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Die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Konflikttransformation im Israel-Palästina-Konflikt

Eine Analyse des People-to-People-Dialogues im Zeitraum von 1993-2000

Diplomarbeit 2011 137 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

Teil A - EINLEITUNG

1 Einleitung
1.1 Einführung
1.2 Fragestellung und Ziel der Arbeit
1.3 Methode
1.4 Begründung des Untersuchungszeitraumes

TEIL B - Theoretische Grundlagen des P2P

2 Überblick über die theoretischen Konzepte des P2P

3 Zugrunde liegendes Konfliktverständnis
3.1 Allgemeine Begriffserklärung des Konfliktes
3.2 Verhältnis der Konfliktparteien zueinander

4 Zivilgesellschaft als theoretische Grundlage für den P2P
4.1 Normative Ausrichtung von Zivilgesellschaft
4.2 Bezugsrahmen von Zivilgesellschaft
4.3 Nahöstliche Debatte von Zivilgesellschaft
4.4 P2P als Werkzeug der Zivilgesellschaft

5 P2P innerhalb ziviler Konfliktbearbeitung
5.1 Peacebuilding mittels des People-to-People-Dialogues
5.2 Bedeutung von Konflikttransformation für den P2P
5.3 Strategien der Konflikttransformation
5.4 Verständnis von Dialog als Methode für den P2P

6 Wirkungsebenen des zivilgesellschaftlichen Dialogs

7 P2P innerhalb der vorgestellten theoretischen Konzepte

Teil C - Analyse des P2P zwischen Israel und Palästina

8 Überblick

9 Kontext
9.1 Konflikt zwischen Israel und Palästina
9.2 Politische Meilensteine im Untersuchungszeitraum
9.3 Zivilgesellschaft Israel
9.3.1 Besonderheiten der israelischen Zivilgesellschaft in Israel
9.3.2 Gesellschaftsstruktur Israels
9.3.3 Entwicklung der israelischen Zivilgesellschaft
9.3.4. Einstellung der Zivilgesellschaft zum Friedensprozess
9.3.5 Akteure der israelischen Zivilgesellschaft
9.4 Zivilgesellschaft in Palästina
9.4.1 Besonderheiten der palästinensischen Zivilgesellschaft
9.4.2 Gesellschaftsstruktur Palästinas
9.4.3 Entwicklung der Zivilgesellschaft in Palästina
9.4.4 Akteure derpalästinensischenZivilgesellschaft
9.5 Zivilgesellschaftliche Akteure Israels und Palästinas im Vergleich

10 People-to-People-Dialogue zwischen Israel und Palästina
10.1 Rechtlicher Rahmen
10.2 Ziele des zivilgesellschaftlichen Dialogs
10.3 People-to-People-Aktivitäten im Zeitraum von 1993-2000
10.4 Beispiele für P2P-Aktivitäten
10.4.1 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Two
10.4.2 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Three
10.4.3 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Four
10.4.4 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Five
10.4.5 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Six
10.4.6 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Seven
10.4.7 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Eight
10.4.8 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aufEbene von Track Nine
10.5 Finanzierung der People-to-People-Dialogue-Projekte
10.5.1 Allgemeines
10.5.2 Kontraproduktiver Einfluss der Geldgeber

11 Warum der P2P als gescheitert gilt

12 Politische und strukturelle Beeinträchtigungen des P2P
12.1 Grundproblematik
12.2 Fehlende Unterstützung durch die politische Führungsebene
12.3 Fehlende übergeordnete Strategie
12.4 Negative Auswirkungen der Besatzung auf P2P-Aktivitäten
12.4.1 Auswirkungen der Besatzung auf den P2P am Beispiel der Bewegungsfreiheit
12.5 Die Folgen asymmetrischer Machtverhältnisse für den P2P
12.5.1 Der Einfluss asymmetrischer Verhältnisse auf die Umsetzung des P2P
12.5.2 Einfluss asymmetrischerVerhältnisse aufP2P-Teilnehmer
12.5.3 Einfluss asymmetrischer Verhältnisse auf die Motivation der Akteure

13 Blockierung des P2P durch die Zivilgesellschaft
13.1 Unterschiedliche Erwartungen und Motivation
13.1.1 Palästinensische Erwartungen und Motivationen für die Teilnahme am P2P
13.1.2 Israelische Erwartungen und Motivationen für die Teilnahme am P2P
13.2 Beeinträchtigung des P2P durch mangelhafte Dialogkultur
13.3 Sprachbarrieren
13.4 Unüberwindbare Konfliktnarrative
13.4.1 Exkurs: Konträre Narrative am Beispiel der Staatsgründung Israels
13.5 Kontraproduktive Auswirkung des sozialen Umfeldes auf P2P
13.5.1 Einfluss des sozialen Umfeldes auf palästinensische P2P-Aktivisten
13.5.2 Einfluss des sozialenUmfeldes auf israelische P2P-Aktivisten
13.6 Fehlende Breitenwirkung des P2P
13.7 F ehlende N achhaltigkeit der P2P-Projekte
13.8 Fehlende mediale Öffentlichkeit

14 Teilerfolge des People-to-People-Dialogues

Teil D - Auswertung der Analyse

15 Gründe für das Scheitern des P2P
15.1 Fazit der Auswertung
15.2 Ausblick auf die künftige Entwicklung

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Darstellung 1:Track-Two-Aktivitäten in Abhängigkeit von den politischen Ereignissen

Darstellung 2: Verortung des People-to-People-Dialogues im Israel-Palästina-Konflikt

Darstellung 3: Das Konfliktdreieck

Darstellung 4: Aufgaben zivilgesellschaftlicher Akteure bei der Konflikttransformation

Darstellung 5: Basisdiagramm für elementare Konflikttransformation

Darstellung 6: Phasen der Konflikttransformation als Vorbedingung für P2P

Darstellung 7: Dimensionen der Konflikttransformation

Darstellung 8: Akteure der Konflikttransformation und ihre Handlungsmöglichkeiten

Darstellung 9: Schwerpunkte der Zivilgesellschaften in Israel und Palästina im Vergleich

Darstellung 10: Interimsabkommen von 1995 über gemeinsame Kooperationsprogramme

Darstellung 11: Interimsabkommenvon 1995 über P2P- Programme

Darstellung 12: Ziele und Ebenen von P2P-Initiativen

Darstellung 13: Typologisierung von P2P-Projekten zwischen Israel und Palästina

Darstellung 14: Verteilung der P2P-Finanzierung durch FAFO

Darstellung 15: Gründe für das Scheitern des People-to-People-Dialogues

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Der heute 14-jährige Samy Abu-Sarhan lebt in Ost-Jerusalem. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater ist Palästinenser. Ich habe Samy im Winter 2010 kennengelernt, als ich ihn per Telefon für eine deutsche Kinder-Radiosendung interviewt habe. In der Sendung sollten Kinder aus anderen Ländern ihren Alltag schildern. Der Alltag von Samy sieht so aus: Wenn er zu seiner Schule nach Beit Jala ins Westjordanland fährt, passiert er jeden Morgen und jeden Nachmittag Check­points an der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland. Soldaten mit Maschinengeweh­ren kontrollieren das Auto der Familie und stellen sicher, dass nichts im Kofferraum geschmug­gelt wird. Der Schulweg deutscher Kinder sieht anders aus. Konflikte wie der Israel-Palästina­Konflikt sind oft nur aus den Nachrichten bekannt. Es waren die Schilderungen von Samy, die mich zum ersten Mal persönlich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt in Berührung brachten. Sein Bericht weckte die Neugierde in mir, mehr über den Konflikt im Nahen Osten zu erfahren und darüber, wie die Menschen ihren Alltag dort gestalten. Was hat die ,normale„ Be­völkerung getan, um den Zustand, in dem sie leben, zu verändern? Wie organisierte sie sich? Und wie engagierte sie sich? Die Bekanntschaft mit Samy gab mir den Anstoß zu einer wissen­schaftlichen Auseinandersetzung mit diesen Fragen im Rahmen meiner Diplomarbeit. Im Vor­dergrund des Erkenntnisinteresses standen in erster Linie jene, die ganz nah mit dem Konflikt in Berührung kamen. Dabei geht es nicht darum, Betroffenheit zu erwecken oder aus der Ferne Lö­sungsvorschläge zu präsentieren. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Rolle der Zivilge­sellschaft im Israel-Palästina-Konflikt soll einen Beitrag dazu leisten, aus den Geschehnissen der Vergangenheit Muster zu erkennen, um in der Zukunft die Fehler von Gestern zu vermei­den. Denn obwohl der Untersuchungszeitraum in der Vergangenheit liegt, so ist doch das Thema auch noch in der Gegenwart aktuell. Besonders für Menschen wie Samy, für den der Konflikt kein 90-Sekunden-Beitrag in der Tagesschau ist, sondern Realität - und zwar 24 Stunden amTag. Jeden Tag.

Teil A - EINLEITUNG

„Der Frieden kommt durch Verständigung, nicht durch Vereinbarung“(arabisches Sprichwort).

1 Einleitung

1.1 Einführung

Der israelisch-palästinensische Konflikt zwischen jüdischen Israelis und muslimischen Ara­bern ist tief verwurzelt. Die Fronten zwischen den Konfliktparteien sind so stark verhärtet, dass einige Autoren diesen Konflikt bereits als unlösbar eingestuft haben (vgl. Aharoni 2007, S. 264). Zahlreiche Versuche, den Konflikt zu befrieden, sind bislang gescheitert. Umso größer waren die Hoffnungen, die auf das Konfliktlösungspotenzial der Zivilgesellschaft gesetzt wurden. Durch die Osloer Friedensabkommen von 1993 und 1995 wurden Israelis und Palästinenser dazu er­muntert, einander kennenzulernen und Beziehungen zueinander aufzubauen. Die Hoffnung be­stand darin, ein friedensförderndes und positives Grundklima in beiden Gesellschaften zu schaf­fen, das sich wiederum auf die politische Führungsebene niederschlagen sollte, um auf lange Sicht gesehen ein friedliches Miteinander zu ermöglichen.

Der Zivilgesellschaft wird in der Literatur eine nicht unbedeutende Rolle zugeschrieben, wenn es darum geht, tiefe Konflikte in eine positive Richtung zu transformieren (vgl. Kahanoff und Sa­lem 2007, S. 10 -11). Die Vergabe des Friedensnobelpreises im Herbst 2011 verdeutlicht die Stärke zivilgesellschaftlicher Akteure: mit Leymah Gbowee aus Liberia sowie Tawakkul Kar­man aus dem Jemen wurden zwei Akteurinnen der Zivilgesellschaft gewürdigt, für ihren „ge­waltfreien Kampf für die [...] Beteiligung an der Schaffung von Frieden" (vgl. Anwar et. al 2011).[1] Umso verwunderlicher ist es, dass in den relevanten Überblickswerken zum Konflikt zwischen Israel und Palästina[2] die Zivilgesellschaft selten bis nie als handelnder Akteur bei der Konflikttransformation thematisiert wird. Im Vordergrund steht häufig vielmehr der Versuch, die sogenannten W-Fragen zu klären - also: ,Wo spielt sich der Konflikt ab?„ ,Worum geht es in dem Konflikt? „ ,Wie ist es dazu gekommen?,, ,Wer ist beteiligt? und seit wann?„ „Israel und Palästina. Warum kämpfen sie und wie können sie aufhören?“ ist zum Beispiel der Titel eines Buches von Bernard Wasserstein, das versucht, die wichtigsten Fragen zu die­sem Konflikt zu beantworten. Doch bei der Beantwortung der Frage, wie sie aufhören kön­nen, geht es in diesem, wie auch in anderen Überblickswerken um Verträge zwischen Politi­kern, offiziellen Abkommen und Absichtserklärungen und weniger darum, welchen Beitrag die Bevölkerung zur Beendigung des Konflikts beitragen kann. Ganz zu schweigen von einer Beantwortung der Frage, wer ,sie„sind, wie ,sie„sich organisieren und engagieren, welchen Problemen ,sie„ durch den Konflikt gegenüberstehen. In Anbetracht der Komplexität des Kon­flikts, die in der Vielschichtigkeit der Interessen, in der Dauer, in der Vielzahl der Akteure be­gründet liegt, ist bereits die Beantwortung dieser Fragen eine Herausforderung und ist die Ver­nachlässigung der Zivilgesellschaft sehr wohl nachvollziehbar. Doch greifen Erläuterungen, die lediglich die politische Führungsebene einbeziehen, zu kurz, wenn es darum geht, einen Ge­samtüberblick zu erhalten.

