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Besser als ihr Ruf?!

Analysen zur sozialen Integration bildungserfolgreicher Jugendlicher mit Migrationshintergrund

Bachelorarbeit 2009 50 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1. ERLÄUTERUNGEN - „MIGRATION“ UND „INTEGRATION“
1.1 Migration
1.2 Integration
1.3 Persönliches Fazit

2. STUDIEN ZUR SITUATION TÜRKISCHER MIGRANTEN IN DER BRD
2.1 „Ungenutzte Potentiale“
2.2 Sinus Studie - „Migranten - Milieus in Deutschland“
2.3 Zwischenresümee

3. ANALYSE - BILDUNGSERFOLGREICHE JUGENDLICHE MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND
3.1 Darlegung akademischer Partizipation türkischer Jugendlicher an deutschen Hochschulen im WS 2007/08
3.2 Bedingungen erfolgreicher Integration - Theoretische Deutung
3.2.1 Eine defizitorientierte Perspektive in den Wurzeln der Forschung
3.2.2 Pierre Bourdieu - Kulturtheorie
3.2.3 Ein Versuch - Soziales Kapital als Ausweg
3.3 Typen bildungserfolgreicher Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund
3.3.1 Typ I : Die Kollektivisten
3.3.2 Typ II : Aktive Transformation

4. EXKURS - SITUATION UND RESSOURCEN BILDUNGSERFOLGREICHER JUGENDLICHER MIT TÜRKISCHEM MIGRATIONSHINTERGRUND

5. RESÜMEE

6. ANHANG
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Online-Quellen

Einleitung

Integration: Ein Begriff, der in Deutschland viel diskutiert und umstritten ist. Deutschland ist seit den 50er Jahren des letzen Jahrhunderts ein Einwanderungsland, das seine Türen durch die Anwerbung von Arbeitern aus verschiedenen Ländern für unterschiedliche Menschen weit geöffnet hat. So begann eine europaweite Migrationsbewegung nach Deutschland, die trotz des Anwerbestopps 1973 nicht verhindert werden konnte und Zuwanderer und damalige Gastarbeiter ihre Familien und Verwandtschaft nachholten, obwohl die Vorstellung einer Rückkehr seitens des Staates, aber auch seitens der Zuwanderer selbst immer gewahrt worden ist.

Heute sieht die Lage der damaligen Gastarbeiter und heutigen „Migranten“ ganz anders aus. Die Familien haben sich innerhalb der deutschen Gesellschaft etabliert und die Sozialisation ihrer Kinder hat sich hier vollzogen. Und nun wird nicht mehr über die Rückkehr, sondern über die misslungene Integrations- und Ausländerpolitik diskutiert. Denn nach der Einreise der Gastarbeiter wurden keine weiteren Vorkehrungen für ihre Integration getroffen. Jedoch sind insbesondere seit der PISA-Studie 2003, die die Folgen dieser Versäumnisse in der zweiten und dritten Generation der damaligen Gastarbeiter aufzeigte, verschiedene Ansätze, insbesondere in der Bildungsforschung, etabliert worden, wie Sprach- und Förderprogramme in den Kindertagesstädten und Grundschulen. Allerdings ist dadurch die Integrationsproblematik trotzdem nicht gelöst. Denn das allgemeingültige gesellschaftliche Bild der heutigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist in den öffentlichen Medien und der Politik derart verzerrt, dass dennoch in der Wahrnehmung der Menschen keine interkulturelle Perspektive eröffnet werden kann.

