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Armutsbeseitigung durch Mikrokredite?

Eine Beurteilung des „Social Business“ von Muhammad Yunus im Unterschied zum „Profit Business“

Bachelorarbeit 2011 52 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aufbau und Ziel der Arbeit

3 Der Vater des „Social Business“ - Muhammad Yunus

4 Daten und Fakten zu Bangladesch
4.1 Grundlegende Gegebenheiten
4.2 Die ökonomische Entwicklung Bangladeschs

5 Die Grameen-Bank - keine Bank wie jede andere
5.1 Die Entstehung der Grameen-Bank
5.2 Das Prinzip Grameen - Struktur und Kreditvergabe
5.3 Die Finanzierung der Grameen-Bank
5.4 Weitere Merkmale der Grameen-Bank
5.5 Die Mitgliederentwicklung der Grameen-Bank
5.6 Verpflichtungen der Kreditnehmer der Grameen-Bank
5.7 Die unterschiedliche Kreditwürdigkeitsprüfung

6 Mikrokredite
6.1 Die Grundidee der Mikrokredite
6.2 Die Ziele der Mikrokredite
6.3 Unternehmensformen der Mikrokreditinstitutionen
6.3.1 Das Unternehmen ASA
6.3.2 Das Unternehmen SKS - Hilfe für die Armen?
6.4 Problemfelder für Mikrokredite
6.5 Die Wirkung von Mikrokrediten

7 Social Business vs. Gewinnmaximierung
7.1 Social Business: Zusätzlich oder Ergänzend?
7.2 Wirtschaftliche Vorteile des Social Business
7.3 Social Business in der Praxis
7.3.1 Das Telekommunikationsunternehmen Grameen Phone
7.3.2 Adidas und BASF - Hilfe für die Armen
7.3.3 Joint Venture zwischen Danone und Grameen

8 Zusammenfassung und Diskussion

9 Literaturverzeichnis V

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Mitgliederzahlen der Grameen-Bank

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich zwischen Bangladesch und Deutschland

Tabelle 2: Beispielrechnung zur Kreditzinssatzberechnung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Eine Bank ist eine Einrichtung, von der sie sich Geld leihen können - vorausgesetzt, Sie können nachweisen, dass Sie es nicht brauchen.“1 Dieses Zitat von Mark Twain scheint auf den ersten Blick sehr verwundernd, trifft die Problematik jedoch auf den Punkt. Arme Menschen werden von den Banken nicht mit Darlehen versorgt, obwohl diese einen Kredit am dringendsten brauchen könnten. Ihnen wird von Seiten des Insti- tuts die Kreditwürdigkeit abgesprochen, da es ihnen an Sicherheiten, welche im Falle eines Ausfalls verwertet werden könnten, mangelt.2 Wer jedoch das Darlehen absi- chern kann, benötigt es eigentlich nicht, denn er verfügt dann über genügend finanziel- le Mittel. Da die benachteiligten Menschen von Finanztransaktionen jeglicher Art aus- geschlossen sind - vielen wird sogar die Eröffnung eines Kontos verwehrt - haben sie keine Möglichkeit, aus eigener Kraft der Armut zu entkommen.3 Auf Grund dessen bleibt den armen Menschen nur die Wahl zwischen der Resignation bezüglich der mangelnden Unterstützung oder aber der Flucht in die Hände von privaten Geldverlei- hern, um dort ein (sehr teures) Darlehen für die Materialbeschaffung aufzunehmen, damit sie ihre selbständige Tätigkeit, wie beispielsweise das Anfertigen von Bambus- stühlen, aufrecht erhalten und ein kleines Einkommen generieren können.4 Der Frie- densnobelpreisträger Muhammad Yunus erkannte diese Problematik und suchte nach Wegen, den benachteiligten Personen in diesem Bereich helfen zu können. Nach an- fänglicher Bürgschaft von Yunus gegenüber den Banken, was allerdings keine Dauer- lösung darstellen konnte, gründete er ein eigenes Institut, die Grameen-Bank, welche die Darlehen ausgibt. Die Bürger unterhalb der Armutsgrenze benötigen lediglich ge- ringe finanzielle Mittel um der Armut zu entkommen, weshalb Yunus ihnen sogenannte Mikrokredite gewährt. Diese werden ohne Sicherheiten ausgegeben, wobei die Emp- fänger ausschließlich in Armut lebende Bürger sein sollen.5

