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Genderdiskurse in Adalbert Stifters „Brigitta“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2. Gender Studies und Literaturwissenschaft

3. Brigitta und Stephan in ihrer Jugend
3.1. Die Figur Brigitta im kontrastiven Vergleich zu ihren Schwestern
3.2. Brigitta und Stephan – Paarbildungsstrategien

4. Brigitta und Stephan – eine gescheiterte Ehe
4.1. Brigitta – zwischen Sozialisation und Rollenschicksal
4.2. Von Rehen und Gazellen – Gabriele und Brigitta

5. Das Leben nach der Scheidung
5.1. Die Schuldfrage – weiblicher Stolz versus männliche Geltungssucht
5.2. Brigitta – ambiguierte Geschlechtszugehörigkeit
5.3. Der Major Stephan Murai – ein Frauenheld mit homoerotischen Tendenzen?

6. Die Versöhnung – zwischen domestizierter und wilder Natur

7. Schlussbemerkung

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

„Als Verkörperung von Mann und Frau sind beide in ihrer Art unvollkommen, da sie so deutlich Charakteristika des anderen Geschlechts in sich tragen“.[1]

Dieses Zitat von Walther Hahn macht prägnant klar, dass die beiden Hauptfiguren in Adalbert Stifters Werk „Brigitta“ keine „eindeutigen Repräsentanten ihres Geschlechts sind“.[2]

Stifters Frauenfigur wird als groß, schlank und stark, voller Geschäftstüchtigkeit und Tatkraft beschrieben. Sie ist weder schön noch passt sie sich an die Gesellschaft in der sie lebt an. Zugleich ist sie aber selbstbewusst genug, von ihrem Ehemann die Scheidung zu fordern und schafft es, sich ohne männliche Unterstützung ein neues Leben als Gutsherrin aufzubauen.[3] Und obwohl sie nahezu über keine Qualitäten und Charakteristika zu verfügen scheint, die Frauen zu geeigneten Projektionsflächen für männliche Wunschvorstellungen machen, ruft sie gerade bei dem schönen Stephan Murai, dem einige weiblich konnotierte Eigenschaften zugeschrieben werden, Leidenschaft und Liebe hervor.[4] Genau dieses dargestellte Phänomen der leidenschaftlich geliebten aber ‚unweiblichen‘ Frau macht diesen Text für eine gender-orientierte Betrachtungsweise so interessant.[5]

Zielsetzung meiner Hausarbeit ist es, diese Figuren, unter Berücksichtigung der Gender-Forschung, genauer darzustellen. Mein Fokus wird dabei auf der weiblichen Protagonistin Brigitta Marosheli liegen, aber auch die männliche Hauptfigur, Major Stephan Murai, möchte ich unter genderspezifischen Aspekten näher beleuchten. In diesem Zusammenhang erscheint es mir besonders wichtig, folgende Fragen zu klären: Inwiefern unterscheidet Brigitta sich von den anderen, in der Erzählung vorkommenden, Frauenfiguren? Wie verändert sich die Figur der Brigitta im Verlauf der Handlung? Lassen sich den Protagonisten tatsächlich homoerotische Neigungen nachweisen? Zwecks der Beantwortung dieser Fragen werde ich zunächst näher auf Brigittas Kindheit und ihr gestörtes Verhältnis zu ihrer Familie eingehen. Anschließend werde ich mich ausführlich mit der Ehe von Stephan und Brigitta befassen, wobei ich auch die Figur der Gabriele mit Brigitta vergleichen werde. Abschließend möchte ich noch einmal intensiv auf die beiden Hauptfiguren nach ihrer Scheidung eingehen und erläutern, inwiefern sie sich verändert haben.

Um die Entwicklung der Figuren klarer darstellen zu können, erfolgt meine Ausarbeitung nach der zeitlichen Abfolge der Ereignisse und nicht nach dem eigentlichen Handlungsverlauf der Erzählung.

