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Lesen und Schreiben in Goethes "Wahlverwandtschaften"

Bachelorarbeit 2011 56 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung - Schreiben als Geste in den Wahlverwandtschaften

2. Das Schriftliche als Medium der persönlichen Kommunikation
2.1. Lesen und Schreiben im historischen Kontext
2.2. Der Brief als Beziehungsträger
2.3. Ästhetische Subjektivität im Tagebuch

3. Schriftstücke in den Wahlverwandtschaften
3.1. Die Aufzeichnungen des Hauptmanns
3.2. Gemeinsame Leseerlebnisse
3.3. Die Vertragsabschrift

4. Durch Briefe sprechen
4.1. Brief an den Hauptmann
4.2. Brief des Gehilfen
4.3. Eduard an Charlotte
4.4. Eduard an Ottilie
4.5. Ottilie den Freunden

5. Aus Ottilies Tagebuch
5.1. Eintrag eins
5.2. Eintrag sechs

6. Kommunikationshilfe oder Kommunikationshürde? - Eine Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung - Schreiben als Geste in den Wahlverwandtschaften

Das Geschriebene, das Gedruckte tritt an die Stelle meines eigenen Sinnes, meines eigenes Herzens; und würde ich mich wohl zu reden bemühen, wenn ein Fensterchen vor meiner Stirn, vor meiner Brust angebracht wäre, so daß der, dem ich meine Gedanken einzeln zuzählen, meine Empfindungen einzeln zureichen will, immer schon lange vorher wissen könnte, wo es mit mir hinaus wollte? Wenn mir jemand ins Buch sieht, so ist mir immer, als wenn ich in zwei Stücke gerissen würde.[1]

Mit diesem Ausruf rechtfertigt Eduard, einer der vier Protagonisten in Goethes spätem Roman Die Wahlverwandtschaften, seinen Unmut über den Blick seiner Ehefrau in das Buch, aus dem er liest. Es ist also eine ganz spezielle Beziehung, die er zur Schrift, zum Geschriebenen und eben auch zum Gedruckten hegt. Wie lässt sich diese Beziehung definieren? Wieso fürchtet Eduard den Einblick seiner Gattin und weshalb fühlt er sich in zwei Stücke gerissen?

Die Wahlverwandtschaften sind in vielerlei Hinsicht ein besonderer Roman. Während die zeitgenössische Kritik hauptsächlich negativ ausfiel[2], ergeben sich mit der Entwicklung der Gesellschaft auch Entwicklungen in der Bewertung. Es zeigt, dass Goethe mit diesem Roman und dem darin geäußerten Verständnis von Liebe und Ehe seiner Zeit voraus war. Untersucht wurden die Wahlverwandtschaften bereits unzählige Male. Dass dabei besonders die Spiegelungsmotive sowie die immer wieder kehrende Todesproblematik thematisiert wurden, liegt auf der Hand. Bereits bei der ersten Lektüre scheinen sie doch einen tieferen Einblick in das Geschehen zu bieten, sie finden sich in Schlüsselszenen und geben der Handlung immer neue Wendungen. Die Lese- und Schreibszenen sind deutlich unterschwelliger in die Erzählstruktur eingebaut, jedoch keinesfalls unwesentlicher für den Handlungsverlauf. Sie sind in überraschender Häufigkeit in den Wahlverwandtschaften vorhanden und geben besonderen Aufschluss über die Beziehungen der Charaktere untereinander, aber auch über den Weg, den ihr eigenes Leben einschlägt und in wie weit die Kommunikation dabei eine Rolle spielt. Durch die schriftliche Annäherung untereinander oder das einfache Festhalten von flüchtigen Momenten durch Aufzeichnungen können zwei Personen zueinander finden, wenn die mündliche Kommunikation scheitert, genauso kann es jedoch zu einer noch größeren Spaltung kommen, da die Individualisierung durch den einsamen Schreibmoment gefördert wird.

Lesen und Schreiben bilden eine ganz spezielle Form der Kommunikation. Diese Schriftlichkeit schließt eine Lücke zwischen dem einsam durchgeführten Schreib- und Leseprozess und der zusammenführenden Absicht, die hinter der Kontaktaufnahme, beispielsweise durch einen Brief, steht. Die verschiedenen Formen geben demnach auch verschiedene Auskünfte über den Gefühlszustand der Charaktere und - viel trivialer - über ihre Fähigkeit, selbst zu empfinden und diese Empfindungen zu offenbaren. Ob die Schrift als Medium dabei Vor- oder Nachteile bedeutet, oder ob sie womöglich nur ein Versteck vor der tatsächlichen Konfrontation bietet, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Genauso soll ein Ergebnis sein, ob die Figuren die Schriftlichkeit bewusst nutzen, um vor dem realen Leben in eine fiktionale Scheinwelt zu fliehen, oder ob der Auslöser eine unbewusste Wirklichkeitsangst ist.

