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"Die Sammlung" - Entstehung, Inhalte und Anspruch einer Exilzeitschrift

Seminararbeit 2011 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte

3. Externe Probleme
3.1 Streit um die Sammlung
3.2 Finanzielle Probleme

4. Selbstverständnis und Inhalt
4.1 Belletristik
4.2 Politischer Inhalt
4.3 Kulturbereich
4.4 Mitarbeiter
4.5 Titel, Ziele und Antifaschismus

5. Kritik

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein Massenexodus der Dichter setzte ein; noch nie zuvor in der Geschichte hat eine Nation innerhalb weniger Monate so viele ihrer literarischen Repräsentanten eingebüßt.“[1]

So beschreibt Klaus Mann 1933 nach der Machtergreifung Hitlers die Situation. Viele Vertreter der geistigen Elite Deutschlands mussten ihr Heimatland verlassen. Die einen erkannten, in welch gefährliche Lage sie sich mit einem längeren Aufenthalt bringen würden, die anderen wurden im eigenen Land nicht mehr geduldet. Das nationalsozialistische Regime unter Adolf Hitler baute auch im Kulturbereich einen immer größer werdenden propagandistischen Apparat auf, der alle Tätigkeiten von Schriftstellern und Verlagen überwachte. Gerade dieser ursprünglich unpolitische Bereich wurde komplett einer politischen Steuerung und Lenkung unterworfen. Gesetze gegen die freien Künste, Bücherverbrennungen, Verbote und Zensur waren die Maßnahmen der Nationalsozialisten, um öffentlich verbreitetes Gedankengut zu filtern und nach ihren Wünschen zu modifizieren.

Trotzdem beschreibt Golo Mann den Zustand seines Bruders folgendermaßen: „Nie lebte Klaus intensiver, angespannter, tätiger, als in den ersten Jahren der Emigration; darum wohl auch: nie glücklicher"[2]. Tatsächlich befand sich Klaus Mann während der frühen Exilphase auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. In dieser Zeit entstanden der Roman ‚Mephisto’ (1936) sowie ‚Der Vulkan’ (1939). Es mag daran liegen „ […] dass die Emigration ihnen eine neue Aufgabe gegeben hat – [Klaus und Erika Mann] verstehen sich nun als Sprachrohr des Gothas der deutschen Intelligenz.“[3] Deshalb verwendet Klaus Mann zunächst all seine Mühen auf sein erstes großes Werk im Exil: Die Literaturzeitschrift ‚Die Sammlung’.

Diese ist das Thema der folgenden Seiten. Zunächst wird der Untersuchungsgegenstand in seiner Entstehung vorgestellt werden. Anschließend soll ein Überblick über wichtige äußere Umstände, Hintergründe und daraus resultierende Probleme für die Herausgabe der Zeitschrift gegeben werden. Der Hauptteil soll klären, inwieweit der Herausgeber Klaus Mann sich an seine eigenen, im Vorwort formulierten Ziele halten konnte. Hier wird auch auf Kritik der Forschungsliteratur eingegangen und zum Schluss ein Fazit gezogen werden.

2. Entstehungsgeschichte

Die ursprüngliche Idee für die Zeitschrift stammte nicht von dem Herausgeber Klaus Mann selbst, sondern von Annemarie Schwarzenbach[4]. Diese stand in einer engen freundschaftlichen Verbindung zu ihm, sowie zu Erika Mann. Am dritten Mai 1933 besuchte sie das Geschwisterpaar an der Côte d’Azur für zehn Tage, wo Klaus Mann bereits rund 6 Wochen als Exilierter weilte. Annemarie Schwarzenbach hatte zu diesem Zeitpunkt schon lange konkrete Vorstellungen über die Gestalt des Projektes ‚Zeitschrift’, denn gleich am Abend ihrer Ankunft hatte sie mit Klaus Mann über die Gründung einer Zeitschrift gesprochen. […] Die ‚unpolitische’ Monatsschrift, die sie plante, sollte in dem Sinn oppositionell sein, wie Schwarzenbach es in ihrem Berliner Brief an Klaus Mann von Anfang April formuliert hatte: Gegen den Nationalsozialismus sollte mit der Zeitschrift Opposition ergriffen werden, in dem in ihr jene Werte gepflegt würden, an die man im Exil glaubte. Dies schloss ein, dass neben Texten von Autoren ihrer Generation auch solche der ‚Alten’ – von Goethe bis Thomas Mann – erscheinen sollten. Außerdem sollten darin Besprechungen von neuen Filmen, Theaterstücken und Büchern gedruckt werden.[5]

