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Antihelden der Musikszene und ihre Bedeutung für jugendliche Fans

Examensarbeit 2001 114 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Antiheld
2.1. Begriffsklärung: Antiheld
2.2. Antihelden = Negativ-Vorbilder?
2.3. Die Symbolkultur einer Fangemeinde

3. Die unterschiedlichen Fans
3.1. Der selektive Fan
3.2. Der (un)kritische Fan
3.3. Die Subkultur

4. Entwicklungsaufgaben der Jugendphase

5. Musik als Hilfe zum Erwachsenwerden
5.1. Die emotionale Komponente
5.1.1. Gefühlsausdruck und -modifikation
5.1.2. Authentizität und Intensität
5.2. Die soziale Komponente
5.3. Pufferzone Fan-Sein und Fangemeinde
5.4. Kreativität
5.4.1. Inspiration zu eigener Kreativität
5.4.2. Die Fanwebsites

6. Antihelden als Hilfe zum Erwachsenwerden
6.1. Ablösung und Rebellion
6.1.1. Emanzipation von den Eltern
6.1.2. Wertehinterfragung
6.2. Identität und Individualität
6.2.1. Körpererfahrung und Introspektion
6.2.2. Selbstausdruck und Selbstinszenierung
6.2.3. Identität und Anerkennung
6.2.4. Geschlechteridentität und Sexualität
6.3. Themen des Erwachsenwerdens
6.3.1. Jugend, Liebe, Freundschaft
6.3.2. Ängste, Verlust, Tod und Gewalt
6.4. Solidarisierung

7. Exkurs: Drogen, Gewalt, Selbstmord
7.1. Antihelden und Fangruppen als Katalysator
7.2. Schutzfaktor Antiheld und Fangemeinde

8. Fazit
8.1. Resümee
8.2. Vorbild Antiheld?

9. Bibliographie

1. Einleitung

Musikalische Jugend-‚Idole’1 wurden seit ihrem ersten Auftreten von der Erwachsenengeneration skeptisch betrachtet, denn sie waren provokant und unangepasst: „Der Rhythm and Blues bot eine Gelegenheit zur provokativen Abgrenzung: Im scharfen Kontrast zur bisherigen Musik propagierte dieser laute Stil Erregung, Hedonismus und Sexualität – wobei besonders letzteres dazu angetan war, konservative Kreise zu schockieren.“ (Becker (1998), S. 7)

Sie kamen „aus der Jugend-Musik-Kultur selbst […], [wurden] also nicht, wie üblich, von den Erwachsenen verordnet oder angepriesen“ (Griese (2000a), S. 230) und hatten deshalb in den Augen der Erwachsenen auch nicht den Charakter von ‚positiven’ Vorbildern. Sie brachten den Jugendlichen nicht traditionelle Werte nahe, sondern verkörperten neue, jugendliche, Sichtweisen und Interessen (vgl. Griese (2000a), S. 230/231 und Kapitel 6.1). Sie boten den Jugendlichen, die sich in Swing-Musik und Schlagern nicht wiederfinden konnten, eine Identifizierungsmöglichkeit jenseits der Erwachsenenwelt.

Es entwickelte sich eine musikbasierte Jugendkultur, die sich ganz bewusst in Aussehen, Verhalten und Wertvorstellungen von der Erwachsenenwelt abgrenzte.

Musik an sich und die jeweiligen dazugehörigen Symbole2, die sich in Aussehen, Verhalten, Sprache, Gesten etc. fanden, wurden zum Ausdruck der Rebellion gegen traditionelle Werte und konservative Einstellungen und begleiteten zahlreiche Generationen beim Prozess des Erwachsenwerdens – dem Prozess der Ablösung von den Eltern und der Findung der eigenen Identität: „Rock music has always been a perfect battleground for intergenerational skirmishes.“3 (Shaw (2002))

Da die jeweiligen Musikstile der Jugendkulturen ausnahmslos irgendwann kommerzialisiert und so dem Mainstream einverleibt wurden (vgl. Griese (2000a), S. 231, Becker (1998), S. 8-12 und Wehrli (2005), S. 12) – und vor allem, weil ehemalige Jugendgenerationen schließlich zu Erwachsenengenerationen wurden – äußerte sich die jugendliche Rebellion mit der Zeit in immer extremeren Formen: „Wird eine Band oder ein Subgenre vom kommerziellen „Mainstream“ allzu sehr vereinnahmt, […], wachsen neue Stilrichtungen nach, welche die Radikalität der alten aufnehmen oder diese sogar noch verstärken.“ (Becker (1998), S. 8)

Standen noch vor wenigen Jahrzehnten Elvis oder die Beatles in dem Verdacht, einen negativen Einfluss auf ihre jugendlichen Fans zu haben, entwickelte sich bald der noch provokantere Rock. Viele Erwachsene sahen „die Integration eines Teils der Jugend [aufgrund der ‚Idolisierung’ solcher Medienpersönlichkeiten] gefährdet.“ (Griese (2000a), S. 230)

Zahlreichen Musikern wurde unterstellt, absichtlich antisoziale Tendenzen in ihren Jugendlichen Fans zu fördern; seit den Beatles, aber vor allem in der Rockmusik, suchten manche Experten auf den Schallplatten einiger musikalischer Idole sogar sublime Nachrichten (und glaubten sie zu finden), die angeblich Jugendliche zu Gewalttaten, Selbstmord, satanischen Ritualen und/oder Drogenkonsum verleiten sollten (vgl. Wehrli (2005), S. 218-233).

Seit einiger Zeit hat die Jugend-Musik-Kultur ihren eigenen – angepassten –Mainstream: Junge Künstler, die sich zwar in Aussehen und Musikstil von den Musikern der Erwachsenenwelt unterscheiden, aber hinreichend konventionell sind, damit sich die Eltern keine Sorgen um ihre Kinder machen müssen. Sie sind die ‚Popstars’ unserer Zeit. Auf der anderen Seite gibt es die ‚Antihelden’.

„Popular music embraced by adolescents falls along a spectrum from the mainstream “hero” figures acceptable to parents and the adult establishment to the less tolerable and more disturbing extreme imposed by its countercultural antiheroes. Adolescent heroes […] espouse values more “in sync” with the adult world and are usually palatable to parents. At the other end of this continuum are adolescent antiheroes such as Marilyn Manson – or Alice Cooper some 30 years ago. These stars are deliberately provocative, assailing almost every social convention of the adult generation, and parents often fear they are leading youth astray“ (Bostic et al. (2003))

In letzter Zeit gewinnen diese sogenannten ‚Antihelden’ (s. Kapitel 2.1 und 2.2) immer mehr Popularität unter den jugendlichen Musikhörern. Mit ihnen wird Musik beliebt, die keineswegs versteckt, sondern ganz explizit – und wesentlich provokanter als frühere musikalische Jugend-Idole (auch jene der ursprünglichen Rockmusik) – mit schockierenden Themen und Bildern aufwartet (s. Kapitel 2.2, vgl. Kapitel 2.3, 6.3.2 und 6.4).

Heute befürchten dementsprechend viele Eltern, Erzieher, Politiker und Wissenschaftler – teilweise nicht ganz ohne Grund (vgl. Kapitel 2.2 und 7.1) – dass solche „purveyors of filth and violence“ (Hatch (1999)) einen schädlichen Einfluss auf jugendliche Fans besitzen.

In dieser Arbeit gehe ich davon aus, dass viele der heutigen ‚Antihelden’ schlicht in die Fußstapfen der rebellischen musikalischen Idole früherer Generationen getreten sind und trotz – oder auch gerade wegen – ihrer Beschäftigung mit negativen Themen und ihrer Verwendung destruktiver Symbole für Jugendliche sehr wichtig sind (vgl. u.a. Kapitel 6.3.2, 6.4 u. 7.2).

Meine Beschäftigung mit der Bedeutung musikalischer Antihelden für jugendliche Fans wird insgesamt drei Bereiche umfassen:

1) Warum sind musikalische Antihelden für viele Jugendliche so attraktiv?
2) Welche Funktionen können Antihelden für Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens erfüllen?
3) Welche Gefahren birgt die Idolisierung von Antihelden eventuell tatsächlich?

Ich gehe aufgrund der Verschiedenheit der Musiker/-innen und Bands sowie der unterschiedlichen Rezeptionsmöglichkeiten der Fans davon aus, dass diese Fragen weder für alle Antihelden gleichermaßen, noch pauschal für eine Generation oder auch nur jugendliche Untergruppen beantwortet werden können. Deshalb werde ich diese drei Bereiche nicht nacheinander abhandeln.

