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Die Autobiographie - zur Geschichte und Theorie einer Gattung

Unter Berücksichtigung der autobiographischen Werke Lara Cardella "Volevo i Pantaloni" und Dacia Maraini "Bagheria"

Hausarbeit (Hauptseminar) 1995 33 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung und Entwicklung der Autobiographie

3. Die Genese der Schreibsituation

4. Die Typen der Autobiographie
4.1 Zur Definition des Typus ‚ Erzählende Autobiographie‘: Dacia Maraini Bagheria
4.2 Zur Definition des Typus ‚ Bekennende Autobiographie‘: Lara Cardella Volevo i Pantaloni

5. Die Identität zwischen Autor, Erzähler und Figur

6. Das Verhältnis des Autors zum Textgegenstand

7. Das Verhältnis zwischen Autor und Leser
7.1 Die Aufrichtigkeitsregel
7.2 Die Fehlbarkeit der Erinnerung
7.3 Der Aspekt der Authentizität bei Maraini
7.4 Der Aspekt der Authentizität bei Cardella

8. Schlußbemerkung

9. Bibliographie

1. Einleitung

Die Autobiographie gehört "zu den Neubildungen höherer Kulturstufen," schreibt Georg Misch "und doch ruht [sie] auf dem natürlichsten Grunde, auf dem Bedürfnis nach Aussprache und dem entgegenkommenden Interesse der anderen Menschen, womit das Bedürfnis nach Selbstbehauptung der Menschen zusammengeht; sie ist selber eine Lebensäußerung, die an keine bestimmte Form gebunden ist... Ihre Grenzen sind fließend, lassen sich nicht von außen festhalten und [erwachsen] aus einer [individuell] erlebten Wirklichkeit..."

Bemerkenswert ist, daß sich die Autobiographie ihrem Namen und Wesen nach einer eindeutigen Definition zu entziehen scheint. So be- schränkt sich meine Arbeit an dieser Stelle zunächst darauf, den Begriff an sich in seinen griechischen Bestandteilen zu übersetzen: die Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto). Die Bezeichnung "Autobiographie" tauchte jedoch erst Ende des 18. Jahrhunderts zunächst in der deutschen, dann in der englischen Literatur auf und verdrängte bald den aus dem Französischen entlehnten Ausdruck "Memoiren."1

Nach einem kurzen Abriß der Gattungsgeschichte, soll im folgenden das Wesen der Selbstbiographie unter sprachlichen und literaturpragmatischen Gesichtspunkten vorgestellt werden. Eine praktische Umsetzung erfahren die theoretischen Richtlinien mittels der ausgewählten Modelltexte Dacia Maraini Bagheria und Lara Cardella Volevo i pantaloni.

2. Die Enstehung und Entwicklung der Autobiographie

Die Autobiographie stellt eine rein europäische Literaturgattung dar.

"Sie ist," so Pascal, "eine Schöpfung der abendländischen Kultur und beginnt im Grunde mit Augustin." Augustins Confessiones (397-398) beschreiben den geistig-seelischen Entwicklungsprozeß des Autors bis hin zur eigenen Persönlichkeitsfindung. Die Höhen und Tiefen dieser Entwicklung schreibt Augustin einzig und allein Gott zu, war es doch Augustins wichtigstes Ziel, ein Zeugnis Gottes zu schaffen.

Zwar sind bereits seit dem Klassischen Altertum aus der römischen und griechischen Literatur Zeugnisse von autobiographischen Aussagen bekannt, die von Begebenheiten und Begegnungen mit dem eigenen Ich berichten, doch entbehren diese noch jenes Lebensgefühls, das sich durch ein "Gefühl für die Bewegung in der Zeit, für Geschichte, das Bewußtsein eines inneren Kräftestromes, der bei Gelegenheiten, die an sich alltäglich sind, zutage tritt und ihnen Bedeutsamkeit verleiht"2 – ein Gefühl, das erstmals in Augustins "Bekenntnissen" zutage tritt. Seine Selbstdarstellung ist konkret perspektivisch: Geschehnisse, die Stationen seines geistigen Wachstums repräsentieren, manifestieren sich in Folge von Abläufen zu bestimmten Zeitpunkten und an bestimmten Orten, die er dann entsprechend der persönlichen Bedeutungstiefe zu einer Einheit verknüpft. Gattungstheoretisch sieht Misch somit "die Einheitlichkeit menschlicher Existenz" und "die strukturelle Gesetzmäßigkeit" der Autobiographie erstmals in Augustins "Bekenntnissen" verwirklicht.

