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Der Tod in den Medien

Vom Umgang mit Sterben, Tod und Trauer, dargestellt an der Fernsehserie "Six feet under"

Bachelorarbeit 2009 45 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tod und Gesellschaft
2.1. Historischer Überblick vom Umgang mit dem Tod
2.2. Der Tod heute: Hospitalisierung und Tabuisierung

3. Die Medien und der Tod
3.1. Allgemeiner Überblick
3.2. Der Tod als dramaturgisches Mittel

4 . Six feet under. Gestorben wird immer
4.1. Inhalt der Serie und Ordnung der dargestellten Welt
4.2. Fakten zur Serie

5. Sterben, Tod und Trauer in Six feet under
5.1. Trauer in Six feet under - Ein individueller Prozess
5.2. Das Geschäft mit dem Tod - Die Bestattungsindustrie
5.3. Der Tod im Alltag - Verdrängung und Rückkehr über den Bildschirm
5.4. Sterben in Six feet under - Modellierung eines Todesbildes

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„ Im Umgang mit den Toten zeigt sich die Kultur eines Volkes. “ 1 (Perikles) Wie mag dann wohl der griechische Feldherr Perikles unsere Kultur sehen? Wie gehen wir mit unseren Toten um? Und was sagt das über unsere Kultur aus?

Fest steht, dass die westliche Kultur in den letzten Jahrzehnten eine eigene Todes- vorstellung entwickelt hat. Der Begriff der Todesverdrängung ist inzwischen in aller Munde, doch ganz so einfach wie noch vor einigen Jahren kann man diese These nicht mehr betrachten. Der Tod hat einen Weg gefunden in unsere Gesellschaft und unseren Alltag zurückzukehren. Über einen wesentlichen Bestandteil der westlichen Kultur, die Medien, kommt der Tod täglich ins Bewusstsein der Menschen. Doch die Frage, der sich diese Arbeit widmen soll, ist, wie der Tod in den Medien dargestellt wird und welchen Einfluss dies auf die Todesvorstellung des Rezipienten hat.

Normalerweise ist der Tod für uns kaum greifbar, da er in den Medien meist nur in extremer Form, wie bei Kriegen oder Unfällen, in Erscheinung tritt. Tatsache ist, dass die Medien überwiegend den grausamen, ungewöhnlichen oder spektakulären Tod zeigen. Es gibt kaum einen Fernsehabend, an dem nicht gemordet und gestorben wird, und anschließend ein zufriedengestellter Kommissar den Tathergang aufdeckt und den Mörder ins Gefängnis befördert.

Auch öffentliches Sterben stößt auf große Publikumsresonanz. Der Tod von Lady Diana oder Papst Johannes Paul II. sind nur zwei der zahlreichen Beispiele dafür, dass der Tod über die Medien verstärkt in unser Leben tritt, während er individuell verdrängt und tabuisiert wird. Öffentliche Diskussionen über Todesthemen wie Eu- thanasie erzielen im Publikum hohes Interesse. Das Beispiel von Ramon Sampedro2 und die dadurch hervorgerufenen Reaktionen weltweit und in der Presse machen dies deutlich.

Ein natürlicher, meist langwieriger Sterbeprozess durch Altersschwäche oder Krank- heit wird in den Medien selten gezeigt, was zu einer verzerrten Wahrnehmung beim Rezipienten führt, da der „unspektakuläre“ Tod in den Medien meist nur einen Rand- platz bekommt.

Dies trifft auch auf die Fernsehserie Six feet under (SFU) zu, die sich, als eine der wenigen Formate in Film und vor allem Fernsehen, der Präsenz des Todes im Leben widmet. Das Besondere an der Serie ist, dass sie alltägliche Erfahrungen aufgreift und der Tod somit wieder dahin kommt, wo er eigentlich Auftritt, im Alltag der fiktio- nalen Charaktere. Deshalb wurde SFU für diese Arbeit als Beispiel gewählt, anhand dessen auf deskriptive und hermeneutische Weise untersucht werden soll, wie To- desvorstellungen durch die Medien vermittelt werden und welche Wahrnehmung dies beim Rezipienten bezüglich seines eigenen Blickes auf den Tod hervorruft.