Hierzu wird zunächst das Medium Schrift in den historischen Kontext gesetzt, um zu beobachten, welche Rolle die Schrift zur damaligen Zeit in Bezug auf persönliche Beziehungen spielte. Eine unsichtbare Grenze, die den Brief als etwas Offizielles einordnete, musste überwunden werden, um ihn weiter zu tragen auf eine individuelle Ebene. Noch individueller und persönlicher erscheint das Tagebuch, das in dieser Arbeit anschließend eine nähere Betrachtung findet. Dieser erste einleitende Teil soll bei der Analyse der Romanabschnitte eine Hilfe sein. Die anschließende konkrete Arbeit am Text ist dreigeteilt. Zunächst geht es darum, scheinbar neutrale Schriftstücke ohne Adressaten zu untersuchen, die jedoch durch ihre Lese- beziehungsweise Schreibpraxis weitreichende Auskunft über die Figuren geben. Nachfolgend werden Briefe betrachtet, die teilweise wörtlich in den Erzählstrang eingebaut wurden. Diese Briefe sind demnach Teil der Erzählstruktur, treiben die Handlung voran und helfen durch den Perspektivwechsel, neue Einblicke zu erhalten. Jeder weitere Brief wird dabei stärker in seiner Aussagekraft, sodass die letzten beiden Briefe bereits zeigen, welche Funktion das Schriftliche auf zwischenmenschlicher Basis einnimmt. Die ausgewählten Schriftwechsel legen besonderes Augenmerk auf die Beziehung Eduards und Ottilies untereinander, aber auch auf die jeweilige Beziehung zur Schrift und damit auf die Persönlichkeitsentwicklung. Abschließend kann durch die Analyse ausgewählter Tagebucheinträge Ottilies eine finale Einordnung der Schrift als Kommunikationsform vorgenommen werden.

Allein durch eben jene Tagebucheinträge scheint Ottilie diejenige Figur, welche die stärkste Bindung zur Schriftlichkeit auszeichnet. Was das Tagebuch jedoch Persönliches über Ottilie aussagt, muss weiter untersucht werden. Immer wieder stellt sich die Frage, ob Ottilie nicht das eigentliche Medium ist, das durch das Tagebuch Gedanken anderer äußert, und nicht umgekehrt.

In wie weit nehmen nun die Lese- und Schreibszenen, die Literatur und damit verbunden die Fiktion Einfluss auf die Kommunikation unter den Figuren? Wie verändern sich die Persönlichkeiten, wie drücken sie sich aus, wie entwickeln sie sich weiter? Gibt es eine bewusste Flucht vor dem realen Leben oder soll durch den Rückzug in die einsame Schriftlichkeit die Wirklichkeit unbewusst umgangen werden?

2. Das Schriftliche als Medium der persönlichen Kommunikation

Lange gab es Regeln und Konventionen, die eingehalten werden sollten, nach welchen es zu schreiben galt, bevor das Geschriebene genutzt wurde, um Persönliches auszutauschen. Doch das Betrachtenswerte gerade im Bezug auf Goethes Wahlverwandtschaften ist eben die private Kommunikation, das individuell Verfasste. Die Schrift kann Gedanken und Flüchtigkeiten festhalten, so dass sie überdauern. Dabei kann es sich um Briefe, einfache Notizen, Mitteilungen oder etwas so Intimes wie Tagebucheinträge handeln. Es muss also nicht immer einen Empfänger geben, auch das einfache Festhalten von Gedanken für sich selbst ist persönliche Kommunikation.

Damit öffnen sich neue Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Zeitliche und räumliche Entfernungen können überwunden, aber auch verstärkt werden. Auch zwei sich nahe Stehende können durch einen Brief vertrauter werden. Das, was auszusprechen zu viel Überwindung kostet, kann durch den Brief gesagt werden. Die Schrift schafft eine Distanz, die hilfreich sein kann. Auf der anderen Seite kann die Distanz auch Probleme mit sich bringen, die eine direkte Kommunikation umgangen hätte. Missverständnisse treten in geschriebener Sprache häufiger auf, denn die Chance zur direkten Nachfrage besteht nicht. Trotzdem kann ein Gedanke, der durch Schrift festgehalten wird, auch Aufklärung bringen. Fragen, die auftreten, werden nicht vergessen, sondern können zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgegriffen werden. Auch die tatsächliche (Hand-) Schrift lässt Aussagen über die Persönlichkeit des Verfassers zu, auf der anderen Seite kann genauso Falsches interpretiert werden.

