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Politische Klasse – Politische Elite

Elitenrekrutierung der Sozialdemokratischen Partei Österreichs

Bachelorarbeit 2010 31 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Methoden
1.2 Forschungsstand

2. Theorie
2.1 Elitentheorie - Definitionen und Konzepte
2.2 Bedingungen des Berufes
2.3 Professionalierung der Politik
2.4 Wandel der österreichischen Sozialdemokratie

3. Soziodemografische Merkmale
3.1 Alter
3.2 Geschlecht
3.3 Höchster Bildungsabschluss

4. Privatberuf
4.1 Methoden
4.2 Berufsgruppen

5. Politische Karriere & Gewerkschaftskarriere
5.1 Methoden
5.2 Professionelle Politikkarriere und Standardkarriere
5.3 Gewerkschaftskarriere

6. Fazit

7. Ausblick und mögliche weitere wissenschaftliche Beschäftigung

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

In der vorliegenden Bachelorarbeit werden Rekrutierungsmuster und die Zusammensetzung der gesetzgebenden, sozialdemokratischen Elite, hier die Nationalratsabgeordneten, untersucht. Der Untersuchungszeitraum wird auf die Gesetzgebungsperioden 13 (Wahl 1971), 18 (Wahl 1990) und 24 (Wahl 2008) eingeschränkt.

Zu Beginn sollen die zu Grunde gelegten theoretischen Annahmen bzgl. Elitenrekrutierung dargelegt werden. Anzumerken ist, dass hier bereits in der kleinen Bachelorarbeit1 erarbeitete Erkenntnisse vertieft und auf die Anwendbarkeit für diese Arbeit hin überprüft werden.

Im zweiten Schritt wird mit Hilfe einer Querschnittsanalyse festgestellt, ob sich die Zusammensetzung der Fraktion im Zeitverlauf verändert hat. Die Zusammensetzung wird im klassischen Verständnis der Elitenforschung untersucht, d.h. Merkmale der Abgeordneten wie Geschlecht, höchster Bildungsabschluss, Alter, Beruf, soziale Herkunft und sexuelle Orientierung. Eine zentrale Hypothese der Arbeit, welche damit verifiziert oder falsifiziert werden soll, lautet dementsprechend: Neue Forderungen der Sozialdemokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter, sowie Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, fanden in den Merkmalen der Abgeordneten Niederschlag. In meiner kleinen Bachelorarbeit erwies sich die Untersuchung der Karriereverläufe der Abgeordneten ebenfalls als aufschlussreich; Insbesondere um eine weitere Hypothese der Arbeit überprüfen zu können, wird diese ebenfalls durchgeführt. Es wird angenommen, dass sich durch die Etablierung neuer Arbeitsformen (Teilzeit, freie Berufe, neue Selbständigkeit), und die Schwächung gewerkschaftlicher Strukturen in Österreich, die Rekrutierung aus diesen vermindert hat.

An Hand der ausgewählten theoretischen Werke soll außerdem das Phänomen der Professionalisierung politischer Eliten, und mögliche Folgen für die Demokratie, näher beleuchtet werden. In der Literatur wird festgehalten, dass in allen westeuropäischen Demokratien eine Professionalisierung der politischen Elite erkennbar ist (vgl. Borchert 2003: 24f). Es wird angenommen, dass das auch für die sozialdemokratische Elite in Österreich gilt und darum folgende Hypothese formuliert: Die sozialdemokratischen Nationalratsabgeordneten weisen in den vergangenen Jahrzehnten eine zunehmende Bachelorarbeit Martin Schmid Elitenrekrutierung der Sozialdemokratischen Partei Österreichs Professionalisierung im Sinne einer Verberuflichung der Politik auf. Professionalisierung wird im theoretischen Teil näher definiert.

Abschließend werden die Veränderungen zusammengefasst und in Beziehung gesetzt. Weiters werden mögliche zukünftige Forschungsmöglichkeiten dargestellt.

1.1 Methoden

Um oben erläuterte Forschungsfrage und die folgenden Hypothesen beantworten zu können, wurden drei Legislaturperioden (13, 18 und 24) ausgewählt und mit Hilfe von Angaben des österreichischen Parlamentes, sowie anderer Quellen (siehe Quellenangabe in Datentabelle) analysiert. Dazu wurde eine Tabelle mit allen sozialdemokratischen Mitgliedern des Nationalrates angelegt. Hierbei ist zu beachten, dass auch Mitglieder berücksichtigt wurden, die nicht ständig ein Mandat inne hatten, weil sie als Regierungsmitglied angelobt oder aus anderwärtigen Gründen aus der Fraktion im Nationalrat ausschieden.