Die Grameen-Bank verfügt außer der Vergabe von speziellen Kleinkrediten über eine weitere Besonderheit. Wie Yunus feststellte, kann man „eine Firma schaffen, die den Armen dient und bei der Profit ein Nebenprodukt ist, nicht das Ziel.“6 Hintergrund hier- für ist, dass in Ländern mit kapitalistisch orientierten Unternehmen sowohl wirtschaftli- cher, als auch technologischer Aufschwung zu verzeichnen ist, jedoch dies nicht welt- weiten Nutzen schafft und teilweise sogar negative Entwicklungen generiert oder diese vergrößert. Dadurch öffnet sich die Schere zwischen arm und reich zunehmend.7 Der Betrieb des Friedensnobelpreisträgers stellt eine neue Unternehmensform dar, welche das bisher bekannte Gefüge der reinen Gewinnorientierung ergänzen soll. Das soge- nannte Social Business geht über die Profitmaximierung als alleiniges Ziel hinaus; der Gründer visiert ganz bestimmte Verbesserungen, vor allem im sozialen Bereich an.8

2 Aufbau und Ziel der Arbeit

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Unterstützung der benachteiligten Men- schen in Form von Mikrokrediten, wie es beispielsweise die Grameen-Bank verwirk- licht, zu erläutern und zu bewerten, ob mit Hilfe dieser Vorgehensweise die Beseitigung der globalen Armut bzw. deren Eindämmung möglich ist. Auf die Vergabe dieser Klein- kredite liegt der Fokus dieser Arbeit, wobei im weiteren Verlauf auch auf das Social Business von Muhammad Yunus eingegangen wird. Diese neue Art des unternehmeri- schen Handelns, bzw. die Firmenstruktur wird ausführlich erläutert und dahingehend beurteilt, ob dieses als Ergänzung oder als Ersatz zum bestehenden, kapitalistisch orientierten Geschäftsmodell dienen kann.

Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich dahingehend, dass zunächst der Pionier des Social Business, sowie der Gründer der Grameen-Bank Muhammad Yunus vorgestellt wird, gefolgt von der wirtschaftlichen Entwicklung seines Heimatlandes Bangladesch. Im Anschluss daran wird in Kapitel 5 ausführlich auf die Grameen-Bank eingegangen; sowohl die Entstehung und die Struktur des Unternehmens, als auch die Vorgehens- weise bei der Kreditvergabe und vor allem die Unterschiede zu konventionellen Ban- ken wird erläutert. In Kapitel 6 werden die Ideen, welche der Vergabe von Kleinkrediten zu Grunde liegen, vorgestellt, sowie die unterschiedlichen Unternehmensformen von Mikrokreditinstitutionen. Nachfolgend daran wird der Fokus auf das Social Business von Muhammad Yunus gerichtet. Speziell der Vergleich zum bisher bekannten, profit- orientierten Firmenmodell soll in diesem Bereich betrachtet werden, darüber hinaus soll auch der Praxiseinsatz dieser Art aufgezeigt werden.

3 Der Vater des „Social Business“ - Muhammad Yunus

Muhammad Yunus wurde am 28. Juni 1940 in Chittagong, einer Stadt in Bangladesch, als Sohn eines Goldschmids geboren. Im Jahr 1966 begann er sein Studium der Wirt- schaftswissenschaften an der Vanderbilt University in Tennessee (USA), an welcher er auch drei Jahre später promovierte. Nach seiner Tätigkeit an der Middle Tennessee State University kehrte er im Jahre 1972 nach Bangladesch zurück; er wurde Professor an der Universität seiner Geburtsstadt. Die in seinem Heimatland vorherrschende Ar- mut, von welcher er während seiner Tätigkeit an der Hochschule, in der er nur Kinder aus gut betuchtem Elternhaus lehrte, abgesondert war, beschäftigte Muhammad Yu- nus sehr, weshalb er 1976 eine Bank für die Armen, die Grameen-Bank ins Leben rief und diese weiter ausbaute. Im weiteren Verlauf war er international als Berater für Mik- rokredite gefragt, ab dem Jahr 1996 auch für die Regierung Bangladeschs.9

