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Die Philosophie Georg Büchners in 'Dantons Tod' als programmatischer Kern seiner Ästhetik

Seminararbeit 2011 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Umwelt und philosophische Strömungen der Büchnerzeit
2.1 Büchners Verhältnis zur politischen Umwelt
2.2 Der philosophische Diskurs zur Zeit Büchners

3. Die philosophischen Anschauungen der Protagonisten als Formen des Idealismus
3.1 Robespierre
3.2 St. Just
3.3 Danton

4. Philosophengespräch zwischen Payne und Mercier (III,1)

5. Schlussfolgerungen aus dem historischen Kontext, den Charakteren des Dramas und dem Philosophengespräch

6. Ansatz zur Lösung der Epochenfrage
6.1 Die Rezeption speziell in Deutschland
6.2 Die Ästhetik Büchners

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Georg Büchners Dantons Tod erscheint 1835, also fast 40 Jahre nach dem Großereignis der französischen Revolution, das nachhaltig die gesamte Gesellschaft in Europa mit seinen tiefgreifenden Wirkungen erfasst. Aus Deutschland muss Büchner 1831 nach Strasbourg fliehen, weil er dort wegen seinen republikanischen Ideen von seinen restaurierten adeligen Herren verfolgt wird. Hier, in Frankreich sieht er sich einem weiter fortgeschritten Prozess, der Auflösung der Stände gegenüber, denn nach zunächst geglückter Herrschaft des Bürgertums und der napoleonischen Kaisermonarchie erhebt sich das nun zum „Vierten Stand“[1] degradierte Volk erneut, um für die Hinwendung zu seinen materiellen Problemen zu kämpfen. Für Büchner könnte die Französische Revolution und ihr Fortgang im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erst der Anfang eines Prozesses gewesen sein, „der die Geschichte des Bürgerkönigtums entscheidend prägte“[2], denn das Bild vom revolutionären Treiben, das ihm in Frankreich geboten wird, sind Straßenkämpfe um den Seidenweberaufstand in Lyon.

Es waren aber nicht nur die politischen Umstände, die Büchner in Frankreich beschäftigen. Die französische Literat Victor Hugo beschäftigt ihn so stark, dass er zwei Werke von ihm Lucretia Borgia und Maria Tudor ins Deutsche übersetzte. So liegt es nahe, dass er sich beim Studium über Hugos Literatur auch mit dessen Werk über die Crowmwelsche Revolution in England befasste, die bereits 200 Jahre vor der französischen Revolution einem ähnlich blutrünstigen Verlauf folgte.

In diesem Klima der schwelenden Aufstände in Frankreich und der Inspiration der französischen Literatur entsteht seine Idee zu seinem Revolutionsdrama, das mit geschichtsphilosophischen und persönlichen Auseinandersetzungen der historischen Charaktere der französischen Revolution angereichert ist. Aus der Zerrissenheit dieser Charaktere formt Büchner einen dramenhaften Diskurs über politische, philosophische, religiöse Kritik und der Vision einer armenlosen Gesellschaft. Dabei kreist Büchners „Religion in der erzählerischen oder szenischen Darstellung, […] wenn sie nicht in Hohn und Spott erschöpft, gleichsam überkonfessionell-ortlos und im Übergang zum philosophischen Diskurs, um die dogmatischen Kernfragen der Schöpfungslehre, von Sünde und Schuld, Leid und Vergebung.“[3] Immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang Hinweise auf die Theodizee auf, deren Rezeption „Ausdruck der prekären Stellung der modernen Tragödie zwischen Theodizee und Geschichtsphilosophie“ ist.[4] Büchner befindet sich damit also auf der Höhe seiner Zeit, wenn er die etablierten Denkrichtungen der Religion und Philosophie hinterfragt und dabei eng mit dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs des 19. Jahrhunderts über die Kritik am Idealismus verbunden ist. Das dies für die Beantwortung der literarischen Epochenfrage von essentieller Bedeutung ist, soll dies nun in dieser Arbeit am Beispiel des Dramas Dantons Tod herausgestellt werden.

