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Lösungsansätze der katholischen Kirche zur sozialen Frage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel Adolph Kolping´s und Wilhelm Emmanuel von Ketteler

Seminararbeit 2011 27 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Vorbedingungen
1.1 Soziale Frage
1.2 Vorstellungen der katholischen Kirche zur sozialen Frage im 19. Jahrhundert

2.Kolpings Verständnis zur sozialen Frage

3. Adolph Kolping und der Katholische Gesellenverein - Die Überwindung vom theoretischen zum praktischen Handeln
3.1 Gründungsgeschichte
3.2 Kolpings Handeln im Gesellenverein

4. Wilhelm Emmanuel von Ketteler - Sozialpolitische Vorstellungen

Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Das ausgehende 18. und beginnende 19. Jahrhundert brachte für den Großteil der europäischen Be- völkerung einen Umbruch in fast allen Lebensbereichen mit sich. Neben den politischen Ereignis- sen der Französischen Revolution von 1789 bis zur Auflösung der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, im Jahr 1806 und der damit verbundenen Gründung des Deutschen Bundes 1815, stand besonders der Übergang von der agrarisch geprägten Ständegesellschaft hin zur Industriege- sellschaft im Mittelpunkt. Darüber hinaus brachte der aus den Ideen der Aufklärung entwachsene Liberalismus einen tiefgreifenden gesellschaftlichen wie politischen Wandel mit sich. Der Libera- lismus, welcher seiner Zeit noch deutlich gegen die Lehren der Kirche gerichtet war, brachte dem Christentum eine bis Dato unbekannte weltanschauliche Konkurrenz, die später in Form des Sozia- lismus seines gleichen fand. Besonderer Konfliktpunkt stellte dabei der vom Liberalismus vertrete- ne Individualismus dar, welcher dem umfassenden Anspruch, welchen die katholische Kirche er- hob, entgegenstand. Besonders der Liberalismus trug dazu bei, dass die katholische Kirche bis weit in die 1860er Jahre eine ablehnende Haltung gegenüber den sich neu herausgebildeten wirtschaftli- chen, sozialen, politischen wie auch gesellschaftlichen Tendenzen beibehalten hatte. Den Höhe- punkt dessen stellte dabei die Enzyklika Quanta cura von 1864 dar. Im Zuge dieser Entwicklung standen die Kirchen, insbesondere die katholische Kirche, vor einer schwierigen Situation. Infolge der Säkularisierung ihres weltlichen Besitzes beraubt musste eine Neuorientierung erfolgen. Es mussten mit der Errichtung des Deutschen Bundes eine neue rechtliche Grundlage für den Wir- kungskreis (die weitgehend bis heute bestehenden territorialen Zuordnungen: Bistumsgrenzen) und eine neue materielle existenzielle Grundlage der Kirche gefunden werden. Trotz dieser vermeintlich äußeren Schwächen erlebte die Kirche infolge der Entwicklung des Vereinswesen aber auch einen innerkirchlichen Aufschwung.1

Die langsam von England überschwappende Industrialisierung brachte zugleich eine Unmenge neu- er ungeahnter Probleme mit sich, die unter dem Begriff der sozialen Frage zusammengefasst wur- den und die zu einem der zentralen Themen des 19. Jahrhunderts werden sollte. Bei der Lösung der sozialen Frage taten sich vor allem die beiden Kirchen zu Beginn hervor. Auf evangelischer Seite machte zunächst Johann Hinrich Wichern mit seinem 1833 in Hamburg gegründeten Rauhen Haus auf sich aufmerksam .Bei den Katholiken ist hier besonders Franz Joseph Ritter von Buß zu nennen der in seiner ersten sozialpolitischen Rede, die erste die je in einem deutschen Parlament gehalten wurde, auf die Problematik der sozialen Frage aufmerksam machte.

Mit der Lösung der sozialen Frage auf katholischer Seite sind unmittelbar die Namen Adolph Kolpings sowie Wilhelm Emmanuel von Ketteler verbunden. Die beiden gelten in der Literatur, beispielsweise bei BUDDE sowie STEGMANN und PETER, bis heute als die herausragendsten, katholischen Persönlichkeiten die im Zusammenhang mit der Lösung der sozialen Frage stehen. Diese Arbeit soll die konkreten Vorstellungen und Bemühungen Kolpings und Kettelers sowie deren besondere Stellung innerhalb der katholisch-sozialen Bewegung im Zuge der sozialen Frage herausstellen. Dabei soll untersucht werden, ob die herausragende Stellung, welche die beiden bis heute genießen, ihre Rechtfertigung findet.

