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Berufswahltheorien im Kontext schulischer Maßnahmen zur Studien- und Berufswahlorientierung

Projektarbeit 2009 22 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt:

1. Einführung

2. Definitionen
2.1. Berufswahl
2.2. Studien- und Berufswahlorientierung
2.3. Ausbildungsreife
2.4. Studierfähigkeit als Ziel gymnasialer Bildung

3. Zur Berufswahlforschung

4. Theorien der Berufswahl
4.1. Der „person-job-fit“-Ansatz
4.2. Der Entscheidungstheoretische Ansatz
4.3. Der Entwicklungspsychologische Ansatz
4.4. Der Allokationstheoretische Ansatz

5. Transfer in die Praxis der Studien- und Berufswahlorientierung

6. Studien- und Berufswahlkompetenz

7. Schlussfolgerungen für die Studien- und Berufswahlorientierung am

Gymnasium

Quellenverzeichnis

1. Einführung

Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe stehen vor der schwierigen Entscheidung für einen der zahlreichen möglichen Bildungswege nach dem Abitur: Studium, Berufsausbildung, Freiwilliges Soziales Jahr, Auslandsaufenthalt, Praktikum - die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt.

Schule leistet einen wesentlichen Beitrag, junge Menschen auf diese Entscheidung vorzubereiten. Und sie trifft in diesem Prozess auf Partner wie Eltern, Wirtschaft und Hochschulen. Positive Rahmenbedingungen, wie etwa die Verankerung des Themen- feldes zumindest als Verweis in den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer, fördern die Verstetigung solcher Maßnahmen, die der umfassenden Vorbereitung von Schü- lerinnen und Schülern auf den späteren Übergang in Ausbildung und Studium die- nen.

Die „Hinführung zur Berufs- und Arbeitswelt“ wurde 1993 durch die Kultusminis- terkonferenz (KMK) für die Sekundarstufe I in allen Schulformen vorgeschrieben. Eine Präzisierung hierzu fand jedoch nicht statt. Es gibt kein einheitliches Konzept für die Einbettung berufsorientierender Inhalte in den Lehrplan. Das Themenfeld Arbeitslehre bzw. Berufsvorbereitung wird teilweise als Fach, im Fächerverbund oder in bestehenden Fächern unterrichtet. Am Gymnasium konzentriert sich die Aus- einandersetzung mit diesen Inhalten auf die Klassenstufen 9 und 10. (von Wensierski u.a. 2005, S.50).

Aufgabe der Gymnasien bleibt es also, aus der grundsätzlichen Anforderung, Schülerinnen und Schüler auf den Übergang in Ausbildung oder Studium vorzubereiten, konkrete Konzepte zur Umsetzung und Einbettung von Maßnahmen der Studien- und Berufswahlorientierung im Schulalltag zu entwickeln.

Der Vergleich schulischer Konzepte zur Studien- und Berufswahlorientierung zeigt regelmäßig, dass es in der Ausgestaltung konkreter Aktivitäten in diesem Themenbe- reich unterschiedlichste Ansätze gibt, die von der einfachen Vermittlung des Wissens über Berufsbilder, über eine Schwerpunktsetzung im Bereich der Persönlichkeits- entwicklung bis hin zur komplexen Verknüpfung verschiedenster Facetten der Studi- en- und Berufswahlthematik im Fachunterricht und in außerunterrichtlichen Angebo- ten reicht. In einer Handreichung der Landesarbeitsstelle Schule - Jugendhilfe Sach- sen e.V. zur Arbeit mit dem Berufswahlpass als Instrument zur Studien- und Berufswahlorientierung in Sachsen heißt es dazu zum Beispiel:

„Die Schulen und ihre Partner leisten über mehrere Schuljahre vielfältige und wert- volle Beiträge zur Berufs- und Studienorientierung. Es gibt Schulen mit hervorra- genden Wirtschaftskooperationen in Einzelprojekten und Schulen mit einem breiten Angebot an Aktivitäten und Maßnahmen. Das große Manko besteht jedoch darin, dass einzelne Beiträge und Inhalte nicht oder nur unzureichend aufeinander abge- stimmt sind und für den Jugendlichen im Ergebnis nicht im Sinne einer soliden Orientierungsgrundlage zusammen fließen. Bei vielen Angeboten und Inhalten ist mitunter weder der Schule, dem außerschulischen Anbieter noch dem Jugendlichen bewusst, dass hier für die Berufs- und Studienorientierung relevantes Wissen vermit- telt wird und Ergebnisse entsprechend gesichert werden müssen.“ (Landesarbeitsstel- le Schule - Jugendhilfe Sachsen e.V. 2005, S.2)

Eher selten basieren schulische Angebote zur Studien- und Berufswahlorientierung auf einer belastbaren theoretischen Annahme zum Berufswahlverhalten der Schüle- rinnen und Schüler sowie der realen Einflussfaktoren auf die individuelle Berufs- wahlentscheidung.

