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Von der Kupferkönigin zu Prinzessin Fisch

Anlehnungen an E.T.A. Hoffmann in Franz Fühmanns Fragment "Die Glöckchen"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 E.T.A. Hoffmann Rezeption bei Franz Fühmann
2.1 “Von Menschheits- und Menschenerfahrungen”
2.2 Fantastisches und Reelles in Verbindung

3 Die Kupferkönigin
3.1 Die Herrscherin über die Bergwelt bei E.T.A. Hoffmann
3.2 Zwei Formen der Kupferkönigin bei Franz Fühmann

4 Der blutrote Almandin
4.1 Die Verbindung zweier Welten bei E.T.A. Hoffmann
4.2 Die Entlarvung des Scheins bei Franz Fühmann

5 Schluss

6 Bibliographie

1. Einleitung

Franz Fühmanns fragmentarischer Erzählung Die Glöckchen ging eine mehrjährige intensive Auseinandersetzung mit den Themen „Bergwerk“, „Bergarbeiter“ und der Welt unter Tage voraus. Die Beschäftigung mit dem Werk Im Berg, das nach Fühmanns Tod im Jahr 1984 unvollendet bleiben sollte, und das er auch deshalb mit dem Untertitel „Bericht eines Scheiterns“ versah, hatte ihn in Exkursionen, Arbeitseinsätzen und Aufenthalten in verschiedenen Bergwerken im Mansfelder Land und Thüringen dem Motiv persönlich näher gebracht.1

Die Glöckchen, eine äußerst kritische Betrachtung des scheinbar idyllischen Lebens in der Bergarbeitersiedlung, ist gefüllt mit Zitaten und Anlehnungen an E.T.A. Hoffmanns Erzählung Die Bergwerke zu Falun. Bereits in früheren Jahren hatte sich Franz Fühmann mit den Werken der Romantik, u.a. mit denen E.T.A. Hoffmanns auseinandergesetzt und seine Ansichten zu dem Werk dieses Dichters auch in Reden und Vorträgen kundgetan. Auf der Grundlage dieser Texte soll im Folgenden erörtert werden, in welcher Weise und zu welchem Zweck sich Fühmann bestimmter Bilder und Figuren aus dem Hoffmann-Text zur Gestaltung seiner eigenen Erzählung bedient.

Dazu werden zunächst grundsätzliche Ansichten zu Hoffmann und der Romantik aufgeführt, wie sie aus dem Originaltexten Fühmanns und den Interpretationen in der Sekundärliteratur herauszulesen sind. Anschließend finden insbesondere zwei Elemente Beachtung, die die Erzählungen Hoffmanns und Fühmanns verbinden. Zum einen sei hier die Figur der Kupferkönigin genannt, die Fühmann in angewandelter Form aufgreift. Zum anderen beschäftigt sich der vorliegende Text mit der Bedeutung des „Almandin“ in beiden Erzählungen.

Ergänzend zu Fühmanns Text Die Göckchen wird an verschiedenen Stellen auf sein Werk Im Berg Bezug genommen, da sich in diesem eng themenverwandten Werk der gleichen Schaffensperiode Parallelen zu den Ausführungen darstellen lassen.

2. E.T.A Hoffmann Rezeption bei Franz Fühmann

Im Jahr 1976, anlässlich des 200. Geburtstags E.T.A. Hoffmanns, verfasst Franz Fühmann zwei Aufsätze, in denen seine Einstellung zu dessen Literatur deutlich wird. Den ersten der beiden hält er in Form einer Rede an der Akademie der Künste der DDR. Den zweiten verliest er wenige Tage später in einer Rundfunksendung des Senders DDR1.

In beiden Ausführungen setzt sich Fühmann intensiv mit der eigenen, sehr persönlichen Rezeption der Werke Hoffmanns auseinander. Seine Affinität zur Romantik im Allgemeinen und seine Bewunderung für E.T.A. Hoffmann im Besonderen kommt klar zum Ausdruck. Im Wesentlichen führt Fühmann als Begründung hierfür zwei Aspekte an, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

2.1 „Von Menschheits- und Menschenerfahrung“

Fühmann definiert seinen persönlichen Literaturbegriff in der Rede an der Akademie der Künste in Form eines Erfahrungs-Modells. Die Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen ist, so Fühmann, gekennzeichnet durch eine ständige Wechselbeziehung mit der Umwelt und den geschaffenen, gesellschaftlichen Strukturen. Es findet demzufolge ein ständiger Vergleich des Selbst mit dem „Anderen“ statt, der in seinen Widersprüchen und Unregelmäßigkeiten zu steter Veränderung der eigenen Persönlichkeit anregt. Die Aufgabe der Kunst, und somit auch der Literatur, liegt laut Fühmann darin, dass sie

