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Zeit- und gesellschaftsspezifische Aspekte in Henrik Ibsens Familiendrama "Gespenster"

Seminararbeit 2001 17 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Die gesellschaftskritischen Themen in Ibsens „Gespenster“

Ehe, Emanzipation & Lebensfreude

Die Vererbungslehre am Beispiel von Osvalds Krankheit

InzestSeite

Prostitution & KäuflichkeitSeite

Pastor Manders als Stellvertreter für Kirche & Gesellschaft

Schlussbemerkung

Bibliographie

Einführung

Im Sommer 1881 entwarf Ibsen „sein düsterstes Werk, das einzige, das er selbst als „Familiendrama“, nicht als Schauspiel bezeichnete.“ 1

Wie schon in „Nora oder ein Puppenheim“ kritisierte Ibsen in „Gespenster“ die gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit, was das zentrale Thema in diesem Drama ausmacht. Ich halte es deshalb für sinnvoll, eben diese Themen aufzuzeigen und näher darauf einzugehen. Robert Ferguson schreibt darüber in seiner Ibsen-Biographie:

„Äußerlich spiegelt das Stück Ibsens Entschlossenheit wider, ein zeitgenössischer Schriftsteller zu sein, der sich dezidiert mit aktuellen Problemen befaßte, der sich den Fragen stellte, die regelmäßig auf den Seiten der norwegischen und dänischen Zeitungen erörtert wurden, welche er während seines Exils so sorgfältig las. Die Themen, die in Gespenster offen diskutiert werden: Syphilis, freie Liebe, Prostitution, Vererbung, das Überleben der Stärksten, Euthanasie, beherrschten die Unterhaltungen der skandinavischen Intelligenzija in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts.“2

Da Ibsen in diesem Werk demnach eine so große Zahl der damals aktuellen sozialen Probleme anspricht, ist es mir nicht möglich auf alle ausführlich einzugehen. Ich wähle deshalb die, die meiner Ansicht nach für das Stück die größte Aussage haben:

*Ehe

*Vererbung/ Syphilis

*Inzest

*Prostitution

*Kirche

Die Bedeutung der Ehe ist ein Kritikpunkt Ibsens, der schon in „Nora oder ein Puppenheim“ für Aufregung sorgte. Frau Alving verkörpert eine Nora, die sich zum Bleiben entschlossen hat. Häufig ist in der Sekundärliteratur die Ansicht vertreten, dass die „Gespenster“ als Fortsetzung von „Nora oder ein Puppenheim“ zu sehen sind. In der Person der Frau Alving kann das als offensichtlich angesehen werden. Doch auch das Thema Vererbung, beziehungsweise die Geschlechtskrankheit Syphilis werden bereits in „Nora oder ein Puppenheim“ behandelt. Was am Beispiel von Dr. Rank nur als Nebenhandlung in Erscheinung tritt, wird bei den „Gespenstern“ durch Osvald zum zentralen Thema.

Die gesellschaftskritischen Themen in Ibsens „Gespenster“

Ehe, Emanzipation & Lebensfreude

Ibsens Standpunkt gegenüber der Ehe als Institution der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit, rief selbstverständlich viel Kritik hervor. Man warf ihm vor, den Wert der Ehe, die als heiliger Bund geschlossen wird, nicht anzuerkennen. Dabei stellte Ibsen die Ehe selbst gar nicht in Frage. Er kritisierte lediglich, die Gründe (überwiegend finanzielle Überlegungen), aus denen damals die meisten Ehen geschlossen wurden und sprach sich somit gegen die so genannten „Vernunftehen“ aus. Bjornson, der eine einheitliche Sexualmoral für Männer und Frauen forderte, „verteidigte Ibsen öffentlich und bezeichnete Gespenster als Plädoyer für den Vollzug echter Ehen, die beide Parteien im gleichen Zustand der Reinheit eingehen müßten, wenn sie gelingen sollen.“3

Frau Alving wurde von ihrer Mutter und zwei Tanten zu einer Ehe mit dem späteren Hauptmann und Kammerherrn Alving geradezu genötigt, da er auf Grund seines Vermögens als gute Partie galt. Wie hätte sie sich dem widersetzen sollen? Wahrscheinlich war sie zu dem Zeitpunkt ungefähr 18 Jahre alt, eben im damaligen heiratsfähigen Alter.

Erst im Alter erhält sie durch ihre persönlichen Erfahrungen und durch die liberalen Schriften, die sie liest, eine gewisse Sicherheit, die sie zu ihren Überzeugungen stehen lässt.