Die vorliegende Arbeit widmet sich vor dem Hintergrund des Israel-Palästina-Konflikts der Beantwortung der Frage, welche Rolle die Zivilgesellschaft bei der Transformation des Kon­flikts zwischen Israel und Palästina gespielt hat. Mithilfe der Analyse des People-to-People- Dialogues soll die Untersuchung dazu beitragen, die beschriebene Forschungslücke wenn mög­lich zu verkleinern. Im Gegensatz zu Government-to-Government-Verhandlungen (Verhandlun­gen zwischen Regierungen) konzentriert sich der People-to-People-Ansatz auf die zivilgesell­schaftliche Komponente in Konflikten. Damit erweitert diese Untersuchung die Literatur zum Konflikt zwischen Israel und Palästina um einen wichtigen Bereich. Die fokussierte Betrachtung der Zivilgesellschaft innerhalb des Israel-Palästina-Konflikts beleuchtet einen zentralen Aspekt im Rahmen der Konfliktanalyse, der bislang nach Meinung der Autorin zu wenig beachtet wur­de. Die vorliegende Auseinandersetzung versteht sich als sehr speziellen Teil einer übergeordne­ten Konfliktanalyse, zu deren Vervollständigung noch viele weitere Akteure und Faktoren ein­fließen müssten. Die Konzentration auf die Zivilgesellschaft im Rahmen der Konflikttransforma­tion macht jedoch diese Arbeit nicht weniger wichtig, da die Analyse zur Vervollständigung eines Gesamtüberblicks beiträgt. Dies verdeutlicht die im Folgenden zitierte Parabel des Elefan­ten und der blinden Männer, die Diamond und McDonald im Zusammenhang mit Multi-Track- Diplomacy anführen:

„Like the blind man, if we feel only the trunk or the tusk or the tail of the peace pachy­derm, we will misperceive the true nature of this lively creature. Likewise, if we con­sider the animal as a whole but don't know the parts and how they each contribute, we lose the value of acquaintance with a richly complex being” (Diamond und McDonald 1996, S. 1).

Um im Bilde zu bleiben: Die Zivilgesellschaft stellt wohl bei der Betrachtung des , Konfliktele­fanten,, das Bein dar: Sie bildet das Fundament. In ihr liegt im Wesentlichen das Potenzial, den ,Konfliktelefanten„ zu bewegen. Warum dies allerdings im Falle des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern nur von geringem Erfolg gekrönt war, soll die Antwort auf die im nächsten Abschnitt vorgestellte Forschungsfrage erklären.

1.2 Fragestellung und Ziel der Arbeit

Um zu konkretisieren, wie die Auseinandersetzung mit der Rolle der Zivilgesellschaft im Israel­Palästina-Konflikt bei der Konflikttransformation innerhalb der gegenwärtigen Untersuchung er­folgen soll, werden im Folgenden die Fragestellung und das Ziel der Arbeit vorgestellt.

Noch Mitte der 1990er-Jahre wurde in wissenschaftlichen Debatten infrage gestellt, inwiefern zi­vilgesellschaftliche Gruppen bei der Transformation von gewaltsamen Konflikten bedeutsam sind (vgl. Reimann 2007, S. 92). Heute ist hingegen nicht das Ob, sondern vielmehr das Wie Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Ziel der Arbeit ist es daher, die Bedeutung der Zivilge­sellschaft für die Transformation des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern herauszu­arbeiten. Ferner soll untersucht werden, warum das zivilgesellschaftliche Engagement auf beiden Seiten nicht dazu geführt hat, den Konflikt in eine positive Richtung zu transformieren. Einige Autoren schreiben Zivilgesellschaften bei der Bearbeitung von Konflikten eine Schlüsselrolle zu (vgl. beispielsweise Barnes 2005, S. 7). Trotzdem muss im Falle des Israel-Palästina-Konflikts das zivilgesellschaftliche Engagement als gescheitert angesehen werden, da es nicht gelang, bei der Transformation des Konfliktes zu einer friedlichen Lösung beizutragen. Ziel dieser Arbeit ist es daher, im Rahmen der Analyse des später noch genauer zu erläuternden People-to-People- Dialogues (vgl. Kapitel 0) festzustellen, welche Handlungsmöglichkeiten die Zivilgesellschaften Israels und Palästinas hatten und an welchen Hürden letztlich der Dialog zwischen den Zivilge­sellschaften - im Folgenden bezeichnet als P2P (sprich englisch: P-to-P, Kurzform für People- to-People-Dialogue) - konkret gescheitert ist. Ferner soll untersucht werden, welche Verantwor­tung die Zivilgesellschaft am Scheitern des Oslo-Prozesses trägt. Die sich daraus ergebende For­schungsfrage für die vorliegende Arbeit lautet: ,Woran ist der zivilgesellschaftliche Dialog zwi­schen Israel und Palästina gescheitert?,,

Um der Beantwortung dieser Forschungsfrage nachzugehen, ist es zunächst notwendig, das P2P zugrunde liegende theoretische Verständnis zu klären (vgl. Teil B). Erst dadurch wird nachvoll­ziehbar, welche Handlungsmöglichkeiten die Zivilgesellschaften Israels und Palästinas im Rah­men des zivilgesellschaftlichen Dialogs überhaupt hatten. Das Ziel der Analyse im Hauptteil der Arbeit besteht darin, aufzuzeigen, wie der Dialog verläuft und woran er letztlich gescheitert ist. Zu diesem Zweck sollen die P2P-Aktivitäten zwischen Israel und Palästina im Untersuchungs- Zeitraum von 1993 bis zum Jahr 2000 analysiert werden. Für die Analyse des P2P-Prozesses in Israel und Palästina wird ein struktureller Gesamtüberblick angestrebt und nicht so sehr einzelne Projekte des P2P in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt.[3] Wie das angestrebte Ziel des Gesamtüberblicks erreicht werden soll, wird im Kapitel 1.3 im Rahmen der methodischen Vor­gehensweise der Analyse näher erläutert.

Relevant ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der vorgestellten Forschungsfrage vor allem deshalb, weil sie die Chance einer objektiven Betrachtung darstellt, die versucht, bei­den Seiten gerecht zu werden, und sich dabei weder auf die eine noch auf die andere Seite stellt. Der Untersuchung geht es nicht um die Ermittlung einer Schuldfrage, sondern um einen Er­kenntnisgewinn, der dazu beitragen kann, vergangene Fehler zu ermitteln und diese in Zukunft zu vermeiden. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass Umfang und Möglichkeiten der­artiger Untersuchungen im Rahmen einer Diplomarbeit begrenzt sind und sich die Ausführungen auf das Wesentliche beschränken müssen. Nicht alle Punkte können daher in einer Ausführlich­keit behandelt werden, die den derzeitigen Forschungsstand vollends ausschöpft und auf sämtli­che Aspekte der jeweiligen Themenbereiche eingeht. Dennoch können die vorgestellten Ergeb­nisse als Anregung für weiterführende Untersuchungen hilfreich sein. Beispielsweise könnte die Analyse des People-to-People-Dialogues dabei helfen, Strategien zu entwickeln, die die Bemü­hungen im Bereich der zivilen Konfliktbearbeitung in Zukunft effizienter und zielführender ma­chen. Die Identifikation der Barrieren des P2P-Dialogs könnte bei der Umsetzung künftiger Pea- cebuilding-Vorhaben helfen, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und auf die Schwierig­keiten besser reagieren zu können. Denn auch elf Jahre nach Ende des Untersuchungszeitraumes sind die Hürden größtenteils dieselben geblieben.

1.3 Methode

Um der Beantwortung der Forschungsfrage nachzugehen, wurde eine Zusammenstellung qualita­tiver, quantitativer und deskriptiver Studien verschiedener Autoren tiefgehend inhaltlich analy­siert. Der Sinn dieser gemischten Literaturauswahl liegt in dem Versuch begründet, einen mög­lichst umfassenden Blick auf verschiedene Aspekte und Ebenen der Schwierigkeiten des P2P zu gewinnen. Bei der Analyse stand nicht der Versuch im Vordergrund, verschiedene Argumenta­tionslinien einzelner Autoren herauszuarbeiten und diese miteinander zu vergleichen. Vielmehr war es Ziel, mittels der verwendeten Literatur Themen-Cluster zu bilden, um einen Gesamtüber­blick sowie eine Gewichtung der Gründe zu bekommen,woran die P2P-Aktivitäten gescheitert sind und warum sie den Konflikt nicht befrieden konnten. Daher wurde bei der Literaturauswahl auf eine hohe Heterogenität geachtet. Dieses Vorgehen ist vor allem deshalb sinnvoll, weil es die Kerngedanken der verwendeten Literatur aufgreift und auswertet und so ein Überblick geschaf­fen werden kann, der in dieser Form mit Vor-Ort-Forschung nicht hätte gewonnen werden kön­nen. Die Analyse orientierte sich unter anderem an Lederach: „What we are trying to measure, therefore, is a not a static outcome but a dynamic process” (Lederach 1997, S. 135).