Daher sollte trotz der vielen Integrationsprobleme von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund in erster Linie der Begriff der Integration geklärt werden. Denn in der immer währenden Debatte um die Integration der zweiten und dritten Generation stellt sich heute die Frage, was eigentlich Integration ist und wovon sie abhängt? Ich selbst bin Kind einer Gastarbeiterfamilie. Ich wurde in Deutschland geboren und bin hier aufgewachsen. Ich denke aber nicht, dass mir als Tochter eines Gastarbeiterhaushaltes, von Migranten oder Eltern mit Migrationshintergrund derselbe Status zugewiesen werden darf, wie meinen Eltern. Als eine in Deutschland sozialisierte Studentin mit einem türkisch- kulturellen Hintergrund wurden mir auf meinem Weg immer die Frage der Integrationsproblematik und die Abschottung von der Gesellschaft von türkischen

Jugendlichen, wie z. B. die in Berlin Kreuzberg, gestellt. Auch in den Medien und in der Politik wird dieses Problem häufig zum Gegenstand der Diskussion. Allerdings: ein Lösungsansatz ist nicht in Sicht, ebenso wenig wie eine vorurteilsfreie analytische Betrachtung. Schlagwörter, wie Kriminalität, Benachteiligung, Ghettobildung, Bildungsverlierer und zuletzt in einer Studie aus 2009 „Integrationsverlierer“, sind es, die in den öffentlichen Medien und in der Gesellschaft insbesondere mit Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund assoziiert werden. Innerhalb dieser Problematik fühle ich mich jedoch in meiner derzeitigen Rolle nicht angesprochen.

Daher werde ich in meiner Arbeit den Begriff der „Integration“ anhand der zwar kleinsten, aber dennoch vorhandenen Gruppe der akademisch bildungserfolgreichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund erneut diskutieren. Dazu wird sich der Blick auf die türkische Herkunftsgruppe richten, die in der derzeitigen Integrationsdebatte, auch aufgrund ihrer Größe, zum zentralen Themenschwerpunkt wird.

Dazu wird zunächst in Kapitel 1 eine Begriffserläuterung zur Einführung in die Thematik vorgenommen. Die Bandbreite der Begriffe der Migration und Integration reicht von normativen, über wertenden bis hin zu moralischen Interpretationen. In meiner Arbeit möchte ich daher dieses Deutungsfeld aussparen und mich ausschließlich auf eine wertungsfreie Definition beziehen. Des Weiteren werden in Kapitel 2 Studien zur Lage der Migranten in Deutschland vorgestellt. Dabei wird der Blick auf die türkische Einwanderergruppe gerichtet, um die derzeitig herrschende Wahrnehmung der Bevölkerung aus zwei Blickwinkeln darzulegen.

Kapitel 3 befasst sich mit dem Hauptteil der Analyse der vorliegenden Arbeit. Zunächst soll im ersten Abschnitt die aktuelle Datenlage der türkischen Studierenden in Deutschland dargestellt werden. Abschnitt zwei beschäftigt sich dann mit Forschungsansätzen aus der Bildungsforschung. Hier wird der Frage nachgegangen, welche Ausgangslagen zur Analyse der Bildungssituation von Migranten verfolgt und ob dabei mögliche Perspektiven unbeachtet gelassen werden. In der theoretischen Deutung werden daher zum einen aktuelle Forschungsansätze und zum anderen die Kulturtheorie von Pierre Bourdieu vorgestellt, um eine defizitorientierte Perspektive der Bildungsforschung darzulegen. Davon ausgehend wird der Sozialkapitalansatz vorgestellt, der die Ressourcen der Migranten zum Vorschein bringt und damit einen Perspektivwechsel ermöglicht. Hier ist zu bemerken, dass dieser Abschnitt der Dissertation von Ulrich Raiser zugrunde liegt. Raiser hat sich im Rahmen seiner Untersuchung mit der Frage der bildungserfolgreichen Jugendlichen mit türkischem oder griechischem Migrationshintergrund beschäftigt. Sein Versuch war dem Phänomen des Erfolgs von Menschen aus der bildungsfernen Schicht, sprich Arbeiterklasse, gewidmet. Daher stellt seine Arbeit ein wesentliches Fundament für die vorliegende Analyse dar.

