Lade Inhalt...

Das deutsche Modell im Wandel

Lohnspreizung und atypische Beschäftigung auf dem Vormarsch

von Tobias Kulick (Autor)

Referat (Ausarbeitung) 2011 19 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Ein Blick in die Vergangenheit: Das Modell Deutschland

2 Das deutsche Modell im Umbruch
2.1 Abnehmende Tarifbindung und Lohnspreizung

3 Atypische Beschäftigung - Eine Erfolgsgeschichte?

Fazit

Literatur

Einleitung

Noch in den 70er Jahren galt das deutsche Wirtschaftsmodell als Erfolgsgeschich- te, da es hohen Lebensstandard bei gleichzeitig hoher Beschäftigung mit geringer Lohnspreizung vereinte. Die Wiedervereinigung und veränderte globale Wettbe- werbsbedingungen haben das einst gefeierte Modell jedoch in einem anderen Licht erscheinen lassen: Um die Jahrtausendwende bezeichnete z.B. das Engli- sche Magazin „The Economist“ Deutschland als den „kranken Mann Europas“ (The Economist 1999). Gut 12 Jahre später nimmt Europas größte Volkswirtschaft eine Spitzenposition hinsichtlich Wirtschaftswachstum und Beschäftigung ein und ist die widererstarkte Wirtschaftslokomotive der EU. Die Agenda 2010 und mit ihr die weitreichende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes wird maßgeblich für den Er- folg der Gegenwart verantwortlich gemacht.

Während der deutsche Wirtschaftsminister den Aufschwung am Arbeitsmarkt als „Aufschwung XXL“ feiert, flammen in der Öffentlichkeit jedoch immer wieder Debatten über zunehmende Niedriglohnbeschäftigung und die Frage auf, ob immer mehr Leute arm trotz Arbeit sind, auf.

Im Folgenden wird daher in historischer Perspektive das deutsche Modell be- trachtet (1), um anschließend dessen Umbruch (2) und die Folgen (2.1) nachzu- vollziehen. Schließlich wird die Flexibilisierung und Entwicklung verschiedener Beschäftigungsformen betrachtet, um den Aufschwung am Arbeitsmarkt zu analy- sieren (3) und gegebenenfalls zukünftigen politischen Handlungsbedarf herauszu- stellen.

1 Ein Blick in die Vergangenheit: Das Modell Deutschland

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs entstand in Westdeutschland eine Marktwirtschaft, deren spezielle Institutionenkonfiguration bis zur Wiedervereini- gung das gleichzeitige Auftreten von hoher internationaler Wettbewerbsfähigkeit, niedriger Lohnspreizung und hohem allgemeinen Lebensstandard ermöglichte (Streeck 1995: 5).

Märkte waren nicht entfesselt, sondern durch politische Regulierung eingehegt: Anstatt selbst zu intervenieren, pflegt der deutsche Staat ein korporatistisches Ar- rangement, bestehend aus Verbänden und Körperschaften öffentlichen Rechts.

Die autonome Rechtssetzung der Akteure soll eine angemessene Problembear- beitung im Spannungsfeld von Mitgliederregierung und -Repräsentation ermögli- chen (Voelzkow 2007). Während der Staat stabile rechtliche, soziale und infra- strukturelle Rahmendbedingungen garantiert (Schmidt 2008: 365), sorgen starke Einheitsgewerkschaften und Arbeitgeber- bzw. Wirtschaftverbände, sowie betrieb- liche Mitbestimmungsrechte der Arbeiter und „geduldiges Kapital“ zwischen Kapi- tal und Arbeit für ein Verhältnis auf Augenhöhe (Streeck 1995: 8-11). Der rigide Kündigungsschutz und das duale Ausbildungssystem bringen, wegbereitend für von den Sozialpartnern ausgehandelte hohe Lohn- und Arbeitsstandards (Streeck 1995: 11), hohe Beschäftigungsstabilität und qualifizierte Arbeitskräfte hervor (ebd. 9-10). Folglich wird der Wettbewerb über den Preis a priori ausgeschlossen und wird im Rahmen hoher allgemeiner Lohn- und Arbeitsstandards über Produkt- qualität und Diversifizierung ausgetragen (ebd.: 13).

Gestützt wurde das Modell der „diversifizierten Qualitätsproduktion“ (Streeck 1992) durch die großzügige Umverteilung von Produktivitätsgewinnen durch den Sozialstaat, die den sozialen Frieden sicherten und einem ausgedehnten Niedrig- lohnsektor durch hohe Reservationslöhne und der Stilllegung von überschüssigen Arbeitskräften den Nährboden entzog (Streeck 1995: 15-16). Öffentliche Unter- nehmen spielten im Dienstleistungssektor eine große Rolle: Eisenbahn, Post, Te- lekommunikation, Energie- und Wasserwirtschaft befanden sich ebenso in öffentli- cher Hand wie das Gesundheits- sowie das Bildungs- und Betreuungswesen. Auch hier sorgten die Gewerkschaften, wenn auch teilweise indirekt, für ein flä- chendeckend hohes Lohnniveau, dass von der allgemeinen Arbeitskräfteknappheit begünstigt wurde (Bosch/Kalina 2007: 22). Die Erwerbsbeteilung von Frauen wur- de durch das konservative Alleinernährermodell (vgl. Esping-Andersen 1998) und familienpolitische Steuerbegünstigungen, wie z.B. das Ehegattensplitting, ver- gleichsweise gering gehalten.