2. Gender Studies und Literaturwissenschaft

Die Gender Studies (in der deutschen Entsprechung selten auch als Geschlechterforschung bezeichnet) sind ein Produkt des US-Amerikanischen Feminismus der 1970er Jahre und etablierten sich als eigenständige Disziplin ein Jahrzehnt später auch im deutschsprachigen Raum. Durch die Differenzierung zwischen den Begriffen sex und gender kann eine Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht getroffen werden, die im deutschen Sprachgebrauch in dieser Weise nicht möglich ist.[6] Die Gender Studies beschäftigen sich mit der historisch und kulturell variablen Konstruktion der Kategorie Geschlecht sowie der hierarchisch organisierten Geschlechterordnung in unterschiedlichen Diskursen, darunter auch der Literatur.[7] Als kulturwissenschaftlich ausgerichteter Ansatz widmen sich die Gender Studies zwar nicht in erster Linie literarischen Texten; gleichwohl lässt sich der Konstruktcharakter von sex und gender gerade auch in literarischen Texten gut veranschaulichen.[8] So wird sichtbar gemacht, wie Weiblichkeit und Männlichkeit durch bestimmte Akte, zum Beispiel durch Kleidung, Mimik und Rede – durch Performanz also – entstehen.[9]

3. Brigitta und Stephan in ihrer Jugend

3.1. Die Figur Brigitta im kontrastiven Vergleich zu ihren Schwestern

Über die Kindheit der Titelfigur Brigitta wird erst in einer Rückblende im 3. Kapitel „Steppenvergangenheit“ berichtet. Die gestörte Beziehung zu ihrer Familie, besonders zu ihrer Mutter, bildet jedoch eine Grundlage für Brigittas späteres Handeln. So wird die emotionale Vernachlässigung in Brigittas Kindheit in der Forschungsgeschichte immer wieder als Ursache für das Scheitern ihrer Ehe angegeben.[10]

Von Anfang an entsprach Brigittas äußeres Erscheinungsbild nicht den ästhetischen Ansprüchen ihrer Umgebung und selbst der Mutter erscheint sie bereits unmittelbar nach ihrer Geburt nicht als „der schöne Engel, als der das Kind gewöhnlich der Mutter erscheint“[11], Brigittas Gesicht wirkt, als hätte es „ein Dämon angehaucht“[12] und wird entsprechend vernachlässigt. So heißt es: „wenn sie weinte, half man ihren Bedürfnissen ab; weinte sie nicht, ließ man sie ruhig liegen“.[13] Die Pflege des Kindes wird nur als Last empfunden und erfolgt nicht aus Liebe. Durch die Zurücksetzung ihrer Umwelt, schafft sich Brigitta ihre eigene Welt, zu der niemand sonst Zutritt hat. Es wird ihr unmöglich, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Dass ihre Mutter nicht grundsätzlich unfähig ist, eine liebevolle Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen, zeigt sich jedoch deutlich an dem Umgang mit Brigittas als schön geltenden Schwestern. „Wenn die Mutter […] die anderen Kinder herzte, sah sie nicht das starre schwarze Auge Brigittas, das sich hinheftete, als verstünde das winzige Kind schon die Kränkung“.[14] Auf diese erste Entwicklungsphase folgt eine zweite, in der sich Brigitta äußerst jungenhaft gibt und in welcher der späte Versuch der Mutter, die Zuneigung des Kindes doch noch zu erringen, scheitert. In dieser Entwicklungsphase „verdrehte sie oft die großen, wilden Augen, wie Knaben dies thun, die innerlich bereits dunkle Thaten spielen“.[15] Nach dieser Phase haben es die Eltern ganz offensichtlich aufgegeben, Brigitta erziehen zu wollen: „Die andern bekamen Verhaltensregeln und Lob, sie nicht einmal Tadel“.[16] Nun isoliert sich Brigitta vollständig von ihrer Familie. Sie entwickelt sich [aus der Sicht ihrer Eltern] – im Vergleich zu ihren die Töchter-Norm repräsentierenden Schwestern – in nahezu allen Punkten negativ.[17]