Er erreichte einen hohen Bekanntheitsgrad durch sein Projekt, armen Menschen über Darlehen aus der Armut zu helfen. Außer der Grameen-Bank gründete er weiterhin auch die Grameen Trust, eine Stiftung, deren Ziel darin besteht weltweit Mikrokreditbanken zu errichten, um das Projekt auch auf andere Länder zu übertragen, sowie weitere Grameen-Unternehmen, wie beispielsweise einer Telekommunikationsfirma (Grameen Phone) oder Grameen Shikka, der Bildungsförderung armer Bevölkerungsschichten. Muhammad Yunus wurde für sein Lebenswerk im Dezember 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, was seinen Stellenwert in Bangladesch enorm ansteigen ließ.10 Er vertritt die Auffassung, dass alle Bürger die Möglichkeit haben sollten, einen Kredit aufzunehmen, wobei er ausdrücklich das gegenleistungsfreie Überlassen von liquiden Mitteln in Form von Schenkungen ablehnt.11

4 Daten und Fakten zu Bangladesch

Muhammad Yunus startete sein Projekt des Social Business nicht von ungefähr in Bangladesch. Zum einen ist es sein Heimatland, in welchem er geboren wurde und aufgewachsen ist, auf der anderen Seite ist die wirtschaftliche Lage in katastrophalem Zustand. Einen Überblick über die Situation in dem, im Südosten Asiens gelegenen Land, soll im Nachfolgenden gegeben werden.

4.1 Grundlegende Gegebenheiten

Das von muslimischer Religion geprägte Land Bangladesch ist in seiner Entwicklung gegenüber einem Land wie beispielsweise Deutschland sehr weit hinterher. Eindrucksvoll veranschaulicht wird dies durch die Tatsache, dass im Heimatland des Friedensnobelpreisträgers annähernd jeder zweite Bürger mit einem Alter von über 15 Jahren weder schreiben noch lesen kann.12 Die nachfolgende Tabelle stellt verschiedene Bestimmungsgrößen Bangladeschs dar. Zur Verdeutlichung und Einschätzung soll zu Vergleichszwecken die Zahl von Deutschland dienen.

Tabelle 1: Vergleich zwischen Bangladesch und Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung13

Im Vergleich der beiden Länder wird deutlich, dass auf etwa der Hälfte der Fläche ca. doppelt so viele Menschen in Bangladesch leben. Die Tendenz dieser Entwicklung verschärft diese Quote jedoch, da in Deutschland die Zahl der Einwohner in den letzten Jahren stetig abnahm.14