Die Objektivität früherer Literaturen, die "den Geist widerspiegeln, wie er sich ausbreitet über die Außenwelt und nicht, wie er sich in seine eigenen Gedanken und Gefühle versenkt," wird von der in Augustins religiöser Selbstbiographie neu hinzugetretenen subjektiven Lebensbetrachtung verdrängt.3 Zunehmende Emotionalität läßt die Autobiographie nicht nur zum wahren Kunstwerk avancieren, sondern sollte selbst im 19. und 20. Jahrhundert in seiner frühen Reife noch vielen Autobiographien Modell stehen.4 Es ist "diese Intensität, [die] bekundet, daß es sich hier nicht um bloße Erinnerung des Vergangenen handelt, vielmehr um ... eine neue schöpferische Erfahrung des Autors, in der er sich selbst auf eine neue Art begreift, sich neu gestaltet und wiedergestaltet."

Die Einzigartigkeit der Autobiographie Augustins liegt nicht in den religiösen, psychologischen oder historischen Dimensionen, sondern vielmehr in der Tatsache, daß der Leser an einer vollständigen Abfolge von Erfahrungen teilnimmt.

Über ein Jahrtausend hin hatte Augustins Werk keinen vergleichbaren Nachfolger. Die religiösen Autobiographien des Mittelalters sind ungenau in ihrer Beobachtung der Außenwelt und können das äußere Leben und die innere Erfahrungswelt der Person nicht aufeinander beziehen. Die Werke bleiben häufig belehrend und werden niemals im subjektiven Sinn bekennerisch. Nur langsam beginnt sich die religiöse Erfahrung von dem Individuum zu lösen.5

Erst mit der Renaissance – zur Zeit des aufblühenden Frühkapitalismus - beginnt sich die Autobiographie als Gattung in den Stadtrepubliken Italiens zu etablieren.6 Petrarcas Brief an die Nachwelt (1351) leitet das neue geistige Zeitalter mit den Worten, "die Nachwelt will vielleicht wissen, was für ein Mensch ich war und wie es meinem Werken ergangen ist" ein. An die Stelle der Erforschung der Seele tritt die Idealisierung des eigenen Wesens, die die tatsächliche Wirklichkeit nicht selten zu verbergen sucht.

Obwohl Kritiker seinem Brief an die Nachwelt den Wert einer echten Autobiographie abgesprochen, begründet Petrarca doch das Interesse an den "inneren Dimensionen des Ich, das nicht aus irgendeiner äußeren Notwendigkeit entspringt, aus Selbstverteidigung oder was immer es sein mag, sondern aus einem Zwang, über sich selbst nachzudenken." Der religiöse Aspekt tritt weiter in den Hintergrund: die Seele müsse mehr gepflegt, denn gerettet werden.

Im 16. Jh. finden die neuartigen Tendenzen Petrarcas Gehör von den drei großen Autobiographen Benvenuto Cellini, Girolamo Cardano und der Heiligen Teresa. Sie alle drei bedienen sich in der Beschreibung ihrer geistigen und seelischen Welt konkreter Details der äußeren Umstände, die ihren Lebensweg begleitet haben.