Bei der vorliegenden Analyse stand nicht die Auseinandersetzung mit einzelnen Projekten, Or­ganisationen oder Akteuren des P2P im Vordergrund, sondern ein Erkenntnisgewinn strukturel­ler Natur. Hierfür erschien die oben beschriebene Analysemethode am geeignetsten. Die Evalua­tion des P2P im Speziellen ist ähnlichen Schwierigkeiten unterworfen wie die Evaluation von Peacebuilding im Allgemeinen. Auf Letzteres geht Lederach in seinem Kapitel Strategic and re­sponsive evaluation (vgl. Lederach 1997, S. 131) ein. Lederach stellt unter anderem den Kernge­danken von Jay Rothman vor, der drei Hauptfragen identifiziert hat, die auch für die Evaluierung des P2P hilfreich sind: Was waren die Ziele? Welche Motivationen gab es? Welche Prozesse können innerhalb der Initiative identifiziert werden? (vgl. Lederach 1997, S. 133). Die Analyse wird dieser Empfehlung folgen und die Literatur auch auf diese Aspekte hin untersuchen. In Tei­len orientiert sich die Untersuchung in ihrer Vorgehensweise ebenfalls am CIPP- Analysewerkzeug nach Stuffelbeam (vgl. Kahanoff und Salem 2007, S. 122). CIPP steht für Context - Input-Prozess-Product und gibt eine Art Gliederung vor, anhand derer sich ein so komplexes Thema wie das vorliegende gut und strukturiert untersuchen lässt.[4]

Die Schwierigkeit der Untersuchung lag darin, dass keine Koordination aller Track-Two- Aktivitäten zwischen allen Teilnehmern und Organisatoren existierte. Hinzu kommt, dass es kei­ne umfassende Gesamtdokumentation der Aktivitäten gibt, keine Datenbank, die alle Aktivitäten listet, und auch keine Daten darüber, wer wie von Track Two profitiert hat. Diese Einschätzung teilen auch Klein und Malki (vgl. Klein und Malki 2006, S. 130). Durch eine Metaanalyse der re­levanten Literatur zu diesem Thema konnte aber dennoch ein tieferer Einblick gewonnen wer­den, der im Folgenden dargestellt wird.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile: Unter Teil A wird das Forschungsvorhaben vorgestellt die die Umsetzung näher erläutert. Im Anschluss daran werden unter Teil B die theoretischen Kon­zepte vorgestellt mit denen P2P aus theoretischer Sicht erklärt werden kann. Dieser Teil bildet die Grundlage den Teil C, dem Hauptteil dieser Untersuchung. Hier erfolgt die konkrete Ausei­nandersetzung mit dem P2P. Zunächst wird unter Kapitel 9 der Kontext erläutert, in dem P2P stattgefünden hat. Der Konflikt wird konkret beschrieben sowie die beiden Zivilgesellschaften in

Israel und Palästina näher untersucht. Unter Kapitel 0 wird explizit auf die P2P-Aktivitäten im Untersuchungszeitraum eingegangen, damit ab Kapitel 11 dargestellt werden kann, wodurch P2P behindert wurde. In der Auswertung unter Teil D werden die Ergebnisse zunächst zusammenge­fasst und dann bewertet. Doch bevor die Ergebnisse präsentiert werden können, wird im folgen­den die Auswahl des Untersuchungszeitraums begründet (vgl. Kapitel 1.4).

1.4 Begründung des Untersuchungszeitraumes

Wie aus dem Titel der Arbeit bereits hervorgeht, wird der People-to-People-Dialogue im Zeit­raum zwischen 1993 und dem Jahr 2000 analysiert. Der gewählte Untersuchungszeitraum ist deshalb interessant und reizvoll, weil er gewissermaßen Anfangs- und Endpunkt für P2P- Aktivitäten zwischen Israel und Palästina markiert und hier die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Transformation des Konfliktes besonders gut sichtbar wurde. Zudem war in diesem Zeitraum der Friedensprozess zwischen Israel und Palästina in greifbare Nähe gerückt. Zwischen 1993 und 2000 gab es so viele P2P-Projekte wie nie zuvor (vgl. Herzog und Hai, S. 15). Deshalb wird der Zeitraum zwischen 1993 und 2000 auch als Blütezeit des P2P gesehen (vgl. Herzog und Hai, S. 15; Maoz 2004, S. 567). Dies verdeutlicht auch die untenstehende Darstellung 6, übernommen von Malki und Klein.

Darstellung 1:Track-Two-Aktivitäten in Abhängigkeit von den politischen Ereignissen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus der Darstellung gehen die Track-Two-Aktivitäten in Abhängigkeit von politischen Ereignis­sen zwischen 1993 und dem Jahr 2000 hervor. Die Tiefpunkte der Track-Two-Aktivitäten fallen mit dem Zeitraum der ersten und zweiten Intifada[5] zusammen. In dieser Zeit stiegen Sicherheits­risiken und Instabilität an, besonders während politischer Gespräche und Verhandlungen. Die Höhepunkte der Aktivitäten liegen zwischen 1998 und 1999 (vgl. Klein und Malki 2006, S. 126).

Die Handlungsmöglichkeiten für groß angelegte P2P-Projekte schienen im ausgewählten Unter­suchungszeitraum groß. Zuvor gab es meist nur vereinzelte, individuelle Kontakte zwischen den Zivilgesellschaften - die palästinensische Zivilgesellschaft hat israelische Institutionen boykot­tiert und israelische Behörden gingen repressiv gegen die Zivilgesellschaft in Palästina vor (vgl. Cuhadar und Hanafi 2010, S. 207). Danach kamen mit dem Ausbruch der zweiten Intifada im September 2000 die P2P-Aktivitäten quasi zum Erliegen.[6] Trotz P2P hatte sich der Konflikt in den vermeintlichen Friedensjahren permanent verschärft (vgl. Kaufman et al. 2006b, S. 6). Die Vielzahl der P2P-Projekte konnte weder zur Befriedung des Konflikts beitragen, noch den Zu­sammenbruch des Friedensprozesses verhindern (vgl. Maoz 2004, S. 563). Die Gründe dafür sol­len in der vorliegenden Analyse herausgearbeitet werden. Zuvor geht allerdings der folgende Teil B auf die theoretischen Grundlagen der zivilgesellschaftlichen Aktivitäten ein.

TEIL B - Theoretische Grundlagen des P2P

2 Überblick über die theoretischen Konzepte des P2P

Um die Forschungsfrage zu beantworten und die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Transforma­tion des Konfliktes zwischen Israel und Palästina anhand des People-to-People-Dialogues analy­sieren zu können, ist es zunächst notwendig, innerhalb von Teil В einige theoretische Konzepte zu erläutern. Mit deren Hilfe kann ein Verständnis dessen entstehen, was P2P bedeutet.

,,We must be descriptive before we can prescriptive. We must increase our capacity to describe situations, identifying the key dilemmas around issues and relationships, be­fore we jump to solutions. Dilemma posing is a useful tool to frame a conflict and pro­vide a point of reference for evaluation of specific action“ (Lederach 1997, S. 137).

Da bislang keine einheitliche, von allen Autoren anerkannte Theorie zu P2P existiert, ist es fur die Analyse erforderlich, einen eigenen theoretischen Zugang zum P2P zu erarbeiten. Der theo­retische Unterbau des P2P ergibt sich aus verschiedenen theoretischen Konzepten, die einander ergänzen. Um den normativen Anspruch an P2P besser nachvollziehen zu können, eignet sich eine theoretische Annäherung mithilfe der Konzeptes von Zivilgesellschaft (vgl. Kapitel 4), des Dialogs (vgl. Kapitel 5.4) und des Peacebuilding (vgl. Kapitel 5.1). Erst wenn diese Begrifflich- keiten geklärt sind, kann konkret auf die Zivilgesellschaft in Israel und Palästina eingegangen werden (vgl. Kapitel 9.3 und 9.4) und im Anschluss daran die Analyse des People-to-People- Dialogues erfolgen.

Zur Verdeutlichung des P2P-Verständnisses, das der vorliegenden Untersuchung sowie der Be­wertung der Ergebnisse zugrunde liegt, wurde die unten stehende Darstellung 2 entwickelt. Die Darstellung ist angelehnt an Lederachs Mehrebenen-Akteurs-Modell (vgl. 6) und macht mithilfe dieses Konzeptes sichtbar, auf welchen Ebenen des politischen Systems der People-to-People- Dialogue stattgefunden hat. In die Darstellung eingearbeitet ist ebenfalls der Multi-Track- Diplomacy-Ansatz von Diamond und McDonald, wonach diplomatische Aktivitäten innerhalb der Zivilgesellschaft auf insgesamt neun verschiedenen Ebenen stattfinden können (vgl. Dia­mond und McDonald, 1996, S. 4 sowie Kapitel 6 dieser Arbeit). Zugrunde liegt ferner das in Ka­pitel 3 vorgestellte Konfliktverständnis, nachdem Konflikte sich auf mehreren Ebenen ausdeh­nen. Immanent sind die im Kapitel 4.4 erläuterten Methoden ziviler Konfliktbearbeitung, die dann zum Einsatz kommen, wenn wie im zu untersuchenden Fallbeispiel von Israel und Palästina Zivilgesellschaften in den Dialog treten möchten.

Aus dem Schaubild wird durch die grün hervorgehobenen Bereiche ersichtlich, wo der P2P in­nerhalb des Israel-Palästina-Konflikts verortet werden kann. Dabei werden die unterschiedlichen Systeme durch die jeweiligen Kegel dargestellt. Verzichtet wurde in der Darstellung wie auch weitgehend in der gesamten Analyse auf die Einbeziehung externer Akteure. Stattdessen deutet die Darstellung 2 bereits einige konzeptionelle Probleme an, die später im Analyse-Teil der Arbeit noch eine größere Rolle spielen werden (vgl. die Kapitel 12.5 und 13.6, sowie die Kapitel 12.4 und 13.5) und die innerhalb des folgenden Theorie-Teils zunächst aus theoretischer Per­spektive erläutert werden. So beteiligten sich beispielsweise, wie in der Darstellung verdeutlicht, nicht alle Akteure der beiden Zivilgesellschaften am P2P. Lediglich ein kleiner Teil war daran interessiert (vgl. Kapitel 9.3 und 9.4). Zudem sind die unterschiedlichen Kegelgrößen in der Dar­stellung nicht zufällig gewählt, sondern beschreiben eine besondere strukturelle Gegebenheit - die asymmetrischen Verhältnisse zwischen Israel und Palästina. Dies wird in der späteren Kon­fliktanalyse noch eine größere Rolle spielen (vgl. Kapitel 12.5) und ist auch für das Konfliktver­ständnis der vorliegenden Arbeit (vgl. Kapitel 3) von zentraler Bedeutung. Denn durch die Asymmetrie ergaben sich von vornherein konzeptionelle Probleme, die P2P letztendlich nicht bewältigen konnte. Nachdem nun ein Überblick über den Aufbau und die Inhalte von Teil B ge­geben wurde, erfolgt innerhalb der nächsten Unterkapitel die Auseinandersetzung mit den bereits skizzierten Begrifflichkeiten und Konzepte, die für ein theoretisches Verständnis des P2P erfor­derlich sind.

3 Zugrunde liegendes Konfliktverständnis

Diese Arbeit legt den Fokus auf die Transformation eines Konfliktes durch die Zivilgesellschaft. Den Konflikt gibt es allerdings nicht. Vielmehr unterscheiden sich „Konflikte [...] nach ihrem Gegenstand, der Ursache, Ebene, Erscheinungsform, Intensität, Gewaltsamkeit und den Bewälti- gungs- bzw. .Lösungsformen“ (Nohlen 2004, S. 434 - 436). Im Folgenden soll dargestellt wer­den, welches Konfliktverständnis für die vorliegende Arbeit relevant ist.

3.1 Allgemeine Begriffserklärung des Konfliktes

Seinen etymologischen Ursprung hat der Konfliktbegriff in der lateinischen Sprache, wo confli- gere zum einen im Sinne von zusammenstoßen eine Handlung beschreibt, zum anderen im Sinne von aneinandergeraten und im Streit liegen auf einen Zustand oder eine Struktur hindeutet (vgl. Bonacker und Imbusch 1999, S. 74). Diese Übersetzung deutet bereits an, dass Konflikte nicht nur Resultate sozialer Prozesse sein können, sondern auch als Mittel und Zweck verstanden wer­den. Viele Definitionen betonen die Interessenkollision zweier Parteien:

„Konflikte lassen sich entsprechend definieren als soziale Tatbestände, an denen mindes­tens zwei Parteien (Einzelpersonen, Gruppen, Staaten etc.) beteiligt sind, die auf Unter­schieden in der sozialen Lage und/oder Unterschieden in der Interessenkonstellation der Konfliktparteien beruhen“ (Bonacker & Imbusch 1999, S. 74).