Um einen speziellen Lösungsansatz für die Bewältigung des Epochenproblems anzugehen, wird im ersten Schritt zunächst ein zeithistorischer Kontext zur Umwelt Büchners hergestellt, der dann einem zweiten Schritt, die Herausstellung der zeitlichen und persönlichen Dimension ausgewählter Charaktere innerhalb des Dramas und die Analyse der diskurshaften philosophischen, politischen und religiösen Inhalte des Philosophengesprächs in der Kerkerszene (III,1), erleichtert. Mit diesen Grundlagen zusammen wird die Frage nach der Büchnerschen Ästhetik gestellt, die dann hinreichende Ergebnisse für die Herausbildung eines Ansatzes zur Lösung der Epochenfrage liefert.

2.Politische Umwelt und philosophische Strömungen der Büchnerzeit

2.1 Büchners Verhältnis zur politischen Umwelt seiner Zeit

Das Projekt Französische Revolution konnte dann für die meisten demokratiehungrigen Zeitgenossen als zunächst gescheitert gelten. „Denn der Tugendkult, mit dem das Volk ideologisch in das jakobinische Modell einer bürgerlichen Revolution integriert wurde, löste nicht den Widerspruch zwischen den Klassen und seine realökonomischen Konsequenzen. […] Die Revolution war zum Selbstzweck verkommen, die Terreur zum bloßen Instrument des Machterhalts. Die Hinrichtung Dantons und seiner Mistreiter führte zwar kurzfristig zur Alleinherrschaft der Robespierres und seiner Getreuen im Wohlfahrtsausschuss. Doch da sie anstelle sozialer Reformen nur mit einer weiteren Verstärkung der Terreur auf die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Umstrukturierung reagierten, fielen wenig später auch sie der Mechanik des Tötungsrituals zum Opfer.“[5] So war mit der Hinrichtung Robespierres durch die Thermidorianer und dem Staatsstreich im 18. Brumaire VIII. das Ende der Volksbewegung Bürgerkönigtum festgeschrieben und der Weg für den Bonapartismus geebnet.

Hatte die Restauration nach dem Wiener Kongress Ruhe in die biedermeierlichen Stuben Deutschlands gebracht, so flammten in Frankreich immer wieder revolutionäre Straßenkämpfe und Aufstände auf. Da Büchner einige dieser Kämpfe bei seiner Zeit in Frankreich miterlebte, befand er sich auf einem ganz anderen Niveau der Politisierung, als jenes das in seinem Vaterland vorherrschte. Er ist also von der Idee der Demokratie eher kosmopolitisch inspiriert, weshalb keine nationale Interessen sondern eher radikal-sozialliberale Einflüsse in seinem Denken festzustellen sind, die auf den deutschen Vormärz verweisen könnten. In Deutschland jedenfalls traf er mit seiner Einstellung während der Biedermeierzeit auf eine starke Front aus Ignoranz.

2.2 Der philosophische Diskurs zur Zeit Büchners

Mit ganz anderer Dynamik als die politische und literarische Revolution bewegen sich die philosophischen Denkrichtungen zum Beginn des 19. Jahrhunderts vom Idealismus zum Materialismus hin, in deren Sog der Veränderung wohl auch die verwandten literarischen Epochen von Klassik und Romantik zum Realismus geraten. Zunächst aber vollzieht sich der Wandel in der Philosophie, dessen Entwicklung wesentlich durch die langsame Rezeptionsgeschwindigkeit im 19. Jahrhundert, die der heutigen weit nachsteht, gehemmt wird. Haben sich über die Jahrhunderte der Aufklärung religionskritische und atheistische Stimmen vermehrt, gestützt vom ökonomischen und naturwissenschaftlichen Fortschritt, gerät die sakrale Legitimation der absolutistischen Herrscher sowie des Klerus in das Visier von immer mehr Kritikern, die Gegenposition zum Idealismus einnehmen, der schon seit Platon die dominierende philosophische Denkrichtung darstellt.