1.2 Forschungsstand

Die Erforschung der politischen Klasse bzw. Elite ist durch eine starke Zersplitterung gekennzeichnet. Je nach Herkunftsland herrschen verschiedene theoretische Konzepte vor, welche auch auf das jeweilige politische System zugeschnitten sind.

Elitenforschung ist eher eine Querschnittsmaterie denn eine eigene politikwissenschaftliche Teildisziplin; Je nach Schwerpunkt ist eine Konzentration auf psychologisch-persönliche Merkmale der PolitikerInnen, soziologische Erklärungsansätze oder politisch-institutionelle bzw. parteispezifische Gegebenheiten zu erkenne. Letzteres steht in dieser Arbeit im Vordergrund. Da eine ausführliche Betrachtung der Entwicklung theoretischer wie empirischer Elitenforschung nur auf Kosten des eigentlichen Forschungsgegenstandes dieser Arbeit möglich wäre, wird hier auf weiterführende Literatur verwiesen. Zur Erforschung der österreichischen Elite lässt sich sagen, dass hier beträchtliche Dokumentations- und Analysearbeit im Rahmen der staatswissenschaftlichen und politikwissenschaftlichen Forschungsaktivität geleistet wurde. Der Autor bezieht sich hier auf Erkenntnisse aus dem Seminar von Barbara Steininger, vergleiche Kapitel 1. Insbesondere persönliche Portraits von SpitzenpolitikerInnen in Exekutivorganen wie der Bundesregierung werden dargelegt; Die Abgeordneten zum Nationalrat werden ebenfalls in spezifischen Publikationen untersucht, und teilweise für diese Arbeit verwendet, vergleiche dazu auch das Literaturverzeichnis.

Die Frage nach der Veränderung der sozialdemokratischen Elite, im Besonderen bezüglich des Prozesses der Professionalisierung, und der abnehmenden Bedeutung der Gewerkschaft, wurden noch nicht bearbeitet.

Zur Datenlage ist zu sagen, dass vor allem auf im Internet öffentlich gemachten Angaben zu Abgeordneten zurückgegriffen werden muss. Diese Angaben werden zumeist von den PolitikerInnen bzw. deren Parteien selbst gemacht. Dies ist aber nicht weiters problematisch, da der Erkenntnisgewinn nicht aus vorher nicht bekannten Daten zu den jeweiligen Abgeordneten, sondern aus der Aggregation und Analyse dieser Daten geschöpft wird.

2. Theorie

Warum werden politische Systeme überhaupt auf Prozesse der Elitenbildung untersucht, und die Auswahl nicht einfach der demokratischen Wahl „überlassen“ und damit erklärt? „Theoretisch geht man davon aus, dass in jedem sozio-politischen System nicht beliebig viele, sondern nur jeweils bestimmte Aufstiegsmöglichkeiten existieren“ (Herzog 1982: 90). Diese nachvollziehbare Annahme wird weiters mit einer im jeweiligen politischen System bereits gewachsenen Struktur verbunden. „Daraus folgt, dass individuelle Aufstiegswege bestimmten Regelmäßigkeiten unterliegen, sich also als typische Verläufe zeigen und als ‚Karriere- Muster‘ […] erfasst werden können“ (ebd. 90).

Soziodemographische Merkmale werden erste Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Eliten, und daraus ableitbare Regelmäßigkeiten, zulassen. Darum werden im folgenden deskriptiven Teil wichtige soziodemographische Merkmale dargelegt, und darüber hinausgehend Veränderungen analysiert.

Theoretische Konzepte müssen den jeweiligem Untersuchungsort angepasst werden. Die wissenschaftliche Erforschung der politischen Elite in Europa ist deswegen nach wie vor an nationalstaatlichen Grenzen orientiert. Dies aus dem Grunde, weil die Rekrutierung der politischen Elite in den verschiedenen europäischen Länder sehr unterschiedlich ist, und weitest gehend traditionellen Mustern folgt, und somit kaum Aussagen über die Länder hinweg getroffen werden können. Wie bereits in meiner kleinen Bachelorarbeit festgestellt, rekrutiert sich die französische Elite beispielsweise hauptsächlich aus der Beamtenelite, welche wiederum nahezu geschlossen eine der wenigen „Grandes Ecolé“ besucht hat. Dies gilt über Parteigrenzen hinweg.