Zunächst werden der Begriff der sozialen Frage differenziert und die katholischen Lösungsvor- schläge zur sozialen Frage dargestellt. Hier soll die erste Verortung Kolpings und Kettelers in Be- zug zu ihren Zeitgenossen erfolgen. Ausgehend von der These, dass der Ruhm den beide genießen ihnen nicht in Gänze zusteht, soll im Anschluss daran zunächst die Person Kolpings im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Hier ist notwendig, zuerst sein persönliches Verständnis zur sozialen Fra- ge zu klären, um im Anschluss sein Wirken im Gesellenverein nachvollziehen zu können. Der zwei- te Teil der Arbeit ist hier dem Wirken Kettelers mit vergleichenden Aspekten zu Kolping gewidmet. Um das Wirken der beiden vollends verstehen zu können, ist es unerlässlich, sich mit den Original- schriften Kolpings und Kettelers zu befassen. Für Adolph Kolpings standen hier insbesondere die in sechzehn Bänden erschienenen Adoplph-Kolping-Schriften zur Verfügung. Besondere Verwendung fanden dabei die Bände drei und vier, welche u. a von ROSA COPELOVICI herausgegeben wurden. Bei Wilhelm Emmanuel Ketteler beschränkt sich die Quellenlage auf die ersten zwei Bände der zehnbändigen Reihe Willhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler sämtliche Werke und Briefe, he- rausgegeben von ERWIN ISERLOH. Die wissenschaftliche Literatur, die sich im Groben mit der ka- tholischen Kirche in Zusammenhang mit Industrialisierung und sozialen Frage beschäftigt, stammt zum größten Teil aus den 1960er und 1970er Jahren.. Die Forschungsliteratur die sich intensiv mit der Person Kolpings befasst (KRACHT und LÜTTGEN), entstammt vor allem den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Für Ketteler stand für diese Arbeit keine solch umfassende Literatur zur Verfügung, weshalb sich vor allem auf die Monografie von ULLRICH SELLIER Die Arbeiterschutzgesetzgebung im 19. Jahrhundert gestützt wurde.

1. Vorbedingungen

1.1 Soziale Frage

Eines der wichtigsten, weite Teile Europas umfassenden, politisch-theoretischen wie auch prakti- schen Probleme sollte der Umgang sowie die Bewältigung der sozialen Frage im 19. Jahrhundert darstellen. Als erstes machten sich die Problemfelder bereits im 18. Jahrhundert in der englischen Landbevölkerung bemerkbar. Mit der Technisierung der englischen Landwirtschaft, suchten viele Landbewohner Arbeit in den Städten, wo sie als billige Arbeiter fungierten. Diejenigen die auf dem Land blieben versuchten ihren Unterhalt mit Heimarbeit und den damit verbundenen Verlagswesen zu bestreiten. Doch mit der Erfindung der Spinnmaschine 1764 durch James Hargreaves - in Eng- land, dem Ursprungsland der industriellen Revolution - sowie dem mechanischen Webstuhl 1784 von Edmund Cartwright fand dies ein jähes Endes. Die Zahl der zu Unterstützenden sowie die dafür aufzubringenden Mittel stieg stetig an. Diese Verelendung betraf nach WENDT vor allem die labou- ring poor, welche man auch später als Proletariat bezeichnete. Der Vorgang ihrer Verarmung und Verelendung wurde in Großbritannien ab 1815 als Pauperismus/Pauperisieren bezeichnet. WENDT bemerkt in diesem Zusammenhang, dass die deutsche Pauperismusliteratur bezüglich des wach- senden Elends des Großteils der arbeitenden Bevölkerung in Großbritannien sowie den Gebieten in Europa, in welchen die Industrialisierung voranschritt, bis zur Mitte des 19. Jahrhundert, zwischen Pauper - den Armen im hergebrachten Sinn - und dem Proletarier - den armen Arbeitenden - unterschied.2