Bereits am siebten Mai stand der Titel fest: ‚Die Sammlung’. Kurz darauf machte sich Klaus Mann an die Arbeit, geeignete Autoren zu finden, indem er alle Kanäle nutzte, die ihm als einem bekannten Schriftsteller und Sohn eines Literaturnobelpreisträgers, zur Verfügung standen. Er schrieb sofort befreundeten und bekannten Autoren, stellte ihnen das Konzept der Zeitschrift vor, warb um ihre Mitarbeit. Sein Aufenthaltsort, Sanary-sur-Mer, spielte hier eine große Rolle. Dieser Ort war 1933, zur Zeit der ersten Ausbürgerungslisten des Nazi-Regimes, nicht nur „Die Hauptstadt der deutschen Literatur“[6], sondern auch Aufenthaltsort von anderssprachigen hochrangigen Schriftstellern, wie beispielsweise Aldous Huxley. Dieser sollte zusammen mit André Gide und Heinrich Mann das Patronat übernehmen. Für das erste Heft lieferten unter anderen Heinrich Mann, Alfred Döblin, Joseph Roth, Alfred Kerr und Hermann Kesten Beiträge.[7] Sanary-sur-Mer bot also als unmittelbare Kontaktstelle nur die besten Voraussetzungen um ein Projekt wie ‚Die Sammlung’ auf die Beine zu stellen. Auch eine Vertriebsmöglichkeit ließ dort nicht lange auf sich warten, denn „es kommt nicht von ungefähr, dass Fritz H. Landshoff wiederholt nach Sanary fährt, um dort Schriftsteller für den Querido-Verlag zu verpflichten […].“[8] Eben dieser erklärt sich bereit, die Zeitschrift über den Querido-Verlag in Amsterdam zu publizieren.[9] Damit war der Grundstein für ‚Die Sammlung’ gelegt worden; von September 1933 bis August 1935 erschienen 24 Ausgaben mit einer durchschnittlichen Auflage von 3000 Stück.

3. Externe Probleme

Natürlich gab es einige äußere Probleme, die die Herausgabe der Zeitschrift erschwerten. In den nachfolgenden beiden Kapiteln werden die zwei wichtigsten Aspekte herausgegriffen, welche aus den politischen und wirtschaftlichen Umständen des historischen Hintergrunds resultierten. Dazu zählen in erster Linie die Gegenmaßnahmen der Nationalsozialsten als Verursacher des Exils und der eigentliche Grund für den Stopp des Druckes: wirtschaftliche Schwierigkeiten.

3.1 Streit um die Sammlung

Natürlich entging den Machthabern des Dritten Reiches die Veröffentlichung der Zeitschrift nicht, da das erste Heft nicht ganz so ‚unpolitisch’ und ‚rein literarisch’ ausfiel, wie es ursprünglich angekündigt worden war.[10] Hanns Johst, Präsident der Reichsschrifttumskammer, schrieb im Oktober 1933 an den SS Reichsführer Heinrich Himmler:

In Amsterdam erscheint das derzeitig unflätigste Emigrantenblatt „die Sammlung“. Sie werden sich ja jederzeit Belegexemplare verschaffen können, sonst übersende ich Ihnen auch gern ein Exemplar dieses Schmutzes. Als Herausgeber zeichnet der hoffnungsvolle Spross des Herrn Thomas Mann, Klaus Mann. Da dieser Halbjude schwerlich zu uns herüber wechselt, wir ihn also leider nicht aufs Stühlchen setzen können, würde ich in dieser wichtigen Angelegenheit doch das Geiselverfahren vorschlagen. Könnte man nicht vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein wenig inhaftieren? Seine geistige Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden.[11]

Dieses ‚Verfahren’ fand in diesem Falle glücklicherweise nicht wirklich statt, jedoch zeigt dieses Zitat eindeutig, was Stellvertreter der nationalsozialistischen Kulturpolitik von Klaus Mann und der ‚Sammlung’ hielten.

Die intellektuelle Elite Deutschlands konnte also auch noch im Exil eine Gefahr für die Nazis werden. Auch Stefan Zweig stellte fest: „ […] Zusammen stellen die abgetrennten Autoren eine Weltmacht dar […]“.[12] Es konnte nur Ziel der Machthabenden sein, eine Vereinigung der Emigranten zu verhindern. Allerdings wäre ein endgültiger Zusammenschluss der politisch sehr heterogenen Masse der Emigranten auch ohne Gegenmaßnahmen eher unwahrscheinlich gewesen. Allein „ […] die Tatsache, daß es irgendwo in der Welt noch Deutsche gab, die den Mund aufzumachen wagten, wurde vom Berliner Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda als unerträglicher Skandal empfunden. Wie stellte man ihn ab?“.[13]

Im gleichen Monat veröffentlicht die ‚Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums’ im ‚Börsenblatt für den deutschen Buchhandel’ die Mitteilung: „Diese Emigrantenzeitschriften versuchen ganz bewußt, eine Lügenblockade um das neue Deutschland zu errichten.“[14] Das war der erste Schritt der darauf folgenden Maßnahmen, der nötig war, um die Emigranten durch den ‚Streit um die Sammlung’ zu zersplittern.

