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Die ersten Spuren des Christentums

Die Lucina-Gruft in den römischen Callistuskatakomben

Bachelorarbeit 2010 51 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Allgemeines zu den römischen Katakomben
1.1. Entstehung
1.2. Inventar und Bräuche
1.3. Niedergang und Wiederentdeckung

2. Die Lucina-Gruft
2.1. Entstehung und Topographie
2.2. EXKURS: Stilistik und historischer Kontext
2.3. Rundgang durch die Lucina-Gruft
2.3.1. Cubiculum X
2.3.1.1. Die TaufeJesu
2.3.2. Cubiculum Y
2.2.3.1. Das Deckenfresko
2.2.3.2. Die Fische mit dem Brotkorb
2.2.3.3. Der ruhenderJona
2.3.3. Cubiculum E
2.2.4.I. Der Hirte mit der Milchkanne

3. Fazit

4. Anhang und Abbildungsverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Es ist wenig Bildliches erhalten geblieben, was der Nachwelt über die ersten Tage des Christentums berichten könnte. Dies resultiert aus der anfänglich geringen Verbreitung der Gläubigen, dem erst noch vom Judentum übernommenen Bilderverbot und den zeitweiligen Verfolgungen der neuen Religion durch einzelner Kaiser. Die ersten Zeugnisse liefern ab der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts die Katakomben Roms, unterirdische, endlose Totengallerien. Wahrscheinlich stammen die ersten christlich geprägten Abbildungen von konvertierten Heiden, die es gewohnt waren, die dunklen Grabkammern lebendig auszuschmücken. Deshalb sind die ältesten Darstellungen erstaunlich: Fast schon synkretisch zu nennende Kunstwerke, mal von größerer, mal von geringerer malerischer Qualität, erweitern das altbekannte klassizistische Kunstverständnis der Römer um neue, mystische Motive. Somit wird eine Form geschaffen, die die tiefsten Glaubensgrundlagen einer Religion in ihren Kinderschuhen offenbart.

Doch nicht die bekannten, in jeder Kirche zu findenden Themen wie die „Kreuzigung Jesu" oder „Maria mit dem Kinde" sind dort abgebildet, sondern hauptsächlich bis auf das Wesentlichste reduzierte Symbole, die zwar teilweise Motive des Alten Testaments, seltener auch des Neuen Testaments, widerspiegeln, aber ganz andere Schwerpunkte zu setzen scheinen. Sie lassen den Eindruck einer fremden, dem heutigen Christentum fernen Religion entstehen.

„The catacomb paintings perpetuate, celebrate, confirm the anonymous faith of those ages and people"1, („Die Wandmalereien der Katakomben überliefern, feiern und bestätigen den namenlosen GlaubenjenerZeiten und Menschen") so fasste der Historiker Goodenough 19372 die Funktion der frühchristlichen Katakombenbilder zusammen und rechtfertigte damit die Bedeutung der Forschung in diesem Bereich.

Doch woraus besteht dieser „namenlose Glaube" der ersten Jahrhunderte des Christentums? Aus welchen Einflüssen lässt er sich rekonstruieren, was ist das Neue der Abbildungen und inwieweit lassen diese einen Schluss auf den Glauben zu? Ist der „Übersetzungsschlüssel" zu den meisten Symbolen wirklich verloren gegangen, wie Grabar beklagt?3

Am Beispiel der noch erhaltenen Wandmalereien der Lucina-Gruft, die nach den bisherigen Erkenntnissen den ältesten Teil der römischen Katakomben repräsentiert, versucht diese Arbeit nachzuvollziehen, was die Grundpfeiler der frühchristlichen Religion waren.

Dabei muss zuallererst eine Einleitung in die Katakombengeschichte und -kultur gegeben werden, damit die exponierte Stellung der Bilder als Teil der Sepulchralkunst nachvollzogen werden kann. Im Weiteren wird über die Besonderheiten der Bau- und Entstehungsgeschichte der Lucina-Gruft referiert, die wichtig für die Datierung der Gemälde sind. Ein Stilistikteil, der auch die Einwirkungen des historischen Kontexts auf die Malerei miteinbezieht, soll die Entwicklung der neutralen dekorativen Elemente einführend klären, damit sich im Folgenden mehr auf die Veränderungen der Motivik konzentriert werden kann. Schließlich werden im Hauptteil anhand eines „virtuellen Rundganges" durch die Lucina-Gruft die einzelnen Wandmalereien ausführlich beschrieben und beleuchtet, welche Eigenarten aus welchen weltanschaulichen Strömungen resultieren und was daran neu ist. Mithilfe der Bibel, antiker Texte einiger ausgewählter zeitgenössischer Kirchenväter und den Kenntnissen der bisherigen Rezeptionsgeschichte der Bilder entsteht so ein Überblick, der, je nach Bild, eine Deutung erlauben kann.