Um Herauszufinden, wie die Medien Vorstellungen vom Tod beeinflussen, wird zunächst ein Überblick über das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Tod gegeben. Anhand eines historischen Überblicks werden die gravierendsten Unterschiede der Todesbilder in den vergangenen Epochen aufgezeigt. Die aktuelle Todesvorstellung und die damit verbundenen zwei Hauptmerkmale Tabuisierung und Hospitalisierung sollen anschließend erläutert werden.

Im nächsten Kapitel wird das Verhältnis von Tod und Medien beleuchtet. Hierbei soll zunächst geklärt werden, wo der Tod in den Medien in Erscheinung tritt und welche Funktionen die Todesdarstellung in den Medien hat. Ein weiterer Unterpunkt widmet sich der Bedeutung des Todes in dramaturgischer Hinsicht.

Der nächste Teil der vorliegenden Arbeit stellt SFU vor. Das Konzept der Serie wird erläutert und Figuren, Inhalt und Handlungsstränge werden vorgestellt. Im Anschluss werden Fakten zur Serie genannt und die öffentlichen Reaktionen auf SFU aufge- zeigt.

Aufbauend darauf widmet sich das fünfte Kapitel dem Hauptaugenmerk der Arbeit, der Analyse der Serie. Hierfür werden verschiedene Aspekte beleuchtet, die deutlich machen sollen, wie in SFU Sterben, Tod und Trauer dargestellt werden und zu wel- chen Deutungsmöglichkeiten dies beim Rezipienten führen kann. Zunächst soll die Widerspiegelung in Form des Trauerprozesses und das Bestattungswesens analy- siert werden. Im Anschluss daran, wie die Serie den Tod in den Alltag integrieren kann. Zuletzt wird untersucht, wie in SFU gestorben wird und welches Todesbild die Serie damit modelliert.

Am Schluss dieser Arbeit sollen eine kurze Zusammenfassung der erzielten Ergebnisse und ein Fazit stehen.

2. Tod und Gesellschaft

„ Recht unwahrscheinlich ist, dass jemals eine Gesellschaft mehrheitlich das Eindrin gen des Todes ins Leben der Menschen freudig begr üß te. “ 3

Doch es gab wohl Zeiten in denen man mit größerem Erfolg die Gewissheit des sich nähernden Todes in das Verständnis des Lebens integrieren konnte als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.4 Das folgende Kapitel soll daher zunächst einen Über- blick geben, wie die Menschen in den verschiedenen Epochen mit dem Tod umgin- gen. Anschließend folgt eine kurze Bestandsaufnahme des heutigen Umgangs mit dem Tod.

2.1. Historischer Überblick vom Umgang mit dem Tod

Seit sich die Menschen ihres Todes bewusst sind, versuchen sie, einen Weg zu finden, mit der eigenen Sterblichkeit umzugehen. Dies geschieht in den unterschiedlichen Kulturen auf verschiedenste Weise. Auch in der abendländischen Kulturgeschichte, brachte jede zeitgeschichtliche Epoche ein neues Todesbild und somit neue Umgangsformen mit Sterben, Tod und Trauer mit sich.

Schon die griechische Philosophie beschäftigte sich eingehend mit dem Tod. In der Bevölkerung herrschte noch keine scharfe Trennung von Diesseits und Jenseits, denn „ alles [war] erf ü llt vom Wirken der Götter. “ 5 Die Griechen orientierten sich stark an vorgegeben Mythen. Doch die Philosophen begannen sich davon zu distanzieren. Eine wesentliche Rolle spielte hierbei Platon, der die Lehre der zwei Welten vertrat. Demnach trennt sich die Welt in einen sichtbaren Teil, den Leiblichen, und einen Teil der Ideen, die Seele. „ Der Tod spielte f ü r Platon deshalb eine so wesentliche Rolle, weil der Tod von Grund auf die Bewegung des Lebens und des Sterbens in Frage stellt. “ 6 Er beschrieb als einer der ersten die Idee der Seelenwanderung, und trennte sich damit von dem vom Mythos vorgegebenen Todesbild.7

