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Der Fall Konstantinopels und die vermeintliche Türkengefahr

Bedingung oder Inszenierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Geschichte des Osmanischen Reiches bis zur Eroberung Konstantinopels 1453: Eine kurze Zusammenfassung

3. Die Eroberung Konstantinopels und ihre Wirkung
3.1. Die Belagerung und Eroberung der Stadt: Ein kurzer Überblick
3.2. Der Fall Konstantinopels als Beginn des Diskurses über die vermeintliche „Türkengefahr“

4. Die „Türkengefahr“
4.1. Der Begriff und die Wahrnehmung der Türkengefahr in der Forschung
4.2. Die Wahrnehmung und Funktion des Türkenbildes
4.3. Der Einfluss der Kirche und ihrer Propaganda auf das Türkenbild
4.4. Reformation und Türkenfrage

5. Die „andere“ Wahrnehmung und Anziehungskraft des Osmanischen Reiches

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

„Das ist doch getürkt“, oder „Kümmeltürke“. Diese Ausdrücke als Synonym für eine betrügerische Fälschung oder als österreichisches Schimpfwort sind bis heute im Sprachgebrauch der christlich geprägten Bevölkerung verankert. Betrachtet man die Herkunft dieser Begriffe näher, so stellt man fest, dass einige von ihnen Erfindungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind, andere wiederum begründen sich auf seit Jahrhunderten entwickelten Vorurteilen, die mit unter bewusst von unterschiedlichsten Personenkreisen und aus unterschiedlichsten Gründen verbreitet wurden. Die Fragen nach dem Warum und von Wem, die sich daraus ergeben, sollen in dieser Hausarbeit näher betrachtet und beantwortet werden.

Ein Ereignis, welches mit dem Diskurs eng verbunden ist, ist der Fall Konstantinopels als Hauptstadt des Byzantinischen Reiches. Die Forschungsliteratur ist sich weitestgehend über die Wertung der Belagerung und Einnahme der Stadt am 29. Mai 1453 durch die Osmanen als ein einschneidendes und fundamentales Ereignis und der damit verbundenen zeitgenössischen Auffassung über die Osmanen einig.1 Doch nicht nur die Auffassung spielt bei der Betrachtung eine wichtige Rolle. Weiterhin mündet mit der Eroberung der Stadt die Geschichte des Byzantinischen Reiches in die Geschichte der Osmanen, denn mit dem Besitz der Stadt ging die Nachfolge des oströmischen Kaisertitels einher. Somit sind beide Historien fortan miteinander verknüpft und das bedeutet bis in die heutige Zeit für die christliche wie auch für die türkische Geschichte eine nachhaltige Wirkung in der Entwicklung der Beziehungen und der Auffassungen mit- und übereinander.2

Der folgende Diskurs über die Wahrnehmung kann also nur vor dem Hintergrund dieses Ereignisses geführt werden und erfordert einen kurzen Einblick und eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse zu dieser Zeit und ihrer verschiedenen Sichtweisen. Des Weiteren soll die Wichtigkeit einzelner Ereignisse, die zeitlich mit dem Aufkommen des Diskurses über eine vermeintliche Türkengefahr untersucht und ihre Bedingtheit analysiert werden. Dabei stellt sich die Frage, ob die Ereignisse als Auslöser fungierten oder ob die Ereignisse und beteiligte Personen und Personengruppen diese aus Propagandazwecken benutzten und sie ausschlachteten, um andere Probleme zu überdecken und zu lösen.

