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Die Erklärungskraft des Neorealismus am Beispiel des Verhaltens der Akteure der Kuba-Krise von 1962

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Neorealismus
2.1 Die Entstehung des Neorealismus und seine zentralen Fragen
2.2 Das System, die Struktur und die Akteure des Neorealismus
2.3 Der Interessenbegriff und der Machtbegriff des Neorealismus

3. Die Kuba-Krise
3.1 Die Vorgeschichte und die Ursachen der Kuba-Krise
3.2 Die Entwicklung und das Ende der Kuba-Krise

4. Die Kubakrise unter Bezugnahme des Neorealismus
4.1 Das Machtverhältnis zwischen den Akteuren der Kuba-Krise
4.2 Das Sicherheitsbestreben der Akteure der Kuba-Krise

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir standen so nah am nuklearen Abgrund. Und verhinderten den atomaren Schlagabtausch nicht etwa durch ein gekonntes Management, sondern durch schieres Glück. Keiner von uns begriff damals wirklich, wie nah wir am Rand der Katastrophe standen.“ (www.zeit.de).

Dieser Satz von dem 1962 amtierenden US-Verteidigungsminister Robert McNamara, beschreibt die wohl bekannteste und zugleich heißeste Phase des Kalten Krieges. Die Kuba-Krise, oder auch die kubanische Raketenkrise genannt, entblößte erstmals während des Kalten Krieges die schier unfassbare Zerstörungskraft, welche in der Konfrontation zwischen den zwei Großmächten, den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und der Sowjetunion (UdSSR), freigesetzt werden konnte. Die Atommächte verfielen einem militärischen Wettrüsten und waren zu dieser Zeit in der Lage, die gesamte Menschheit zu vernichten. Doch wie kam es zu solch einer fatalen Situation welche in den berühmten dreizehn Tagen im Oktober 1962 die Welt den Atem anhalten ließ? Welche Rolle spielte dabei der Machtbegriff, die Interessen und die Frage der Sicherheit der einzelnen Akteure? Mit Hilfe einer Theorie der internationalen Beziehungen, dem Neorealismus oder auch struktureller Realismus genannt, sollen diese Fragen untersucht werden. In der vorliegenden Hausarbeit wird zuerst die Theorie des Neorealismus in seinen Grundzügen erläutert und explizit auf ihre Entstehung und ihre Hauptmerkmale eingegangen. Im Anschluss darauf wird die Kuba-Krise kurz erörtert und im speziellen ihre Entstehung und ihre Ursachen, ihre Entwicklung und ihr Ende geschildert. Abschließend wird der Bogen von der Theorie zur Praxis gespannt und somit versucht, das Machtverhältnis und das Sicherheitsbestreben der Hauptakteure der Kuba-Krise im Oktober des Jahres 1962 anhand der Theorie der internationalen Beziehungen, dem Neorealismus, zu erklären. In einem abschließenden Fazit wird das Ergebnis dieser Untersuchung festgehalten, Schwächen verdeutlicht und Schlussfolgerungen gezogen.

2. Der Neorealismus

2.1 Die Entstehung des Neorealismus und seine zentralen Fragen

Die Theorie des Neorealismus wurde von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Kenneth Waltz in den 1970er Jahren entwickelt. Dabei ist die Entstehung eng mit dem Ost-West Konflikt verbunden, denn durch das Ende des Kalten Krieges verlor der traditionelle Realismus zunehmend an Bedeutung und Erklärungskraft. Zur gleichen Zeit wurde das Buch mit dem Titel „Theory of international Politics“ von Kenneth Waltz veröffentlicht, dass den Neorealismus stark beeinflusste (Vgl.: Schörnig 2010: 66). Die neorealistische Theorie als eine systemische Theorie sollte dabei helfen, den Einfluss der Umwelt auf die internationale Politik konzeptuell und analytisch präziser zu fassen als es der klassische beziehungsweise der traditionelle Realismus vermochte (Vgl.: Auth 2008: 45). Einer der zentralen Fragestellungen des Neorealismus ist, warum Staaten trotz unterschiedlich verfasster politischer Systeme oder unterschiedlicher Ideologien, in ihrem Außenverhältnis zu ähnlichem Verhalten tendieren. Ebenso versucht die Theorie zu erklären, warum in manchen Abschnitten der Geschichte Kriege zustande kamen, andere Phasen der Geschichte jedoch trotz starken Spannungen friedlich verliefen. Neorealisten zielen darauf ab, Regelmäßigkeiten im Verhalten von Staaten in einer gegebenen und vom Akteur unabhängigen Struktur festzustellen (Vgl.: Filzmaier et al. 2006: 77). Die Theorie des Neorealismus untersucht hierbei lediglich die high politics, also die Sicherheitspolitik und nicht die low politics, welche aus sozialen und ökonomischen Fragen bestehen (Vgl.: Schörnig 2010: 68). Inspiriert von den Wirtschaftswissenschaften, konkret von der Trennung der ökonomischen Sphäre von sonstigen gesellschaftlichen und politischen Fragen, sieht Waltz die Notwendigkeit in der Konzentration auf die Sphäre der internationalen Politik. Nur ohne Einbezug der ökonomischen und sozialen Faktoren sei es möglich, die grundlegenden Zusammenhänge der internationalen Politik zu erklären (ebd: 70).

2.2 Das System, die Struktur und die Akteure des Neorealismus

Der Neorealismus entwickelt eine systemtheoretische Sichtweise. Statt individueller und psychologischer Faktoren steht die Analyse struktureller Faktoren im Vordergrund.

Wie auch schon im traditionellen Realismus wird die pessimistische Sichtweise des Menschen angenommen. Demnach besteht auch im Neorealismus ein Zusammenhang zwischen der negativ gesehenen Natur des Menschen und dem Verhalten von Staaten (Vgl.: Filzmaier et al. 2006: 76). Das internationale System ist eine dezentrale und anarchische Staatenwelt, was bedeutet, dass keine zentrale Sanktions- oder Kontrollinstanz existiert. Die Akteure im Neorealismus, die souveränen Staaten innerhalb des internationalen Systems, spielen jeder für sich eine gleich große Rolle innerhalb dieses Systems. Es herrscht eine funktionale Gleichheit der Akteure (Vgl.: Auth 2008: 46). Dieses internationale System entsteht durch die Handlungen der souveränen Staaten, wobei das neorealistische Staatenmodell nichts über die Funktion der Staaten für die Gesellschaft aussagt. Ein Staat ist im neorealistischen Theoriegebilde hierarchisch aufgebaut und steht somit als eine Art Regulator und Kontrolleur über der Gesellschaft. Im Unterschied zu anderen Theorien der internationalen Beziehungen, wie beispielsweise der des Institutionalismus, existieren nach der Theorie des Neorealismus keine anderen Akteure außer den bereits erwähnten souveränen Staaten. Weder internationale Institutionen noch irgendeine andere Art von internationaler Zusammenarbeit spielen im Neorealismus eine Rolle. Das Innenleben der Staaten, also die Gesellschaft und die in ihr existierenden Individuen, tragen nichts zu den Staatenbeziehungen bei. Die internationale Politik erklärt sich somit aus sich selbst heraus, demnach aus der Positionierung einzelner Staaten in der Staatenwelt. Lediglich objektive Größen wie militärische Kraft, Wirtschaftsleistung und Geografie stellen die Einflussgrößen zur Veränderung der internationalen Politik im Neorealismus dar (Vgl.: Hartmann 2009: 28 ff.). „Das Bild der internationalen Beziehungen im Neorealismus entspricht dem Billardkugel-Model, in dem alle Staaten unabhängig voneinander agieren und sich gegenseitig behindern oder ausstechen können“ (Lemke 2008: 17).

Der Neorealismus wird auch struktureller Realismus genannt, da die Struktur des internationalen Systems nicht durch Normen und Regeln einer übergeordneten Institution gebildet wird, sondern durch die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Staaten. Die Struktur des internationalen Systems ist nach drei Kriterien zu unterscheiden: nach dem bereits erwähnten anarchischen Ordnungsprinzip, demnach das Fehlen einer übergeordneten Instanz, die fehlende Funktionalisierung, was bedeutet, dass alle Staaten dasselbe für das System leisten und drittens die Differenzen zwischen den Staaten durch Ihre Stärke, welche sich aus Größe, Macht, militärischer Schlagkraft,

Wohlstand usw. definiert (Vgl.: Waltz 1979: 80 ff.). Nur durch diese Differenzen ergeben sich Abweichungen im Verhalten der Staaten und somit in ihren Interaktionsergebnissen (Vgl.: Krell 2009: 158).

2.3 Der Interessenbegriff und der Machtbegriff des Neorealismus

Durch die anarchische Welt kann sich kein Staat innerhalb des internationalen Systems sicher sein, dass andere Staaten ihre militärischen Kapazitäten nicht gegen sie zum Einsatz bringen. Es existiert somit ein Sicherheitsdilemma, wodurch jede politische Handlung eines Staates andere Staaten bezüglich ihrer Existenz verunsichert (Vgl.: Auth 2008: 46 ff). Das wesentliche Interesse der Akteure des Neorealismus, den Staaten, ist die Selbsterhaltung und somit der Schutz ihrer Sicherheit. Das Überleben eines Staates ist demnach abhängig von den einzelnen Machtpotentialen, die ihnen für die Selbsthilfe zur Verfügung stehen (Vgl.: Krell 2009: 160). Der Machtbalance im internationalen System bedarf es zwei Voraussetzungen, welche Waltz (1979) folgendermaßen beschreibt: “Balance-of-power politics prevail, wherever two, and only two, requirements are met: that the order be anarchic and that it be populated by units wishing to survive“. Um diesen Wunsch des Überlebens zu sichern, entsteht ein ständiger Abgleich des Machtpotenzials der einzelnen Akteure, wodurch ein Mechanismus der Macht- und Gegenmachtbildung zu Stande kommt. Die Fähigkeit zur Selbsthilfe besitzen jedoch nur die größeren Staaten, kleinere Staaten, welche in einen Konflikt mit größeren Staaten geraten, haben somit entweder die Möglichkeit des Ausharrens und Hinnehmens, oder aber die Option des so genannten bandwagonings1. Die Überlebensfähigkeit eines Staates bemisst sich im Nuklearzeitalter vor allem auf die Verfügbarkeit von Nuklearwaffen, biologischen, chemischen und konventionellen Waffen, sowie in den technischen Möglichkeiten und dem wirtschaftlichen Zustand eines Staates. Durch die unterschiedliche Verteilung dieser Fähigkeiten, streben alle Staaten primär danach diese Fähigkeiten zu maximieren. Durch die Tatsache, dass alle Staaten die gleichen Interessen verfolgen, verbergen alle potentiellen Gegner ihre Stärken und ihre Schwächen.

[...]


1 bandwagoning in den Internationalen Beziehungen bezeichnet den Anschluss eines oder mehrerer Staates/Staaten, an einen Staat, der ein höheres Machtpotential aufweist. Es kann demnach auch als eine Art Mitläufer-Effekt in den internationalen Beziehungen verstanden werden. Beispiele finden sich vor allem in der Zeit des Kalten Krieges, in denen sowohl auf US-amerikanischer als auch auf sowjetischer Seite eine Blockbildung stattfand und in denen sich kleinere Staaten aus Selbstschutz einem der beiden größeren Staaten anschlossen (http://de.wikipedia.org/wiki/Bandwagoning).

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656049883
ISBN (Buch)
9783656050100
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181781
Note
2,0
Schlagworte
erklärungskraft neorealismus beispiel verhaltens akteure kuba-krise Internationale Beziehungen Politik Kenneth Waltz Kubanische Raketenkrise Kalter Krieg

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