Im Mittelalter wird das Thema Sterben und Tod deutlich aufgewertet. Es entsteht die „ars moriendi“, die Kunst zu sterben. Man entwickelte die Hoffnung, das Sterben sei lernbar, und somit überwindbar. Sterben war eine öffentliche Angelegenheit, und der Tod ein ständiger Begleiter in Zeiten von Krieg und Pest. Die größte Angst hatte man, im Gegensatz zu heute, vor dem schnellen unerwarteten Tod.8 Dieses neue Todesbild beschreibt einen eigenen, pathetischen und individuellen Tod, den der französische Historiker Philippe Ariès den „eigenen Tod“ nennt. Besondere Aufwer- tung erfährt das Todesthema im 16. Jahrhundert mit den Totentänzen, Abbildungen von Rundtänzen mit jeweils einem Toten und einem Lebenden. „ Der moralisch- erzieherische Zweck ist der, die Ungewi ß heit der Todesstunde und die Gleichheit der Menschen angesichts des Todes vor Augen zu f ü hren. “ 9 Durch die Darstellung kör- perlicher Verwesung, entstand ein „memento mori“: Denk daran, dass du sterben musst.

In der Renaissance wurde dies von einem „memento vivere“ abgelöst. Man hatte die Vorstellung, dass der Tod seinen Schrecken verliert, wenn man sich auf das Dies- seits konzentriert, und das Leben in vollen Zügen genießt. Es begann durch Fort- schritte in der Wissenschaft eine sachlich-rationale Einstellung zum Tod. In diesem Zuge folgte eine gewisse Aussöhnung mit dem Tod.10 In der Reformationszeit mach- te das Todesbild einen weiteren Schritt in Richtung Individualisierung. Durch die Ausbreitung der Geldwirtschaft], entstanden Ablasszahlungen und somit ein Indivi- dualgericht am Jüngsten Tag.11

In der Barockzeit wanderte der Fokus mehr auf den Tod des anderen als auf den eigenen Tod. Das Todesthema hielt Einzug in die Literatur, wo sich eine „Blut-, To- des- und Verwesungsromantik“ entwickelte. Der Tod wurde patethisch gefeiert, überhöht, dramatisiert und mit heftigen Emotionen verbunden. Es gab pompöse Be- gräbnisse, und der Grundtonus war, dass nicht die Toten, sondern die Hinterbliebe- nen zu betrauern waren.12

Ab dem 18. Jahrhundert entstand eine neue Empfindsamkeit. Der Tod war nicht mehr vertraut, galt aber als „schön“, als etwas, dass ästhetisiert werden musste, um es zu vertuschen. Beispielsweise wurden keine Leichname mehr gezeigt. Es erfolgte eine Intensivierung der Trauer, da der Glaube keinen ausreichenden Halt mehr bot, um den Tod zu akzeptieren. In der Romantik wurde der Tod nach außen hin abgeschirmt, um das geliebte Wesen unsterblich zu machen.

„ Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begann der Tod Angst einzufl öß en. Die Menschen fingen an, ihn zu verschweigen, auch die Geistlichen und Ä rzte. Die K ü nstler hörten auf ihn bildlich darzustellen. Es wurde ernst [ … ] Tod und Sterben hörten auf, ihm Bewuss tsein der Menschen zu existieren. “ 13

Trauernde durften ihren Schmerz in der Öffentlichkeit nicht mehr zeigen. Durch die Aufklärung verbreitete sich die sachlich-rationale Einstellung zum Tod weiter.14 Durch die Entdeckung der Hygiene, verlagerten sich beispielsweise die Friedhöfe an die Stadtränder.15

2.2. Der Tod heute: Hospitalisierung und Tabuisierung

Der Umgang mit dem Tod heute zeichnet sich durch zwei Hauptmerkmale aus: Hos- pitalisierung und Tabuisierung, die sich auch in zahlreichen historischen Studien ab- zeichnen.