Auch für Ropers stellen sich Konflikte in erster Linie als Interessenunterschiede dar, „die von mindestens einer Partei in einem Bereich gemeinsamer sozialer Interaktionen wahrgenommen werden, sodass die Bestrebungen der Parteien nicht gleichermaßen realisiert werden können“ (Ropers 1995, S. 3). Weiterhin sind Konflikte für Ropers „Ausdruck von Spannungen und Unvereinbarkeiten zwischen verschiedenen, voneinander abhängigenParteien im Hinblick auf ihre jeweiligen Bedürfnisse, Interessen und Wertvorstellungen“ (Ropers 2002a, S. 11). Beck be­zeichnet Konflikte ebenfalls vorrangig als Positionsdifferenz. Diese besteht darin, dass „ein oder mehrere Akteure eine bestimmte Präferenz bezüglich eines bestimmten Gegenstandes nicht (vollständig) realisieren können, ohne damit gleichzeitig auszu­schließen, dass mindestens ein anderer Akteur seine Präferenz bezüglich dieses Gegen­standes ebenfalls (vollständig) umsetzt“ (Beck 2003, S. 48).

Andere Definitionen zielen eher auf die Austragungsform des Konfliktes ab und bezeichnen als Konflikt „die offene oder verdeckte, gewaltsame oder friedliche Auseinandersetzung“ (Rittersho­fer 2007, S. 388). Hilfreich für die Untersuchung des P2P ist ein Konfliktverständnis, dass Jo­hann Galtung mit dem sogenannten Konfliktdreieck beschreibt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Galtung weist dem zu analysierenden Konflikt mittels dieser Darstellung eine manifeste und eine latente Ebene zu. Die manifeste, empirische Ebene beschreibt das Verhalten (V) der Konfliktak­teure. Die latente Ebene beschreibt verborgene, oft unterbewusste Einstellungen und Annahmen (A) sowie den Widerspruch (W) (vgl. Galtung 1998, S. 136). Wird nun das Konfliktdreieck auf Dialoge angewendet, so zielt ein Dialog in erster Linie auf A und W ab, in der Hoffnung, damit langfristig V zu verändern - in einem positiven Sinne. Besonders bedeutend für die vorliegende Analyse ist der Umstand, dass Konflikte auf den unterschiedlichsten Ebenen vorkommen - „rei­chend vom Individuum über die Gesellschaft bis hin zum internationalen System“ (Brummer 2005, S. 38). Galtung unterteilt konkret in Mikro-, Meso- und Makroebene (vgl. Galtung 1998, S. 11). Diese unterschiedlichen Ebenen erfordern auch eine Konfliktbearbeitung, die auf mehre­ren Ebenen stattfindet (vgl. hierzu die Kapitel 5 und 6).

3.2 Verhältnis der Konfliktparteien zueinander

Konflikte können ferner unterschieden werden durch das Verhältnis, in dem die Konfliktparteien zueinander stehen: Eine für diese Arbeit bereits angedeutete (vgl. Kapitel 2) und an späterer Stel­le noch relevant werdende Differenzierung (vgl. Kapitel 12.5) ist die Unterscheidung von sym­metrischen und asymmetrischen Konflikten, wobei symmetrische Konflikte seltener vorkommen als asymmetrische. Diese Unterscheidung dient der Betrachtung, inwieweit die Konfliktparteien gleichberechtigt sind, denn als symmetrisch bezeichnen Bonacker und Imbusch einen Konflikt, in dem sowohl die Voraussetzung, als auch die Mittel und Kontexte der Konfliktparteien iden­tisch sind (vgl. Bonacker und Imbusch 1999, S. 77):

„Das Ausmaß der Abweichung von diesem Idealzustand würde den Grad der Asymme­trie verdeutlichen. Die Asymmetrie bezieht sich wiederum auf unterschiedliche Aspek­te: Sie kann z. B. rechtlicher, struktureller oder moralischer Art sein und auf Verhal­tensstandards und Beziehungen zu dritten Parteien abheben“ (Bonacker und Imbusch 1999, S. 77).

Die grundlegende Problematik asymmetrischer Bedingungen, die sich auch auf den israelisch­palästinensischen Fall übertragen lässt und damit ganz zentral für diese Analyse ist, beschreibt Ropers (vgl. Ropers 1995, S. 16 - 17). Bei Konflikten, bei denen es sich, wie im untersuchten Fall, um eine strukturelle Asymmetrie handelt, unterscheide sich oft sowohl der „personelle [...] Umfang der miteinander im Konflikt liegenden Gruppen und die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen als auch die legitimatorischen und strukturellen Rahmenbedingungen“ (vgl. Ropers 1995, S. 16 - 17). Eine schwerwiegende Folge davon: „Während eine Partei im Namen eines be­stimmten, meist staatlich legitimierten Status quo auftritt, fordert die andere mit Hinweis auf ge­sellschaftliche Ungerechtigkeiten die Änderung dieses Status quo zu ihren Gunsten“ (Ropers 1995, S. 16 -17). Das ungleiche Verhältnis der Konfliktparteien kann sich, wie in der späteren Analyse deutlich wird, negativ auf die Konfliktbearbeitung auswirken.

4 Zivilgesellschaft als theoretische Grundlage für den P2P

P2P geht davon aus, dass Zivilgesellschaften miteinander in den Dialog treten. Doch wie sieht es aus, wenn zwei Zivilgesellschaften in einen Dialog treten? Wer oder was ist Zivilgesellschaft? Wer sind ihre Akteure? Welche normativen Konzepte liegen dem Begriff Zivilgesellschaft zu­grunde? Welche Funktionen nimmt Zivilgesellschaft wahr und in welchen Rahmenbedingungen findet Zivilgesellschaft ihren Platz? Diese Fragen sollen innerhalb von Kapitel 4 geklärt werden. Zunächst gilt es, sich grundsätzlich an das Konstrukt Zivilgesellschaft heranzutasten. Wie Fi­scher feststellt, gibt es auch hier keine allgemein anerkannte Definition: „There is no commonly- agreed definition of what ,civil society,, is“ (Fischer 2006, S. 5). Ebenso sehen es Lauth und Merkel: „Das Konzept der Zivilgesellschaft gibt es nicht“ (Lauth und Merkel 1997, S. 1 - 2). Daher wird im Weiteren ein Konzept von Zivilgesellschaft vorgestellt, das es ermöglicht, die spätere Analyse nachzuvollziehen. Aufgrund der Tatsache, dass nicht allein die Zivilgesellschaft im Mittelpunkt der Betrachtungen steht, sondern der Dialog zwischen den Zivilgesellschaften, kann an dieser Stelle lediglich die Vorstellung eines Konzeptes erfolgen, das für die Analyse des People-to-People-Dialogues relevant ist. Es ist im Rahmen der Untersuchung darum nicht mög­lich, den Begriff der Zivilgesellschaft und die verschiedenen normativen Konzepte von Zivilge­sellschaft mit all ihren Facetten in ihrer Gänze zu betrachten.

Das Konzept von Zivilgesellschaft, das dieser Arbeit zugrunde liegt, verortet Zivilgesellschaft in einer Sphäre zwischen Staat, Markt und Privatbereich (vgl. Adloff 2005, S. 7- 8; Anheier und Appel 2007, S. 342; Barnes 2005, S. 7; Inthorn und Reder 2005, S. X; Lauth und Merkel 1997, S. 22 - 23; Nohlen und Schultze 2010, S. 1248; Ropers 2002a, S. 58). Ihr obliegt unter anderem eine Kontrollfunktion:

„Die vorherrschende modeme Auslegung von Zivilgesellschaft betrachtet diese Sphäre zwischen Staat und Markt als eine Art Pufferzone, die stark genug ist, um die zwei an­deren Sektoren balancierend unter Kontrolle zu halten und damit ihrer jeweiligen Do­minanz vorzubeugen“ (Anheier und Appel 2007, S. 342).

Die Ideen, welche Funktionen einer Zivilgesellschaft obliegen, reichen weit zurück bis hin zu Autoren wie Locke und Tocqueville und sind in erster Linie die folgenden: „Der Schutz des per­sönlichen Eigentums, der Schutz vor staatlicher Willkür, die Möglichkeit zur Mitwirkung an Ge­setzen und die freie Vereinigung zur Realisierung eigener Interessen“ (Inthorn und Reder 2005, S. IX).[7] Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Fischer (vgl. Fischer 2006, S. 23). Allerdings plädiert Fischer auch dafür, dass sich Zivilgesellschaft trotzdem nicht als ewiger Counterpart verstehen sollte, der in Opposition steht zu politischen Parteien und den Parlamenten, die im Üb­rigen nicht Teil der Zivilgesellschaft sind. Vielmehr sollte die Zivilgesellschaft mit der politi­schen Führungsebene kooperieren, wenn auch mit kritischer Distanz (vgl. Fischer 2006, S. 23). Edwards geht zudem näher auf die ökonomische Rolle von Zivilgesellschaft ein. Diese bestehe vor allem darin, soziale Dienstleistungen anzubieten, wenn der Staat zu schwach dazu ist. Ed­wards betont die Bedeutung, die zivilgesellschaftliche Akteure bei der Bereitstellung humanitärer Hilfsleistungen innehaben (vgl. Edwards 2004, S. 13). Darüber definiert er Zivilgesellschaft als „[...] reservoir of caring, cultural life and intellectual innovation, teaching people - at least according to the neo-Tocquevillians - the skills of citizenship and nurturing a col­lection of positive social norms that foster stability, loosely collected under the rubric of ,social capital,,“ (Edwards 2004, S. 13).

Wichtig für die spätere Analyse ist die Erklärung von Lauth und Merkel, wonach Zivilgesell­schaft nicht aus einem „homogene[n] ,Akteur„ [besteht]. Vielmehr ist sie insofern heterogen strukturiert, als dass sie ein pluralistisches Sammelbecken höchst unterschiedlicher Akteure dar­stellt“ (Lauth 1997, S. 22 - 23). Zivilgesellschaft setzt sich also aus einem komplexen Netz ge­sellschaftlicher Akteure zusammen. Mitglieder der Zivilgesellschaft sind sowohl formelle Orga­nisationen wie Nichtregierungsorganisationen, Interessenverbände, Bürgerrechtsgruppen, Ent­wicklungsorganisationen, aber auch nicht-formale Vereinigungen (vgl. Anheier und Appel 2007, S. 340) wie die Öffentlichkeit im Sinne von Medien und Bildungseinrichtungen. Unter den Be­griff einer Zivilgesellschaft kann laut Anheier aber auch individuelles Handeln fallen (vgl. An­heier und Appel 2007, S. 340). Das Konzept der Zivilgesellschaft ist also nicht gleichzusetzen mit dem Begriff der Gesellschaft (vgl. Adloff 2005, S. 9). Um dies zu verdeutlichen, seien als eine wichtige Akteursgruppe innerhalb der Zivilgesellschaft Nichtregierungsorganisationen (in dieser Arbeit auch mit der englischen Abkürzung NGO verwendet) beispielhaft angeführt. Klein und Roth definieren NGOs als „Zusammenschlüsse von Menschen mit gemeinsamen politischen Interessen und Zie­len, die nicht von Regierungen oder staatlichen Stellen organisiert werden bzw. unab­hängig sind und nicht profitorientiert arbeiten. Dazu gehören etwa Menschenrechts­gruppen und Umweltverbände, Entwicklungsorganisationen, Verbraucherverbände oder Tierschutzorganisationen“ (Klein und Roth 2007, S. 327).

