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Neue Modellierungsmöglichkeiten des dynamisch-transaktionalen Ansatzes

Das Bewerbungsprozessmodell

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 36 Seiten

Medien / Kommunikation - Methoden und Forschungslogik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das dynamisch-transaktionale Modell
2.1 Modell & Theorie
2.2 Grundlagen
2.2.1 Dynamik
2.2.2 Transaktionalität
2.2.3 Molarer Kontext
2.3 Anwendbarkeit des DTA

3. Weitere Bausteine des Bewerbungsprozessmodells
3.1 Web 2.0
3.2 Der Arbeitskraftunternehmer (AKU)
3.3 Triadisches Denken
3.4 Die triadische Berufspersönlichkeit

4. Das Bewerbungsprozessmodell (BPM)
4.1 Untersuchungsgegenstand (Web-Kommunikation)
4.2 Modellebenen
4.2.1 Makroebene
4.2.2 Mikroebene
4.2.3 Phasenmodell
4.3 Operationalisierbarkeit

5. Diskussion und Fazit des BPM

Quellen

1. Einleitung

Mit der Entwicklung des dynamisch-transaktionalen Ansatzes durch Früh und Schönbach (1982) entstand einer der wenigen umfassenden Theorieansätze der Kommunikations- wissenschaft, der sich den neuen Medienwirklichkeiten stellte. Die neue Macht des Publikums wurde nunmehr berücksichtigt und einfache Sender-Empfänger-Modell endgültig verworfen. Die Wissenschaft nahm den DTA dabei durchaus kritisch auf; dass er auch heute noch immer intensiv diskutiert wird, zeugt von seiner fortwährenden Relevanz und möglicherweise schlummernden Potentialen. Für die hier vorliegende Arbeit sollten die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des DTA genutzt werden, um sie auf die multimediale Wirklichkeit moderner Bewerbungsprozesse anzuwenden. Ausgangspunkt war dabei die vermeintliche Webnutzung von Personalverantwortlichen, die Informationen über Bewerber aus Sozialen Online-Netzwerken recherchierten. Vor diesem Hintergrund entstand ein Kommunikationsmodell, das neue Wege der Modellierung und Theoretisierung kommunikativer Prozesse aufzeigen möchte und vorschlägt. Bekannte und anerkannte Modellvorstellungen wurden dabei in einem kommunikativen Forschungsprozess mit neuen kreativen Ideen kombiniert, um Vorgänge der Web-Kommunikation fassbar zu machen, die sich ebenso aus bereits bekannten sowie neuen Vorgängen konstituiert. Früh hat die Methoden der Theorie- und Modellbildung ähnlich beschrieben (2008b:19). Er unterscheidet kreativ spontane Ad-hoc-Theorien, die selektive Auswahl aus bereits dem bestehenden Theoriearsenal und entsprechende Anpassung des Forschungsgegenstandes an diese sowie die Orientierung der gesamten Forschungsarbeit an akzeptierten und renommierten Theorien (ebd.). In diesem Zusammenhang kritisiert er ein Defizit an Fortschrittskultur und Theorieentwicklung in der Kommunikationswissenschaft. Hier wurde indes mit einem durchaus kühnen Vorstoß im Rahmen einer studentischen Arbeit versucht, von bestehenden Akzeptanzmustern abzuweichen und durch Symbiose bekannter Modellvorstellungen mit eigenen kreativen Ideen, neue Wege zu gehen und ein eigenes theoretisches Konstrukt zu entwerfen.

Problematisch war dabei die Vereinigung der Vielzahl sinnvoller Ansätze zu einem Modell. Hierbei muss die Komplexität des Forschungsgegenstandes ÄBewerbungsprozesses“ gleichsam berücksichtigt werden. So musste das Modell die Einflussnahme einer Fülle an Medien (Bewerbungsschreiben, E-Mail, Telefoninterview, etc. und natürlich soziale Online Netzwerke2 ) ermöglichen, sowie die beteiligten Akteure ÄBewerber“ und ÄPersonaler“ in aktiver Art und Weise in den Fokus rücken, wobei deren spezifische professionelle Rollen auf wichtige Eigenschaften reduziert werden mussten. Ferner musste der zeitliche Ablauf und die damit einhergehenden Veränderungen im einzelnen Bewerbungsvorgang abgebildet werden können.

