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Authentizität – Plagiat – Intertextualität: Der Fall Helene Hegemann

von Master of Arts Timon-Karl Kaleyta (Autor)

Masterarbeit 2011 106 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Helene Hegemann und Axolotl Roadkill - eine Fall-Rekonstruktion
1.1 Die Autorin in der öffentlichen Wahrnehmung
1.2 Axolotl Roadkill, Mifti und Helene Hegemann
1.3 Vom 'literarischen Kugelblitz' und der 'suggestiven Sowjetpropaganda'
1.4 Plagiatsvorwurf und Textvergleich - Deef Pirmasens, Airen und das Buch Strobo
1.5 Nach den Vorwürfen - die Reaktion der Autorin und des Verlages
1.6 Die Diskussion in den Medien und 'Germany´s Next Autoren Topmodel'
Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kapitel 1

2. Authentizität als Bewertungskategorie in Kunst und Literatur
2.1 Fragestellung und Definition des Gegenstandes - eine Einleitung
2.2 Etymologie, Entstehungsgeschichte und Definitionsversuch
2.3 Authentizität als Bewertungskategorie in der Diskussion um Axolotl Roadkill
2.4 'Authentisch ist immer eine Frage des Standpunktes' - eine zeitgenössische Betrachtung
2.5 Die Sehnsucht nach Authentizität - ein paradoxes Fazit
Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kapitel 2

3. Das Plagiat als historisches und gesellschaftliches Phänomen
3.1 Fragestellung und Definition des Gegenstandes - eine Einleitung
3.2 'Menschenraub' und Plagiat - Entstehungsgeschichte aus dem Geist des Urheberrechts
3.3 Das Plagiat und seine Funktionsmechanismen im Fall Axolotl Roadkill
3.3.1 Begriffsbestimmung von Plagiat und Fälschung
3.3.2 Die Mechanismen und Eigenschaften des Plagiats - eine Kriminalgeschichte
3.4 Das Plagiat als 'Moment des Innehaltens' - Reziprozität und Antithese
Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kapitel 3

4. Helene Hegemann und die Intertextualität - eine Funktionsbestimmung
4.1 Fragestellung und Definition des Gegenstandes - eine Einleitung
4.2 Die Theorie der Intertextualität - Geschichte, Struktur, Bedeutung
4.2.1 Die Verabschiedung des Subjekts und der Tod des Autors
4.2.2 'Wen kümmert´s, wer spricht?' - Intertextualität und die Idee vom unendlichen Code
4.3 Helene Hegemann, Axolotl Roadkill und die Intertextualität
4.4 Intertextualität als zentrales Element in der Diskussion um Axolotl Roadkill
4.5 Der Fall Helene Hegemann - Paradoxa und offene Fragen
4.5.1 Die Unhintergehbarkeit personaler Autorschaft in der Moderne
4.5.2 Intertextualität und die Wiedergeburt des Autors - Versuch einer Deutung
Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kapitel 4

II. Schluss

III. Literaturverzeichnis

Einleitung

"Talent borrows, genius steals" hieß es bekanntlich schon vor über einhundert Jahren aus der Feder von Oscar Wilde, und etwas später fühlte sich auch Pablo Picasso zu einer sehr ähnlichen Diagnose genötigt, als er bekannte: "Bad artists copy. Great artists steal." Möchte man die Runde möglichst noch komplettieren, darf auch Johann Wolfgang Goethe herbeizitiert werden, der in einem Gespräch mit seinem Freund Johann Peter Eckermann schon 1825 erklärte: "Was da ist, das ist mein. Ob ich es aus dem Leben oder aus dem Buch genommen habe, das ist gleichviel, es kam bloß drauf an, daß ich es recht gebrauche!"1

Doch auch wenn Goethe, Wilde und Picasso offensichtlich so vehement versuchten, auf eine dem künstlerischen Schaffen wohl immanente Eigenschaft zu verweisen, dem Phänomen des Plagiats und der Fälschung konnten derlei Verlautbarungen kaum etwas anhaben. Noch immer zeichnet sich der Betrugsfall in Literatur und Kunst durch ein enormes Stör- und Irritationspotential aus, das immer wieder aufs Neue in der Lage ist, scheinbar aus dem Nichts leidenschaftliche Skandale und öffentliche Schlammschlachten zu begründen. In kaum einem anderen gesellschaftlichen Teilbereich scheint sich der Mensch derart rasch und intensiv über einen Betrugsfall entrüsten zu können wie in den 'Künsten'.2 Nicht von ungefähr spricht Plagiatsforscher Philipp Theisohn daher in diesem Zusammenhang vom "süßlichen, leicht ordinären [...] Duft der Enthüllung", der im Stande sei "große Geister kleiner und kleine Geister größer zu machen".3

Ganz offensichtlich gelten im Bereich der Kunst und der Literatur ganz besondere Spielregeln in Bezug auf Echtheit, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit - vom Künstler wie vom Schriftsteller wird ein besonderes Maß an Hingabe und Treue zu sich und seiner Kunst verlangt, allen Beteuerungen der zeitgenössischen Kunst und der Philosophie zum Trotz. Zuletzt zu spüren bekam dies die Autorin Helene Hegemann, die mit ihrem Debütroman Axolotl Roadkill4 im Januar 2010 für den größten deutschen Literaturskandal des Jahres gesorgt hatte. Nachdem der Roman der damals noch 17- Jährigen zunächst als authentisches Zeugnis einer Generation und als sprachgewaltiges Erstlingswerk gefeiert wurde, kam es in der Folge zu einem Skandal ungeahnten Ausmaßes. Ein 'Blogger' hatte mehr oder minder durch Zufall herausgefunden, dass in Axolotl Roadkill zahlreiche Stellen aus einem bislang unbekannt gebliebenen Roman übernommen waren. Innerhalb kürzester Zeit wendete sich die Kritik von der Autorin ab, in den Feuilletons tobte über Wochen ein hitziger Streit über Schuld, Vorsatz, Betrug, Motive und Hintergründe - von den anfänglichen Lobeshymnen indes wollte niemand mehr etwas wissen.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, den Fall Helene Hegemann aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten - es wird der Frage nachgegangen, wie es zu dem Skandal kommen konnte, welche Mechanismen ihm zugrunde liegen und vor allem, was der Plagiatsfall von Axolotl Roadkill möglicherweise über den generellen Zustand und die Beschaffenheit von Literatur aussagen kann. Es soll herausgefunden werden, ob sich die Causa Hegemann abseits der bloßen Plagiatsvorwürfe auch dazu eignen könnte, neue Vorstellungen über das Gemachtsein von Literatur und Kunst anzuregen.

Im Zuge dieser Zielsetzung soll es zu einer Auseinandersetzung mit den Konzepten von Authentizität, Plagiat und Intertextualität kommen. Diese sollen sukzessive ausgearbeitet und analysiert und am Ende miteinander in einen Dialog gebracht werden. Die Beschäftigung mit den drei Begriffen ist naheliegend, standen diese doch schon mit Beginn des Skandals im Zentrum der Rezeption. Nicht zuletzt dürfte eine besondere Fokussierung auf Authentizität, Plagiat und Intertextualität schon deshalb ertragreich und notwendig sein, da die Begriffe in der öffentlichen Debatte nicht selten ungenau und vorschnell verwendet wurden.5 Am Ende der Auseinandersetzung soll auf diese Weise versucht werden, aus den gewonnenen Erkenntnissen eine abschließende Bewertung zu ziehen.

Zu diesem Zweck, und um einen größtmöglichen Überblick zu gewinnen, widmet sich die Arbeit in einem ersten Schritt den Hintergründen des Falls. Es soll aufgezeigt werden, wie sich die Geschichte entwickelte, welche Personen involviert waren, was in dem Roman eigentlich verhandelt wird, wie es zu den Plagiatsvorwürfen kam, und vor allem auch wie die mediale Öffentlichkeit auf die Vorwürfe gegen Hegemann reagierte. Erst nach einer solchen Analyse der Ausgangssituation soll in der Folge mit der wissenschaftlichen Betrachtung begonnen werden.

In einem zweiten Schritt widmet sich die Arbeit dem kulturhistorischen Konzept der 'Authentizität' - es soll untersucht werden, woher der Begriff stammt, und wo und wie er seine spezifische Prägung erhielt, die für den Fall Hegemann in der Rezeption entscheidend werden sollte. Dabei wird das Augenmerk insbesondere darauf gelegt, anhand welcher Authentizitätskriterien die Literaturkritik argumentierte und wie die Autorin selbst sich zu dem Thema äußerte. Anhand aktueller Vorstellungen von Authentizität soll so eine Diskussion darüber geführt werden, ob Authentizität als Kriterium für Literatur überhaupt relevant sein kann.

