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e-Inklusion macht Schule – Eine Chance zur Überwindung der Digitalen Kluft

Hausarbeit 2011 32 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 e-Inklusion macht Schule – Eine Chance zur Überwindung der Digitalen Kluft
1.1 Einführung, Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Die „Digitale Kluft“ als gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit
2.1 Digitale Kluft – Begriffserklärung und Einführung
2.2 Ursachen bzw. Faktoren für die Entstehung der Digitalen Kluft und deren Auswirkungen
2.3 Die Kapitaltheorie des französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu und das Phänomen der Digitalen Kluft
2.3.1 Die Kapitaltheorie Bourdieus als Modell zur Erklärung sozialer Ungleichheiten in unserer Gesellschaft
2.3.2 Zusammenhänge zwischen ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital, sozialen und digitalen Ungleichheiten und der Digitalen Kluft

3 Digitale Kluft und Migrationshintergrund – Der Status Quo in Deutschland
3.1 Internetnutzung nach Migrationshintergrund und den weiteren die Digitale Kluft beeinflussenden Faktoren
3.2 Fazit aus den Studienergebnissen

4 Das umfassende Konzept der e-Inklusion als Chance zur Überwindung der Digitalen Kluft
4.1 e-Inklusion – Begriffserklärung und Einführung
4.2 Überwindung der Digitalen Kluft durch integrationsfördernde Maßnahmen und die dabei zu berücksichtigenden Anforderungen
4.2.1 Schritt 1 – Schaffen der erforderlichen Rahmenbedingungen
4.2.2 Schritt 2 – Anbieten von Möglichkeiten zum Erwerb der notwendigen Kompetenzen
4.2.3 Schritt 3 – Bereitstellen zielgruppenrelevanter Inhalte
4.3 Best-Practice-Beispiele – Projekte zur Förderung der digitalen Integration von Menschen mit Migrationshintergrund
4.3.1 Das Projekt „Refugees Emancipation“
4.3.2 Das Projekt „Integration@Partizipation“
4.3.3 Das Projekt „buerger-gehen-online“

5 Zusammenfassende Wertung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Erklärung

Zusammenfassung

In dieser Arbeit wird am Beispiel der Menschen mit Migrationshintergrund aufgezeigt, wie das Konzept der e-Inklusion eingesetzt werden kann, um dieser von der digitalen Ausgrenzung betroffenen Bevölkerungsgruppe die Möglichkeit zu eröffnen, sich aktiv an der Informationsgesellschaft zu beteiligen und so die bereits bestehende Digitale Kluft überwinden zu können. Dazu werden zum einen die sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Behinderung, Migrationshintergrund, Stadt-Land-Zugehörigkeit, Beschäftigung, Einkommen und Bildungsgrad, die zur Entstehung der Digitalen Kluft führen bzw. diese begünstigen können, anhand empirischer Studien zur Internetnutzung genauer betrachtet. Zum anderen wird mit Hilfe der Kapitaltheorie des französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu versucht zu erklären, warum gerade diese Faktoren entscheidenden Einfluss auf die Internetnutzung bzw. Internetnichtnutzung ausüben. Anschließend wird auf den Status Quo der Digitalen Kluft in Deutschland wie auch auf das umfassende Konzept der e-Inklusion und die damit verbundenen, integrationsfördernden Maßnahmen eingegangen. Zum Abschluss werden einige ausgewählte Best-Practice-Beispiele vorgestellt, die diese Maßnahmen bereits erfolgreich umgesetzt haben.

Schlagwörter: e-Inklusion, Digitale Kluft, digitale Integration, Menschen mit Migrationshintergrund

Abstract

This paper shows how the concept of e-inclusion can be used to help people with an immigrant background get the chance to actively participate in the modern and knowledge-based information society and so to successfully overcome the existing digital divide. For this purpose a closer look is taken on the socio-demographic and socio-economic variables like urban or rural affiliation, migration background, age, gender, physical or psychical handicaps, employment and income and education levels using empirical studies because these variables have a strong influence not only on the formation but also on the intensification of the digital divide. In order to explain this strong influence the capital theory of French sociologist Pierre Bourdieu is used. Another part of this paper deals with the status quo of the digital divide in Germany as well as with the concept of e-inclusion and the associated target-group-oriented measures and initiatives supporting integration. The last part presents some best practice examples that aim to prevent isolation and social exclusion by not only providing access to modern communication technologies but also by enabling people to use these technologies to their personal benefit.