Kapitel 3 endet mit der Vorstellung von zwei Typen, die dem Ansatz des Sozialkapitals zugrunde liegen und damit dessen Richtigkeit verifizieren.

Zuletzt soll in Kapitel 4 ein kurzer Exkurs stattfinden, der die aktuelle Situation und Einstellungen türkischer Studierender darlegt. Darauf aufbauend werden ihre Ressourcen und Potenziale im Hinblick auf die Integrationsproblematik und dessen Relevanz für die Gesamtgesellschaft betrachtet. Mit dem Hinweis auf die in Kapitel 2 vorgestellten Studien wird dies anhand eines Integrationsindikators beispielhaft demonstriert.

Schließlich endet die Arbeit mit einem einheitlichen Resümee und meinen persönlichen Gedanken zur vorliegenden Thematik.

1. Erläuterungen - „Migration“ und „Integration“

Weltweit werden die Probleme von so genannten Migranten diskutiert. Auch die deutsche Gesellschaft setzt sich mit dieser Tatsache auseinander und muss sich nun mit der Integrationsproblematik einer Migrationsbewegung des letzten Jahrhunderts befassen. Um sich dieser Thematik zu öffnen, werden im Folgenden die Begriffe „Migration“ und „Integration“ näher definiert. Dabei ist zu beachten, dass die Inhalte beider Begriffe eine historische und gesellschaftliche Komplexität beinhalten. Daher wird der Begriff der Migration auf historischer und internationaler Wahrnehmung aufgegriffen.

Da der Terminus der Integration auf verschiedenen Bedeutungsebenen auch moralisch aufgewertet ist, kann er nicht auf sachlicher Basis definiert werden. Deshalb werde ich bei meinen Ausführungen eine Definition vorstellen, die meiner Meinung nach die Komplexität und die Fülle der Integrationsproblematik transparent macht.

1.1 Migration

Der Begriff „Migration“ kommt ursprünglich von dem lateinischen Wort „migrare“ bzw. „migratio“ und bedeutet „wandern, wegziehen, die Wanderung“. Er ist in die Kategorie „Bewegung und Veränderung“ einzuordnen und schließt in diesem Sinne alle räumlichen und sozialen Aspekte mit ein (Vgl. Schöpe-Kahlen 2005, 17).

Im sozialwissenschaftlichem Verständnis wird der Begriff ab 1950 durch die räumliche Bewegung, die durch mindestens einen einjährigen Wohnortwechsel gekennzeichnet ist, definiert. Ab 1960 wurde unter „Migration“ ein Wohnortwechsel von länger als fünf Jahren verstanden. Die UN empfiehlt jedoch für die internationalen statistischen Erfassungen, dass durch „Migration“ ein Wohnortwechsel von einem Jahr beschrieben wird, der sich bis außerhalb der Landesgrenze erstreckt.

Deutschland, ein Land, das sich schon seit 1950 dem Faktum „Migration“ konfrontiert sieht, kapselt sich allerdings von den jeweiligen Begriffsdeutungen ab. Die Dauerhaftigkeit ist hier durch den Wechsel des Wohnsitzes bestimmt, welches schon durch einen Gemeindewechsel bedingt ist. Dabei ist zu beachten, dass die räumliche Bewegung zwischen zwei Gemeinden durch den Wechsel der politischen Zuständigkeit der Wohngemeinde gekennzeichnet sein muss.

Warum die „Bewegung“ in Raum und Ort stattfindet, ist dabei nicht von Bedeutung. Denn „Migration“ ist ein Produkt, das durch das Zusammenspiel von mehreren Faktoren, wie z.B. kultureller, politischer, religiöser, wirtschaftlicher, demographischer, ökologischer oder sozialer Art, bedingt ist. Somit ist Migration als multikausal zu verstehen. Dabei ist die Wirkung der einzelnen Faktoren, „(…) die sowohl auf der gesellschaftlich strukturellen als auch auf der pers önlich individuellen Ebene angesiedelt werden k önnen.“ (Han 2005,

8), kaum differenziert zu benennen (Vgl. ebd.)