Im Gegensatz dazu konstituiert sich die politische Elite in Deutschland und Österreich hauptsächlich an parteipolitischen „cleavages“. So wird sich zeigen, dass sich Abgeordnete der SPÖ zu einem großen Teil aus der Gewerkschaft rekrutieren, und diese häufig ohne höhere fachliche Ausbildung politische Spitzenfunktionen bekleiden. Fachliche Ausbildung ist dahingehend zu verstehen, dass es im Unterschied zu Frankreich in Österreich nicht verbreitet ist, das politische Handwerk, also beispielsweise Rhetorik, vor dem Beginn der politischen Karriere an institutionalisierten Einrichtungen zu erlernen. Im folgenden theoretischen Teil werden Grundannahmen über die politische Elite und deren Rekrutierung nach Dietrich Herzog rezipiert. Herzog ist der Auffassung des Autors nach für die Analyse von Eliten in Deutschland und Österreich sehr hilfreich, da dieser klare und operationalisierbare Thesen aufstellt.

Um diese von einer allgemeinen auf eine spezifisch-österreichische Ebene zu transformieren, werden politikwissenschaftliche Publikationen zur Entwicklung der SPÖ herangezogen und zu überprüfbaren Hypothesen verdichtet.

2.1 Elitentheorie - Definitionen und Konzepte

Für die vorliegende Arbeit wird der Begriff der politischen Klasse „als Summe der Funktionseliten im Bereich der Politik“ (Beyme 1993: 7) definiert. Als österreichische Funktionseliten sind „Regierungsmitglieder auf Bundes- und Landesebene, Parlamentarier auf Bundesebene, Angehörige der Spitzengremien sowohl der im Parlament vertretenen Parteien als auch der wichtigsten Verbände, die Bürgermeister der größten Städte und einige weitere Positionen (z.b. Bundespräsident, Rechnungshofpräsident)“ (Müller/Philipp/Steininger 1995: 27) definiert.

Herzog differenziert mehrere grundsätzliche Untersuchungsebenen der Elitenforschung. Einerseits den „personalen“ Aspekt, also welche untersuchbaren, persönlichen Eigenschaften (Einstellungen, Machtstreben etc.) einer Person die Ausübung von Machtfunktionen begünstigen (vgl. Herzog 1982: 73f). Diese, von Herzog kritisch beurteilte, Möglichkeit der Persönlichkeitsstrukturanalyse wird für diese Arbeit nicht herangezogen (vgl. ebd. 81). Herzog beschreibt die theoretischen Grundlagen von Harold D. Lasswell2, in welcher die Persönlichkeitsstruktur von PolitikerInnen „als Ergebnis bestimmter frühkindlicher Entwicklungen interpretiert werden, insofern ein starkes Gefühl der Inferiorität gegenüber der elterlichen Autorität später durch machtorientiertes Verhalten im öffentlichen Leben kompensiert werden kann“ (ebd. 82). Problematisch an der Untersuchung von Unterschieden zwischen Machtausübenden und Nicht-Machtausübenden ist, dass nicht festgestellt werden kann, ob es sich bei den „festgestellten Persönlichkeitsmerkmale […] nicht um erfolgreiche Anpassungen an eine Führungsrolle handelt“ (ebd. 83). Außerdem lassen sich in der Machtausübung durch Erlangen von Mandaten verschiedene Amtsausübungspraktiken und Verhaltensstile feststellen; Insofern ist „es zweifelhaft, ob man von einem einzigen Persönlichkeitstyp ausgehen kann“ (ebd. 85).

Andererseits kann der „strukturell-organisatorischen“ Aspekt, also „die Bedingungen, unter denen die Personalrekrutierung erfolgt“ (ebd. 74) untersucht werden. Letzteres ist für diese Arbeit von besonderem Interesse, soll doch der sich ändernde Stellenwert der Gewerkschaft und der Berufsklasse für die Rekrutierung der SPÖ- Abgeordneten herausgearbeitet werden. Strukturell-organisatorisch erfolgt die Rekrutierung der Elite laut Statut zwar demokratisch, bei Nationalratswahlen mittels eine Systems von Vorwahlen, und von unten nach oben. Allerdings ist die Realverfassung der Partei davon geprägt, dass die höheren Gremien den Nachwuchs auswählen, und diese Auswahl demokratisch „absegnen“ lassen.3