2. Die Geschichte des Osmanischen Reiches bis zur Eroberung Konstantinopels 1453: Eine kurze Zusammenfassung

Das 11. und 12. Jahrhundert bedeutete für Europa eine Zeit großer Umwälzungen. Zum einen drang das Ottonische Reich durch die Christianisierung immer stärker in östliche Gebiete Europas vor und verdrängte die slawischen Stämme, zum anderen veränderte sich das Machtgefüge im südlichen Raum des Kontinents und das Innere Kleinasiens ging für das Byzantinische Reich mit dem Einfall einiger Stämme aus Anatolien endgültig verloren. In der Folgezeit wurde die Region im Herzen der heutigen Türkei vom abtrünnigen Großseldschukenprinz3 Kutalmis, seinem Enkel Süleyman und deren Nachkommen beherrscht. Aber auch sie mussten sich gegen die aus Mitteleuropa kommenden Kreuzfahrer und gegen die aus dem Osten vordringenden Muslime erwehren. Der dauerhafte Konflikt und die geografische Lage des Reiches als Pufferzone zwischen Byzanz und der muslimischen Welt führten zu einem Herd ständiger Unruhe und einer zeitlich nur kurzen Konsolidierung der Macht. Der ständige Wechsel im Machtgefüge und der immer stärker werdende Druck durch Stämme, die aus dem Osten ins Innere Kleinasiens vordrangen, besiegelten das Ende der Seldschuken in diesem Gebiet. Während sich auf den Trümmern des einst von den Arabern geschaffenen, von den Persern untergrabenen und von den Mongolen zerstörten Kalifats noch zahlreiche Türkenstämme um die Beute schlugen, tauchte in seinem nordwestlichen Randgebiet die Macht auf, die nicht nur alle anderen türkischen Stämme überlebte, sondern welche auch über ein halbes Jahrtausend die Vorherrschaft über den gesamten Islam haben sollte.4

Aus einer Vielzahl von Beyliks5, die nach der Zerschlagung des Sultanats der Rum-Seldschuken entstanden waren, tat sich ein kleiner Nomadenclan, der Clan der Kayi vom Stamm der Bozok, hervor. Dieser oghusische Clan bestand aus wenigen hundert Zelten und betrieb in der Bergwelt Bithyniens im Nordwesten Anatoliens Weidewirtschaft. Bis 1299 gelang es ihm, sich immer mehr vom Rum-Seldschuken Reich abzuspalten und unabhängig zu werden. Der Anführer des Nomadenstammes hieß Osman I. Ghasi (auch Gazi: Glaubenskrieger). Er wurde 1256 geboren, trat 1288 die Nachfolge seines Vaters Emir Ertugrul an und wurde zum Namensgeber des späteren Großreiches der Osmanen. Ab 1300 hatte sich Osman durch die Unterwerfung großer Teile Kleinasiens und durch eifrig geführte Glaubenskriege gegen seinen christlichen Nachbarn einen Namen gemacht und legte dadurch den Grundstein für das nach ihm benannte Ottomanische (Osmanische) Reich, das sein Sohn Orhan und später sein Enkel Sultan Murad I. gegen das oströmische Byzanz nach Europa ausdehnte.6

Begünstigt durch die Nichtbeachtung seitens der Mongolen, die der Seldschukenherrschaft von Ikonium ein Ende setzten und den immer stärker werdenden Zulauf von benachbarten Stämmen, konnte Osman 1301 gegen ein rund 2.000 Mann starkes byzantinisches Heer siegen, die Stadt Bursa, heute Türkei, durch Aushungern einnehmen und zu seiner neuen Residenz machen. Die steigende Zahl an Untertanen, die Etablierung von Berufskriegern und die dadurch zunehmend schwieriger werdende Versorgungslage machten erfolgreiche Beutezüge immer mehr zu einer notwendigen Dauererwerbsquelle.7

Sein Sohn Orhan konnte weitere militärische Erfolge erlangen. So eroberte er 1331 Nikaia (Iznik) und 1352 Tzympe auf der europäischen Seite der Dardanellen.8 Erstmals fassten die Osmanen somit Fuß auf dem europäischen Festland und schufen so einen Brückenkopf für die spätere planmäßige Eroberung des Balkans.9 In der Folgezeit unterwarf die osmanische Armee, die zum Teil aus christlichen Sklaven bestand, innerhalb weniger Jahrzehnte in einem beispiellosen Eroberungsfeldzug die christlichen Balkanvölker und konnte das stets schrumpfende Byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel auf dem Land völlig einschließen. Auch Orhans Sohn Murad I. setzte die Eroberungsfeldzüge in beide Richtungen des Reiches fort. Der Machtbereich wurde unter ihm sowohl auf dem europäischen Kontinent als auch in weite Teile Asiens ausgedehnt.10