Nach der Veröffentlichung dieser Mitteilung standen die reichsdeutschen Verlage unter starkem Druck. Einige ihrer Autoren hatten Klaus Mann ihre Mitarbeit zugesagt, befanden sich auf der Mitarbeiterliste der Zeitschrift oder hatten sogar schon im ersten Heft einen Artikel beigesteuert. Aus Angst vor dem Verlust der Absatzzahlen und Publikationsrechte – schließlich durften manche Autoren noch in Deutschland veröffentlichen – verlangten sie von den betroffenen Schriftstellern Distanzierungen. Diese erhielten sie auch:

Thomas Mann telegraphierte an den S. Fischer Verlag: „Kann nur bestätigen, daß Charakter erster Nummer ‚Sammlung’ ihrem ursprünglichen Programm nicht entspricht.“[15]

[...]


[1] Mann, Klaus: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Erweiterte deutsche Fassung der englischen Erstausgabe. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg 1994. S.334.

[2] Mann, Golo: Erinnerungen an meinen Bruder Klaus. In: Klaus Mann: Briefe und Antworten. Zitiert nach: Uwe Naumann: Klaus Mann. Überarbeitete Neuausgabe. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006. S.73.

[3] Nieradka, Magali Laure: Klaus Mann in Sanary-sur-Mer. In: Magali Laure Nieradka (Hg.): Wendepunkte – Tournants. Beiträger zur Klaus- Mann- Tagung aus Anlass seines 100. Geburtstages. Bern: Peter Lang 2008 (=Jahrbuch für internationale Germanistik Reihe A – Bd. 91). S.91 – 117. S.17.

[4] Annemarie Schwarzenbach (1908 – 1942): Studierte Germanistin und Historikerin. Tochter eines vermögenden Seidenindustriellen. Lernte Klaus und Erika Mann im September 1930 kennen, nachdem sie ihr literarisches Interesse an dem Geschwisterpaar im Briefverkehr bekundigte. Leider entschied sie sich später um des Familienfriedens willen gegen eine redaktionelle Mitarbeit, unterstützte das Projekt aber weiterhin mit finanziellen Mitteln und dem verfassen unpolitischer Beiträge.

[5] Tobler, Andreas: „Beteiligt sind wir alle“ – Annemarie Schwarzenbach und Die Sammlung. In: Magali Laure Nieradka (Hg.): Wendepunkte – Tournants. Beiträge zur Klaus-Mann-Tagung aus Anlass seines 100. Geburtstages. Bern: Peter Lang 2008 (=Jahrbuch für internationale Germanistik Reihe A – Bd.91). S.91-117. S.98.

[6] Marcuse, Ludwig: Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie. Zürich: Diogenes 1975. S.180.

[7] Vgl. Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Republik (Hg.): Die Sammlung Amsterdam 1933-1935. Bibliographie einer Zeitschrift. Berlin/Weimar: Aufbau 1974 (= Analytische Bibliographien deutschsprachiger literarischer Zeitschriften).

[8] Nieradka, M.: Klaus Mann in Sanary-sur-Mer. S.16.

[9] Fritz H. Landshoff (1901-1988). Vor der Machtergreifung Mitdirektor des Kiepenhauer Verlags. Förderer von linksbürgerlichen und sozialistischen Schriftstellern. Flüchtet nach Holland und schließt an ‚Nederlandsche Uitgeversmij’ die Abteilung ‚Querido’ für deutschsprachige Exilliteratur an.

[10] Mehr dazu in Kapitel 3.

[11] Hanns Johst. In: Weimarer Beiträge, 1975. Heft 9, S. 181. – Zitiert nach: Uwe Naumann: Klaus Mann. Überarbeitete Neuausgabe. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006. S.69 f..

[12] Mann, Klaus: Briefe und Antworten. Herausgegeben von Martin Gregor-Dellin. München: Ellermann 1975. S.101.

[13] Mann, Klaus.: Der Wendepunkt. S.338.

[14] Mitteilung der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Frankfurt am Main 1933. Nr. 236, S. 771. Zitiert nach: Matthias Wegner: Exil und Literatur. Deutsche Schriftsteller im Ausland 1933-1945. Frankfurt am Main/Bonn: Athenäum 1967. S.68.

[15] Mitteilung der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Frankfurt am Main 1933. Nr. 240, S. 787 f.. Zitiert nach: Wegner, M.: Exil und Literatur. S.68

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656052753
ISBN (Buch)
9783656053323
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181980
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,3
Schlagworte
Klaus Mann Sanary-sur-Mer Exil

Autor

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