Stattdessen werde ich versuchen, inhaltliche Abgrenzungen vorzunehmen und jeweils einen möglichst guten Überblick über die verschiedenen individuell möglichen Antworten zu geben. Da in den Medien und auch in wissenschaftlichen Untersuchungen in der Regel die negativen Einflussmöglichkeiten betont werden, werde ich die positiven Aspekte in den Vordergrund stellen.

Zunächst werde ich den Begriff des Antihelden und seine Entstehung näher erläutern, um einen Eindruck davon zu geben, wie viele unterschiedliche Musiker(inne)n und Bands als Antihelden bezeichnet werden und inwiefern sie sich von anderen Musiker(inne)n und Bands der Jugend-Musik-Kultur unterscheiden (Kapitel 2.1 und 2.2). In Kapitel 2.2 werde ich im Zuge dessen kurz darstellen, aus welchen, teilweise sehr unterschiedlichen, Gründen Antihelden von besorgten Eltern, Pädagogen, Politikern etc. kritisiert werden.

Um zu verdeutlichen, dass Fans ihre ‚Idole’ oft ganz anders interpretieren als Außenstehende, werde ich in Kapitel 2.3 unter anderem die Ergebnisse einer von mir durchgeführten Online-Umfrage darlegen.

Schließlich werde ich in Kapitel 3 erläutern, wie viele verschiedene Arten von Fans es überhaupt gibt – Fans, die sich teilweise gar nicht, teilweise subjektiv selektiv, teilweise sehr kritisch mit den in der Öffentlichkeit kritisierten Aspekten der Antihelden befassen. All diese unterschiedlichen Variationen von Antiheld-Fan-Beziehungen müssen in Erwägung gezogen werden, um bspw. eine konkrete Antiheld-Fan-Beziehung vorurteilsfrei einschätzen zu können.

In Kapitel 4 werde ich einen kurzen Überblick über sogenannte ‚Entwicklungsaufgaben’ des Jugendalters liefern, da der Nutzen von Antihelden für Jugendliche teilweise eng mit diesen zusammenhängt.

In Kapitel 5 werde ich dann darauf eingehen, warum Musik im Allgemeinen, sowie der Beschäftigung mit Musiker(inne)n und Bands aller Art, im Prozess des Erwachsenwerdens eine große, positive, Bedeutung zukommt – und inwiefern Antihelden innerhalb dieser allgemeinen Funktionen teilweise zusätzliche Qualitäten zu bieten haben.

Kapitel 6 wird sich dann ganz konkret um die Frage drehen, was gerade Antihelden für Jugendliche so attraktiv macht, und inwiefern ganz besonders die Beschäftigung mit solchen Musiker(inne)n einen positiven Beitrag zum Prozess des Erwachsenwerdens leisten kann.

In Kapitel 7 werde ich noch einmal kurz auf konkrete Vorwürfe negativer Beeinflussung von Jugendlichen durch Antihelden eingehen, und versuchen, die möglichen Zusammenhänge differenzierter zu betrachten.

2. Der Antiheld

2.1. Begriffsklärung: Antiheld

Der Begriff „Antiheld“ stammt ursprünglich aus der Literatur und bezeichnete dort eine Alternative zur traditionellen literarischen Hauptfigur (dem Helden). Jenen alternativen Hauptfiguren fehlten alle oder viele der positiven Eigenschaften eines ‚Helden’ – meist waren es sehr passive Personen, die oft nicht in der Lage waren, ihr Leben zu meistern.

Inzwischen hat sich der Begriff des Antihelden jedoch extrem ausgedehnt – insbesondere in der ‚Pop-Kultur’4. In Filmen (v.a. Horrorfilmen, Science-Fiction und Fantasy), Comics, TV-Serien und Computerspielen breiten sich die verschiedensten Formen von Antihelden immer weiter aus.

Die Variante des passiven, an seinen Lebensaufgaben meist scheiternden, Antihelden gibt es zwar immer noch – die wohl bekannteste Pop-Kultur-‚Loser’ -Figur ist wohl die Comic-Ikone Homer Simpson – aber die Bandbreite der fiktiven Charaktere, die heute als Antihelden bezeichnet werden, ist weitaus größer. Anakin Skywalker, ambivalente Hauptfigur der zweiten Star Wars Trilogie, die aufgrund schmerzlicher Erfahrungen von ‚Gut’ zu ‚Böse’ überwechselt, ist ein prägnantes Beispiel für eine neue Form des Antihelden.

Viele der modernen fiktiven Antihelden bieten besonders für Jugendliche sehr interessante Charaktereigenschaften: Sie besitzen meist, ähnlich der Comic-Superhelden, besondere Fähigkeiten, sind aber dadurch, dass sie „in der Regel die vielschichtigeren, tiefer und exakter gezeichneten Charaktere, [sind, die] auch Verletzungen und Schwächen“ (Wikipedia) zeigen, Persönlichkeiten, mit denen man sich leichter identifizieren kann.

Zudem fühlen sie sich, im Gegensatz zu Super-Helden, durch ihre Fähigkeiten nicht unbedingt der Gesellschaft verpflichtet. Sie nehmen sich das Recht heraus, zuerst an sich (und oft eine ausgewählte Gruppe ihnen nahestehender Personen) und dann erst an die Gesellschaft zu denken.

Dies kann (muss aber nicht notwendigerweise) mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit einhergehen. Aber gerade auch Rücksichtslosigkeit und Egoismus kann eventuell den noch von seinen Eltern abhängigen und von gesellschaftlichen Erwartungen und Bedingungen bedrängten Erwachsenwerdenden ansprechen (vgl. Kapitel 6.2.3).

Wichtig bei dieser Gruppe der fiktiven Antihelden der Pop-Kultur ist, dass sie sich keinen Regeln und Traditionen unterwerfen, sondern immer ihre eigenen Urteile fällen. Solche Antihelden repräsentieren also Widerstand gegen herrschende Normen und Werte – vor allem gegen „obedience without question“ (Zitat aus „Riddick: Chroniken eines Kriegers“ (2004)). Sie stehen für Autonomie, Individualität und Stärke (vgl. Kapitel 5.3, 5.4, 6.1 und 6.2).

Die meisten von ihnen sind entweder Einzelgänger (Riddick, Spawn, Blade, etc.), oder Teil einer kleinen Gruppe von Außenseitern (bspw. die Charaktere von „Hellboy“ (2004), „Firefly“ (2002) oder „Alien – Resurrection“ (1997)). In der Phase des Erwachsenwerdens, wo Entfremdung von der Welt der älteren Generation und die Zuwendung zu einer Peer-Group kein seltener Fall ist (vgl. Kapitel 4) und viele Jugendliche Angst vor Zurückweisung haben (s. Kapitel 6.1, vgl. Kapitel 5.2 und 6.4), ist die Figur des starken Außenseiters verständlicherweise besonders interessant.

Sehr ähnliche (fiktive) Antihelden lassen sich im Musikbusiness finden. Diese Antihelden sind sogenannte „Onstage Personae“ von Musiker(inne)n (Begriff aus Bostic et al. (2003), vgl. Kapitel 6.1 und 6.2). Onstage Personae sind von den Alltagspersönlichkeiten der Musiker/-innen klar abtrennbare fiktive ‚Bühnenpersönlichkeiten’ – „fantasied alter egos, capable of feats or behaviors beyond those of their creators“ (Bostic et al. (2003)).

Alice Cooper, Alter Ego des Sängers Vincent Furnier oder die monströs verkleideten Bühnencharaktere der Band Lordi (s. Abb. 2, links) wären Beispiele für solche fiktiven musikalischen Antihelden. Zahlreiche Heavy-Metal-Bands erfinden sich solche maskierten, kostümierten, charismatischen und starken Bühnencharaktere (s. Wehrli (2005)).

Besonders bemerkenswert ist allerdings, dass in der heutigen Jugend-Musik-Kultur mittlerweile nicht mehr nur fiktive Charaktere als Antihelden bezeichnet werden, sondern auch echte Personen.

Spätestens seit Kurt Cobain gibt es im Musikbusiness Persönlichkeiten, die nicht nur auf der Bühne und bei anderen öffentlichen Auftritten den Antihelden spielen. Diese mehr oder weniger ‚echten’ (s. Kapitel 6.2.2) Antihelden besitzen zum Teil die gleichen, für Jugendliche attraktiven, Eigenschaften der fiktiven Charaktere (der Pop-Kultur und des Musikbusiness): Sie passen sich nicht an, beeindrucken oft durch besondere (kreative) Fähigkeiten, und kritisieren – entweder explizit, in Texten und Aussagen, oder implizit, durch unangepasstes Verhalten – die bestehende Gesellschaft und ihr Wertesystem.