Im wissenschaftlichen Diskurs wurden drei Perspektiven unterschieden, die für die Motivation zur räumlichen Bewegung von Personen und/ oder Personengruppen lange Zeit ausschlaggebend waren. So geht die anthropologische Sicht von einem „inneren Drang des

Menschen“ (Böhning 1984, 12; In: Schöpe-Kahlen 2005, 20) aus, der von den

nomadischen Vorfahren vererbt sei. Nach der industriellen Revolution entfernt man sich allmählich von dieser Vorstellung und die Migration wurde mehr und mehr als „( … ) Kennzeichen der modernen Welt ( … )“ (Schöpe-Kahlen 2005, 20) verstanden. Dem Trägheitsprinzip zufolge ist die Beibehaltung der Gewohnheiten erwünscht. Die Migration erfolgt demnach nur durch einen materiellen, sozialen, religiösen, politischen oder ähnlichen Zwang und nicht durch den eigenen Willen.

„In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion ist man davon abgekommen, ausl ösende Motivationen und Auswirkungen von Migrationsbewegungen theoretisch begr Ünden zu wollen, denn die strukturellen Vorgaben und subjektiven Beweggr Ünde sind zu vielfältig und fragmentiert, als dass sie sich in Modellen zusammenfassen liessen.“ (ders. 21)

1.2 Integration

Der Begriff „Integration“ gehörte in den letzten Jahren zu den Top-Themen der Politik und Soziologie. Nicht nur diese Bereiche, sondern auch andere beschäftigen sich dauerhaft mit der Problematik, wie und wie weit Personen oder Personengruppen in ein Gesamtsystem eingegliedert werden können. Begriffe wie Assimilation, Akkulturation und Eingliederung werden mit Integration auf verschiedenen Ebenen gleichgesetzt. Daher spielt die Definition bzw. die inhaltliche Deutung des Begriffs eine wesentliche Rolle beim Versuch einen Diskurs herzuleiten.

Aufgrund der Fülle von Deutungsversuchen und Meinungen zu diesem Begriff habe ich mich auf eine Stellungnahme reduziert, um der Komplexität der normativen Ausprägungen nicht zu verfallen. Daher wird im Folgenden versucht, den Begriff in Anlehnung an die Definition von Heinz Fassmann (In: Oberlechner, M. 2006, 225ff.) allgemein zu erläutern.

Integration kommt aus dem Lateinischen „ integer“ und bedeutet „(…) Herstellung oder Bildung des Ganzen, Vervollständigung, Eingliederung in ein größ eres Ganze(...). “ (ders., 226) Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch gehört der Integrationsbegriff zu denen, die „( … ) inhaltlich dehnbar und anpassungsfähig und im gängigen Sprachgebrauch bis zur Unkenntlichkeit verwaschen.“ (ders., 225) sind. Der Begriff steht für unterschiedliche analytische und normative Konzepte zur Eingliederung von Personen und/ oder Personengruppen, welches sowohl für die vollkommene Anpassung als auch für eine einfache Eingliederung stehen kann. „ Über den Modus, als auch Über das Ausmaßan Eingliederung und Einbindung sagt der Begriff zunächst nichts aus.“ (ders., 226)

Integration beruht auf der Bildung eines Ganzen, das durch die wechselseitige Beziehung einzelner Einheiten bedingt ist. Fassmann zufolge stuft die Intensität dieser Beziehung die Integrationsformen ab und bildet somit unterschiedliche Kategorien. Darüber hinaus sei die Integration auf zwei Ebenen zu betrachten. Die gesellschaftliche Ebene zeigt, inwiefern Personen und Personengruppen die Perspektive auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt und die politische Partizipation richten und sich somit in das institutionelle Gefüge einbinden können. Diese Perspektive bezeichnet die „Systemintegration“. Zum anderen beschäftigt sich die Sozialintegration mit den unmittelbaren Motiven und Beziehungen der einzelnen Akteure und somit mit der individuellen Eingliederung in gesamtgesellschaftliche Bezüge. Bei Zuwanderern ist die Sozialintegration von der Intensität ihrer Beziehung zu der Herkunftskultur, aber auch zu der Aufnahmegesellschaft abhängig. Daraus resultierend bilden sich vier Felder und unterschiedliche Kategorien der Integration.