Berufswahltheorien betrachten den Prozess der Studien- und Berufswahlorientierung aus verschiedenen Perspektiven und berücksichtigen jeweils unterschiedliche Aspek- te im komplexen Prozess der Entscheidungsfindung zur individuellen Verortung in der Arbeitswelt. Aus der Vielzahl denkbarer Perspektiven ergibt sich nahezu zwangs- läufig eine ebenso große Zahl verschiedener Theorieansätze. So gehen verschiedene Theorien eher von der Person des/der Berufswählers/-in aus, andere eher von Ein- flussfaktoren aus dessen/deren Umwelt. Betrachten einige Theorien eher den Ge- samtprozess beruflicher Verortung, so stellen andere tendenziell auf den Moment der eigentlichen Entscheidung für einen Berufsweg ab. Fragen der Rollenzuschreibung spielen je nach Berufswahltheorie mehr oder weniger umfangreich eine Rolle.

Im Folgenden soll versucht werden, verschiedene Berufswahltheorien auf ihre An- wendbarkeit für die schulische Studien- und Berufswahlorientierung am Gymnasium hin zu beleuchten. Im Rahmen dieser Ausarbeitung und aufgrund der oben beschrie- benen Vielfalt im Bereich der Berufswahltheorien ist es dabei nicht möglich, alle bislang veröffentlichten Theorien zu diskutieren. Nach einer Darstellung der ver- schiedenen grundsätzlichen Ansätze soll hier daher eine Konzentration auf solche Theorien erfolgen, die entweder regelmäßig Grundlage konkreter an Schulen ver- wandter Arbeitsmaterialen (z.B. Explorix-Test der Arbeitsagentur) sind oder sich im aktuellen Diskurs zur Etablierung von Studien- und Berufswahlorientierung am Gymnasium regelmäßig wiederfinden.

2. Definitionen

Um die Eindeutigkeit wichtiger in dieser Ausarbeitung verwendeter Begriffe bzw. Begrifflichkeiten herzustellen, sollen diese hier definiert werden.

2.1. Berufswahl

Im engeren Sinne ist unter Berufswahl die Entscheidung für die Ausübung eines bestimmten Berufes zu verstehen. Im Übergang aus der Schule in das Arbeitsleben erfolgt dies in dieser Auslegung des Begriffes Berufswahl in Form der Entscheidung für die Aufnahme einer bestimmten Berufsausbildung bzw. eines bestimmten Hochschulstudiums und wiederholt sich in der weiteren Entscheidung für die Aufnahme eines bestimmten Arbeitsverhältnisses.

Weiter gefasst kann unter Berufswahl jedoch auch der Prozess dieser Entscheidungsfindung zusammengefasst werden. In diesen Prozess individueller Entscheidungsfindungen fließen zahlreiche Faktoren ein, die einerseits in der Person des Berufswählers/der Berufswählerin liegen, andererseits durch dessen/deren Umwelt bestimmt sind bzw. sich dort wiederfinden.

Wird Berufswahl als langjähriger Prozess verstanden, der erstmalig im Jugendalter in eine Entscheidung für eine bestimmte Ausbildung oder ein Studium mündet, so wird die Notwendigkeit der Förderung von Berufswahlkompetenz nicht erst unmittelbar vor dieser Entscheidung deutlich. (vgl. Hany, Driesel-Lange 2006, S. 521) Im wissenschaftlichen Diskurs ist die Prozesshaftigkeit von Berufswahl mittlerweile unbestritten. Insofern ist Berufswahl im Folgenden als eben dieser Prozess hin zur Entscheidungsfindung unter Einbeziehung verschiedenster Einflussfaktoren gemeint.