Für Klein und Roth sind NGOs „somit Teil einer pluralistischen Interessenlandschaft“ (Klein und Roth 2007, S. 327). Was allen Akteuren gemeinsam ist, ist das Prinzip der Freiwilligkeit (vgl. Anheier und Appel 2007, S. 340) und ein hoher Grad an Engagement (vgl. Adloff 2005, S. 13) - beides ist auch essenziell für P2P-Aktivitäten. Zivilgesellschaftliche Akteure müssen Zeit und Geld in ihr Engagement investieren. Hinzu kommt die Notwendigkeit eines Bewusstseins, aktiv an der Zivilgesellschaft teilzunehmen: „Bürger- beziehungsweise Gemeinsinn wird als eine Res­source betrachtet, die für das Funktionieren von demokratischen Gesellschaften bedeutsam ist und nicht versiegen darf“ (Adloff 2005, S. 13). Zudem ist es für eine Zivilgesellschaft lebens­notwendig, „dass die Akteure einen normativen Basiskonsens teilen, dessen Kern Gewaltfreiheit und Toleranz sind“ (Nohlen und Schultze 2010, S. 1248). Dieser normative Anspruch ist aus­schlaggebend für das Verständnis von P2P und wird im nächsten Abschnitt näher behandelt.

4.1 Normative Ausrichtung von Zivilgesellschaft

Das Konzept von Zivilgesellschaft bedeutet mehr als eine bloße Ansammlung von Individuen in einer bestimmten Sphäre. Zivilgesellschaft ist stark ideell und normativ besetzt und stellt Anfor­derungen an die Akteure innerhalb der Zivilgesellschaft - Anforderungen, die wie sich später zeigen wird, innerhalb von P2P nicht immer erfüllt werden konnten.

Zivilgesellschaftliches Handeln folgt demokratischen, gewaltlosen Prinzipien und versucht Ein­fluss auf das innerstaatliche Geschehen zu nehmen, ohne dabei mit den offiziellen Vertretern von Politik oder Wirtschaft in Konkurrenz treten zu wollen (vgl. Nohlen und Schultze 2010, S. 1248). Für viele Autoren ist Zivilgesellschaft eng an das Konzept von Demokratie geknüpft oder wird zumindest damit in Verbindung gebracht. Dies ist dahin gehend sinnvoll, weil dieses Verständnis terroristische oder kriminelle Vereinigungen von der Zivilgesellschaft ausgrenzt und Mitglieder der Gesellschaft, die zwar Einfluss oder gesellschaftliches Ansehen genießen, aber normativ pro­blematische Zielsetzungen haben, als Mitglieder der Zivilgesellschaft ausschließt.[8] Zivilgesell- Schaft ist demnach laut Adloff „auf die Einhaltung von Menschen- und Bürgerrechten angewie­sen, also auf einen staatlichen Schutz der Meinungs-, Presse- und Vereinigungsfreiheit“ (Adloff 2005, S. 7 - 8). Ebenfalls betonen Lauth und Merkel den demokratischen Charakter von Zivilge­sellschaften und die damit verbundene „Vorbildfunktion von demokratischen Verhaltens- und Einstellungsmustern“ (Lauth und Merkel 1997, S. 3), die die Zivilgesellschaft der Gesamtgesell­schaft vorleben muss. Die Zivilgesellschaft ist für Lauth und Merkel unter anderem deshalb un­trennbar von demokratischen Herrschaftsordnungen, weil nur in solchen genügend Handlungs­spielraum für die Zivilgesellschaft vorhanden ist (vgl. Lauth und Merkel 1997, S. 22 - 23). Dazu gehört auch Öffentlichkeit, die vorrangig durch Medien oder an Universitäten hergestellt wird. Auch bei Croissant findet sich diese spezielle Bedeutung der Zivilgesellschaft für die Demokratie wieder: „Die Zivilgesellschaft und ihren Assoziationen kommt [...] - neben den Parteien und Parlamenten - eine Schlüsselfunktion für die Herstellung einer demokratischen Öffentlichkeit,, zu“ (Croissant et al. 2000, S. 14). Walzer geht sogar so weit zu sagen, dass Zivilgesellschaft und Demokratie einander bedingen und nur zusammen möglich sind: „Nur ein demokratischer Staat kann eine demokratische zivile Gesellschaft schaffen, nur eine demokratische zivile Gesellschaft kann einen demokratischen Staat aufrechterhalten“ (Walzer 1995, S. 65).

Obwohl dieses Verständnis von Zivilgesellschaft nachvollziehbar ist, würde es bedeuten, dass ein zivilgesellschaftlicher Dialog zwischen Israel und Palästina gar nicht hätte existieren können, da die palästinensische Zivilgesellschaft nicht wirklich innerhalb eines freien, demokratischen Bezugsrahmens aktiv ist. Gleichwohl wäre es falsch, die Existenz einer Zivilgesellschaft in Pa­lästina nicht anzuerkennen. Daher werden der Analyse auch Autoren zugrunde gelegt, die an­erkennen, dass sich prinzipiell auch in nicht-demokratischen Systemen Zivilgesellschaften he­rausbilden können. Zwar erfordern Zivilgesellschaften zumeist demokratische Bedingungen, aber Catherine Barnes erläutert auch, wie in einigen Fällen Gemeinschaften ohne demokratische Be­dingungen Zivilgesellschaften ausbilden:

„A flourishing civil society typically depends on the security and predictability provided by an effective democratic state that is controlled by a government that ensures the rule of law and policies that respond; people - through civil society organizing - strive to create the elements of self-governance and security. In some cases, communities have striven to create these conditions amidst state failure, as has been seen in parts of Somalia. In so do ing, people are re-creating the basis for democratic government, which rests on the con­sent of the governed. Thus civil society and democratic states are highly complementary and even independent“ (Barnes 2005, S. 9).

Auch Inthorn und Reder bestätigen die Existenz von Zivilgesellschaften in nicht-demokratischen Systemen. Allerdings weisen die Autoren Zivilgesellschaften in demokratischen und nicht­demokratischen Staaten unterschiedliche Bedeutungen zu. Sie betonen zunächst, dass innerhalb demokratischer Staaten von einer Zivilgesellschaft ausgegangen werde, bei der zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein wechselseitiges, wenn nicht gar unterstützendes Verhältnis bestehe:

„Eine Stärkung der Zivilgesellschaft und der damit verbundene Wandel wird dann be­schrieben als Stärkung der demokratischen Staatsform hin zu einem Aufbau von Netz­werken, in denen neben zivilgesellschaftlichen auch politische und wirtschaftliche Ak­teure arbeiten. Der Fokus zur Beschreibung von Zivilgesellschaft in nicht­demokratischen Staaten richtet sich dagegen vor allem auf die Rolle der Zivilgesell­schaft als Opposition gegen den Staat und seine Regierungsform“ (Inthorn & Reder 2005, S. XI).

4.2 Bezugsrahmen von Zivilgesellschaft

Einige Autoren betonen die Wichtigkeit des rechtlichen Rahmens für eine funktionierende Zivilgesellschaft und erachten eine Integration der Zivilgesellschaft in politische Agenden als unerlässlich (vgl. Reimann und Ropers 2005, S. 34 - 35). Ein gesicherter rechtlicher Bezugsrah­men bietet der Zivilgesellschaft Sicherheit und eröffnet den zivilgesellschaftlichen Akteuren die Möglichkeit, nicht nur Output-orientiert zu sein, also auf politische Entscheidungen zu reagieren, sondern ebenso dem politischen System stärkeren Input zu geben (vgl. Reimann und Ropers 2005, S. 34 - 35) und auf diese Weise sowohl die Zivilgesellschaft selbst als auch den Bezugs­rahmen aktiv mitzugestalten. Wenngleich in diesem Zusammenhang betont werden muss, dass es charakterisierend für die Zivilgesellschaft ist, selbst nicht an die Macht zu wollen, sondern sich damit zufrieden zugeben, Einfluss auszuüben. Damit ist das Prinzip der Selbstbeschränkung der Zivilgesellschaft immanent. Gleichwohl wird auch gerade dieser Umstand der politischen Selbstbeschränkung der Zivilgesellschaft kritisiert: „In vielen Ländern erweist sie sich oft als zu schwach oder gar prekär, um ihre Anliegen und Funktionen gegenüber den machtvollen Struktu­ren von Staat, politischer und ökonomischer Gesellschaft zu behaupten“ (Nohlen und Schultze 2010, S. 1250).

4.3 Die nahöstliche Debatte von Zivilgesellschaft

Die bislang vorgestellten Konzepte entstammen vorwiegend den Interpretationen westlicher Au­toren, die einen demokratischen Staat und eine aktive, partizipierende bürgerliche Gesellschaft ihrem Verständnis von Zivilgesellschaft zugrunde legen. Wie sieht das Konzept von Zivilgesell- schaftjedoch im Nahen Osten aus?

Obwohl die Konzepte von Zivilgesellschaft westlich orientiert und nach westlichen, normativen Wertvorstellungen ausgerichtet sind, versuchen auch Autoren im Nahen Osten das Konzept von Zivilgesellschaft auf ihre Region zu übertragen (vgl. beispielsweise Spurk 2010 und Ibrahim 1995, S. 24). Allerdings muss beachtet werden, dass die nahöstliche Debatte über Zivilgesell­schaft unter anderen politischen Realitäten stattfindet als die westliche Debatte. Auch der Ein­fluss der Religion auf die Zivilgesellschaft ist ein anderer als in westlichen Zivilgesellschaften, was bei der Analyse von P2P berücksichtigt werden muss. Denn in der arabischen Debatte über die Zivilgesellschaft nimmt die Religion eine zentrale Rolle ein. Der Gesamtdiskurs setzt sich im Wesentlichen aus drei Teildiskursen zusammen[9] (vgl. Ibrahim 1995, S. 24; Spurk 2010, S. 14). Im ersten Teildiskurs bildet der Islam die einzige Quelle der politischen und sozialen Ordnung: „Die Umma und ihre islamische Ordnung bilden eine Einheit, die den Staat und die Gesellschaft einschließt“ (Ibrahim 1995, S. 26).[10] Der zweite Teildiskurs begreift den Staat als Bezugsrahmen, wobei die Position des Staatesjedoch eher als reaktiv charakterisiert werden könne (vgl. Ibrahim 1995, S. 26-27). Der dritte Teildiskurs weist die größte Ähnlichkeit mit dem westlichen Diskurs auf. In diesem Verständnis werden vor allem säkulare Kräfte als Zivilgesellschaft verstanden: „Gemeint ist eine amorphe, nicht organisierte ,Koalition,„ die sich aus Angehörigen der Intelli- genzija, Mitgliedern der nicht-islamistischen politischen Parteien und nicht-islamistischen Mit­gliedern von Gewerkschaften und Berufsverbänden zusammengesetzt“ (Ibrahim 1995, S. 26-27). Allerdings gilt der letztgenannte Ansatz in der arabischen Welt als schwächster der drei Ansätze, da er sich nicht auf Traditionen oder Institutionen stützen kann (vgl. Ibrahim 1995, S. 26-27).