Herzog sieht dies bei den traditionellen Großparteien in Deutschland ebenso, und „dass es zwar nicht unerheblich für die Aufstiegschancen von Parteimitgliedern ist, aus welcher sozialen Schicht oder Berufsgruppe sie kommen und welche persönlichen Eigenschaften sie haben; jedoch werden die Mitarbeit in der Partei und die innerparteiliche Organisationswirklichkeit als bestimmend für den personellen Auswahlprozess betrachtet“ (ebd. 86). Auf der Hand liegt, dass - wie mehr oder weniger bei jeder Partei - die Organisationsstruktur, d.h. wer über die Besetzung von Gremien sowie die Listenerstellung entscheidet, wichtig ist. Für folgende Arbeit wird davon ausgegangen, dass berufliche wie private Merkmale von Funktionären und Funktionärinnen entscheidend für das Potenzial eines Mandats sind, allerdings letztendlich auch „Rückhalt in einer parteiinternen ‚Hausmacht‘“ (ebd. 87) wichtig ist. Da Letzteres empirisch aber nur in Einzelfällen nachweisbar ist, wird darauf explizit in der Analyse nicht eingegangen.

Aspekte der innerparteilichen Machtgefüge zur Auswahl von FunktionsträgerInnen, und deren Veränderungen, werden somit durch die soziodemografische Analyse, sowie durch die Untersuchung von Karrierewegen und vorteilhaften beruflichen Eigenschaften im empirischen Teil der Arbeit offensichtlich gemacht. Eine direkte Untersuchung der realen strukturell-organisatorischen Machtgefüge ist wohl nur durch Befragungen der Verantwortlichen möglich; Hierbei wären aber jedenfalls Schwierigkeiten bzgl. des wissenschaftlichen Wertes der Aussagen zu befürchten.

Weiters ist laut Herzog „die Bedeutung der gesellschaftlichen Schichtung für die politische Elitenrekrutierung“ (ebd. 76f) untersuchenswert. Die Hypothese der abnehmenden Bedeutung der Gewerkschaft für die Rekrutierung ist deshalb untersuchenswert, weil die Gewerkschaft für sozial Schwächere (ArbeiterInnen, schlecht Ausgebildete) ein Gatekeeper zu politischen Funktionen darstellt. Somit hat eine schwächere Bedeutung der Gewerkschaft für die Rekrutierung in den Nationalrat auch zur Folge, dass diese Gruppen weniger stark direkt in der gesetzgebenden Instanz vertreten sind.

2.2 Bedingungen des Berufes

Als aufschlussreich ergeben sich auch die drei, empirisch untersuchbaren, soziologischen Bedingungen des Berufes, welche die Wahrscheinlichkeit der Rekrutierung in Führungsfunktionen erhöhen: Politik-Nähe, Art der Berufstätigkeit und Abkömmlichkeit (vgl. ebd. 78f). Dies deshalb, weil die Elitenforschung allgemein davon ausgeht, dass gewisse Akteursgruppen bei der Auswahl und beim Aufstieg in höhere politische Funktionen begünstigt sind.

Politik-Nähe ist gegeben, „wenn es sich um Aufgaben im Außenverhältnis handelt, so beispielsweise um Kontakte zur Presse, um Verhandlungen mit staatlichen Stellen, um nationale und internationale Verbindungen“ (ebd. 78). In Österreich schließt dies besonders höhere Beamte in Ministerien, Stadtverwaltungen und staatlichen oder staatsnahen Betrieben ein.

Mit der Art der Berufstätigkeit ist nicht „der Berufsstatus, sondern die funktionale Dimension der Berufe“ (ebd. 78) gemeint. Laut Herzog sind Ausübende von Berufen privilegiert, welche so zusagen für ein politisches Amt „üben“ können. Genannt wird Verhandlungs- und Problemlösungskompetenz (vgl. ebd. 79). Dies ist nicht nur bei oben genannten BeamtInnen gegeben; Insbesondere auch bei Leitungsfunktionen der Privatwirtschaft kann davon ausgegangen werden.

Darüber hinausgehend „sind es die jeweiligen Funktionsanforderungen politischer Führung oder Leitung, die den Rekrutierungsprozeß bedingen“ (ebd. 80). Damit ist gemeint, dass im Kontext der jeweiligen „Notwendigkeiten“ der Gesetzesschaffung bestimmte Qualifikationen für die Ausübung politischer Funktionen prädestinieren. Herzog nennt die Rekrutierung von entsprechend fachlich-wissenschaftlich ausgebildetem Personal, in heutiger Zeit beispielsweise SpezialistInnen für Umweltfragen (vgl. ebd. 81).