4.2 Die ökonomische Entwicklung Bangladeschs

Nach dem Vergleich mit Deutschland soll nun die wirtschaftliche Situation bzw. die Entwicklung von Bangladesch näher erläutert werden. Im Laufe des letzten Jahrzehnts machte das Land gute ökonomische Fortschritte. So wurde ein durchschnittliches Wirt- schaftswachstum von etwa fünf bis sechs Prozent pro Jahr erreicht, obwohl die politi- sche Rahmenordnung nicht vollständig intakt war bzw. nicht die notwendige Stabilität aufwies.15 Dieses Wachstum zeigt sich auch bei einem Blick auf die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts von Bangladesch. Im Verlauf der Jahre 2004 bis 2009 stieg dies kontinuierlich an.16 Durch die sehr hohe Bevölkerung im Land beträgt das Pro-Kopf-BIP allerdings lediglich 23.620 Taka, was umgerechnet etwa 322 USD ent- spricht.17 Das BIP wird hauptsächlich im Dienstleistungs- sowie im landwirtschaftlichen Sektor erwirtschaftet, insbesondere dadurch, dass fast die Hälfte der Einwohner des Landes im Agrarbereich beschäftigt ist. Wenn man die bereits genannte hohe Bevölke- rungsdichte berücksichtigt, erscheint die Arbeitslosenquote in Bangladesch äußerst gering; diese lag 2010 bei knapp unter fünf Prozent. Allerdings lässt diese Zahl nur auf den ersten Blick einen positiven Schluss zu. Sehr viele Arbeiter im Land sind unterbe- schäftigt, d.h. sie könnten viel mehr arbeiten, da sie derzeit nur wenige Stunden pro Woche im Dienst sind, bei dementsprechend niedriger Bezahlung.18 Dieses geringe Einkommen hat auch Auswirkungen auf die Wohlstandsverhältnisse der Bürger. So lebten im Jahr 2005 etwa 40 Prozent der Einwohner unterhalb der nationalen Armuts- grenze. Es ist jedoch ein positiver Trend zu verzeichnen, da diese Quote im Kontrast zum Vergleichsjahr 1990 um ca. 15 Prozentpunkte gesenkt werden konnte. Dennoch ist das Ziel immer noch in weiter Ferne; die Vereinten Nationen möchten diesen Anteil auf unter 30 Prozent bis zum Jahr 2015 senken, was sie im Rahmen der Millenniums- Ziele vereinbart hatten.19

Ein weiteres ökonomisches Problem betrifft das Staatsdefizit von Bangladesch, an welchem unbedingt anzusetzen ist. Die öffentliche Verschuldung betrug im Jahr 2010 ca. 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und ist im Vergleich zu 2009 zwar auf einem stabilen, allerdings viel zu hohem Niveau. Damit einher geht auch eine sehr erhebliche Inflationsrate im Land, welche nun bei über acht Prozent liegt und allein zwischen 2009 und 2010 um die Hälfte gestiegen ist.20

Hinsichtlich der Mikrokredite von Muhammad Yunus sei ein Vergleich gestattet, wel- cher ein Pluspunkt für das Projekt darstellt. Der Friedensnobelpreisträger gibt die Quo- te der Kredite, welche vollständig zurückgezahlt werden mit 99 Prozent an (siehe auch Kapitel 5.2). Die positive Entwicklung im Bereich der Darlehen wird dadurch verdeut- licht, dass im Jahr 1993 weniger als ein Fünftel der vergebenen Kredite bedient wur- de.21

5 Die Grameen-Bank - keine Bank wie jede andere

Die Grameen-Bank in Bangladesch vergibt Kredite an Privatpersonen und verlangt diese mit Zinsen zurück, was auf den ersten Blick kein außergewöhnliches Arbeitsge- biet für ein Finanzdienstleister bzw. Kreditinstitut darstellt. Die Vorgehensweise, aber im Besonderen auch die Zielgruppe der Kreditnehmer verdeutlicht, dass es sich bei der von Muhammad Yunus ins Leben gerufene Institution um eine besondere Bank han- delt.

5.1 Die Entstehung der Grameen-Bank

Bevor die Unternehmung von Muhammad Yunus im Jahre 1983 die Bezeichnung Bank tragen durfte, war bereits viele Jahre früher die Idee geboren, den Menschen aus är- meren Bevölkerungsschichten zu helfen. Als im Jahre 1974 in seinem Heimatland Bangladesch zusätzlich zu einem bestehenden Bürgerkrieg eine fürchterliche Hun- gersnot ausbrach, wurde Yunus auf die bestehende Situation im Land aufmerksam und stellte fest, dass eine große Differenz zwischen dem universitären Leben im Hörsaal, in dem er als Dozent über ökonomische Themen referierte und dem realen Leben auf den Straßen, bei welchem täglich Millionen von Menschen um das nackte Überleben kämpften, vorlag.22