Modelle wesenhafter Erfahrung [liefert], die es dem einzelnen gestatten, sich im phantastischen Selbsterlebnis in seiner Umwelt wiederzufinden und sich mit den Mitmenschen zu vergleichen: betroffen, erschüttert, bestätigt als ganzer Mensch; 2

Die Aufgabe des Künstlers sieht Fühmann nun darin, solche Modelle sowohl neu als auch zeitlos zu gestalten. Während mittelmäßige Künstler nur in der Lage sind, die bereits geschaffenen Modelle zu bearbeiten und erneut zu verwenden, ist die Größe eines Dichters daran zu ersehen, dass es ihm gelingt beiden oben genannten Ansprüchen Rechnung zu tragen. Diese Fähigkeit spricht er den Dichtern der Romantik zu, den diese haben „Modelle neuer Erfahrung geschaffen“. Insbesondere hebt er allerdings E.T.A. Hoffmann hervor, denn jener habe dies mit „besonderer Art und Präzision“3 vermocht.

Diese Auseinandersetzung mit dem menschlich Erfahrbaren, die Möglichkeit zur Identifikation und Abgrenzung in der Begegnung mit dem Werk Hoffmanns, ist es, was Fühmann an den Werken des Romantikers fasziniert. Sigrid Kohlhoff fasst dies wie folgt zusammen:

Für die Romantik und insbesondere für das Werk E.T.A. Hoffmanns weist Fühmann nach, daß (sic) es darin weniger auf das artistische Können und die Idealisierung des Menschen ankommt, als auf die künstlerische Vermittlung von konkret erfahrbarem Alltag. Die Romantik erfasse, was die Klassik nicht vermocht hat, die Bereiche des Psychischen und des Sozialen...4

Die Fähigkeit, ein Abbild der menschlichen Seele zu erschaffen, das ist es, was Fühmann E.T.A. Hoffmann attestiert, und dies insbesondere in Hinblick auf die, wie Fühmann es nennt, „Gespaltenheit der Seele“5, den Schattenseiten und Abgründen des Selbst. In diesen Darstellungen erkennt Fühmann die wahren „Gespenster“ des als „Grusel-Hoffmann“ bekannten Romantikers.6 Denn „seine Gespenster sind real und nicht illusionär“.7

2.2 Fantastisches und Reelles in Verbindung

Doch gerade diese Verbindung von Realem und Illusionärem in den „Gespenstern“ Hoffmanns bildet den zweiten Faszinationspunkt für Fühmann. Das Fantastische und Traumhafte steht dem realen Alltagsgeschehen nicht einfach gegenüber, sondern wird als Teil dessen, als Bestandteil der oben erwähnten menschlichen Erfahrung und Psyche, in das Geschehen integriert. Die Auseinandersetzung mit dem Realen findet somit immer auch im Vergleich mit dem Mystischen statt.

So finden Traumsequenzen, wie sie für die Romantik üblich bei Hoffmann zu finden sind, auch in abgewandelter Form bei Fühmann Einzug. Bezogen auf „Im Berg“ ist dies beispielsweise in dem traumhaft dargestellten Vergleich des Bergwerks mit einer einstürzenden Schokoladenfabrik erkennbar.8 Während derartige Traumsequenzen bei Fühmann allerdings auch als solche, nämlich nicht reale Sequenzen, dargestellt werden, bleibt bei E.T.A. Hoffmann die mögliche Verbindung zur Realität im Sinne einer Vorrausdeutung bestehen. Das Irreale hat durchaus seine Berechtigung in der realen Welt und wird nicht als illusionär abgetan.

Was bei Hoffmann allerdings als mystisch bestehen bleibt (wenn auch als Teil der menschlichen Psyche und somit als „real“ interpretierbar), übersetzt Fühmann in eine wesentlich greifbarere Form. Zwar finden sich in dem Fragment Im Berg bei Fühmann ebenfalls mythologisch anmutende Figuren, jedoch werden diese derart gestaltet, dass sie eine (wenn auch nicht immer aufgedeckte) mögliche reale Erklärung und Form nahelegen. Dazu heißt es Im Berg:

[...] ich beschäftigte mich jetzt mit Novalis und E.T.A. Hoffmann, mit Lebensgier und Todessehnsucht und der Wirklichkeit der Gespenster in einer gespenstischen Wirklichkeit, mit seltsam suspekten Archivaren, von denen die Umwelt nicht so recht weiß, wessen Zeichen sie eigentlich sind,[...] mit Marktweibern, die hüben Marktweiber sind und drüben mächtige Zauberinnen.9

Als solch eine „gespenstische“ Figur erscheint auch die Kupferkönigin. Dieses bei Hoffmann traumhafte, mystische Wesen, erhält bei Fühmann einen sehr viel wirklicheren Charakter. Wenn ihr Einfluss dadurch auch nicht geschmälert wird.