Ariès konstatierte in den 1970er Jahren, dass sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Beginn der Industrialisierung die Beziehung zwischen Tod und Gesellschaft in Europa schrittweise veränderte. Ariès geht von drei Etappen aus, in denen der Tod sich von etwas Vertrautem zu einem versteckten und verheimlichten Ereignis entwi- ckelte: Ab circa 1850 wurde der Tod zunehmend als etwas Schmutziges, Hässliches und Unpassendes wahrgenommen, so verschwieg man zum Beispiel Todkranken ihre aussichtslose Lage. Ab ungefähr 1917 wurde öffentliche Trauer unterdrückt und galt als beschämend und verboten. Die dritte Etappe zeichnet sich durch den Pro- zess der Hospitalisierung, der Verlagerung des Todes ins Krankenhaus nach dem zweiten Weltkrieg aus.16

Auch Marianne Mischke datiert den Beginn des „Verbergen des Todes“ zur selben Zeit. Eine wichtige Veränderung sieht sie in der Zeit ab 1930:

„ Innerhalb einer einzigen Generation hat sich eine vollständige Umwälzung der Alltags wirklichkeit und der Einstellung zum Tode vollzogen. Die Naturwissenschaften setzten sich immer mehr durch und bestimmten mit ihren Erkenntnissen die Realität. “ 17

Als Konsequenz wurde der Tod nicht mehr als etwas Magisches, Mystisches oder als Übergang in eine neue Welt gesehen, sondern lediglich als Ende biologischer Funk- tionen. Durch diese Entwicklung verschiebt sich der Kompetenzbereich des Todes in die Disziplinen Medizin und Naturwissenschaft und somit ins Krankenhaus, was den Tod aus der Gesellschaft verschwinden lässt. 1990 starben 80% der Menschen in Krankenhäusern, um 1900 waren es gerade mal 10%. Der Rest starb zu Hause bei seinen Angehörigen.18 Sterbende werden von den Lebenden isoliert. Somit wird der Tagesrythmus durch den Tod eines Angehörigen nicht gestört und damit weniger sicht- und nachvollziehbar. Die früheren Funktionen der Familie des Sterbenden werden von öffentlichen Institutionen übernommen, wodurch eine Sterbeindustrie entstanden ist. Es werden immer weniger Rituale und Zeremonien eingehalten und die anonymen Bestattungen nehmen zu.19

In vielfacher Weise wir der Tod tabuisiert. Zum einen durch Sprache, da man unfähig ist über den Tod zu kommunizieren, weil er aus dem Leben ausgegrenzt wurde. Das Sprechen über den Tod ist unangenehm und gegenüber Trauernden ist man verunsichert und hilflos. Nach Mischke ist dies in einer todverdrängenden, leistungs- und spaßorientierten Gesellschaft eine verständliche Reaktion. Hinzu kommt, dass Tote meist als ideale Menschen hingestellt werden: „ Auf Friedhöfen wimmelt es von Nek rol ü gen. “ 20 Auch Kinder sollen vor dem Tod „bewahrt“ werden, indem man sie beispielsweise nicht auf Beerdigungen mitnimmt.21

Eine weitere Form der Tabuisierung ist die Unterdrückung der Trauer.

„ Trauer ist nicht gleich Trauer. Unsere moderne Gesellschaft verhält sich der Trauer gegen ü ber duldend ungeduldig. In den meisten Situationen wertet man sie als zu langwie rig, als unangebracht, nicht rasch genug abklingend usw. ab. In der Ö ffentlichkeit wird sie oft genug versteckt und als Krankheit betrachtet, also als etwas Unnat ü rliches, ja sogar Pathologisches, das bekämpft werden muss. [ … ] Die Trauer in der Moderne ist zu einem privaten, isolierten und ganz und gar individuellem Ereignis geworden. “ 22