Doch erst im letzten Akt erkennt sie, dass auch sie sich in ihrer Ehe schuldig gemacht hat. Allerdings bedingt durch ihre eigene Erziehung, die sie ja nicht beeinflussen konnte. Osvald gegenüber bekennt sie:

“Dein armer Vater hat nie die Möglichkeit gefunden, diese übermächtige Lebensfreude, die in ihm war, auszuleben. Ich habe ihm ebenfalls keinen Sonnenglanz ins Haus gebracht. Man hat mir etwas über Pflichten und dergleichen beigebracht, und ich habe so lange daran geglaubt. Alle Dinge mündeten in Pflichten – in meine Pflichten und in seine Pflichten und – ich fürchte, ich habe deinem armen Vater das Zuhause unleidlich gemacht, Osvald.“4

Die Gesellschaft unterdrückte durch eben dieses ständige Dogmatisieren von Pflichten jeden Funken der „Lebensfreude“. Es liegt also auf der Hand, dass dadurch die Untreue (meistens die des Mannes) geradezu provoziert wurde. Jeder Mensch strebt nach dem Glück. Frau Alving sucht ihr Glück bei Pastor Manders, der aber „die nötige Festigkeit“ besitzt, und sie wieder in die Arme des Ehemannes führt und Herr Alving versucht bei dem Dienstmädchen Johanne und unzähligen anderen Liebschaften die Lebensfreude zu finden. Als Mann hatte er es jedoch nicht nur leichter, sich diese (in diesem Falle beschränkt sich die Freude überwiegend auf jene, sexueller Natur) anderswo zu suchen, es wurde, wenn schon nicht gutgeheißen, so doch akzeptiert. Pastor Manders redet Frau Alving ins Gewissen „das Kreuz zu tragen“ und sich auf ihre Pflichten als Ehefrau zu besinnen, von denen sie kein Verhalten des Ehemannes, und sei es noch so negativ, entbinden kann.

Die extreme Diskrepanz bezüglich der Pflichten der Geschlechter zeigt sich in den vorehelichen sexuellen Beziehungen. Während eine Frau, die zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung keine Jungfrau mehr war, ihren Wert völlig verlor, war beim Mann ein gewisses Maß an Erfahrung nicht nur anerkannt, es wurde sogar erwartet. Diese Unterscheidung zeigt sich deutlich in einem Gespräch zwischen Frau Alving und Pastor Manders:

„Frau Alving: Glauben Sie vielleicht, Alving sei, als ich mit ihm vor den Altar trat, reiner gewesen als Johanne, da Engstrand sich mit ihr trauen ließ?“

Pastor Manders: Ja, aber das ist doch ein himmelweiter Unterschied

Frau Alving: Gar nicht mal so himmelweit. Freilich war es ein Unterschied im Preis; - hier lumpige dreihundert Taler, da ein ganzes Vermögen“ 5

In diesem Fall kommt also der Standesunterschied noch dazu. Wobei es für Johannes Ehre keinen Unterschied gemacht hätte, ob sie von Herrn Alving verführt oder vergewaltigt worden wäre.

Ibsen möchte durch Helene Alvings unglückliches Leben der Gesellschaft vor Augen führen, welche Schicksale sie zu verantworten hat. Käte Hamburger drückt es sogar noch drastischer aus:

“Das, was in diesem Stück, im Leben und für die Existenz Helene Alvings, der Mutter, gengangere sind, ist in den Hintergründen verborgen, die sich durch die Gestalt, die Seele Frau Alvings hindurch auftun, der – verdrängte - Hintergrund ihres eigenen Lebens nicht nur, sondern der Hintergrund der Epoche selbst, der dieses Leben, ein unglückliches Leben, bestimmt, ja man kann sagen: vergewaltigt hatte.“6

Die Vererbungslehre am Beispiel von Osvalds Krankheit

Im Stück selbst wird Osvalds Krankheit zwar nie beim Namen genannt, lediglich vom geistig zerrüttet sein, entsetzlichen Kopfschmerzen, Gehirnerweichung und dem Verlust der Persönlichkeit ist die Rede. Durch die genauen Beschreibungen Osvalds kann man jedoch eindeutig darauf schließen, dass es sich um nichts anderes als Syphilis handeln kann. Noch dazu war diese Krankheit zu Ibsens Zeit durch die hohe Ansteckungsgefahr in aller Munde.

Um eine Vorstellung von dieser Krankheit zu erhalten, halte ich es für notwendig auf eine kurze Beschreibung dieser zu verweisen, auch wenn man sich darüber im klaren sein sollte, dass im Jahre 1881, in dem Ibsen seine „Gespenster“ verfasste, der Wissensstandpunkt der Medizin ein völlig anderer war und viele falsche Informationen über diese Krankheit verbreitet waren. Da diese Irrtümer wichtige Aspekte in der Geschichte der Familie Alving sind, werde ich später noch ausführlicher darauf eingehen.

Im „Kursbuch Gesundheit“ finden sich unter dem Schlagwort Syphilis (Lues venerea) unter anderem folgende Hinweise:

„Syphilis, die „Krankheit der Venus“, ist eine ansteckende Erkrankung, die den ganzen Körper befallen kann. Doch nur jeder dritte der unbehandelten Syphilitiker erlebt das, was man die „Spätphasen“ nennt.