In einem dritten Kapitel dann geht die Arbeit in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung noch einen Schritt weiter - wenn das Thema 'Plagiat' verhandelt wird, soll deutlich gemacht werden, dass dieses auf ähnlichen Annahmen wie die Vorstellung von Authentizität basiert. Wie im vorangegangenen Kapitel soll hier ebenfalls untersucht werden, welche Bedeutungen und Funktionen das Plagiat bestimmen und wie sich diese in der Causa Hegemann nachweisen lassen. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik soll dazu führen, ein Verständnis über die generellen Mechanismen des Plagiats zu vermitteln, anhand dessen sich auch die Ereignisse in der Causa Hegemann besser einordnen lassen.

Die Arbeit endet dann im letzten großen Kapitel in einer Beschäftigung mit dem Konzept der Intertextualität. Basieren die Idee der Authentizität sowie die Vorstellung vom Plagiat noch auf zahlreichen gemeinsamen Prämissen, so kann der poststrukturalistisch geprägte Ansatz der Intertextuali]tät gewissermaßen als ihr eindeutiger Gegenspieler verstanden werden. Die Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex soll dazu führen, am Ende eine Diskussion darüber zu ermöglichen, welche Maßstäbe bei der Bewertung von Axolotl Roadkill letztlich angebracht und im Sinne einer literaturwissenschaftlichen Einordnung notwendig oder sinnvoll sein könnten.

Dabei soll insgesamt auf möglichst breiter Basis argumentiert werden, so dass nicht nur Überlegungen und Ansätze aus der Literaturwissenschaft allein, sondern auch aus der Kunstgeschichte, der Ästhetik und der Philosophie berücksichtigt und herangezogen werden. Aus diesem Grund werden besonders im Kapitel zur Intertextualität - aber auch schon zuvor - Überlegungen zur generellen Beschaffenheit von (zeitgenössischer) Kunst in die Analyse einbezogen.6 Denn erst durch ein generelles Verständnis der Fälschung, die insbesondere in der Kunsthistorik prominent untersucht worden ist, lässt sich auch das Wesen des Plagiats genauer bestimmen. Es soll daher nicht einfach die Frage beantwortet werden, ob man es im Fall von Axolotl Roadkill letztlich mit einem Plagiat zu tun hat oder nicht - vielmehr lautet die zentrale These dieser Arbeit, dass die klassischen Kategorien von authentischem künstlerischen Schaffen, Originalität und Plagiat gerade im Fall Hegemann schwer zu bestimmen sind. Der Literaturskandal um den Roman von Helene Hegemann ist daher viel eher dazu geeignet, die Bewertungsmaßstäbe für Literatur und Kunst einmal kritisch zu hinterfragen. Vielleicht also lässt sich aus der Beschäftigung mit dem Fall Axolotl Roadkill am Ende mehr ziehen, als die bloße Feststellung Philipp Theisohns, der in der Neuen Zürcher Zeitung den Fall betreffend schrieb: "Hier wurde ohne irgendwelche poetologischen Hintergedanken ein wenig Fremdtext kopiert. Kein Intertext, keine Materialästhetik - Plagiat. Was denn sonst."7

"Ich bin kein Verbrecher. Ich sehe nur im Moment schlecht aus."

Helene Hegemann8

1. Helene Hegemann und Axolotl Roadkill - eine Fall-Rekonstruktion

1.1 Die Autorin in der öffentlichen Wahrnehmung

Um zu Beginn dieser Arbeit die Zusammenhänge im Fall Hegemann besser verstehen und einordnen zu können, beschäftigt sich das erste Hauptkapitel mit den Hintergründen und der Chronologie der Ereignisse, mit den beteiligten Personen und der kurzen aber intensiven Rezeptionsgeschichte von Axolotl Roadkill. Eine zentrale und wichtige Rolle werden dabei auch die offensichtlichen Parallelen zwischen Axolotl Roadkill und dem Buch Strobo9 des Berliner Bloggers Airen spielen. Um das Ausmaß und den Kern der vorgebrachten Anschuldigungen gegen die Autorin genauer einschätzen zu können, sollen prägnante Ähnlichkeiten zwischen den beiden Texten aufgezeigt und erläutert werden.

Die dabei gewonnen Erkenntnisse werden im weiteren Verlauf der Arbeit dazu dienen, eine Basis für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Begriffen Plagiat, Authentizität und Intertextualität bereitzustellen - in den folgenden Hauptkapiteln wird die Arbeit dann immer wieder den Blick zurück auf die hier gewonnen Einsichten werfen. Dabei soll nun zunächst die Autorin selbst sowie ihr Umfeld vorgestellt werden, ehe es darum geht, den Inhalt des Buches, den Plagiatsfall an sich und seine mediale Verarbeitung nachzuzeichnen und zu analysieren.

Will man verstehen, durch welche Umstände die öffentliche Diskussion um Plagiarismus, Betrug und Authentizität im Fall von Axolotl Roadkill eine solch heftige Intensität erreichen konnte, ist auch die Beschäftigung mit der Person Helene Hegemanns notwendig. Nicht zuletzt das allgemein vorausgesetzte soziokulturelle Umfeld der Autorin dürfte die Rezeption sowohl vor als auch nach bekannt werden der Plagiatsvorwürfe entscheidend mitbestimmt haben. Dies wird bereits deutlich, betrachtet man die ersten Reaktionen des Feuilletons vor Erscheinen des Buches am 20. Januar 2010 - exemplarisch soll hierfür die Rezension von Tobias Rapp in der Ausgabe des Spiegels vom 18. Januar stehen, die als erste ernst zu nehmende und ausführliche Kritik von Axolotl Roadkill anzusehen ist. Der Text von Rapp wird hier besonders hervor gehoben, da er als hauptverantwortlich für die nach vorn gezogene Veröffentlichung von Hegemanns Debütroman anzusehen ist. Eigentlich hatte Ullstein die Auslieferung von Axolotl Roadkill für den 28. Januar geplant, nach der verfrüht abgedruckten Rezension im Spiegel aber zog man den Termin kurzerhand um über eine Woche nach vorn - augenscheinlich wollte man das positive Echo nutzen.10

Aber noch aus einem zweiten Grund ist diese Rezension besonders exemplarisch: In Rapps Artikel findet man bereits all jene Verweise auf die Person Helene Hegemanns, die sich später in den meisten Folgebesprechungen wiederholen werden. So nehmen bei Rapps Kritik von Axolotl Roadkill Hinweise auf den vermeintlichen sozialen Hintergrund der Autorin einen bemerkenswert großen Teil ein - so ist beispielsweise von Beginn an vom neuen "Wunderkind der Berliner Boheme"11 die Rede, und alles dreht sich um eben dieses soziokulturelle Umfeld. Umfangreich klärt Rapp den Leser über die familiären Umstände Helene Hegemanns auf, über mehrere Abschnitte hinweg geht es dabei fast ausschließlich um ihren berühmten Vater Carl Hegemann, den ehemaligen Chefdramaturgen der Berliner Volksbühne. Es wird ein buntes Bild der Situation am dortigen Theater geschildert, die Verbindungen zu Intendant Frank Castorf sowie zu einflussreichen Regisseuren wie Christoph Schlingensief werden ebenfalls dargestellt.12

Von großem Interesse ist dabei besonders auch der von Rapp beschriebene Lebensweg der Autorin, der sie in das Berliner Umfeld führte, und wie dieses sie angenommenerweise beeinflusst und geformt haben könnte. Um die zu einem späteren Zeitpunkt in dieser Arbeit zu führende Diskussion um Authentizität und Echtheit besser nachvollziehen zu können, lohnt es daher, an dieser Stelle die öffentlich immer wieder kolportierte Biografie der Autorin kurz näher zu betrachten. Im Zentrum steht dabei nicht die eigentliche Korrektheit der Fakten sondern die detailgetreue Wiedergabe der medial verbreiteten Angaben zur Biografie der Autorin:

Geboren 1992 in Freiburg im Breisgau, verbringt Helene Hegemann die ersten Jahre ihres Lebens mehr oder minder gemeinsam mit Mutter und Vater zwischen ihrem Geburtsort, Bochum und Berlin, wo Carl Hegemann abwechselnd als Dramaturg beschäftigt ist. Ihre Eltern lernten sich anfangs der 90er Jahre in Bochum kennen, wo ihre Mutter als Ausstatterin am Theater arbeitete. Bis zur Trennung der Eltern im Jahr 1998, so wird in den meisten Rezensionen schon früh berichtet, verbringt Helene Hegemann viel Zeit hinter den Kulissen und in den Kantinen der Theater in Bochum und Berlin. Tobias Rapp bemerkt hierzu in seiner Rezension: "Als Kleinkind war sie oft mittendrin gewesen im Volksbühnen-Wahnsinn, manchmal schlief sie während einer Premierenfeier hinter der Bühne."13