Es lässt vermuten, dass sich die vom Schwarzmeerraum ausbreitende Pest begünstigend auf die Feldzüge der Osmanen auswirkte. Den Osmanen gelang es ebenfalls, durch Allianzen, Geiselstellung, Tribut und Heeresfolge sowohl christliche als auch muslimische Unterstützung zu gewinnen. Im Jahre 1389 kam es bei der Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo bei Priština zum schicksalhaften Zusammentreffen zwischen dem osmanischem Heer und dem der Balkanvölker. Durch innere Unruhen und dem seit mehreren Jahrhunderten andauernden Machtkampf auf dem Balkan waren die dort beheimateten Völker geschwächt, traten aber dennoch in einer Allianz von bosnischen und serbischen Soldaten gegen die Osmanen an. Zwar war das osmanische Heer siegreich, trotzdem wurde der Sieg durch den Tod Murad I., der durch einen serbischen Adligen ermordetet wurde, überschattet.11 Sein Nachfolger Bayezid I. eroberte 1393 die bulgarische Residenzstadt Tarnowo und besiegte in der Schlacht von Nikopol 1396 ein europäisches Ritterheer unter dem ungarischen König und späteren Kaiser Sigismund und erreichte die Grenzen von Ungarn.12 Die vordringenden Mongolen unter Timur Lengs ließen den Feldherren unbeeindruckt. Ein Fehler wie sich nur wenige Jahre später zeigen sollte, denn nach seinem Syrien- und Irak-Feldzug vernichtete Timur in der Schlacht von Angora (Ankara) 1402 das osmanische Heer und nahm Bayezid gefangen. Der Mongolenherrscher setzte zahlreiche von den Osmanen entmachtete Herrscher wieder in ihre anatolischen Fürstentümer ein. Daraufhin drohte das bis dahin sich auf dem Weg zur Weltmacht befindliche Osmanenreich durch innere Machtkämpfe der Söhne

Bayezid I. zu zerfallen.13 Erst Mehmed I. gelang es, sich einen Teil Kleinasiens und einen Teil der Balkanhalbinsel zu sichern. Durch die strategisch wichtige Lage und durch das Vorkommen von Kupfer und Silber auf dem Balkan konnte Mehmed I. seinen Machtbereich sogar auf große Teile Albaniens ausweiten. Doch nicht nur die Expansion ins Herzen Europas wurde durch Mehmed I. in der Folgezeit vorangetrieben, sondern auch auf heimischen Boden konnten politische Kämpfe gewonnen werden. So wurde 1420 in einer Kampagne der traditionelle Gegner, das Fürstentum Karaman in Anatolien, neutralisiert.

Erfolgreicher als Mehmed I. war sein Sohn Murad II., der als der wohl größte Eroberer der frühosmanischen Epoche galt. Durch die Eroberungen der westanatolischen Fürstentümer Aydin und Mentese schaltete er potentielle Verbündete Venedigs, dem Feind im Norden, aus.14 Zwar übergab Murad II. seine Regentschaft 1444 an seinen Sohn Mehmed II., dennoch musste er sie 1446 wegen eines Janitscharenaufstands in Edirne wieder aufnehmen. In seiner Amtszeit eroberte er außerdem die am Schwarzmeer liegende Stadt Warna und schlug das dort verteidigende polnische Heer unter Wladyslaw III. und besiegte in einer zweiten Schlacht auf dem Amselfeld erneut das polnische Heer unter Johann Hunyadi. Im Jahre 1451 starb

Murad II. und seine Regentschaft ging nun endgültig an seinen Sohn Mehmed II.15

3. Die Eroberung Konstantinopels und ihre Wirkung

3.1. Die Belagerung und Eroberung der Stadt: Ein kurzer Überblick

Die Eroberung Konstantinopels als letztes Überbleibsel des Oströmischen Reiches war aus heutiger Sicht das wichtigste Ereignis unter der Herrschaft von Mehmed II. Die Einnahme der Stadt war zwar nur der Auftakt zu einer groß angelegten Militäroffensive auf dem Balkan und dennoch war sie von entscheidender Bedeutung für die Folgezeit und die später hineininterpretierte Bedeutung für die Christenheit.16