Innerhalb der arabischen Debatten über die Zivilgesellschaft finden sich also unterschiedliche Einstellungen zur Religion, aber in allen Debatten kommt sie vor. Eine Säkularisierung, wie es sie zu Zeiten der Aufklärung in Europa gegeben hat und die den Bürger und das Ideal der Bür­gergesellschaft in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt, hat es in der Form in der arabischen Welt nicht gegeben (vgl. Ibrahim 1995, S. 44). Durchaus ist die Säkularisierungsfrage ein zentra­ler Punkt der Debatte um die Zivilgesellschaft. Doch die religiösen Vertreter sind nicht bereit, sich als Teilsystem reduzieren zu lassen, wie unter anderem bei Ibrahim deutlich wird (vgl. Ibra­him 1995, S. 44 - 45). Eine weitere Besonderheit sind die patriarchalischen bzw. neo­patriarchalischen[11] Strukturen, die oft im Nahen Osten vorzufinden sind und auch die Zivilge­sellschaften der vorliegenden Untersuchung charakterisieren:

„Kennzeichnend für neopatriarchiale Gesellschaften bleibt trotz zunehmender Urbani­sierung, ansteigendem Bildungsniveau und partieller Säkularisierung die Prädominanz patriarchalischer Strukturen und religiöser Identitäten: Verwandtschafts- und Clanbe­ziehungen, Personenkult, patriarchalische Geschlechterverhältnisse, Patronage- und Klientelbeziehungen“ (Bauer 1997, S. 354).

Daher kommt Bauer zu dem Schluss, dass „in der Mehrzahl der arabischen Länder ein lediglich embryonenhafter gesellschaftlicher und politischer Pluralismus mit geringem demokratietheore­tisch relevantem Potenzial“ (Bauer 1997, S. 354) bestehe. Doch folgt man der liberalen arabi­schen Debatte, hat auch die Zivilgesellschaft im arabischen Raum eine Demokratisierungsfunk­tion: „Die Zivilgesellschaft und ihre Institutionen haben die Funktion, demokratische Prinzipien zu verwurzeln und den demokratischen Wandel gegen die Gefahr des Scheitems zu schützen“ (Ibrahim 1995, S. 31). Der Autor geht sogar so weit zu sagen, dass die zivilgesellschaftlichen Akteure den Staat in sozialen und ökonomischen Bereichen ersetzen, da diese teilweise nicht mehr vom Staat abgedeckt werden können (vgl. Ibrahim 1995, S. 31). Ein Staat ist aber dennoch vorhanden. Auch in der arabischen Debatte wird also mit dem Begriff Zivilgesellschaft automa­tisch ein Vorhandensein eines Staates als Bezugsrahmen impliziert (vgl. Spurk 2010, S. 14). Hie­rin sieht Bauer ein Forschungsdefizit (vgl. Bauer 1997, S. 348). Im Hinblick auf die Auseinan­dersetzung mit der Forschungsfrage wird Bauers Einschätzung geteilt, denn auch wenn im Falle Palästinas kein offiziell anerkannter, selbstständiger Staat den Bezugsrahmen für die Zivilgesell­schaft bildet, so kann doch das Vorhandensein einer palästinensischen Zivilgesellschaft nicht ge­leugnet werden (vgl. Kapitel 9.4). Der Bezugsrahmen, den der Staat für die Zivilgesellschaft dar­stellt, muss für die vorliegende Arbeit weiter gefasst werden: Denn die palästinensische Gemein­schaft verfügt über keinen eigenen Staat und diese Untersuchung wäre hinfällig, würde das Vor­handensein eines offiziell anerkannten Staates die Grundvoraussetzung für die Existenz einer Zi­vilgesellschaft bilden.

4.4 P2P als Werkzeug der Zivilgesellschaft

Das gängige Verständnis von Zivilgesellschaft ist also zunächst hauptsächlich nach Innen gerichtet und bezieht sich auf das System, das im jeweiligen Fall beobachtet wird. Für P2P ist allerdings eine Ausdehnung dieses Verständnisses erforderlich, da hier zwei Zivilgesellschaften miteinander einen Dialog führen. Da das beschriebene Konstrukt von Zivilgesellschaft nicht weitreichend genug ist, um P2P theoretisch zu erklären, sollen im Folgenden Handlungsmöglichkeiten von zivilgesellschaftlichen Akteuren bei der Konflikttransformation beschrieben werden.

Noch Mitte der 1990er Jahre wurde in wissenschaftlichen Debatten infrage gestellt, inwiefern zi­vilgesellschaftliche Gruppen bei der Transformation von gewaltsamen Konflikten bedeutsam sind (vgl. Reimann 2007, S. 92). Heute ist nicht das Ob, sondern vielmehr das Wie Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Ropers macht drei verschiedene Gruppen der Zivilgesellschaft bzw. NGOs aus, die sich auf unterschiedliche Weise in Konflikten verhalten. Er unterscheidet „those representing the parties to a conflict within civil society [...], those whose mem­bers include people from more than one of the parties to the conflict, without the con­flict itselfbeing intrinsic to the NGO [...], those having dedicated themselves expressly to the task of conflict resolution” (Ropers 2002b, S. 99).

Grob zusammengefasst verrichten zivilgesellschaftliche Akteure, die sich mit der Konflikttransformation befassen, laut Ropers acht Hauptaufgaben. Diese beschreiben auch Auf­gaben, die P2P zugeschrieben werden können. Bei Ropers sind diese Aufgaben im Detail ausge­führt, an dieser Stelle soll die folgende Übersicht genügen:

Darstellung 4: Aufgaben zivilgesellschaftlicher Akteure bei der Konflikttransformation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung nach Ropers 2002b, S. 108-112)1

Diese Aufgaben stammen aus dem Bereich der zivilen Konfliktbearbeitung, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll. Ferner liegt diesem Konzept die Idee von Multi­Track-Diplomacy zugrunde, das sich ebenfalls als theoretischer Ansatz hilfreich für ein tieferes Verständnis des People-to-People-Dialogues erweist und darum im Weiteren vorgestellt wird.

5 P2P innerhalb ziviler Konfliktbearbeitung

In der Schule der zivilen Konfliktbearbeitung spielt die Zivilgesellschaft mit ihrem normativen, gewaltfreien und demokratischen Selbstverständnis eine große Rolle. Der P2P-Dialog ist als zi­vilgesellschaftlicher Dialog in der theoretischen Schule ziviler Konfliktbearbeitung zu verorten. Im Allgemeinen soll Konfliktbearbeitung zunächst einen gewaltsamen Konfliktaustrag beenden, um danach zwischen den Konfliktparteien „einen Zustand [zu] schaffen, der frei von Gewaltan­wendung ist und der auch einen abermaligen Rekurs auf diese dauerhaft ausschließt. Im Idealfall stellt dies die Basis für die Beendigung des Konflikts als solchen dar“ (Brummer 2005, S. 42). Die im Folgenden beschriebene zivile Konfliktbearbeitung ist eine Sonderform der Konfliktbe­arbeitung, „die sich v. a. mit nicht-militärischen Beiträgen durch zivilgesellschaftliche Akteure befasst“ (Brummer 2005, S. 42). Das Ziel ziviler Konfliktbearbeitung ist es, „Gewaltanwendung auszuschließen“ (Weller und Kirschner 2005, S. 10).[12]

Wichtig jedoch für das Verständnis der Möglichkeiten ziviler Konfliktbearbeitung: Allein durch die Zivilgesellschaft werden keine Konflikte gelöst, es müssen auch die Regierungen mitwirken und die zivilgesellschaftlichen Bemühungen begünstigen (vgl. van Tongeren et al. 2005a, S. 86). Dies ist für P2P von besonderer Relevanz. Die eingeschränkte Handlungsfähigkeit ziviler Kon­fliktbearbeitung beschreiben Weller und Kirschner folgendermaßen: „Mit zunehmender Eskala­tion verringern sich die Handlungsoptionen der Konfliktparteien und ein einmal erreichtes Ge­waltniveau ist schwer wieder zu verlassen“ (Weller und Kirschner 2005, S. 15). Daher halten Weller und Kirschner die zivile Konfliktbearbeitung nicht für ein sinnvolles Instrument in bereits eskalierten Konflikten, sondern eher als Mittel der Gewaltprävention (vgl. Weller und Kirschner 2005, S. 24). Bezogen auf das in dieser Untersuchung verwendete Fallbeispiel wird deutlich, dass P2P als Methode ziviler Konfliktbearbeitung im Konflikt zwischen Israel und Palästina nicht unter den besten Bedingungen stattfinden konnte. Zivile Konfliktbearbeitung zielt aber nicht nur auf Gewaltfreiheit ab, sondern auch auf die Einbeziehung verschiedener Akteure:

„Neben diplomatischen Initiativen - auch solchen inoffizieller und ,stiller„ Art - ist es wichtig, in der Konfliktregion den direkten Kontakt zwischen den Menschen wieder herzustellen, aber auch eine unabhängige Presse und andere demokratische Partizipa­tionsmöglichkeiten zu fördern“ (Haberland 2007, S. 323).

Dieses Verständnis ziviler Konfliktbearbeitung ist für das theoretische und praktische Verständ­nis von P2P zentral.

5.1 Peacebuilding mittels des People-to-People-Dialogues

P2P ist als praktische Ausführung bzw. als Methode des theoretischen Konzepts von Peacebuild­ing (zu deutsch: Friedenskonsolidisierung) zu verstehen. Galtung prägte diesen Begriff ganz all­gemein als eine Art von Konfliktintervention. Peacebuilding versucht innerhalb des Gal- tung'hchen Konfliktdreiecks den Widerspruch (W) „an der Wurzel der Konfliktformation“ (Gal­tung 1998, S. 187) zu überwinden.[13] Die Herausforderung von Peacebuilding besteht darin, dass Aktivitäten in diesem Bereich Geduld erfordern und Erfolge sich nicht unmittelbar nach Beginn einer Maßnahme einstellen. Schneckener beschreibt Peacebuilding als dauerhaften Auftrag (vgl. Schneckener 2005, S. 19), was äußerst wichtig für die praktische Umsetzung für P2P ist. Ropers beschreibt als klassische Bereiche, in denen Peacebuilding angewendet werden kann: „Aus­tausch- und Begegnungsprogramme, Maßnahmen zur Friedenserziehung, zum Abbau von Feindbildern, zur Reflexion von Vorurteilen (Ropers 1995, S. 38). Dazu zählt auch die „Stärkung der unterlegenen Seite sowie in der transnationalen Vernetzung all dieser Aktivitäten“ (Ropers 1995, S. 38).

Relevant für die Untersuchung von P2P ist auch das Ziel von Peacebuilding, das laut Lederach darin besteht „to create and sustain transformation and the movement toward restructed rela­tionships“ (Lederach 1997, S. 71). Es gibt kein Patentrezept, wie Peacebuilding genau ablaufen kann, denn „Peacebuilding is a learning process” (van Tongeren et al. 2005a, S. 86). Das ist van Tongerens Resümee, nachdem er in der Untersuchung People Building Peace erfolgreiche Pea- cebuilding-Maßnahmen und verschiedene theoretische Ansatzpunkte näher beschreibt. Van Ton­geren stellt fest:

„Although, because every conflict situation is different, there is no blueprint to follow, there is much to learn from the broad range of experiences accumulated in conflict pre­vention and peacebuilding work“ (van Tongeren et al. 2005a, S. 86).

