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Sprachkritik und Sprachwissenschaft

Erkenntnisansprüche, sprachliche Zweifelsfälle und der Topos vom Sprachverfall

Seminararbeit 2011 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachkritik und Sprachwissenschaft
2.1 Aufgaben von Sprachwissenschaft und Sprachkritik
2.2 Historische Entwicklung und Ursprung der Separation
2.3 Laien-Linguistik

3. Sprachliche Zweifelsfälle
3.1. Das Partizip II von winken
3.2 Die Hauptsatzstellung in Verbindung mit weil

4. Sprachwandel vs. Sprachverfall

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dieser Kratylos behauptet, o Sokrates, es gebe von Natur einen richtigen Namen für jedes Ding, und nicht das sei ein Name, den einige nach Übereinkunft einem Dinge beilegten […] sondern es gebe eine Richtigkeit der Namen von Natur […] Ich habe zwar, o Sokrates, gar oft mit diesem hier und mit vielen anderen gesprochen, kann mich aber nicht überzeugen, daß es einen anderen Grund für die Richtigkeit eines Namens gebe als Verabredung und Übereinkunft. […] Denn nicht von Natur komme jedem Dinge ein Name zu, […] sondern durch Gesetz und Gewohnheit, je nach der wechselnden Wahl der Benennung.[1]

Schon in Platons Schriften Kratylos lassen sich Streitgespräche über die Sprache finden. Hier diskutieren Hermogenes und Kratylos über Die Richtigkeit der Namen. Diese Sprachkritik war nicht nur in der Antike aktuell, sondern ist es heute mindestens in gleichem Maße. Der Dialog zwischen Kratylos, Hermogenes und Sokrates hat sehr große Ähnlichkeit mit aktuellen Streitgesprächen über die Richtigkeit eines bestimmten Ausdruckes, einer Schreibweise oder eines anderen grammatischen Phänomens. Man denke nur an den Streit über Anglizismen, die Rechtschreibreform oder jugendsprachliche Wendungen. In den Medien sind sie immer wieder ein großes Thema, wie zahlreiche erfolgreiche Fernsehsendungen und populäre Buchpublikationen zeigen: Der große Deutsch-Test wurde 2004, 2005 und 2006 von RTL gesendet; zahlreiche Prominente stellten sich Hape Kerkelings Fragen zur deutschen Rechtschreibung. Der Journalist Bastian Sick erzielte mit der Buchreihe Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod einen enormen kommerziellen Erfolg von 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Diese entstand aus den Zwiebelfisch-Kolumnen im Spiegel und wird laut Sick im Saarland sogar als offizielles Lehrbuch eingesetzt.[2] Für die Sprachwissenschaft sollte hiermit eigentlich Anlass genug gegeben sein sich mit solchen medialen Sprach-Spektakeln auseinander zu setzen und ebenso auf den öffentlichen Diskurs einzuwirken, wie es Autoren von Sprachratgebern und TV-Redakteure privater Sender vermögen. Thorsten Griesbach stellt fest, dass die Linguistik keinen guten Ruf in der Gesellschaft genießt und nennt als Beispiel zur Veranschaulichung dieses Rufes eine Ausgabe „[…] der quotenträchtigen Talk-Show ‚Sabine Christiansen’, bei der zum Thema ‚Rechtschreibreform und Anglizismen’ kein einziger Linguist eingeladen war.“[3]

In der folgenden Arbeit soll zunächst ein Überblick über das Verhältnis von Sprachkritik und Sprachwissenschaft gegeben werden. Im Hauptteil soll auf zwei Beispiele sprachlicher Zweifelsfälle eingegangen werden, um weiterhin den Topos vom Sprachverfall zu veranschaulichen und zu erklären. Zum Schluss soll ein Fazit zur aktuellen Situation gezogen und ein Ausblick für eine mögliche Einflussnahme der Sprachwissenschaft auf diese gegeben werden.

2. Sprachkritik und Sprachwissenschaft

Die deutsche Sprache betrifft jedes Mitglied der deutschen Sprechergemeinschaft. Passend zu diesem Sachverhalt hat sich ein breiter öffentlicher Sprach-Diskurs entwickelt, an dem sich jedes Gesellschaftsmitglied beteiligen kann. Es bilden sich jedoch zwei große Fronten heraus: Auf der einen Seite stehen Sprachkritiker, meist Laienlinguisten, auf der anderen Seite die Sprachwissenschaftler.