Dabei ist allerdings eine vorsichtige Herangehensweise gefragt, da laut Engemann die akute Gefahr besteht, sich in dogmatischen Vorurteilen zu verfangen.4 Deshalb wird, soweit möglich, nach dem Ikonologie-Modell von Panofsky vorgegangen5 und eine konjunktivische Interpretation angestrebt. Das Ziel der Arbeit ist es, die in einem neuen Sinn verwendeten Elemente freizulegen und sich somit an den „namenlosen Glauben jener Zeiten und Menschen" anzunähern. Oft lässt sich erst durch die Gemeinsamkeiten der benachbarten Bilder Parallelen und gleiche Themenkomplexe herauskristallisieren, was die topographische Vogehensweise rechtfertigt. Denn so entwickelt sich allmählich ein immer klarer werdender Eindruck der Schwerpunkte der Glaubensinhalte eines Christen des 3. Jahrhunderts, der im Fazit der Arbeit beschrieben wird und eine mögliche Beantwortung der oben angeführten Fragen darstellt.

Dabei wird jedoch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, denn die Sarkophage und Inschriftentafeln sowie einige nur kurz genannte, wenig erhaltene Fresken der Lucina-Gruft können nicht hinzugezogen werden, da dies den Umfang dieser Arbeit übersteigen würde. Es sei jedoch gesagt, das sich das Repertoire der christlichen Katakombenkunst relativ häufig wiederholt, weshalb innerhalb der Analyse der Gemälde viele Topoi angesprochen werden, die sich auch auf den ausgelassenen Kunstwerken wiederfinden.

1. Allgemeines zu den römischen Katakomben

1.1. Entstehung

Bis spät in das 2. Jahrhundert n. Chr. gab es überirdische „Nekropolen", also Totenstädte aus Mausoleen, und Friedhöfe außerhalb der Stadt. Dies war der zehnten Tafel der Zwölftafelgesetze geschuldet, die es u.a. verbot, die Toten innerhalb der Stadtmauern zu begraben.6 So befanden sich entlang der berühmten Via Appia und anderer Straßen um Rom viele privat oder von Begräbnisgemeinschaften (societas)7 gekauften Begräbnisareale. Da sich die Zahl der Grabanlagen allerdings im Laufe der Zeit naturgesetz immer mehr erhöhte und zudem eine „ständige Zunahme der Bevölkerung und die Entstehung großer Villen innerhalb von Landgütern vor den Toren der Stadt"8 die Bodenpreise immer mehr in die Höhe trieb, musste über eine Neuregelung der Bestattungsbräuche nachgedacht werden.9 Zunächst verkleinerte die um den Anfang der christlichen Zeitrechnung geläufige Sitte, die Toten zu verbrennen und in Ascheurnen in columbarii, kleinen Nischen, beizusetzen10, die benötigten räumlichen Kapazitäten, bald kam es jedoch zu einer Rückbesinnung auf die Körperbestattung. Der Grund dafür ist wahrscheinlich in der „Wiederentdeckung der griechischen Mythologie"11 zu suchen, die auch in der damaligen Kunst zu beobachten war. Die Körper der Toten wurden jetzt in kostspieligen, reich ausgestatteten Sarkophagen beerdigt. Doch nicht jeder hatte die finanziellen Mittel, sich diese zu leisten. Für die antiken Römer das Grab allerdings der Ort, an dem das „Andenken nach Zerstörung des Körpers weiterlebte"12 und deshalb sehr wichtig. Deshalb musste unbedingt eine Lösung gefunden werden, auch die ärmeren römischen Bürger angemessen zu begraben.