Als eines von vielen Zielen stellte die Stadt aus militärstrategischen Gesichtspunkten eine zentrale Festung am Bosporus dar.17 Nach einer zweimonatigen Belagerung der Stadt gab der genuesische Galata am 29. Mai 1453 endgültig auf. Zwei entscheidende Gründe führten zur letztlichen Aufgabe der Stadt. Zum einen stand die spätmittelalterliche Metropole seit zwei Monaten unter ständiger Belagerung durch die Hauptstreitmacht des Sultans. Die Besetzung vor den Mauern der Stadt war erdrückend und die einzige mögliche Entlastung durch die venezianische Flotte blieb aus. Der zweite Grund war die militärische Überlegenheit der Türken, denn sie ließen ein Geschütz gießen, welches eine Bresche in die Stadtmauer schlug und den Weg ins Innere der Stadt ermöglichte. Die Folge war die rasche Aufgabe des Stadthalters von Konstantinopel und der Tod des griechischen Kaisers.18

Die meisten Chroniken und Augenzeugenberichte von der Eroberung Konstantinopels sind von christlichen Teilnehmern verfasst worden und stellen den politischen Standpunkt des „unglücklichen“ Kaisers dar. Dieser suchte einen Ausweg aus der gefährlichen Situation und vollzog nach jahrelangem Machtkampf eine Anlehnung an den Papst in Rom und an die Republik Venedigs, die ihm aus seiner bedrohlichen Lage helfen sollte.19 Eine Hilfe, die nichts an der Niederlage der Stadt, seinem Tod und dem Untergang des Byzantinischen Reiches änderte und dennoch eine nachhaltige Wirkung für alle gläubigen Christen in der Folgezeit hatte. Durch die Osmanen stand Europa ein Feind gegenüber, der in vielerlei Hinsicht von Nutzen war und auch benutzt wurde. Eine Art gepredigte Türkengefahr machte sich dadurch breit, die in den folgenden Kapiteln näher betrachtet werden soll.

3.2. Der Fall Konstantinopels als Beginn des Diskurses über die vermeintliche „Türkengefahr“

Mit dem Diskurs über eine Türkengefahr, der sich mit der Betrachtung der Ereignisse und der damit vermeintlich verbundenen Gefahr einer türkischen Einflussnahme verbindet, stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum spielt ausgerechnet der Fall von Konstantinopel bei dieser Thematik eine entscheidende Rolle mit solch weitreichenden Auswirkungen? Sicherlich war die Stadt ein wichtiges, militärstrategisches Ziel, jedoch stellt die Eroberung der Bosporus-Metropole nur eine von vielen weiteren osmanischen Eroberungen von christlichen Großstädten dar. Die Bedeutsamkeit verwundert um so mehr, betrachtet man die Vorgeschichte der Stadt und ihrer Bedeutung für die Christen.20 Seit der Teilung des Römischen Reiches in Ost- und Westreich 395 n. Chr. klaffte eine unüberwindbare Lücke zwischen den beiden Herrschaftsgebieten, die für die Entwicklung in Europa über den gesamten Zeitraum prägend war. Einen vorläufigen Höhepunkt in der verfahrenen Situation der beiden Mächte stellt der Kreuzzug von 1204 des römischen Papstes gegen das Byzantinische Reich dar, der beinahe zur vollständigen Zerstörung Konstantinopels führte und eine Vereinigung der Kirchen unmöglich machte. Der Chronist Ducas schilderte in der Folgezeit diesen scheinbar unüberwindbaren Hass aufeinander bei der Eroberung der Stadt durch die Osmanen 1453 wie folgt:

Wäre in diesem Augenblick wirklich ein Engel vom Himmel gestiegen, und hätte er die Worte verkündet: Nehmet die Kirchenvereinigung an, und ich will die Feinde aus der Stadt vertreiben, so würden sie sich dennoch nicht dazu bekannt und sich lieber den Türken als der römischen Kirche überliefert haben.21

Ein deutliches Zeichen für die Feindschaft der beiden Kirchen und den unüberwindbaren Hass aufeinander. Weiterhin ging mit dem Fall Konstantinopels die Hauptstadt des gesamten Byzantinischen Reiches verloren und somit auch das Reich selbst unter und in die Osmanische Geschichte über. Zwar rief Nikolaus V. am 30. September 1453 zum Kreuzzug gegen die Türken auf, jedoch stellte dies keine außergewöhnliche Reaktion und Vorgehensweise dar. Bereits vorher, Nikopolis (1396) und Varna (1444), gab es solche Aufrufe gegen die Osmanen und dennoch stellt diese Eroberung einen entscheidenden Wendepunkt in der Wahrnehmung der Osmanen für die Christen dar.22 Warum war das so?