Das Geschriebene als Medium, also als Vermittler, der persönlichen Kommunikation offenbart zahlreiche Anstoßpunkte. Die Betrachtung von Lese- und Schreibsituationen und damit verbundenen Entwicklungen kann hilfreich sein, um die Möglichkeiten dieser Kommunikationsform in ihren Facetten besser zu verstehen.

2.1. Lesen und Schreiben im historischen Kontext

Johann Wolfgang Goethe veröffentlichte Die Wahlverwandschaften 1809. Damit fällt der Roman in eine Zeit, in der die Alphabetisierung der westlichen Gesellschaft bereits in großen Schritten voran gegangen war. Hinzu kommt, dass sich der Buchdruck und die Druckkultur als solche durchsetzten.

Nicht nur die Tatsache, dass die Wahlverwandtschaften somit theoretisch für ein breiteres Publikum zugänglich waren als Goethes frühere Werke, ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert. Auch die Rolle, die der Autor hier den Lese- und Schreibszenen im Romangeschehen zukommen lässt, ist besonders. Diese Kombination bietet Anlass genug, das Lesen und Schreiben im Kontext der historischen Entwicklung um 1800 näher zu betrachten.

Das tatsächliche literarische Lesepublikum hat sich im Laufe des 18. Jahrhunderts vervielfacht, doch nicht alle Schichten der Gesellschaft werden gleichermaßen erfasst. Das gehobene Bürgertum stellt immer noch die größte Leserschaft.[3] Im 19. Jahrhundert entsteht durch Alphabetisierungskampagnen und Schulreformen gepaart mit der Wissensexplosion während der Industriellen Revolution und dem Demokratisierungsprozess erstmals ein „Massenpublikum“.[4] Nicht nur das Fiktive erhält Aufmerksamkeit. Ein Bedürfnis nach dem Festhalten der Gegenwart durch Schrift wird selbstverständlich. Goethe lässt dieses Bedürfnis beispielsweise beim Hauptmann und seinen Plänen und Aufzeichnungen vom Grundstück seiner Freunde gewahr werden.

Die sich immer weiter entwickelnde Lesekultur kann unterteilt werden in nützliche und zweckfreie Lektüre.[5] Das der reinen Unterhaltung dienende Lesen findet in seinen Anfängen viele Kritiker. Die Lektüre soll ihrer Ansicht nach stets die Bildung fördern. In Goethes Wahlverwandtschaften sitzen Eduard, Charlotte und der Hauptmann beisammen und widmen sich in der Freizeit gemeinsam einem Werk chemischen Inhalts.[6]

Es entwickelt sich eine Diskussion um die Gefahr der Lesesucht und des Viellesens, die als Beginn der in der Geschichte wiederkehrenden Angst vor neuen Medien gesehen werden kann.[7] Dieses Unbehagen und die Angst vor einer Veränderung der Gesellschaft - vor allem der Jugend - durch das neue, unbekannte Medium ist gerade bei Älteren und Gebildeten erkennbar. Jüngere und niedrigeren sozialen Schichten Angehörige sehen bereits früh eine Chance im Buch und der damit verbundenen Bildung durch Lektüre. So heißt es bei Paul Goetsch:

Wenn im Kontext der Lesesuchtdebatte [...] immer wieder warnend das Bild der entspannt auf dem Sofa liegenden, in einen Roman versenkten jungen Frau beschworen wurde, dann ist das ein Indiz dafür, daß bürgerlich-patriarchalische Vorstellungen von Arbeit, rationaler Lebensgestaltung und häuslicher Ordnung auf dem Spiel standen.[8]

Nicht umsonst führt die einzige Szene in den Wahlverwandtschaften, in welcher sich eine der Hauptfiguren, Ottilie, leichter Lektüre widmet, ins Unglück und gibt dem Roman eine tragische Wendung. Dass der Erzähler genau an dieser Stelle betont, dass es sich um kein anspruchsvolles oder bildendes Buch handelt, unterstreicht die Kraft, mit welcher geschriebene Sprache und Literatur gerade auf den Charakter der Ottilie wirken.