Die Anforderungen an das Modell hätten daher größer kaum sein können. So musste sich das Abstraktionslevel auf recht hohem Niveau befinden, wobei eine Vielzahl möglicher Einflussfaktoren zugelassen werden musste, aber eine sinnvolle Komplexitätsreduktion dennoch ermöglicht werden sollte. Diese Überlegungen führten zu einem modulartigen Modellaufbau. Der dynamisch-transaktionale Ansatz (DTA) von Früh und Schönbach bot als einziges kommunikationswissenschaftliches Modell die Möglichkeit zur Beschreibung einer hochkomplexen Kommunikationssituation in einem multimedialen Kosmos wie dem Internet (vgl. Rössler, 1998:124f.). In den transaktionalen Beziehungen und der zwangsläufigen Dynamik des DTA findet sich die multidimensionale Sichtweise auf den Untersuchungsgegenstand wieder, die zuvor in der Ideenfindung erarbeitet wurde. Einzig Molarität und ökologische Sichtweise des DTA bedurften einer Konkretisierung auf den Forschungsgegenstand.

Im Folgenden soll das dynamisch-transaktionale Paradigma3 und damit eine besondere Denk- und Sichtweise auf kommunikationswissenschaftliche Prozesse charakterisiert und im Anschluss ihre Implikationen und spezifischen Auswirkungen auf das Bewerbungsprozess- modell (BPM) erläutern werden. Mit dem entstandenen Modell sollte eine brauchbare heuristische Theorieleitung der anschließenden empirischen Forschung ermöglicht werden. Dabei wird mit dieser theoretische Arbeit keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Vielmehr sollen neue Möglichkeiten und Optionen der Modellierung des dynamisch- transaktionalen Ansatzes aufgezeigt und vorgeschlagen werden. Das BPM dient hierbei als exemplarische Ausformung dieser Ansätze und soll deren Nutzen für einen konkreten Forschungsgegenstand aufzeigen. Eine empirische Untersuchung kann sich an diese Ausführungen anschließen, so dass auch ein vermeintliches Defizit des DTA im Feld möglicherweise aufgearbeitet werden kann.

2. Das dynamisch-transaktionale Modell

2.1 Modell & Theorie

Da der Hauptfokus mit den sozialen Netzwerkseiten von Beginn an auf einem internetbasierten Kommunikationsangebot lag, gestaltete sich die Ausformung eines brauchbaren Modell als überaus komplex. Außerdem bewegt sich die Disziplin mit dem Web 2.0 auf theoretischem Neuland. Ihle und Bernhard konstatieren sogar eine Äweitgehende Unzulänglichkeit kommunikationswissenschaftlicher Begrifflichkeit und Modelle für den Bereich des Internets und der Onlinemedien“ (2008:226ff.). Der Mangel an fundierten Theorien, die ein System verallgemeinerbarer, kausaler Aussagen empirisch überprüfbar in einen logischen Zusammenhang bringen,4 war für die anschließende empirische Erhebung wie selbstverständlich die Grundlage der Entscheidung für das qualitative Forschungsparadigma. Statt einzelne Hypothesen einer zu überprüfenden Theorie zu testen, musste zunächst Explorationsarbeit geleistet werden. Aber auch die Erforschung eines neuen Gebietes erfordert eine heuristische Leitung in Form zumindest grundlegender theoretischer Rahmungen. Die dynamisch-transaktionale Sichtweise der Kommunikation kann als eine solche Metatheorie betrachtet werden (vgl. Früh & Schönbach:2005:304). Der dynamisch- transaktionale Ansatz der Kommunikation fügt sich auf der Mesoebene als Rahmentheorie an. Sie stellt eine Art Grundgerüst eines Ausschnitts der Realität dar und bietet dabei gleichzeitig die Möglichkeit des Andockens spezialisierter Einzelbausteine mit niedrigerem Abstraktionsniveau in einem Modulsystem (vgl. Ihle & Bernhard, 2008:247). Dies ermöglicht eine Konkretisierung des DTA auf den Bewerbungsprozess und erlaubt gleichsam, ein eigenes Modulsystem zu entwickeln, in dem auf der Mikroebene die Kommunikation zwischen Bewerber und Personaler über verschiedene Medien betrachtet werden kann.