Das Aufkommen der Türkengefahr ist zwei besonderen Umständen geschuldet. Zum einen der Stellung der Stadt selbst in der christlichen Heilsgeschichte und zum anderen durch die Erfindung Johannes Gutenbergs, der durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern eine Duplikationsmöglichkeit geschaffen hatte, die eine schnelle Verbreitung in hoher Auflage über den Fall der Stadt und dessen Berichte ermöglichte.23 Eines der ersten gedruckten Werke war nämlich nicht, wie langläufig angenommen, die Bibel, sondern ein zu Gunsten des Türkenkrieges gedruckter Ablasszettel vom 22. Oktober 1454, dem noch im gleichen Jahr im Dezember ein sogenannter Türkenkalender folgte.24 Dieser Kalender war als Flugschrift konzipiert und bestand aus sechs Blättern mit dem Titel „Eyn manung der cristenheit widder die durken.“25 Ab dem 15. Jahrhundert wurden viele überlieferte Motive der mittelalterlichen Islamvorstellungen übernommen, die sich jedoch durch das Medium des Buchdruckes zu einem Diskurs mit einer neuen Qualität verdichteten und die Bedeutsamkeit der Türken und ihrer Wahrnehmung in der europäischen Gesellschaft über viele Jahre verdeutlicht.

Die bereits oben erwähnte Stellung Konstantinopels als Hauptstadt des Oströmischen Reiches in der Heilsgeschichte war der zweite Grund für den besonderen Status der Stadt. Dem mittelalterlichen Verständnis nach wird nach dem Fall die vier Weltreiche Babylon, Persien, Griechenland und Rom der undefinierte Antichrist erscheinen, der die Taten Christi nachäfft und die Gläubigen zum Dämonenkult verführt.26 Durch den Fall Konstantinopels und das Ende des Oströmischen Reiches konnte die religiöse Schrift dahingehend gelesen und verstanden werden und erklärt die teilweise aufkommende Angst vor einer unheiligen Macht. Das Motiv des Antichristen gehörte ohne Zweifel zu den Grundsäulen der aufkommenden Türkengefahr, war jedoch nicht obligatorisch bei der Darstellung der Gefahr durch die Osmanen. Vielmehr gehörte es zum Grundinventar der Elemente und war, wie die anderen Motive auch, ein austauschbares und je nach Situation einsetzbares Motiv für die Verdeutlichung der Bedrohung.27 Diese beiden Ereignisse und ihre Bedeutung für die Christenheit machen also den besonderen Status der Stadt und den besonderen Zeitpunkt der Eroberung deutlich. Daher kann der Fall Konstantinopels auch als Beginn der Türkengefahr angesehen werden und bedarf einer Untersuchung.

4. Die „Türkengefahr“

4.1. Der Begriff und die Wahrnehmung der Türkengefahr in der Forschung

Um den heute im Volksmund gebräuchlichen Begriff der Türkengefahr zu erklären, ist es notwendig, die Forschung darüber näher zu betrachten und einen kurzen Einblick in die Wahrnehmung über ihn und die damit verbundenen Ereignisse zu geben. Zwar gibt es bis heute in der akademischen Forschung über fremde Länder keine einheitliche Begrifflichkeit in Deutschland, jedoch soll der Einfachheit halber der Begriff Anthropologie hier verwendet werden.28

Bei der Betrachtung des Begriffs der Türkengefahr stellen sich dabei zwei entscheidende Fragen. Wer und Was prägte diesen Begriff und wie wurde die Gefahr zeitgenössisch wahrgenommen? Nach Höfert müssen dabei historiografische Implikationen sauber von der Sinngebung der zu betrachtenden Zeit getrennt werden. Veranschaulicht werden kann dies besser, vergleicht man die Wahrnehmung über eine Türkengefahr mit weiteren Ereignissen und ihrer Wahrnehmung in der Geschichte. So wurde der Zeitpunkt der Entdeckung Amerikas 1492 erst im 18. Jahrhundert als ein Epochen markierendes Datum angesehen, wo hingegen der Fall Konstantinopels 1453 sich tief ins Bewusstsein der Zeitgenossen einbrannte und dies bereits zu diesem Zeitpunkt zu einem Beginn des Diskurses über eine Bedrohung aus dem Süden führte.29 Aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln diese Panikmache in der christlichen Bevölkerung geführt wurde, wird in den folgenden Kapiteln näher betrachtet und analysiert.