Keywords: e-inclusion, digital divide, digital integration, people with an immigrant background

1 e-Inklusion macht Schule – Eine Chance zur Überwindung der Digitalen Kluft

1.1 Einführung, Problemstellung und Zielsetzung

Die digitale Welt wächst mit enormer Geschwindigkeit. Informations- und Kommunikationstechnologien sind aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Mittlerweile nehmen sie in nahezu allen Bereichen des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens eine Schlüsselrolle ein. Denn immer mehr und mehr Informationen und Dienste werden heute vielfach nur noch über Neue Medien angeboten (Arnold, 2007, S. 1; Europäische Kommission, 2008, S. 9; Hinkelbein, 2004, S. 1; Initiative D21 e. V., 2011, S. 5–8; Mühlenfeld, 2009, S. 29).

Durch diese Entwicklung entsteht aber auch eine Digitale Kluft zwischen jenen, die über Informations- und Kommunikationstechnologien verfügen und diese nutzen können und jenen, die diese Technologien nicht oder nur in geringem Ausmaß nutzen können. Es kommt zu einer digitalen Ausgrenzung, von welcher besonders Menschen aufgrund gesundheitlicher, finanzieller, ethnischer oder bildungsbezogener Hindernisse aber auch aufgrund unzureichender bzw. fehlender digitaler Kompetenzen oder mangelndem Breitband-Internetanschluss in strukturschwachen Wohngebieten betroffen sind (Initiative D21 e. V., 2010, S. 12–60, 2011, S. 5–8; Kampmann & Lins, 2009, S. 8; Lins & Kempf, 2009, S. 12–15). Sie können die Chancen und Möglichkeiten, die ihnen die Nutzung des Internets bieten würde, gar nicht oder nur in geringem Ausmaß wahrnehmen, sodass ihnen der Weg in die moderne Informationsgesellschaft meist gänzlich verschlossen bleibt.

Deshalb ist es wichtig, der digitalen Ausgrenzung durch zielgruppengerechte Maßnahmen entgegenzuwirken und so die Teilung der Gesellschaft in Form der Digitalen Kluft zu überwinden. Denn gerade durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien, sei es Computer, Internet oder auch Mobiltelefon, ergeben sich neue Chancen und Potentiale, um insbesondere diesen benachteiligten Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit zu geben, sich aktiv in gesellschaftlichen und politischen Bereichen zu beteiligen (Arnold, 2007, S. 1–6; Bischoff, 2008, S. 66–68; Hinkelbein, 2004, S. 18–30; Kampmann & Lins, 2009, S. 4).

Einen möglichen Lösungsansatz bietet hierfür das umfassende Konzept der e-Inklusion. E-Inklusion steht für digitale Integration bzw. für eine neue digitale Chance, die es einerseits allen Menschen ermöglichen soll, Zugang zu den nötigen Informations- und Kommunikationstechnologien zu erhalten. Andererseits gehört zum Konzept der e-Inklusion auch, den betroffenen Menschen beim Erwerb der notwendigen digitalen Kompetenzen, das heißt der Kompetenz zur Handhabung und Nutzung des Internets, zur Gestaltung von sozio-technischen Systemen mithilfe des Internets und der kritischen Rezeption von Inhalten der Onlinemedien (Schiersmann, Busse, & Krause, 2002, S. 32–50), zu unterstützen. Denn nur wer moderne Kommunikationstechniken nutzt und versteht, kann aktiv und sinnvoll am wirtschaftlichen, politischen und sozialen Leben teilnehmen (Initiative D21 e. V., 2010, S. 3, 2011, S. 5–8; Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2007, S. 2–3).