Dabei stellt der DTA zunächst keine empirisch falsifizierbare Theorie dar, sondern ein Modell, dessen heuristischer Gehalt in seiner theorieleitenden Funktion besteht (Schönbach & Früh, 1984:316). Überdies dienen Modelle vornehmlich zur organisierenden graphischen Abbildung und Benennung von einzelnen Beziehungen und sollen drittens Prognosen zu einem Ereignis ermöglichen5 (vgl. McQuail & Windahl, 1993:2f.).

Da das Ziel aber die Anwendung des DTA auf einen konkreten Prozess ist, sollte er nicht nur paradigmatische Implikationen zu Grunde legen, sondern auch erste Theorieansätze generieren. Dafür musste der breite Blickwinkel des DTA sinnvoll eingeschränkt werden. Mit der Integration der triadischen Persönlichkeitsstruktur von Rappe-Giesecke (2008) und dem triadischen Denken von Giesecke sollten die Schwächen des ökologische Denkens (mangelnde Komplexitätsreduktion) und die unzulässigen Vereinfachungen des kausalen ÄEntweder-Oder-Denkens“ (vgl. Giesecke, 2006:6) harmoniert werden. Auf der Mikroebene der (mediatisierten) interpersonalen Kommunikation finden sich daher mit den Äunabhängigen Variablen“ Person, Profession und Funktion erste Ansätze theoretischer Hypothesen, die Möglichkeiten für die Anschlussforschung bieten.

2.2 Grundlagen

Die bisherigen Ausführungen bewegten sich auf einem grundsätzlichen, erkenntnistheoretischen Diskurs der Modellfindung. Um das Bewerbungsprozessmodell im Anschluss detailliert zu beschreiben, soll das Verständnis zunächst durch einen Rekurs auf die Eigenschaften und daraus resultierenden Folgen des DTA erleichtert werden. Der DTA verschmilzt Ansätze der Medienwirkung und -nutzung zu einem integrativen Modell. Damit verabschiedet er sich von der strikten Trennung zwischen Kommunikator und Rezipient der Stimulus-Response-Ansätze und setzt eine standardmäßig dynamische Betrachtung des Kommunikationsprozesses ins Zentrum (vgl. Wünsch, 2007:21). In diesem Prozess nehmen die beteiligten Akteure (hier Personaler und Bewerber) zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Rollen jeweils als Kommunikator und Rezipient ein. Legt man weiterhin die Lupe auf diesen Vorgang, so findet dieser Rollenwechsel auf immer kleinerer Ebene statt. Zum Beispiel von der globalen Betrachtung eines Gesprächs über einzelne Dialogstücke der Rede- und Gegenrede zu Mikrotransaktionen während des Sprechens durch Mimik und Gestik. Schließlich sind die Rollen nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden und es kann von einer oszillatorischen Verschmelzung gesprochen werden (vgl. Früh & Schönbach, 1982:79).

Ähnlich verhält es sich mit den Beziehungen zwischen den Beteiligten. Diese stehen nicht mehr in einem kausalen Ursache-Wirkung-Zusammenhang, sondern sind transaktionaler Art. Ursache und Wirkung bedingen sich gegenseitig fortwährend bis zu einem Punkt, an dem es unmöglich wird zu sagen, ob die Ursache die Wirkung bedingt oder umgekehrt oder beides parallel. Diese Verweigerung von einfachen monokausalen Beziehungsmustern des DTA findet sich ebenso in seiner dritten wichtigen Eigenschaft wieder, dem molaren oder ökologischen Kontext. Es wird dazu aufgefordert, Ägezielt nach […] Möglichkeiten der Komplexion zu suchen und mit so gebildeten Syndromen zu argumentieren“ (Wünsch, 2007:21). Menschliches Verhalten findet immer in einem komplexen System aus unüberschaubaren Variablen (überkomplex) statt, deren Einfluss auf den Ausgang nicht unzulässigerweise ausgeblendet werden darf. Früh selbst schlägt eine triadische Einteilung des Ursachenfittings vor. Dabei sollen Personenmerkmale, Stimulus-/Medienmerkmale und Merkmale des situativen und gesellschaftlich-kulturellen Kontextes besondere Aufmerksamkeit erhalten (vgl. ebd.:20).

Im späteren Verlauf wird diese Einteilung auf die explizite Kommunikationssituation weiter spezifiziert werden. Zunächst sollen die zentralen Eigenschaften des DTA betrachtet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: erweitertes dynamisch-transaktionales Modell (Schönbach & Früh, 1984:323)

2.2.1 Dynamik

In den modernen Wissenschaften stellt die Erkenntnis der dynamischen Perspektive ein bedeutendes Thema dar. ÄJe kleiner man den Maßstab […] wählt, desto mehr lösen sich statisch erscheinende Objekte in Szenarien ständiger Bewegung auf“ (Früh 1991:131). Die Sonne rotiert um das Zentrum der Galaxie, die Erde kreist um die Sonne, die Erde dreht sich ums sich selbst und selbst die feste Struktur der Rocky Mountains besteht bei näherer Betrachtung aus Molekülen und Atomen und Elektronen, die in ständiger Bewegung sind. Am Ende ist alle Materie nur eine Erscheinungsform von Energie (vgl. Heisenberg, 1990:129). Auch die Kommunikation ist ein grundsätzlich dynamischer Prozess, z.B. des Encodings und Decodings. Selbst das so statisch erscheinende Lesen dieser Abhandlung ruft beim Rezipienten beständig neue Interpretationen des Textes und Veränderungen von Bedeutungszusammenhängen hervor. So ist die Dimension der Zeit als Abfolge von Kommunikationsprozessen ein zentraler Bestandteil des DTA.

Gehrau (2007:40ff.) schlägt hierbei drei Ebenen der dynamischen Modellierung des DTA vor: Auf der Mikroebene der Rezeption werden v.a. kurzfristige Transaktionen unmittelbar vor und nach der Rezeption einer Botschaft betrachtet (vgl. Intratransaktion). Die zweite Ebene bezieht hierbei klassische Mediennutzungs- und -wirkungsansätze ein und modelliert u.a. die Einbettung der Rezeption in den Alltag (vgl. Intertransaktion im Äklassischen“, medien- orientierten DTA6 ). Die Makroebene der Dynamik ist durch Adaptions- und Antizipationsvorgänge zwischen z.B. Personaler und Bewerber charakterisiert (vgl. Parafeedback).

Modelle, die dem dynamisch-transaktionalem Paradigma folgen, müssen grundsätzlich die Prozesshaftigkeit von Wirkungen hervorheben. So ist auch ein Bewerbungsablauf prinzipiell durch bestimmte Charakteristika und Abläufe zu bestimmten Zeitpunkten gekennzeichnet.

2.2.2 Transaktionalität

Der Transaktionsbegriff des DTA ist ein anderer als der aus der Ökonomie bekannt gewordene. In der Tat ist er in frühen Massenkommunikationsmodellen auch im Sinne des Äbargaining“ verwendet worden und impliziert dort ein kühl-rationales, nutzenmaximierendes Aushandeln zwischen Rezipient und Kommunikator (vgl. Schönbach & Früh, 1984:314). Auch müssen die hier benannten Transaktionen von den kommunikationspsychologischen Konzepten von Schulz von Thun unterschieden werden, bei dem u.a. mit Hilfe von der sog. Transaktionalen Analyse intrapersonelle Wechselwirkungen zwischen Eltern-Ich, Kindheits- Ich und Erwachsenen-Ich erkannt werden können, die als verdeckte Transaktionen die Interaktionen zwischen den Individuen beeinflussen (vgl. Schulz von Thun, 1994:168ff.).

Wir übernehmen den Transaktionsbegriff von Früh, der eine simultane Wechselwirkung zwischen Variablen beschreibt. Im DTA schlagen Früh und Schönbach selbst die Typen Intra- und Intertransaktion vor, die sich auf Wechselwirkungen innerhalb bzw. zwischen den Kommunikatorrezipienten beziehen. Intertransaktionen sind (in einer Momentaufnahme) imaginäre oder reelle Interaktionsprozesse zwischen Kommunikatoren und Rezipienten, bei denen beide versuchen ihre spezifischen Gratifikationen in und aus der Kommunikation zu maximieren.7 Der Unterschied zur Interaktion liegt in der Selbstbeeinflussung im Laufe des Prozesses: Um ihren Nutzen zu maximieren, versetzen sich die Beteiligten in den Standpunkt ihres Gegenüber und versuchen dessen Reaktionen zu antizipieren. Die Wirkung, die sie versuchen beim Anderen zu erzielen, ändert also auch ihr eigenes Verhalten.

Intratransaktionen hingegen laufen allein im kognitiven System der Beteiligten ab und stellen eine Wechselwirkung zwischen Aktivation (affektuellen Zuständen) und Wissen (Informationen) dar, die wiederum mit den gesuchten Gratifikationen der Intertransaktion transagiert.

Allerdings sind diese Transaktionen lediglich eine bewusste Äpositive Auswahl der modellspezifischen Beschränkungen auf relevante Wirkungsvariablen“ (Früh, 1991:125). Sie schließt nicht aus, dass vor allem neben den Intratransaktionen noch eine Vielzahl weiterer Wechselwirkungsbeziehungen bestehen kann. Neben z.B. der horizontalen Transaktionsebene Intertransaktion existiert auch eine vertikale Transaktionsebene zwischen dem System und seinem jeweiligen Element (vgl. ebd.:124f.). Auch im Bezug auf den molaren Kontext wird dies von Bedeutung sein, wenn die Einflussgrößen der gesellschaftlichen Einbettung betrachtet werden. Die vertikalen Transaktionen lassen sich ebenso am Beispiel der hier zugrunde liegenden Forschungsarbeit verdeutlichen: Hier bedingen sich (die spätere) Methodenwahl und theoretisches Verständnis des Forschungsobjekts gegenseitig. So Äerzwingt“ das verwendete Theorie-System ein anschließendes qualitatives, exploratives Forschungsdesign, wie die erfahrenen Zusammenhänge aus den Interviews wiederum das Modell zu variieren vermögen werden.

2.2.3 Molarer Kontext

Das molare oder ökologische Denken versucht, den komplexen Beziehungsgefügen der sozialen Wirklichkeit gerecht zu werden und ist auch in der Kommunikationswissenschaft mittlerweile weit verbreitet (vgl. Eilders, 2007:297). Es sieht dabei die Kommunikations- vorgänge in den Lebens- und situativen Kontexten der Beteiligten sowie in gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und politischem Rahmen und anderen Zusammenhängen eingebettet (Pürer, 2003:387). Auch der DTA möchte die Komplexität der Einflussgrößen auf seine Untersuchungsgegenstände bewahren. Früh führt diese Betrachtungsweise der Welt auch auf die Messproblematik und die damit einhergehende methodische Manifestation von kontextabhängigen empirischen Sachverhalten zurück. Als ein berühmtes Beispiel sei hier erneut auf die Heisenberg„sche Unschärferelation verwiesen, bei der (u.a.) erst die Messung die Eigenschaften des Messobjekts als Teilchen oder Welle festlegt (vgl. Früh, 1991:100ff.).8 In den Sozialwissenschaften sind derartige Messartefakte enorm vielfältig und Bestandteil einer eigenen Wissenschaftsdisziplin (vgl. Diekmann 2007:623ff.).9

Der DTA möchte eine ganzheitliche Sicht einnehmen und auch systemisch-kontextuelle Einflussgrößen auf die Kommunikation betrachten. So können z.B. der Straßenlärm einer Wohnung an einer Hauptstraße, die abweichenden Fernsehwünsche der Kinder im Haushalt oder die unterschiedlichen Einstellungen der Gruppe von Bekannten, mit denen ein Zuschauer z.B. die Nachrichten sieht, eine entscheidende Rolle für die Rezeption der Inhalte spielen. Kommunikationsvorgänge sind also immer verbunden mit anderen Wirkungsprozessen und Lebensabläufen. Dabei ist das Herstellen eines totalitaristisch-holistischen Bezugs auf den Untersuchungsgegenstand allerdings weder sinnvoll noch ergiebig. Das Molare bzw. Ökologische wird daher auch im DTA funktionell in Form von Themen und Ereignissen eingegrenzt (vgl. ebd.:130 & Wünsch, 2007:20).

Auch das hier angewandte triadische Erkenntnismodell von Giesecke empfiehlt eine sinnvolle Reduktion der ökologischen Sichtweise auf eine mehrstufige Faktorentrias. Systemisch kontextuale Hintergründe werden im Bewerbungsprozessmodell somit auf der Makroebene (Basistriade) als Medium/Kommunikation, Beteiligte (Bewerber & Personaler) und deren systemische Einbettung (AKU & Unternehmen/Arbeitgeber) aufgespannt. Auf der zweiten Ebene der Faktorentriade ließen sich die aktiven Beteiligten Personaler, Bewerber und das Medium/SNS benennen, bevor auf der Mikroebene/Faktorentriadentrias die Einflüsse auf die Practicioner des Prozesses betrachtet werden, indem durch deren Zerlegung in die Eigenschaften ÄPerson“, ÄProfession“ und ÄFunktion“ zerlegen. Somit soll ein harmonischer Ausgleich zwischen Überabstraktion und sinnvoller Komplexitätsreduktion hergestellt werden.

2.3 Anwendbarkeit des DTA

Mit dem Bewerbungsprozess nähert sich diese Arbeit einem Äüberkomplexen Forschungsgegenstand“ (vgl. Giesecke, 2007:217). Selbst wenn der Fokus Änur“ auf die sozialen Netzwerkseiten gelegt wurde, so darf der unbestreitbaren Einfluss anderer Medien und Kommunikationswege zwischen Personaler und Bewerber keinesfalls außer Acht gelassen werden (v.a. auch vor dem Hintergrund der potentiellen Nichtnutzung der SNS). Eine anschließende empirische Studie besitzt somit explorativen Charakter und würde aufgrund geringer wissenschaftlicher Vorkenntnisse eine qualitative Untersuchung des Objekts nahelegen. Das oft kritisierte hohe Abstraktionslevel des DTA (vgl. Früh, 2008a:304) bot hier allerdings einige attraktive Ausgestaltungs- und Präzisierungspotentiale auf den Untersuchungsgegenstand, ohne dabei die Sicht für alternative Einflussgrößen zu verengen. Vor allem die Offenheit des Ansatzes als Rahmentheorie gegenüber Anschlusstheorien ermöglicht hierbei eine Modularisierung und Theorieleitung, die einige interessante und brauchbare Perspektiven eröffnet. So kann die molare Sichtweise auf der Makroebene zwar beibehalten werden, aber auf der Mikroebene gleichsam Konkretisierungen der Einflussfaktoren erfolgen, die es erlauben erste Hypothesen zu entwerfen, die einen Rückschluss auf die Makroebene zulassen und umgekehrt. Mikro- und Makroebene des Modells transagieren sozusagen, um den Begrifflichkeiten zu folgen. Das entschärft die Kritik am DTA, er vermag keine empirisch prüfbaren Hypothesen zu generieren (vgl. Früh & Schönbach, 2005:9).

Der Bewerbungsprozess ist bereits dem Terminus folgend ein dynamischer Vorgang. Im Laufe des Prozesses wechseln sich Bewerber und Personaler als Kommunikator und Rezipient ab, so dass ein statisches Medienwirkungs- oder -nutzungsmodell kaum zielführend gewesen wäre. Die Vielzahl an einsetzbaren Medien und die systemische Einbettung der Akteure vermochte auch ein Modell der interpersonalen Kommunikation nicht abzubilden. Ebenso verhält es sich mit den vielfältigen Interaktionswegen des Web 2.0 und der damit einhergehenden Many-to-Many-Kommunikation (vgl. Abschnitt Web 2.0). Die Forschung

[...]