Der Begriff der sozialen Frage selbst wurde zuerst in Frankreich (question social) in den 1820er Jahren gestellt. Damit bezeichnete man die unklaren Not- und Misslagen der Bevölkerung, die im konträren Verhältnis zur damaligen wirtschaftlichen Entwicklung standen. In Deutschland der 1840er Jahre fand in diesem Zusammenhang, der im Plural genutzte Begriff soziale Fragen Verwendung.3 Eine Einheitlichkeit bei der Semantik des Wortes konnte dabei nicht festgeschrieben werden. Die Mehrdeutigkeit des Begriffes bringt KIESERITZKY zum Ausdruck, indem er ihn als Chamäleon bezeichnet, welches unterschiedliche Tönungen annehmen könne. Deutlich wird dies daran, dass zunächst in den 1840er Jahren in Deutschland der Begriff der sozialen Frage auf die sozialen Probleme des Vormärzes - z. B. die Verlagerung vom Handwerk zur industriellen Fabrik- produktion und damit verbundener Urbanisierung - verwies, deren Ursachen man in der von der Industrialisierung ausgelösten Proletarisierung sah. Gegen Ende der 1860er Jahren beschrieb Gus- tav Schmoller diese Prozesse als moderne soziale Frage, wobei er die Ursachen differenzierte (z. B. Technisierung im Verkehrswesen, Bevölkerungswachstum usw.). Die Gewichte verschoben sich nunmehr vom „unabänderlich, scheinenden Schicksal des Pöbels [...] zur wirtschaftlichen Krise der Tagelöhner, Hilfsbedürftigen, Fabrikarbeiter und Handwerksgesellen - dem Proletariat. [...]“4 Die Fabrikproduktion nahm stetig zu und löste zunehmend den in Zünfte organisierten Wirtschaftsbe- trieb ab. Die daraus resultierenden neuen Probleme - zum Beispiel geringer Arbeitsschutz, Alters- vorsorge usw. - und deren Lösung standen nunmehr im Mittelpunkt der sozialen Frage

1.2 Vorstellungen der katholische Kirche zur Lösung der sozialen Frage im 19. Jahrhundert

Nach BRAKELMAN kann in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht von einer katholisch- sozialen Bewegung gesprochen werden. RITTER spricht in diesem Zusammenhang vom Janusge- sicht5 der katholischen Soziallehre. Auf der einen Seite trug sie antimodernistische Züge, indem sie auf das alte ständische Gesellschaftsmodell zurückschaute und dabei Industrialisierung wie Kapita- lismus ablehnte. Auf der der anderen Seite „wies sie mit ihrem Eintreten für neue Formen der Selbsthilfe [...] oder einem verstärkten politischen Engagement des Staates zum Abbau von Klas- sengegensätzen, in Richtung des modernen Sozialstaates“.6 Gründe für die anfängliche Rückbesin- nung sieht BUDDE zunächst im späteren Einsetzen der Industrialisierung in Deutschland und dem zu Beginn geringen Anteil der katholischen Bevölkerung (gegenüber den protestantischen Teilen Deutschlands) an den industriellen Entwicklungen, da man aufgrund des Traditionalismus‘ eher an den bäuerlich-handwerklichen Lebensformen festhielt. Zudem bemerkt er, dass die katholischen Gebiete Deutschlands aufgrund ihrer natürlichen Fruchtbarkeit „weniger für die Wirtschaftsförde- rung zu tun brauchten. [...] Hinzu kamen der Eindruck der Grausamkeiten der Französischen Revo- lution [...] und die Verbitterung durch die Ungerechtigkeit der Säkularisierung“.7 Somit richtete sich die Kritik des Katholizismus im Vormärz vor allem gegen die Ideen des liberalen Kapitalismus, welchem man die Schuld an den sozialen und religiösen Missständen gab. Um so mehr muss man die Ideen der katholischen Politiker F. J. Ritter von Buß und P. F. Reichensberger hervorheben, die über den religiös-karitativen Grundtenor hinausdachten. In seiner sozialpolitischen Rede vor der II. Kammer des Badischen Landtages am 25. April 1837 forderte von Buß bereits explizit eine staatli- che Wirtschafts- und Sozialpolitik und verlangte einen gesetzlichen Arbeiterschutz und Sozialversi- cherungen. Dabei sieht SELLIER den von ihm ausgesandten, realpolitischen Impuls als ersten Ansatz die negativen Einstellungen der katholischen Kirche gegenüber der modernen Industriegesellschaft zu überwinden. Trotz bekundetem Beifall der Abgeordneten versandete die von Buß ausgelöste, ers- te parlamentarische Initiative zur Arbeiterschutzgesetzgebung. In gleichem Maße können die theo- retischen Überlegungen von Reichensberger gesehen werden. Er gehörte zu den wenigen katholi- schen Autoren, welche die Durchführung wirtschaftsliberaler Ideen nicht vollkommen ablehnten. So forderte er in seinem Buch über die Agrarfrage (1847) u.a. beispielsweise gesetzlich beschränkte Arbeitszeiten und Maßnahmen gegen Kinderarbeit. Da die soziale Frage von den meisten seiner Zeitgenossen jedoch als religiös-karitatives Problem angesehen wurde, waren seine Ideen einem ähnlichen Schicksal preisgegeben wie jene von Buß. Dennoch lieferten beide die ideelle Vorarbeit für die Entfaltung der Arbeiterschutzgesetzgebung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.8

