in wissenschaftlichen Fachzeitschriften gestützt.

B Populismus und Euroskeptizismus am Beispiel der Dänischen Volkspartei Eine Gefahr für die europäische Integration?

I. Theoretische Grundlagen zur empirischen Analyse

I.1 Die zu Grunde liegende Definition des Begriffs „Populismus“

Die wissenschaftliche Untersuchung des Populismus hat im Laufe der Jahrzehnte verschiedenste theoretische Ansätze hervorgebracht, die oft schwer vereinbar sind und sich vor allem darin unterscheiden, welcher Aspekt im Mittelpunkt der Untersuchung steht. Dies reicht von der Organisationsform (z.B. „Ein-Mann-Partei“ vs. Massenbewegung), der verschiedenen zu Grunde liegenden Motivationen (z.B. rückwärtsgewandte, reaktionäre Vorstellungen vs. revolutionäre, auf Fortschritt gerichtete Vorstellungen), den strukturellen Kausalitäten15 (im Gegensatz zu inhaltlichen, ideologischen Gräben), sowie den regional unterschiedlichen Erscheinungsformen des Populismus bis hin zur Frage, ob Populismus als Ideologie, Strategie oder Stilelement zu verstehen ist.

In Europa ist der Begriff auch in der Wissenschaft eher negativ besetzt, gerade da er oft in Verbindung mit Rechtsextremismus Erwähnung findet und untersucht wird.16 In den USA kam der Begriff Populismus in den Sozialwissenschaften zum ersten Mal auf. Der sog. „grass-roots“ - Ansatz, der v.a. Partizipation von unten und eine Vertretung des „kleinen Manns“, möglichst ohne zwischengeschaltete repräsentative Elemente fordert, wird spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts durch den Einfluss der agrarisch geprägten People ’ s Party durchaus positiv bewertet und wirkt bis heute fort17 ; zu sehen beispielsweise im US-Wahlkampf, wenn Sam Wurzelbacher als „Joe the plumber“ von Seiten der Republikaner als Paradebeispiel für Amerikas einfachen Mann betitelt wird.18

Einen relativ fundierten, wenn auch schon etwas älteren Überblick über die verschiedenen Theorien und Ansätze zur Populismusforschung liefert Falkenberg in ihrer Dissertation19 ; aufgrund der Komplexität des Forschungsthemas soll dieser Hinweis ausreichen. Für die vorliegende Arbeit soll dagegen zunächst eine Minimaldefinition des Populismus von Mudde Erwähnung finden, die von den meisten Theoretikern durchaus geteilt wird:

„ I define populism as an ideology that considers society to be ultimately separated into two homogenous and antagonistic groups, the ‘ pure people ’ versus the ‘ corrupt elite ’ , and which argues that politics should be an expression of the volont é generale (general will) of the people. ” 20

Erklärbar wird durch Mudde auch, inwiefern Populismus als „ thin-centred-ideology “ 21 leicht mit anderen Ideologien kombinierbar ist; also z.B. mit Kommunismus, Nationalismus oder Sozialismus, die sich auch je nach gegebener Situation erweitern und austauschen lassen.22 Im Mittelpunkt steht der Topos des (unterdrückten) „Volks“ (lat.: populus), dass sich gegen eine böse („evil“23 ) und korrupte Elite auflehnt. Taggarts „heartland“- Konzept24 unterstreicht eine imaginäre Gemeinschaft, die in der Vorstellung der Populisten eine gewisse Gemeinsamkeit besitzen würde, seien es verbindende Wertvorstellungen, Ziele oder ökonomische Situationen, die sie von anderen differenzierbar macht.25 Erwähnt sei noch, dass Canovan Populismus als einen bestimmten politischen Stil oder eine Strategie beschreibt, deren Ziel es sei, möglichst breite, unmittelbare Unterstützung zu gewinnen.26

Vaïsse, Direktor der Abteilung für Forschung am Zentrum für die USA- und Europastudien der Brookings Institution, lieferte 2011 auf einer wissenschaftlichen Konferenz über Populismus eine ähnlich anschauliche Definition des Begriffs, die sich mit der vorherigen Argumentation verknüpfen lässt und für alle auftretenden Populismen gelten soll, unabhängig von Zeit und Ort:

“ Populism is, I would suggest, about power, identity, and anger . It ’ s about power because it attacks elites of all kinds, from technocrats to plutocrats and politicians and it exalts the power and the values of the common man, the forgotten majority, which are shortchanged and despised by these elites. But identity second. Populism hates globalism and emphasizes the role of natural or pre-political units, like the nation, the region, or the ethnic group. Third, populism is always the expression of a profound discontent with the current order and the way the social contract has evolved to the detriment of certain categories or certain classes. You know, the quote “ I am mad as hell and I ’ m not going to take it anymore, ” to use the 1970s cry of protest. This protest often leads to the scapegoating of certain groups and institutions and sometimes even to conspiracy theories. ” 27

Auf diese Betrachtungsweisen wird in der vorliegenden Arbeit Bezug genommen werden, gerade auch da der Ansatz, den Joh. Andersen zur Untersuchung der DVP wählt, sich besonders auf Mudde, also auf den Gegensatz „Volk vs. Elite“ stützt. Allerding bringt auch er eine neuartige Komponente in die Populismusforschung ein, indem er nicht die Partei, ihre Führer oder die zugrunde liegende Struktur in den Mittelpunkt stellt, sondern die Anfälligkeit der Bevölkerung selbst:

„ Konkret manifestiert er [der Populismus] sich in der Realität also in einer relativ erfolgreichen politischen Kraft, deren Unterstützer oder Wähler dadurch gekennzeichnet sind, dass sie:

1. relativ geringes Interesse an aktueller Politik und wenig Kenntnisüber gesellschaftliche Verhältnisse haben
2. eine politische Partei mit einer zentralen Leitfigur oder einigen zentralen Leitfiguren unterstützen, an denen sie sich stark orientieren
3. sich von einer Rhetorik angezogen fühlen, die auf Unsicherheit und Bedrohungen durch etwas Unkontrollierbares abzielt, bei dem aber die gesellschaftlichen Eliten ihre Finger im Spiel haben
4. relativ wenig Interesse an politischer Ideologie haben und sich deshalb nicht in das traditionelle Spektrum von rechts bis links einordnen lassen
5. von den Problemen des Alltags in Anspruch genommen werden und
6. nur in sehr begrenztem Umfang an der Einhaltung demokratischer Normen und Rechte interessiert sind. “ 28

Joh. Andersens Analyse nach diesem Schema, anhand einer Wählerumfrage zur dänischen Parlamentswahl 2005 angewandt, soll im empirischen Teil zunächst vorgestellt, gegebenenfalls kritisiert und durch die Perspektiven von Mudde und Vaïsse ergänzt werden.

I.2 Das theoretische Konzept des Euroskeptizismus

Wie schon erwähnt, kamen Anfang der 1990er Jahre im Laufe der zunehmenden europäischen Integration die ersten euroskeptischen Stimmen auf. In dieser Zeit wurde der Begriff vor allem durch die Medien geprägt. An einer ersten wissenschaftlichen Annäherung versuchte sich Taggart 1998:

“ Euroscepticism expresses the idea of contingent or qualified opposition, as well as incorporating outright and unqualified opposition to the process of European integration. ” 29

Allerdings vernachlässigt diese (von Taggart aber bewusst gewählte) möglichst allumfassende Definition die Vielzahl an komplexen Beziehungen zwischen der öffentlichen Meinung, den Systemen der Nationalstaaten und ihren Akteuren, sowie den supranationalen Organisationen und ihren spezifischen Arbeitsweisen.30 Hinzu kommt, dass eine „euro-skeptische“ Haltung nicht nur triviales Opponieren, sondern auch kritisches Reflektieren bedeuten und gerade deshalb eine Bandbreite unterschiedlicher Ausprägungen annehmen kann.31 Taggart und Szczerbiak dehnten den Begriff deshalb aus:

a) “ Hard Euroscepticism implies outright rejection of the entire project of European political and economic integration, and opposition to one ’ s country joining or remaining a member of the EU. Theoretically, hard Eurosceptics include those who object in principle to the idea of any European economic or political integration. [ … ] “ 32

b) “ Soft Euroscepticism , by contrast, involves contingent or qualified opposition to European integration. It may take the form of ‘ policy ’ Euroscepticism or ‘ national interest ’ Euroscepticism, although these often overlap. ‘ Policy Euroscepticism ’ results from opposition to measures designed to deepen significantly European political and economic integration [ … ] or to particular policy initiatives and is expressed in terms of opposition to specific extensions of EU competencies.[ … ] ” 33