1 Dieser Aufsatz entstand aus den theoretischen Vorüberlegungen zur Bachelorarbeit ÄDer Einfluss Sozialer Netzwerkseiten auf den Bewerbungsprozess“ unter Mitarbeit von Kristine Avram, Jens Grotegut, Larissa Herber, Carolin Krause, Moritz Mönnig, Stefan Münzberg und Franziska Thiele an der Universität Erfurt. Für die Unterstützung danke ich Prof. Dr. Michael Giesecke und Dr. Heiner Stahl. Die Projektstudienarbeit wird im Juli 2010 abgeschlossen sein und kann vor allem zur weiteren methodisch-empirischen Fundierung der hier aufgezeigten theoretischen Überlegungen herangezogen werden.

2 entspricht Äsozialen Netzwerkseiten“ (Social Network Sites, SNS vgl. Abschnitt 3.1)

3 In Zukunft wird hier die Abkürzung ÄDTA“ zu Gunsten der Lesbarkeit synonym für das dynamischtransaktionale Modell und das dynamisch-transaktionale Paradigma verwandt. Sofern eine konkrete Variante erforderlich ist, wird im Text darauf hingewiesen.

4 vgl. Theoriedefinitionen in Maletzke (1998:100ff.)

5 Das Modell des DTA wird oft ob seiner stark eingeschränkten Prognosefähigkeit kritisiert, die in dessen molaren Kontext begründet liegt. Hier muss allerdings zwischen den unterschiedlichen möglichen Abstraktionsgraden dynamisch-transaktionaler Modelle unterschieden werden. Zur weiteren Diskussion vgl. Wünsch (2007:26).

6 siehe Früh & Schönbach (1982:78)

7 Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist das Streben eines Kommunikators nach Gratifikationen in der Kommunikation und die potentiellen Vorteile der Berücksichtigung des Anderen dabei zunächst zu hinterfragen. Bezogen auf unseren spezifischen Untersuchungsgegenstand ÄBewerbung“ scheint die Annahme jedoch plausibel.

8 Früh argumentiert näher: ÄEreignisse bzw. das Verhalten von Objekten ist von komplexen, nicht völlig kontrollierbaren Randbedingungen abhängig. Die ‚Wechselwirkung des Objekts mit der ganzen Welt„ (Heisenberg) etabliert eine relative Unbestimmtheit bei seiner Identifikation. Diese existentielle Unschärfe kann durch ‚Tendenzen„ oder ‚Wahrscheinlichkeiten„ zum Ausdruck gebracht werden. Das Phänomen, daß ein Objekt abhängig ist von seiner Messung, ja daß man nicht einmal mit Bestimmtheit sagen kann, ob es vor der Messung überhaupt existierte, begegnet uns in den empirischen Humanwissenschaften sogar noch öfter und in vielfältigeren Varianten als in der Physik. Alle psychischen Vorgänge, die nur innerhalb der ‚black box„ des menschlichen Bewusstseins ablaufen, können davon betroffen sein: Wer sagt, daß ein Befragter vor dem Interview bereits die geäußerte Meinung hatte, ja daß er überhaupt eine Meinung zu dem Thema besaß?“ (Früh, 1991:127).

9 Unter dem im späteren Forschungsverlauf angewandten methodischen Paradigma der Kommunikativen Sozialforschung (Giesecke & Rappe-Giesecke, 1997 & Giesecke, 2003) wird die Existenz und Unvermeidlichkeit dieser Verzerrungen hier v.a. durch Interviewer-Effekte bewusst anerkannt und es wird versucht, diese in der abschließenden Triangulation z.B. durch eine Gruppendiskussion im Forscherteam zu identifizieren und aufzuzeigen.

Details

Seiten
36
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656060741
ISBN (Buch)
9783656060994
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182262
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
Schlagworte
dynamisch-transaktionales Modell Bewerbung und Rekrutierung Social Media soziale Netzwerke web2.0 triadisches Denken

Autor

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Titel: Neue Modellierungsmöglichkeiten des dynamisch-transaktionalen Ansatzes