Zum einen die Marginalität, wenn die Beziehung weder zur Aufnahmegesellschaft geknüpft, noch die Beziehung zur Herkunftskultur beibehalten werden konnte. In diesem Fall liegt hier eine klare Desorientierung und Randständigkeit vor. Eine weitere Kategorie stellt die der Segmentation dar . Dabei wird die Beziehung zur Herkunftskultur beibehalten, aber der Kontakt zur Aufnahmegesellschaft bleibt aus. Hier besteht eine klare einseitige Orientierung mit festen Wurzeln. Zum dritten kann eine Mehrfachintegration vorliegen, wenn die Beziehung zu beiden Seiten aufrechterhalten wird. Diese Mehrfachorientierung liegt vor, wenn eine Mehrsprachigkeit, die Mischung der sozialen Bezugssysteme und eine multiple Identität gegeben sind. Und zuletzt die Assimilation. Dabei wird neben einer starken Beziehung zur Aufnahmegesellschaft die Beziehung zur Herkunftsgesellschaft aufgegeben. Der Zuwanderer wird zum Einheimischen und gleicht sich bestmöglich an die jeweilige Gesellschaftsstruktur an (Vgl. ders., 225ff.).

Welche dieser Formen von der Gesellschaft, Politik und den Zuwanderern erwünscht ist, weiß man nicht genau. Denn in der gegenwärtigen Diskussion hat gehen die Vorstellungen von Integration weit auseinander.

1.3 Persönliches Fazit

Die vorliegenden Erläuterungen sind im eigentlichen Sinne ein Produkt aus verschiedenen Erklärungsansätzen. Denn obwohl ein oder mehr Autoren zur Erläuterung hinzugezogen worden sind, hat sich ergeben, dass die Vielfältigkeit dieser Begriffe einer historischen und gegenwärtigen Debatte zugrunde liegt. Daher wurde der Begriff der Migration nur wörtlich aufgefasst. Denn in der gegenwärtigen globalisierten Welt nimmt jede einzelne Bewegung einen migrationsspezifischen Gesichtspunkt an. Dennoch ist die Annahme, dass ein Gemeindewechsel, der Tatsache der Migration gerecht werden könnte im Angesicht der historischen Sichtweise nicht akzeptabel. Denn die heutige deutsche Gesellschaft besteht bis zu 20 Prozent aus Menschen mit Migrationshintergrund, deren Leben durch ihre Wanderung von Grund auf beeinflusst wurde und nach wie vor wird. Ihr Wohnortwechsel ist nicht nur durch eine Entfernung von einer Gemeinde, gemessen durch den Wechsel einer politischen Zuständigkeit, sondern von einem Lebenswandel jeglicher Art gekennzeichnet.

Der Begriff der Integration wurde nach demselben Verfahren erfasst. Aus der vorliegenden Erläuterung unterteilt sich der Begriff in vier Kategorien: der Marginalität, der Segmentation, der Mehrfachorientierung und der Assimilation. Demzufolge kann der gegenwärtige Diskurs zur Integration von Gruppen mit Migrationshintergrund nicht pauschal bewertet werden. Denn die Entscheidung einer Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, sei es der Herkunftsgesellschaft oder der Aufnahmegesellschaft, wird von den Werten und Normen des kulturellen Bewusstseins der einzelnen Akteure bestimmt. Die Forderung einer Integration in die Aufnahmegesellschaft erfordert daher eine spezifischere Deutung. Denn nicht allzu wenig wird Integration im Sinne einer „Assimilation“ gefordert und eine „Segmentation“ verurteilt, obwohl eine „Mehrfachorientierung“ zwar vorhanden ist, aber nicht ausreichend kenntlich gemacht werden kann. Das Resultat dieses Dilemmas ist meist eine „Marginalität“ der Akteure, aufgrund einer defizitären Zugehörigkeit zur Herkunftskultur und mangelnden Aufnahmebereitschaft der Aufnahmegesellschaft.