Wirtschaft und Politik in Deutschland bemühen sich seit langem, den Zugang zu den nötigen Informations- und Kommunikationstechnologien für alle Bevölkerungsruppen zu gewährleisten, indem sie den Ausbau der technischen Infrastruktur wie auch die Verfügbarkeit von netzfähigen Endgeräten im Haushalt und am Arbeitsplatz vorantreiben (Europäische Kommission, 2008, S. 10–11; Initiative D21 e. V., 2010, S. 12–36, 2011, S. 6–7; Kampmann & Lins, 2009, S. 4).

Die Gründe für die Digitale Kluft in Deutschland sind demnach immer weniger auf einen unzureichenden Zugang zu den digitalen Medien als vorrangig auf fehlende bzw. unzureichende digitale Kompetenzen zurückzuführen. Doch gerade diese Kompetenzen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Intensität und die Art und Weise der Internetnutzung, also ob das Internet eher zur Informationssuche, zur Kommunikation oder zur Unterhaltung genutzt wird. Abhängig sind diese Mediennutzungskompetenzen wiederum von den sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Merkmalen wie Stadt-Land-Zugehörigkeit, Migrationshintergrund, Alter, Geschlecht, Behinderung, Beschäftigung, Einkommen und Bildungsgrad (Europäische Kommission, 2008, S. 50–52; Kissau, 2008, S. 35–54; Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2007, S. 3–4; Mühlenfeld, 2009, S. 47; Zillien, 2008, S. 209).

Aufgrund der Ergebnisse verschiedener, empirischer Studien zu den digitalen Kompetenzen lässt sich zeigen, dass von den genannten Merkmalen vor allem der Faktor Bildung einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, wie jemand in der Lage ist, die Internetmedien zu nutzen (Bonfadelli & Bucher, 2006, S. 5; Europäische Kommission, 2008, S. 50–52; Kampmann & Lins, 2009, S. 11; Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2007, S. 4–5; Kutscher, 2009, S. 2–7; Lins & Kempf, 2009, S. 13; Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2010, S. 27; Mühlenfeld, 2009, S. 29; Otto, Kutscher, Klein, & Iske, 2005, S. 42).

Gerade in Deutschland ist dabei besonders auffällig, dass vor allem Migrantinnen und Migranten der ersten Generation, das heißt im Ausland geborene und zugewanderte Menschen, im Vergleich zu Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation, das heißt in Deutschland geborene und aufgewachsene Menschen, und auch im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund weitaus häufiger von sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Problemen wie etwa fehlenden schulischen und beruflichen Qualifikationen, der Erwerbstätigkeit in prestigearmen Berufen, einem niedrigen Einkommen sowie Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind (Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2007, S. 10–11; Lins & Kempf, 2009, S. 79–80; Lutz & Heckmann, 2010, S. 24–25; Weishaupt, 2010, S. 205–206).

Ziel dieser Arbeit ist es deshalb, am Beispiel der marginalisierten Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund aufzuzeigen, wie das Konzept der e-Inklusion eingesetzt werden kann, um dieser von der digitalen Ausgrenzung betroffenen Bevölkerungsgruppe die Möglichkeit zu eröffnen, sich aktiv an der Informationsgesellschaft zu beteiligen. Dazu wird in den einzelnen Kapiteln zum einen das gesellschaftliche Problem der Digitalen Kluft im Allgemeinen behandelt als auch der Status Quo der Digitalen Kluft in Deutschland in Bezug auf den Migrationshintergrund anhand empirischer Studien dargestellt. Zum anderen wird auf Maßnahmen und Initiativen zur Reduzierung der digitalen Ausgrenzung eingegangen und auch einige ausgewählte Best-Practice-Beispiele vorgestellt, die diese Maßnahmen bereits erfolgreich umgesetzt haben.

1.2 Aufbau der Arbeit

Nach einer kurzen Einführung in das Thema mit Problemstellung, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit im ersten Kapitel beschäftigt sich das zweite Kapitel mit dem gesellschaftlichen Problem der Digitalen Kluft im Allgemeinen. Dazu werden nach einer kurzen Begriffserklärung die Ursachen bzw. Faktoren, die zur Entstehung der Digitalen Kluft führen bzw. diese begünstigen können, anhand der aktuell vorliegenden Ergebnisse des (N)Onliner Atlas 2011, der größten empirischen Studie zur Internetnutzung in Deutschland, genauer betrachtet. Der letzte Abschnitt des zweiten Kapitels versucht mit Hilfe der Kapitaltheorie des französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu zu erläutern, warum gerade diese Faktoren entscheidenden Einfluss darauf ausüben, ob jemand von der digitalen Ausgrenzung betroffen ist oder nicht.