Nach der Trennung der Eltern zieht Helene Hegemann fest nach Bochum zu ihrer Mutter - ein jähes Ende findet dieser Abschnitt jedoch, als diese im Zuge einer andauernden Alkohol- und Drogensucht im Jahre 2005 verstirbt. Im Anschluss daran zieht es die damals 13-Jährige zu ihrem Vater nach Berlin. Hier kommt Helene Hegemann nun intensiver und bewusster in Kontakt mit der links-intellektuellen Szene ihres Vaters, und sie beginnt nach und nach mit ersten künstlerischen Projekten. So startet sie einen eigenen literarischen Web-Blog, schreibt im Jahre 2007 ihr erstes Theaterstück mit dem Titel Ariel 15 und dreht nur ein Jahr später mit Geldern aus der Bundeskulturförderung den Kurzfilm Torpedo, für den sie 2008 mit dem Max-Ophüls- Preis ausgezeichnet wird.14

All diese Aspekte ihrer öffentlich immer vehementer kolportierten Vita - besonders der tragische Tod der Mutter und der Bezug zum kulturellen Milieu des Vaters in Berlin - müssen bei der Analyse und Diskussion zu Plagiat, Authentizität und Intertextualität mitgedacht werden. Denn wie noch im weiteren Verlauf des ersten Hauptkapitels zu zeigen sein wird, ist besonders die Rezeption nach bekannt werden der Plagiatsvorwürfe in besonderem Maße von konkreten Verweisen auf die Privatperson Helene Hegemann und auf ihr unmittelbares Umfeld bestimmt.

Es bleibt festzuhalten: der soziokulturelle Hintergrund ist von Beginn an konkretes und zentrales Element in der Wahrnehmung der Autorin. Daran ändert auch der bewusst so formulierte, damit aber vielleicht umso offensichtlichere Versuch des Publizisten Maxim Biller nichts, der in seiner überschwänglichen Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. Januar schreibt:

Und Helene Hegemann? Wie geht es ihr? Wer ist sie überhaupt? Keine Ahnung, es interessiert mich nicht. Aber wenn Sie unbedingt etwas über sie wissen wollen - sie soll 17 und Tochter eines berühmten Berliner Intellektuellen sein, und einen Film hat sie auch schon gemacht -, dann googeln sie es doch selbst. Ich bin hier nicht für Klatsch und das Verbreiten von Verlags-PR zuständig.15

An diesem Punkt wird deutlich, dass in der öffentlichen Wahrnehmung der familiäre Hintergrund der Autorin stets präsent ist - selbst dann, wenn sich augenscheinlich um das Gegenteil bemüht wurde. Aber gleichzeitig tritt hier auch ein weiterer Aspekt in der Wahrnehmung der Helene Hegemann zu Tage, den es für die weitere Diskussion im Auge zu behalten gilt. Neben dem Verweis auf das Verhältnis zu Mutter und Vater spielt auch ihr Alter eine große Rolle. "Helene Hegemann wurde die große Bühne angeboten, sie ist draufgesprungen. Und sie ist wirklich erst 17"16, bemerkt schon Tobias Rapp und greift damit den noch folgenden Rezeptionen vor, die nun im weiteren Verlauf der Arbeit näher untersucht werden sollen. Nachdem in diesem einleitenden Kapitel kurz die Person Helene Hegemann und erste Aspekte der Rezeption von Axolotl Roadkill dargestellt werden sollten, wird es im nächsten Kapitel um die rein inhaltlichen Aspekte des Buches gehen - im Anschluss daran rückt die Chronologie der Ereignisse, inkl. des eigentlichen Plagiatsfalls, in den Fokus. All jene Aspekte stellen die notwendige Ausgangsbasis dafür dar, im weiteren Verlauf die Begriffe Plagiat, Authentizität und Intertextualität am Fall Hegemann zu diskutieren. Dabei wird es stets Anliegen dieser Arbeit sein, zwischen feuilletonistischer Bewertung und wissenschaftlicher Auseinandersetzung zwar klar zu unterscheiden, zugleich aber beide Ebenen in einen konstruktiven Dialog zu bringen.

1.2 Axolotl Roadkill, Mifti und Helene Hegemann

Nach diesem einleitenden Kapitel zur Autorin Helene Hegemann soll der Blick nun auf das Buch Axolotl Roadkill sowie auf die Umstände seiner Veröffentlichung gelenkt werden. Hierbei wird kurz und knapp der Inhalt des Buches umrissen, und es soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern der Roman möglicherweise autobiographische Züge aufweist - ein Aspekt, der in der Folge der Diskussion von besonderem Interesse sein wird.

Zunächst also zum Roman selbst: Der Text Axolotl Roadkill erzählt die Geschichte der sechzehnjährigen Protagonistin Mifti, die mit ihren älteren Geschwistern Annika und Edmond eine gemeinsame Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg bewohnt. Die drei leben im Zustand einer subjektiv empfundenen "Wohlstandverwahrlosung"17 - ein Begriff, der im Roman prominente Verwendung findet. Der Leser erhält in Axolotl Roadkill einen Einblick in das Leben von Mifti, das sich in erster Linie in Depressionen, nächtlichen Drogen- und Sexexzessen sowie in intellektualistischen Reflexionen ergeht. Bei all dem bekommt der Leser keine stringent erzählte Geschichte präsentiert - vielmehr ist der Roman aus Versatzstücken, bestehend aus Tagebucheinträgen, Email-Verkehr und inneren Monologen zusammengesetzt.

Die Lebensgeschichte von Mifti weist dabei in einigen entscheidenden Punkten vermeintlich offensichtliche Parallelen zur Biographie der Autorin auf - ein Umstand, der mit dazu beigetragen haben dürfte, den späteren Streit über Echtheit und Authentizität noch zu verschärfen. Wie der Leser erfährt, verliert Mifti im Alter 13 Jahren ihre Mutter, die unter einer starken Alkohol- und Drogenabhängigkeit litt. Nach deren Tod kümmert sich Miftis Vater um seine Tochter, dies jedoch eher schlecht als recht. Ein Vater, den Mifti einen "Kulturfuzzi"18 nennt, "eins von diesen linken, durchsetzungsfähigen Arschlöchern überdurchschnittlichen Einkommens, die ununterbrochen Kunst mit Anspruch auf Ewigkeit machen".19

Mifti geht kaum mehr regelmäßig zur Schule, denkt ständig über Selbstmord nach, treibt sich nachts im Berliner Techno-Club Berghain herum und unterhält eine mehr oder weniger intensive, sexuelle Affäre mit ihrer besten Freundin Ophelia sowie zu einer weiteren Bekannten namens Alice - beide Frauen sind deutlich älter als Mifti. In den Tagebucheinträgen, Emails und den inneren Monologen der Protagonisten kommt es immer wieder zu übersteigerten Selbstreflexionen, in denen sie die gefühlte Sinnlosigkeit ihrer Situation offenbart. So konstatiert Mifti auf Seite 24:

Ich bin sechzehn Jahre alt und momentan zu nichts anderem in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben, in der ich zur Schule gehe und depressiv bin.20

Ein Hauptmerkmal des Textes ist dabei durchgehend die explizite Darstellung sexueller Praktiken und rücksichtlosen Drogenkonsums. "In dieser Position lasse ich mich aus diversen Gründen wahnsinnig lange in den Mund ficken. Als die Sonne aufgeht, läuft mir sein warmes Sperma die Kehle herunter"21, heißt es beispielsweise auf Seite 60. Die zahlreichen Sex- und Drogenexzesse werden dabei häufig von einer bewusst zur Schau gestellten Fähigkeit zur Kontemplation begleitet - dies geht so weit, dass sogar diese Selbstreflexivität wieder thematisiert wird:

Meine Autoagressionen gehen über eine Häufung von Narben am nichtdominanten Unterarm hinaus. Ich injiziere intravenös schädliche Substanzen und stehe seit neustem in der Gefahr einer tödlichen Verletzung. [...] Ich bin ein misshandelter Teenager. [...] Ich erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfeldes gleich mit entlarvt.22

Symptomatisch für dieses exponierte Potential zur Selbstgewissheit sind zudem die den gesamten Text durchziehenden Verweise auf Popkultur und zeitgenössische Kunst sowie auf postmoderne Philosophie und Kunsttheorie. Besonders dieses Merkmal des Romans bringt Helene Hegemann in der anfänglichen Rezeption viel Lob und Anerkennung ein. So verweist Mifti beispielsweise auf den italienischen Philosophen Giorgio Agamben und dessen Theorie des Homo Sacer23 sowie auf die Diskurstheorie Michel Foucaults24. Zudem finden über den Roman hinweg Begriffe wie 'Dekonstruktion' oder 'Postmoderne' rege Verwendung, ausgeführt oder näher erläutert werden sie nicht.25