[...]


1 Vgl. dazu: Mertens, Dieter: Europäischer Frieden und Türkenkrieg im Spätmittelalter. In: Duchhardt, Heinz (Hrsg.): Zwischenstaatliche Friedenswahrung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Köln, Wien 1991, S. 48. Meuthen, Erich: Der Fall von Konstantinopel und der lateinische Westen. In: Historische Zeitschrift Bd. 237. München 1983, S. 4.

2 Peters, Richard: Die Geschichte der Türken, Stuttgart 1961, S. 51.

3 Die Seldschuken waren eine türkische Fürstendynastie, die das Reich der Großseldschuken begründete, das sich über Mittelasien, den Iran, Irak, Syrien, Anatolien und Teile der arabischen Halbinsel erstreckte. Vgl.: Cahen, Claude: Pre-Ottoman Turkey. New York 1968.

4 Vgl.: Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 1994, S. 14ff.

5 Beylik: Der Begriff bezeichnet die türkischen Fürstentümer, die sich ab dem 11. Jahrhundert in Anatolien an der Grenze zum Byzantinischen Reich gebildet hatten. Vgl.: Kreiser, Klaus: Der Osmanische Staat 1300-1922. München 2001, S. 5.

6 Vgl.: Steinbach, Udo: Geschichte der Türken. München 2001, S. 9.

7 Vgl.: Matuz, S. 30.

8 Vgl.: Geiß, Dieter (Projektleiter): Der große Ploetz. Freiburg im Breisgau 2008, S. 666.

9 Vgl.: Steinbach, S. 9f.

10 Vgl.: Matuz, S. 36f.

11 Vgl.: Der große Ploetz, S. 666.

12 Vgl.: Matuz, S. 42f.

13 Vgl.: Der große Ploetz, S. 667.

14 Vgl.: Matuz, S. 50ff.

15 Vgl.: Der große Ploetz, S. 1169.

16 Vgl.: Matuz, S. 62.

17 Vgl.: Höfert, Almut: Den Feind beschreiben. „Türkengefahr“ und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450-1600. Frankfurt am Main 2003, S. 57.

18 Vgl.: Kreiser, S. 24.

19 Vgl.: Peters, S. 56f.

20 Vgl.: Höfert, S. 57.

21 Peters, S. 53.

22 Vgl.: Höfert, S. 57.

23 Vgl.: Ebenda, S. 57f.

24 Vgl.: Mertens, Dieter: "Europa, id est patria, domus propria, sedes nostra ...". Zu Funktionen und Überlieferungen lateinischer Türkenreden im 15. Jahrhundert. In: Erkens, Franz-Reiner (Hrsg.): Europa und die osmanische Expansion im ausgehenden Mittelalter. Berlin 1997, S. 42.

25 Andermann, Ulrich: Geschichtsdeutung und Prophetie. Krisenerfahrung und -bewältigung am Beispiel der osmanischen Expansion im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. In: Guthmüller, Bodo; Kühlmann, Wilhelm (Hrsg.): Europa und die Türken in der Renaissance. Tübingen 2000, S. 33.; Kaufmann, S. 62f.

26 Vgl.: Timpe, Dieter: Römische Geschichte und Heilsgeschichte. Berlin 2001.

27 Vgl.: Höfert, S. 61.

28 Vgl.: Höfert, S. 18f.

29 Vgl.: Ebenda, S. 25.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656053637
ISBN (Buch)
9783656053989
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182091
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Konstantinopel Osmanisches Reich Europa Türkei

Autor

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Titel: Der Fall Konstantinopels und die vermeintliche Türkengefahr