Alle musikalischen Antihelden5 sind entweder kommerziell oder in Bezug auf die Anerkennung in einer bestimmten „Subkultur“ (s. Kapitel 3) – oft genug in beiden Bereichen – erfolgreich und werfen somit das Verlierer-Prinzip des traditionellen literarischen Antihelden über den Haufen.

Mainstream-‚heroes’ (s. Zitat auf S. 2, unten) der deutschen Jugend-Musik-Kultur wären beispielsweise Xavier Naidoo oder Ivonne Catterfeld, die Gruppen Pur, die No Angels oder die Prinzen; auf internationaler Ebene würden Beyoncé Knowles oder Justin Timberlake, sowie Gruppen wie Take That oder die Spice Girls in diese Kategorie fallen.

Obwohl auch solche Musiker dazu tendieren, insbesondere im Bereich sexueller Anspielungen und erotischer Darstellungen, heute weiter zu gehen, als es noch vor einigen Jahren akzeptabel gewesen wäre, und obwohl sich in den Privatleben so mancher Popstars auch Drogenprobleme und andere unvorbildliche Dinge entdecken lassen, erkennt man sie daran, dass sie sich immer wieder bemühen, sich an – stilistische und gesellschaftliche –Konventionen anzupassen und nicht ‚zu weit zu gehen’. Die Popstars des Musikbusiness wollen Aufmerksamkeit, aber nicht schockieren. In den meisten Fällen zeigen sie sich deshalb in Interviews als gesellschaftlich angepasst, sowie auch als Befürworter eher konservativer Einstellungen.

Antihelden hingegen legen es meist darauf an zu provozieren und zu schockieren. Teilweise deshalb, weil sie merken, dass sie damit Erfolg beim jüngeren Publikum haben (vgl. Kapitel 6.1.1), teilweise, um Diskussionen über bestimmte ihnen wichtige Themen auszulösen (vgl. Kapitel 6.1.2).

Manche schockieren einfach dadurch, dass sie sich weigern, ihre Persönlichkeit gegebenen ungeschriebenen Verhaltensrichtlinien unterzuordnen (vgl. Kapitel 6.2). Wie es der Rapper Marshall Mathers (Eminem) ausdrücken würde: „But it’s just me / I’m just obscene.“ (Eminem – Without me)

Die heutigen musikalischen Antihelden gehören den unterschiedlichsten Musikrichtungen an. Innerhalb dieser verschiedenen Stile gibt es wiederum große Unterschiede zwischen den einzelden Musiker(inne)n und Bands (vgl. Wehrli (2005)).

Dennoch lassen sich bestimmte Musikstile als für die Entwicklung von Antihelden prädestiniert ausmachen: Im Bereich des Heavy Metal, Punk, Goth und des HipHop sind die meisten Antihelden beheimatet.

2.2. Antihelden = Negativ-Vorbilder?

Die Antihelden der Musikszene werden unter anderem aufgrund ihrer fehlenden Anpassung an gesellschaftliche Werte und Konventionen kritisiert. Denn die Idolisierung solcher Musiker/-innen und Bands könnte bei ihren Fans eventuell dazu führen, dass diese sich auch nicht mehr anpassen und alte Wertvorstellungen nicht mehr respektieren wollen (vgl. Kapitel 6.1).

Diese mangelnde Anpassung an die gegebenen Strukturen und fehlende Akzeptanz der Stammkultur könne dazu führen, dass die Jugendlichen an ihren, tatsächlich immerhin meist durch eben diese Stammkultur gegebenen, Lebensaufgaben scheitern und sich eventuell sogar in destruktiver Weise gegen andere, oder sich selbst, wenden (vgl. Kapitel 7 und 8.2).

Zudem befürchtet man, dass Fans von Antihelden durch die häufige Darstellung von Sex und Gewalt etc. ‚verrohen’ (vgl. Welt online, 20. Mai 2007), und dass durch diese Verrohung und den damit zusammenhängenden ‚Werteverfall’ im Extremfall Fans zu rücksichtslosem, egoistischem Handeln aufgestachelt werden (vgl. Kapitel 2.3. und Kapitel 6.1) oder sich intolerante und gewalttätige Fan-Subkulturen bilden (vgl. Kapitel 3.2, 3.3 und 7.1).

Was genau als schädlicher Einfluss für die jugendlichen Fans betrachtet wird, unterscheidet sich von Musiker zu Musiker.

Einigen Antihelden (wie Christina Aguilera, Pink, Robbie Williams, David Bowie etc.) wird vor allem vorgeworfen, sich nicht den traditionellen Geschlechterrollen und/oder traditionellen Normen bezüglich Sexualität zu fügen (s. Kapitel 6.1.2 und 6.2.4).

Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während Pink immer wieder als ‚aggressiv’ bezeichnet wird, und von ihrem Plattenlabel Benimmkurse verschrieben bekommen hatte, in denen sie lernen sollte, sich ‚weiblicher’ zu verhalten, stört viele an Christina Aguilera vor allem ihre fehlende Scheu in Bezug auf Sexualität. Robbie Williams kokettiert trotz fortwährender Ermahnungen seines Labels weiterhin mit der Aussage, er sei homosexuell. David Bowie ist seit Jahrzehnten ganz offen bisexuell und verkleidete sich teilweise als Frau (s. Kapitel 6.2.4, Abb. 12). Auch viele Rapperinnen (wie Missy Elliot oder Lil’ Kim) gehören in diese, noch relativ harmlose, Kategorie von Antihelden, die nur gelegentlich ‚zu weit gehen’.

Die Rebellion solcher Antihelden gegen Konventionen wird dennoch oft als Anzeichen, und Grund, für einen wachsenden Verfall der Moral angesehen. (Abb. 1 zeigt Ausschnitte aus den stark kritisierten Musikvideos „Dirrty“ von Christina Aguilera und „Rock DJ“ von Robbie Williams.)

Vorwiegend Punkbands wie Green Day oder die Toten Hosen, die sich offen gegen die Gesellschaft aussprechen und sich ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen gegen bestimmte Politiker oder traditionelle Werte wenden, werden beschuldigt, eine Jugend zu fördern, die nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und Respekt gegenüber anderen zu zeigen.

Oft in den Texten und Aussagen der Musiker enthaltene Begriffe wie „Anarchie“6 und die teilweise depressiven und/oder zynischen Inhalte, sowie die Häufung arbeitsloser und teilweise auf der Straße lebender junger „Punks“, schürte die Befürchtung, dass Fans solcher Bands dazu verleitet werden könnten, zu Aussteigern zu werden. (Dass die Entstehung des Punk eine Reaktion auf eine bereits vorhandene Perspektivenlosigkeit mancher Jugendlicher aufgrund von Arbeitslosigkeit und anderer sozialer Probleme war, wurde dabei wenig beachtet.) (Vgl. Kapitel 6.4 und 8.)

Während es auch heute optimischtisch-rebellierende Bands gibt, deren Botschaften an die Aussagen alter Rockbands erinnern und nur aufgrund ihrer gesellschaftskritischen Einstellung von älteren Generationen abgelehnt werden, wird bei den eher pessimistisch-zynischen Bands zusätzlich befürchtet, dass sie ihre Fans mit ihren negativen Ansichten in depressive Stimmungen treiben.

Sind zusätzlich noch Drogenprobleme oder gar Selbstmord im Spiel (wie bei Kurt Cobain), wächst die Befürchtung einer Negativ-Vorbild-Funktion.

Gesellschaftskritik ist verbreitet unter den Antihelden (s. Kapitel 6.4.2), relativ ziellose und sinnfreie Provokation gibt es unter den Antihelden allerdings auch (vgl. Wehrli (2005)). Solche Musiker kritisieren mit ihrem Verhalten nicht die Gesellschaft, sie benehmen sich schlicht rotzig und anstößig (vgl. Kapitel 6.4.1). Beispiele hierfür sind die frühen Tic Tac Toe, die mit Songs wie „Ich find dich Scheiße“ bekannt wurden oder die amerikanische Bloodhound Gang, deren Texte sich fast ausschließlich um Sex drehen.

Vor allem Heavy-Metal-Bands, aber auch Antihelden wie Marilyn Manson oder Tool (s. Titelbild), werden deshalb kritisiert, weil sich die Themen ihrer Songs zu einem Großteil um Tod, Gewalt, Verzweiflung und Chaos drehen: „Performed by bands with such names as Megadeth, Slayer, Black Sabbath, and Suicidal Tendencies, this music is typified by themes of societal and mental chaos […] and references to homicide, suicide, and satanic practices […].“ (Westefeld (1999)) Solche Bands und Musiker/-innen stehen oft in dem Verdacht, ihre Fans mit ihren negativen, düsteren Texten zu einer ähnlich negativen Weltsicht zu treiben (vgl. Kapitel 6.3.2). Teilweise wird ihnen im Zuge dessen sogar vorgeworfen, für Selbstmorde unter Jugendlichen verantwortlich zu sein (s. Kapitel 7.1).