2.2. Studien- und Berufswahlorientierung

Studien- und Berufswahlorientierung meint die pädagogisch motivierte Hilfestellung für Jugendliche im Entwicklungsprozess der Berufswahl. Sie beschreibt dabei die Schnittmenge schulischer und außerschulischer Maßnahmen, die geeignet und darauf ausgerichtet sind, den Prozess der Berufswahl (s.o.) zu unterstützen. (vgl. Hany, Driesel-Lange 2006, S. 518) Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BiBB) be- merkt dazu: „Die jungen Menschen sind in ihren Kompetenzen so zu fördern, dass sie lebensbegleitendes Lernen und ihren beruflichen Werdegang aktiv gestalten können. Sie müssen fähig sein, sich über die unterschiedlichen Beratungseinrichtungen und deren Angebote zu informieren und sie gezielt zu nutzen. Zugleich sind sie verpflichtet, die Angebote zur Beratung und Orientierung - je nach individuellen Voraussetzungen und Möglichkeiten mit Unterstützung - wahrzunehmen.“ (BiBB 2005, zitiert nach: Hany, Driesel-Lange 2006, S. 518)

Studien- und Berufswahlorientierung zielt also auf eine Begleitung und Unterstüt- zung im umfänglichen Prozess der Berufswahl mit seinen zahlreichen Facetten. Per- sönlichkeitsentwicklung allgemein, die Entwicklung von Berufswahlkompetenz bzw. Studierfähigkeit oder die Begleitung in der Entwicklung einer tragfähigen Lebens- planung sind entsprechend ebenso Bestandteil der Studien- und Berufswahlorientie- rung, wie die Vermittlung von Wissen über die Zugänge zu Ausbildungs- und Studi- enmöglichkeiten, Berufsbilder oder Rahmenbedingungen von Bildung und Erwerbs- arbeit.

2.3. Ausbildungsreife

Eine Person kann als ausbildungsreif bezeichnet werden, wenn sie die allgemeinen Merkmale der Bildungs- und Arbeitsfähigkeit erfüllt und die Mindestvoraussetzungen für den Einstieg in die berufliche Ausbildung mitbringt. Dabei wird von den spezifischen Anforderungen einzelner Berufe abgesehen, die zur Beurteilung der Eignung für den jeweiligen Beruf herangezogen werden (Berufseignung). (Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife / Agentur für Arbeit)

Gefordert sind also zur Anerkennung individueller Ausbildungsreife die für den je- weiligen Beruf notwendigen Basiskenntnisse zuzüglich der jeweils notwendigen körperlichen und psychischen Voraussetzungen. Damit ist Ausbildungsreife bei Kenntnis des zuzuordnenden Ausbildungsberufes verhältnismäßig deutlich messbar.

2.4. Studierfähigkeit als Ziel gymnasialer Bildung

Studierfähigkeit, die Fähigkeit, mit Erfolg ein Hochschulstudium zu absolvieren; beinhaltet neben allgemeinen kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten zum Teil auch Vorkenntnisse auf dem angestrebten Studiengebiet sowie Einsicht in die übrigen Lebensbereiche. In diesem Sinn ist Studierfähigkeit ein wesentliches Ziel der gymna- sialen Oberstufe. (Meyer’s online Lexikon http://lexikon.meyers.de) Studierfähigkeit unterscheidet sich von Ausbildungsfähigkeit im Wesentlichen dadurch, dass sie nicht allein Wissen voraussetzt, sondern insbesondere auch auf methodische Fähigkeiten - etwa im Bereich der Selbstorganisation oder Wissensverknüpfung - abstellt.

3. Zur Berufswahlforschung

Berufswahlforschung findet aus verschiedensten Perspektiven statt. Theoretische Ansätze zum Umgang mit Berufswahlproblemen sind entsprechend häufig disparat. Als Indiz dafür kann gewertet werden, dass es - zumindest bislang - noch keine schlüssige Theorie zum komplexen Phänomen des Berufswahlverhaltens gibt. (vgl. Helsper / Böhme 2004. S. 571)

Die überwiegende Mehrzahl der Forschungsarbeiten, die sich mit Berufswahlverhal- ten bzw dem Berufswahlprozess beschäftigen, stammt aus den USA, wo sich im Ge- gensatz zu Europa die Berufswahlforschung seit den 1950er Jahren geradezu zu einer Paradedisziplin innerhalb der Sozialwissenschaften entwickeln konnte. Als Begründer der Berufswahlforschung wird in der aktuellen Literatur Frank Par- sons benannt, der 1908 in Boston die erste Berufsberatungsstelle eröffnete, das „Bureau of Vocational Guidance“ und mit „Choosing a vocation“ (1909) den ersten Berufswahlansatz (den sog. „trait-and-factor“ - Ansatz) begründete. (vgl. Nowack 2002, S. 8 ff.) Parsons ging davon aus, dass Menschen, die einer ausgemachten Beru- fung bei der Berufswahl folgten, insgesamt zufriedener seien, als jene, die nur ir- gendeinen „Job“ ausübten.