Cellinis Autobiographie, entstanden zwischen 1558 und 1566, zeichnet sich durch eine ausgesprochene Offenheit in der kombinierten Darstellung von Geschichte und Kunst seiner Werke, seiner Persönlichkeit und Gesellschaftsgeschichte aus. Die Erlebnisse werden kontinuierlich und dramatisch erzählt, zusammengehalten "von den Empfindungen, Vorstellungen und geistigen Reaktionen eines in sich geschlossenen, deutlichen Charakters." "Er verbirgt nichts," sagt Pascal, "doch kann Cellini von sich selbst und seiner Eitelkeit nicht genug Abstand gewinnen, um kühl die Wahrheit über Situationen und Motive zu wägen."

Die Frage nach der Identität des alten und jungen Menschen wird zum zentralen Moment seines Werkes und sollte einen der entscheidenden Antriebe der folgenden modernen Autobiographien sein: "dieser Gedanke beschäftigt mich gegenwärtig," gesteht Cellini, "da ich im achtundfünfzigsten stehe und mich hier in Florenz mancher Widerwärtigkeit wohl erinnern mag..."

Während Cellini das eigene Ich seiner atemlosen Erzählung über die Phantasie begreifen und vergegenwärtigen läßt, lernt der Leser den Autobiographen Cardanos in dessen Werk Eigene Lebensbeschreibung

(1575) ausschließlich über den Verstand kennen. Cardano geht es in erster Linie darum, die "Wahrheit seiner Person, seiner Gefühle, Antriebe und Ideen" zu ergründen. Er sucht seine Psyche selbst zu analysieren, betrachtet kritisch seine guten und schlechten Eigenschaften und kommt letztendlich zu der Erkenntnis, daß sich die "Essenz" seines Ich jeglichem Definitionsversuch entziehen muß. Diese Undefinierbarkeit des wahren Wesens "ist ein Teil von mir," sagt er, "dessen Wesen ich aber nicht bestimmen kann. Und ich bin es selbst, wenngleich ich mir nicht bewußt bin, daß eine derartige Kraft aus mir selbst entsprungen ist..."

Das Leben der heiligen Teresa wiederum, geschrieben zwischen 1563 und 1565, fügt der Autobiographie einen neuen Aspekt hinzu: beharrlich und energisch prüft sie ihre positiven religiösen Erfahrungen und verfährt dabei nicht statisch wie größenteils Cardano, sondern historisch in Form einer lebendigen, dramatischen Erzählung. Stellt man einen Vergleich zu Augustin an, so steht nicht mehr der Bericht von grundlegenden Auffassungen des eigenen Glaubens im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Analyse des Gemütszustandes und, wie in ihrem Fall, die Möglichkeit der Selbsttäuschung durch etwaige Visionen.

Die folgenden zweihundert Jahre sollten diesen großen Autobiographien nichts Vergleichbares bieten. Das 17. Jahrhundert ist die Zeit der Memoiren- und Tagebuchschreiber, aber nicht der Autobiographie. Das klassische Zeitalter der Autobiographie setzt erst mit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, der Epoche der Aufklärung ein. Die drei großen Schriftsteller Rousseau, Goethe und Wordsworth läuten den "Durchbruch der Autobiographie als ein bedeutendes Element in der Entwicklung des Selbstbewußtseins und der Selbstverwirklichung des europäischen Mittelstandes, ... der sich von den Wertmaßstäben und Formen einer aristokratischen Kultur befreit und kühn in seine eigenen geistigen Grundlagen eindringt" ein.

Rousseaus Confessions (1782-1789) lassen die Suche nach dem wahren Ich unter dem Aspekt der Selbstfindung wieder aufleben. Die Frage nach der Persönlichkeit wird nicht mehr von Begriffen der objektiven Leistung des Individuums, sondern eher von dem sich manifestierenden Gefühl, mit der eigenen inneren Natur eins zu werden, geleitet. Das psychologische und moralische Interesse an der Autobiographie tritt in den Vordergrund. Das Ich entdeckt und behauptet sich nach dem Prinzip der Treue zu sich selbst.