Zwischen diesen Extremen aus bedingungsloser Selbstzerstörung, sexuellen Exzessen, intellektualistischer Selbstreflexion und einer radikalen Lebensstilkritik bewegt sich der Text Axolotl Roadkill auf insgesamt 205 Seiten. Die Protagonistin Mifti verzweifelt an einem scheinbar sinnlosen Wohlstand, der aus dem Schaffen des Vaters erwachsen ist. Für Mifti gibt es - im Gegensatz zur Generation ihrer Eltern - keine gesellschaftlichen Freiräume mehr zu erkämpfen. Oder wie Thomas Rapp es ausdrückt: "Das Buch erzählt auch davon, wie schwierig es ist, im bunten Berliner Themenpark der alternativen Lebensstile einen Ort für Rebellion zu finden."26

Am Ende des Buches scheint Mifti den Kampf gegen die eigene Langeweile verloren zu haben. Nach Heroin-Konsum steht sie auf dem Dach eines Hochhauses und will sich gemeinsam mit einem Axolotl, das sie in einer mit Wasser gefüllten Plastiktüte mit sich herum trägt, in den Tod stürzen. Doch auch dafür reicht der Grad an Verzweifelung nicht aus. Das Buch endet, nachdem Mifti im Anschluss an den missglückten Suizid einen Diebstahl in der Galerie LaFayette inszeniert und daraufhin von der Polizei mitgenommen wird. Ihre Freundin Alice, die bislang nur als ominöse Geliebte im Buch auftauchte, holt Mifti vom Revier ab und nimmt sie mit zu sich nach Hause. In dem "Rigipspalast im Dachgeschoss"27 von Alice endet der Text mit einem verzweifelt sinnlosen Gespräch über den Tod - es folgt, gewissermaßen als Epilog, ein Brief der Mutter an ihre Tochter, in dem es u. a. heißt:

Du bist inzwischen kein Kind mehr, sondern ein Abbild des Teufels. [...] Du bist Abschaum, Schatz, du bist die Krätze, und ich hoffe, dass du weißt, dass dein Lächeln inzwischen Risse aufweist. [...] Es macht mich wirklich krank, wenn ich all die Scheiße höre, die du von dir gibst. In der Hölle ist für dich ein Platz frei gehalten.28

Thematisiert werden muss an dieser Stelle noch das für den Roman nicht unwesentliche Tier des Axolotls. Über das gesamte letzte Drittel des Buches hinweg trägt Mifti das Tier mit sich herum, das sie zuvor einem Freund abgekauft hat. Dieses lurchartige Lebewesen fungiert gewissermaßen als interpretatorische Blaupause für das Verständnis des Romans. Das Axolotl ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der sein gesamtes Leben nicht über das Stadium der Larve hinaus wächst - zudem verfügt es, nach allgemeinem menschlichem Dafürhalten, über ein bemerkenswert geheimnisvolles Grundlächeln. In Verbindung mit dem englischen Begriff roadkill, der das tödliche Anfahren eines Tieres auf offener Straße bezeichnet, entsteht im Titel des Buches so der interpretatorische Rahmen des gesamten Textes, den es im Kopf zu behalten gilt.

Nach dieser kurzen Einführung in die Handlung von Axolotl Roadkill, die gewisse Ähnlichkeiten zur angenommenen Biographie der Autorin ans Lichte brachte, soll es im nun folgenden Kapitel darum gehen, die Geschichte von Veröffentlichung und Rezeption zu betrachten. Dabei werden insbesondere die Fragen zu beantworten sein, wie die Kritik das Buch vor den Plagiatsvorwürfen bewertete, wie es genau zu den Vorwürfen kam und wie sich im Anschluss daran die Bewertung des Textes und seiner Autorin veränderte.

1.3 Vom 'literarischen Kugelblitz' und der 'suggestiven Sowjetpropaganda'

Wie bereits angedeutet, gab sich die anfängliche Rezeption von Axolotl Roadkill begeistert bis überschwänglich. Neben Tobias Rapp fanden sich auch andere Kritiker und Feuilletonisten, die in der Folge jubelnd einstimmten und fast ausschließlich Gutes über den Roman zu sagen hatten. Eine genauere Betrachtung der zahlreichen wohlwollenden Kritiken vor den Plagiatsvorwürfen soll so als Übergang zum eigentlichen Wendepunkt der Geschichte dienen. Denn die insgesamt sehr positive Resonanz trug wohl ihren Teil dazu bei, dass sich die Ereignisse in der Folge erst derart überschlagen konnten.

Hatte es bei Rapp noch einigermaßen differenziert geheißen, das Buch stecke einerseits voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken sei aber zugleich "sperrig, unfertig und streckenweise schlicht unlesbar"29, so geben sich die Rezensionen in den Tagen nach der Veröffentlichung beinahe kritiklos. Dabei steht meist auch das junge Alter der Autorin im Zentrum der Betrachtung - so wird frenetisch darüber berichtet, Hegemann habe bereits 2008 für ihren Kurzfilm Torpedo den MaxOphüls-Preis bekommen und im Jahr darauf für einen Kurzfilm mit der Schauspielerin Nicolette Krebitz vor der Kamera gestanden.30

Drei Tage nach der Veröffentlichung stimmt Ursula März in den Kanon ein - in der Zeit schreibt sie: "Mifti [... ] hat mehr erlebt, als sich ohne Selbstparodie und Selbstdistanz ertragen lässt. Das ist der Kern dieses Debütromans."31 März ist es auch, die in ihrem Artikel die später häufig abschätzig gebrauchte Wortschöpfung "Literarischer Kugelblitz"32 entwirft. Und nur kurz nachdem auch Mara Delius in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Januar schreibt, Hegemann habe "all das, was schon hundertmal gedacht, gesagt, getan und getragen wurde [...] aufgesogen und in etwas ganz Neues, Unerhörtes"33 verwandelt, und zwar verwandelt in eine "Literatur, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, Brutalität und Vulgarität schön ist"34, kommt es nur zwei Tage später in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu der vielleicht meist zitierten Rezension von allen.

So lässt sich der bereits erwähnte Maxim Biller in seiner Buchkritik zu zahlreichen Formulierungen hinreißen, die den Fortgang der Diskussion um den Roman fortan bestimmen sollen. Biller beginnt seine Kritik mit den großen Worten: "Alle zehn Jahre erscheint in Deutschland ein Buch, das nur die lesen sollten, die es angeht."35 Biller nennt in diesem Zusammenhang beispielsweise Rohstoff von Jörg Fauser, Irre von Rainald Goetz sowie Christian Krachts Faserland. Mit Axolotl Roadkill sei nun wieder ein genau solcher Roman auf der literarischen Bildfläche erschienen, "vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte"36, so Biller - und weiter:

[...] die Aufrichtigkeit, mit der Mifti und die anderen sich selbst zerstören, hat eine Schönheit, eine Poesie, die möglicherweise mit der Wirklichkeit zu tun hat - aber vor allem mit dem ungeheuren literarischen Talent von Helene Hegemann. Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade - und ist am Ende dann doch Helene Hegemann, die ein Deutsch schreibt, das es noch nie gab: suggestiv wie Sowjetpropaganda.37

Spätestens jetzt scheint die Euphorie keine Grenzen mehr zu kennen - allenthalben ist vom "Coming-of-age-Roman der Nullerjahre"38 die Rede, und immer neue Superlative werden erfunden. Zwar gibt es auch Stimmen, die bereits zu diesem Zeitpunkt die Aufregung um das Buch differenzierter betrachten - so beispielsweise Jana Simon39 in der Zeit vom 28. Januar oder Dorothea Dieckmann40 in der Neuen Zürcher Zeitung vom 4. Februar - doch die Begeisterung wird von Tag zu Tag größer. Gibt es zaghafte Kritik, so hinterfragt diese interessanterweise meist, ob sich hinter den Reaktionen nicht bloß eine tiefe Sehnsucht nach jugendlicher Authentizität verberge.

Doch diese Stimmen verhallen so gut wie ungehört im 'Rauschen des Hegemann- Diskurses'. Erst als nur wenige Tage später - am 5. Februar - die ersten Plagiatsvorwürfe die Runde machen, und sich Meldungen über abgeschriebene Passagen ausbreiten, dreht sich das Blatt. Wie genau die Geschehnisse dieser Tage ablaufen, welche Ereignisse zu den Plagiatsvorwürfen führen und vor allem wie sich die bis dato begeisterte Kritik schlagartig in ihr Gegenteil verkehrt, soll nun Thema der nächsten Kapitel sein.

