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Das Bischofskollegium - Träger höchster kirchlicher Gewalt?

Seminararbeit 2008 13 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema und Erläuterung der Fragestellung

2. Betrachtung der Canones 331 und 336

3. Grundauffassungen der kirchlichen Höchstgewalt
3.1 Erste Auffassung: Papst als einziger Träger der Höchstgewalt
3.2 Zweite Auffassung: Bischofskollegium als einziger Träger der Höchstgewalt
3.3 Dritte Auffassung: Papst und Bischofskollegium sind Träger der Höchstgewalt

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Hinführung zum Thema und Erläuterung der Fragestellung

Am 25. Januar 1959 gab Papst Johannes XXIII. vor 17 Kardinälen im Kapitelsaal der Patriachalbasilika St. Paul vor den Mauern völlig überraschend bekannt, dass er ein Konzil für die Weltkirche einzuberufen beabsichtige. Sein Plan wurde umgesetzt und das 21. Ökumenische Konzil, auch bekannt unter dem Namen 2. Vatikanisches Konzil, begann am 11. Oktober 1962. Ein Ergebnis dieses Konzils war die dogmatische Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“(LG) mit seiner Erläuternden Vorbemerkung(„Nota Explicativa Praevia“1 ), die am 21. November 1964 beschlossen wurde. Unter anderem wird in ihr die Struktur und Sendung der Kirche festgelegt.

Um die Ergebnisse des 2. Vatikanischen Konzils in den kirchlichen Alltag zu übertragen, wurde der Codex Iuris Canonici(CIC) von 1917 erneuert und von Papst Johannes Paul II. promulgiert. Der Codex von 1983, der auf die Kirchenkonstitutionen des 2. Vatikanischen Konzils und dem CIC/1917 aufbaut, enthält Gesetztestexte, die in Canones eingeteilt sind. Zwei dieser Canones, Canon 331 und 336, benennen die Träger der höchsten kirchlichen Autorität. Mit Hilfe dieser beiden Canones und der dogmatischen Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“2 wird der Frage nach der rechtlichen Autorität des Bischofskollegiums auf den Grund gegangen.

Ist das Bischofskollegium Träger der höchsten kirchlichen Autorität?

In der Arbeit soll dieser Frage unter Beachtung verschiedener Gesichtspunkte nachgegangen werden. Am Anfang steht eine Betrachtung von c.331 und c.336 aus dem CIC von 1983. Diese wird danach unter Zuhilfenahme von Lumen Gentium weiter erläutert. Dabei wird die Beziehung der beiden genannten Träger der höchsten kirchlichen Autorität, Papst und Bischofskollegium diskutiert. Zum Abschluss richtet sich das Augenmerk auf drei Grundauffassungen oder Grundthesen der Auslegung der zuvor erläuterten Beziehung beider kirchlicher Organe. Aus diesen Auffassungen lässt sich konkret die Frage nach der Höchstgewalt des Bischofskollegiums beantworten.

2. Betrachtung der Canones 331 und 336

In den beiden oben genannten Canones werden die beiden Träger der höchsten Autorität der Kirche genannt und Aussagen über deren Verfügungsgewalt gemacht. Canon 331 beschreibt dabei die höchste Autorität des Papstes. In Canon 336 wird die Stellung des Bischofskollegiums festgelegt. Die Betrachtung beginnt mit Canon 331 und wird dann bei Canon 3363 fortgesetzt werden.

„Der Bischof der Kirche von Rom, in dem das vom Herrn einzig dem Petrus, dem Ersten der Apostel, übertragene und seinen Nachfolgern zu vermittelnde Amt fortdauert, ist Haupt des Bischofskollegiums, Stellvertreter Christi und Hirte der Gesamtkirche hier auf Erden; deshalb verfügt er kraft seines Amtes in der Kirche über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann.“

Der Canon 331 benennt nach einigen Titeln des Papstes seine autoritäre Macht. Er verfügt „kraft seines Amtes“ über „höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann“. Der Papst, als „Stellvertreter Christi [ ] hier auf Erden“ hat demnach volle Entscheidungsgewalt über die gesamte Kirche. Man darf sich nun zu Recht fragen welche Gewalt noch für das Bischofskollegium bleibt, wenn der Papst schon über solch ein hohes Maß an Gewalt verfügt und sie frei ausüben kann. Dazu dient Canon 336:

„ In dem Bischofskollegium, dessen Haupt der Papst ist und dessen Glieder kraft der sakramentalen Weihe und der hierarchischen Gemeinschaft mit dem Haupt und den Gliedern des Kollegiums die Bischöfe sind, dauert die apostolische Körperschaft immerzu fort; es ist zusammen mit seinem Haupt und niemals ohne dieses Haupt ebenfalls Träger höchster und voller Gewalt in Hinblick auf die Gesamtkirche.“

Der Canon macht zu Beginn eine Aussage über den Aufbau des Bischofskollegiums. Es besteht aus einem „Haupt“, dem Papst, und seinen „Gliedern“, den Bischöfen. Die Bischöfe werden durch die Bischofsweihe und die „hierarchische Gemeinschaft“ mit dem Papst und den anderen Bischöfen in das Kollegium aufgenommen und sind somit Nachfolger der „apostolischen Körperschaft“, also dem Apostelkollegium. Das Bischofskollegium hat „höchste“ und „volle“ Gewalt, genau wie der Papst in Canon 331 und ist „ebenfalls“ Träger der Höchstgewalt. Die Ausübung der Höchstgewalt des Bischofskollegiums wird „kollegiale Tätigkeit“4, die des Papstes wird „primatiale Tätigkeit“ genannt. Während der Papst von sich persönlich aus entscheiden und seine Macht immer „frei ausüben“ kann, muss das Bischofskollegium erst von ihm einberufen werden, um dann gemeinsam mit ihm in kollegialer Übereinkunft entscheiden zu können. Da die Gewalt des Papstes immer innerlich mit dem Bischofskollegium zusammenhängt, können seine Entscheidungen „ihrer Natur nach nicht im substantiellen Gegensatz zu den Entscheidungen stehen“5, die er mit dem Bischofskollegium unter denselben Umständen gefällt hätte. Somit haben kollegiale Entscheidungen theoretisch dieselbe kirchliche Rechtsverbindlichkeit wie Primatiale. Das Bischofskollegium kann jedoch nur kollegiale Tätigkeiten ausüben, wenn dies in Einheit mit dem Papst geschieht. Rechtsverbindlichkeit erlangen die Aussagen des Bischofskollegiums somit nur, wenn sie mit Zustimmung des Papstes getätigt werden, andernfalls haben sie keine Aussagekraft. Die dogmatischen Kirchenkonstitution Lumen Gentium, die, wie zu erkennen sein wird, eine sehr ähnliche, manchmal sogar gleiche, Wortwahl im Vergleich zum CIC hat, stellt in ihrem 22. Artikel fest, dass „diese Gewalt [ ] nur mit Zustimmung des römischen Bischofs ausgeübt werden kann.“ Sie erklärt weiterhin, „ bei der Leitung, Förderung und Billigung der kollegialen Ausübung geht der Bischof von Rom, indem er dem Wohle der Kirche Rechnung trägt, nach eigenem Ermessen vor.“ Die Kollegiale Ausübung erwächst somit weder aus der Unfähigkeit des Hauptes noch daraus, dass die Bischöfe sie fordern. Einzig der Papst bestimmt ob er es in gewissen Fällen für gut und notwendig hält die vereinte Tätigkeit mit dem Kollegium aufzubieten, wobei er nicht gehalten ist mit der Mehrheit zu entscheiden, da er seine Vorrechte als Primat im Kollegium behält. Er kann also die Bischöfe auffordern mit seinem Urteil in Einklang zu kommen. „Keine Tätigkeit ist wirklich kollegial, die nicht sowohl den Gliedern wie auch dem Haupt des Kollegiums eignet“6. Das Bischofskollegium ist somit gleichfalls Träger der höchsten kirchlichen Gewalt, jedoch nur mit Zustimmung und Aufforderung des Bischofs von Rom. Was jedoch nicht heißt, dass das Bischofskollegium erst Träger der „vollen“ und „höchsten“ kirchlichen Gewalt wird, weil der Papst die Möglichkeit der Ausübung verleiht. Es heißt, dass der Papst die Ausübung der kirchlichen Gewalt möglich machen kann, weil das Kollegium bereits der Träger dieser Gewalt ist.7