Durch diese Definition ist einleuchtend, dass trotz einer generellen Unterstützung der europäischen Integration (oder eines ihrer Modelle) ein „weicher Euroskeptizismus“ (z.B. in einzelnen Policy-Bereichen) vorliegen kann. Hinzuweisen ist noch auf zwei weitere wichtige Ansätze der Forschung: Zum einen das mehr auf die Öffentlichkeit bzw. die EU-Bürger abzielende Konzept von Fuchs, Magni-Berton und Roger, welches zusätzlich einen emotionalen Faktor ins Spiel bringt34 und das im Gegensatz dazu auf die Untersuchung der Eliten (in diesem Fall Parteien) fixierte Analyseraster von Kopecký und Mudde, die eine Einteilung in vier Idealtypen vornehmen.35

Die Zweiteilung durch Taggart und Szczerbiak in harten und weichen Euroskeptizismus wurde und wird also in der laufenden Forschung kritisiert und erweitert. Aufgrund des Platzmangels soll diese relativ simple Theorie aber in dieser Arbeit als Grundlage dienen36, die keinen Anspruch auf eine umfassende Analyse erhebt, sondern einen knappen Über- und Einblick in die zu Grunde liegende Materie geben will.

Ein erster Hinweis, dass die Konzepte von Euroskeptizismus und Populismus relativ leicht miteinander einhergehen können, ist der oftmals vor allem bei rechtspopulistischen Parteien auftretende Nativismus, der sich auf die eigene Nation bezieht und diese möglichst autonom von ihrem Umfeld abgrenzen und von den Einflüssen der globalisierten Welt fernhalten möchte.37

II. Die Dänische Volkspartei - Protestpartei alten Typs, (rechts-)populistisch oder doch legitime demokratische Partei?

II.1 Joh. Andersens Analyse zur Populismus-Anfälligkeit der Wählerschaft

Abb. 1 zeigt die Ergebnisse einer Umfrage anlässlich der dänischen Parlamentswahlen im Jahr 2005, anhand derer Joh. Andersen seine sechsstufige Analyse vornimmt. Seine Ergebnisse lassen sich recht übersichtlich zusammenfassen:

1. Die Wähler der DVP zeigen tatsächlich signifikant weniger Interesse und geringere Kenntnisse für aktuelle Politik als die Wähler anderer Parteien.
2. Die Wähler der DVP orientieren sich jedoch nicht so stark an zentralen Führungspersonen an der Parteispitze wie bspw. Wähler der Sozial-Liberalen, der Konservativen und den Liberalen.
3. Die Wähler der DVP zeigen Anfälligkeit für eine Rhetorik, die mit Unsicherheit und Angst der Bevölkerung spielt; in diesem Falle sehen sie die Sicherheit Dänemark besonders durch Einwanderung und muslimische Länder bedroht.
4. Die Wähler der DVP sind mehrheitlich nicht der Ansicht, dass Kindergeld an Personen mit hohem Einkommen gezahlt werden sollte. Joh. Andersen interpretiert dies als verdeckte Kritik an den Eliten, die sozialstaatlichen Leistungen sollen bestimmten Gruppen vorbehalten sein.
5. Die Wähler der DVP haben in der großen Mehrheit keine Schwierigkeiten, sich im Links-Rechts-Spektrum der ideologischen Orientierung selbst einzuordnen. Die Partei ist klar am rechten Rand zu verorten, allerdings ordnen sich 20 % ihrer Wähler selbst der Mitte und 10 % links der Mitte zu; Joh. Andersen konstatiert in diesem Punkt deshalb ein zweideutiges Bild der Wählerschaft der DVP.
6. Die Wähler der DVP setzen sich außerordentlich stark mit den politischen und gesellschaftlichen Umständen auseinander, die ihren persönlichen Alltag beeinflussen; im Gegensatz zu den Wählern anderer Parteien, die sich alle (natürlich in unterschiedlichem Maße) hauptsächlich mit den generellen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.
7. Die Wähler der DVP sind der Meinung, dass Immigranten und Flüchtlinge nicht denselben Anspruch auf Sozialhilfe haben sollten wie dänische Staatsbürger. Joh. Andersen interpretiert dies als Bereitschaft, Eingriffe in den Rechtsstaat zu akzeptieren, solange Eliten oder Kräfte geschwächt werden, die als Gefahr für die Gesellschaft gesehen werden (vgl. Punkt 3). Dies würde bis zu einer Einschränkung der demokratischen Rechte einer ganzen Gruppe gehen.
8. Die Wähler der DVP liegen im Vergleich auf dem niedrigsten Niveau, wenn es um die Frage geht, ob es wichtig ist, dass eine große Mehrheit der Bürger zur Wahl geht; Joh. Andersen gibt dies „durchaus zu denken“38 ; allerdings ist der Wert nicht signifikant gering.39