1.4 Plagiatsvorwurf und Textvergleich - Deef Pirmasens, Airen und das Buch Strobo

Nachdem aufgezeigt werden sollte, unter welchen Umständen Axolotl Roadkill veröffentlich wurde und wie die ersten Reaktionen darauf ausfielen, sollen im Folgenden nun die Plagiatsvorwürfe selbst ins Zentrum gerückt werden. Von besonderem Interesse ist dabei das Buch Strobo des bis heute anonym gebliebenen Autors Airen. Zur Verdeutlichung sollen einige prägnante Parallelen zwischen Strobo und Axolotl Roadkill aufgezeigt werden, bevor in einem weiteren Schritt die Reaktion in den Medien untersucht wird. Die hier gewonnen Erkenntnisse dienen im weiteren Verlauf der Arbeit dazu, eine solide Basis für die Diskussion um Authentizität, Plagiat und Intertextualität zu schaffen.

Die erste Meldung über angeblich abgeschrieben Passagen platzt am 5. Februar völlig unvermittelt in die Debatte. Nur wenige Tage nach Erscheinen des Buches war die erste Auflage schon vergriffen, wohl über 50.000 Exemplare sind nach den teilweise berauschten Rezensionen zu diesem Zeitpunkt abverkauft, und auf der Bestsellerliste des Spiegel rangiert Helene Hegemann auf Platz zwei. Auch im Fernsehen ist Axolotl Roadkill zu diesem Zeitpunkt präsent - am 2. Februar berichtet das NDR-Kulturjournal ausgiebig unter dem Motto "Literarische Sensation mit 17", und auch die ZDF-Sendung "Die Vorleser"41 beschäftigt sich ausnehmend positiv mit dem Roman.42

Die Vorwürfe gegen Helene Hegemann werden zuerst auf der Internetseite Gefuehlskonserve.de des Münchener Bloggers Deef Pirmasens veröffentlicht. Dieser entdeckt bei der Lektüre von Axolotl Roadkill auffällige Parallelen zu dem weitgehend unbekannt gebliebenen Buch Strobo. Zu diesem frühen Zeitpunkt dürfte Deef Pirmasens möglicherweise der einzige gewesen sein, der sowohl Strobo als auch Axolotl Roadkill gelesen hatte. Hinzu kommt, dass sich Pirmasens bei der Veröffentlichung von Strobo im Jahre 2009 intensiv mit Airen beschäftige - für seinen eigenen Blog hatte Pirmasens seinerzeit ein Kapitel aus Strobo vertont. Aus Bewunderung zu Airens Texten und Blogeinträgen, die in erster Linie aus radikalen Beschreibungen 'drogen- durchzechter' Nächte im Berliner Techno-Club Berghain bestehen, hatte Pirmasens nach Erscheinen von Strobo Kontakt zum Autor und zu dessen kleinem Berliner Verlag SuKuLTur aufgenommen.43

Die erste Reaktion von Pirmasens nach dem Entdecken der Ähnlichkeiten zwischen den beiden Texten ist jedoch alles andere als reißerisch - vielmehr veröffentlicht er seine Erkenntnisse am 5. Februar in sachlicher Art und Weise und nimmt sich die Zeit, die beiden Bücher nach Parallelen abzusuchen. Dabei gibt sich Pirmasens durchaus offen auch als Bewunderer von Axolotl Roadkill zu erkennen und zeigt chronologisch auf, durch welche Umstände ihm erste Verdachtsmomente gekommen waren:

Ich bin begeistert und frage mich, wie ein 17jähriges [...] Kind so etwas schreiben kann. Ist es nicht eher unwahrscheinlich, dass sie sich mit Stoffen wie Heroin und Orten wie dem unvermeidlich vorkommenden Berghain auskennt? Ins Berghain dürfen dank härtester Türpolitik nicht mal Leute, die auch nur AUSSEHEN wie unter 21jährig. Hegemann schreibt trotzdem glaubhaft darüber, weil sie sich von anderen Autoren inspirieren ließ, was zunächst einmal legitim ist. Doch die Inspiration nimmt copy-paste-mäßige Züge an, wie wir hier sehen.44

Im Anschluss an diese Ausführungen benennt Pirmasens nun das Buch Strobo von Airen als Quelle für die ausgemachten Ähnlichkeiten. "Nun folgt zwar", wie Felicitas von Lovenberg am 8. Februar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt, "einem ungewöhnlichen Bucherfolg fast nichts so zuverlässig wie der Plagiatsvorwurf"45, doch die Diagnose von Pirmasens ist nicht von der Hand zu weisen. Die Meldung verbreitet sich via Internet binnen weniger Stunden, und am Ende des Tages steht ohne Zweifel fest, dass Helene Hegemann zahlreiche Passagen aus einem fremden, unbekannten Roman abgeschrieben oder entlehnt hat - der Plagiatsfall des literarischen Shootingstars ist perfekt.

In dieser Arbeit soll es aber nicht darum gehen, minutiös alle relevanten Textstellen aufzuzeigen und zu vergleichen - vielmehr soll nur ein Eindruck davon vermittelt werden, in welchen Dimensionen sich die vermeintlich plagiierten Textstellen bewegen. Zu diesem Zweck werden nun einige prägnante Beispiele stellvertretend heran gezogen. Als Quelle für die Bezüge zwischen Strobo und Axolotl Roadkill dient an dieser Stelle die Darstellung aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Februar 2010.46

Eine erste Textstelle macht Pirmasens auf Seite 23 in Hegemanns Buch aus, in der die Protagonistin Mifti nach einer durchfeierten Nacht in einem Taxi sitzt und über ihre aktuelle Lage sinniert: "Ich habe Fieber, Koordinationsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut [...]."47 Parallel dazu findet man bei Airen die Passage: "Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut."48 Und nur ein paar Seiten weiter sind die Ähnlichkeiten nicht weniger offensichtlich. Helene Hegemann beschreibt auf Seite 36 Miftis Konsum von Drogen auf einer Toilette im Techno-Club Berghain mit den Worten: "Ophelia steht auf dem Klodeckel, um drei Lines Speed auf der Trennwand zur Nachbartoilette zurechtzumachen."49 In Strobo hingegen wird diese wie folgt beschrieben: "[...] als sich das als zu kompliziert erweist, klettert Marc auf die Klobrille und macht die Lines an der Grenze zur Nachbartoilette zurecht".50

Wie sich an diesen ersten Beispielen zeigt, sind es oft nicht bloß Übereinstimmungen in bestimmten Formulierungen und bei der Benutzung bestimmter Wendungen wie 'überhitztes Blut', teilweise übernimmt Helene Hegemann auch einfach Motive oder Schauplätze. Eine weitere Textstelle soll dies noch einmal zeigen - hier beschreibt Hegemann einen Dialog zwischen Mifti und einem Mann in der Wohnung ihrer Freundin Ophelia. Hier heißt es:

'Ficken wir irgendwann mal weiter?' / 'Nein.' / 'Wieso nicht?' / 'Ich ficke nicht mehr.' / 'Mann, Alter, ich bin übelst geil!' / 'Ich ficke jetzt nicht mehr mit dir.' / 'Aber warum denn nicht?' / 'Ich will nicht.' / 'Bist du positiv?' / 'Ja.' / 'Wie bitte?' / 'Ja.' / 'Du bist positiv?' / 'Ja. Aber das weißt du doch.' / 'Ich gehe tanzen.'51

Wieder einmal nur leicht verändert hingegen die Vorlage in Airens Strobo, wo es ebenso eindeutig, wenn auch etwas knapper zugeht:

'Lass uns ficken!' / 'Nein.' / 'Wieso nicht?' / 'Ich ficke nicht.' / 'Mann Alter, ich bin übelst geil, wir holen jetzt nen Gummi von der Bar und ficken!' / 'Nein.' / 'Aber warum nicht? Bist du positiv?' / 'Ja.' / 'Ich gehe tanzen.'52

In Deef Pirmasens´ entscheidendem ersten Blog-Eintrag sind es gerade einmal sechs Textstellen, die er zwischen Axolotl Roadkill und Strobo ausfindig macht. Diese aber bringen den Stein ins rollen und reichen aus, Helene Hegemann über Nacht vom Shootingstar zum Buhmann zu machen. Nachdem damit die Lawine einmal losgetreten ist, finden sich in den folgenden Tage mehr und mehr übernommene Passagen - auch über Strobo hinausreichende, ebenfalls nicht gekennzeichnete andere Versatzstücke kommen dabei ans Tageslicht. Nun sehen sich die Autorin und ihr Verlag zu einer Stellungnahme gezwungen, mit einer Presseerklärung gehen sie nur zwei Tage später an die Öffentlichkeit. Wie diese Stellungnahme im Detail aussah und wie insbesondere die Literaturkritik reagierte, soll nun im Weiteren untersucht werden.