Wie es bereits in Canon 336 erwähnt wurde und es auch in Lumen Gentium steht, wird „man zum Glied des Kollegiums der Bischöfe [ ] durch die sakramentale Weihe und die hierarchische Gemeinschaft mit Haupt und Gliedern des Kollegiums“(LG Artikel 22). Die Gewalt, die dieses Kollegium ausübt, ist deshalb die, welche den einzelnen Gliedern sakramental verliehen, die aber nur in der hierarchischen Gemeinschaft wirkkräftig wird; das heißt der Papst erkennt die Bischöfe mit ihren Rechtswirkungen an und die Bischöfe erkennen den Papst als Haupt des Bischofskollegiums mit allen Vorrechten, die ihm persönlich als Nachfolger Petri zustehen an. Die einzelnen Bischöfe sind jedoch nicht Nachfolger der einzelnen Apostel, sondern alle Bischöfe sind Nachfolger des Apostelkollegiums. Somit haben sie nur in Gemeinschaft mit den anderen Bischöfen und dem Heiligen Vater die Höchstgewalt in der Kirche inne.

Daraus ergibt sich, dass sowohl der Papst Träger derselben vollen und höchsten Gewalt über die Gesamtkirche ist, als auch alle anderen Glieder des Bischofskollegiums mit ihm zusammen sind.

„Der römische Bischof hat nämlich[...] volle, höchste und universale Gewalt über die Kirche[ ]. Die Ordnung der Bischöfe aber[ ] ist gemeinsam mit ihrem Haupt, dem römischen Bischof, und niemals ohne dieses Haupt, gleichfalls Träger der höchsten und vollen Gewalt über die ganze Kirche“(LG Art. 22).

Es handelt sich nicht um zwei verschiedene Gewalten sondern um zwei verschiedene Träger, die dieselbe Gewalt besitzen. Der Papst als einzelner und die ganze Körperschaft der Bischöfe als kollegialer Träger. Da es kein existentes Bischofskollegium ohne sein Haupt gibt, sind beide Träger nur „inadäquat verschieden“8, weder „voneinander getrennt, noch viel weniger im wechselseitigen Widerstreit oder Konkurrenz“9.

[...]


1 Die „Nota Explicativa Praevia“, übersetzt vorausgeschickte, erläuternde Notiz, wurde in den Konzilsakten direkt im Anschluss an „Lumen Gentium“ publiziert.

2 Im Folgenden wird „Lumen Gentium“ als feststehender Ausdruck vorausgesetzt und daher wie folgt verwendet: Lumen Gentium, bzw. LG.

3 Zitiert nach: Deutsche Bischofskonferenz: Canon Iuris Canonici. 5. Auflage. Butzon & Bercker, Kevelaer, 1983.

4 Vgl. Stoffel, Oskar: Kommentar zu Canon 336. In: Klaus Lüdicke (Hg.): Münsterischer Kommentar zum Codex Iuris Canonici. Ludgerus-Verlag, Essen, 1984.

5 Umberto, Betti: Die Beziehungen zwischen dem Papst und den übrigen Gliedern des Bischofskollegiums. In:

G. Baraúna (Hg.): De Ecclesia. Herder, Freiburg, 1966.

6 Umberto, Betti: Die Beziehungen zwischen dem Papst und den übrigen Gliedern des Bischofskollegiums.

7 Vgl. Umberto, Betti: Die Beziehungen zwischen dem Papst und den übrigen Gliedern des Bischofskollegiums.

8 Aymans, Wilfried, Das synodale Element in der Kirchenverfassung. Hueber, München, 1970, S.246 -255.

9 Vgl. Umberto, Betti, Die Beziehungen zwischen dem Papst und den übrigen Gliedern des Bischofskollegiums. 4

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656060697
ISBN (Buch)
9783656060956
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182307
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Bischofskollegium Unfehlbarkeit Machtverteilung katholische Kirche Bischof Kirchenrecht

Autor

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