Der Tod ist heute in der westlichen Gesellschaft vollständig durchgeplant. Der Tote wird durch zahlreiche bürokratische Prozesse geschleust bis er seine letzte Ruhe findet. Die Industriegesellschaft verbietet das Zeigen starker Trauer in der Öffentlich- keit und der Mensch setzt die Hoffnung ganz auf das Diesseits. Deshalb bestimmen Erfolg, Arbeit und Konsum die Existenz. Man hat Angst vor dem Tod, der als Still- stand interpretiert wird, was in der Industriegesellschaft nicht akzeptabel ist. Es gibt Normen für alle Verhaltensweisen gegenüber dem Sterben. Am Grab muss es still sein, auf Friedhöfen darf nur mit gedämpfter Stimme gesprochen werden etc. So gibt es auch diese „Vorschriften“ für die Trauernden. Innerhalb kürzester Zeit sollen sie wieder „funktionieren“ und in den Alltag zurückkehren. In der Regel bekommt ein Ar- beitnehmer drei Tage Zeit, um nach einem Todesfall wieder in den Beruf zurückzu- kehren.23

3. Die Medien und der Tod

„ Kein Mord ist so brutal, kein Krieg ist so verheerend, dass er vom Nachrichtenspre cher nicht mit seinem ‚ Und Jetzt …‘ aus dem Bewusstsein des Zuschauers gelöscht werden könnte. “ 24 In den meisten Publikationen wird der Einfluss der Medien auf den Umgang mit dem Tod negativ dargestellt. Daher ist es nötig zu wissen, in welchen Bereichen der Massenmedien der Tod auftaucht, wie er dargestellt wird und welche Funktion diese Darstellung von Sterben in den Medien erfüllt.

3.1. Allgemeiner Überblick

Aus soziologischer Sicht beschreibt Klaus Feldmann fünf Funktionen, die den Me- dien im Umgang mit dem Tod zukommen. Er sieht die Medien als „ Spiegel von ge- sellschaftlicher Wirklichkeit. “ Das bedeutet, dass Menschen in Bereiche Einblicke erhalten, die sie sonst nicht bekommen, zum Beispiel Kriege oder Intensivstationen. Zudem dienen Medien als „ kulturelles Forum “, das neue Rituale für Massengesell- schaften schafft. Mit eigenen Gesetzen und Mechanismen bereiten die Medien das Thema Tod auf z.B. durch Agenda Setting. Außerdem haben Medien die Aufgabe der Sozialisation und Integration. Als letzte Funktion nennt Feldmann den Austra- gungsort für Konflikte verschiedener Gruppen beispielsweise bezüglich aktiver Ster- behilfe.25

Im Ganzen herrscht eine Zähmung und Affektkontrolle durch die Medien vor und Trauerreaktionen werden ausgeblendet. Durch Film und Fernsehen können Bezie- hungen zwischen Personen der realen Welt und den Darstellern erzeugt werden. Nach der Theorie des „Parasozialen“ entwickeln viele Fernsehzuschauer soziale Beziehungen, Freundschaften oder Feindschaften zu medialen Personen. Stirbt ein Lieblingsdarsteller oder Star, trauern sie, andererseits freuen sie sich, wenn der Darsteller oder das Idol wieder aufersteht, indem seine Filme etc. gezeigt werden. Beim Tod einer fiktionalen Person bieten sich keine traditionellen Rituale an, mit deren Hilfe man die Trauer verarbeiten kann.26

In Film und Fernsehen wird der Tod eines Menschen aus Altersgründen nur selten thematisiert, da er zu gewöhnlich und unspektakulär ist. Die Gruppe der alten Men- schen wird in den Medien generell vernachlässigt und ausgegrenzt. Es werden Vor- urteile über das soziale Sterben alter Menschen bekräftigt, andererseits aber auch gemildert, da Senioren selbst zu den stärksten Nutzern des Mediums Fernsehen ge- hören.27

Das natürliche Sterben ohne Gewalt und die normale Trauer müssen heutzutage in den Massenmedien mit anderen Themen konkurrieren. Während Katastrophen, Kriege und der unerwartete oder gewaltsame Tod von Prominenten ein Topthema in den Medien sind, begnügt sich der natürliche Tod mit späten Sendezeiten und Randprogrammen.

War der gewaltsame Tod vor wenigen Jahrzehnten noch gefürchtet und fremd, faszi- niert er heutzutage die Menschen und führt zu einer gewissen Ästhetisierung des Todes in Film und Kunst. In Spielfilmen oder Fernsehserien werden sehr oft nach dem gewaltsamen Tod eines Menschen keine nahestehenden Bezugspersonen ge- zeigt oder deren Reaktion auf den Tod vorgeführt. Wenn doch, ist das gängige Ver- halten Versteinerung, nur selten werden starke affektive Ausbrüche gezeigt. Gewalt- sames Sterben ist aus dem Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Aufgrund ihrer Me- dienerfahrung nehmen Kinder sogar oftmals an, dass der gewaltsame Tod normal ist und häufig auftritt, auch alte Menschen neigen zu diesem Denken.28

Alltagsvorstellungen von Tod und Sterben werden von den Massenmedien geprägt. Sie vermitteln insgesamt ein unrealistisches Todesbild. Der Rezipient spürt keine emotionalen Nachwirkungen, keinen ihn selbst betreffenden Verlust. Sterben (auch Massensterben) wird eines von vielen verschiedenen medialen Ereignissen, die nur eine sekundäre, aber keine bindende Aufmerksamkeit brauchen. Durch Kombination der Berichterstattung über Todesfälle mit Unterhaltungsformaten und Werbung wird die passive und unkritische Kenntnisnahme gefördert. Medien überbrücken räumli- che Distanzen und mindern dadurch das Interesse an individueller Erfahrung. Die Bilderflut führt zu einer Abstumpfung. Menschen reagieren zumeist nur gefühlsstark auf Dinge, die sich unmittelbar vor ihren Augen abspielen oder die sie aufgrund per- sönlicher Erfahrung nachvollziehen können. Tod und Sterben werden in den Medien als Ereignis aufgefasst und dienen wie alle Ereignisberichte der Befriedigung der Lust nach Sensation.

Gefühle, Stimmungen und Ängste von Sterbenden werden nicht thematisiert, was auch daran liegt, dass Sterben allgemein negativ konnotiert ist. Früher war der plötzliche Tod gefürchtet, da er keine Zeit zur Vorbereitung ließ. Heute ist der plötzliche Tod erwünscht, das Warten auf etwas Unausweichliches verstärkt die Angst und das Ohnmachtsbewusstsein. Der schnelle Tod in Verbindung mit Entertainment in den Medien ist allgemein akzeptiert. Die Vorliebe für den Blitztod stellt eine Verbindung zwischen moderner Todesvorstellung und der Medienwelt her.

„ Aus der Alltagswahrnehmung fast verschwunden, ist auf dem Bildschirm so viel Tod wie nie. “ 29 Im Fernsehen noch mehr als im Kino ist der Tod, vor allem der fiktionale, omnipräsent, schreibt Norbert Schneider, Direktor der Landesmedienanstalt Nord- rhein-Westfalen, in seinem Artikel „Zeig mir das Spiel vom Tod“. Er beschäftigt sich mit der Frage was passiert , „ wenn der Tod individuell tabuisiert, in der Ö ffentlichkeit aber zur Schau gestellt wird “ 30, und kommt zu dem Schluss, dass der Tod nicht aus dem Leben verschwindet, sondern als Sekundärerfahrung durch die Medien wieder im Alltag der Menschen auftaucht: „ der Tod [hat] keinen Augenblick denöffentlichen Raum verlassen. Er wechselt nur die Stra ß enseite und kommt jetzt von dort, woher auch sonst die Bilder kommen. “ 31 Schneider spricht in seinem Artikel eine inzwischen weit verbreitete These an, die auch Birgit Richard von der Johann-Wolfgang-Goethe- Universität in Frankfurt am Main in ihrem Buch „Todesbilder. Kunst Subkultur und Medien“ vertritt. Sie konstatiert, dass „ die westliche Gesellschaft den Tod nicht ver- drängt “ , sondern sich „ im Zeitalter optischer Speichermedien neue Symbolisierungs- orte “ für den Tod gesucht hat, nämlich Film, Printmedien und Fernsehen.32