Joh. Andersen kommt zu dem Schluss, dass die Wähler der DVP viele der Kriterien, die von ihm zur Operationalisierung des Begriffs Populismus angewandt werden, erfüllt sind (oben: 1,3,4,6,7). Allerdings fallen sie bei anderen heraus (2) oder es kann keine klare Schlussfolgerung gezogen werden (5,8). Deshalb ist für ihn die Wählerschaft der DVP keine populistische Wählerschaft „in Reinkultur“40, allerdings sieht er die DVP aufgrund der überwiegend erfüllten Kriterien als „markantes populistisches Element innerhalb des dänischen Politiksystems“41 an.

Um dieses Ergebnis nun zu kritisieren ist es zunächst von Bedeutung, dass Joh. Andersen selbst der Meinung ist, dass ein „weit umfangreicheres Datenmaterial“42 nötig wäre, um mit Gewissheit die populistischen Einflüsse in der politischen Kultur Dänemarks festzustellen.

Allerdings ist durchaus zu fragen, ob die herangezogenen Indikatoren korrekt messen und ob sie überhaupt dazu geeignet sind, um Populismus empirisch festzustellen. Desweiteren liegen keine Daten zu dem genauen Wortlaut und dem Inhalt der Fragen (besonders auffällig bei Punkt 1) vor und das Messniveau der verwendeten Indikatoren scheint uneinheitlich (z.B. Punkt 1: Skala von 0-7; Punkt 2: Skala von -100 bis +100) und wenig praxisnah (eine Skala von -100 bis +100 kann wohl auch die Befragten selbst vor größere Probleme bei der genauen Selbstorierentierung stellen) zu sein.

Das Ergebnis von Punkt 8 (Frage 9) sollte nicht so eng gesehen werden wie bei Joh. Andersen. Ein Skalenwert von 91,02 ist auf einer Skala, die von -100 bis +100 reicht, immer noch als relativ hoher Wert anzusehen, auch wenn er im Vergleich zu den Wählern der anderen Parteien am geringsten ausfallen mag. Außerdem spricht er zuvor davon, dass populistische Wähler der Auffassung sein würden, dass eine „volksnahe Position […] durch eine umfangreiche Direktdemokratie gefördert [würde].“43 Auch in einem direktdemokratisch geprägten System ist aber davon auszugehen, dass die Bevölkerung in einem möglichst hohen Maße wählen gehen sollte, um dieses zu legitimieren.

Es soll nun versucht werden anhand der Kriterien von Mudde (Volks vs. Elite) und Vaïsse (Macht, Identität, Wut) den Populismus der DVP bezogen auf ihr eigenes Auftreten und Handeln noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

[...]


1 So erzielte sie bei der Parlamentswahl im Jahr 1973 auf Anhieb 15,9 % der Stimmen. Vgl. Andersen, Johannes (2008): Stabil, aber nicht hegemonial - Populismus und parlamentarische Demokratie in Dänemark. In: Faber, Richard / Unger, Frank (Hrsg.): Populismus in Geschichte und Gegenwart. Würzburg. Verlag Königshausen & Neumann. S. 131-147; S. 134

2 Ebd. S. 133

3 Vgl. ebd. S. 134

4 Vgl. ebd. S. 134-135

5 Vgl. ebd. S. 135

6 Als wichtiges Beispiel ist hier die Einrichtung der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik zu nennen, die 1992 im Vertrag von Maastricht erfolgte. Siehe: Vertrag über die Europäische Union (1992). In: Amtsblatt Nr. C191 vom 29. Juli 1992. Online verfügbar unter: http://eur-lex.europa.eu/de/treaties/dat/11992M/htm/11992M.html#0001000001. (zuletzt geprüft am 12.09.2011).