Dass solche Antihelden sich zusätzlich oft in erschreckenden Verkleidungen zeigen (s. Abb. 2; links: Lordi, rechts: Slipknot), und ihre Musikvideos nicht selten an Szenen aus Horrorfilmen erinnern, fördert die Missbilligung durch die ältere Generation.

Abb. 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rapper werden oft für die häufige Thematisierung von (Banden-) Gewalt in ihren Texten und Interviewaussagen angegriffen. Man befürchtet, dass die Darstellung von Gewalt in Texten und Videos, die Fans dazu treibt, selbst Gewalt anzuwenden (vgl. Kapitel 7.1).

Die Befürchtung, dass Antihelden zu Gewalt animieren könnten, ist zwar keineswegs eine HipHop-spezifische Angelegenheit (vgl. Kapitel 1), aber die Tatsache, dass zumindest unter den sogenannten ‚Gangsta-Rappern’ viele Musiker zu finden sind, die selbst Gangs angehörten oder immer noch angehören, und, teilweise noch zur Zeit ihrer Berühmtheit, in schwere Gewalt- und Drogendelikte verwickelt waren bzw. sind, macht vielen Eltern, Pädagogen und Politikern Sorgen.

Dann gibt es Antihelden wie Courtney Love oder Pete Doherty, die weniger wegen ihrer Bühnenoutfits oder ihrer Songtexte, als wegen ihrer Biographie und Persönlichkeit als Negativ-Vorbilder gelten. Drogensucht, emotionale Probleme und Außenseitertum, sowie schockierende öffentliche Auftritte, wie jener bei dem Doherty während eines Interviews die Kamera mit Blut aus einer Heroin-Spritze bespritzte, machen solche Personen zu Antihelden.

Bei so viel Negativität fragt man sich doch, was solche Musik und solche Musiker zu bieten haben, dass sie immer populärer werden. Der gegenwärtige Trend hin zu düsterer, aggressiver und anstößiger Musik und weg von der Party-Musik der Achtziger und frühen Neunziger fällt auf.

Heute werden die Musikcharts zu gleichen Teilen von Mainstream-Musikern und von Antihelden wie Eminem, Marilyn Manson, Missy Elliot, Linkin Park, Slipknot, Korn, 50 Cent usw. beherrscht.

Die Erfindung des Musikfernsehens, die es nicht nur ermöglichte, die Inhalte der Songs durch Visualisierung noch eindringlicher zu machen, sondern auch das Verhalten und die Aussagen der Musiker durch zahlreiche Shows und Berichte weiter in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte, verstärkte die Befürchtung, dass Antihelden die Jugend ‚verderben’ könnten (s. Kapitel 7, vgl. Kapitel 3).

2.3. Die Symbolkultur einer Fangemeinde

Jenkins (1999) hat sich mit dem Medienkonsum Jugendlicher beschäftigt, und kam zu folgendem Ergebnis: Die Düsterkeit und Aggressivität in Teilen der heutigen Jugendkultur (nicht nur in der Musik, sondern auch in anderen Bereichen der Pop-Kultur) wird von Erwachsenen in ganz anderer Weise wahrgenommen als von den Jugendlichen selbst.

Jede Kultur lebt von Symbolen (vgl. Kapitel 1, S. 1). Die Symbole der Jugendkultur werden von den Musikern und Fans mit Bedeutungen gefüllt, die vom unkundigen Betrachter nur allzu leicht missverstanden werden können: „Youth symbols are often cryptic to adults, making sense only within the context provided by membership within the youth subculture7, and adults are correct to feel vaguely threatened by those symbols, since part of what they are expressing is the desire of youth to define themselves in opposition to their parent's culture. Yet, the cryptic nature of these symbols often means adults invest them with all of our worst fears, all of our own anxieties about the process of our children breaking away from us and becoming their own persons. Because we don't understand what these symbols mean, we make them mean what we most fear that they mean.“ (Jenkins (1999))

Jenkins betont außerdem, dass es nur so scheint, als sei die gegenwärtige Jugendkultur mit ihrer Düsterheit ein neues Phänomen. Themen wie Gewalt, Selbstmord und ‚das Böse’ sind Inhalte, die schon immer einen festen Platz in der Kunst hatten. Jenkins weist unter anderem auf die Ursprünge der Gothic-Bewegung hin: „The original model for the goths were the romantics (such as Lord Byron or Percy Shelly) and the aesthetics (such as Oscar Wilde and August Beardsley).“ (Jenkins (1999))

Wer entgegnen möchte, dass solche Literatur schließlich nicht Teil einer Jugendkultur war, sollte nicht die Gewalttätigkeit alter Kindermärchen (z.B. „Der Wolf und die sieben Geißlein“) und -literatur (z.B. „Der Struwwelpeter“) vergessen, oder dass Jugendliche und junge Erwachsene seit Jahrzehnten die Hauptzielgruppe zahlreicher Horrorfilme sind (Rehberg (2004), S. 3) (Vgl. Kapitel 6.3.2.)

Insbesondere wenn sich seitens der Eltern oder der Gesellschaft nur ungenügend mit den Schattenseiten des Lebens beschäftigt wird, sondern man sich von Negativem eher ablenken will, tendierten laut Jenkins Jugendliche, und folglich die Jugendkultur, dazu, das Negative zu betonen: “[I]f their parents have chosen to define the "white" side, then they are going to explore the "dark side" on their own.“ (Jenkins (1999))

Die Texte mancher Antihelden lassen Jenkins’ Annahme plausibel erscheinen:

„Dear President and plastic wife, / I see black and you see white.“ (Exilia – Another Day in Hell)

„We light a candle on an earth / We made into hell / And pretend that we're in heaven.“ (Marilyn Manson – Death Song)

„How can you say / No child is left behind? / We're not dumb and we're not blind. / They’re all sitting in your cells / While you pave the road to hell.“ (Pink – Dear Mr. President) (Vgl. Kapitel 6.1.2, 6.3.2. und 6.4.)

Wer sich ein wenig näher mit den Antihelden und ihren Fans auseinandersetzt, stellt fest, dass tatsächlich die, für viele Eltern so erschreckenden, Texte und Bilder oft für die Musiker und ihre Fangemeinden Bedeutungen haben, die nicht nur von den von Kritikern zugeschriebenen Bedeutungen abweichen, sondern ihnen beinahe vollkommen entgegenstehen.

Ein Großteil der Kritik an Antihelden basiert beispielsweise auf dem Missverständnis, dass alle Songtexte wörtlich genommen werden könnten, obwohl diese häufig eine – manchmal offensichtliche, manchmal eine schwerer zu entdeckende – kritische Distanz zum Thema aufweisen. So beispielsweise auch die Texte eines der wohl extremsten Antihelden: Marilyn Manson (vgl. u. S. 17). Robert Wright hat sich näher mit seinen Songs befasst und kommt zu dem Schluss: „[…W]hile many of his adversaries have taken him literally – which, of course, he hoped they would – his critical stance is thoroughly (and even transparently) ironic […].“ (Wright (2000), S. 378)

Andere Texte – oder Bühnenaktionen, wie etwa die zeitweise in Konzerten der bekannten Rappers Eminem enthaltene Drogenverkauf-Szene – stellen keine Aufforderung zu Drogenmissbrauch, sondern eine Darstellung herrschender gesellschaftlicher Zustände dar.

Der Musikkritiker John Metzger schreibt zu Eminems Texten und Bühnenauftritten Folgendes: „Instead of spewing the hate that he is so often criticized of doing, Eminem offers a cautionary tale that speaks to our civilization’s growing depravity.“ (Metzger (2001))

Der Rapper Snoop Dogg machte folgende Aussage auf die Frage, warum die Texte vieler Rapper die Themen Gewalt und Drogen behandeln: „Die Musik, die wir machen, ist ein Ausdruck unserer selbst und der Welt, in der wir leben. […] Wir sind Opfer von Gewalt, wir wollen das überwinden, indem wir darüber sprechen in unserer Musik.“ (Wehrli (2005), S. 94)

Spengler beschreibt in seinem Buch „Rockmusik und Jugend“ (1987), wie unter anderem auch die Punkbewegung in ihren Botschaften missverstanden wurde, weil eben diese kritische Distanz von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wurde: „Sie paradierten in der Öffentlichkeit mit den Sex-Artikeln aus Porno-Läden, sie rückten die Massenproduktionen von Porno-Phantasien ins Blickfeld der Öffentlichkeit und versuchten, die entmenschlichende Wirkung dieser Phantasien durch Schock und Provokation aufzuheben.“ (Spengler (1987), S. 99)

Das wegen seiner sexuellen Anstößigkeit so heftig kritisierte Musikvideo „Dirrty“ (s. Abb. 1, links) von Christina Aguilera stellte nach eigenen Angaben der Sängerin einen Befreiungsakt dar, der sich gegen die Darstellung von Frauen als Sexobjekten wendete, indem es eine aktive weibliche Sexualität zeigte: „In dem Video bin ich kein bloßes Lustobjekt. Ich befreie mich einfach von allen Hemmungen.“ (MTV: TV Moments, Februar 2004) In Songs wie „Can’t hold us down“ von Christina Aguilera geht es dann explizit um die Doppelmoral der Gesellschaft in Bezug auf Geschlechterrollen.