2.1 Aufgaben von Sprachwissenschaft und Sprachkritik

Beide Seiten teilen „[…] den grundsätzlich metasprachlichen Charakter ihrer Aussagen.“[4] Das ist logisch, denn Sprachkritik sowie Sprachwissenschaft behandeln das Objekt Sprache, indem sie es mit Sprache beschreiben. Allerdings beschränken sich die Gemeinsamkeiten der beiden Disziplinen auf diesen einen Grundsatz. Sprachwissenschaft arbeitet vor allem deskriptiv und explanativ; aber sie „[…] will nicht nur beschreiben und erklären können, wie die jeweilige Sprache aufgebaut ist und zu welchen Zwecken sprachliche Ausdrucksmittel benutzt werden, sondern auch nach welchen Mustern die Sprecher/innen ihre Sprache variieren […].“[5] Die Sprachkritik hingegen geht über den Anspruch der Beschreibung und Erklärung hinaus. Ihre Äußerungen enthalten ein „explizit wertendes Moment“[6], welches der methodischen Beobachtung von Sprache hinzugefügt wird. Es werden immer auch Urteile über ein sprachliches Phänomen gefällt. Man kann also sagen, dass die Sprachkritik im Vergleich zur Sprachwissenschaft einen eher normativen Charakter hat. Es ist durchaus problematisch einzelne Aussagen als eindeutig normativ oder deskriptiv zu klassifizieren, da es immer von der Interpretation und Instrumentalisierung des Rezipienten abhängig ist, welche Funktion die getroffenen Aussagen später in der Praxis haben werden. Aber im allgemeinen Bezug zur Charakterisierung von Sprachwissenschaft und Sprachkritik sollte es möglich sein, ihnen eher deskriptive oder normative Züge zuzuweisen. Natürlich beschäftigt sich die Sprachwissenschaft durchaus mit Normen, sie gehören zum Untersuchungsgegenstand Sprache und können nicht von ihm isoliert werden:

Die beschreibende Sprachwissenschaft befasst sich in synchroner Perspektive mit existierenden Normen, in diachroner Perspektive mit dem Wandel von Normen, mit deren Veränder lich keit [Hervorhebungen im Original]. Die Sprachwissenschaft sucht weiterhin nach Erklärungen für das ‚So-Sein’ von Normen und das Zustandekommen von Normenwandel. Sie registriert weiterhin jene Fälle, in denen sich veränderte Gebrauchsnormen im System niedergeschlagen haben.[7]

Jedoch macht sie es sich nicht zur Aufgabe selbst Normen zu setzen und vorschreibende Entscheidungen über richtig oder falsch in sprachlichen Zweifelsfällen zu treffen. Auch hier beschränkt die Forschung sich auf ihre grundsätzlich deskriptive Eigenschaft. Für deren Veränderung und Gestaltung fühlen sich nur die Sprachkritiker zuständig.[8]

2.2 Historische Entwicklung und Ursprung der Separation

Allerdings existiert eine Trennung nicht seit Anbeginn der Sprachforschung; sie ist das Ergebnis einer langjährigen Weiterentwicklung wissenschaftlicher Ansprüche in Bezug auf die Beschäftigung mit Sprache. Hier soll der Weg dieser Weiterentwicklungen bis zum heutigen Standpunkt skizziert werden, um ein besseres Verständnis für den Diskurs zwischen Sprachwissenschaftlern und Sprachkritikern zu erlangen.

Zu Ende des 18. Jahrhunderts gab es noch keine Trennung zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik: „Die beschreibende Erfassung des Sprachbaus und der Sprachgebräuche war stets verbunden mit einer Wertung bestehender Normen und der Formulierung neuer Normen.“[9]. Sprachbeobachter sahen ihre Aufgabe nicht nur in der Beschreibung der Sprache, sondern ebenso auch in ihrer Bewertung, denn: „Aufklärerische Sprachkritik verstand sich als ein permanentes Fortschreiten, basierend auf dem Grundsatz der Perfektibilität aller menschlichen Einrichtungen.“[10]. Man ging davon aus, einen Idealzustand von Sprache erreichen zu können, indem man in Zweifelsfällen Entscheidungen zur Richtigkeit oder Falschheit bestimmter sprachlicher Phänomene traf. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich diese Definition. Sprachwissenschaft wurde zu einer historischen Disziplin, in der es primär darum ging „[…] Quellen interpretativ zu erschließen, um den Gang der Sprachgeschichte, d.h. hauptsächlich die Geschichte des Formenbaus und der Wortbedeutungen, nachzuzeichnen.“[11]. Nun verstand man Sprache als einen Organismus, der wächst und sich im zeitlichen Ablauf verändert, ganz im Sinne der Theorien Jacob Grimms und der Stammbaumtheorie August Schleichers. Zum ersten Mal werden Wertungen aus der Sprachforschung ausgeschlossen und als nicht-wissenschaftliche Arbeitsweise ausgegliedert. Diese Separation von reiner Beschreibung und Wertung wird beibehalten:

Das 19te Jahrhundert [Hervorhebungen im Original] ist gekennzeichnet von einer Trennung zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik. Man könnte von einer Funktionsteilung sprechen: Die Sprachwissenschaft hat die Aufgabe der Deskription, die Sprachkritik die der Wertung übernommen. Diese Trennung existiert bis heute.[12]

Damit sind die Entwicklungen aber noch nicht im Hier und Jetzt angekommen. Im 20. Jahrhundert kehrt man sich wieder vom historischen Gedanken ab, da zu diesem Zeitpunkt der Strukturgedanke eingeführt wird. Dieser Gedanke fasst eine neue Definition von der Sprache „ […] als einem regelhaften System arbiträrer und konventioneller Zeichen.“[13]. Der von Ferdinand de Saussure geprägte Strukturalismus wird „ […] zum herrschenden Paradigma der universitären Sprachwissenschaft.“[14]. Damit wird auch Deskriptivität zum absoluten Kriterium für Wissenschaftlichkeit und wissenschaftliches Arbeiten. In den 1960er Jahren entbrennt endgültig ein Streit zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik, der zum größten Teil zwischen Peter von Polenz und Dolf Sternberger abläuft.[15] In einer Arbeit über Funktionsverben vertieft von Polenz den strukturalistischen Sprachbegriff in der deutschen Linguistik, indem er folgende Position vertritt:

Als Wissenschaft ist die Linguistik deskriptiv; sie hat es mit sprachstrukturellen Phänomenen der "Langue" zu tun; Fehlentwicklungen in der Sprache als "Langue" kann es nicht geben; die Grundlage für Wertungen und Kritik ist daher überhaupt nicht vorhanden. Sprachkritik ist, unbeschadet ihrer kulturkritischen Leistung, damit letztlich eine außerwissenschaftliche Form der Sprachreflexion.[16]

Der Grund für die Abwendung der Sprachwissenschaft von der Sprachkritik ist am Ende der, dass es Vertreter der Sprachforschung gab, die sich nicht von einer Bewertung der Sprache abwenden konnten oder wollten und der sprachwissenschaftlichen Weiterentwicklung des Sprachbegriffes nicht gefolgt sind. Die Kriterien für eine wissenschaftlich korrekte, methodische Untersuchung von Sprache haben sich verändert; die Arbeitsweise der Sprachkritiker hat sich diesen Kriterien jedoch nicht angepasst und gilt in der Wissenschaft mittlerweile als unseriös. Solche Differenzen mussten zwangsläufig zu einer Trennung der Bereiche Sprachwissenschaft und Sprachkritik führen. Auch Jürgen Schiewe stellt fest, dass die Sprachkritiker bei einem veralteten Begriff von Sprache aus dem 19. Jahrhundert stehen geblieben sind:

Jene Form von Sprachkritik des 20. Jahrhunderts, die zumeist als publizistische oder feuilletonistische Sprachkritik bezeichnet wird, ist also durch einen weiteren Schritt weg von der nun üblichen Sprachwissenschaft gekennzeichnet. Anders gesagt: Diese Sprachkritik hat den neuen gegenstandskonstituierenden Schritt der Sprachwissenschaft nicht mitgemacht, sie bleibt dem Organismusbegriff verhaftet.[17]

Er nennt einen wichtigen Aspekt der modernen Sprachkritik: Sie ist meist publizistischer und feuilletonistischer Natur.

[...]


[1] Platon 1940, 543f..

[2] Sick 2005, 16.

[3] Griesbach 2006, 4.

[4] Schiewe 2003, 402.

[5] Topalovic/Elspaß 2008, 39.

[6] Schiewe 2003, 402.

[7] Schiewe 2003, 403.

[8] Vgl. Schiewe 2003, 403.

[9] Schiewe 2003, 404.

[10] Schiewe 2003, 406.

[11] Schiewe 2003, 406.

[12] Schiewe 2003, 407.

[13] Schiewe 2003, 408.

[14] Schiewe 2003, 408.

[15] Vgl. Schiewe 2003, 408 f..

[16] Antos 1996, 23.

[17] Schiewe 2003, 409f..

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656053118
ISBN (Buch)
9783656053521
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181975
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
Laienlingustik Sick Sprachwandel Sprachverfall

Autor

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Titel: Sprachkritik und Sprachwissenschaft