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Die Geliebten Nathanaels - Liebe als Selbstbetrug in E.T.A. Hoffmanns 'Sandmann'

Seminararbeit 2010 9 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Beschreibungen der Geliebten
1.1 Allgemeines
1.2 Clara - Die häusliche Geliebte
1.3 Olimpia - Die unheimliche Geliebte

2. Einfluss auf Nathanael
2.1 Nathanaels Idealbild einer Geliebten - Der Spiegel
2.2 Clara als Zerrspiegel
2.3 Olimpia als ichbedingte Projektionsfläche

3. Schluss / Fazit

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

„[E]s sind nicht die Gesichte eines poetischen Geistes, […] es sind fieberhafte Träume eines leichtbeweglichen kranken Gehirns, denen wir […] niemals mehr als eine augenblickliche Aufmerksamkeit widmen können.“1

Das schrieb die Autorität unter deutschensprachigen Literaten überhaupt, Johann Wolfgang von Goethe, einst über E.T.A. Hoffmanns ,Nachtstücke’ und den darin enthaltenen ,Sandmann’ als Vertreter der schwarzen Romantik. Heute müssen wir feststellen, dass er mit dieser Prognose zur Aufmerksamkeit falsch lag: Sucht man nach Forschungsliteratur zum Thema ,Sandmann’, bietet sich eine schier unüberschaubare Fülle an Veröffentlichungen. Die Interpretationen reichen von psychologischen Deutungen nach Freud bis hin zu perspektivischen über Erzählerfunktionen.

Im Rahmen meiner Arbeit soll nur ein kleiner Aspekt der riesigen Bandbreite, die der ,Sandmann’ liefert, beleuchtet werden. Sie betrifft die beiden wichtigsten Personen neben dem Protagonisten Nathanael: Seine Geliebten, Clara und Olimpia. Der Fokus des Erkenntnisinteresses liegt hierbei auf der Frage: Welche Funktion haben die Geliebten in ihrer Beziehung zu Nathanael?2

Um diese Frage zu klären, wird sich der erste Teil dieser Arbeit auf eine Vorstellung der Geliebten konzentrieren.

1. Beschreibungen der Geliebten

1.1 Allgemeines

Hoffmann hat einen für sich charakteristischen Stil, wenn es um Personenbeschreibungen geht. So erschließt sich dem Leser das Bild einer Person nicht Schritt für Schritt im Laufe der Lektüre sondern wird ihm geschlossen in einem Stück vorgesetzt. Es ist „[…] als male er mit Worten ein Bild der Frau […] “.3

Des Weiteren neigt Hoffmann dazu Frauenfiguren nur sehr schemenhaft zu umreißen, so auchim Sandmann. Durch diese Schematisierung in Hoffmanns Beschreibungen wird eineindividuelle Erscheinung der Geliebten verhindert und gleichzeitig eine Konformität unterihnen gefördert. Die topische Rolle der Augen nimmt unter den rein äußerlichen körperlichenEigenschaften, die bei Hoffmann sehr im Vordergrund stehen, einen besonderen Platz ein.

Ihnen widmet er oft detaillierte Beschreibungen. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn in der Goethezeit galten die Augen als Spiegel der Seele, man glaubte von ihnen aus auf Charakterzüge schließen zu können.4

Auch die Namensgebung der Personen wird in den folgenden Charakterisierungen zum wichtigen Anhaltspunkt werden.

1.2 Clara - Die häusliche Geliebte

So trägt die Verlobte des Protagonisten Nathanael ihren Namen zu Recht, denn sie „[…] hatte die lebenskräftige Fantasie des heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes Gemüt, einen gar hellen, scharf sichtendenen Verstand.“5

Als Repräsentantin der Aufklärung im ,Sandmann’ ist Clara ein Vernunftmensch. Entgegenvielen anderen Frauenfiguren, die ihrer Zeit entsprungen sind, ist sie sehr selbstständig undintelligent statt nur gebildet. Dadurch nimmt sie unter den Hoffmannschen Frauen einenSonderstatus ein.6

Gleichzeitig besitzt sie neben ihrer Ratio aber auch viel Einfühlungsvermögen: In ihrem Brief an Nathanael lassen sich nicht nur logische und psychologische Erklärungen für seine Ängste finden, sondern im gleichen Maße emotionale Kompetenz in Sachen Fürsorge und Verständnis. Und das, obwohl „Nebler und Schwebler […] bei ihr böses Spiel“ haben und sie „schweigsamer Natur“ ist.7 Clara reagiert sogar „[…] unempfindlich darauf, daß Nathanael sie nicht direkt ins Vertrauen zog.“ und agiert „[v]om Standpunkt der offenbar bedingungslos Liebenden […]“8 aus. So „schmerzte [sie] […] [Nathanaels] Zustand recht in innerster Seele“, als „Schutzgeist“9 möchte sie ihm dienen.

Obwohl „alle, die sich von Amts wegen auf Schönheit verstehen“, Clara „keineswegs“ fürschön befinden, kann der Erzähler „nicht wegschauen […] wenn sie [ihn] hold lächelndanblickt[…].“10 Sie scheint auf Männer also durchaus eine anziehende Wirkung zu haben.

Allerdings wird Clara nur von Menschen „die das Leben in klarer Tiefe aufgefasst“11 haben mit guten Eigenschaften bedacht, die bereits genannten „Nebler und Schwebler“ empfinden sie als „kalt, gefühllos, prosaisch“.12

Dieser Sachverhalt spiegelt sehr gut die ambivalente Haltung gegenüber Nathanaels Verlobten in der Forschungsliteratur wieder. Oft wird die Tatsache betont, dass Clara ihm nach seinem Selbstmord nicht nachtrauert.

Somit bleibt die Persönlichkeitswahrnehmung der Clara am Ende eine individuell subjektive.Der Erzähler gibt kein neutrales Bild, sondern charakterisiert sie perspektivisch über Dritte:

[…] uns bleibt es nämlich überlassen, ob wir uns mit ihr als sensibler wie scharfsinniger Kommentatorin identifizieren oder aber - wie Nathanael - ihre Kommentare als „magisterhaft“ -borniert verwerfen. Womit wir uns übrigens in guter Gesellschaft befinden, denn auch in der philologischen Sekundärliteratur findet sich ein Streit der Einschätzungen dieser Figur, der der Vielfalt der Urteile von Dichtern, Architekten, Malern, die der Erzähler der Geschichte zitiert, durchaus ähnelt.13

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang von: Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Abt. 1, Bd. 42, Abt. 2. Weimar: Böhlau 1907. S.87.

2 Leider kann ich nicht alle Aspekte im Rahmen von 6 Seiten in ihrer vollen Komplexität darstellen.

3 Cronin, John D.: Die Gestalt der Geliebten in den poetischen Werken E.T.A. Hoffmanns. Phil. Diss. masch. Bonn: 1967. S .12.

4 Vgl. Hohoff, Ulrich: E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann. Textkritik, Edition, Kommentar. Berlin; New York: deGruyter 1988 (=Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker). S.258 f..

5 Hoffmann, Ernst Theodor Wilhelm: Der Sandmann. Herausgegeben von Johannes Diekhans. Paderborn: Schöningh 2004. S.23. - Folgt im Wortlaut dem Erstdruck: Nachtstücke, herausgegeben von dem Verfasser der Phantasiestücke Callots Manier. Erster Theil. Berlin 1817.

6 Vgl. Cronin 1967. S. 75.

7 Hoffmann 1817. S.23.

8 Krech, Annette: Schauererlebnis und Sinngewinn. Wirkungen des Unheimlichen in fünf Meisternovellen des

19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main; Bern; New York; Paris: Lang 1992. (=Kasseler Arbeiten zur Sprache und Literatur 18) S.47.

9 Hoffmann 1817. S.18.

10 Ebd. S.22.

11 Ebd. S. 24.

12 Ebd. S. 23.

13 Würker, Achim: Worüber uns E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ die Augen öffnet. In: Grenzgänge - Literatur und Unbewußtes. Würzburg: Königshausen & Neumann1999. S.59-75 S.72.

Details

Seiten
9
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656052081
ISBN (Buch)
9783656053361
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181913
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
Sandmann Hoffmann Romantik

Autor

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Titel: Die Geliebten Nathanaels - Liebe als Selbstbetrug in E.T.A. Hoffmanns 'Sandmann'