Der Rückzug in ihre eigene Welt ermöglicht es Brigitta jedoch indirekt, eigene Maßstäbe zu entwickeln. So lehnt Brigitta eine traditionelle weibliche Sozialisation bewusst ab, indem sie sich weigert, Kulturtechniken wie Musizieren und Tanzen zu erlernen und sich stattdessen mit Dingen beschäftigt, die weder ihrem sozialen Stand noch ihrer Geschlechtszugehörigkeit angemessen scheinen. In Brigittas Schwestern hingegen wurde, durch die liebevolle Zuwendung der Mutter, der Wunsch geweckt zu gefallen. Sie legen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild und erlernen Fähigkeiten, wie Tanzen und Musizieren, die ihre Attraktivität gegenüber dem anderen Geschlecht steigern. Als sie dann ins heiratsfähige Alter kommen, entsprechen sie dem sozial erwünschten Ideal. „Gerade in ihrer völligen Anonymität und Austauschbarkeit passen sie perfekt in das vorgegebene Rollenbild der zukünftigen Gattin und Dame der Gesellschaft“.[18] Die Schwestern stellen all das, was Brigitta nicht ist, kontrastiv dar. Da in Brigitta, durch die fehlende Bindung zu ihrer Mutter, nie der Wunsch geweckt wurde zu gefallen, bildet sie völlig andere Verhaltensweisen, die in der gesellschaftlichen Geschlechterdefinition männlich codiert sind, heraus.[19] So wird Brigitta als schlank und stark und als beinahe so kräftig wie ein Mann beschrieben.[20] Außerdem wird erwähnt, dass Brigitta bei der Arbeit der Knechte mithilft.[21] Aber obwohl sich Brigitta abseits vom konservativen, bürgerlichen Frauenideal ihrer Zeit positioniert, gehört sie dennoch zu einer Gesellschaft, die sie beurteilt und an deren Wertmaßstäben sie gemessen wird.

3.2. Brigitta und Stephan – Paarbildungsstrategien

Während einer Abendgesellschaft begegnen sich Brigitta und der junge, wohlhabende und als überaus schön geltende Stephan Murai zum ersten Mal. Er, der auf den ersten Blick in jeglicher Hinsicht den gesellschaftlichen Konventionen entspricht, findet sofort Gefallen an der äußerlich so wenig ansprechenden Brigitta. Brigitta sieht „zwei dunkle sanfte Jünglingsaugen auf sie geheftet“.[22] Als Stephan sie bei ihrer nächsten Begegnung zum Tanz auffordern möchte, muss Brigitta ablehnen, da sie die Fertigkeit des Tanzens schließlich nicht beherrscht. Stephan wirbt jedoch weiterhin beharrlich um die verschlossene Brigitta und nach einer Begegnung auf dem Balkon, weint Brigitta „die ersten Seelentränen in ihrem ganzen Leben“.[23] An dieser Stelle zeigt sich Brigitta zum ersten Mal Schwäche und dadurch Weiblichkeit. Diese Tränen stehen jedoch nicht für die Erkenntnis ihrer eigenen ästhetischen Defizite, sondern werden von der Erzählinstanz als Ausdruck des Bedauerns über ihr versäumtes Leben gewertet und sollen Brigitta von der Vergangenheit befreien.[24] Die ungewohnte Aufmerksamkeit, die der junge und zudem überaus gutaussehende Mann ihr entgegenbringt, zwingt sie zu einer Anerkennung ihrer Weiblichkeit und damit auch ihrer sexuellen Identität.[25] Diese Theorie lässt sich durch das in diesem Kontext im Text genannte Symbol des Spiegels untermauern. Unmittelbar nach ihrer Begegnung mit Stephan zieht sie sich in ihr Zimmer zurück, „trat im Nachtgewand vor den Spiegel, und sah lange, lange hinein“.[26] Der Spiegel symbolisiert sowohl Erkenntnis als auch weibliche Eitelkeit.[27] Schließlich stimmt Brigitta sogar einer Eheschließung zu, obwohl sie zuvor Stephan ausdrücklich vor einer Werbung um sie gewarnt hat. „Sie würden es bereuen […] weil ich keine andere Liebe fordern kann, als die allerhöchste“.[28] Ortrud Gutjahr bezeichnet diese ungewöhnliche Paarbildung als eine „Aschenputtel-Konstellation“, da der „Prinz“ die unscheinbare Brigitta den schönen Schwestern vorzieht.[29]

Warum jedoch hat der schöne Stephan Murai ausgerechnet die hässliche Brigitta erwählt? Joachim W. Storck vertritt die Meinung, dass die Beziehung von Brigitta und Stephan eindeutig durch homoerotische Tendenzen geprägt ist.[30] Dass Brigitta eindeutig männlich konnotierte Eigenschaften zugeschrieben werden, wurde von mir bereits im vorangegangen Kapitel erwähnt. Aber auch Stephan Murai trägt weibliche Eigenschaften in sich. Der auf dem Land aufgewachsene junge Mann steht plötzlich im Interesse der städtischen Gesellschaft und fällt dort durch sein „scheues, fast zaghaftes Benehmen“[31] auf und wird im Verlauf der Erzählung immer wieder mit weiblich codierten Attributen, wie Bescheidenheit und außergewöhnliche Schönheit, ausgestattet.[32] Es heißt sogar: „dass er mehr als nur einmal auch Männer betörte“.[33] Möglicherweise fühlt sich Stephan Murai also in erster Linie von den männlichen Eigenschaften Brigittas angezogen.