Als wohl herausragendste Persönlichkeiten und Wendepunkt im sozialen Katholizismus - sowohl in der heutigen Literatur und der damaligen Rezeption - sind zweifelsohne die Namen Adolph Kol- ping sowie Wilhelm Emanuel von Ketteler verbunden. Während Ketteler noch im größten Maße theoretische Sozialkritik betrieb, vollzog sich mit der Person Kolpings und der damit verbundenen Errichtung des Katholischen Gesellenvereins (nach BUDDE die größte katholische Organisation mit sozialer Zielsetzung ihrer Zeit) der Wandel zur praktisch sozialen Arbeit. Der Schwerpunkt der Ver- einsarbeit lag dabei vor allem bei den Problemfeldern Religion, Familie und Beruf. Mit der Person Kettelers war vor allem die Abkehr des alleinigen Anspruchs der katholischen Kirche im Hinblick auf die soziale Frage hin zur Forderung nach staatlichem Eingreifen verbunden. Unterstützung fand dies nachdrücklich bei den christlich-socialen Vereinen, die in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts im rheinisch-westfälischen Industriegebiet entstanden, sich infolge des Kulturkampfes jedoch auf- lösen mussten. Die 1870 gegründete Zentrumspartei beschritt den Weg der aktiven Sozialpolitik mittels staatlicher Gesetzgebung weiter in Form des politischen Katholizismus welcher eng mit den Repräsentanten katholischer Sozialpolitik wie Franz Hinze und Georg von Hertling verbunden war.

Eines ihrer zentralen Anliegen war die grundlegende Reformierung des Arbeiterschutzes, welches der Neffe Kettelers - Graf Galen - 1877 im Reichstag beantragt hatte. Der Weg den Ketteler vorge- schlagen hatte, fand schließlich mit der Papstenzyklika „Rerum novarum“ (1891) von Leo XIII, Bestätigung.9

2. Kolpings Verständnis zur Sozialen Frage

Um das Wirken Kolpings im Katholischen Gesellenverein nachvollziehen zu können, muss zuvor dessen semantisches Verständnis zur sozialen Frage geklärt werden.

Kolping sieht zunächst den Grund des sozialen Elends in „der Trennung der Religion von allen so- genannten [...] irdischen Fragen“10, die vor allem mit der einsetzenden Säkularisierung sowie den sich ausbreitenden Ideen des Liberalismus und Sozialismus einherging. In diesem Zusammenhang versteht er diese Trennung als Versündigung an der Gesellschaft, da sie der Natur des Menschen, welche von Grund auf religiös sei, widerspräche. Dabei bemerkt er, dass „das soziale Leben [...] der lebendige Ausdruck des Glaubens [sei], [und die] Religion [...] dem menschlichen Leben die [...] rechte Richtung [weise.] Die ganze sittliche Weltordnung ruh[e] auf religiösen Grundpfeilern [...]. Mit ihnen [hinge] alles [...] zusammen, was Menschen auf dieser Welt nur tun und treiben. Soziales Leben, Politik, Volkswirtschaft [...]“.11 Es bleibt demnach kein Zweifel, das für Kolping einzig die Abkehr von der Religion den Grund damaligen Verhältnisse darstellte. Dies bemerkt auch COPELO- VICI, die anfügt das Kolping dabei immer wieder zu derselben These gekommen wäre: die soziale