Nun wurde sich auf die unterirdische Bestattungsweise der Etrurier, die aber auch auf Malta oder Sizilien zu finden ist, zurückbesonnen.13 Für eine solche sprach auch der weiche, vulkanische Tuffboden der Rom umgebenden Erde, der gut zum Graben geeignet war. Also erworben die Familien und societas ab dem Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr.14 nur noch kleine Areale. Dort wurden in der Erde Stollen ausgehoben und Grabkammern in die Tiefe gebaut, teilweise sogar bis ins vierte oder fünfte Stockwerk hinunter. Es wurde oft „von einem verlassener Tuffbruch aus ein Tunnel in einen Hügel gegraben oder man legte eine Treppe an, die zu der gewünschten Tiefe führte"15 beschreibt Stevenson. „Dann fand eine weitere Ausschachtung statt, wahrscheinlich nach irgendeinem Plan (...), [d]ann grub man für gewöhnlich rechtwinklig vom Hauptkorridor abzweigende Seitengänge [="Zweigsystem", Anmerkung Autorin]; diese konnten unter Umständen in parallel zu dem ersten Hauptkorridor verlaufende Gänge einmünden [=„Rostsystem", Anmerkung Autorin]"16. So breitete sich sukzessiv bis zum Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. ein Rom umgebenes unterirdisches System enger, hoher, dicht mit Gräbern belegter Galerien aus.

Auch Religionsgemeinschaften schlossen sich zu societas zusammen, denn damit konnten sie über eigene Bereiche für ihre von den anderen Glaubensrichtungen abweichenden Bestattungsfeierlichkeiten verfügen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Anfänge des Katakombenbaus auf die Heiden zurückging17, deren Zahl weit größer als die der Christen und Juden war; später folgte der Bau der jüdischen Katakomben, die durch breitere Verbindungsgänge und eine andere Aufbaureihenfolge gekennzeichnet sind18, und sich schließlich die christlichen Katakomben entwickelten.19 Allerdings ist eine Abgrenzung schwierig, da vor allem zu Beginn der Katakombennutzung oft heidnische als auch jüdische und christliche Grabkammern nebeneinander lagen, was beweist, dass das Verhältnis zwischen den einzelnen Regionen zu dieser Zeit besser als sein Ruf war.20 Es kam jedoch auch vor, dass sich einzelne Mitglieder einer societas, zu der im Übrigen auch Sklaven gehören konnten, dem christlichen oder jüdischen Glauben zuwandten.21

Nicht bekannt und in der Forschung umstritten ist, wie sich das aufgrund seiner Wiederaufstehungsphilosophie der Feuerverbrennung abgeneigte Juden- und Christentum vor der Entstehung der Katakomben organisiert hatte. Fink argumentiert, dass die Christen wohl „auch den älteren Brauch [aus]geübt hatten, die Asche der Verstorbenen beizusetzen"22, die Mehrheit der Historiker spricht sich allerdings eher für eine Erdbestattung in den Armengräbern auf den Friedhöfen aus.23

Aufgrund der wachsende Größe der Katakomben war bald eine Verbindung vieler benachbarter unterirdischer Grabanlagen nötig24, die auch eine einfachere Besuchs- und der Pflegemöglichkeiten bot. Auch die Verwaltung wurde zentralisiert. Die Callistuskatakomben sind hierbei das Beispiel des ersten25 christlich verwalteten Begräbnisareale26, was die zunehmende Macht und „wirtschaftliche und organisatorische Leistungsfähigkeit"27 dieser neuen Religion bewies. Allerdings muss eingeschränkt werden, dass dies in Zeiten der Christenverfolgung mit sich brachte, dass unter Kaiser Valerian im Jahre 258 das Betreten der Katakomben verboten wurde. Kaiser Diokletioan ließ die Katakomben um 303 sogar beschlagnahmen28. Es ist allerdings eine romantische Legende, dass die Christen sich in Zeiten der schlimmsten Verfolgung dort versteckten. Es „stank es dort unerträglich"29, außerdem war die Luft- und Lichtversorgung ungenügend und für mehrere Personen war es sowieso zu eng. Ebenso gab es nur wenige Zugänge, die von den Schergen des Kaisers leicht verstellt werden konnten und schließlich waren die Katakomben den Kaiserlichen allzu gut bekannt.30 Als Versteck wurden deshalb meist die Privathäuser begüteter Christen genutzt, in denen auch die christlichen Feste abgehalten wurden.31

Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist, dass auf den Gebieten der Katakomben nur unterirdisch bestattet wurde. Auch auf den oberen Ländereien gab es bis ins 5. Jahrhundert hinein Friedhöfe und Grabbauten. Von den Christen wurden diese ober-32 und unterirdischen Komplexe lateinisch „coemetria", „Schlafstätten", genannt. Die ausschließlich unter der Erde liegenden Grabstätten hießen nach alter griechischer Sitte „crypta", zu deutsch „die Verborgenen" oder „die Gruften".33 Der Begriff „Katakombe" kam erst im 9. Jahrhundert nach Christi auf. Er ist die griechisch für „bei den Mulden" und wurde als geographische Ortsbezeichnung34 für die Katakomben San Sebastiano verwendet.