Diese Anfänge der Berufswahlforschung bezogen sich vor allem auf die Eignung für einen Beruf und das Erfassen von Arbeitszufriedenheit. Ziel war es, durch die Kenntnis möglichst vieler Bedingungsfaktoren einen Einblick in das Bedingungsge- füge des Wahlverhaltens zu gewinnen, und hieraus Ansätze für mögliche Eingriffe in der Berufsberatung zu finden. (vgl. ebd.) Die Erkenntnis, dass Berufswahl als lang- jähriger Prozess zu verstehen und beschreiben ist, setzte sich erst deutlich später durch.

„Mit J. O. Crites (1969) kann man daher die Auffassung vertreten, dass die ersten, bis in die 40er und 50er Jahre dieses Jahrhunderts maßgebenden Konzepte und Lehrmeinungen über die Berufswahl weitgehend atheoretisch blieben. Die vereinzel- ten Ansätze zu weiterführender und umfassenderer Theoriebildung, z.B. im Rahmen entwicklungspsychologischer Forschungen (z.B. P. Lazarsfeld 1931, Ch. Bühler 1933), fallen demgegenüber kaum ins Gewicht.“ (Seifert 1977, S.172)

Insbesondere in der Zeit der Hochkonjunktur in den 1970er Jahren änderte sich die Perspektive der Berufswahlforschung weg vom Fokus auf den eigentlichen Wahlvorgang hin zu einer komplexen Betrachtung verschiedenster soziologischer Einflussfaktoren. Die sich daraus ergebende Vielfalt an Konzepten begründete bald die ersten Versuche einer zusammenfassenden Interpretation und Systematisierung. Gelungen ist eine solche Zusammenfassung bis heute nicht.

So stellte Bußhoff 1992 fest, dass es nach wie vor nicht gelungen sei, „den komple- xen Vorgang der Berufswahl von einem Ansatz her zu erklären“ (Bußhoff 1998, S 77) und schließt damit an die Kritik von Seifert an, der 1977 feststellte, die fast hun- dertjährige Forschungstradition sei immer noch „unfertig“: die Erklärungsansätze seien „entweder zu breit und umfassend oder zu eng konzipiert“ (Seifert 1977, S. 263).

In der Folge versuchte u.a. Bußhoff die Entwicklung eines Ordnungsschemas, das vorhandene Berufswahltheorien miteinander in Beziehung stellt und die Notwendigkeit der Verknüpfung verschiedener Theorien begründet.

4. Theorien der Berufswahl

Wie eingangs beschrieben, stellen Berufswahltheorien auf verschiedenste Perspekti- ven zum Prozess der Berufswahl bzw. der Berufswahlentscheidung ab. Unterschei- dungsmerkmale sind beispielsweise Exogenität oder Endogenität von Einflussfakto- ren, Prozess- oder Momentorientierung des Theorieansatzes, Milieu- oder Systembe- zug. In die folgende vergleichende Betrachtung verschiedener berufswahltheoreti- scher Ansätze sollen vor allem solche Ansätze einbezogen werden, die im aktuellen Diskurs zur Berufswahlvorbereitung bzw. Studien- und Berufswahlorientierung an Schule eine Rolle spielen. Es ergibt sich aus der oben beschriebenen Vielfalt mögli- cher Perspektiven auf den Berufswahlprozess, dass die sich daraus ergebende Viel- falt berufswahltheoretischer Ansätze eine komplexe Gegenüberstellung nahezu ver- unmöglicht.

4.1. Der person-job-fit-Ansatz

Der person-job-fit-Ansatz lässt sich im Ansatz zurückführen auf Frank Parsons, der 1909 ein Drei-Stufen-Modell zur Berufsberatung entwickelte. Parsons ging davon aus, dass die Berufswahl auf einer Persönlichkeitsanalyse, einer Arbeitsplatzanalyse und einer optimalen Zuordnung durch professionelle Beratung beruhen sollte.

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Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656050766
ISBN (Buch)
9783656051060
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181845
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,0
Schlagworte
Berufswahltheorien Hexagonalmodell Super Holland Berufsorientierung

Autor

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Titel: Berufswahltheorien im Kontext schulischer Maßnahmen zur Studien- und Berufswahlorientierung