1.5 Nach den Vorwürfen - die Reaktion der Autorin und des Verlages

Die bisherige Analyse beschäftigte sich mit der Autorin, dem Roman und der anfänglichen Euphorie in Öffentlichkeit und Medien. Die Begeisterung aber wandelte sich nach Veröffentlichung der Plagiatsvorwürfe schnell in ihr Gegenteil. Um den Überblick in der Causa Hegemann möglichst zu vervollständigen, wird in den letzten beiden Abschnitten dieses ersten Hauptteils nun darauf geschaut, wie Autorin, Verlag und Medien auf die Anschuldigungen reagierten.

In den Tagen nach dem 5. Februar scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen - den noch relativ wenigen von Pirmasens ausgemachten Textstellen gesellen sich in den kommenden achtundvierzig Stunden zahlreiche weitere hinzu. Am Ende werden es allein aus Airens Buch Strobo sowie aus dessen Blog um die dreißig übernommene Passagen sein. Hinzu kommen noch ungenannte Verweise von Rainald Goetz, Malcolm Lowry oder Kathy Acker. Auch der als Epilog dienende Abschiedsbrief der Mutter auf Seite 204 des Buches entpuppt sich als entlehnt. Die Vorlage hierfür bietet der Song 'Fuck U' der Londoner Band Archive, den Hegemann aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte.53

Doch auch damit ist es noch nicht getan, auch alte Werke der Autorin werden ans Licht geholt und auf ihre Echtheit hin untersucht. So meldet sich am 10. Februar der Filmemacher Benjamin Teske zu Wort. Er gibt an, die Kurzgeschichte Die Spiegelung meines Gesichts in der Erschaffung von Hegemann aus dem Jahre 2009 sei in großen Teilen eine "krasse und ziemlich eindeutige Kopie"54 seines eigenen Kurzfilms Try a Little Tenderness 55. Der Film von Teske war im gleichen Jahr zusammen mit Hegemanns Film Torpedo beim 30. Max Ophüls Filmfestival in Saarbrücken gelaufen.

Zu diesem Zeitpunkt liegt eine erste Reaktion von Autorin und Verlag bereits vor - schon am 7. Februar kommt es zu einer ausführlichen Presseerklärung. In dieser gibt Hegemann unumwunden zu, sich für Axolotl Roadkill zahlreicher Quellen bedient zu haben. Anders aber als viele wohl erwartet hätten, kontert die Autorin die Plagiats- Vorwürfe und verteidigt ihre Arbeitsweise mit dem Hinweis auf die dem Buch zu Grunde liegende Art der Textproduktion. Es ist diese Presseerklärung Helene Hegemanns, in der sie den später viel zitierten Satz prägt: "Originalität gibt´s sowieso nicht, nur Echtheit."56

Eindeutiger und entschlossener jedoch äußert sich der zu diesem Zeitpunkt bereits stark in der Kritik stehende Verlag - hier fürchtet Ullstein möglicherweise den Vorwurf, man habe im Hype um die Autorin schlichtweg vergessen, sie auf mögliche Quellen hin zu befragen. In der Erklärung von Verlegerin Siv Bublitz heißt es:

Natürlich haben wir Helene Hegemann vor Drucklegung ihres Buches gefragt, ob sie Quellen und Zitate verwendet hat. Sie verwies lediglich auf ein Zitat von David Foster Wallace, für das wir eine Genehmigung eingeholt haben. Offenkundig hat sie die Tragweite dieser Frage unterschätzt [...]. Die Position des Ullstein Verlages ist eindeutig: Quellen müssen genannt und ihre Verwendung muss vom Urheber genehmigt werden.57

Zugleich kommt von Seiten des Verlages der Hinweis, die zweite Ausgabe von Axolotl Roadkill verfüge im Gegensatz zur ersten bereits über eine explizite Danksagung an Airen - hier ist der Fakt entscheidend, dass die zweite Auflage bereits deutlich vor den Plagiatsvorwürfen in Druck gegeben wurde. Aber auch Helene Hegemann äußert sich in den folgenden Tagen immer häufiger, teilweise nicht ohne relevante logische Widersprüche. Zunächst führt sie im Rahmen der Presseerklärung aus, sie kenne lediglich den Blog von Airen nicht aber dessen Buch Strobo, dann wenig später aber veröffentlicht Airens Verlag SuKuLTuR eine brisante Rechnung des Versandhandelsunternehmens Amazon. Die Geschichte wird immer mehr zum Kriminalfall, denn mit der Rechnung belegt der geschädigte Verlag, dass Helenes Vater Carl Hegemann das Buch Strobo bei besagtem Online-Händler kaufte und seiner Tochter zukommen ließ. Besonders dieser Aspekt erregt die Gemüter noch einmal deutlich.58

Der Streit zwischen Ullstein und SuKuLTuR aber währt nicht lange, schon am 10. Februar klärt Hegemanns Verlag alle Rechte ab und sichert Airen einen Schadenersatz in vierstelliger Höhe zu. Zudem erklärt Ullstein nur wenige Tage später, man selbst werde im Oktober des Jahres Strobo in neuer Auflage veröffentlichen. Eine weitere Woche darauf gibt Ullstein dann offiziell ein erweitertes Quellenverzeichnis heraus und erklärt, dieses werde ab der vierten Auflage von Axolotl Roadkill im Anhang des Buches abgedruckt sein. Und noch etwas hat sich der Verlag einfallen lassen - so findet man am Ende des Quellenverzeichnisses nun einen Satz, der in der Folge für weiteren Gesprächsstoff sorgen wird. Er lautet: "Dieser Roman folgt in Passagen dem ästhetischen Prinzip der Intertextualität und kann daher weitere Zitate enthalten."59

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Helene Hegemann und ihr Verlag schon kurz nach den Vorwürfen offensiv Stellung bezogen und versuchten, die Wogen zu glätten. Da aber auf Seiten der Autorin weder Reue noch Schuldbewusstsein demonstriert wurde, trugen ihre öffentlichen Stellungnahmen viel eher zu einer weiteren Eskalation der Ereignisse bei. Daher soll nun im letzten Kapitel kurz umrissen werden, wie Feuilleton und Kritik reagierten und was dies für die Wahrnehmung der Helene Hegemann und ihres Buches bedeutete.

1.6 Die Diskussion in den Medien und 'Germany´s Next Autoren Topmodel'

Im Anschluss an die bisherige Rekonstruktion der Ereignisse wird es nun darum gehen, die öffentliche Diskussion im Anschluss an die Vorwürfe zu untersuchen. In diesem abschließenden Kapitel des ersten Hauptteils kommen auch Airen selbst sowie Personen aus dessen Umfeld zu Wort. Der Überblick über die Geschehnisse und Hintergründe im Fall Axolotl Roadkill soll nun komplettiert werden, so dass im weiteren Verlauf der Arbeit mit der eigentlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung begonnen werden kann.

Betrachtet man nun die Reaktionen der Literaturkritik auf Parallelen zwischen Axolotl Roadkill und Strobo, so fallen diese zu einem großen Teil recht einseitig aus. Beinahe die gesamte Öffentlichkeit wendet sich von Helene Hegemann und ihrem Buch ab und brandmarkt den zuvor noch hoch gelobten Debütroman der 17-Jährigen als Betrug. Die Reaktionen reichen in den ersten Tagen von erschrockener Entrüstung bis zu Abneigung und Hass - vermehrt sind auch Töne zu vernehmen, die Helene Hegemann nun jegliches literarisches Geschick absprechen. Nach ein paar Tagen der Verwirrung und der Irritation, in denen noch nicht zu überblicken ist, wie viele Stellen in Axolotl Roadkill letztlich wirklich übernommen wurden, und in denen sich die Abneigung in einer ersten Reaktion auch gegen die digitale Kultur des Internets zu richten scheint60, setzen die heftigsten Angriffe mit dem 10. Februar ein. So beginnt etwa Jürgen Kaube seinen Artikel "Germany´s Next Autoren-Topmodel" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung damit, eine Diskussion darüber zu entfachen, ob Axolotl Roadkill in Wahrheit nicht vielleicht bloß ein Witz ihres Vaters gewesen sei. In Bezug auf eine besonders pikante Stelle im Roman, in der es um die imaginierte Vergewaltigung einer Sechsjährigen geht, stellt Kaube die Frage: "[...] ob er ihr solche Stellen hinein geschrieben hat?".61