Auch Walther Hahn weist eindeutig daraufhin, dass weder Brigitta noch Stephan Murai eindeutige Repräsentanten ihres Geschlechts sind. Doch, seiner Meinung nach, ermöglicht gerade dieser Tatbestand am Ende der Erzählung die ideale Ehegemeinschaft zwischen Stephan und Brigitta, da sie sich gegenseitig ergänzen und schließlich ineinander die vollständige Erfüllung finden.[34] Claude Owen behauptet sogar, dass „sie [die beiden Hauptfiguren] allem Anschein nach potentiell, also latent, homoerotische Eigenschaften aufweisen“.[35] Wobei Owen jedoch einschränkend hinzufügt, dass es in Stifters Erzählung keine Belege für eine Auslebung der homoerotischen Neigungen seitens der Protagonisten gibt.[36] Auf eventuelle homoerotische Tendenzen des Protagonisten werde ich noch an späterer Stelle eingehen.

Eine ganz andere Position vertritt Ortrud Gutjahr. Danach macht Brigitta ihre Vereinsamung und Unberührtheit attraktiv. Weil Brigitta selbst von ihrer Mutter und ihren Schwestern noch nie geküsst worden ist und noch nie tiefere Gefühle für einen anderen Menschen als Stephan Murai entwickelt hat, erfüllt sie eine hohe Tugendanforderung.[37] So wird sie in der Erzählung als „stark und keusch, wie kein anderes Weib“ beschrieben.[38] Erst als ihre verborgene Seelenschönheit entdeckt worden ist, wurde ihre Weiblichkeit durch die Liebe zum Erblühen gebracht.[39]

[...]


[1] Hahn: Konzept der Schönheit, S. 150.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Schmidt: Das domestizierte Subjekt, S. 159.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd., S. 160.

[6] Vgl. von Braun: Gender Studien, S. 3.

[7] Vgl. Gymnich: Methoden der feministischen Literaturwissenschaft und der Gender Studies, S. 251.

[8] Vgl. ebd., S. 255.

[9] Vgl. Schößler: Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, S. 110.

[10] Vgl. von Petrikovits: Zur Entstehung der Novelle Brigitta, S. 103.

[11] Stifter: Brigitta, S. 37.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S. 38.

[17] Vgl. Hahn: Konzept der Schönheit, S. 37.

[18] Schmidt: Das domestizierte Subjekt, S. 166.

[19] Vgl. Gutjahr: Das sanfte Gesetz, S. 288.

[20] Vgl. Stifter: Brigitta, S. 38.

[21] Vgl., ebd.

[22] Stifter: Brigitta, S. 41.

[23] Stifter: Brigitta, S. 43.

[24] Vgl. Schmidt: Das domestizierte Subjekt, S. 186.

[25] Vgl. Gutjahr: Das sanfte Gesetz, S. 289.

[26] Stifter: Brigitta, S. 42.

[27] Metzler Lexikon literarischer Symbole, S. 357.

[28] Ebd., S. 44.

[29] Vgl. Gutjahr: Das sanfte Gesezt, S. 289.

[30] Vgl. Storck: Eros bei Stifter, S. 145.

[31] Stifter: Brigitta, S. 42.

[32] Vgl. ebd., S. 40.

[33] Ebd., S. 5.

[34] Vgl. Hahn: Konzept der Schönheit, S. 150.

[35] Owen: Erotik in Stifters Brigitta, S. 110.

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. Gutjahr: Das sanfte Gesetz, S. 291.

[38] Stifter: Brigitta, S. 45.

[39] Vgl. Gutjahr: Das sanfte Gesetzt, S. 291.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656062653
ISBN (Buch)
9783656062899
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182599
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
Schlagworte
Gender Biedermeier Novelle Stifter Brigitta Frauenbild Kulturwissenschaft Feminismus

Autor

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