Viele Texte von Antihelden enthalten Aussagen, die aus Sicht einer anderen Person geschrieben sind. Wenn James Maynard Keenan von Tool beispielsweise folgende Zeilen singt „What you need is someone strong to guide you. / Deaf and blind and dumb and born to follow, / What you need is someone strong to guide you. / Like me, like me, like me, like me.“ (Tool – Opiate), kritisiert er religiöse Authoritäten, und macht keineswegs Anstalten, sich zu einer Art Führerpersönlichkeit zu erheben.

Manche schockierenden Themen und Symbole werden von Antihelden auch nur benutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen und um sich für Jugendliche interessant zu machen (s. Kapitel 6.1.1). Die Diplomarbeit über Heavy Metal von Markus Becker enthielt folgende Aussage: „[Die] meisten Musiker [wollen] ihre „satanischen“ Aussagen nur als Werbegag verstanden wissen […] oder [meinen] sie jedenfalls nicht wörtlich […]. Daß Heavy-Rock-Fans durchaus in der Lage sind, zwischen werbewirksamen Image-Kampagnen und der Wirklichkeit zu unterscheiden, belegen Leserbriefe in Szene-Zeitschriften.“ (Becker (1998), S. 20) Ozzy Osbourne bspw., ehemaliger Leadsänger von Black Sabbath, gab zu, eigentlich christlich eingestellt zu sein. Für ihn waren die satanischen Symbole bloß Zeichen für eine generell gesellschaftskritische und rebellische Einstellung (vgl. Roccor (1998), S. 277).

Natürlich gibt es unter den Antihelden auch echte schwarze Schafe, die rassistische, sexistische und aufhetzerische Songtexte produzieren (vgl. Wehrli (2005), S. 209-248 und Moynihan / Søderlind (2002), Haus der Geschichte (2005), S. 143 ff.), und natürlich können nicht nur die Kritiker, sondern auch Fans die Songtexte von Antihelden auf negative Weise missverstehen (s. Kapitel 3.3, S. 30, Fußnote 13), aber diese Fälle sollten nicht zu generellen Vorurteilen gegenüber Antihelden und Fans von Antihelden führen.

Es lässt sich also Folgendes festhalten: „It is very hard to tell what these artifacts […] mean from a position outside the cultural community that has grown up around them. All we can see are the symbols; we can't really get at the meanings that are attached to them without opening some kind of conversation with the people who are using those symbols […] and who are deploying those media.“ (Jenkins (1999))

Um eine Antiheld-Fan-Beziehung besser zu verstehen, muss also die jeweilige Fangemeinde selbst befragt werden.

Aus diesem Grunde, erstellte ich einen Online-Fragebogen. Diesen stellte ich von November letzten Jahres bis Ende April dieses Jahres in deutsche und englische Foren von Fanwebsites der US-amerikanischen ‚Shock-Rock’-Gruppe Marilyn Manson (deren Name meist mit ihrem Sänger Brian Warner identifiziert wird) und der in Deutschland produzierten Heavy Metal Gruppe Exilia (s. Abb. 3).

Abb. 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Hilfe von Bekannten, die selbst Fans verschiedener Antihelden sind, habe ich absichtlich Fragen formuliert, die davon ausgehen, dass Antihelden von ihren Fans meist wesentlich positiver interpretiert werden, als von Außenstehenden.

Ich ging dabei davon aus, dass viele jugendliche Fans die Auflehnung gegen herrschende gesellschaftliche Werte und die düsteren Texte nicht als Aufruf zu Verantwortungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Aussteigertum etc. auffassen, sondern im Gegenteil sogar teilweise als Inspiration, die Gesellschaft zu verbessern und ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen (s. Kapitel 6.4 u.7.2).

Der Fragebogen (hier die deutsche Version):

1) Kannst Du Dich mit einem der Bandmitglieder / der Band / den Texten identifizieren? Wenn ja: Inwiefern? Wenn nein: Warum bist Du Fan der Gruppe?
2) Hat Dir die diese Gruppe – durch die Art der Musik, durch Texte, durch Aussagen in Interviews etc. – irgendwann einmal dabei geholfen, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen? Wie?
3) Hat die Gruppe (oder die Fangemeinde) vielleicht sogar irgendwann Bezugspersonen/Vertraute, die in der direkten Umgebung fehlen, ersetzt?
4) Kannst Du Dir vorstellen, dass Musikgruppen wie Exilia [bzw. Marilyn Manson] auf lange Sicht irgendwie einen positiven Effekt auf die Gesellschaft haben könnten? Wenn ja: Inwiefern? Wenn nein: Warum nicht? Oder: Unter welchen Bedingungen ja / nein ?

Meine Erwartungen an die Antworten formulierte ich in vier Thesen:

1) Der ‚Außenseiterstatus’ und die absichtliche Nonkonformität vieler Antihelden sind einigen Fans sympatisch. Wer selbst das Gefühl hat, nicht dazuzugehören oder wer der heutigen Gesellschaft skeptisch gegenübersteht, kann sich mit Antihelden teilweise identifizieren.
2) Antihelden, die meist offen von eigenen Kindheitsproblemen und anderen Krisen erzählen, ob in Interviews, Biographien oder Musiktexten, helfen manchen Fans, eigene Krisen besser zu bewältigen.
3) Antihelden können unter Umständen Bezugspersonen ersetzen, die in der direkten Umgebung fehlen (s. Kapitel 7.2).
4) Die Texte werden von manchen Fans als realitätsbewusstes und empathisches Gegenstück zu einer realitätsfremden und abgestumpften Gesellschaft angesehen. (Vgl. S. 14, Kapitel 6.4, Fanzitate auf S. 90 f.

Leider fand die Umfrage keine übermäßige Resonanz (nur 17 männliche und 29 weibliche Fans haben die Fragen beantwortet), so dass die Repräsentativität der Ergebnisse angezweifelt werden kann.

Allerdings hatte ich in meinem Forenbeitrag die Möglichkeit angegeben, meine Fragen zu kritisieren, was niemand getan hat. Außerdem haben viele der Antworten, die ich bekommen habe, meine Thesen bestätigt (s.u. S. 19 ff.). Folglich gehe ich davon aus, dass nicht meine Fragen in die falsche Richtung gingen, sondern, dass ich organisatorische Fehler begangen habe.8

Bilanz: Zwar sind die Ergebnisse der Online-Umfrage nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Fans der beiden Bands – geschweige denn für die Gesamtheit der Fans von Antihelden generell, aber eine Verallgemeinerung wäre auch bei einer höheren Beteiligung nicht möglich gewesen.

Dennoch bekam ich teilweise sehr beeindruckende Antworten, die ich an verschiedenen Stellen der folgenden Arbeit zitieren werde. Und in jedem Fall können die durchweg positiven Erfahrungen der befragten Fans die weitverbreitete Annahme, Antihelden seien Negativ-Vorbilder, relativieren.

Ergebnisse des Fragebogens: Die vier aufgestellten Thesen wurden im Großen und Ganzen bestätigt.9

Viele Fans (insgesamt 39 von 46) konnten sich mit der Außenseiterrolle der Antihelden identifizieren – einerseits aus eigenen Erfahrungen damit, nicht dazu zu gehören (s. Kapitel 5.2 und 6.2.3), andererseits aus einer geteilten kritischen Sicht der herrschenden gesellschaftlichen Zustände (s. Kapitel 3.2, 6.1.2 und 8.2).

Mehrere zogen aus dem Gefühl der Solidarisierung mit den Bands und/oder anderen Fans ein wachsendes Selbstwertgefühl, das ihnen half, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen (s. Kapitel 6.2.3, 6.2.4 und 6.4).