Das Konzept seiner Dorf-Bank, was Grameen-Bank übersetzt bedeutet, startete 1976, als er mit seinen Studierenden das Dorf Jobra besuchte und in Erfahrung bringen woll- te, inwiefern es möglich ist, den Armen zu helfen.23 Er traf dort auf eine Frau, Sufia Begum, welche sich der Problematik gegenüber sah, dass sie Stühle und Hocker aus Bambus fertigen konnte, allerdings über keine eigenen finanziellen Mittel verfügte, um sich die Materialien, die sie zur Produktion benötigt, kaufen zu können. Den einzigen Ausweg, dennoch mit dem Herstellen der Stühle beginnen zu können, sah Begum da- rin, sich von Geschäftemachern Geld zu leihen um im Gegenzug die Stühle zu einem sehr günstigen Preis an diese zu verkaufen und überdies noch Zinsen für den Kredit zu bezahlen.24 Die Situation von Sufia Begum war jedoch kein Einzelfall - Yunus und sei- ne Studierenden trafen im weiteren Verlauf ihrer Exkursion insgesamt 42 Korbflechte- rinnen, die allesamt mangels Liquidität außer Stande waren, eigenständig Rohstoffe einzukaufen und sich damit in der Abhängigkeit der Geldverleiher befanden. Der Ge- samtbetrag, den diese Arbeiterinnen benötigten um Bambus einzukaufen und aus den Fängen der Verleiher zu entkommen betrug 27 USD, bei einem täglichen Verdienst von ca. 0,02 USD. Yunus selbst entschied sich dafür mit seinem privaten Geld diesen Weberinnen zu helfen und gab ihnen den Kredit.25 Dadurch sah Yunus eine Möglich- keit, wie er den ärmsten Menschen der Bevölkerung helfen konnte; das Konzept für die Grameen-Bank war erschaffen.

5.2 Das Prinzip Grameen - Struktur und Kreditvergabe

Das seit 1983 unter dem Namen Grameen-Bank firmierende Unternehmen hat sich zur Aufgabe gemacht, Kredite an Menschen zu vergeben, die aus armen, um nicht zu sa- gen ärmsten Bevölkerungsschichten stammen, damit diese sich durch Selbständigkeit und damit unternehmerischen Handelns aus der Armut befreien und sich von Geldver- leihern losreißen können.26 Die Eigentumsverhältnisse der Bank sind ebenso bemer- kenswert wie die Zielgruppe der Kredite; 7 % der Anteile sind in der Hand der Regie- rung Bangladeschs, die restlichen 93 % besitzen die Kreditnehmer. Wer also einen Kredit bei der Grameen-Bank aufnimmt ist zugleich auch am Mikrofinanzinstitut betei- ligt.27 Die Kleinkredite werden fast ausschließlich an Frauen vergeben, da man vermutet, dass diese geflissentlicher mit dem ausgegebenen Geld umgehen würden. Dafür spricht die niedrige Quote der notleidenden Kredite; diese liegt nach Angaben von Muhammad Yunus bei 1 %.28

Die Kreditvergabe ist an einige Auflagen geknüpft, welche sichergestellt sein müssen, ehe das Geld an die Menschen ausbezahlt wird. Diese Vorschriften sind nötig, da auf Sicherheiten jeglicher Art - die ärmsten Bevölkerungsschichten verfügen schlicht und ergreifend nicht darüber - verzichtet wird. Eine konventionelle Bank verlangt Sicherhei- ten, um im Falle eines Kreditausfalls zumindest einen Teil des Darlehens an Sachge- genständen verwerten zu können.29 Die Kreditvergabe beim Yunus-Modell basiert demnach zu einem sehr großen Anteil auf dem Vertrauen, das den Kreditnehmern von der Grameen-Bank entgegengebracht wird.30 Ein Kredit wird nur dann gewährt, wenn sich eine Gruppe von fünf Personen zusammenfindet, welche sich regelmäßig zu Dis- kussionen und Gesprächen trifft.31 In dieser Runde wird ein Kreditgesuch eines Mit- glieds besprochen und bewertet, sowie ob dieses befürwortet wird. Darüber hinaus wird auch darauf geachtet, ob der jeweilige Kreditnehmer den Kredit auch bedienen kann; ein wichtiger Gesichtspunkt, da bei Ausfall des einzelnen Schuldners die Gruppe bürgt (solidarische Haftung). Obwohl jeder einzelne Kreditnehmer persönlich ein Dar- lehen aufnimmt (individuelle Haftung), muss gewährleistet sein, dass er einer solchen Gruppe angehört. Bei Grameen achtet man deshalb auf die Bildung einer solchen Ge- meinschaft, damit die Zahlung der Tilgung sowie der Zinsen der Kreditnehmer regel- mäßig geleistet werden.32 Diese Gruppenzugehörigkeit sorgt auch dafür, dass die Rückzahlung der Darlehen sehr gut verläuft und damit auch das Konzept der Mikrokre- dite so erfolgreich ist, da ohne den vorhandenen Gruppendruck manche Tilgungszah- lung vernachlässigt werden könnte. Es wird in der Gruppe darauf geachtet, dass die Zahlungen rechtzeitig erfolgen.33