Immer wieder werden in der Folge nun Stimmen zu vernehmen sein, die Helene Hegemann gar nicht mehr für fähig halten, das Buch überhaupt noch selbst geschrieben zu haben. Auch ist augenfällig, dass keine Rede mehr von der anfänglich attestierten "Sprachgewalt"62 Hegemanns ist - ihre Ausdrucksfähigkeit ist fortan sogar Zentrum der entrüsteten Kritik, so schreibt Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung:

Die wüsten Sprachbilder bedrängen sich [...] gegenseitig, stehen einander auf den Füßen herum, rutschen zur Seite und stiften jede Menge Verwirrung. Das Durcheinander ist Absicht, denn es gibt etwas zu verbergen: einen substantiellen Mangel an Erfahrung.63

Reaktionen dieser Art dominieren nun mehrheitlich die Feuilletons. Der Ärger und die Wut richten sich in erster Linie gegen die Autorin, gegen den versuchten Betrug, gegen Vater Carl Hegemann sowie auch gegen den Ullstein Verlag. Immer wieder werden Stimmen laut, die sich beklagen, man sei einer Verlagskampagne auf den Leim gegangen, und das Ganze könne letztlich nur ein billiger Marketing- und PR- Gag gewesen sein, wie beispielsweise Uwe Wittstock64 in einem Beitrag für die Welt erklärt.

Notwendigerweise aber gilt es auch festzuhalten, dass die Kritik keinesfalls völlig homogen verläuft - vielmehr zeigen sich teilweise auch stark divergierende Diskussionsansätze. Schon früh wundert sich beispielsweise Matthias Heine in der Welt über die "Häme"65, mit der nun Helene Hegemann gerichtet würde. Die Kritiker nennt er "Feuilletonbürokraten"66, denen die "Empörung aus jeder Pore"67 rinne. Ähnliches ist auch in der Zeit vom 18. Februar zu lesen - Iris Radisch reagiert hier namentlich auf die bereits zitierte Kritik Jürgen Kaubes und Thomas Steinfelds. Hegemanns Vergehen würde "für den patriarchalischen Radau wie den stattgehabten kaum ausreichen"68, so Radisch. Sie sieht in der überharten Kritik nicht mehr als das abwehrende Symptom einer "durch Männerkartelle kontrollierten Medienkultur".69

Die sich hochschaukelnde Diskussion wird dabei immer wieder angeheizt durch neue Sachlagen, Enthüllungen und teilweise provokante Statements seitens der Autorin. Einen zusätzlichen Stein des Anstoßes stellt dann auch die Nominierung Hegemanns für den Leipziger Buchpreis70 vom 11. Februar dar, und auch das Interview von Airen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nur einen Tag darauf sorgt für großen Wirbel. In diesem erklärt der ‚Bestohlene’, nicht wütend auf Hegemann zu sein - eigentlich, so Airen, fände er ihr Buch sogar sehr gut. Daher habe sie es seiner Meinung nach gar nicht nötig gehabt, sich bei ihm zu bedienen. In dem Interview aber pocht der Autor bei allem Verständnis auch auf sein Recht und fordert die Anerkennung seiner 'authentischen' Erlebnisse: "Das war kein Roman, das war mein Leben. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt."71

Immer neue Ereignisse lassen die Diskussion nicht zur Ruhe kommen. Erst sorgt ein spektakulärer Auftritt der Autorin in der Harald Schmidt Show vom 13. Februar für großes Aufsehen, dann wird Hegemanns 18. Geburtstag mit großer Parade im Berliner Techno-Club 'Tresor' zelebriert. Als zeitgleich das Quellenverzeichnis samt Bezug auf die vermeintlich intertextuelle Arbeitsweise publiziert wird, geht die Diskussion noch einmal von vorne los. Wochenlang schaukelt sich das Spektakel hoch, und am Ende ergreift auf dem Höhepunkt des Skandals ein vermeintlich 'prominenter Literaturkritiker' unter dem Pseudonym Axel Lottel in der Frankfurter Rundschau Position für Hegemann und kritisiert darin den Literaturbetrieb aufs Schärfste. Zudem fordert der bis heute anonym gebliebene Kritiker die Jury des Leipziger Buchpreises vehement dazu auf, den Preis ungeachtete aller Vorwürfe an Helene Hegemann zu verleihen.72

Neben Feuilletonisten und Kritikern beziehen auch andere Prominente Stellung - stets geht es dabei um die Frage, ob man es hier mit einem klaren Fall von Plagiat zu tun habe, oder ob Axolotl Roadkill tatsächlich als ein intertextuelles Kunstwerk aufgefasst werden könne. Die Palette der prominenten Diskutanten reicht in diesen Tagen von Durs Grünbein in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Julia Kristeva73 in der Welt bis zu Elke Heidenreich und Günther Grass. Dieser stellt sich letztlich im Rahmen der Verleihung des Leipziger Buchpreises am 16. März an die Speerspitze einer Bewegung, die sich mit der sog. 'Leipziger Erklärung' für die Wahrung der Urheberschaft im digitalen Zeitalter einsetzt. Mit ihm sprechen sich unter anderem auch die Autoren Christa Wolf und Günter Kunert indirekt gegen die Vergabe des Buchpreises an Helene Hegemann aus. In der Erklärung heißt es:

Wenn ein Plagiat als preiswürdig erachtet wird, wenn geistiger Diebstahl und Verfälschung als Kunst hingenommen werden, demonstriert diese Einstellung eine fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen im etablierten Literaturbetrieb.74

Zwar gibt es auch immer wieder Stimmen, die Helene Hegemanns Debütroman weiterhin die Stange halten, gemessen aber an der anfänglichen Euphorie wird die Autorin nun regelrecht demontiert. Erst gegen Mitte des Monats März endet die akute mediale Auseinandersetzung - den endgültigen aber bereits wenig beachteten Schlusspunkt setzt die Autorin selbst. Einen ganzen Monat später, nämlich am 29. April, macht sie mit einem zweiseitigen Gegenschlag in der Zeit noch einmal auf sich aufmerksam.

[...]


1 Johann Wolfgang Goethe: "Johann Peter Eckermann. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens", zit. nach Anne-Kathrin Reule, in: Anne-Kathrin Reulecke (Hrsg.): F ä lschungen - Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaft und K ü nsten. Frankfurt, 2006, S.265-290, hier S. 281.

2 Vgl. Anne-Kathrin Reule, in: Anne-Kathrin Reulecke (Hrsg.): F ä lschungen - Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaft und K ü nsten. Frankfurt, 2006, S. 7-43.

3 Philipp Theisohn: Plagiat - Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Stuttgart, 2009, S. XI.

4 Helene Hegemann: Axolotl Roadkill, Berlin, 2010.

5 Genau dies bemerkte und bemängelte der Schriftsteller Durs Grünbein, der sich am 23. Februar 2010 in die Diskussion einmischte und mit einer Wortmeldung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinem Unmut Luft macht. Unter anderem schrieb Grünbein: "Es geht im Moment alles durcheinander. Was ist Intertextualität, was ist Plagiat, was ist ein Ready-made, [...] was ist ein Insert, ein Zitat, ein Pastiche? Und dann die große moralische Frage [...]: Was ist Mein und was ist Dein?".

6 Es gehört zur These dieser Arbeit, dass sich Erkenntnisse und Einsichten in das Wesen insbesondere der Gegenwartskunst auch auf die Betrachtung und Beurteilung zeitgenössischer Literatur übertragen lassen. Aus diesem Grund ist das weite Verständnis von Plagiat und Fälschung in Literatur und Kunst Voraussetzung für die Analyse.

7 Philipp Theisohn: "Nennt das Kind beim Namen", in: Neue Zürcher Zeitung vom 25. Februar 2010.

8 Helene Hegemann im Interview mit dem Magazin SPEX, in: Ausgabe #328, September / Oktober 2010, S. 48-53, hier: S. 50.

9 Airen: Strobo. Berlin, 1999.

10 Perlentaucher: "Abgeschrieben oder eigenes Werk? Links zum Streit über Helene Hegemanns Roman 'Axolotl Roadkill'", erstmals erschienen auf Perlentaucher.de am 15. Februar 2010.

11 Tobias Rapp: "Das Wunderkind der Berliner Boheme", in: Der Spiegel vom 18. Januar 2010.

12 Vgl. ebd.

13 Ebd. / Zu diesem Aspekt merkt Helene Hegemann allerdings in dem bereits zitierten Interview mit der SPEX an: "Das mit dem Theater habe ich aus Versehen mal in einem Interview gesagt. Seitdem verfolgt es mich." (vgl. Hegemann: Interview SPEX, S. 52.)