Beschwerden: Frühstadium: Zwei bis vier Wochen nach der Infektion erscheint der „harte Schanker“, ein schmerzloses, derbes, braunrotes Geschwür auf der Haut oder Schleimhaut direkt an der Stelle der Infektion. Nicht immer wird das bemerkt. Unbehandelt heilen die Geschwüre nach etwa sechs Wochen ab. Die Lymphknoten in der Nähe der Eintrittspforte der Infektion schwellen nach vier Wochen an und bleiben geschwollen. Diese Phase ist von Beschwerden wie Abgespanntheit, Ziehen in den Gelenken, leichtem Temperaturanstieg und leichten Kopfschmerzen begleitet. Zweite Phase: Etwa neun bis zehn Wochen nach der Infektion entsteht an verschiedenen Körperstellen ein typischer hell- bis braunroter, fleckiger Ausschlag an Haut und Schleimhaut, manchmal bilden sich auch Knötchen. Haarausfall und Leberentzündung sind möglich; das Zentralnervensystem kann beteiligt sein. Dritte Phase: Sie setzt nach drei bis fünf Jahren ein und kann jedes Körperorgan erfassen. An der Haut und in der Leber, in Hoden und Gehirn können gummiartige Knoten entstehen. Gefäßerkrankungen, spezielle Entzündungen der Hirngefäße, sind besonders gefährliche Komplikationen. Vierte Phase: 20 bis 30 Jahre später kann es zu progressiver Paralyse kommen (Neurolues).

Ursachen: Die Lues wird durch das Bakterium Treponema pallidum übertragen. Dies geschieht meistens beim Geschlechtsverkehr. Die Bakterien können durch intakte Schleimhaut und mikroskopisch kleine Hautverletzungen eindringen. Sie können auch beim Küssen übertragen werden, nicht aber durch Benutzen von Besteck, Trinkgläsern oder Handtüchern anderer Personen. Außerhalb des Körpers sterben sie rasch ab.

Mögliche Folgen und Komplikationen: Etwa zehn Prozent der unbehandelten Infizierten sterben an den Spätfolgen der Erkrankung. Ab dem fünften Schwangerschaftsmonat kann sich die Luesinfektion der werdenden Mutter auf das Kind übertragen. Es kann tot oder schwer mißgebildet geboren werden – je nach Stadium der mütterlichen Infektion. Penicillin- oder Erythromycin-Präperate vor dem vierten Monat können dies verhindern.

Wer einmal an Syphilis erkrankt war, kann sich trotzdem ein weiteres Mal infizieren. Der Körper kann keine Immunität entwickeln.“7

Wesentlich ist bei Osvalds Krankheit die Frage nach der Ursache. Hat er sich die Krankheit selbst zugezogen oder hat er sie von seinem Vater geerbt. Osvald erzählt seiner Mutter, dass er in Paris bei einem berühmten Arzt in Behandlung war, der für sein Leiden folgende Erklärung hatte: „Er sagte: Die Sünden der Väter werden heimgesucht an ihren Kindern“8 Da Osvald in seinem Vater zu diesem Zeitpunkt aber noch das Idealbild eines Mannes sieht, das Frau Alving in ihren Briefen an den Sohn geschildert hat, sucht er die Schuld bei sich selbst. „Auf die glückliche Zeit meiner Jugend, auf das Herumtollen mit meinen Freunden hätte ich verzichten sollen. Das sei zu viel für meine Kräfte gewesen. „Selbstverschuldet also!“9 Er versichert seiner Mutter auch „Ich habe nie ein wildes Leben geführt. In keiner Hinsicht. Das darfst du von mir nicht glauben, Mutter! Das habe ich nie getan.“10

Erst als Frau Alving den Mut aufbringt, ihrem Sohn die Wahrheit über die Lebensweise seines Vaters zu erzählen, tritt die Erklärung der Vererbung als Ursache wieder in den Vordergrund. Allerdings kommt hier die Frage auf, was Herr Alving seinem Sohn vererbt hat. Die Lebensweise, durch die sich Osvald selbst die Krankheit zugezogen hat oder die Krankheit selbst. Vom medizinischen Standpunkt her ist zweiteres zwar nicht möglich, da in diesem Falle auch Frau Alving infiziert sein müsste, was offensichtlich nicht der Fall ist. Aber da zu Ibsens Zeit, wie bereits erwähnt, der medizinische Wissenstandpunkt ein anderer war, kann das nicht als Argument gelten.

[...]


1 Stecher (1926): S. 4

2 Ferguson (1998): S. 331

3 Ferguson (1998): S. 338

4 Ibsen (1997): S. 75. Dritter Akt. Frau Alving zu Osvald

5 Ibsen (1997): S. 41. Zweiter Akt

6 Hamburger (1989): S. 100

7 Corazza (1990): S.630 ff.

8 Ibsen (1997): S. 58. Zweiter Akt. Osvald zu Frau Alving

9 Ibsen (1997): S. 59.Zweiter Akt, Osvald zu Frau Alving

10 Ibsen (1997): S. 57. Zweiter Akt, Osvald zu Frau Alving

Details

Seiten
17
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783656063964
ISBN (Buch)
9783656063742
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182622
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Ibsen Drama Gesellschaft 1900

Autor

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Titel: Zeit- und gesellschaftsspezifische Aspekte in Henrik Ibsens Familiendrama  "Gespenster"