Die Blütezeit der Katakomben ist mit „einem Jahrhundert vor, einem Jahrhundert nach Konstantin"35 dem Großen zu umreißen. „Im Laufe der weiteren Entwicklung wuchs der Begräbnisform ein religiöser Sinn zu"36, d.h., die Erdbestattung wird durch die weitere Verbreitung des Christentums bis hin zur vollständigen Christianisierung Roms mit dem 313 erlassenen Edikt von Mailand durch den Glauben an die Auferstehung legitimiert.

1.2. Inventar und Bräuche

Die für die Katakomben zuständigen Arbeiter wurden fossoren37 genannt und kümmerten sich um Ausgrabung, Bestattung und Instandhaltung der Gräber. Sie meißelten auch Namen, Daten oder Gebete in die Marmor- oder Ziegelplatten, die die einzelnen Gräber schmückten oder malten kleinere cubicula, das sind Grabkammern oder kleine Grüfte, aus. Für exklusivere Wünsche konnten aber auch Steinmetze oder Malereifirmen von außen beauftragt werden. Bei den Gräbern war, je nach Budget, zwischen loculus (Schubgrab), arcosolium (Senkgrab) und forma (Bodengrab) zu wählen. Die teuerste Bestattungsart war, wie bereits oben erwähnt, der Sarkophag. Des Weiteren galt es ein besonderer Luxus, sein Grab mithilfe eines luminare, eines Lichtschachtes, zu beleuchten. Diese wurden außerdem für den Erdaushub benutzt.38

Die Römer feierten sowohl die traditionell-altrömischen Feste wie die „dies natalis", die Geburtstage der Toten, oder die „dies parentalis", die offiziellen Tage zum Gedenken der Toten39, als auch liturgisch-christliche Feiern wie die Eucharistie im kleinen Kreis in den Katakomben.40 Ab dem späten 3. Jahrhundert begannen die Christen, die Märtyrer, die in den vorherigen Jahrzehnten der Verfolgungen umgekommen waren, rituell zu verehren. Sie pilgerten zu ihren Gräbern und beteten dort. Oft verewigten sie sich mit einem Devotions-grafittoA1, einer gekritzelten, demütigen Inschrift. Die ersten Päpste bauten Grabeskirchen über den Märtyrergräbern, erweiterten und restaurierten die Katakomben. Auch neue Katakomben, wie die Anlage an der Via Latina, wurden errichtet, da die bereits vorhandenen Grabstätten enorme Ausmaße angenommen hatten.41

1.3. Niedergang und Wiederentdeckung der Katakomben

Ab dem 5. Jahrhundert änderte sich die Situation drastisch, denn die verschiedensten Germanenstämme begannen im Zuge der Völkerwanderung, Rom zu plündern. Dabei fielen sie auch in das Umland ein, entdeckten die Katakomben und raubten dort Grabbeigaben und Marmorverkleidungen.42 Später betrieben sie Reliquienhandel mit den (vermeintlichen) Gebeinen der Märtyrer, woraus eine weitere Beschädigung der Grabstätten resultierte.43 Aufgrund der Unruhen und der damit verbundenen erhöhten Sterblichkeitsrate konnte nicht mehr an den alten Bestattungsregeln festgehalten werden, weshalb die Toten innerhalb der Stadtmauern beigesetzt wurden.

In den darauffolgenden Zeiten der relativen Ruhe erinnerten sich die Päpste an die Katakomben und behoben die Zerstörungen. Die Christen unternahmen wieder Wallfahrten zu diesen und ließen sich in der Nähe der Märtyrer begraben. Es wurden sogar verschiedenste Reiseführer, sogenannte itinerarien44, für die Katakomben erstellt, die sich für den im Folgenden noch zu erwähnenden Katakombenforscher de Rossi als mehr oder weniger hilfreiche Quellen für seine Tätigkeit erwiesen. Doch seit der Mitte des 7. Jahrhunderts begannen die Päpste aufgrund der schwierigen und teuren Instandhaltung der coemetria und der weiterhin durch die Germanenangriffe instabilen Lage die Märtyrer in die Kirchen der Stadt zu überführen45, woraufhin die „Besucherströme in Ermangelung lohnender Ziele ausblieben"46. Außer dem stets geöffneten San Sebastiano gerieten alle Katakomben in Vergessenheit und wurden zu Weideflächen und Weinbergen.47

Dies blieb bis in das 15. Jahrhundert so, dann kam mit der frühen Renaissance ein wiedererwecktes Interesse für das Altertum auf. Somit wurden auch für die antiken Grabstätten wieder interessant. Ab 1432 wurden wieder graffitti von Neugierigen, Pilgern und schließlich auch von Forschern in die Katakombenwände geritzt.48 Letztere suchten einzig nach Klassisch-Antikem und wurden zumeist enttäuscht.