3. Die Kupferkönigin

Während die Kupferkönigin bei E.T.A. Hoffmann ihren Raum eindeutig in der Welt unter der Erde zugewiesen bekommen hat, und ihre macht letztlich dadurch zum Ausdruck bringt, dass sie ihre Diener unter Tage holt, erhält sie bei Fühmann auch einen Platz in der Welt der Bergleute an der Oberfläche. Die Parallelen in den verschiedenen Darstellungen sowie die Unterschiede in den Funktionen der Figur werden im Folgenden erörtert.

3.1 Die Herrscherin über die Bergwelt bei E.T.A. Hoffmann

Bereits vor seiner Reise nach Falun erscheint die Kupferkönigin dem jungen Elis Froböm im Traum. Er folgt dem Ruf der „mächtigen Frau“ und beginnt in der Grube zu Falun sein Leben als Bergarbeiter. Letztlich jedoch zieht ihn die magische Kraft der Herrscherin über das Reich unter Tage vollends in ihren Bann, so dass es ihm unmöglich wird, sein Leben in der realen Welt weiter zu führen.

E.T.A. Hoffmanns Kupferkönigin herrscht über eine unterirdische Zauberwelt voller Verlockungen, die in Elis „Schmerz und Wollust[...]Liebe, Sehnsucht, brünstiges Verlangen“10 entfachen. Der Jüngling verpflichtet sich, der Königin zu dienen, die wiederum starke Ähnlichkeiten mit der jüngst verstorbenen Mutter Elis aufweist, unter deren Verlust er sehr leidet. Zunächst glaubt er auch in der Stimme und Gestalt der „mächtigen Frau“11, die Mutter zu erkennen.

Hier offenbart sich die oben beschriebene Kunstfertigkeit E.T.A. Hoffmanns die Eigenheiten der Psyche in eindrücklichen Bildern umzusetzen. Die Figur der Kupferkönigin bleibt als mythisches Wesen bestehen. Dennoch gibt der Dichter selber Hinweise auf mögliche psychologische Deutungen. Da wäre zum einen die bereits erwähnte Ähnlichkeit zur Mutter und das zuvor durchlebte Trauma durch ihren Verlust, zum anderen folgen im weiteren Verlauf der Handlung direkte Aussagen zum gequälten Seelenleben der Hauptfigur:

Die herrlichsten Gänge lagen ihm offen vor Augen, [...] er vergaß alles, er musste sich, auf die Oberfläche hinaufgestiegen, auf PehrsonDahlsjö, ja auf seine Ulla besinnen, er fühlte sich wie in zwei Hälften geteilt, es war ihm, als stiege sein besseres, sein eigentliches Ich hinab in den Mittelpunkt der Erdkugel und ruhe in den Armen der Königin, während er in Falun sein düsteres Lager suche.12 (Hervorhebungen Kathrin Vogel)

Die Gespaltenheit der Persönlichkeit Elis Froböms wird hier mehr als nur angedeutet. Gleichzeitig wird sie bildhaft umgesetzt und findet ihren Ausdruck in der magischen Gestalt der Kupferkönigin, die macht über den dunklen Teil seiner Seele ausübt. Diese Macht ist so stark, dass nicht einmal die Liebe seiner schönen Verlobten Ulla ihn aufhalten kann. Elis Froböm ist gefangen zwischen seinem alten und seinem neuen Leben. Wenn er der Mutter auch zunächst nicht in den Tod folgen kann, dann zumindest doch erst einmal unter die Erde.

[...]


1 Decker, Gunnar. Franz Fühmann:Die Kunst des Scheiterns. Eine Biographie. Rostock: Hinstorff, 2009. S.373 ff.

2 Fühmann, Franz. „Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Rede in der Akademie der Künste der DDR“. In: Franz Fühmann, Band 6: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964 – 1981. Rostock: Hinstorff, 1993. S.221. (im Folgenden abgekürzt: Akademie)

3 Ebd.

4 Kohlhof, Sigrid. Franz Fühmann und E.T.A. Hoffmann: Romantikrezeption und Kulturkritik in der DDR. Frankfurt u.a.: Lang, 1988. S.22.

5 Fühmann, Franz. „Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Ein Rundfunkvortrag“. In: Franz Fühmann, Band 6: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964 – 1981. Rostock: Hinstorff, 1993. S. 241.

6 Vgl. ebd. S.240-241.

7 Akademie. S.218.

8 Fühmann, Franz. Im Berg: Texte und Dokumente aus dem Nachlaß. Hrsg. von Ingrid Prignitz. Rostock: Hinstorff, 1993. S.26.

9 Ebd. S. 28.

10 Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus. Die Bergwerke zu Falun. Stuttgart: Reclam, 2006. S.13. (Im Folgenden: Hoffmann: Falun)

11 Ebd.

12 Ebd. S.35.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656065005
ISBN (Buch)
9783656064800
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182595
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
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