Im dritten Kapitel wird der Status Quo der Digitalen Kluft in Deutschland für die betroffene Bevölkerungsgruppe der Migrantinnen und Migranten anhand der Ergebnisse der Sonderauswertung zur Internetnutzung und Migrationshintergrund des (N)Onliner Atlas 2008 erläutert. Dazu erfolgt zuerst eine allgemeine Gegenüberstellung der Internetnutzung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, bevor dann die weiteren die Digitale Kluft beeinflussenden sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Faktoren wie Herkunft, Alter, Geschlecht, Beschäftigung, Einkommen und Bildung in die Betrachtung einbezogen werden. Den Abschluss des dritten Kapitels bildet das aus den Studienergebnissen gezogene Fazit.

Da das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf dem Konzept der e-Inklusion liegt, beschäftigt sich das vierte und vorletzte Kapitel ausschließlich mit diesem Themenbereich. Während zuerst geklärt wird, worum es sich bei dem Begriff e-Inklusion im eigentlichen Sinn handelt, werden im Anschluss die mit diesem Konzept verbundenen, integrationsfördernden Maßnahmen sowie die dabei zu berücksichtigenden Anforderungen aufgezeigt. Gegenstand des letzten Abschnitts des vierten Kapitels sind die in diesem Zusammenhang bereits umgesetzten und durchgeführten Projekte, wobei einige ausgewählte Best-Practice-Beispiele exemplarisch vorgestellt werden.

Die Hausarbeit schließt mit einer zusammenfassenden Wertung und einem Ausblick im fünften Kapitel ab.

2 Die „Digitale Kluft“ als gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit

2.1 Digitale Kluft – Begriffserklärung und Einführung

Der Begriff Digitale Kluft bzw. Digital Gap oder Digitale Spaltung bzw. Digital Divide beschreibt das gesellschaftliche Problem der ungleichen Verteilung des Zugangs zu Informations- und Kommunikationstechnologien sowie der ungleichen Nutzungsmöglichkeiten dieser Technologien in der heutigen Gesellschaft (Bisky & Scheele, 2007, S. 816–821).

Doch gerade diese Ungleichheiten bewirken eine Aufspaltung der Gesellschaft in eine sogenannte Online- und Offline-Gesellschaft. Das bedeutet, dass es auf der einen Seite die „Onliner“ gibt, die Zugang zu den digitalen Medien und hier vor allem zum Internet haben und dieses in unterschiedlichen Lebensbereichen zu ihrem Vorteil nutzen können. Auf der anderen Seite finden sich dagegen die „Offliner“, denen kein Internetzugang zur Verfügung steht oder die das Internet aufgrund anderer Faktoren wie Stadt-Land-Zugehörigkeit, Migrationshintergrund, Alter, Geschlecht, Behinderung, Beschäftigung, Einkommen und Bildungsgrad oder auch aufgrund fehlender bzw. mangelnder digitaler Kompetenzen nicht nutzen. Dadurch können sie die Chancen zur gesellschaftlichen Partizipation nicht wahrnehmen und sind deshalb meist von zahlreichen Bereichen des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens ausgeschlossen (Krcmar & Wolf, 2001, S. 1–2).

Die Digitale Kluft ist sowohl auf internationaler Ebene in Form einer Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als auch auf nationaler Ebene als Kluft zwischen der Bevölkerung innerhalb eines Landes und auch auf regionaler Ebene als Kluft zwischen den städtischen und ländlichen Gebieten vorzufinden (Bisky & Scheele, 2007, S. 821–822; Jäckel, Lenz, & Zillien, 2005, S. 17–18; Norris, 2001, pp. 3–95).