Gemäß der civil-society-first-strategy steht die Rolle der Zivilgesellschaft im Zentrum von Pea­cebuilding. Ihre Prämisse ist es, das dauerhafter Frieden ,von unten„ wachsen muss (vgl. Schne- ckener 2005, S. 25). Die Umsetzung dieser Strategie wird bei Schneckener näher beschrieben. Er erachtet es als notwendig, eine aktive Zivilgesellschaft zu fördern und somit gesellschaftliche Kräfte zu mobilisieren, da er darin die Voraussetzung für die Entwicklung einer politischen Kul­tur sieht, in der es den Akteuren möglich ist, Konflikte gewaltfrei auszutragen (vgl. Schneckener 2005, S. 25). Jedoch bedarf es einiger Vorarbeit, um die zivilgesellschaftlichen Akteure darauf vorzubereiten:

„Voraussetzung dafür ist die Veränderung gesellschaftlicher Normen, die sozial­psychologische Bewältigung des Konfliktes (zum Beispiel Trauma-Bearbeitung) und insbesondere ein Versöhnungsprozess zwischen den einstigen Konfliktparteien“ (Schneckener 2005, S. 25).

Damit der Frieden von unten wachsen kann, ist es laut Schneckener notwendig, nicht-staatliche Akteure zu unterstützen und zu stärken. Dazu zählt er Menschenrechts-, Friedens-, Frauen- und Jugendgruppen sowie Kirchen, politische Parteien, Gewerkschaften oder lokale Gemeinschaften (vgl. Schneckener 2005, S. 25).

5.2 Bedeutung von Konflikttransformation für den P2P

Das folgende Kapitel befasst sich mit der Konflikttransformation als Methode der zivilen Kon­fliktbearbeitung. Peacebuilding und Konflikttransformation weisen starke Überschneidungen auf: „Sie betonen beide die Notwendigkeit der langfristigen Arbeit, der Überwindung struktureller Konfliktursachen und die Stärkung verbindender Elemente zwischen den Parteien“ (Ropers 2002a, S. 12). Jedoch betont Konflikttransformation eher die strukturbezogenen und die Friedensentwicklung mehr die prozessbezogenen Maßnahmen (vgl. Ropers 2002a, S. 11-12). Ganz allgemein ist unter Transformation „the change from one status to another” (Lederach 1997, S. 75) zu verstehen. Im Sinne von Konflikttransformation bedeutet Transformation „the movement from the latent stage to confrontation to negotiation to dynamic, peaceful relation­ships“ (Lederach 1997, S. 75). Ferner ist es für das Verständnis der Konflikttransformation im Rahmen der Analyse wichtig, dass Konflikttransformation nicht gleichzusetzen ist mit Konflikt­lösung. Vielmehr wird anerkannt, dass einige Konflikte nicht einfach zu lösen sind und es schon ein Fortschritt bedeuten würde, wenn sich die Konfliktakteure im Laufe des Prozesses als gleich­berechtigte Partner gegenübertreten (vgl. Herzog und Hai, S. 8; Weller und Kirschner 2005, S. 13). Konflikttransformation impliziert also die Fähigkeit, im Konflikt ohne Gewalt agieren zu können und hat daher eine grundlegende Bedeutung für das Verständnis von P2P. Um Unver­einbarkeiten überwinden zu können, ist Galtung zufolge ein kreativer Umgang mit den Konflik­ten notwendig (vgl. Galtung 1998, S. 458). Dieses Potenzial ist P2P immanent. Umjedoch Kon­flikte in eine positive Richtung zu transformieren, setzt Konflikttransformation auf langfristig angelegte Aktivitäten (vgl. Reimann 2007, S. 95).[14] Dadurch werden die Akteure, die in einen Konflikt involviert sind, gefordert, denn. „[d]er Prozess sollte im Rahmen einer Friedenskultur vonstattengehen, die eine kreative, gewaltfreie Behandlung des Konflikts legitimiert und dabei physische und verbale Gewalt ausschließt“ (Galtung 1998, S. 458). Eine Beteiligung der Zivilge­sellschaft an der Konfliktbearbeitung scheint also essenziell zu sein. Daher ist P2P als Instrument der Konflikttransformation durchaus geeignet. Zum einen werden Konflikte nicht nur auf der Führungsebene ausgetragen, zum anderen findet sich bei Ropers die These, „dass eine erfolgrei­che Bearbeitung dieser Konflikte Konzepte und Strategien erfordert, die staatliche Akteure allein weder entwickeln noch umsetzen können“ (Ropers 1995, S. 37). Welche Strategien sich für die Konflikttransformation mithilfe zivilgesellschaftlicher Akteure anbieten, wird im unter Kapitel 5.3 näher ausgeführt.

5.3 Strategien der Konflikttransformation

Den Strategien von Konflikttransformation mittels ziviler Akteure liegt ein bestimmtes Ver­ständnis zugrunde, dass im Folgenden auch deshalb erläutert werden soll, da die Bedeutung ebenfalls für den P2P relevant ist. Für ein Verständnis von Konflikttransformationsstrategien empfiehlt es sich, nochmals Galtungs Konfliktdreieck ins Gedächtnis zu rufen (vgl. 3.1). Dieses eignet sich dafür, die beabsichtigte Konflikttransformation sichtbar zu machen. Galtung schlägt vor, A und W, also die Ansichten und Einstellungen, sowie den Widerspruch aus dem Unterbe­ wussten bzw. dem Unbewussten ins Bewusstsein zu heben. Für Galtung ist die Bewusstmachung eine Voraussetzung von Konflikttransformation, da der Akteur so eher in der Lage sein wird, die Transformation in die gewünschte Richtung zu steuern (vgl. Galtung 1998, S. 140). Transforma­tionen müssen, so sie denn erfolgreich sein wollen, bewusst ablaufen, denn sie „ereignen sich nicht einfach. Sie werden gewollt, und nur wenn sie gewollt werden, sind sie real“ (Galtung 1998, S. 186). Auch dies ist zentral für das Verständnis von P2P, denn diese Bewusstmachung impliziert gleichermaßen die Veränderungen der Einstellungen als Strategie der Konflikttrans­formation.

Im Hinblick auf die Ziele von P2P sind Galtungs Ausführungen zu verschiedenen Arten von Konflikttransformationen wichtig, die er mithilfe eines Diagramms verdeutlicht. Hierbei wird unterschieden zwischen Kompromiss, Rückzug und Transzendenz, wobei Transzendenz das Er­strebenswerteste bedeutet, da es die für alle Beteiligten befriedigendste Lösung beinhaltet.

In der Darstellung 4 werden verschiedene Möglichkeiten einer Konflikttransformation verein­facht dargestellt: Auf der Ordinate befinden sich Akteur 1 (A1) mit Ziel 1 (Z1), und die Abszisse veranschaulicht Akteur 2 (A2) mit Ziel 2 (Z2). Stufenartig sind innerhalb des Diagramms die Punkte Rückzug, Kompromiss und Transzendenz dargestellt. Rückzug bedeutet, dass das Ziel von einem der Akteure einfach aufgegeben würde. Die Gefahr hierbei: Käme es zu einem späte­ren Zeitpunkt zum Wiederaufflammen des Konfliktes, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich der verzichtende Akteur doch anders überlegt und der Konflikt von Neuem besteht. Beim Kompromiss werden nach Galtung die Ansprüche herunter gesetzt und das Ziel wird so redu­ziert, dass es erreichbar ist. Der Nachteil hierbei besteht darin, dass beide Akteure unzufrieden sind, weil sie auf das ursprünglich angestrebte Ziel verzichten müssen. P2P beinhaltet großes Potenzial kreative, transzendente Lösungswege zu entwickeln. Im Diagramm wird Transzendenz auch deshalb Wonnepunkt genannt, weil beide Akteure ihr Ziel erreichen, jedoch eventuell in veränderter Form: „Ein Grund dafür kann der sein, dass die Blockierung nicht ganz so massiv war, wie ursprünglich vermutet, ein anderer, dass der Akteur im Besitz verborgener Ressourcen war, ein dritter, dass er das Ziel neu zu definieren vermochte“ (Galtung 1998, S. 175). Im Hin­ blick auf P2P ist besonders die letztgenannte Möglichkeit von Bedeutung. Die Neudefinierung von Zielen in Konflikten verdeutlicht Galtung folgendermaßen:

„Wenn ein Mensch, der auf dem Nordpol steht, sich 20 cm weiter bewegen soll, aber nicht in Richtung Süden, dann entsteht eine Frustration, bis er darauf kommt, dass er diesen Zentimeter ja springen kann. Er hat dann eine vertikale Körperbewegung ge­macht; die wichtigste Bewegung erfolgte aber auf geistiger Ebene und bestand in einer Erweiterung des Paradigmas, unter das die Frustration fiel“ (Galtung 1998, S. 175).[15]

Diese Kreativität würde gefördert werden, wenn sich, wie Eurich vorschlägt, die Konflikttrans­formation zunächst innerhalb der Konfliktparteien getrennt voneinander vollzieht. Erst wenn ein prinzipielles Verständnis für den anderen aufgebaut und eine Bereitschaft vorhanden ist, auf einen Dialog einzugehen, ist es möglich, beide Gesellschaften allmählich zusammenzubringen und kreative Dialoge zu ermöglichen. In einem Schaubild verdeutlicht er diese Annahme mithilfe zweier Kreise, die sinnbildlich für die Gesellschaften stehen:

Darstellung 6: Phasen der Konflikttransformation als Vorbedingung für P2P.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung nach Claus Eurich)[16]

Diese Darstellung verdeutlicht auch das Anliegen Atiehs, der ebenfalls von der Notwendigkeit spricht, dass die Konflikttransformation durch P2P schrittweise geschehen sollte: erst innerhalb der Gesellschaft, dann außerhalb: „Hence, a reconceptualized P2P programme would divide activities into two consecutive stages: one intra-communal, the other inter-communal“ (Atieh 2004, S. 8). Das bedeutet, dass zuerst ein nationaler Dialog stattfinden sollte, der sich mit einer friedlichen Bearbeitung des Konflikts auseinandersetzt, und zwar mit dem Ziel, eine gemeinsame Zukunftsvision zu entwickeln. Erst nachdem die nationalen Positionen diesbezüglich gereift sind, macht es Atieh zufolge Sinn, in einen Dialog zwischen den Parteien zu gehen und dort das Ziel zu verfolgen, ein gegenseitiges Verständnis füreinander zu entwickeln und gemeinsame Ansätze für die Umsetzung einer gemeinsamen Zukunft zu entwickeln. Für die erfolgreiche Umsetzung dieses Konzepts schlägt Atieh vor, bereits innerhalb des nationalen Dialogs Einstellungen und Wahrnehmungen gegenüber der Gegenseite zu verändern (vgl. Atieh 2004, S. 8).