Manche hatten ähnliche Probleme, wie die Antihelden selbst in ihrer Jugend hatten und zogen daraus Kraft, mit ihren eigenen Krisen fertig zu werden. Besonders beeindruckend war die Tatsache, dass für sehr viele (immerhin 28 von 46) der befragten Fans die Fangemeinde bzw. die Band / der Sänger / die Sängerin eine Hilfe in Krisensituationen war, indem sie fehlende Vertrauenspersonen in der Umgebung ersetzten. Während also zwar nicht auszuschließen ist, dass Antihelden (und auch Fangruppen (vgl. Kapitel 3.3 und 7.1)) auch negative Auswirkungen haben können, dienen sie – bzw. ihre Fangemeinden – manchen Jugendlichen als Rückhalt (s. Kapitel 7.2).

Viele (37) der befragten Fans hatten zusätzlich das Gefühl, dass die Bands positive Anstöße zur Veränderung der Gesellschaft geben, indem sie auf Misstände aufmerksam machen und sich teilweise sogar selbst in Hilfsorganisationen und auf andere Weise engagieren (s. Kapitel 6.1.2 u. 6.4).

Es ist interessant, dass Bands, die von ihren Kritikern als ‚antisozial’ eingestuft werden, von ihren Fans ganz anders gesehen werden. Es bestätigt sich anscheinend, dass, wie in Kapitel 2.2 bereits vermutet, viele Kritiker durch ungenügende Beschäftigung mit dem Thema, Aussagen mancher Musiker/-innern und Bands missverstehen. Musiker und Fangemeinde konstruieren eine gemeinsame Symbolik, die von außen manchmal nur schwer zu lesen ist.

Dass die Fans einer Band die Texte und Aussagen ihrer ‚Idole’ positiv verstehen wollen, und negative Aspekte ignorieren oder zumindest nicht offen zugeben, spielt wohl eine weitere Rolle. Dennoch muss es immerhin einen Grund dafür geben, dass Jugendliche Fans bestimmter Bands werden, und sich von ihren Aussagen inspirieren lassen. ‚Antiheld’ ist jedenfalls keineswegs gleichbedeutend mit ‚Negativ-Vorbild’ (vgl. Kapitel 8.2).

Weitere Ergebnisse: Interessanterweise gab es erhebliche Unterschiede zwischen den männlichen und den weiblichen Fans. Während sich ausnahmslos alle befragten weiblichen Fans intensiv mit den Texten und den Aussagen, sowie den Biographien, der Musiker beschäftigten, war für die meisten männliche Fans die Musik an sich der Haupt- oder sogar der einzige Grund für die Bevorzugung der jeweiligen Musikgruppe (vgl. Kapitel 3 u. 5.1).

Einige jener männlichen Beantworter gaben an, die Musiker zwar dafür zu bewundern, immer wieder Kontroversen auszulösen (und dadurch so erfolgreich zu sein), sich selbst aber nicht für die Inhalte der Songs, geschweige denn für die Musiker und ihre Ansichten zu interessieren.

Diese Ergebnisse nahm ich, aufgrund persönlicher Erfahrungen mit männlichen und weiblichen Fans von Antihelden, nicht zum Anlass, daraus zu schließen, dass im Allgemeinen weibliche Fans mehr an den ‚Messages’ und männliche Fans mehr an den emotionalen und technischen Komponenten der Antihelden (vgl. Kapitel 3.1 und 5.1) interessiert sind10. Ich sah sie stattdessen als Beleg dafür, dass man aus sehr unterschiedlichen Gründen Fan von Antihelden sein kann (s. Kapitel 3).

Folgende wichtige Resultate ergeben sich also aus der Umfrage:

1) Fans interpretieren Antihelden oft ganz anders als Kritiker.
2) Antihelden haben durchaus positive Funktionen für ihre Fans.
3) Fan zu sein ist nicht gleichbedeutend mit einer Idolisierung der Musiker und einer Übernahme ihrer Ansichten.

3. Die unterschiedlichen Fans

3.1. Der selektive Fan

Fan-Sein kann im Extremfall die Bekenntnis zu einer bestimmten Subkultur und die Übernahme bestimmter Weltanschauungen und Werturteile bedeuten (s. Kapitel 3.3, vgl. Kapitel 3.2 und 8.2). Es kann für andere Jugendliche schlicht bedeuten, dass sie eine bestimmte Musikrichtung oder einen bestimmten Interpreten im Vergleich zu den meisten anderen Musikstilen bzw. Musiker(inne)n, aus welchen Gründen auch immer, lieber und öfter hören.

Die Aspekte der Antihelden, die am Häufigsten Mittelpunkt von Kritik sind – Inhalte von Songtexten, bestimmte Darstellungen in Videoclips und das Verhalten und/oder die Aufmachung der Musiker/-innen – werden also von manchen Fans wenig oder gar nicht beachtet.

Beispiel: „Dazu muß ich sagen, daß ich mit den texten [von Exilia] nicht in erster linie beschäftigt habe... […] – nachdem ich selbst semi-pro musiker bin, beobachte ich in erster linie die ausführung sowie abfolge und dann erst die lyrics!“ (Matthias S., Österreich)

Andere Fans sehen die kritisierten Aspekte sogar selbst als eher negativ oder zumindest suspekt an:

„The music is cool, I like the original sound of it, the bandmembers [= Marilyn Manson] seem to be a little weird and I wouldn’t dress like them, but the effects they use in their songs are great!“ (Christopher F., Australia)

„I like the drummer [von Marilyn Manson]. Although he’s a drug-addict and a wacko like the rest. Their sound is just awesome.“ (Alex P., USA)

Ein Heavy-Metal-Fan machte in einer Szene-Zeitschrift folgende Aussage: „Es fragt sich, wie man Manowar ernst nehmen soll. Ich frage mich: Wer WILL Manowar ernst nehmen? Die sind nun mal saukomisch, und das wissen sie selbst auch.“ (Rock Hard, S. 93).

Die Jugendpsychologen Bostic et al. bestätigen die Vielfalt des Fandaseins aus eigenen Erfahrungen mit Jugendlichen: “The adolescent may resonate with the persona of alienation, rage, or confusion depicted by an antihero, or with certain music or lyrics, or even with technical aspects such as videography or musical innovations.“ (Bostic et al. (2003))

Fan-Sein kann also völlig von den Texten und den Persönlichkeiten der Musiker unabhängig sein und beispielsweise einfach auf einer bestimmten emotionalen Klangqualität der Songs oder auf einer Bewunderung für die Innovativität der Musik oder für die Begabung der Musiker/-innen basieren.

Ein Exilia-Fan aus meiner Umfrage – selbst Bassist in einer Band – war beispielsweise von den Fähigkeiten der Musiker und vor allem von der Technik des (ursprünglichen) Bassisten begeistert, und beschäftigte sich beinahe ausschließlich mit dem Klang: „Ob der neue Bassist Random ersetzten kann ist fraglich, weil Mata einen etwas anderen Stil spielt als Random was sicher auch auf den Rest der Band wirken wird. Das neue Album ist zwar sehr gut geworden, jedoch bezweifle ich noch immer ob Mata in das bisherige Konzept der Band passt.“ (Philipp K., Deutschland) (Vgl. Kapitel 5.4.)

Fan-Sein kann also etwas sehr Selektives sein. So kann sich sogar jemand als Fan eines Antihelden betrachten, für den die Musik zweitrangig ist:

Eine junge Frau gab zu, dass sie vor allem deshalb Fan der Band ist, weil sie von der ungewöhnlichen Ästhetik der bildlichen Darstellungen und Musikvideos begeistert ist: „I think that Manson has discovered a different sense of beauty. His esthetic expresses inner qualities and feelings instead of remaining on the surface. I actually really like his videos and promo-shots better than his music.“ (Greta N., Finnland)

In der Tat sind manche Antihelden sehr kreativ bei der Gestaltung ihrer Musikvideos und der Werbe- und Albenphotos (vgl. Kapitel 6.3.1, S. 79 f.). Ihre Ästhetik wendet sich oft gegen konventionelle Vorstellungen von Schönheit und repräsentiert deswegen für manche Fans eine – oft auch von den Musikern selbst intendierte – Kritik an Oberflächlichkeit und Schönheitsidealen sowie eine Werbung für Individualität (vgl. Kapitel 5.4 und 6.2.3).

Auch das in Kapitel 2.2 auf S. 10 erwähnte Video zu dem Titel „Rock DJ“ von Robbie Williams (s. Abb. 1, rechts), in dem der Sänger sich bei einem Disco-Besuch nicht nur die Kleidung, sondern gleich auch Haut und Fleisch von Leib reißt, ist nach eigenen Angaben eine Kritik an herrschenden, sexuell und körperlich orientierten, Schönheitsnormen (MTV – Making the video).