Nach einer Reihe von relativ erfolglosen Versuchen, die Katakomben in den darauffolgenden vier Jahrhunderten systematisch zu erforschen49, die mehr zerstörten als entdeckten, gelang de Rossi, dem Schüler des ebenfalls an Archäologie und den Katakomben interessierten Jesuiten Marchi, 1852 der große Durchbruch: Er fand ein Bruchstück der Inschrift des in der Lucina-Gruft beerdigten Märtyrers Cornelius auf einem Weinberg. „Weil sich das Grundstück aber in einem fremden Besitz befand"50, stellte de Rossi seine Ausgrabungspläne dem damaligen Papst Pius IX. vor, der die Ländereien kaufte, die „Commissione di Archeologa Sacra"gründete und de Rossi in der Lucina-Gruft und weiteren Katakomben forschen ließ. Dieser veröffentlichte seine oft noch bis heute gültigen und erstaunlich genauen Erkenntnisse in dem mehrbändigen Werk „La Roma sotteranea cristiana" von 1864 bis 1877. Nach ihm brachten Garrucchi und Bachofen noch weitere Ergänzungswerke heraus. Für das 20. Jahrhundert ist vor allem Wilpert zu nennen, der mit seiner 1903 erschienenen Publikation „Die Malereien der Katakomben Roms" eine außerordentliche Sammlung von Reproduktionen und Deutungen eine wichtige Grundlage für die moderne Forschung lieferte.51

Seitdem haben sich sehr viele weitere Archäologen, Theologen und Kunstwissenschaftler mit den Katakomben beschäftig. Eine Auswahl der für die Katakombenmalerei bedeutensten wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit genannt und teilweise auch kritisch beleuchtet werden. Doch die Erforschung der unterirdischen Grabanlagen ist längst noch nicht abgeschlossen. Erst 1955 wurde bei Bauarbeiten die Katakombe an der Via Latina entdeckt, obwohl vorher gedacht wurde, es seien bereits alle Katakomben entdeckt. Zur Zeit sind mehr als 60 Katakomben bekannt, die noch längst nicht vollständig erschlossen sind.52 Also gibt es noch viele ungelöste Fragen, Diskussionen und Schwierigkeiten, die eine weitere wissenschaftliche Tätigkeit innerhalb der römischen Katakomben unerlässlich machen.

2. Die Lucina-Gruft

2.1. Entstehung und Topographie

Auch in der Lucina-Gruft, die in ihren Gängen etwa 100m lang53 und daher im Vergleich mit anderen Katakomben relativ klein ist, gibt es noch unerforschte Regionen.54 Sie ist „Teil des ältesten Kerns der Callistuskatakomben"55 und wird in ihrer Entstehungszeit etwa auf die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. datiert.56 Laut Effenberger repräsentiert die Lucinagruft „in fast klassischer Weise die Entwicklung eines heidnisch-römischen coemetriums gemäß der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur und des allmählichen Wandels der römischen Bekenntnisse"57. Neuerer Untersuchungen, die vor allem von Reekmans vorangetrieben wurden, belegen, dass sie sich aus zwei sich ursprünglich selbstständigen privaten Hypogäen58 entwickelte, die von den Archäologen a undßgenannt wurden59. Sie sind in der Form des Zweigsystems gebaut. Des Weiteren muss es an der Oberfläche einen etwa 30m mal 15m großen quadratischen Friedhof gegeben haben, von dem noch die Ruine eines monumentalen Grabes aus dem 1. Jahrhundert nahe des Hypogäumsßerhalten geblieben ist (Vgl. Abb. 1).60