Not sei in der Abkehr vom Christentum begründet. „Die ist aber notwendig die Religion, das von Gott grundgelegte Fundament aller Ordnung auf Erden“.12

Sie bemerkt darüber hinaus, dass der Begriff der sozialen Frage selbst nur selten in den Schriften Kolpings zu finden ist13 und hierbei nicht mit der engen Begrifflichkeit der Arbeiterfrage zu verstehen sei. Das Verständnis liege hierbei eher - wie oben beschrieben - in einem umfassenden Problemfeld, welches sich im Allgemeinen der Frage nach der jetzigen bzw. zukünftigen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens widmet, denn „[d]er wahre Streit in unseren Tagen ist ein Streit um die tiefste Grundlage der menschlichen Gesellschaft“14. Für Kolping kann es folglich nur einen Weg zur Lösung der sozialen Frage geben: Praktiziertes Christentum.

Kolping kritisierte vor allem bei den Lösungsvorschlägen seiner Zeitgenossen, dass die Lösung der Probleme alleinig oder zum größten Teil mit materiellen Mitteln bestritten werden sollte und rief in den Historisch-Politischen Blättern von 1851 die Religion zur Distanz von diesen Vorschlägen auf und betonte noch einmal die Pflege der Religion die vor all dem stehen müsse.15 Diejenigen, die glaubten, die soziale Fragen ohne die Religion lösen zu können, hielt Kolping für Phantasten/Volksverführer. Er glaubte, dass alle materielle Zuwendung ohne ein Praktizieren des Christentums im Sande verlaufen würde.16 Die Kritik richtete sich im besonderen Maße gegen libe- rale Vorstellungen, wie sie u. a. Adam Smith vertrat, der in der Errichtung des Staates nicht primär die Verwirklichung gemeinschaftlichen politisch-ethischen Handelns sah, sondern vielmehr die Si- cherung/Steigerung des individuellen und damit verbunden materiellen Wohlergehens. Im gleichen Maße forderte Smith, mit Blick auf die wirtschaftliche Ordnung, Enthaltsamkeit im staatlichen Handeln, einhergehend mit der Einführung der Gewerbefreiheit. Über diese liberalen Vorstellungen äußerte sich Kolping besonders abschlägig, denn mit diesen „liberalen Phrasen [habe] man fast ge- waltsam die armen Leute aus ihrer natürlichen Stellung herausgetrieben [...]“.17

[...]


1 Vgl. Hanke, Michael: Geschichte des Kolpingwerkes in Deutschland 1846-1871 (= Mitten in der Bewegung der Zeit, Band 1), Köln 2000, S.20 f.

2 Vgl. Wendt, Wolf Reiner: Geschichte der sozialen Arbeit 1. Die Gesellschaft vor der Sozialen Frage, Stuttgart 2008, S. 103 -117

3 Ebd. S. 117.

4 Kieseritzky, Wolther von: Liberalismus und Sozialstaat. Liberale Politik in Deutschland zwischen Machtstaat und Arbeiterbewegung (1878-1893), Köln 2002, S. 53.

5 Der Begriff des Janusgesichtes (Zwiespältigkeit) leitet sich ab vom atlantischen Gott Janus, dem Schützer des Hauses und Gott des Ein- und Ausgangs. Er besitzt ein Doppelgesicht und schaut sowohl nach Außen, wie nach Innen. Vgl. hierzu Bracher, Karl Dietrich: Das Janusgesicht der modernen Revolutionen, in Heideking, Jürgen (Hrsg.): Wege in die Zeitgeschichte: Festschrift zum 65. Geburtstag von Gerhard Schulz, Berlin 1989, S. 210-227, hier S. 210.

6 Ritter, Gerhard A.: Soziale Frage und Sozialpolitik in Deutschland seit Beginn des 19. Jahrhunderts, Opladen 1998, S.

17 und vgl. Brakelmann, Günter: Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts. Teil II: Die evangelische und die katholischsoziale Bewegung, Witten 1962, S. 91.