Relativiert wird diese funktionale Dimension der Berufe insbesondere in repräsentativen Demokratien. Wie später gezeigt wird, entsenden politische Parteien eher Parteifunktionäre in politische Ämter, welche Merkmale mit der WählerInnenschicht teilen, oder für den Parteierfolg als wichtig gehalten werden. So zeigt sich, dass für die SPÖ typische VertreterInnen Ihrer klassischen WählerInnenschaft (ArbeiterInnen, ÖBB-MitarbeiterInnen, etc.) im Nationalrat vertreten sind. Es kann jedoch diesbezüglich eine abnehmende Tendenz festgestellt werden, so zeigt sich in den späteren Legislaturperioden ein Anstieg professionellen politischen Personals, welche nicht aus der Mitte der sozialdemokratischen Basis kommen.

Nachvollziehbar ist auch der dritte von Herzog genannte Faktor, die Abkömmlichkeit vom Beruf. Da die Existenzsicherung für das Individuum durch politische Funktionen weniger stark gegeben ist als bei klassischer Berufsausübung, ist das Ergreifen solcher Funktionen mit dem Risiko verbunden, nach einem plötzlichen Ende (z.b. nach Wahlen) der Besetzung arbeitslos zu sein. Minimiert ist dieses Risiko jedoch für pragmatisierte Beamte, welche ihr Amt ruhend stellen können, und nach einem Ende der politischen Karriere jederzeit wieder ihr Amt aufnehmen können (vgl. ebd. 79). Anders zu betrachten sind jedenfalls Beamte, welche in jüngerer Zeiten in Österreich oft keine Möglichkeit mehr haben, ein pragmatisiertes Dienstverhältnis zu erlangen; Im Bezug auf die Abkömmlichkeit vom Privatberuf sind diese gleich zu behandeln wie Angestellte der Privatwirtschaft. Max Weber dehnt diesen Begriff sinngemäß aus:

„ Abkömmlich in diesem Sinne ist nun am unbedingtesten: der Rentner, derjenige also, der vollkommen arbeitsloses Einkommen, sei es, wie die Grundherren der Vergangenheit, die Gro ß grundbesitzer und die Standesherren der Gegenwart, aus Grundrenten - in der Antike und im Mittelalter auch Sklaven- oder Hörigenrenten -, sei es aus Wertpapier- oderähnlichen modernen Rentenquellen bezieht. “ (Weber 1918: 85)

Die nachfolgende empirische Untersuchung muss also auch darauf abstellen, Berufsbilder zu identifizieren, welche überdurchschnittlich oft in den Reihen der PolitikerInnen zu finden sind. Die Abkömmlichkeit ist in Österreich jedenfalls bei BeamtInnen des Staatswesens gegeben. Hier ist nicht nur auf die direkt in der Verwaltung Tätigen Bedacht zu nehmen, sondern auch auf MitarbeiterInnen staatsnaher Betriebe, beispielsweise der ÖBB, oder von den gesetzlich vorgesehen Kammern.

Dass die Nicht-Abkömmlichkeit vom Beruf oft nicht vom Einschlagen einer politischen Karriere abhält, lässt sich durch die Versorgungsfunktion mancher politischer Parteien in Österreich erklären. So werden FunktionsträgerInnen nach dem Höhepunkt ihrer Karriere oft mit Arbeitsplätzen in der Partei direkt zuordenbaren Systemen (Vorfeldorganisationen,Parteiunternehmen etc.)

[...]


1 Aus dem Proseminar „Politische Eliten, Politische Klasse“ von Dr. Barbara Steininger, 2009. Titel: Die österreichischen Abgeordneten zum Europäischen Parlament - Rekrutierung, Karriereverläufe und Parteispezifika.

2 Vgl. Lasswell, Harold D. (1960): Psychopathology and Politics, Neuauflage. New York.

3 Weiterführend: Ucakar, Karl (2006): Sozialdemokratische Partei Österreichs. In: Dachs, Herbert et al. (2006) (Hg.): Politik in Österreich. Das Handbuch. Wien: Manzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung.

Details

Seiten
31
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656050827
ISBN (Buch)
9783656051121
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181817
Institution / Hochschule
Universität Wien – Politikwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Elite Sozialdemokratie Österreich Politik Rekrutierung

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Titel: Politische Klasse – Politische Elite