Doch unabhängig davon auf welcher Ebene die Digitale Kluft existiert, steht der Begriff selbst für die unterschiedliche Verfügbarkeit informationstechnischer Ressourcen und auch für differenzielle Nutzungsarten der neuen Technologien. Durch diese digitalen Ungleichheiten wird letztendlich aber nicht nur die Digitale Spaltung der Gesellschaft hervorgerufen sondern die bestehenden sozialen Ungleichheiten meist noch weiter verfestigt (Zillien, 2009, S. 3–4).

2.2 Ursachen bzw. Faktoren für die Entstehung der Digitalen Kluft und deren Auswirkungen

Die Gründe bzw. Ursachen für die Entstehung der Digitalen Kluft reichen vom fehlenden Zugang zu den nötigen Informations- und Kommunikationstechnologien über mangelnde Mediennutzungskompetenzen bis hin zu den bereits mehrfach erwähnten sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Faktoren wie Stadt-Land-Zugehörigkeit, Migrationshintergrund, Alter, Geschlecht, Behinderung, Beschäftigung, Einkommen und Bildungsgrad. Dabei üben gerade die letztgenannten Faktoren den größten Einfluss auf die Internetnutzung bzw. Internetnichtnutzung und damit letztendlich auf das Entstehen der Digitalen Kluft aus. Zusätzlich können sie sich auch gegenseitig beeinflussen oder in kombinierter Form auftreten (Bisky & Scheele, 2007, S. 817–820; Greis, 2004, S. 39–43; Jäckel et al., 2005, S. 17). So kann ein niedriger Bildungsgrad, eine Behinderung aber auch das Geschlecht Ursache für eine schlechter bezahlte Beschäftigung und damit ein geringeres Einkommen sein oder auch umgekehrt. Wirken mehrere Faktoren parallel, haben die betroffenen Personen mit mehreren Auswirkungen gleichzeitig zu kämpfen. Dennoch können gerade diese Faktoren sowohl als Faktoren der Teilung als auch als Faktoren der Integration wirksam werden (Konert, 2004, S. 15). Denn auf der einen Seite tragen sie zwar zur Entstehung der Digitalen Kluft bei, auf der anderen Seite ist es aber auch möglich unter Berücksichtigung dieser Faktoren Maßnahmen zu entwickeln, mit deren Hilfe eine Überbrückung der digitalen Ausgrenzung und damit eine digitale Integration erreicht werden kann.

Aus diesem Grund wird anhand der aktuell vorliegenden Ergebnisse des (N)Onliner Atlas 2011 gezeigt, welchen Einfluss die genannten Faktoren auf die Internetnutzung bzw. Internetnichtnutzung haben. Da der Migrationshintergrund im dritten Kapitel noch ausführlich behandelt wird, findet dieser Faktor in den nachfolgenden Betrachtungen noch keine Berücksichtigung.

Stadt-Land-Zugehörigkeit. Betrachtet man die Internetnutzung nach geographischen Gesichtspunkten, so bleibt der über Jahre hinweg bekannte Stadt-Land-Unterschied weiterhin bestehen (Initiative D21 e. V., 2011, S. 19). Die Ursache liegt vor allem darin, dass ländliche Regionen eher isolierter liegen und daher oft nur über eine mangelnde Infrastruktur verfügen. Ebenso können aber auch Stadtgebiete betroffen sein, wenn entsprechende finanzielle Ressourcen für den Ausbau der notwendigen Infrastruktur fehlen.

Alter. Aus den zentralen Ergebnissen des (N)Onliner Atlas 2011 geht deutlich hervor, dass mit zunehmendem Alter der Anteil der Offliner steigt. Der größte Bruch zeichnet sich dabei in der Altersgruppe 70 plus ab. Hier ist nur ein unterdurchschnittliches Wachstum in der Internetnutzung zu verzeichnen. Somit stellt der Faktor Alter nach wie vor eine ernst zu nehmende Barriere in der Internetnutzung dar. Er führt letztendlich auch dazu, dass die Generation 70 plus immer mehr zur Gruppe der Offliner wird (Initiative D21 e. V., 2011, S. 14).