7 Vgl. Dalton, Russell J. / Eichenberg, Richard (2007): Post-Maastricht Blues: The Transformation of Citizen Support for European Integration, 1973-2004. In: Acta Politica 42 (2-3), S. 128-152.

8 Vgl. bspw. George, Stephen (2000): Britain: Anatomy of a Eurosceptic state. Journal of European Integration, 22:1. S. 15- 33. Online verfügbar unter: http://dx.doi.org/10.1080/07036330008429077 (zuletzt geprüft am 12.09.2011).

9 Vgl. Rydgren, Jens (2010): Radical Right-wing Populism in Denmark and Sweden. Explaining Party System Change and Stability. In: The SAIS Review of International Affairs 30 , Heft 1, S. 57-71. Online verfügbar unter: http://muse.jhu.edu/journals/sais_review/v030/30.1.rydgren.pdf (zuletzt geprüft am 12.09.2011). S. 58

10 Vgl. Diekmann, Andreas (20. Aufl. 2009): Empirische Sozialforschung. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt Taschenbuch Verlag. S. 607ff

11 Hierfür wird auf die Eurobarometer-Umfrage zurückgegriffen, die alle 6 Monate von der Abteilung für Kommunikation der Europäischen Kommission veröffentlicht wird. Für weitere Informationen siehe: http://ec.europa.eu/public_opinion/description_en.htm (zuletzt geprüft am 27.09.2011).

12 Siehe bspw. Rydgren, Jens (2006): Vom Wohlfahrtschauvinismus zur ideologisch begründeten Fremdenfeindlichkeit. Rechtspopulismus in Schweden und Dänemark. In: Decker, Frank (Hrsg.): Populismus. Gefahr für die Demokratie oder nützliches Korrektiv? Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 165-190.

13 Siehe bspw. Andersen, Jørgen Goul (2003): The Danish People's Party and new cleavages in Danish politics. Aalborg University. VBN Publication. Working Paper. Online verfügbar unter: http://vbn.aau.dk/files/14109015/widfeldt_- _FINAL.pdf (zuletzt geprüft am 14.09.2011).

14 Johannes Andersens Publikationen sind hauptsächlich auf dänisch erschienen, vgl. Universität Aalborg (2011): VBN Researcher. Publications by Johannes Andersen. Online verfügbar unter: http://vbn.aau.dk/en/persons/johannes- andersen%28ef4c9e2b-92ce-4b8b-abb0-8995ce5e4218%29/publications.html (zuletzt geprüft am 14.09.2011). Ins Deutsche übersetzt wurde bspw. Andersen, Johannes (2008).

15 So beschreibt bspw. Laclau Populismus als zwingend notwendigen Diskurs und Teil der Demokratie, der als Reaktion auf gesellschaftliche oder ökonomische Krisensituationen hervorgerufen wird. Siehe bspw. Laclau, Ernesto (1981): Politik und Ideologie im Marxismus. Kapitalismus, Faschismus, Populismus. Berlin. Argument Verlag.

16 Vgl. bspw. Geden, Oliver (2007): Rechtspopulismus. Funktionslogiken - Gelegenheitsstrukturen - Gegenstrategien. SWP Studie. Online verfügbar unter: http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2007_S17_gdn_ks.pdf (zuletzt geprüft am 14.09.2011).

17 Vgl. bspw. Puhle, Hans-Jürgen (2003): Zwischen Protest und Politik-Stil: Populismus, Neo-Populismus und Demokratie. In: Werz, Nikolaus (Hrsg.): Populismus. Populisten in Übersee und Europa. Opladen. Leske + Buldrich. S. 15-44; hier S. 19-22

18 Vgl. Pitzke, Mark (2010): Rückkehr des falschen Klempners. Artikel auf Spiegel Online vom 21.02.2010. Online verfügbar unter: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,678937,00.html (zuletzt geprüft am 14.09.2011).