2 Das deutsche Modell im Umbruch

Bereits Anfang der 80er Jahre zeigten sich erste Risse in der Fassade der „Blaupausen-Nation“ (Czada 2008: 188). Durch stetig steigende Arbeits- und So- zialkosten wurde vermeintlich minderwertigen, niedrigproduktiven Tätigkeiten die Grundlage entzogen (ebd.). Als zu zahlender Preis der einseitig auf den Export von High-Tech-Produkten ausgelegten Hochlohnstrategie offenbarte sich zuneh- mend verfestigende Langzeitarbeitslosigkeit (Streeck 1995: 18; Czada 2008: 189). Zur Problembearbeitung wurde die Stellschraube nicht etwa auf der Nachfragesei- te bewegt, sondern auf der Angebotsseite: Anstelle der Reintegration überschüs- siger Arbeitskräfte (wie z.B. in den Skandinavischen Ländern) wurde durch die Produktivitätskoalition, bestehend aus Staat, Gewerkschaften und Arbeitgeberver- bänden, mittels Frühverrentung und Arbeitszeitreduktionen eine Verknappung des Arbeitskräfteangebots forciert, um das System, und mit ihm die komprimierte Lohnstruktur, zu stabilisieren (Czada 2004: 129). Zwar hatte sich bereits vor der Wiedervereinigung die Einsicht durchgesetzt, dass die Frühverrentung hinsichtlich der Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme zu weit gegangen sei (Streeck 2005). Gleichwohl ging mit dem Institutionentransfer (vgl. z.B. Czada/Lehmbruch 1998) im Zuge des Beitritts der neuen Bundesländer zur alten Bundesrepublik auch eine Übernahme des westdeutschen Beschäftigungsmodells einher:

Bent on protecting West German institutions, all relevant parties more or less consciously opted for a policy of trying to buy the East German economy into the West German high- wage system, at whatever cost to East German workers or West German taxpayers, in the hope that somehow the price would be less than catastrophic. (Streeck 1995: 21; Herv. i.O.)

Diese Hoffnung wurde letztlich grandios enttäuscht: Größe und Ausmaß des Wohlfahrtstransfers von West nach Ostdeutschland suchen bis heute weltweit ih- resgleichen (vgl. Czada 2006). Die, infolge des Transfers des westdeutschen Hochlohnmodells, drohende Beschäftigungskatastrophe wurde durch den altbe- währten Rückgriff auf die Rentenkasse (vgl. Czada 2005) und durch Maßnahmen der „aktiven“ Arbeitsmarktpolitik abgefedert (Oschmiansky 2009: 19). Dies war freilich nicht nur für die Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme folgenreich, sondern auch für das Wachstum der an den Faktor Arbeit gekoppelten Sozialbei- träge (Streeck 2005): Jeder weitere Schritt die Arbeitslosigkeit mittels Frühverren- tung zu senken, schlägt sich rückwirkend auf die Höhe der Sozialabgaben und damit auch auf die Arbeitskosten nieder, was letzten Endes beschäftigungshem- mend wirkt. Während ein Großteil der hochproduktiven Exportwirtschaft zuneh- mende Sozialkosten durch Produktivitätssteigerungen und Produktionsreorganisa- tion kompensieren oder gar nutzen konnte (Bosch/Kalina 2007: 62), waren die Auswirkungen auf die Beschäftigungspotenziale im inländischen Dienstleistungs- sektor und damit auf die Beschäftigungspotenziale niedrigqualifizierter, wesentlich verheerender (vgl. Scharpf 1997).

Nicht nur die steigenden Kosten der Wiedervereinigung, auch die Globalisie- rung hat die tragenden Säulen des auf den sozialpartnerschaftlichen Korporatis- mus gegründeten deutschen Modells bedeutend geschwächt. Die Internationali- sierung des Finanzsystems und der rasende Fortschritt der elektronischen Kom- munikationstechnologie verwandelten das national domestizierte „geduldige“ in ungeduldiges global agierendes Kapital (ebd.: 24). Die vormals enge, auf Lang- zeitinvestitionen ausgerichtete Beziehung zwischen Banken und Firmen veränder- te sich in ein nunmehr von der Logik des Marktes geprägtes Verhältnis (Streeck 1995: 24).1 Nach der Jahrtausendwende vollzog sich schließlich die „Abkehr von überholten Prinzipien der kollektiven Absicherung auf Gegenseitigkeit zugunsten einer vom freien Markt regulierten Meritokratie“ (Streeck 2005; Herv. i.O.) auch in der auf Solidarität und Risikoausgleich begründeten Deutschland AG (Streeck 2005; Bosch/Kalina 2007: 64).