Jugendliche sind also aus ganz unterschiedlichen Gründen Fans von bestimmten Antihelden oder Musikrichtungen. Dementsprechend wird gar nicht alles, was von Kritikern als schlechter Einfluss gesehen wird, von allen Fans wahr- oder ernstgenommen.

Wer eine konkrete Antiheld-Fan-Beziehung verstehen will muss also nicht nur die Symbolkultur der Pop-Kultur im Allgemeinen (s. Kapitel 2.3) sowie die von den jeweiligen Musiker/-innen und Fangemeinden konstruierte Symbolkultur berücksichtigen, sondern ganz individuell feststellen, was genau den Fan überhaupt an seinen / seinem favorisierten Antihelden interessiert.

Außerdem kommt zu der kollektiven Bedeutung von Inhalten und Symbolen innerhalb der Jugendkultur und den Fangemeinden eventuell noch eine individuelle Interpretation hinzu.

Spengler betont: „Ein Musikstück sagt nicht für alle Jugendliche das Gleiche aus, sondern wird im spezifischen Lebenszusammenghang gedeutet.“ (Spengler (1987), S. 138)

Manche Antihelden zeichnen sich dadurch aus, dass einige ihrer Texte besonders vielseitig interpretierbar sind. Wer sich nicht intensiv mit ihnen befasst, wird Schwierigkeiten haben, überhaupt einen Sinn zu verstehen, wer fantasievoll ist, findet die Vielseitigkeit der Texte möglicherweise besonders reizvoll, um sie als Spiegel eigener Emotionen und Ansichten zu nutzen (vgl. Kapitel 5.1). Ein junges Mändchen schrieb zu Marilyn Manson innerhalb meiner Umfrage: „I love his lyrics because they are written in a way that everyone can take them differently and relate to them in their own way. And even if you feel like it says one thing you can always come back and listen to it again and get another message from it.“ (Jennifer T., Ontario, Canada)

Auch visuelle Komponenten und die Persönlichkeit der Antihelden können für verschiedene Fans Unterschiedliches bedeuten. Manchmal werden Jugendliche beispielsweise von einem Teilaspekt der visuellen Darstellung oder der Musikerpersönlichkeiten angesprochen, weil sie bestimmte Gefühle, Erfahrungen oder Einstellungen mit ihnen assoziieren; über die intendierte Aussage bzw. über die restlichen Eigenschaften denken sie eventuell gar nicht weiter nach.

Sogar die Fans, die sich intensiv mit den Aussagen und Texten und den Musiker(inne)n befassen, machen dies häufig auf eine selektive Art und Weise.

Jenkins hat festgestellt, dass sogar sogenannte Hardcore-Fans11 in den seltensten Fällen mit den in der Pop-Kultur angebotenen Botschaften, ob nun aus Filmen, Songs, Comics oder anderen Quellen, völlig übereinstimmen: „I've observed in my research on media fandom that fan activity is born of a mixture of fascination and frustration. We are drawn to a particular media artifact because it seems to be the best available vehicle for exploring some issue that is deeply important to us, because it entertains us or provides us with pleasure in a way that most other available choices in the marketplace do not. If they did not fascinate us on some level, we would not devote so much of our attention and energy to them. But, if they did not frustrate us on some level, we would also not spend much time scrutinizing, critiquing, and rewriting them. These media artifacts don't fully meet our needs and so we're pushed towards a more intense and often a more critical engagement with them. […] And these competing feelings of fascination and frustration give rise to the fan websites that are becoming increasingly common on the web.“ (Jenkins (1999))

Jugendliche befassen sich also dann intensiv mit bestimmten Medien oder Medienpersönlichkeiten, wenn diese ihrer Ansicht nach im Vergleich zu anderen besonders gut bestimmte Gefühle und/oder Einstellungen ausdrücken können. Dass Antihelden mit ihrer Unkonventionalität Blickweisen und Inspirationen zu bieten haben, die ansonsten schwer zu finden sind, lässt sich leicht nachvollziehen (vgl. Kapitel 2.3).

Die Diskussionen auf Fanwebsites von Antihelden zeigen unter den stark involvierten Fans drei verschiedene Phänomene in Bezug auf den Umgang mit ihren favorisierten Musiker/-innen:

1) Tatsächlich enthaltene negative Aspekte (wie bspw. echte Gewalttätigkeit im Privatleben der Antihelden, Drogensucht, etc.) werden von manchen Fans absichtlich nicht beachtet. Botschaften in Songs und Videos, die sie selbst als unangenehm empfinden werden entweder auch ignoriert oder ‚uminterpretiert’.
2) Andere Fans betrachten die ‚Messages’ und Persönlichkeiten der Antihelden zwar als Inspiration, aber übernehmen sie nicht unkritisch. Sie sind in der Lage, Teile der Botschaften und verschiedene Eigenschaften von Antihelden getrennt von einander zu betrachten und zu bewerten.
3) Manchmal wechseln Fans im Laufe der Zeit vom defensiven (1) zum kritischen, ausdifferenzierten (2) Standpunkt (vgl. Kapitel 8.2).

Fan-Sein ist also selbst bei stark involvierten Fans oft etwas Selektives – bestimmte Aspekte der Antihelden werden individuell assoziiert und interpretiert oder, weil sie nicht in das postitive Bild des Fans von dem / den jeweiligen Antihelden passen, sogar bewusst ignoriert oder uminterpretiert.

Zudem gibt es sogar kritische Fans, die ganz bewusst manche der von Antihelden gelieferten Ideen und Inspirationen für sich übernehmen und andere ablehnen.

3.2. Der (un)kritische Fan

In Kapitel 3.1 habe ich beschrieben, dass die Jugendlichen, die sich überhaupt mit den Botschaften und Persönlichkeiten der Antihelden befassen, oft deshalb Fans von Antihelden werden, weil diese bereits existierende Empfindungen und Ansichten widerspiegeln (S. 25). Außerdem habe ich geschildert, dass solche Fans meist entweder selektiv oder sogar ausdifferenziert und kritisch mit den von Antihelden angebotenen Inhalten umgehen.

Wenn man bedenkt, dass Antihelden oft einen Gegenpol zu den verbreiteten gesellschaftlichen Meinungen bieten, kann man die Beschäftigung mit solchen Musiker(inne)n durchaus als etwas an sich Positives ansehen: Je größer das Spektrum an Ansichten ist, dass der Jugendliche / die Jugendliche im Blickfeld hat, desto objektiver kann sich dieser junge Mensch selbst eine Meinung bilden.

So schreibt auch ein Manson-Fan Folgendes zu meiner Frage, ob die Band eventuell positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben könnte: „Wenn die heutige Gesellschaft einsehen würde, dass es nicht verwerflich ist, anders zu sein, und Künstlern wie Marilyn Manson zuhören würde, dann würden die Texte Menschen mit anderen Meinungen [= anders als Mansons] zum Nachdenken anregen. Denn die Gesellschaft selbst kann nie so kritisch sein wie jemand der selbst nicht zu dieser Gesellschaft gehört oder gehören will. Da es keine objektive Meinung gibt, ist es wichtig so viele subjektive Eindrücke wie möglich zu sammeln.“ (Thomas W., Deutschland; vgl. Zitat auf S. 18 u.)

Antihelden hinterfragen die, sich zu großen Teilen selbst als selbstverständlich und ‚richtig’ auffassende, Stammkultur, ohne dabei notwendigerweise andere Normen und Werte als ‚richtig’ zu propagieren (vgl. Kapitel 8.2).

Beispiele:

„I find the answers aren’t so clear.“ (Linkin Park - One step closer)

„Speak for yourself or they’ll speak for you. / Boy who always did what he was told / Bought the only dream that he was sold.“ (Billy Talent – Burn the Evidence)

[...]


1 „Der Begriff >Idol< wird in der Regel – negativ assoziierend – auf Medien-Stars als Identifikationsmodelle für Kinder und Jugendliche bezogen.“ (Griese (2000a), S. 213.) Etwa seit Mitte des letzten Jahrhunderts gibt es solche medialen Jugendidole. Frühe Beispiele wären James Dean, Elvis, Marlon Brando und Jerry Lee Lewis.

2 „Adolescents often choose symbols to demark the differences between their generation and those who came before, whether those symbols are the zoot suits of the 1940s, the duck tails of the 1950s, the love beads of the 1960s, or the goth garb of the 1990s.“ (Jenkins (1999)) Vgl. Kapitel 2.2.

3 Shaw bezieht sich hier zwar auf Rockmusik, doch seine Aussage kann problemlos auf sämtliche unangepassten Jugend-Musik-Kulturen und die ihnen zu Grunde liegenden musikalischen Stilrichtungen ausgedehnt werden.