Eine Unterteilung von P2P und Konflikttransformationsbemühungen, die eher auf die zeitliche Dimension abzielen, findet sich bei Kaufmann. Er verortet P2P vor, während und nach Verhandlungen auf der politischen Führungsebene (vgl. Kaufman 2005, S. 476).[17]

Ebenfalls zeitlich gesehen werden, können auch die bei Lederach dargestellten Dimensionen, in­nerhalb denen P2P als Methode der Konflikttransformation wirken kann. Die unten stehende Übersicht verdeutlicht dies:

Darstellung 7: DimensionenderKonflikttransformation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung nach Lederach.; vgl.. Lederach 1997, S. 82)

Diese Dimensionen können zeitlich betrachtet werden, da sie dadurch aufeinander aufbauen kön­nen. Gleichermaßen ist es aber auch möglich, dass Konflikttransformationsprozesse in den ein­zelnen Dimensionen unabhängig von den anderen abläuft.

5.4 Verständnis von Dialog als Methode für den P2P

Die etymologische Bedeutung des Wortes ,Dialog„ leitet sich vom griechischen diálogos ab. Wobei dia ,durch,„ ,hindurch„und logos ,Wort,„ ,Wortbedeutung„und ,Wortsinn„bedeuten (vgl. Ehmer 2004, S. 113). Das Konzept des Dialoges geht weit über das Gespräch hinaus. Ehmer be­schreibt den Dialog als „Prozess des Miteinander-Denkens“ (Ehmer 2004, S. 114), der sich dafür eignet, Grundannahmen und Vorstellungen zu überprüfen. Ein wichtiges Kriterium für den Dia­log ist Bohm zufolge die Ergebnisoffenheit. Dabei steht der Wunsch im Vordergrund, sich zuvor Unbewusstes bewusst zu machen (vgl. Bohm und Nichol 2005, S. 58). Denkvorgängen soll auf den Grund gegangen und der kollektive Ablauf der Denkprozesse geändert werden (vgl. Bohm und Nichol 2005, S. 37). Ziel von Dialogen ist es daher, festgefahrene Stereotype aufzulösen: „The rationale for dialogue is that encountering the ,other„ enables people to confront their stereotypes and build trust” (Kahanoff und Salem 2007, S. 23-24). Dialoge spielen deshalb bei der Bearbeitung von Konflikten eine zentrale Rolle:

„Conflict often involves a breakdown in communication, and where adversaries are un­able to talk to each other, it is unlikely that they can resolve their differences. Without communication, the ,other„ is frequently dehumanized, and mistrust and fear prevail“

(van Tongeren et al. 2005a, S. 87).

Konfliktresolution bedeutet daher van Tongeren zufolge vor allem, die Bemühung danach, Wege zu finden um die Kommunikation wiederzubeleben und den Dialog voranzubringen (vgl. van Tongeren et al. 2005a, S. 87). Das Konzept des Dialogs beinhaltet höchst normative Ansprüche und stellt auf diese Weise besondere Anforderungen an die Teilnehmer von Dialogen - das gilt für allgemeine Dialoge ebenso wie für P2P. Dazu zählt es beispielsweise, sich auf den prozess­haften Charakter von Dialogen einlassen zu können: „Annahmen, Bilder, Muster und Bewertun­gen werden nicht festgehalten. Sie werden entdeckt und betrachtet. Ihre Existenz wird respek­tiert“ (Ehmer 2004, S. 114). Durch diese Herangehensweise wird Bohm zufolge innerhalb einer Gruppe ein Sinnstrom möglich, durch den etwas Neues entstehen kann (vgl. Bohm und Nichol 2005, S. 32-33). „Immer aber hängt das kreative Potenzial des Dialogs, seine Fähigkeit, die tiefe­ren Bewusstseinsstrukturen zu enthüllen, von einem anhaltenden, ernsthaften Einsatz der Teil­nehmer ab“ (Bohm und Nichol 2005, S. 10). Das ist auch der große Unterschied zu Debatten oder Diskussionen. Geht es bei Debatten in erster Linie darum, sie durch die Aufdeckung von Widersprüchen zu gewinnen, ist es Ziel des Dialoges „sich gegenseitig aus Widersprüchen he­rauszuhelfen [und] die Widersprüche sinnvoll zu nutzen“ (Galtung 1998, S. 195). Bohm verdeut­licht dies an einem anschaulichen Beispiel. Er setzt Diskussionen mit einem Ping-Pong-Spiel gleich, bei der die Gesprächsteilnehmer ihre Meinungen hin und her werfen und versuchen,die Diskussion wie ein Spiel zu gewinnen oder zumindest Punkte zu sammeln. Ziel von Dialogen sei im Unterschied zu Diskussionen jedoch nicht, zu gewinnen oder Punkte zu machen, sondern ge­meinsam zu gewinnen: „Wenn einer gewinnt, gewinnen alle“ (Bohm und Nichol 2005, S. 10­11). Der Dialog wird erleichtert, wenn die Teilnehmer des Dialogs sich auf gleicher Augenhöhe befinden und innerhalb des Dialogs gleichberechtigt sind. Dieses Verständnis von Dialog gilt ebenfalls für das theoretische Konzept von P2P. Zu berücksichtigen ist ferner, dass ,wie bereits bei Peacebuilding beschrieben, auch für ein Dialog Geduld und Zeit erfordert, denn selten geht er direkt von Punkt A zu Punkt B: „Vielmehr ist die Bewegung typischerweise rekursiv mit un­erwarteten dynamischen Wandlungen der Sichtweisen, die auf Phasen der Frustration, Langewei­le und Erregung folgen, ein ewiger Kreislauf“ (Bohm und Nichol 2005, S. 10).

[...]


[1] AHerdings soll hier nicht näher auf diese beiden Konflikte eingegangen werden.

[2] Vgl. beispielsweise Johannsen 2006 oder Wasserstein 2009 für einen Gesamtüberblick. Autoren, die sich mit dem Friedenspro­zess befassen, untersuchen oft nur die großen Meilensteine in Form offizieller Abkommen und weniger die Zivilgesellschaft (vgl. Beck 2003; Hassassian und Kaufmann o.J.; Shlaim 2005).

[3] Eine detaillierte Untersuchung der einzelnen P2P-Projekte im Rahmen einer Vor-Ort-Studie wäre für die vorliegende Arbeit auf­grund fehlender Arabisch-und Hebräischkenntnisse der Autorin sowie eines begrenzten finanziellen Budgets nicht realisierbar gewesen. Zudem würde dies auf eine andere Forschungsfrage hinauslaufen.

“Allerdings wenden Kahanoff und Salem dieses Analysemodell auf einzelne Projekte an, so dass es im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nur bedingt eingesetzt werden konnte (vgl. Kahanoff und Salem 2007, S. 68 sowie S. 122-131).

[5] AIs Intifada werden zwei langandauernde Aufstände palästinensischer Araber im Westjordanland und im Gazastreifen gegen Is­rael bezeichnet. Der arabische Begriff bedeutet soviel wie Abschütteln, Sich erheben, Loswerden. Die erste Intifada ist auf den- Zeitraum zwischen 1987 bis 1994 zu datieren, die zweite Intifada, auch Al Aqsa Intifada genannt, begann im Herbst 2000 und bedeutete das Ende des Friedensprozesses.

[6] Nur sehr vereinzelt ist es Kooperationsprojekten gelungen, auch während und nach der Intifada weiter zu bestehen.

[7] Für einen tieferen Einblick in die ideengeschichtlichen Konzepte von den Vordenkern der heute bekannten Diskurse zur Zivilge­sellschaft, Bürgergesellschaft oder Civil Socity, angefangen bei Aristoteles über Charles de Montesquieu, John Locke, Alexis de Tocqueville, Karl Marx, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Antonio Gramsci bis zu Jürgen Habermas, siehe die Zusammenfas­sungen von Lauth und Merkel 1997, S. 22- 23; Spurk 2010, S. 4 - 6; Anheier und Appel 2007, S. 340 - 343; Cohen und Arato 1997; Inthorn und Reder 2005, S. X; Adloff 2005, S. 9; Edwards 2004, S. 7; Fischer 2006, S. 22. Bei diesen Autoren finden sich auch weiterführende Literaturverweise auf die Originaltexte.

[8] So werden beispielsweise im Falle Israels die extremistischen Siedler oder im Falle Palästinas fanatische Mitglieder von Hamas­Gruppierungen von der Untersuchung ausgeschlossen. Sie weisen zwar zweifelsohne durchaus zivilgesellschaftliche Charakte­ristika auf, können jedoch aufgrund ihrer normativ problematischen Zielsetzungen in der vorliegenden Analyse nicht als Teil der Zivilgesellschaft angesehen werden, wenngleich sie auch Teil derjeweiligen Gesellschaften sein mögen.

[9] Für eine ausführliche Beschreibung der arabischen ideengeschichtlichen Perspektive siehe Ibrahim (vgl. Ibrahim 1995, S. 26- 27).

[10] Als Umma wird die religiöse Gemeinschaft aller Muslime bezeichnet.

[11] uGaltung definiert Patriarchat als „Institutionalisierung männlicher Dominanz in vertikalen Strukturen, wobei hohe Korrelationen zwischen sozialer Stellung und Geschlecht bestehen, die durch die Kultur (z. B. Religion und Sprache legitimiert werden und sich oft als direkte Gewalt darstellen, bei der Männer die Subjekte und Frauen die Objekte sind“ (Galtung 1998, S. 82). Wenn Bauer von neo-patriarchalischen Gesellschaften spricht, dann haben sich die Gesellschaften zwar inzwischen weiterentwickelt, legen aber das von Galtung beschriebene Verständnis zu Grunde.

[12] In die gleiche Richtung geht auch die Definition Haberlands (vgl. Haberland 2007, S. 323).

[13] Konfliktinterventionskonzepte wie Peacekeeping und Peacemaking zielen eher auf die anderen Ecken des Konfliktdreiecks ab.

[14] Galtung geht sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn ist Konflikttransformation „ein niemals endender Prozess. Alte Widersprü­che können auftauchen, neue entstehen. [...] Eine Lösung in Form einer stabilen, dauerhaften Formation ist bestenfalls zeitweilig das Ziel. Viel wichtiger ist das Erlangen einer Transformationskapazität, d.h. der Fähigkeit, mit den Transformationen so umzu­gehen, dass sie nachhaltig und akzeptabel sind“ (Galtung 1998, S. 166).

[15] Galtung verdeutlicht seine Theorie sehr ausführlich mit weiteren Beispielen unter denen er auch eine transzendente Lösung für den Israel-Palästina-Konflikt anführt (wenngleich Galtung selbst der Verwirklichung seines Lösungsvorschlages zum Zeitpunkt der Niederschrift als unrealistisch einstuft (vgl. Galtung 1998, S. 179 -181).

[16] Diese Darstellung wurde, mit freundlicher Genehmigung des Journalistik-Professors Claus Eurich, von einem Tafelbild über­nommen, das im Rahmen des Seminars ,Friedensjournalismus„der TU Dortmund am 07.02.2011 im Haus in Hagen entstand.

[17] Kaufman zeigt Handlungsansätze zu verschiedenen Zeitpunkten auf (vgl. Kaufman 2005, S. 476- 478).

Details

Seiten
137
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656059974
ISBN (Buch)
9783656060093
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182426
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fakultät für Gesellschaftswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Israel Palästina P2P innovativ Konflikttransformation Zivilgesellschaft Peacebuilding Friedensgruppen Nahostkonflikt Oslo Friedensbewegung

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Titel: Die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Konflikttransformation im Israel-Palästina-Konflikt