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Das Menschenbild bei Thukydides

Essay 2010 8 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Hinführung zum Thema

Thukydides gilt als einer der bedeutendsten Historiker der Antike. Sein Werk über den Peloponnesischen Krieg wird als frühes Muster einer historischen Monographie, dem viele andere Historiker gefolgt sind, gesehen. Ob man ihn wie Holger Sonnabend als Vater der kritischen Geschichtsschreibung bezeichnen muss oder ihm wie Cicero eher kritisch gegenüberstehen sollte, ist in der Forschung umstritten.

Thukydides verfasste in seinem Werk die Richtlinie von größtmöglicher Genauigkeit und der Dokumentation des wahrscheinlichsten Ablaufes der Ereignisse. Er nimmt für sich in Anspruch, hinter den Bericht zurückzutreten und das Geschehene objektiv zu dokumentieren.

Da er nicht bei allen Feldzügen und Verhandlungen während des gesamten Krieges dabei sein konnte, stützen sich seine Berichte auf möglichst viele Augenzeugen, wobei er als Zeitzeuge des Krieges wusste welche Personen er befragen musste.

Wie in jedem selbstverfassten Werk kann man bei einer tieferen Analyse verschiedener Textstellen auch die Motivationen und Meinungen des Autors erkennen. In Thukydides Werk gibt es mehrfach solche Stellen, in denen er unterschwellig seine eigene Meinung einbaut oder es ganz bewusst macht. Durch diese Auszüge lässt sich für den Leser das Menschenbild Thukydides herausarbeiten. Es ist zu erwarten, dass Thukydides den Menschen sehr schlecht darstellt und mit ihm hart ins Gericht geht, denn er war ein Anhänger der sophistischen Lehre1, die sich dadurch charakterisiert, dass der Mensch als ein von Machttrieb und Überlebenswillen gesteuertes Wesen, dass über allen anderen Wesen steht, gesehen wird.

Zu Beginn der Arbeit steht Thukydides Pestbericht (II, 47-542 ), indem er den genauen Verlauf der Krankheit und den Umgang der Menschen mit der Seuche beschreibt. Ein weiterer Auszug, der die Verdeutlichung von Thukydides‘ Menschenbild ermöglicht, ist die Diskussion der Volksversammlung über den Mytilene-Beschluss (III, 35-50). Die Athener haben die Entscheidung gefasst, die gesamte Bevölkerung der Polis Mytilene umzubringen. Doch am darauf folgenden Tag überdenken sie ihren Beschluss noch einmal. Eine weitere Passage ist die Pathologie des Krieges (III, 82-85). Thukydides beschreibt den Ausbruch der Stasis, heute wohl als Bürgerkrieg zu bezeichnen, auf Kerkyra und der mit einhergehenden Verrohung der Sitten. Ein letzter Auszug ist der Melierdialog (IV, 85-115), indem die Athener mit den Meliern verhandeln, um ein friedliches Ende der Belagerung zu beschließen. Zum Abschluss der Arbeit folgt eine kurze Zusammenfassung des in Thukydides Werk gezeichneten Menschenbildes.

Der Pestbericht ( II, 47-54)

Die Schilderung dieser verheerenden Epidemie gehört zu den „eindringlichsten und zugleich bedrückendsten Partien des gesamten Werkes“3. Nach Thukydides soll die Pest von ihrem Ausgang in Ägypten über Libyen und Persien durch Händler in den Piräus nach Athen gekommen sein(II, 48,1). Auch andere Teile Griechenlands sollen von der Pest heimgesucht worden sein, doch nirgendwo hatte sie so große Ausmaße wie in Athen. Thukydides beschrieb nach dem Verbreitungsweg der Pest, rein deskriptiv und ohne subjektive Deutung den medizinischen Verlauf der Krankheit und ihre Symptome.

In dem folgenden Abschnitt über die Reaktionen der Menschen und der Umgang mit den Pestkranken, lässt sich zum ersten Mal ein Teil von Thukydides Menschenbild herausarbeiten. Er spricht davon, dass die meisten Kranken von ihren Mitmenschen isoliert waren (II, 51,5), da die Pfleger der Kranken selbst umkamen und niemand mehr wagte einen verwandten Mitmenschen zu pflegen. Die mangelnde Hilfsbereitschaft ist der erste Punkt von Thukydides moralischer Kritik4. Durch das allgegenwärtige Leid, so beschreibt es Thukydides, stumpften die Menschen ab und scherten sich nicht mehr um ihre Mitmenschen und deren Leiden.

Nach dem Tod eines Verwandten, „kehrten [sie] sich nicht mehr an göttliches und menschliches Gebot.“5 Damit meint er, dass die meisten Bürger den gängigen Bestattungsritualen nicht mehr Folge leisteten und den Toten nicht die nötige Pietät darbrachten. Sie legten sie auf bereits gerichtete oder schon brennende Scheiterhaufen, um den leblosen Körper auf schnellste und bequemste Weise loszuwerden.

Thukydides sieht darin den „Anfang der Sittenlosigkeit“6. Aus seiner aristokratischen Sicht kritisiert er die ärmeren Leute, die an ein größeres Vermögen gekommen waren und damit begannen „das Angenehme möglichst rasch und lustvoll zu genießen“7.

[...]


1 Vgl. Meister, Klaus: Die griechische Geschichtsschreibung, Stuttgart, 1990, S. 46-48.

2 Sämtliche Angaben zu Thukydides Textstellen sind entnommen/zitiert aus: Thukydides: Der Peloponnesische Krieg, (Hrsg.) Vretska, Helmuth / Rinner, Werner, Stuttgart, 2004.

3 Sonnabend, H.: Thukydides, Darmstadt, 2004, S. 91.

4 Ebd. S. 92.

5 Thukydides: II, 52, 3.

6 Ebd. II, 53, 1.

7 Ebd. II, 53, 2.

Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656056447
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182273
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
Thukydides Menschenbild Antike Antike Griechenland Peloponnesischer Krieg Athen und Sparta Geschichtsschreibung

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Titel: Das Menschenbild bei Thukydides