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Die Westarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit

Seminararbeit 2011 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das MfS und seine Aktivitäten in der Bundesrepublik
2.1. Allgemeines
2.2. Spionagefelder

3. Beispiele geheimdienstlicher Aktivitäten des MfS in der BRD
3.1. Der Fall Guillaume
3.2. Der Fall Lübke

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das 1950 gegründete Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wird heute vor allem als Instrument der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zur Unterdrückung der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik erinnert. Der „Mythos-Stasi“ transportiert hauptsächlich ein Bild des Ministeriums als nahezu allgegenwärtige heimliche Macht in der DDR-Gesellschaft, der dank eines umfangreichen Netzes von Spitzeln nichts verborgen blieb. Die innerstaatlichen Tätigkeiten des MfS standen lange Zeit vollkommen im Vordergrund der populären, aber auch der wissenschaftlichen Betrachtungen. Ein Grund hierfür war, dass sie tatsächlich einen Großteil der Arbeit des MfS ausmachte. Ein weiterer Grund war jedoch, dass die Akten der für Auslandsarbeit hauptsächlich zuständigen Hauptverwaltung A (HV A) zu einem nicht unerheblichen Teil fehlen.1 Diese verschiedenen Gründe sorgten dafür, dass die Auslandsarbeit sowohl in ihrer Art als auch ihrem Ausmaß weitaus weniger bekannt, deswegen aber nicht weniger interessant als die innerstaatliche Arbeit der Staatssicherheit ist.

Einem Aspekt der Westarbeit, nämlich den Aktivitäten des MfS im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland widmet sich diese Arbeit. Im ersten Teil der Arbeit gehe ich auf die Westarbeit der Staatssicherheit im Allgemeinen ein und werfe einen Blick auf die hauptsächlichen Spionagefelder. Neben dem Einblick in die Art der Aktivitäten des Dienstes soll hier grob der Umfang der Arbeit des MfS in der Bundesrepublik am Ende der achtziger Jahre vermittelt werden. Außerdem hoffe ich, mit diesem Teil die Gesamtkonzeption der Auslandsarbeit des MfS, die nicht nur auf Informationsbeschaffung zielte, zu zeigen. Im zweiten Teil der Arbeit betrachte ich dann zwei konkrete und recht bekannte Fälle, welche die politische Spionage und die sogenannten „aktiven Maßnahmen“ des MfS veranschaulichen sollen.

Als nützliche Übersichtswerke für die Arbeit mit diesem Thema, vor allem zum Verständnis von offiziellen Abkürzungen und Begriffen die innerhalb des MfS verwendet wurden, hat sich der zweite Teil des von Helmut Müller-Enbergs herausgegebenen Buches zu inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit2 herausgestellt. Daneben war der vom selben Herausgeber und Georg Herbstritt stammende Band zur DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik3 mit seinen vielen recht aktuellen Beiträgen zum Thema äußerst hilfreich. Mit seinem Buch „Die unterwanderte Republik“4 lieferte Hubertus Knabe 1999 eine Arbeit, in der er den Einfluss des MfS auf die westdeutsche Politik als sehr hoch darstellt und die deshalb nicht unumstritten ist. Trotzdem lieferte auch sie für diese Arbeit wertvolle Fakten und Schlüsse.

Für die Darstellung der Fallbeispiele im zweiten Teil der Arbeit musste zu großem Teil auf nicht-wissenschaftliche Arbeiten zurückgegriffen werden, die zumeist von Journalisten oder Insidern stammen. Ich habe dabei versucht die in diesen Arbeiten auftauchenden Fakten vor dem Hintergrund der mir durch die Fachliteratur bekannten Tatsachen auszuwerten und dementsprechend aufzugreifen oder zu verwerfen.