Die äußerst ausgeprägte Kontrolle der vergebenen Darlehen bzw. der Rückzahlung der Tilgungsraten in Verbindung mit der vergleichsweise niedrigen Quote an notleiden- den Krediten lässt die Ableitung zu, dass das Leben in Armut nicht unmittelbar mit feh- lender Kreditwürdigkeit zusammenhängt. Ein armer Mensch kann sehr wohl in der La- ge sein, einen aufgenommenen Kredit mit Zinsen zurückzuzahlen.34

Die ausgegebenen Kredite unterscheiden sich hinsichtlich der Verwendung in drei un- terschiedliche Arten: Darlehen die als Start-Up für ein Unternehmen dienen, also die Mikrokredite im eigentlichen Sinne, werden zu einem Zinssatz von 20 %, Kredite, die für den Hausbau verwendet werden zu 8 %, sowie Bildungskredite für die universitäre Ausbildung werden zu 5 % ausgegeben.35 Die Überwachung bezüglich des Einsatzes des Kredits obliegt der Grameen-Bank, wobei auch die Tilgungshöhe und -zeitpunkte für jeden Kreditnehmer spezifisch verhandelt und vereinbart werden.36 So besteht für den Schuldner auch die Möglichkeit, in Zeiten geringeren Einkommens seine Raten zu stunden oder zu reduzieren, so dass er keine direkte Bedrohung seiner Existenz auf Grund des zu bedienenden Kredits befürchten muss. Zinseszins-Effekte wirken sich bei den Grameen-Krediten nicht aus, da es sich um sog. „einfache Zinsen“ handelt, d.h. die aggregierte, zu zahlende Zinslast über die Gesamtlaufzeit des Darlehens wird betragsmäßig nie höher als der ursprüngliche Kreditbetrag. Dies mag den ökonomisch denkenden Leser sicherlich verwundern, allerdings sind die Kredite so geschaffen, dass sie primär zum Wohle und dem Nutzen der armen Personen dienen sollen.37

Es wurde später eine weitere Kreditart eingeführt, welche eindrucksvoll zeigt, dass es sich bei Grameen um ein Unternehmen handelt, welches sich als Hauptziel gesetzt hat, den armen Menschen zu helfen. Bettlern wird ein Darlehen gewährt, welches zins- frei geführt wird; damit kann die Bank zunächst keine Erträge erwirtschaften - was auch nicht das Ziel darstellt - sondern hat den Hintergrund, diesen ärmsten Bevölkerungs- schichten keinen zusätzlichen Druck durch die Zinsbelastung aufzubürden. Sobald dieser Kredit getilgt ist, kann sogar ein weiterer Kredit ausgegeben werden.38

5.3 Die Finanzierung der Grameen-Bank

In den ersten Jahren seit der Gründung der Grameen-Bank war sie auf günstige Darle- hen von Fremdbanken angewiesen, beschloss aber im Jahre 1995 keine weiteren Kre- dite mehr aufzunehmen, so dass die Zuschüsse drei Jahre später ausliefen. Durch steigende Einlagen sollen diese Förderungen abgelöst werden, so dass die Selbstfi- nanzierung der Mikrokredite gewährleistet wird. Bereits heute stammen die Geldmittel der Kredite, welche die Grameen-Bank ausgibt, zu 90 % von den Ersparnissen anderer Mitglieder bzw. aus dem Vermögen des Instituts; insbesondere die Spareinlagen sind wichtig für die Vergabe neuer Darlehen.39