7 Budde, Heinz: Christentum und Soziale Bewegung (=Der Christ in der Welt, Band 5)Aschaffenburg 1961, S. 45. 4

8 Vgl. Sellier, Ulrich: Die Arbeiterschutzgesetzgebung im 19. Jahrhundert. Das Ringen zwischen christlich-sozialer Ursprungsidee, politischen Widerständen und kaiserlicher Gesetzgebung, Paderborn 1998, S. 30-33.

9 Vgl. ebd., S. 44-46 und Budde, 1961, S. 71-72.

10 Kolping, Adolph: Gott segne das Ehrbare Handwerk, in: Rheinische Volksblätter für Haus, Familie und Handwerk 7 (1860) S. 795-798, hier S. 796 (http://www.ub.uni-koeln.de/cdm4/document.php?CISOROOT=/__ZTG13&CISOPTR=1309&REC=17, Zugriff am: 09.03.2011).

11 Kolping, Adolph: Lichtblicke in die Zeit. Zum Neujahr 1863, in: Rheinische Volksblätter für Haus, Familie und Handwerk 10 (1863) S. 1-6, hier S. 5 http://www.ub.uni-koeln.de/cdm4/document.php?CISOROOT=/__ZTG13&CISOPTR=8382&REC=1, Zugriff am: 12.03.2011). Kolping, Adolph: Katholischer Gesellenverein. Gott segne das Ehrbare Handwerk. Offene Antwort auf eine Privatanfrage über den katholischen Gesellenverein. I. Brief, in: Rheinische Volksblätter für Haus, Familie und Handwerk 5 (1858) S. 764-768, hier S. 766 (http://www.ub.uni-koeln.de/cdm4/document.php?CISOROOT=/__ZTG13&CISOPTR=2150&REC=1, Zugriff am: 09.03.2011). Kolping, Adolph: Deutsche Briefe III, in: Rheinische Volksblätter für Haus, Familie und Handwerk 8 (1861) S. 113- 122, hier S. 115 (http://www.ub.uni-koeln.de/cdm4/document.php?CISOROOT=/__ZTG13&CISOPTR=6745&REC=18, Zugriff am: 10.03.2011).

12 Kolping, Adolph: Weihnachten 1859, in: Rheinische Volksblätter für Haus, Familie und Handwerk 6 (1859), S. 818- 822, hier S. 819 (http://www.ub.uni-koeln.de/cdm4/document.php?CISOROOT=/__ZTG13&CISOPTR=10050&RE C=12, Zugriff am: 09.03.2011).

13 Eher Verwendung finden „soziales Elend/Leid/Verwirrung“.

14 Ebd., S. 819.

15 Vgl. Copelovici, Rosa/u. a. (Hrsg.): Soziale Frage und Gesellenverein, Teil I: 1846-1852, (= Adolph-Kolping-Schrif- ten. Kölner Ausgabe, Band 3), Köln 1985, S. VIII-XII und Vgl. Steinke, Paul: Leitbild für die Kirche: Adolph Kolping. Sendung und Zeugnis seines Werkes heute, Paderborn 1992, S. 166-167.

16 Vgl. Heidenreich, Bernd (Hrsg.): Politische Theorien. Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, Wiesbaden 1999/ 2000, S. 234 und Kracht, Hans-Joachim: Adolph Kolping. Priester, Pädagoge, Publizist im Dienst christlicher Sozialreform, Freiburg im Breisgau 1993, S. 397-399.

17 Kolping, Adolph: Die katholischen Gesellenvereine und die Augsburger „Allgemeine Zeitung“, 1857, in: Copelovici, Rosa/u. a. (Hrsg.): Adolph-Kolping-Schriften. Kölner Ausgabe, Bd. 4. Soziale Frage und Gesellenverein, Teil II: 1852- 1858, Köln 1986,S. 317-324, hier S. 317.

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656060864
ISBN (Buch)
9783656060529
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182185
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Soziale Frage Adolph Kolping Wilhelm Emmanuel von Kettele Ketteler Kolping Kirche Soziale Frage Kirche

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Titel: Lösungsansätze der katholischen Kirche zur sozialen Frage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel Adolph Kolping´s und Wilhelm Emmanuel von Ketteler