2. Das MfS und seine Aktivitäten in der Bundesrepublik

2.1. Allgemeines

Innerhalb des MfS war für die Spionagetätigkeiten auf dem Boden der BRD vor allem die Hauptverwaltung A (HV A) zuständig. Die HV A ging 1955 hervor aus dem Außenpolitischen Nachrichtendienst (APN), der 1951 wiederum aus der Zusammenlegung des „Haid-Apperates“ und des „Stoph-Apperates“ entstand und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten zugeordnet wurde. Der APN bestand aus vier Hauptabteilungen, eine für politische und militärische Spionage, eine für Wirtschaftsspionage, eine für zentrale Auswertung sowie eine für allgemeine Verwaltung und deckte somit bereits größtenteils die später von der HV A wahrgenommenen Tätigkeitsfelder ab.5 Am 1. Dezember 1952 wurde Markus Wolf zum Leiter des APN ernannt, der diese Stellung auch nach 1953, als der APN vom Ministerium für Äußere Angelegenheiten gelöst und als Hauptabteilung XV (HA XV) dem MfS einverleibt wurde, behielt und bis 1986 behalten sollte. 1956 wurde die HA XV zur HV A aufgewertet.6 Die Struktur der HV A lässt sich heute nicht mehr exakt rekonstruieren, da sie ab Februar 1990 die Auflösung ihrer Aktenbestände selbst betrieb und so viel Material vernichtet wurde.7

Neben der HV A waren jedoch noch eine Reihe weiterer Abteilungen des MfS mit Aufgaben auf dem Territorium der BRD zuständig. Zu nennen sind hier vor allem HA I, die für militärische Abwehr und Bewachung der NVA zuständig war, die HA II, in deren Aufgabenbereich allgemeine Spionageabwehr, Gegenspionage, die Überwachung ausländischer Botschaften sowie die innere Sicherheit des MfS fielen. Außerdem die HA V, die ab 1964 in HA XX umbenannt wurde und für die politische Sicherheit und Stabilität innerhalb der DDR zuständig war. Sie überwachte Massenmedien, Blockparteien, Massenorganisationen und Kirchen und führte zu diesem Zweck ebenfalls Agenten in der BRD.8

Ziel des MfS in seinen Tätigkeiten gegen die BRD war einerseits Informationsgewinnung, andererseits aber auch Einflussnahme auf politische und gesellschaftliche Verhältnisse. Auf diesen Aspekt wird weiter unten noch eingegangen werden, zunächst sei nur erwähnt, dass trotz einiger Stimmen wie der Hubertus Knabes, die den Grad der Einflussnahme des MfS auf die BRD hoch einschätzen,9 die aktuelle Forschung eher dazu tendiert ihn als weniger stark anzusehen. Helmut Müller-Enbergs verweist beispielsweise auf die Tatsache, das lediglich 2 Prozent der Hauptamtlichen Mitarbeiter der HV A und nur 4 Prozent der IM auf „aktive Maßnahmen“, also Maßnahmen zur Beeinflussung von Politik und Gesellschaft in der BRD entfielen.10

Personal und IM-Netz der HV A ist recht gut erforscht. 1989 verfügte sie über circa 3.300 hauptamtliche Mitarbeiter, 700 Offiziere im besonderen Einsatz und 10.000 IM. Außerdem etwa 1.550 Bundesbürger als IM und eine unbekannte Zahl IM anderer Staatsangehörigkeiten.11 Die Werbungen der IM die Bürger der BRD waren geschahen zu einem Großteil in der DDR und lassen tendenzielle Zielgruppen erkennen. Auffallend viele IM waren Sekretärinnen, Studenten und Journalisten. Interessant sind auch die Erkenntnisse zur Motivation der IM. Etwa 60 Prozent gaben laut ihren Führungsoffizieren Überzeugung als Motiv für ihr Engagement an, nur 27 Prozent materielle Interessen.12

2.2. Spionagefelder

Dieses umfangreiche Personal und IM-Netz wurde auf unterschiedlichen Feldern eingesetzt. Ziel war eine möglichst weitgehende Aufdeckung und Destabilisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der BRD.13 Einer der Schwerpunkte lag auf der politischen Spionage, dem 19 Prozent der geführten Objektquellen14 zugeordnet werden können.15 1988 hatte die Abteilung I der HV A 32 Objektquellen unter denen sich Sekretärinnen im Kanzleramt, Regierungsdirektoren und Legationsräte befanden. Abteilung II verfügte im selben Jahr über 95 IM innerhalb der Parteien, Kirchen und Gewerkschaften. Darunter welche innerhalb der CDU, FDP, NPD, SPD und der Grünen.16 Der SPD, als die dem Sozialismus ideologisch am wenigsten entfernt stehende Volkspartei, kam dabei eine besondere Rolle zu. Die Abteilung II führte zuletzt mindestens 14 IM innerhalb der Partei, darunter Abgeordnete sowohl des Berliner Abgeordnetenhauses als auch des Deutschen Bundestages. Ziel der „Bearbeitung“ der SPD war es oppositionelle, DDR-freundliche Kräfte in der Partei zu formieren und/oder zu stärken.17