Wahrscheinlich gehörte das darunterliegende Gewölbe des Hypogäumsßan der Via Appia Antica einer Familie oder sehr kleinen societas, denn es enthält nur den langen Gang B, den kurzen Gang L und mehrere kleine Grabkammern sowie eine eigene Zugangstreppe.61 Das südIiche Hypogäum a dagegen ist eher einer größeren societas „von zumeist einfachen Menschen"62 zuzuschreiben, da hier zwei Zugangstreppen, die langen Gänge A und U, die großen cubicula X und Y und viele Gräber, vor allem loculi, zu finden sind. Für die spätere Analyse der Wandmalereien ist es wichtig zu erwähnen, dass die Ausgestaltung des Hypogäums a für älter gehalten wird und die Fresken dort auf das Jahr 220 datiert werden; die Bilder vonßjedoch erst etwa 30 Jahre später in einer zweiten Bauphase entstanden.63

Im Jahre 252 oder 25364 starb Bischof Cornelius in seiner Verbannung in Civitavecchia und wurde laut Legende von der „römischen Matrone" Lucina eilig und in der Nacht in dem Hypogäumßbeigesetzt.65 Er erhielt ein einfaches loculus-Grab, dessen Verschlussplatte allerdings mit der lateinischen Inschrift „CORNELIUS MARTYR EP"66 versehen wurde, das bedeutet „Cornelius, Märtyrer, Papst". Ein Bruchstück ebendieser Inschrift fand de Rossi wie schon beschrieben später. Er war es auch, der dem Grabkomplex den Namen gab. Da jedoch weder von einer bestatteten Lucina noch von einem anderen als Eigentümer Zeugnisse erhalten sind und in den hagiographischen Texten bis zum 6. Jahrhundert auch noch vier andere „heilige Lucinae" vorkommen, von denen keine historisch zu erfassen ist, könnte die Geschichte der Römerin Lucina auch literarisch gewesen sein.67 „Es bleibt ein Rätsel, wie die Grüfte zum Namen einer Lucina kamen"68, summiert Styger resignierend.

Das Martyrergrab des Cornelius zog bereits kurz nach seiner Errichtung zahlreiche Pilger an, weshalb bald eine Vergrößerung und Verbindung der Hypogäen a undßnötig war.69 Im frühen 4. Jahrhundert wurde die Lucina-Gruft schließlich durch den von de Rossi so betitelten „Aristokratengang"70 mit den ursprünglichen Callistuskatakomben verbunden, um einen Pilgerrundgang zu kreieren.71

2.2. EXKURS: Historischer Kontext und Stilistik

In der Phase der Enstehung der Fresken der Lucina-Gruft herrschten unruhiger Zeiten: Seit dem Tod des Septimus Severus 211 waren Militärrevolutionen an der Tagesordnung. Durch die neuen „traditionslosen Emporkömmlinge"72 auf dem Kaiserthron und das Aussterben einflussreicher altrömischer Familien verloren herkömmliche Werte an Bedeutung und wurden nicht ersetzt. Die Ausgaben des Staates waren durch die zahlreichen außerrömischen Kämpfe horrende und mussten von der Landbevölkerung bezahlt werden. Inflationen kamen auf. Das Volk war verzweifelt und versuchte Hoffnung in den überall sprießenden sektenähnlichen Mysterienkulten zu finden, die größtenteils aus dem Orient kamen. Einige wenige Intellektuelle hielten immer noch die griechisch-römische Weltanschauung hoch, waren aber nicht genügend organisiert, um den allmählichen Dekadenzabfall der Kultur entgegenzusteuern.73

Dies führte dazu, dass sich in der Kunst durch Kopieren zwar weiterhin bemüht wurde, die „große Zeit"74 der römischen Wandmalerei, die besonders in den pompejanischen Bildern zu bewundern ist, weiterleben zu lassen. Doch der Standard konnte nicht gehalten werden und der severische und antoninische Malstil lassen bereits eine Tendenz zur Vereinfachung erkennen. Auch in der Katakombenkunst wich das Vorbild der illusionistischen Scheinarchitektur auf den Wänden einer Entmaterialisierung, einem wohl durch die Atmosphäre der Begräbnisstätten und die Wirren der Zeiten geprägten Hang zum Irrationalen und Jenseitigen.75 Die Verzweiflungsstimmung der römischen Bürger ließ keine sanften Linien des Gleichgewichts mehr zu, „schrille Dissonanzen"76 werden üblich.

So abstrahierten sich die üblichen Rahmenfelder der architektonischen Zeit in immer schmaler werdende Linien, die Symmetrie der geometrischen Einteilungen verschwindet allmählich und die Farbgebung reduziert sich. In den Katakomben war schon allein aus Gründen der fehlenden Beleuchtung eine Weißung des Hintergrundes unvermeidbar. Die Einteilung der Flächen wurde zudem bald im leuchtenden Rot und Grün ausgeführt, was den abstrakten Effekt weiterhin erhöhte und fast Assoziationen zu moderner Malerei aufkommen lässt .77 Die Dekoration der Wände und Decken floß ineinander über, was einen raumlosen, schwebenden Eindruck vermittelte, der laut Bisconti an ein kosmisches „Zeltdach" erinnert.