2. Studien zur Situation türkischer Migranten in der BRD

In den letzten Jahren wurden immer wieder Studien zur gesellschaftlichen Integrationslage oder zu einzelnen Teilbereichen bezüglich Migranten geführt. Die Ergebnisse dieser Studien fließen mit unterschiedlichen Schwerpunkten in die Politik und in die Medien ein und beeinflussen die gesellschaftliche Wahrnehmung gegenüber den Migranten. Einer der letzten und in den Medien weit verbreiteten Studien ist die Migranten-Studie des Berlin-Instituts. Sie sorgte für viel Aufsehen um die Situation einzelner Herkunftsgruppen, wie z. B. der jugoslawischen oder afrikanischen, aber insbesondere der türkischen Migranten. Eine weitere Studie ist die des Sinus-Sociovision Institutes in Heidelberg. Auch sie hat eine Milieustudie zu Menschen mit Migrationshintergrund durchgeführt, die viele negative Klischees über Migranten relativieren konnte. Beide Studien sollen im Folgenden anhand der Angaben einzelner Institute vorgestellt werden.

2.1 „Ungenutzte Potentiale“

Im Januar 2009 veröffentlichte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie, die die unterschiedlichen Herkunftsgruppen anhand eines Indikatoren-Katalogs näher analysiert. „ Ungenutzte Potentiale - Zur Lage der Integration in Deutschland“ (Berlin-Institut, 2009) heißt die Studie und soll eine differenzierte Betrachtung der Migrantengruppen ermöglichen.

„Welche Gruppen von Zugewanderten sind wo, in welchem Ausmaßund auf welche Weise integriert, und warum ist das so?“ (ders., 5), lautet die Frage, an der sich das Forschungsteam orientiert. Es wurde ein statistischer Index, „Index zur Messung der Integration“ (im Folgenden IMI), entwickelt, der von Seiten des Instituts aus 20 Indikatoren zusammengestellt worden ist. Dabei orientiert sich die Studie an den Ergebnissen des Mikrozensus 2005, und verteilt diese auf eine Notenskala der Indikatoren, aus der letztlich eine Benotung von eins (schlecht) bis acht (gut) resultiert. Ziel ist es, die Erfolge und Schwachpunkte bei der Integration bestimmter Herkunftsgruppen herauszufiltern, um aus den Erfolgen zu lernen und Fehler künftig zu vermeiden.

Zugewanderte sind im Durchschnitt schlechter gebildet, häufiger arbeitslos und nehmen weniger am öffentlichen Leben teil, als die Einheimischen.“ (ders., 6), heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Studie resümierend. Mit Zugewanderten sind die vier Millionen Aussiedler und drei Millionen Türken gemeint, die die größten Einwanderergruppen in Deutschland darstellen. Darüber hinaus werden in der Studie weitere Gruppen, wie aus den 25 EU-Ländern, den Südeuropäern, aus dem ehemaligen Jugoslawien, dem Fernen und Nahen Osten und den afrikanisch Stämmigen, aufgezählt. Es wird auch der Begriff der gelungenen Integration näher betrachtet. Demnach ist unter Integration, der rechtlich-soziale Status, der Bildungsstand und die Erwerbsbeteiligung sowie das Einkommen und das gesellschaftliche Engagement zu verstehen. Typisch sei jedoch die Inklusion in Teilbereichen, die die Studie anhand der IMI näher betrachten möchte. Um eine gelungene Integration dieser Gruppen zu überprüfen, wurden vier Bereiche betrachtet: rechtlich-kulturelle Assimilation (d. h. das vollständige Aufgehen einer Gruppe in der Aufnahmegesellschaft) , Bildung, Erwerbsleben und soziale Absicherung. „Von erfolgreicher oder gelungener Integration wird hier jedoch erst dann gesprochen, wenn Migranten sich in allen Bereichen dem Durchschnitt der Einheimischen annähern.“ (ders., 10) Dabei wurden die Ergebnisse der Studie herkunftsspezifisch zusammengefasst, wie anhand der folgenden Tabelle hervorgeht.