4 Die Pop-Kultur ist in diesem Zusammenhang jene, meist als anspruchsloses Entertainment abgetane, Sparte der Kunst der Gegenwart, die meist mit den neuen Medien zusammenhängt, und vor allem vom jüngeren Publikum rezipiert wird. In anderen Kontexten bezieht sich der Begriff auf die Gesamtheit der Jugend-Freizeit-Kultur, einschließlich Mode, Ausdrucks- und Verhaltensformen (vgl. Griese (2000b), S. 20).

5 Ich werde im Folgenden nur dort, wo es sinnvoll erscheint, einen Unterschied zwischen Musikern mit fiktiven „Onstage Personae“ und ‚echten’ Antihelden machen.

6 Dieser Begriff findet sich übrigens schon in dem Titel des Albums der ersten Punkband, den Sex Pistols: „Anarchy in the UK“ (1977).

7 Für eine genauere Behandlung des Begriffs Subkultur siehe Kapitel 3.3.

8 Fehleranalyse: Folgende Faktoren waren meiner Ansicht nach Hauptgründe für die geringe Beteiligung:
1) Nicht jeder, der Fan einer Gruppe ist, nimmt auch an Forendiskussionen auf Fanwebsites teil. Der Online-Fragebogen erreichte also unvermeidbar nur einen Teil der Fans.
2) Da Forenbeiträge nach Datum sortiert angezeigt werden, verschwinden sie für den, der das Forum nicht alle paar Tage besucht, schnell aus dem Blickfeld. Zwar habe ich alle zwei bis drei Wochen meinen Beitrag erneuert, aber dennoch haben ihn eventuell mehrere Fans einfach übersehen.
3) Die Fragen waren sehr komplex und forderten implizit – absichtlich – zu einer ähnlich komplexen Beantwortung auf. Viele werden einfach nicht die Lust gehabt haben, sich so intensiv mit einem Fragebogen auseinanderzusetzen.
4) Die Fragen betrafen je nach Fan eventuell sehr persönliche Themen, über die manche vielleicht nicht reden wollten.
5) Der Einfachheit halber hatte ich darum gebeten, mir die Antworten per E-mail zu schicken. Was für mich einfacher war, war für die Beantworter des Fragebogens umständlicher, als es eine Beantwortung innerhalb des Forums per persönliche Nachricht gewesen wäre.
6) Angesichts der weitverbreiteten Kritik an Antihelden haben einige Fans vielleicht vermutet, dass ich die Antworten in meiner Arbeit negativ auslegen würde.

9 Alle Beantworter des Fragebogens waren entweder immer noch Jugendliche oder waren zu dem Zeitpunkt Jugendliche, als sie Fan wurden. Zwischen den Exilia-Fans und den Manson-Fans konnte kein entscheidender Unterschied in Bezug auf die Antworten festgestellt werden – obwohl Exilia eine wesentlich gemäßigtere Band ist als Marilyn Manson, obwohl Exilia-Fans hauptsächlich deutsch sind, und obwohl die Bandmitglieder Marilyn Mansons sehr künstlich erscheinende Onstage Personae besitzen während Exilia sich auf der Bühne natürlich verhalten (vgl. Kapitel 2.1 und 6.2.2). Die 1. Frage wurde mit Ausnahme von 7 männlichen Fans (4 Manson-Fans, 3 Exilia-Fans) von allen (also 39 Beantwortern) bejaht. Jene 7 Fans gaben an, einfach bloß die Musik zu mögen. Die anderen konnten sich aus zwei verschiedenen Gründen mit den Texten oder Bandmitgliedern identifizieren: 1. Übereinstimmung in Bezug auf gesellschaftskritische Aussagen, 2. Vergleichbarkeit von eigenen Gefühlen und Problemen mit den in Texten und Interviews ausgedrückten Gefühlen oder Problemen der Bandmitglieder (v.a. der/die Sänger/in Brian Warner [Marilyn Manson] und Masha Mysmane [Exilia], die in Interviews meist im Vordergrund stehen und die meisten Texte schreiben). In 35 von 39 Fällen kam beides zusammen. Die 2. Frage wurde von allen weiblichen Fans bejaht. Viele beschrieben, dass sie in der Schule gemobbt wurden – und teilweise immer noch werden – und das Fandasein ihnen zu mehr Selbstbewusstsein und teilweise auch zu einem neuen Freundeskreis verholfen hat (vgl. Kapitel 5.2 und 7.2). 11 der 17 männlichen Fans antworteten mit Nein. Allerdings gaben zwei davon an, in Problemsituationen häufiger Heavy Metal oder andere laute Musik zu hören (vgl. Kapitel 5.1.1). 6 gaben zu, dass vor allem der Kontakt zu anderen Fans ihnen bereits in schwierigen Situationen geholfen hat. Die 3. Frage wurde von 26 weiblichen und 2 männlichen Fans bejaht. Sie gaben an, sich zeitweise von ihrer Umgebung unverstanden gefühlt zu haben (oder immer noch zu fühlen), und dass das Fansein ihnen das Gefühl gab bzw. gibt, nicht mit ihren Problemen allein zu sein (vgl. Kapitel 6.4 und 7.2). Die beiden männlichen Fans und 5 weibliche Fans betonten die Bedeutung der Fangemeinde, 14 weibliche Fans das Gefühl der Verbundenheit mit den Musikern selbst. Die anderen beschrieben beides als wichtig und hilfreich (s. Kapitel 6.4 für Zitate). Die 4. Frage wurde von vielen Fans (34) verneint. Interessanterweise gaben aber bis auf 9 (die keinen Grund angaben) alle als Grund dafür nicht die Antihelden, sondern Intoleranz und mangelndes Interesse seitens der Gesellschaft an. Beispiel: „I hope that Marilyn Manson could have a positive effect on society. But unfortunately I don’t think the world is ready to accept his inspiration yet. Maybe it never will be. But if people just listened and believed stopped setting themselves up for destruction then maybe people like Marilyn Manson could make a difference.“ (Jennifer T., Ontario, Kanada) Die 12 Fans, die die Frage bejahten oder zumindest nicht verneinten, zweifelten genauso an der Offenheit der Gesellschaft für neue Ideen, waren aber ein wenig optimistischer.

10 Der signifikante Unterschied zwischen den männlichen und den weiblichen Fans meiner Umfrage ist noch kein Beleg dafür, dass sich männliche Fans generell weniger mit den Texten und Aussagen ihrer Lieblingsmusiker befassen als weibliche: Möglicherweise sind Mädchen und junge Frauen eher dazu bereit, über persönliche Probleme zu reden als Jungen und junge Männer – dass würde erklären, warum involvierte männliche Fans nicht auf den Fragebogen geantwortet haben (s. Fehleranalyse in Fußnote 8). Viele der männlichen Beantworter gaben zu, dass ihnen der soziale Kontakt zur Fangemeinde über die Fanwebsite-Foren wichtig ist. Möglicherweise besuchen viele weibliche Fans, die sich nicht mit den Inhalten der Songs und den Musiker(inne)n befassen, keine Fanwebsite-Foren, sondern knüpfen an anderer Stelle soziale Kontakte. Die Antworten die ich bekam, beschrieben, dass männliche Fans eher über das Internet Freunde in der Fangemeinde gefunden, und weibliche Fans eher auf Konzerten andere Fans kennengelernt hatten. Außerdem legen Untersuchungen nahe, dass auch männliche Fans sich mit Texten und Aussagen von Antihelden auseinandersetzen (Roberts et al. (2003), S. 156); und ich nehme an, dass es genauso auch weibliche Fans von Antihelden gibt, die eine bestimmte Musikrichtung oder bestimmte Musiker favorisieren, ohne sich intensiv mit Texten und Musikerpersönlichkeiten auseinanderzusetzen. Ob es tatsächlich geschlechtsspezifische Tendenzen gibt, müsste über weitere Befragungen näher untersucht werden.

11 Hardcore-Fans sind Fans, die sich besonders stark involvieren, beispielsweise indem sie selbst Fanwebsites erstellen, in Foren intensiv über Inhalte und mögliche Aussagen des von ihnen gewählten Mediums oder Stars (ob nun in der Musik oder in anderen Bereichen der Pop-Kultur) diskutieren oder Fanclubs gründen.

Details

Seiten
114
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783656055419
ISBN (Buch)
9783656055273
Dateigröße
3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182064
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Antihelden Identität Identitätsbildung Pubertät Vorbild Amoklauf Gewalt

Autor

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Titel: Antihelden der Musikszene und ihre Bedeutung für jugendliche Fans