Wesentlich beeinflusst worden ist der Idealismus durch christlich neuplatonische Philosophen und nach der Reformation von protestantischen Denkern wie Leibnitz und Kant. Während der Idealismus seinen Geltungsanspruch über das göttliche definiert und so einen geistigen Zustand der Vollkommenheit als das erstrebenswerte Ziel propagiert, sehen seine Kritiker den objektiven Geltungsanspruch verletzt, weil sich vergeistigte Ideen nicht materiell in der Wirklichkeit niederschlagen. Entscheidend mitgewirkt am Umbruch der Philosophie zum Materialismus hat Ludwig Feuerbach, der vor 1839 selbst ein glühender Verfechter des Idealismus gewesen war. Er kritisiert die Realitätsferne des Idealismus, die durch die fehlende Erfahrung mit der Wirklichkeit entstehe. Dabei schieden sich die Geister vor allem an der Theodizee: Wie kann die Schöpfung eines vollkommenen Gottes Leid verursachen? Leibniz beantwortete die Frage seinerzeit damit, dass die Schöpfung die bestmögliche aller Welt sei und Spinoza erklärte, dass die Schöpfung doch einen Funken göttliches besäße, was rein metaphysische Konzepte sind, aber die Frage nach dem materiell vorhandenen Leid nicht wirklich lösten. Hier zeigt sich auch das „von Feuerbach kritisierte Mißverhältnis zwischen Wirklichkeit und philosophischer Verklärung, was [auch] für Büchner Ausgangspunkt für seine Kritik an der Religion“ war.[6]

Um den Nachweis darüber erbringen zu können, dass es sich bei Dantons Tod vor allem um eine philosophische Auseinandersetzung Büchners mit dem Idealismus handelt, folgt im nächsten Kapitel eine Herausstellung der philosophischen Grundpositionen der herausstechenden Charaktere des Dramas anhand von markanten Textbeispielen. In Kapitel 4 soll eine eingehende Betrachtung des Philosophengesprächs weitere Anhaltspunkte für die dort in den Diskurs gestellten Positionen des Idealismus und Materialismus liefern.

3. Die philosophischen Anschauungen der Protagonisten als Formen des Idealismus

3.1 Robespierre

Dem Despoten gleich führt er die Rousseau´schen Regeln der Freiheit ad absurdum, wenn er sagt:

„Die Revolutionsregierung ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei.“ (I,3)

Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Revolution ist die Befreiung von der Tyrannei des Despotismus.

Getrieben sieht er sich in einem unerbittlichen Fatalismus, denn wer nach seiner Meinung „in einer Masse die vorwärts drängt, stehen bleibt, leistet so gut Widerstand als trät‘ er ihr entgegen; er wird zertreten.“ (I,6)

Eindeutig als der Vertreter der dann christlich-idealistisch beeinflussten Tugendethik klassifizierbar wird Robespierre jedoch letztendlich mit der Äußerung:

„Die Waffe der Republik ist der Schrecken, […] weil ohne ihn die Tugend ohnmächtig ist.“ (I,3)

Nach fast puritanisch Cromwel´scher Art in Szene gesetzt, übernimmt er die Rolle des Wächters über die moralischen Verfehlungen, gleichzeitig führt er die Delinquenten als Richter gleich scharenweise zur Guillotine, mit der Begründung „wahrlich der Menschensohn wird in uns allen gekreuzigt.“ (I,6)

Ein Richten nach einer humanen Ethik ist bei ihm nicht zu beobachten, weil seine moralischen Grundsätze auf einer deontologischer Ethik basieren, die ein Richten auf praktische teleologische Weise ausschließen, weil sie nach der Verwirklichung eines unerreichbaren Idealzustandes strebt.