[...]


1 Goudenough (1962), S. 137. Übersetzung von Doris und Hans-Georg Niemeyer in Stevenson, S. 73.

2

3 Vgl. Grabar (1968), S. 9.

4 Vgl. Engemann (2007), S. 7ff.

5 Vgl. Panofsky, S. 36ff.

6 Vgl. RAC, Bd. 20, 201.

7 Vgl. Stevenson, S. 9.

8 Staccioli, S. 83.

9 Vgl. RAC, Bd. 20, 379.

10 Vgl. Thielen, S. 6.

11 Fink, S.3.

12 Testini, S. 10.

13 Vgl Stevenson, S. 13.

14 Bei der zeitlichen Einordnung muss jedoch vorsichtig vorgegangen wird, denn laut einem Teil der Fachgelehrten entstand vor dem Jahr 200 keine der bisher bekannten Katakomben. Vgl. Thielen, S. 5.

15 Wichtig war allerdings die ober- und unterirdische Einhaltung der gekauften und im Kasteramt verzeichneten Landmaße. Vgl. Thielen, S. 6.

16 Stevenson, S. 17.

17 Vgl. Fink, S.5.

18 Zuerst entstanden die Kammern und dann die Gänge. Vgl ebd., S. 5 und Stützer, S.20.

19 Vgl. Stützer, S. 10. Zu neueren Erkenntnissen der Datierung der christlichen und jüdischen Katakombenkomplexe siehe auch:

http://news.nationalgeographic.com/news/2005/07/0720_050720_christianity.html.

20 Vgl. Stevenson, S. 17.

21 Vgl. Thielen, S. 5.

22 Fink, S. 4.

23 Vgl. Stützer, S. 11.

24 „[l]n anderen Fällen achtete man peinlich genau darauf, sie getrennt zu lassen". Stevenson, S. 18.

25 Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. Vgl. Mancinelli, S. 21.

26 Was aber nicht ausschließt, dass dort auch Andersgläubige bestattet sind. Vgl. RAC, Bd. 20, 344. Des Weiteren Thielen, S. 6:„Doch es konnte eine kleinere rein christliche Begräbnisstätte für Mitte des 3. Jahrhunderts auf dem vatikanischen Friedhof nachgewiesen werden".

27 Fiocchi/Bisconti/Mazzoleni, S. 15.

28 Vgl. Stützer, S.20 und Edwards, S. 63ff.

29 Vgl. DVD Schäfer, O-Ton Fabrizio Bisconti.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. Stützer, S. 20.

32 „Nach welchem Kriterium man sich für eine oberirdische oder eine unterirdische Anlage entschied, bleibt dabei unklar". RAC, Bd 20, S. 366.

33 Vgl. Stützer, S. 18.

34 „Kaxa Ku^ßaq kennzeichte den Ort am dritten Meilenstein der Via Appia, der sich durch Senken und Sandsteingruben auszeichnete". Fiocchi, S. 9.

35 Fink, S. 7.

36 Ebd., S. 4.

37 Lat. fossor = Gräber.

38 Fink, S. 17ff.

39 Dies ist der 13.-21. Februar. Der letzter Tag hierbei hieß „feralia" und war öffentlichen Feierlichkeiten vorbehalten, die anderen Tage wurden privat gefeiert. Vgl. Portella, S.46 und Toynbee, S. 61ff.

40 Vgl. Stützer, S.20ff.

41 Vgl. Stützer, S. 22.

42 Vgl. Baruffa, S. 13.

43 Vgl. Stützer, S. 22.

44 Diese entstanden vom 4. bis zum 12. Jahrhundert. Vgl. Stevenson, S. 61.

45 Vgl. Fiocchi/Bisconti/Mazzoleni, S. 66.

46 Ebd.

47 Vgl. Stützer, S. 22.

48 Johannes Lonck, ein englischer Mönch war hierbei der erste, der seinen Namen in ein cubiculum der Callistuskatakombe ritzte. Forscher kamen erst Ende des 15. Jahrhunderts in drei Katakomben, namentlich die „römische Akademie", ein Zusammenschluss von Anhängern des alten Roms unter der Führung von Pomponius Laetus. Vgl. Stevenson, S. 63 und Stützer, S. 23.