Die wachsende Konkurrenz auf den internationalen Märkten setzte nicht nur die Anbieter unter Preisdruck, sondern auch den Arbeitsmarkt. Insbesondere die geo- graphische Nähe der osteuropäischen Länder bot und bietet nicht nur ein großes Reservoir an billigen, qualifizierten Arbeitskräften, sondern auch weitreichende Möglichkeiten der Produktionsauslagerung (Streeck 1995: 23).2 Unternehmen be- gannen sich mehr auf ihr „Kerngeschäft“ zu besinnen (Streeck 2005), was in der Praxis verstärktes Outsourcing und Offshoring von geeigneten Tätigkeiten in lohn- günstigere Wirtschaftsbereiche oder gar ins Ausland bedeutet (Bosch/Kalina: 66).3 Gleichzeitig sehen sich die Gewerkschaften mit bis heute anhaltendem Mitglieder- schwund und damit auch einer geschwächten Verhandlungsposition gegenüber den Arbeitgebern konfrontiert.

Auch im öffentlichen Sektor haben sich die Governancestrukturen nachhaltig verändert. Ehemalige Staatsunternehmen, wie z.B. die Telekom und die Post, wurden privatisiert und an die Börse gebracht. Im Gesundheitswesen sorgt die Budgetierung der Leistungserbringer für zunehmenden Kostendruck.4 Das deut- sche Modell erwies sich aufgrund der geringen Anzahl von allgemein verbindli- chen Tarifverträgen als besonders anfällig für diese Entwicklung (ebd.). Anders als z.B. in den Niederlanden, in denen ein Großteil der Tarifverträge für allgemeinver- bindlich erklärt wird, existiert in Deutschland nur eine geringe Anzahl allgemein verbindlicher Tarifverträge, die in der Lage wären den zunehmenden Wettbewerb über den Preis einzuhegen (vgl. ebd.).

2.1 Abnehmende Tarifbindung und Lohnspreizung

Lies sich in Deutschland bis zum Ende der 1980er Jahre, entgegen dem inter- nationalen Trend, eine geringe und sogar rückläufige Lohnspreizung beobachten (vgl. Streeck 1995: 6), so hat sich dies spätestens nach der Jahrtausendwende ins Gegenteil verkehrt: Zwischen 1997 und 2007 sind, überspitzt formuliert, die Rei- chen reicher und Arme ärmer geworden, während der Mittelstand geschrumpft ist (vgl. Geißler 2010: 11f.). Drei Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt haben wesent- lich dazu beigetragen:

1.) Trotz kontinuierlichem Produktivitätsfortschritt stagnieren seit der Wiedervereinigung die Realeinkommen der deutschen Beschäftigten. Dies hat u.a. zu einer starken Umverteilung des Volkseinkommens zu Gunsten der Einkünfte aus Kapital und Selbständigkeit geführt, was gleichwohl die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gesteigert hat (Brenke 2009). Dieser Trend hat sich auch in der fast ausschließlich vom Export getragenen Aufschwungphase vor der Finanzkrise nicht umgekehrt (vgl. Logeay/Zwiener 2008).

[...]


1 Man mag sich in diesem Zusammenhang auch an Zielsteckung von 25% Eigenkapitalrendite erinnern, die Deutsche Bank Chef Josef Ackermann einst vorgegeben hat.

2 Nach dem Beitritt der MOEL zur EU hat Deutschland mehrfach die Verlängerungsoption zur Ein- schränkung der Freizügigkeit von Arbeitnehmern gezogen, um befürchtete Folgen für den Ar- beitsmarkt zu vermeiden. Da jüngst nicht mehr von einem Arbeits- sondern von einem Arbeits- kräftemangel die Rede ist, scheint die Freizügigkeit im neuen Kontext begrüßenswert zu sein (vgl. z.B. Baas/Brücker 2011)

3 Sinns (2005) nicht unumstrittene (siehe z.B. Handelsblatt 2005) Basarhypothese besagt, dass die Auslagerung der Produktion mittlerweile so weit gegangen sei, dass ein Großteil der vorgelager- ten Produktion, aufgrund der nicht wettbewerbsfähigen deutschen Löhne, mittlerweile in diesen Länder erbracht wird. In Deutschland werde lediglich, so Sinn überspitzt, das Siegel „Made in Germany“ aufgeklebt, um die Waren dann zu exportieren. Der Standort Deutschland fungiere deshalb mehr als Handelsdrehscheibe (Basar), denn als Produktionsstandort.

4 Im Gesundheitswesen gibt es bereits heute einen ernst zu nehmenden Fachkräftemangel. Die Ursache hierfür liegt jedoch nicht in einem Mangel an Arbeitskräften, sondern vielmehr an schlechten Arbeits- und Lohnbedingungen, die Nachwuchs abschrecken und viele Berufswechs- ler nach sich ziehen (Weinkopf et al. 2009: 14).

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656049869
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181787
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
modell wandel lohnspreizung beschäftigung vormarsch

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Tobias Kulick (Autor)

Zurück

Titel: Das deutsche Modell im Wandel