3.2. Der Tod als dramaturgisches Mittel

Die meisten Geschichten beginnen mit einem Todesfall, wie Krimis oder sie leben vom Tod beziehungsweise der Todesangst, wie Horrorfilme oder sie enden mit ei- nem Tod, beispielsweise Dramen. Fest steht, dass der Tod in kaum einer guten Ge- schichte fehlt und somit in dramaturgischer Hinsicht eine der wichtigsten Rollen überhaupt spielt. Es gibt kaum einen Abend im Fernsehprogramm, an dem keiner stirbt oder ermordet wird. Aber gerade der Tod gibt in den meisten Fällen Anlass zur Handlung. Schneider sieht darin die Botschaft, dass „ der Tod alles prägt. “ 33

Wichtig und auch erstaunlich dabei ist, dass sich dieses Handlungselement nie ver- braucht. Bestätigt wird diese Aussage durch die scheinbar nicht enden wollenden neuen Kriminalserien, die aus den USA importiert werden, wie zum Beispiel CSI.

„ Das Besondere am aktuellen Serienphänomen ist die explizite Fokussierung auf den Tod, tote Körper und das Sterben. [ … ] Die Toten stehen im Mittelpunkt, körperliche Zeu genaussagen und thanatologische Ma ß nahmen bestimmen die Szenerie. “ 34

Vor allem in Kriminalgeschichten setzt der Tod immer neue Reize, und das nicht nur zu Beginn, sondern auch mitten in der Handlung, oder am Ende eines Spannungsbogens. „ Eben noch tritt das Geschehen auf der Stelle, da betritt jemand den Raum und sagt: ‚Ü brigens, X ist tot! ‘ , und schon verschwinden die Falten auf dem Gesicht des Kommissars. “ 35 Ein Todesfall, sei es Mord oder Suizid oder das Ende einer Krankheit, bedeutet in dramaturgischer Sicht Fortschritt. Er löst nicht nur die Handlung aus, sondern kann sie auch umsteuern. Deshalb steht auch in den seltensten Fällen ein Todesfall am Ende einer Handlung.36

4. Six feet under. Gestorben wird immer

In der US-amerikanische Fernsehserie SFU steht der Tod immer am Anfang, und zwar in jeder Folge. Der Titel der Serie spielt auf die Tiefe, in der normalerweise Sär- ge vergraben werden, an. Laut Machern der Serie soll er auch aufzeigen, dass SFU nicht nur an der Oberfläche dieses Thema kratzen will, sondern auf emotionalen Tiefgang setzt.

[...]


1 Friedrichs (2009), S.19.

2 Ramon Sampedro, der ganzkörpergelähmt war, kämpfte jahrelang vor Gericht für das Recht auf Sterbehilfe. Letztendlich ohne Erfolg, weshalb er seinem Leben illegal ein Ende setzte.

3 Kübler-Ross (1976), S. 32.

4 Vgl. Kuhnen (2005), S.19.

5 Pennington (2001), S.36.

6 Ebd., S. 37

7 Vgl. Ebd., S.35 ff.

8 Vgl. Ebd., S.55

9 Ariès (1980), S. 149

10 Vgl. Mischke (1996), S.87ff.

11 Vgl. ebd., S.90 ff.

12 Vgl. ebd., S.95ff.

13 Ebd., S. 102

14 Vgl. ebd., S. 99ff.

15 Vgl. ebd., S.105ff.

16 Ariès (1977), S.164 ff.

17 Mischke (1996), S.102

18 Vgl. ebd., S.103

19 Vgl. ebd., S.105ff.

20 Ebd., S.114

21 Vgl. ebd., S.111ff.

22 Pennington (2001), S.156

23 Vgl. Mischke (1996), S.115ff.

24 Ebd., S.201

25 Vgl. Feldmann (2004), S.113

26 Vgl. ebd., S.114f.

27 Vgl. ebd., S.121f.

28 Vgl. ebd., S.122f.

29 Schneider (2004), S.2.

30 Ebd., S.1.

31 Ebd., S. 4.

32 Richard (1995), S.284f.

33 Schneider (2004), S.2.

34 Weber (2006), S.1.

35 Schneider (2004), S.2.

36 Vgl. ebd., S.2.

Details

Seiten
45
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656052609
ISBN (Buch)
9783656052623
Dateigröße
4.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181944
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Romanische Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
medien umgang sterben trauer fernsehserie

Autor

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Titel: Der Tod in den Medien