Diese Indizien für den Idealismus werden in gleicher Rede sogar noch in einem religiösen Wahn weiter auf die Spitze getrieben, in dem er sich selbst zum neuen Messias, den „Blutmessias“ ernennt, “der opfert und nicht geopfert wird.“ (I,6)

Mit dieser metaphysischen Komponente aus der christlichen Verklärung ist letztlich geklärt, dass dies einer materialistischen und atheistischen Sichtweise im Ganzen widersprechen muss, da sich eine materielle Ethik gerade nicht auf metaphysischer, sondern realer Basis bewähren muss.

3.2 St. Just

Neben dem christlich ausgeprägten Idealismus Robespierres existiert eine weitere Art des Idealismus, die sich speziell auf Hegel zurückführen lässt. Sie hat eine leicht naturalistische Färbung, jedoch enthält sie die Komponente einer metaphysischen Sinnstiftung, welche auch determinierend wirkt. Es sind nun nicht mehr Gott oder der Messias, die alles vorherbestimmen, sondern alles ist der Verwirklichung des Weltgeistes geschuldet, dem jedes Opfer recht ist. Gleich wie viele Opfer Napoleons Kriege auf allen Seiten brachte, Hegel war überzeugt, dass Napoleon der „Weltseele zu Pferd“ war, womit er eine Hochschätzung der politischen und gesellschaftlichen Modernisierungsleistungen Napoleons in Europa zum Ausdruck gebracht hat. Im Drama ist St. Just der Überzeugung

„Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben?“ (II,7) und damit gibt er sich eindeutig als Vertreter des idealistischen Hegelianismus zu erkennen.

3.3 Danton

Er ist nicht minder vom Fatalismus betroffen als Robespierre jedoch auf seine eigene Art und Weise. Nicht wie Robespierre getrieben ist er durch die Masse und die Verwirklichung eines moralischen Ideals, sondern gehemmt scheint er von schlechtem Gewissen und Desillusionierung, wesentlich ausgelöst durch die Morde an vermeintlich politischen Gegnern, den Kindern der Revolution, die von ihr selbst aufgefressen werden.

„Die Revolution […] frisst ihre eigenen Kinder.“ (I,5)

„Die Gründe dafür sind sehr viel tiefergehend und die Wurzeln seiner Sinnkrise sind philosophischer, psychologischer und religiöser Natur.“[7] Die Last des schlechten Gewissens und eine böse Vorahnung, dass er selbst ein getötetes Kind der Revolution sein wird, ziehen ihn Wort für Wort in die Depression und zur Verdrängung des eigenen Tuns. So wird im Verlauf des Dramas sukzessive klar, dass das epikureische Bekenntnis

„Jeder handelt seiner Natur gemäß, d. h. er tut, was ihm wohltut.“ (I,6),

also ein Leben nach der Natur und den Genüssen, immer mehr zum Lippenbekenntnis wird, mit dem er vorgibt ein Materialist zu sein, während er in der Realität schnell ein materielles Ende als „organisierte Fäulnis“ (III,7) unhaltbar auf sich zukommen sieht.

[...]


[1] Vgl. Hans Mayer: Büchner und seine Zeit. Frankfurt am Main 19724. S. 90.

[2] Hans Mayer: Büchner und seine Zeit. Frankfurt am Main 19724. S. 90.

[3] Roland Borgards [Hg.]: Büchner-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2009. S.157.

[4] Alessandro Costazza: Der grässliche Fatalismus der Geschichte und die Funktion des Theodizee-Diskurses in Georg Büchners Dantons Tod. In: Die Tragödie der Moderne. Gattungsgeschichte. Kulturtheorie. Epochendiagnose. Berlin 2010. S. 121.

[5] Christian Neuhuber: Georg Büchner. Das literarische Werk. In: Klassiker-Lektüren. Bd. 11. Berlin 2009. S. 60.

[6] Michael Glebke: Die Philosophie Georg Büchners. Marburg 1995. S. 148.

[7] Sascha Fiek: Danton und Robespierre als Kontrahenten in Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod. München 2011. S. 4.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656059042
ISBN (Buch)
9783656058915
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182358
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
philosophie georg büchners dantons kern ästhetik

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