1414 Vgl. Willi Winkler: "Untermieter im eigenen Kopf", in: Süddeutsche Zeitung vom 8. Februar 2010.

15 Maxim Biller: "Glauben, lieben, hassen", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Januar 2010.

16 Rapp: Wunderkind der Berliner Boheme.

17 Hegemann: Axolotl Roadkill, S. 16.

18 Ebd. S. 13.

19 Ebd.

20 Ebd. S. 24.

21 Ebd. S. 60.

22 Ebd. S. 48f.

23 Ebd. S. 97.

24 Ebd. S. 17.

25 Vgl. ebd. S. 134.

26 Rapp: Wunderkind der Berliner Boheme.

27 Hegemann: Axolotl Roadkill, S. 201.

28 Ebd. S. 205.

29 Rapp: Wunderkind der Berliner Boheme.

30 Ursula März: "Literarischer Kugelblitz", in: Die Zeit vom 21. Januar 2010.

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Mara Delius: "Mir zerfallen die Worte im Mund wie schlechte Pillen", in: Die Zeit vom 22. Januar 2010.

34 Ebd.

35 Biller: Glauben, lieben, hassen.

36 Ebd.

37 Ebd.

38 Delius: Mir zerfallen die Worte im Mund.

39 Jana Simon: "Wie sie euch gefällt", in: Die Zeit vom 28. Januar 2010.

40 Dorothea Dieckmann: "Nicht gesellschaftsfähig?", in: Neue Zürcher Zeitung vom 4. Februar 2010.

41 Hier gibt es eine interessante Randnotiz, die nicht unerwähnt bleiben sollte: die ZDF-Sendung "Die Vorleser" mit Amelie Fried und Ijoma Mangold, in der sich besonders der Letztgenannte überaus positiv über den Text äußert, wurde bereits einige Tage vor den Plagiatsvorwürfen aufgezeichnet. Die Ausstrahlung aber findet just an jenem 5. Februar statt, an dem der 'Skandal' seinen Anfang nimmt - Online-Medien, Blogs und Social Networks diskutieren das Thema bereits hitzig, als in der Fernsehsendung von kritischen Tönen noch keine Rede sein kann.

42 Vgl. Perlentaucher.

43 Vgl. Deef Pirmasens im Interview mit Lisa Sonnabend, in: Süddeutsche Zeitung vom 8. Februar 2010. Das Interview trägt den Titel "Blogger entlarvt Fräuleinwunder".

44 Deef Pirmasens: Gefuehlskonserve.de vom 5. Februar 2010.

45 Felicitas von Lovenberg: "Originalität gibt es nicht - nur Echtheit", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Februar 2010.

46 Am 12. Februar 2010 veröffentlicht die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter dem Titel "Das habe ich erlebt, nicht Helene Hegemann" ein Interview mit Airen. Dem Gespräch nachgestellt ist eine umfängliche Liste der Textvergleiche zwischen Axolotl Roadkill und Strobo.

47 Hegemann: Axolotl Roadkilll, S. 23.

48 Airen: Strobo, S. 106.

49 Hegemann: Axolotl Roadkilll, S. 36.

50 Airen: Strobo, S. 146.

51 Hegemann: Axolotl Roadkilll, S. 130.

52 Airen: Strobo, S. 105.

53 Vgl. Perlentaucher.

54 Benjamin Teske, zit. nach: Cosima Lutz: "Komplette Kopie - Auch Filmstudent wirft Hegemann Plagiat vor", in: Die Welt vom 11. Februar 2010.

55 Zur Klarstellung: Im Jahre 2009 veröffentlicht Hegemann im Vice Magazine unter dem oben genannten Titel eine Kurzgeschichte. Im Rahmen der Plagiatsvorwürfe wird eine Leserin des Magazins darauf aufmerksam, dass Hegemanns Geschichte starke Ähnlichkeiten mit einer Story namens 'Un Peu Tendress' des Autors Martin Page habe. Es kommt eins zum anderen, und der Vorwurf dringt bis zu besagtem Benjamin Teske vor, der seinen Kurzfilm 'Try A Little Tenderness' - wie sich herausstellt - in Abstimmung und enger Zusammenarbeit mit Martin Page auf der Grundlage dessen Kurzgeschichte verfilmt hatte. Das Vice Magazine prüft die Vorwürfe gegen Hegemann und gibt eine Erklärung ab, in der es heißt: "Als wir das [...] erfuhren, gingen wir noch einmal den E-Mail Verkehr mit Helene durch und stellten fest, dass sie uns im Vorfeld gebeten hatte, den Text Benjamin Teske zu widmen, da uns aber damals die Tragweite dieser Widmung nicht bewusst war, [...] haben wir diese nicht abgedruckt. Wir zitieren aus der uns vorliegenden E-Mail: 'solltet ihr die geschichte tatsächlich drucken wollen in geraumer zeit, wärs großartig wenn ihr aus diversen gründen drüber schreiben könntet für benjamin teske'". (VICE STAFF: "Hegefeuer der Eitelkeiten - Darstellung der Ereignisse", in: Vice Magazine vom 10. Februar 2010).

56 Helene Hegemann: Offizielle Presseerklärung der Autorin vom 7. Februar 2010.

57 Siv Bublitz: Offizielle Presseerklärung des Ullstein Verlages vom 7. Februar 2010.

58 Vgl. Lovenberg: Originalität.

59 Offizielles Quellenverzeichnis zu Axolotl Roadkilll, herausgegeben vom Ullstein Verlag am

17. Februar 2010.

60 Vgl. Wieland Freund: "Axolotl Roadklau", in: Die Welt vom 10. Februar 2010.

61 Jürgen Kaube: "Germany´s Next Autoren-Topmodel", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Februar 2010.

62 Roland Mischke: "Exzesse gegen die Einsamkeit", in: Saarbrücker Zeitung vom 26. Januar 2010.

63 Thomas Steinfeld: "Ich bin in Berlin. Es geht um meinen Wahn", in: Süddeutsche Zeitung vom 10. Februar 2010.

64 Uwe Wittstock: "Axolotl Roadkill taugt auch mit Debatte nichts", in: Die Welt vom 17. März 2010.

65 Matthias Heine: "Warum alte Männer Helene Hegemann hassen", in: Die Welt vom 12. Februar 2010.

66 Ebd.

67 Ebd.

68 Iris Radisch: "Die alten Männer und das junge Mädchen", in: Die Zeit vom 19. Februar 2010.

69 Ebd.

70 Trotz der mittlerweile heiß diskutierten Plagiatsvorwürfe hält die Jury an ihrer bereits zuvor geplanten Nominierung Hegemanns fest und erntet dafür größte Kritik. Jury-Präsidentin Verena Auffermann erklärt in einer Stellungnahme, man könne den Fall auch dafür nutzen, eine Diskussion über Literatur und Urheberrecht im 21. Jahrhundert zu beginnen.

71 Airen: Interview FAZ. / In dem Interview, das Airen weiterhin anonym gibt, betont dieser abermals, die von ihm veröffentlichten Geschichte tatsächlich genau so erlebt zu haben. Gerade deshalb, aus Angst vor gesellschaftlichen Folgen, sei die Wahrung seiner Identität für ihn so ausschlaggebend. Bis heute ist nicht bekannt, welcher bürgerliche Name sich hinter dem Pseudonym Airen versteckt.

72 Vgl. Axel Lottel: "Gebt Ihr den Preis!", in: Frankfurter Rundschau vom 12. Februar 2010.

73 Die Wortmeldung der Theoretikerin ist für die Diskussion nicht sonderlich ertragreich. Zwar erklärt sie in dem Interview vom 18. März noch einmal, was sie unter dem von ihr geprägten Begriff der Intertextualität verstehe, fruchtbar für die Debatte ist dies allerdings nicht, da Kristeva erklärt, den Fall Hegemann ebenso wenig zu kennen wie das Buch Axolotl Roadkill. (vgl. Julia Kristeva: Interview mit Brigitte Preissler für 'Die Welt' vom 18. März 2010.)

74 Günter Grass, Christa Wolf et.al.: Leipziger Erklärung im Rahmen der Buchmesse vom 15. Februar 2010, publiziert in: Der Spiegel, "Literaturstars mobilisieren gegen Hegemann", 15. Februar 2010.

Details

Seiten
106
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656053149
ISBN (Buch)
9783656052920
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181963
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Medien- und Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
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Autor

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    Master of Arts Timon-Karl Kaleyta (Autor)

    5 Titel veröffentlicht

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Titel: Authentizität – Plagiat – Intertextualität: Der Fall Helene Hegemann