(ders., 49)

Laut den Ergebnissen sind Türken, Jugoslawen und Afrikaner in fast allen Bereichen von einer gleichberechtigten Teilhabe entfernt und schneiden damit in der Studie am schlechtesten ab. Dabei ist „ Mit Abstand am schlechtesten integriert ( … ) die Gruppe mit t Ürkischem Hintergrund.“ (ders., 7)

Als Grund hierfür wird angegeben, dass die damaligen Gastarbeiter mit einem sehr niedrigen Bildungsniveau eingereist sind und dessen Wirkung sich in Form von geringer Bildungsmotivation derzeit immer noch in der jüngeren Generation äußert. Obwohl die jüngere Generation heute das Abitur doppelt so oft nachweisen kann als die damaligen Zuwanderer, stehe der Wert 50 Prozent unter dem Niveau der Einheimischen (Vgl. ebd.).

„In keiner anderen Herkunftsgruppe finden sich mehr Menschen ohne Bildungsabschluss (30 Prozent) und weniger mit einer Hochschulberechtigung (14 Prozent).“ (ders., 36) Ein besonderer Nachteil der Gruppe sei ihre Größe. Aufgrund dessen entstehen Ballungsgebiete in Städten, wo sie leicht untereinander bleiben können. Für türkische Frauen, die neu zugewandert und dazu nicht erwerbstätig sind, erschwere dies das Erlernen der deutschen Sprache, womit, laut Studie, auch den Kindern eine wesentliche Vorraussetzung für die Integration in die Gesellschaft fehlt.

Ein weiterer Indikator der Studie ist die Bereitschaft zu bikulturellen Ehen. Dabei seien türkische Migranten mit 93 Prozent die am meisten untereinander heiratenden Migranten. Dies zeige die Distanzierung von der Mehrheitsgesellschaft, was auch die Entstehung von Parallelgesellschaften zur Folge haben kann (Vgl. ders., 7).

Auch im Bereich der Einbürgerung zeigen die türkisch Stämmigen mit bisher 37 Prozent Eingebürgerten „( … ) die geringste Tendenz zur Assimilation.“ (ders., 36) Im Erwerbsleben schneiden die Frauen und Jugendlichen als Verlierer der Studie ab. Des Weiteren liegt die Hausfrauenrate bei türkischen Migranten bei 40 Prozent und damit zweieinhalb Mal höher als bei Einheimischen (Vgl. ders. 37, 53). Trotz höherer Bildung seien mehr Migranten als Einheimische erwerbslos. Auch bei Jugendlichen liegt eine vergleichsweise höhere Erwerbslosigkeit vor, als bei der älteren Generation. Zwar sinkt die Jugenderwerbslosenquote „( … ) in der zweiten Generation deutlich, bleibt aber insgesamt auf hohem Niveau. “ (ders. 37)

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Details

Seiten
50
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656056263
ISBN (Buch)
9783656056119
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182058
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Erziehungswissenschaft und Psychologie
Note
2,0
Schlagworte
besser analysen integration jugendlicher migrationshintergrund

Autor

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Titel: Besser als ihr Ruf?!