Wie bereits in Kapitel 5.2 genannt, liegt der Zinssatz für die klassische Form der Mikro- kredite bei 20 % p.a., d.h. deutlich höher als bei Darlehen konventioneller Banken, was von den Kritikern auch bemängelt wird, jedoch immer noch deutlich unter den Kosten, die bei den Geldverleihern üblicherweise anfallen. Allerdings ist ein tiefgründiger Blick nötig, um die Höhe des Zinssatzes bewerten zu können. Die wöchentlichen Raten der Schuldner werden von Bediensteten der Bank eingezogen, welche hierfür in die jewei- ligen Dörfer fahren und die Gruppentreffen besuchen müssen. Dies ist vor allem in organisatorischer Hinsicht sehr aufwändig und kostenintensiv. Ein weiterer Kostenfak- tor wurde jedoch ausgelagert: die Kreditwürdigkeitsprüfung, die bei den üblichen Bank- instituten obligatorisch ist, nimmt hier nicht Grameen vor, sondern überträgt diese auf die Kreditnehmer. So wird in den wöchentlichen Treffen eine mögliche Kreditvergabe auf Herz und Nieren geprüft, bevor dieser stattgegeben wird.40 Durch diese Anwen- dung, sowie einer höheren Effizienz und der größeren Kundenanzahl ist es den MFI’s möglich, die Konditionen der Geldverleiher deutlich zu unterbieten, da diese wegen des hohen Kreditausfallrisikos mangels Kreditwürdigkeitsprüfung weitaus mehr Zinsen ver- langen, was folgende Beispielrechnung verdeutlichen soll:

Tabelle 2: Beispielrechnung zur Kreditzinssatzberechnung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Aubuchon, Sengupta (2008), S. 18.

Man kann also sehen, dass eine hohe Rückzahlungsquote und damit eine geringe Ausfallwahrscheinlichkeit großen Einfluss auf den zu Grunde liegenden Kreditzinssatz hat und es im Sinne eines jeden Kreditgebers sein muss, den Anteil der notleidenden Darlehen so gering wie möglich zu halten.41

Die erwirtschafteten Zinsen sind die Einnahmen der MFI; sie sollen in erster Linie die anfallenden Kosten der Bank decken um ihre Unabhängigkeit vom Staat bzw. anderen Kreditinstituten zu wahren und selbstverständlich, um das Überleben am Markt zu gewährleisten. Grameen muss daher einen Zinssatz wählen, mit welchem es sicherstellt, langfristig im Wettbewerb zu verbleiben.42

Jedoch möchte die Grameen-Bank nicht nur die laufenden Kosten decken, sondern auch die Anteilseigner am Erfolg teilhaben lassen. Dies scheint auf den ersten Blick der Strategie eines auf Gewinnmaximierung fixiertes Unternehmen zu entsprechen, infolge der Struktur von Grameen fließen jedoch die gesamten Gewinne zurück in das Unternehmen und werden nicht als Dividende ausgeschüttet. Die Zahlen sprechen hierbei eine deutliche Sprache; außer in den Jahren 1983, 1991 und 1992 konnte die Bank jedes Jahr einen Gewinn erwirtschaften, durchschnittlich umgerechnet 4,7 Millio- nen Euro pro Jahr.43