Geschlecht. Bei der geschlechterspezifischen Internetnutzung liegt der Anteil der Männer weiterhin deutlich über dem der Frauen. Dennoch ist im Vergleich zum vergangenen Jahr 2010 das Anteilswachstum bei den Frauen mit 4,1 Prozentpunkten deutlich höher als bei den Männern mit nur 1,2 Prozentpunkten. Damit verringert sich die Kluft in der Internetnutzung zwischen Männern und Frauen im Gegensatz zum letzten Jahr wieder. Eine positive Entwicklung, denn im Jahr 2010 war der Unterschied zwischen den Geschlechtern sogar höher als zu Beginn der Messungen im Jahr 2001 (Initiative D21 e. V., 2011, S. 15).

Behinderung. Gerade bei einer Behinderung gilt es zu beachten, dass die damit einhergehenden Einschränkungen meist von sehr unterschiedlicher Art sind. So müssen zum Überwinden der bei einer Seh- oder Hörbehinderung auftretenden Barrieren ganz andere Maßnahmen und Initiativen ergriffen werden als bei einer geistigen Behinderung. Ebenso muss auch bei kognitiven oder motorischen Schwächen wiederum anders reagiert werden. Allen Einschränkungen gemeinsam ist aber die Tatsache, dass auch sie meist mit einer Ausgrenzung verbunden sind.

Beschäftigung. Auch beim Faktor Beschäftigung ist ein sehr deutlicher Zusammenhang mit der Internetnutzung bzw. Internetnichtnutzung zu erkennen. Im Schnitt sind bei den Nicht-Berufstätigen sogar mehr als viermal so viele Personen offline wie bei der berufstätigen Bevölkerungsgruppe (Initiative D21 e. V., 2011, S. 18). Da es sich bei der Mehrheit der Nicht-Berufstätigen um Personen im Ruhestand mit einem geringen Haushaltseinkommen handelt, wird hier auch wieder die gegenseitige Beeinflussung der einzelnen Faktoren deutlich. Vor allem dann, wenn mehrere verschiedene Faktoren, wie in diesem Fall Beschäftigung, Alter und Einkommen, kombiniert auftreten.

Einkommen. Nach wie vor besteht auch eine sichtbare Abhängigkeit zwischen der Internetnutzung bzw. Internetnichtnutzung und dem Einkommen. Vor allem bei einem Haushaltseinkommen zwischen 1.000 und 2.000 Euro liegt der Offline-Anteil bei immerhin über 30 Prozent. Bei einem Einkommen von weniger als 1.000 Euro sind es sogar 43 Prozent (Initiative D21 e. V., 2011, S. 17). Die Gründe für ein geringes Einkommen reichen dabei von Arbeitslosigkeit über Behinderung und Migrationshintergrund bis hin zu fehlenden schulischen und beruflichen Qualifikationen oder einer Kombination aus mehreren dieser Merkmale. Das bedeutet, dass auch in diesem Fall die Kombination mehrerer Faktoren zur Ausgrenzung führen bzw. eine bereits bestehende Ausgrenzung noch verstärken kann.

Bildungsgrad. Der Faktor Bildungsgrad ist einer der entscheidendsten Faktoren im Zusammenhang mit der Internetnutzung bzw. Internetnichtnutzung. Gerade bei der Bevölkerungsgruppe mit formal einfacher Bildung ist der Offline-Anteil noch immer am höchsten. Dennoch ist gerade hier, wie schon im Jahr 2010, der höchste Zuwachs bei der Internetnutzung zu verzeichnen und damit entsprechend großes Potential zur Überwindung der Digitalen Kluft vorhanden (Initiative D21 e. V., 2011, S. 16).

2.3 Die Kapitaltheorie des französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu und das Phänomen der Digitalen Kluft

Nach einer kurzen, theoretischen Beschreibung der Kapitaltheorie des französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu im ersten Teil dieses Kapitels, wird seine Theorie im zweiten Teil als Ansatz herangezogen, um Zusammenhänge zwischen den im vorherigen Abschnitt beschriebenen sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Faktoren, den sozialen und digitalen Ungleichheiten und dem gesellschaftlichen Problem der Digitalen Kluft erklären zu können.