49 Alle aufzuzählen, würde den Umfang dieses Werkes übersteigen, es seien nur die Namen Panvinio, Ciacconio, den ernsthaften, aber zu mittellosen Bosio, Fabretti, Boldetti, Marangoni, Bottari, Settele und Marchi genannt. Vgl. z.B. Stevenson, S. 60ff, Stützer, S. 23ff, Fiocchi, S. 9ff, Fink, S. 7ff.

50 Fink, S. 11.

51 Allerdings ist seine unübersichtliche Gliederung, die dogmatische Deutung und die interpretative Kolorierung nicht immer kritiklos zu bewerten. Vgl. Zimmermann, S. 20.

52 Vgl. Fiocchi/Bisconti/Mazzoleni, S. 9.

53 Vgl. Wirth, S. 169.

54 Hiermit sind die sich von Gang A abzweigenden Nebengänge A1 und A2 gemeint. Vgl. Reekmans, S. 31.

55 Fasola/Mancinelli, S. 39.

56 Vgl. Carletti, S. 18 und Baruffa S. 140.

57 Effenberger, S. 51.

58 Griechisch für „Das unter das Erde liegende", ein durch Gewölbe gesicherter unterirdischer Grabbau kleinerer Ausdehnung, das heidnische und christliche Gräber enthält und meistens privaten Charakter hat. Vgl. RAC, 346.

59 Reekmans, S. 30ff.

60 Vgl. Baruffa, S. 140.

61 Vgl. Carletti, S. 15.

62 Ebd.

63 Vgl. Effenberger, S.51f. Über die verschiedenen Bauphasen der Hypogäen und die daraus folgenden Datierungen herrscht unter den Wissenschaftlern Uneinigkeit; Styger, S. 21ff, hält drei Bauphasen für möglich, andere sprechen von zwei Phasen. Vgl. Reekmans, S. 33, Wirth, S. 168, Mielsch, S. 112.

64 Wirth macht darauf aufmerksam, dass die Papstbücher den Tod Cornelius'zwar in das Jahre 252, aber auch in die Regierungszeit Valerians datieren, der das Kaiseramt allerdings erst 253 angetreten hat. Vgl. Wirth, S. 165.

65 Dies ist dem liber pontificalis, dem Papstbuch, entnommen. Hier wird die Papstgeschichte in Form aneinandergereihter Biographien erzählt. Ihre erste Redaktion wird in das 5. Jahrhundert datiert und erfolgte wohl unter Bonifatius II. (520-32). Vgl. Bäumer, S. 1016 und Baruffa, S. 142.

66 Wobei das „MARTYR" deutlich sichtbar erst später hinzugefügt wurde. Vgl. Effenberger, S. 51.

67 Vgl. Baruffa, S. 142 und Styger, S. 21.

68 Styger, S. 21

69 Dies muss ca. 270 bis 275 erfolgt sein, da eine Münze aus der Zeit des Kaisers Aurelian im verbindenden Gang U gefunden wurde. Vgl. Effenberger, S. 51f.

70 Dieser heißt so, weil sich dort viele der „schönsten und ältesten (...) Grabplatten der Callistuskatakombe befinden". Baruffa, S. 144.

71 Vgl. Baruffa, S. 140f und Styger, S. 21ff.

72 Vgl. Wirth, S. 157.

73 Vgl. ebd. und König, S, 155ff.

74 1. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr. Vgl. Stützer, S. 28.

75 Vgl. Fiocchi/Bisconti/Mazzoleni, S. 94.

76 Wirth, S. 159.

77 Vgl. Mielsch, S. 112ff. Ob der Stil der Katakombenmalerei selbstständig gesehen werden kann, ist umstritten. Während z.B. Stützer, S. 29ff, nur von einer weiteren Vereinfachung des antoninischen Stils spricht, prägt Wirth, S. 160ff, den Begriff eines „rot-grüner Linienstils", der 220 beginnt, allerdings keinen „harten Bruch mit dem antoninischen Stil darstellt", S. 165. Dieser ist für Wirth eine Unterkategorie des „illusionistischen Stils".

Details

Seiten
51
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656060024
ISBN (Buch)
9783656060147
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182335
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Professur für Alte Geschichte und Römische Verfassungsgeschichte beim Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte Mitteleuropas und regionale Kulturgeschichte
Note
1,7
Schlagworte
Katakomben Rom Frühes Christentum Tod Grabkunst

Autor

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Titel: Die ersten Spuren des Christentums