Um 1800 wird die bürgerliche Lesekultur gefördert. Dabei spielt immer wieder der Gegensatz von Emanzipationsstreben und dem Wunsch nach sozialer Kontrolle der Leser eine Rolle, „hier die Hoffnung auf die emanzipatorische Wirkung von Alphabetisierung; dort die Alphabetisierung als nicht mehr aus der Welt zu schaffendes Faktum, aber Skepsis gegenüber ihren Auswirkungen.“[9]

Es entstehen Lesegesellschaften (auch Lesezirkel oder Lesekabinette), die ein geselliges Lesen in privater oder öffentlicher Form einführen. Zwischen 1760 und 1800 sind in Deutschland ca. 430 solcher Gesellschaften zu verzeichnen.[10] Politische Veränderungen wie die französische Revolution schaffen ein Informationsbedürfnis, was durch das gemeinsame Lesen und Diskutieren gestillt wird. Aktuelle Literatur fällt durch politische Themen auf, dabei ist die Zeitung das wichtigste Medium. In diesem Zusammenhang wird die Rezeptionslenkung verstärkt. Gerade das weibliche Publikum wird mehr der unterhaltenden Literatur zugewiesen. Denn das Lesen vermittelt Wissen, das zuvor nicht für Frauen zugänglich war. So gibt es durchaus Gruppierungen, die weibliche Leserinnen als gefährlich ansehen. Die Lektüre bildet nicht nur, sondern fördert zudem auch eine neugierige und kritische Perspektive. In einem Brief von Gottfried Hoche von 1794 heißt es:

Es gibt ja wohl in jeder Stadt einige Männer denen das Wohl ihrer Mitbürger, und das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, die mit Einsicht und Geschmack die Lektüre anordnen können [...] Wie wäre es, wenn solche Männer die Aufsicht über die Lesegesellschaften übernähmen?[11]

Dieses Hintergrundwissen lässt die Lese- und Schreibaktivitäten der vier Protagonisten in Goethes Wahlverwandtschaften in neuem Licht erscheinen.

Es handelt sich um gebildete und interessierte Denker, die durch das Festhalten von Momenten durch Briefe, Notizen oder das Tagebuch Gedanken ordnen und diese so für sich oder andere verständlicher machen wollen. Ob ihnen dies gelingt und ob sie tatsächlich selbst entwickelte Überlegungen notieren, soll in den weiteren Ausführungen geklärt werden.

2.2. Der Brief als Beziehungsträger

Im Laufe des 18. Jahrhunderts gewinnt das Medium Brief an Stärke und Bedeutung. Der Brief wird nicht länger einzig als standardisiertes Schreiben verwendet, es entsteht der individuell verfasste Privatbrief.[12] Der persönliche Brief zum Austausch individueller Erfahrungen und Erlebnisse ist auch in Goethes Wahlverwandtschaften bedeutungsstark. Aus diesem Grund soll hier nicht sprachwissenschaftlich die Textsorte Brief sowie die Differenzierungskriterien oder eine Formtypologie betrachtet werden. Es geht letztendlich um die Bedeutung des Briefs in seiner literarischen Form, durch die jeder Mensch seine Gedanken festhalten und weitergeben konnte und immer noch kann. Die heutige Medienvielfalt existiert nicht und so werden durch den Brief und das Briefwesen neue Möglichkeiten eröffnet. Schon um 1800 ist seine Funktion als Vermittler - und somit auch als eine neue Form des Dialogs - bekannt. Damit einher geht die rechtliche Sicherung des Briefgeheimnisses 1794.[13] Eine regelrechte Briefkultur entsteht auch durch die Verbesserung der Verkehrswege, die Fortschritte im Postwesen und eine aufgeklärte Politik.

Bevor jedoch die Art Brief möglich ist, die in den Wahlverwandtschaften auftaucht, nämlich dem Brief als Träger von Beziehungen, werden einige kritische Stimmen laut. Dabei geht es nie um den Zweifel am Briefwesen an sich. Der Briefstil und die damit kultivierten Regeln werden kritisiert. Zunächst muss deutsch als Schreibsprache durchgesetzt werden, denn es ist üblich, in den eleganteren Sprachen lateinisch und französisch zu kommunizieren. Es wird ein Schreibstil empfohlen, der sich an den Höfen orientiert. Mit der Schreibkultur um 1800 hat dies noch wenig gemein. Es gibt ganze Bücher, die dem einfachen Volk das Briefeschreiben erklären sollen. Diese sogenannten Briefsteller schaffen eine Hilfe, die „zu einem Hausbuch im Bürgertum - in der Funktion eines praktischen Ratgebers ähnlich der eines Anstands- oder Kochbuches“[14] wird. Genaue Anleitungen für jede erdenkliche Briefform werden gegeben, sogar der Liebesbrief kann anhand einer Schablone nachformuliert werden. Bei diesem gestatten die Autoren dann „immerhin den gesteigerten Ausdruck subjektiver Gefühle.“[15] Nichtsdestotrotz wird weiterhin geraten, dem strengen Muster zu folgen, so dass eigene Schriftstücke mit persönlicher Aussage nicht entstehen können.

Die Modernisierer des Briefwesens wünschen sich eine Sprache, die sich an derjenigen des Herzens orientiert. Sie wollen ihre Zeitgenossen motivieren, den Brief als Ausdrucksform ihrer individuellen Empfindungen, als Sprache ihrer Seele zu nutzen. Die heutige Briefkultur verdankt es den sich durchsetzenden Neuerern, dass eine regelfreie und persönliche Schreibform möglich wurde. Neben Gellert, der die Anfänge formuliert, wird die „Anleitung zum Briefeschreiben“ von Karl Philipp Moritz zu einem der wichtigsten Werke auf dem Weg zu einem freien Brief. Er lehnt Regeln ab und fordert eine unverfälschte Schreibart. Auch Johann Wolfgang Goethe ist von Moritz’ Auffassung angetan. Nicht nur die Tatsache, dass es von Goethe selbst unzählige Briefe gibt, die als Teil seines Werkes betrachtet werden, unterstreicht dies. So heißt es in einem seiner persönlichen Briefe an Charlotte von Stein: „Moritz [..] ist wie ein jüngerer Bruder von mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich begünstigt und vorgezogen bin.”[16] Und auch Albrecht Schöne zitiert Goethe, der 1765 in einem weiteren seiner Briefe der eigenen Schwester schreibt: „Schreibe nur wie du reden würdest, so wirst du einen guten Brief schreiben.“[17] Diese Anweisung für Cornelia stammt allerdings vom jungen Goethe, welcher zu Studienzeiten Aussagen seiner Lehrer nachformuliert. Sie kann nicht als repräsentativ für seine grundsätzliche Einstellung zum Briefeschreiben gesehen werden. Trotzdem hilft sie, seine offene Einstellung zum Ausdruck von Gefühlen durch Worte einzuordnen.

Dass eben jene individuelle Schreibart jedoch auch die Briefe in den Wahlverwandtschaften durchzieht, macht die Protagonisten durch ihren Schreibstil charakterisierbar. Die Briefe können so eine wichtige Hilfe bei der Einordnung von Gefühlen und Äußerungen sein. Gerade in den fiktionalen Werken des 18. Jahrhunderts finden sich viele Formen des Briefs. Die Wahlverwandtschaften bilden also keine Ausnahme. „Der Brief findet sich im Roman und im Drama, und der Briefroman wird zu der literarischen Gattung der Zeit.“[18] [19] Große Berühmtheit erlangt Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werther19, das als Paradebeispiel jener Gattung gesehen werden kann. Was jedoch macht den Brief als Literaturform so interessant? Der Brief ermöglicht dem Romanautor eine neue Perspektive, der Leser kann aus Sicht einer der Figuren nachempfinden. Dabei wird noch deutlich zu der bereits bekannten Ich- Perspektive unterschieden, denn der Brief ist häufig Teil der Handlung. Es gibt einen Adressaten, welchem die Gedanken und Empfindungen gewidmet werden. Der Leser ist nur stiller Beobachter, der fast heimlich Einsicht in die privaten Briefe nimmt.

Im realen historischen Kontext wird durch die immer freier werdende Sprachform auch ein Blick auf die gesellschaftliche Neuorientierung möglich. „Der Wandel des Briefstils spiegelt und fördert eine weitgehend irreversible gesellschaftspolitische Gewichtsverschiebung und lässt einen Emanzipationswillen erkennen, der bald weit über das Briefwesen hinausgehen wird.“[20] Die wirtschaftlichen Veränderungen erwecken bei den Angehörigen des deutschen Bürgertums ein Gefühl für den eigenen Wert. Ein neues Selbstbewusstsein schafft auch einen Stolz auf die eigenen Gedanken, die durch Briefe und allerhand anderer Schriftstücke festgehalten werden sollen.

Die zum Brief gehörende Zeitverzögerung gilt nicht als störend. Der Brief kann nicht nur an die Stelle eines Gesprächs treten, er kann auch die günstigere Kommunikationsform sein. „Besonders Frauen entwickeln sich zu aktiven Briefschreiberinnen - die den Brief vorwiegend als Kommunikationsmedium nutzen, in dem sie ihre Gefühle und Gedanken formulieren, was ihnen sukzessive [...] auch den Weg zur Literatur weist.“[21] Der Brief wird verstärkt zum Medium, in dem Gefühle, Empfindungen, Freundschaften und Liebe zum Ausdruck gebracht werden. Diesen Brieftypus bezeichnet Karl Heinz Bohrer als romantischen Brief, der als Genre zwischen persönlicher Kommunikation und Literatur einen besonderen Status erhält.[22] Der Brief trägt also die Bürde des Vermittlers zwischen zwei sich nahe stehenden Menschen, er beeinflusst möglicherweise diese Beziehung.

Von dieser Stelle aus lässt sich leicht die Brücke zur Figur des Mittlers in den Wahlverwandtschaften schlagen. Im Grunde ist seine Rolle genau die eines gelungenen Briefes, nämlich eine Verbindung zwischen zwei Menschen zu schaffen, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht anders kommunizieren können.

Kann man nun diese Distanz durch einen Brief, oder gar durch den Schreibakt, überwinden? Diese Frage stellt sich ebenfalls in den betrachteten Lese- und Schreibszenen immer wieder. Es ist jedoch eindeutig, dass der Autor in den Wahlverwandtschaften an vielen Schlüsselstellen eben jene Trennung von hier und dort, von damals und jetzt, was die typische Distanz eines Briefes beschreibt, einbaut. Beim „doppelten Ehebruch“ lässt Goethe Abwesendes und Gegenwärtiges ineinander übergehen.[23] Das Ergebnis ist der Beginn der Katastrophe. Ob dies nun ein Vermerk auf die negativen Auswirkungen einer Verbindung wie derer von Ottilie und Eduard ist, bleibt zu klären. Möglich scheint ebenso der Verweis, dass die Überwindung von Anwesendem und Abwesendem durch das Medium Brief die zu wählende Lösung ist. Der Brief kann das Jetzige nicht nur festhalten, sondern auch weiter tragen. Die geschaffene Distanz kann möglicherweise sogar helfen, sich näher zu kommen. Um 1800 wird der Brief in Deutschland zum Medium der Beziehung, er eröffnet neue Möglichkeiten, hilft beim Erhalt von Verbindungen und schafft neue. Diese Idee hat Johann Wolfgang Goethe nicht nur im Werther aufgegriffen, auch in den Wahlverwandtschaften spielt das Schriftliche eine weitaus größere Rolle als es auf den ersten Blick anzunehmen ist.

Wer schreiben und lesen konnte, wer zur gebildeteren Gesellschaft gehörte oder ihre Nähe suchte, schrieb Briefe. [...] Nie zuvor und nie danach werden derart viele neue Möglichkeiten des Mediums Brief erprobt und fruchtbar gemacht. Und weder davor noch danach ist das Medium Brief von derart großer Bedeutung für das gesellschaftliche Leben: Die Kultur des 18. Jahrhunderts ist in eminentem Maße eine Brief-Kultur.[24]

2.3. Ästhetische Subjektivität im Tagebuch

Karl Heinz Bohrer nennt den romantischen Brief die „Entstehung ästhetischer Subjektivität“. Dieser Terminus passt ebenso zur Offenbarung im Tagebuch. Viele Parallelitäten zwischen einem sehr persönlichen Brief und einem Tagebucheintrag sind nicht abzustreiten. Das Innerste wird festgehalten, in formschöne Sprache verpackt und zum späteren Nachweis aufgehoben. Nichtsdestotrotz wird beim Tagebuch noch eine weitere Hürde überwunden. Reflexionen, die der Schreibende möglicherweise selbst noch nicht zu deuten vermag, werden verhüllt. Auch vor sich selbst sollte man „gewissen Geheimnissen, und wenn sie offenbar wären, durch Verhüllen und Schweigen Achtung erweisen“[25], wie es Goethe in Wilhelm Meisters Wanderjahre formuliert. Das Tagebuch bleibt stets ein Instrument der Zeitwahrnehmung, literarisch kann es als Verbindung von Autobiographie und Brief gesehen werden. Wie bei der Autobiographie wird Lebenszeit inszeniert, wie beim Brief findet eine Rhythmisierung aufeinander bezogener Zeiten statt.[26] Das Wechselspiel von Zeit und Schrift ist beim Tagebuch elementar, die Zeit wird materialisiert.

Der zeitliche Aspekt ist ebenfalls bei Ottilies Tagebucheinträgen in den Wahlverwandtschaften bemerkenswert. Erst die Betrachtung aller Sentenzen verdeutlicht die Aussage und den Wert. Anders als beim Brief reicht die Betrachtung eines einzelnen Eintrages nicht, um den Schreibenden zu verstehen. Die sich aufeinander beziehenden Schriftstücke sind eine Gesamtkomposition.

In der Literatur ist das Tagebuch zur Gattung geworden. Wie es der Name sagt, befasst sich die Gattung Tagebuch mit der Zeiteinheit des Tages. Schon vor der Lektüre scheint diese Einteilung klar. Eine Gattung differenziert sich von anderen Gattungen häufig dadurch, dass sie sich durch eine andere Zeiteinheit profiliert. Bei keiner anderen Gattung ist dies so eindeutig wie eben hier.

Reale sowie fiktionale Tagebücher finden sich in den Regalen der Buchhandlungen. Ein Tagebuch schreibender Mensch, sei es als Protagonist eines Romans oder die reale Person hinter einem Tagebuch, gerät häufig in eine zunehmende Distanz zur Lebenswelt.[27] Das Spannende an dieser Begebenheit ist, dass dem Leser ein völlig neuer Zugang zum Charakter des Tagebuchautors geöffnet wird. Das Tagebuch ist somit das privateste Schriftstück, das formuliert werden kann - dies zumindest wäre anzunehmen.

„Ein ‘privates Tagebuch’ ist ein fundamentaler Unsinn“[28], heißt es hingegen bei Arno Dusini. Es muss bedacht werden, dass ein tatsächlich privates Tagebuch vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben würde. Somit sollte stets getrennt werden, ob es sich um ein von Beginn an für die Öffentlichkeit bestimmtes Tagebuch handelt. Beispielsweise waren Johann Wolfgang Goethes Tagebücher lediglich einem kleinen Bekanntenkreis zugänglich, Thomas Mann sperrte seine Tagebücher zu Lebzeiten stets ein.[29] Diese waren also privat, bevor sie - evtl. ohne die Zustimmung des Verfassers - öffentlich gemacht wurden. Es bleibt also die Frage, was für wen festgehalten wird. Demnach ist die Einsicht gerade bei Veröffentlichungen von realen Tagebüchern nach dem Ableben des Autors oftmals eine sehr intime.

Diese Einsicht kann auch einen Blick in die Vergangenheit zulassen, den es bei fiktionaler Literatur nicht geben kann. Dabei ist das Tagebuch Anne Franks sicherlich das eindrucksvollste Beispiel.[30] Sie hat ihr privates Tagebuch überarbeitet, umgeschrieben und editiert, um es nach Kriegsende zu veröffentlichen. Dieser Wunsch wurde nach ihrem Tod durch ihren Vater umgesetzt. Er stellte aus der ersten und der überarbeiteten Fassung eine dritte zusammen. Wichtig und deshalb an dieser Stelle auch erwähnenswert ist, ob (gerade ein reales) Tagebuch editiert ist. Dieser Vorgang nimmt dem Tagebuch die absolute Echtheit und Privatsphäre des Augenblicks. Im Fall der Anne Frank veränderte es aber nichts an der Authentizität und Erzählkraft. Sie strich hauptsächlich solche Passagen, die sie im Zusammenhang der politischen Situation für uninteressant hielt.

Bei den Tagebucheinträgen der Ottilie in den Wahlverwandtschaften ist diese Frage nicht zentral, da sie Teil eines Romans sind und einen weiteren, vom Autor geschaffenen Zugang zu ihrer Person darstellen. Jedoch können auch bei Ottilies Tagebucheinträgen durch rein formale Details schon Rückschlüsse gezogen werden.

Laut Arno Dusini ist es grundsätzlich interessant, bei der Lektüre eines Tagebuch auf Folgendes zu achten:

- Die Architektur der Textträger.
- Das Format.
- Die Schrift.
- Das Schreibzeug.
- Das Schreibmaterial.[31]

Handelt es sich um Hefte, lose Papiere oder gar gebundene Mappen? Finden sich Datierung, Adressat oder Nummerierung? Gibt es ein durchgängiges Format oder variieren die Schriftstücke? Sind die Aufzeichnungen handschriftlich festgehalten oder abgetippt? Wie regelmäßig und gleichförmig ist die Schrift? Sind die handschriftlichen Aufzeichnungen mit Bleistift oder Feder abgefasst? Ist das Material festes Briefpapier oder handelt es sich gar um Notizzettel-Ähnlichen Schreibstoff?

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Erich Trunz (Hrsg.). Hamburg 1948-1964. Band 6, Wahlverwandtschaften, erster Teil, viertes Kapitel, S. 269. Im Folgenden: Wahlverwandtschaften.

[2] Vgl. Heinz, Jutta: „Durch und durch materialistisch” oder „voll innern heiligen Lebens“? Zur zeitgenössischen Rezeption der Wahlverwandtschaften, S. 433. In: Hühn, Helmut: Goethes »Wahlverwandtschaften«. Berlin 2010.

[3] Vgl. Kiesel, Helmuth/Münch, Paul: Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert: Voraussetzungen und Entstehung des literarischen Marktes in Deutschland, München 1977, S. 166.

[4] Goetsch, Paul: Lesen und Schreiben im 17. Und 18. Jahrhundert. Tübingen 1994, S. 5. Im Folgenden: Goetsch.

[5] Vgl. Goetsch, S. 5.

[6] Vgl. Wahlverwandtschaften, erster Teil, viertes Kapitel, S. 269.

[7] Vgl. Roß, Dieter: Traditionen und Tendenzen der Medienkritik, S. 29-45. In: Weßler, Hartmut/Matzen, Christiane/Jarren, Otfried/Hasebrink, Uwe (Hrsg.): Perspektiven der Medienkritik: Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit öffentlicher Kommunikation in der Mediengesellschaft, Opladen 1997.

[8] Goetsch, S. 12.

[9] Siegert, Reinhart: Zum Stellenwert der Alphabetisierung in der deutschen Volksaufklärung, S. 109, 110. In: Goetsch.

[10] Vgl. Brandes, Helga: Die Entstehung eines weiblichen Lesepublikums im 18. Jahrhundert. Von den Frauenzimmerbibliotheken zu den literarischen Damengesellschaften. In: Goetsch, S. 132.

[11] Hoche, Johann Gottfried: Vertraute Briefe über die jetztige abenteuerliche Lesesucht und über den Einfluß derselben auf die Verminderung des häuslichen und öffentlichen Glücks, S. 98. In: Wittmann, Reinhard: Die Leserevolution. Quellen zur Geschichte des Buchwesens, München 1981.

[12] Vgl. Augert, Julia: Eine romantische Liebe in Briefen - Zur Liebeskonzeption im Briefwechsel von Sophie Mereau und Clemens Brentano. Würzburg 2006, S. 27. Im Folgenden: Augert.

[13] Vgl. Augert: S. 28.

[14] Nickisch, Reinhard M. G.: Brief. Stuttgart 1991, S. 83. Im Folgenden: Nickisch.

[15] Nickisch, S. 84.

[16] Goethe, Johann Wolfgang: Tagebücher und Briefe Goethes aus Italien an Frau von Stein und Herder. Weimar 1886, S. 236.

[17] Zitiert nach Schöne, Albrecht: Über Goethes Brief an Behrisch vom 10. November 1767, S. 205. In: Festschrift für Richard Alewyn. Köln, Graz 1967.

[18] Kunz, Edith Anna: „Ich werde, wie gewöhnlich, schlecht erzählen ... “ Zu den Briefen des jungen Werther. In: Anderegg, S. 70.

[19] Goethe, Johann Wolfgang: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Erich Trunz (Hrsg.). Hamburg 1948-1964. Band 6, Die Leiden des jungen Werthers.

[20] Angeregg, S. 16.

[21] Augert, S. 28.

[22] Vgl. Bohrer, Karl Heinz: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität. Frankfurt 1989, S. 13. Im Folgenden: Bohrer.

[23] Vgl. Wahlverwandtschaften, erster Teil, elftes Kapitel, S. 321: „[...] so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander.“

[24] Anderegg, S. 11, 12-13.

[25] Goethe, Johann Wolfgang: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Erich Trunz (Hrsg.). Hamburg 1948-1964. Band 8, Wilhelm Meisters Wanderjahre, S.150, 151.

[26] Vgl. Dusini, Arno: Tagebuch. Möglichkeiten einer Gattung. München 2005, S. 9. Im Folgenden: Dusini.

[27] Vgl. Grimm, Andreas: „Auf das Leben bezügliche und vom Leben abgezogene Maximen“: Beobachtungen zu Ottilies Tagebuch, S. 146. In: Hühn. Im Folgenden: Grimm.

[28] Leiris, Michel: Tagebücher 1922-1989. Herausgegeben von Jean Jamin. Graz/Wien 1996, S. 202.

[29] Vgl. Dusini, S. 70, 71.

[30] Vgl. Frank, Anne: Die Tagebücher der Anne Frank. Frankfurt am Main 1988.

[31] Vgl. Dusini, S. 50-53.

Details

Seiten
56
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656059981
ISBN (Buch)
9783656060109
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182425
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Schlagworte
lesen schreiben goethes wahlverwandtschaften

Autor

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Titel: Lesen und Schreiben in Goethes "Wahlverwandtschaften"