2.3.1 Die Kapitaltheorie Bourdieus als Modell zur Erklärung sozialer Ungleichheiten in unserer Gesellschaft

Mit seiner Kapitaltheorie stellt der französische Kultursoziologe Pierre Bourdieu ein Modell zur Erklärung sozialer Ungleichheiten zur Verfügung. Dabei unterscheidet Bourdieu das ökonomische, das soziale und das kulturelle Kapital und geht von der Annahme aus, dass diese Kapitalarten den Menschen in unterschiedlicher Art und Weise zur Verfügung stehen bzw. in sozialen Gruppen ungleich verteilt sind und dadurch jede Person auch eine unterschiedliche, soziale Position einnimmt (Bourdieu, 1983, S. 187–188). Kapital definiert Bourdieu (1983, S. 183) als akkumulierte Arbeit, die entweder in materieller oder in verinnerlichter, inkorporierter Form genutzt werden kann.

Ökonomisches Kapital. Das ökonomische Kapital, messbar z. B. am Einkommen oder am materiellen Reichtum, das einer Person zur Verfügung steht, zeichnet sich für Bourdieu (1983, S. 184–185) dadurch aus, dass es unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar ist. Die beiden anderen Kapitalarten lassen sich unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls in ökonomisches Kapital konvertieren bzw. können über dieses auch erworben werden. Das ökonomische Kapital dient Bourdieu sozusagen als zentrale Bezugsgröße, um zu beschreiben, wie die verschiedenen Kapitalarten gegenseitig ineinander transformiert werden können.

Soziales Kapital. Das soziale Kapital umfasst für Bourdieu (1983, S. 191–194) alle sozialen Ressourcen, das heißt Kontakte und Beziehungen, auf die eine Person bei Bedarf bzw. in einer bestimmten Situation zurückgreifen kann. Das bedeutet, dass der Umfang des Sozialkapitals, der einer Person zur Verfügung steht, auch vom Umfang der Kapitalressourcen ihrer Kontakte und Beziehungen abhängig ist (Bourdieu, 1983, S. 191). Zusätzlich ist auch Beziehungsarbeit notwendig, um soziales Kapital überhaupt erwerben zu können (Bourdieu & Steinrücke, 2005, S. 67).

Kulturelles Kapital. Das kulturelle Kapital existiert nach Bourdieu (1983, S. 185) in drei unterschiedlichen Formen, und zwar in Form des verinnerlichten, inkorporierten Kulturkapitals, in Form des objektivierten Kulturkapitals und in Form des institutionalisierten Kulturkapitals.

Verinnerlichtes, inkorporiertes Kulturkapital. Dabei bezeichnet Bourdieu (1983, S. 186–187) das verinnerlichte, inkorporierte Kulturkapital oder Bildungskapital als Besitz, der zu einem festen Bestandteil der Person, zum Habitus geworden ist. Aus Haben ist Sein geworden. Der Erwerb ereignet sich in einem bewussten oder unbewussten Verinnerlichungsprozess, welcher persönlich investierte Zeit kostet und nicht delegiert werden kann.

Objektiviertes Kulturkapital. Unter dem objektivierten Kulturkapital versteht Bourdieu (1983, S. 188–189) den Besitz von kulturellen Gütern in Form von materiellen Trägern wie z. B. Gemälden oder Büchern. Dieses steht in einer Beziehung zum vorher beschriebenen verinnerlichten, inkorporierten Kulturkapital, mit dessen Hilfe das objektivierte Kulturkapital erst genossen werden kann.

Institutionalisiertes Kulturkapital. Das institutionalisierte Kulturkapital zeichnet sich für Bourdieu (1983, S. 189–190) dadurch aus, dass einer Person durch dessen Besitz institutionelle Anerkennung in Form eines schulischen oder akademischen Titels verliehen wird. Diese Titel sind somit ein Zeugnis für kulturelle Kompetenz.

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Details

Seiten
32
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656061984
ISBN (Buch)
9783656061663
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182545
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
e-inclusion digital divide digital integration people with an immigrant background e-Inklusion Digitale Kluft digitale Integration Menschen mit Migrationshintergrund

Autor

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