19 Falkenberg, Susanne (1997): Populismus und populistischer Moment im Vergleich zwischen Frankreich, Italien und Österreich. Dissertation. Duisburg. Online verfügbar unter: http://deposit.d-nb.de/cgi- bin/dokserv?idn=958839204&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=958839204.pdf (zuletzt geprüft am 14.09.2011)

20 Mudde, Cas (2004): The Populist Zeitgeist, in: Government and Opposition Vol. 39 No. 4. Online verfügbar unter: http://politiki.osf.bg/downloads/1482168992/popzeitgeist.pdf (zuletzt geprüft am 14.09.2011). S. 541-563; hier S. 543

21 Ebd. S. 544

22 Vgl. ebd.

23 Ebd.

24 Taggart, Paul (2000): Populism. Buckingham. Open University Press.

25 Diese sinnhaft konstituierte Grenze zwischen innen und außen findet sich bspw. auch in Laclaus Antagonismus-Begriff wieder, der für die Konstitution einer imaginären Identität von Nöten ist (obwohl der Antagonismus aber in der Realität gerade verhindert, dass es zur Bildung von einheitlichen Identitäten kommen kann). Vgl. Laclau (1981) oder Laclau, Ernesto / Mouffe, Chantal (1991): Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien. Passagen Verlag.

26 Canovan, Margaret (1981): Populism. New York. Harcourt Brace Jovanovich. S. 261

27 Brookings Institution (2011): Elites in the hot seat. The Rise of Populism in Europe and the United States. Protokoll der Konferenz vom 11.03.2011 in Washington. Online verfügbar unter: http://www.brookings.edu/~/media/Files/events/2011/0311_us_europe_populism/20110311_us_europe_populism.pdf (zuletzt geprüft am 14.09.2011). S. 4

28 Andersen, Johannes (2008): S. 139-140.

29 Taggart, Paul (1998): A Touchstone of Dissent: Euroscepticism in Contemporary Western European Party Systems. In: European Journal of Political Research 33. S. 363-388. Online verfügbar unter: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1475-6765.00387/pdf (zuletzt geprüft am 16.08.2011). S. 366

30 Vgl. Milner, Susan (2000): Introduction: A Healthy Scepticism? In: Journal of European Integration 22, no.1. Online verfügbar unter: http://www.tandfonline.com/toc/geui20/22/1 (zuletzt geprüft am 10.08.2011). S. 1-13; hier: S. 8

31 Vgl. Rabiger, Felicitas (2011): Pro-Europa or Contra-Europa: Quo Vadis Germania? Existence of and Motivations for Popular and Party-based Euroscepticism in Germany. Masterarbeit. University of Groningen. Online verfügbar unter: http://irs.ub.rug.nl/dbi/4e12f5e4229c3 (zuletzt geprüft am 27.09.2011). S. 5-10

32 Szcerbiak, Aleks / Taggart, Paul (2004): Contemporary Euroscepticism in the party systems of the European Union candidate states of Central and Eastern Europe. European Journal of Political Research 43. Online verfügbar unter: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1475-6765.2004.00143.x/abstract (zuletzt geprüft am 16.08.2011). S. 1-27; hier: S. 3

33 Ebd. S. 4

34 Für ihre Einteilung in „ principled support “ , „ generalized support “ und „ reasoned support “ siehe: Fuchs, Dieter / MagniBerton, Raul / Roger, Antoine (Hrsg.) (2009): Euroscepticism: Images of Europe among Mass Publics and Political Elites. Opladen. Budrich. S. 22f

35 Vgl. Kopecký, Petr / Mudde, Cas (2002): The Two Sides of Euroscepticism: Party Positions on European Integration in East Central Europe. In: European Union Politics 3. S. 297-326. Online verfügbar unter: http://eup.sagepub.com/content/3/3/297 (zuletzt geprüft am 17.08.2011). S. 302f

36 Für eine präzise und aktuelle Übersicht zum aktuellen Forschungsstand des Euroskeptizismus ist besonders zu empfehlen: Rabiger, Felicitas (2011): S. 5-24

37 Vgl. bspw. Mudde, Cas (2007): Populist radical right parties in Europe. New York. Cambridge University Press. S. 158-197 7

38 Andersen, Johannes (2008): S. 145

39 Vgl. ebd. S. 140-146

40 Ebd. S. 146

41 Ebd.

42 Ebd. S. 140

43 Ebd. S. 145

Details

Seiten
36
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656063421
ISBN (Buch)
9783656063100
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182674
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
2,3
Schlagworte
Dänische Volkspartei Dansk Folkeparti Dänemark Euroskeptizismus EU Populismus Europäische Integration Grenzkontrollen Rassismus Islamophobie Rechtspopulismus

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Titel: Populismus und Euroskeptizismus am Beispiel der Dänischen Volkspartei