Neu ist hier auch das Motiv der Apologie und der Selbstrechtfertigung, die, so schreibt Rousseau, "alle die Umstände meines Lebens [braucht], um in Wahrheit offenbar zu werden." In dem Bestreben, sich "in der ganzen Naturwahrheit" zu zeigen, erzählt er "das Gute und das Böse mit dem gleichen Freimut..." Die Autobiographie scheint die Aufgabe einer Beichte zu übernehmen, und ein Vergleich zu Augustins Confessiones liegt nahe, mit dem Unterschied, daß Rousseau von den Sünden gegen seine eigene Person und nicht gegen Gott spricht.7

Einen Übergang von Rousseau zu Goethe bildet gewissermaßen die von 1798 bis 1805 in Gedichtform geschriebene Autobiographie von Wordsworth. The Prelude, or the growth of a poet's mind gleicht Rousseaus Confessions insofern, als Wordworth an der Tiefe individueller Persönlichkeitsstruktur festhält, die sich selbstlos im Unterbewußtsein des Menschen behauptet. Diese Ehrfurcht vor einer Kraft im Inneren, die den alltäglichen Erfahrungen ihren tieferen Sinn gibt, geht weit über Rousseaus Darstellung der Persönlichkeitsentfaltung hinaus. Die so geschaffene individuelle Einzigartigkeit verleitet Wordsworth dazu, aus seinem Leben einen wahren Mythos zu schaffen. Dieser stilisierte Mythos ist der Sinn seiner Autobiographie.8

In Goethes Dichtung und Wahrheit (1811-1833) ist nicht mehr ausschließlich die Kraft des Inneren für die Einzigartigkeit des Individuums verantwortlich, sondern vielmehr die Wechselwirkung zwischen äußerem Geschehen und Angeborenem. Goethe erklärt diese Gedanken zum philosophischen Mittelpunkt seines Werkes:

"...ich [bemühte mich], die inneren Regungen, die äußeren Einflüsse, die theoretisch und praktisch von mir betretenen Stufen der Reihe nach darzustellen..., denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt - und Menschenansicht daraus gebildet, und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen spiegelt..."

Das Leben ist für Goethe ein unendlicher Prozeß der Wandlung, in dem der Mensch immer wieder neu geformt wird, und so kehrt auch sein Werk am Ende nicht zum Ausgangspunkt zurück. Die Handlung schreitet unaufhaltsam fort und schließt unbestimmt.

Das Fundament der Autobiographie scheint gelegt, ein Fundament, das in den folgenden Epochen nur noch geringfügig modifiziert werden sollte. Die Autobiographie erlebt sich jetzt bewußt als literarisches Genre, das Goethes Gefühl für die Wandlung und Entwicklung des Ichs im Zusammenspiel mit äußeren Lebensumständen bewahrt. Das bewußte Erleben von Veränderungen, oder wie Pascal es nennt, das "historische Bewußtsein," großenteils als Folgeerscheinung der durch die Industrialisierung bedingten schnellen Umgestaltung der abendländischen Gesellschaft auftretend, wird im 19. Jahrhundert zum Grundgedanken der modernen Autobiographie. Das Individuum der Selbstbiographien begreift sich fortan als Repräsentant eines allgemeinen gesellschaftlichen Prozesses.

[...]


1 Georg Misch, "Begriff und Ursprung der Autobiographie," Die Autobiographie: zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, hrsg. Günter Niggl (Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1989) 36, 38, 46.

2 Roy Pascal, Die Autobiographie: Gehalt und Gestalt ( Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 1965) 33-34.

3 Misch 52.

4 Jürgen Kuczynski, Probleme der Autobiographie (Berlin und Weimar: Aufbau -Verlag, 1983) 15.

5 Pascal 35-36.

6 Bernd Neumann, Identität und Rollenzwang - zur Theorie der Autobiographie (Frankfurt/Main: Athenäum Verlag, 1970) 109.

7 Pascal 38-46, 49, 54-58.

8 Kuczynski 26-27.

Details

Seiten
33
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783656059608
ISBN (Buch)
9783656059431
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182040
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Romanisches Seminar
Note
3,0
Schlagworte
Theorie und Gattung der Autobiographie Lara Cardella Dacia Maraini Volevo i pantaloni Bagheria

Autor

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