5.4 Weitere Merkmale der Grameen-Bank

Das von Muhammad Yunus ins Leben gerufene Unternehmen zeichnet sich haupt- sächlich durch die Vergabe von Mikrokrediten aus; dies ist allerdings nicht ausschließ- lich der einzige Bereich, in welchem die Bank tätig ist. So vergibt sie beispielsweise jährlich Stipendien an die Kinder von Kreditnehmern, mit dem Anreiz, die schulischen Fähigkeiten derer zu verbessern, auch im Hinblick auf den späteren Beruf. Alljährlich werden ca. 3000 dieser Stipendien vergeben - hauptsächlich an Mädchen - in Anleh- nung an die Mikrokredite, welche vornehmlich an Frauen ausgegeben werden. Ein weiteres Gebiet betrifft die Schulabgänger, welche die Hochschulreife erworben haben. Ihnen gibt die Grameen-Bank spezielle Kredite, mit denen sie sich die Anschaffung von Büchern für ihr Studium oder die Semestergebühren finanzieren können. Das Geld wird nicht den Eltern der Studierenden, sondern sofort an sie direkt übergeben. Somit ist sichergestellt, dass das Geld in den Studienmitteln seine Verwendung findet und nicht anderweitig genutzt wird.44

[...]


1 Büschgen (1997), S. 102.

2 Vgl. Yunus (2007a), S. 46 f.

3 Vgl. Ebenda, S. 49 f.

4 Vgl. Counts (2008), S. 2 f.

5 Vgl. Yunus (2007a), S. 47 ff.

6 Muhammad Yunus.

7 Vgl. Yunus (2007a), S. 3 ff.

8 Vgl. Ebenda, S. 24 f.

9 Vgl. Seith (2006). Vgl. Yunus (2007b), S. 2. Vgl. Unicef (2008).

10 Vgl. Kazim (2010a). Vgl. Spiegel (2008), S. 155 f.

11 Vgl. Kazim (2010a). Vgl. Ott (2009).

12 Vgl. Central Intelligence Agency (2011).

13 Vgl. Central Intelligence Agency (2011). Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2011).

14 Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2011).

15 Vgl. Central Intelligence Agency (2011).

16 Von 2.669.740 Mio. Taka (2004) auf 3.406.524 Mio. Taka (2009).

17 Vgl. Bangladesh Bureau of Statistics (2010), S. 4.

18 Vgl. Central Intelligence Agency (2011).

19 Vgl. United Nations Development Programme (2010), S. 1.

20 Vgl. Central Intelligence Agency (2011).

21 Vgl. Neue Zürcher Zeitung (2006), S. 1. Vgl. Seith (2006).

22 Vgl. Spiegel (2008), S. 21. Vgl. Yunus (2007b), S. 17.

23 Vgl. Kazim (2010a). Vgl. Yunus (2008), S. 58.

24 Vgl. Spiegel (2008), S. 23 f. Vgl. Yunus (2007b), S. 21 ff. Vgl. Yunus (2008), S. 56 f.

25 Vgl. Counts (2008), S. 58. Vgl. Seith (2006).

26 Vgl. Grameen (o.J.a). Vgl. Grameen (o.J.b).

27 Vgl. Grameen (o.J.a). Vgl. Grameen (o.J.b).

28 Vgl. Seith (2006).

29 Vgl. Hofmeister (1996) S. 35.

30 Vgl. Aubuchon, Sengupta (2008), S. 9.

31 In der Regel einmal wöchentlich.

32 Vgl. Neue Zürcher Zeitung (2006), S. 2. Vgl. Seith (2006). Vgl. Terberger (2002).

33 Vgl. Buse (2008). Vgl. Ott (2009).

34 Vgl. Terberger (2002).

35 Vgl. Grameen (o.J.a).

36 Vgl. Artikelmagazin (2009).

37 Grameen (o.J.a). Vgl. Kazim (2007).

38 Vgl. Ott (2009).

39 Vgl. Artikelmagazin (2009). Vgl. Grameen (o.J.a).

40 Vgl. Kazim (2010a). Vgl. Neue Zürcher Zeitung (2006), S. 1 f. Vgl. Seith (2006).

41 Vgl. Aubuchon, Sengupta (2008), S. 18.

42 Vgl. Ott (2009). Vgl. Seith (2006).

43 Vgl. Buse (2008). Vgl. Grameen (o.J.a). Vgl. Kazim (2010a).

44 Vgl. Grameen (o.J.a). Vgl. Yunus (2011).

Details

Seiten
52
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656053682
ISBN (Buch)
9783656054047
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182018
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim – Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
armutsbeseitigung mikrokredite eine beurteilung social business muhammad yunus unterschied profit

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