Aus der CDU sind für das Jahr 1988 sieben IM bekannt, von denen bisher jedoch nur einer, der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreise der CDU in Bonn Gottfried Busch, namentlich bekannt ist. Doch auch hier hatte es wie in der SPD Aufsehen erregende Fälle von Verrat gegeben. Zu nennen sei hier exemplarisch der Bundestagsabgeordnete Julius Steiner, der für seine Stimme beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt 1972 vom MfS 50.000 DM an nahm.18

[...]


1 Vgl. Knabe, Hubertus: West-Arbeit des MfS. Das Zusammenspiel von „Aufklärung“ und „Abwehr“ (Analysen und Dokumente; 18), Berlin 1999, S.7. Die Akten fehlen vor allem, da die HV A ihre Archivauflösung nach 1990 selbst durchführen durfte. Siehe ebenda, S. 133.

2 Müller-Enbergs, Helmut (Hg.): Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Teil 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik Deutschland (Analysen und Dokumente / Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ; 10), Berlin 1998.

3 Herbstritt, Georg/Müller-Enbergs (Hgs.): Das Gesicht dem Westen zu... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland (Analysen und Dokumente; 23), Bremen 220 03.

4 Knabe, Hubertus: Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen, Berlin 1999.

5 Für eine steckbriefartige Darstellung dieser Aufgabenbereiche siehe Fricke, Karl-Wilhelm: MfS intern. Macht, Strukturen, Auflösung der DDR-Staatssicherheit. Analyse und Dokumentation, Köln 1991, S. 30­31.

6 Vgl. Fricke, Karl-Wilhelm: Organisation und Tätigkeit der DDR-Nachrichtendienste, in: Krieger, Wolfgang/Weber, Jürgen (Hgs): Spionage für den Frieden? Nachrichtendienste in Deutschland während des Kalten Krieges (Akademiebeiträge zur politischen Bildung; 30), München und Landsberg am Lech, 1997, S. 215-216.

7 Vgl. Knabe, West-Arbeit, S. 133.

8 Vgl. Fricke, DDR-Nachrichtendienste, S. 217.

9 Siehe Knabe, Republik.

10 Müller-Enbergs, Helmut: Was wissen wir über die DDR-Spionage?, in: Herbstritt, Georg/Müller-Enbergs (Hgs.): Das Gesicht dem Westen zu... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland (Analysen und Dokumente; 23), Bremen 22003, S. 38.

11 Vgl. Müller-Enbergs, Inoffizielle Mitarbeiter, S. 279.

12 Vgl. Müller-Enbergs, DDR-Spionage, S. 43.

13 Vgl. Dörrenberg, Dirk: Erkenntnisse des Verfassungsschutzes zur Westarbeit des MfS, in: Müller- Enbergs, Helmut (Hg.): Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Teil 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik Deutschland (Analysen und Dokumente / Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ; 10), Berlin 1998, S. 76.

14 Das Wort Objektquelle bezeichnete IM die innerhalb feindlicher Einrichtungen tätig waren und so an geheime Informationen gelangten. Siehe Müller-Enbergs, Inoffizielle Mitarbeiter, S. 44. Für die alle IM­Arten siehe ebenda, S. 39-117.

15 Vgl. Müller-Enbergs, DDR-Spionage, S. 46.

16 Vgl. Ebenda, DDR-Spionage, S. 50-55.

17 Vgl. Knabe, Republik, S. 44-54.

18 Vgl. Dörrenberg, Westarbeit, S. 77.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656056485
ISBN (Buch)
9783656056782
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182249
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
DDR BRD MfS Ministerium für Staatssicherheit Schild und Schwert Kalter Krieg Stasi Spionage Guillaume Lübke Westarbeit Geheimdienst Topic Spionage

Autor

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Titel: Die Westarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit