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Kommunikation, Image und Höflichkeit. Das Prinzip von Face-threatening-acts nach Goffman, Brown & Levinson

Kritik und Gegenmodelle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 38 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Quellenlage und Forschungsstand
1.2 Allgemeine und spezifische Begriffserläuterungen

2 Erving Goffmans Modell – Interaktionsrituale und „face-work“

3 Aufbauende und ergänzende Theorieansätze
3.1 Erweiterung des Konzepts von Erving Goffman nach Brown & Levinson

4 Kritik und Gegenmodelle

5 Höflichkeit in West und Ost
5.1 „Höflichkeitsprinzipien“ im Vergleich – Deutschland, China und Japan

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis
7.1 Lexikonartikel
7.2 Onlinequellen
7.3 Sekundärliteratur

8 Abbildungsnachweis
8.1 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang
9.1 Verschriftlichter Videoausschnitt

1 Einleitung

Was wäre das Leben ohne Kommunikation? Ohne sie würde der menschlichen Spezies eine essentielle Grundlage des Lebens schlicht weg fehlen. Doch was ist Kommunikation? Aus welchen Komponenten besteht sie und wozu dient sie? Welche Probleme ergeben sich aus ihr? Welche Verhaltensweisen entwickelten sich? Auf einige dieser Fragen soll später noch ausführlicher eingegangen werden. Jedoch, erscheint eine erste kleine Definition, die dem DUDEN entnommen ist, bereits an dieser Stelle recht nützlich.

„Kommunikation die;-, -en ‹aus lat. communicatio „Mitteilung, Unterredung“ zu communicare, vgl. kommunizieren›: 1. (ohne Plur.) Verständigung unter­einander, zwischenmenschlicher Verkehr bes. mithilfe von Sprache, Zeichen. 2. Verbindung, Zusammenhang.“[1]

Der Terminus Kommunikation wird also für gewöhnlich als eine Art Überbegriff für die Verständigung untereinander verwendet. Unter ihm lassen sich daher noch weitere Subkategorien unterbringen, wie zum Beispiel die nonverbale Kommu-nikation, die Zeichen- und die Schriftsprache. Der Aspekt der Verständigung, der Kommunikation ausmacht, gilt sowohl für den Menschen als auch für das Tier. Diese Hausarbeit, welche im Rahmen eines germanistisch linguistischen Haupt­seminars mit dem Titel „Text und Handlung“ entsteht, wird sich aber nur mit der menschlichen Kommunikationskomponente befassen. Auch ohne die Kommuni­kationsproblematik des Tierreichs mit einzubinden, handelt es sich bei der Kom­munikation um ein sehr komplexes Themengebiet, welches aus vielen verschieden Blickwinkeln betrachtet werden kann. Das bedeutet, dass sich Kommunikation eben nicht nur vom linguistischen Standpunkt, sondern ebenso vom psychologi­schen, soziologischen, biologischen, soziolinguistischen, philosophischen und sogar vom medienwissenschaftlichen Standpunkt aus betrachten lässt. In den meisten Fällen ist es jedoch unvermeidlich, dass sich einige Gebiete der For­schung miteinander mischen, da sich zum Beispiel ein bestimmter Sachverhalt ohne die Mithilfe einer anderen Disziplin nicht umfassend erforschen lässt. Durch diesen Sachverhalt können sogar neue Disziplinen, wie zum Beispiel die Sozio-linguistik oder die Kommunikationspsychologie etc. hervorgehen.

Diese Arbeit wird sich in ihrem weiteren Verlauf mit einem wichtigen Aspekt von zwischenmenschlicher Verständigung, der Höflichkeit, beschäftigen. Schwer-punkt wird dabei das Interaktionsmodell von Erving Goffman und dem darauf aufbauenden und erweiterten Modell von Penelope Brown und Stephen C. Levin­son sein. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei dem von Brown und Levinson eingeführten Terminus der „ face-threatening-acts “ zukommen. Dies wird zu ei­nem weiteren wichtigen Schwerpunkt überleiten, welcher in der Kritik an dem vorgestellten Modell und seinen begrifflichen Bestandteilen besteht und dadurch das ein oder andere Gegenmodell nach sich ziehen wird. Darin eingebettet werden sich einige Anmerkungen zur Handhabung und Ausführung des face -Begriffs und von Höflichkeit in China und Japan finden. Im letzten Teil der Arbeit soll dann noch exemplarisch anhand einiger Beispiele gezeigt werden, welche Aspekte das „Prinzip der Höflichkeit“ beeinflussen. Hierzu wurde unter anderem auf die Dis­sertation von Werner Holly „Imagearbeit in Gesprächen. Zur linguistischen Be­schreibung des Beziehungsaspekts.“ zurückgegriffen, welche sich mit rituellen Kontaktmustern beschäftigt.

1.1 Quellenlage und Forschungsstand

Aufgrund der in der Einleitung bereits genannten Vielfältigkeit und Komplexität des Kommunikationsbegriffes war es unerlässlich auf Literatur aus den unter­schiedlichsten Disziplinen zurückzugreifen.

Zur Annäherung an das Themengebiet der Kommunikation und der Sprach-normen wurden einige Grundlagenwerke der Pragmatik zur Rate gezogen, ebenso wie einige Lexikonartikel. Zu den einführenden Grundlagenwerken gehören hier das Lexikon der Sprachwissenschaft von Hadumod Bußmann oder Metzler Lexi­kon der Sprache sowie das Lexikon zur Soziologie. Des Weiteren, für den Kom­plex der Pragmatik, waren die Werke Englische Pragmatik. Eine Einführung von Wolfram Bublitz, Pragmatics von Stephen C. Levinson, Einführung in die ger­manistische Linguistik von Jörg Meibauer sowie Deutsche Satzsemantik. Grund­begriffe des Zwischen-den-Zeilen-Lesens von Peter von Polenz zu konsultieren. Als zusätzliche Ergänzung wurde mit Miriam A. Lochers Standards and Norms in the English Language gearbeitet.

Als grundlegendes Ausgangswerk für die Vorstellung und Auseinandersetzung wurde Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation von Erving Goffman herangezogen. Besonders das Letztgenannte wird in Kapitel 2 ausführ­lich vorgestellt werden. Die ergänzte und erweiterte Version des Modells von Er­ving Goffman wird wiedergegeben in Penelope Browns und Stephen C. Levin­sons Werk Politeness. Some universals in language usage.

Um den Bereich der Kritik und Gegenmodelle erstellen zu können waren der Aufsatz Politeness, Face and Facework von Liisa Vilkki und das Werk Gramma­tik und Höflichkeit im Sprachvergleich. Direkte Handlungsspiele des Bittens, Aufforderns und Anweisens im Deutschen und Koreanischen von Yongkil Cho äußerst hilfreich. Ebenfalls sehr nützlich waren die Aufsätze Ethnozentrismus, Eurozentrismus, Teutozentrismus von Georg Hansen, Wo verlaufen Europas Grenzen? Europäische Identität und Universalität auf dem Prüfstand von Elmar Holenstein und Ethnozentrismus. Möglichkeiten und Grenzen des interkulturellen Dialogs von Manfred Brocker und Heino Heinrich Nau. Sie geben Einblicke in die Problematik des Ethnozentrismus’ aus philosophischer, kultur- und politikwis­senschaftlicher Sicht.

Da außerdem ein kleiner Einblick in den Bereich des Höflichkeitsbegriffs, ge-koppelt mit Image und face in China und Japan gegeben werden soll, konnten die Werke Japanese Patterns of Behavior von Takie Sugiyama Lebra und Japanese Culture and Behavior. Selected Readings von Takie Sugiyama und William P. Lebra genutzt werden. Sie waren in der Lage eindrucksvoll zu vermitteln, welche Gemeinsamkeiten und grundlegende Unterschiede westliche und östliche Kul-turen vorweisen. Gerade das Japanische bietet so viele unterschiedliche Kultur-aspekte.

Da für das Gebiet der Kommunikation auch biologische und psychologische Aspekte eine bedeutende Rolle spielen, wurde Kinesics and Context. Essays on Body-Motion Communication von Ray L. Birdwhistell, Das Konzept ›Körper‹ in den Sprach- und Kommunikationswissenschaften von Axel Hübler und Körper­sprache und soziale Ordnung. Kommunikation als Verhaltenskontrolle von Albert E. Scheflen verwendet.

Für das Kapitel 5.1 dieser Arbeit erwies sich Werner Hollys Imagearbeit in Gesprächen. Zur linguistischen Beschreibung des Beziehungsaspekts sowie Stö­rungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation von Friede­mann Schulz von Thun als äußerst aufschluss- und hilfreich. Gerade die Werke von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun ermöglichen es einen guten und einfa­chen Einstieg in die Problematik der menschlichen Kommunikation zu bekom­men.

Das nachfolgende Kapitel soll dazu dienen zunächst einige der wichtigsten Termini zu erläutern. Dies scheint mir notwendig um eventuelle auftretenden Missverständnissen vorzubeugen, die sich aus dem allgemeinen und alltäglichen Sprachgebrauch in Bezug auf die in den Modellen verwendeten Begrifflichkeiten ergeben könnten.

1.2 Allgemeine und spezifische Begriffserläuterungen

Oftmals werden bestimmte Termini im Alltag gebraucht, ohne weiter darüber nachzudenken; ohne sich die wirkliche Bedeutung bewusst zu machen. Dies ge-schieht gerade bei Anglizismen oder anderen entlehnten Worten sehr häufig. Der Terminus Image zum Beispiel wird in sehr vielen unterschiedlichen Situationen gebraucht. So spricht man für gewöhnlich von einem Image, das eine bestimmte Person oder auch eine Branche hat. Gemeint ist damit das Ansehen, welches man genießt. Landläufig spricht man auch von einem Ruf, den jemand oder etwas hat. Hier eine genauere Definition, die noch zusätzliche und Zielführende Ergänzun­gen beinhaltet:

„Image das; -[s], -s ‹aus gleichbed. engl. Image, dies über (alt)fr. image „Bild“ aus gleichbed. lat. imago›: Vorstellung, [positives] Bild, das ein Ein­zelner od. eine Gruppe (od. einer Sache) hat; Persönlichkeits-, Charakter­bild.“[2]

Im Normalfall sollte das Image also etwas Positives sein. Wobei es natürlich ebenso möglich ist ein negatives Image zu haben. Darauf wird in Kapitel 5.1 noch näher eingegangen werden.

Nicht nur im Eifer des alltäglichen Sprachgefechts wird der Terminus Image mit dem Begriff face gleichgesetzt, sondern auch in den Modellen, die in dieser Arbeit vorgestellt werden. Wörtlich übersetzt bedeutet face Gesicht, wahlweise auch Angesicht oder leicht antiquiert Anlitz.[3] Überträgt man dies sinngemäß auf den Terminus Image, so spricht man vom Ansehen das jemand genießt. Noch deutlicher und gut verständlich formuliert diesen Umstand die Definition von Wolfram Bublitz und hebt den Begriff gleichzeitig auf eine linguistische Ebene:

„Im Deutschen nur in Ausdrücken wie das Gesicht verlieren/wahren vor­kommendes Konzept, das (1) auf Goffman zurückgeht; aus soziologischer Sicht meint er mit face /Image den sozialen Selbstwert einer Person, der ihr innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe im interaktiven Austausch zuge­schrieben wird. Demgegenüber vertreten Brown & Levinson (2) ein engeres, statisches Konzept f., das sie als „the public self-image that every member wants to claim for himself“ definieren; f. entsteht danach nicht im interakti­ven Austausch, sondern ist eine Menge von Wünschen oder Bedürfnissen, die sich Gesprächspartner gegenseitig unterstellen und auf die sie Rücksicht nehmen; sie unterscheiden zwischen negative face/Selbstbestimmungsrecht und positive face/Selbstbild, Selbstwert.“[4]

In dieser Definition finden sich vorgreifend auch schon die Interpretationsvarian­ten von Erving Goffman, Penelope Brown und Stephen C. Levinson, welche im weiteren Verlauf dieser Arbeit von großer Bedeutung sein werden.

Um dieses Kapitel abzuschließen ist es außerdem sehr wichtig, noch eine Defi­nition anzubringen, welche sich mit dem Terminus der Höflichkeit auseinander­setzt. Ein „Prinzip der Höflichkeit“ ist, soweit dies beurteilt werden kann, univer­sal, denn jede Gesellschaft arbeitet damit. Die nachfolgende Definition ist eben­falls von Wolfram Bublitz und bezieht erneut Penelope Brown und Stephen C. Levinsons Überlegungen mit ein. Diese werden in Kapitel 3.1 ausführlich bear­beitet werden.

„(1) Nicht-linguistischer, ideologisch-kulturell aufgeladener alltagssprachli­cher Begriff, mit dem Einstellungen, Handlungen und Wirkungen bewertet werden, die in der jeweiligen sozialen Gruppe als angemessen gelten.

(2) Als linguistischer Begriff von Brown & Levinson verwendet, um das Bemühen des Sprechers zu beschreiben, face threatening acts zu vermeiden oder zu mildern, die (als Ausdruck der negative politeness) das Selbstbe­stimmungsrecht (→ negative face) des Hörers beeinträchtigen oder (als Aus­druck der positive politeness) sein Selbstwertgefühl (→ positive face) be­schädigen könnten.“[5]

Höflichkeit kann also als gesellschaftliche Norm definiert werden, die als Richt-schnur dafür gilt, wie man angemessen miteinander umgeht. Das beinhaltet auch das Bemühen das Gesicht des Interaktionspartners oder der Interaktionspartner zu wahren.

2 Erving Goffmans Modell – Interaktionsrituale und „face-work“

Nachdem im vorherigen Kapitel nun einige Begrifflichkeiten erläutert wurden, soll dieses dazu dienen, diese in einen konkreten Kontext einzubinden. Das nach­folgende Modell von Erving Goffman beschäftigt sich mit der direkten Kommu­nikation in Interaktionsritualen und soll zusammenfassend dargestellt werden.

Erving Goffman hält zunächst fest, das es sogenannte Grundelemente des Ver­haltens gibt. Diese bestehen aus Blicken, Gesten, sprachlichen Äußerungen und verschiedenen Haltungen. Diese Grundelemente bieten wiederum Anhaltspunkte für die Orientierung und das Engagement in einer Interaktion. Ebenso können die Grundelemente Hinweise darauf geben, wie die körperliche und geistige Verfas­sung des Gegenübers ist.[6]

Direkte Kommunikation kann laut Erving Goffman in drei unterschiedlichen Räumen stattfinden. Dazu zählt er öffentliche, halböffentliche und private Orte.[7]

Ein öffentlicher Ort wäre zum Beispiel ein Marktplatz, ein halböffentlicher Ort ein Klassenzimmer und ein privater Ort das Zuhause. Alle Orte haben die Ge­meinsamkeit, dass sie gewissen Regeln und Normen unterworfen sind. Jeder Ort verlangt nach seiner eigenen spezifischen Ordnung, wenn es um Interaktionen, Kommunikation unter- bzw. miteinander, geht. In einem öffentlichen Raum wie zum Beispiel einem Marktplatz ist es für gewöhnlich so, dass sich die Interaktan­ten untereinander nicht kennen; Ausnahmen, wie langjähriges Einkaufen am sel­ben Stand bestätigen natürlich die Regel. In einem halböffentlichen Raum wie zum Beispiel dem Klassenzimmer hingegen kennen sich die Interaktanten unter­einander, sind aber in den meisten Fällen nicht miteinander verwandt und verhal­ten sich daher anders als in einem privaten Raum, in dem sich die Interaktanten sehr gut kennen und miteinander verwandt sind bzw. sein können. Das Verhältnis, in dem die Personen zueinander stehen spielt bei der Interaktion eine entschei­dende Rolle. Das nachfolgende, stark vereinfacht dargestellte Kommunikations­modell, dient der Veranschaulichung einer „normalen“ Kommunikationssituation (s.u. Abb. 1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Organon-Modell nach Karl Bühler (abgewandelt und stark vereinfacht).[8]

Grundvoraussetzung für die Kommunikation sind das Existieren eines Senders, mit einer Intention und eines Empfängers, welcher im Idealfall mit einer Reak-tion, einer Handlung, reagiert. Bei der Handlung kann es sich sowohl um eine sprachlich, als auch um eine körperlich aktivisch realisierte Handlung handeln. Ebenso Grundvoraussetzung ist die Fähigkeit zu hören und zu verstehen. Um In­formationen übermitteln zu können wird ein Kanal erforderlich. Über den Kanal werden Signale in Form von Lauten und ganzen Lautketten transportiert. Da aber nicht jede Kommunikation erfolgreich verläuft, muss es auch Störungen geben. Diese Störungen können zum Beispiel beim Sender vorliegen, wenn dieser die zu übermittelnden Schallwellen zu leise oder gestottert abgibt. Oder die Störung liegt auf der Seite des Empfängers, der die bei ihm ankommenden Informationen nicht decodieren kann. Dies kann zum Beispiel daran liegen, dass der Empfänger die Signale aufgrund von fehlendem Blickkontakt gar nicht wahrgenommen hat. In den meisten Fällen jedoch scheitert die gelungene Kommunikation an einer Stö­rung des Kanals, weil dieser überlastet ist. Überlastungen können zum Beispiel durch laute Störgeräusche der Umwelt ausgelöst werden. Ist dies der Fall, können Sender und Empfänger ihre Intention nicht realisieren.

Wie bereits dargestellt übermittelt der Sender mit seiner Lautkette nicht nur Schallwellen sondern auch Intentionen und damit zurück zur Vorstellung des Konzepts von Erving Goffman.

In seinem Konzept beschreibt Erving Goffman folgende Sachverhalte; jeder Mensch folgt einer bestimmten Absicht bzw. Strategie, sowohl bei verbalen als auch nonverbalen Handlungen. Dabei hofft man, dass das Gegenüber davon aus­geht, dass man etwas nicht absichtlich tut. Die Reaktionen auf eine Äußerung oder auf eine Handlung fallen so aus, dass sie widerspiegeln was der andere von einem denkt. Das Gegenüber hat sich also ein Bild von einem gemacht, aufgrund dessen wie dieser sich vermittelt. Dieses Bild kann folglich sowohl positiv als auch ne­gativ ausfallen, je nachdem welches Bild man von sich selbst vermitteln wollte. Abhängig ist dies nicht nur von der eigenen Absicht, sondern auch von den äuße­ren Umständen.[9]

Für gewöhnlich wird natürlich versucht seinem Gegenüber ein positives Bild, also ein positives Image von sich zu vermitteln. Das geschieht mittels der eigenen Einstellung und durch das Mittel der Höflichkeit. Die Höflichkeit wiederum un­terliegt der jeweiligen gesellschaftlichen Norm. Eine genaue Definition des Normbegriffs findet sich dazu im Lexikon zur Soziologie.

„Norm, auch: Verhaltensstandard, -regel, -richtschnur; die in der Literatur zahlreich vorhandenen Definitionsversuche lassen sich auf drei verschiedene Bedeutungen des N.begriffes zurückführen, wobei dir meisten Definitionen eine Mischung aus zwei oder drei dieser Bedeutungen darstellen:

[1] eine beobachtbare Gleichförmigkeit des Verhaltens;

[2] eine soziale Bewertung von Verhalten;

[3] eine verbindliche Forderung eines bestimmten Verhaltens.

Elemente des N.begriffes können sein: ein Absender von Verhaltensforde­rungen (Normabsender), ein Adressat, an den die Forderungen gerichtet sind (Normadressat), evtl. Personen, zu deren Gunsten die N. wirkt (Normbene­fizare), eine bestimmte Situation, in der ein Verhalten verlangt wird. Im Fall der Abweichung von diesem verbindlich geforderten Verhalten können als Reaktion Sanktionen erlassen werden, die von Sanktionssubjekten ausgeführt werden.“[10]

Aus dieser Definition geht klar hervor, dass es feste Verhaltens- und Umgangs-regeln in einer Gesellschaft gibt. Durch die Norm ist festgelegt, welches Verhal­ten und welches Benehmen geduldet und erwartet wird. In Bezug auf das Image einer Person kann man also sagen, dass die Umwelt darauf reagiert wie sich ein Mensch selbst darstellt. So kann man zum Beispiel der Meinung sein ein positives Image zu besitzen, wird aber je nach Situation eventuell darauf hingewiesen, dass dies nicht der Fall ist. Wie kommt also ein Image zustande und wie ist es zu be­handeln?

Laut Erving Goffman ist die Strategie in einem bestimmten Verhalten meist in der Interaktion selbst legitimiert und institutionalisiert. So kann das Verhalten einer Person darauf abgestimmt sein, ob man sein Gegenüber wiedersehen wird oder nicht. In letzterem Fall ist dem Interaktanten freigestellt, welches Bild er von sich vermitteln wird. Trifft er die andere Person nicht wieder, kann es ihm egal sein, was der andere von ihm denkt. Ist es aber wahrscheinlich, ja sogar sicher, dass der Interaktant sein Gegenüber wieder trifft, so wird er darauf bedacht sein einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Er möchte dann deutlich vermitteln, dass er eine respektable Person ist.[11] Aber wann besitzt man nun ein Image und wann nicht? Erving Goffman unterscheidet hier zwei Punkte, das des stimmigen und das des falschen, also nicht vorhandenen Images.

Ein stimmiges Image beruht auf einem Gefühl von Sicherheit. Man ist sich sei­ner Sache also sicher; man ist der völligen Überzeugung im Recht zu sein. Das Verhalten ist also stimmig. Ein fal­sches Image hingegen beruht auf einem Gefühl des Unbehagens und das Verhal­ten in der Interaktion ist unstimmig.[12]

Wenn jemand ein falsches Image hat, dann scheint dies gerade im anglo-ame­rikanischen Raum zu bedeuten, dass diese Person gar kein Image hat. Man „ver­liert“ also sozusagen sein Gesicht. Mit dieser Annahme sei noch mal auf die im alltäglichen Sprachgebrauch herrschende Gleichsetzung der Termini Image und face hingewiesen. Im Übrigen ist das Image nichts, das man für den Rest seines Lebens fest besitzt. Da das Image sozialen Normen und Regeln unterworfen ist, kann die Gesellschaft einem das eigene Image auch wieder aberkennen. Außer­dem unterliegt auch die Gesellschaft und deren Normen wiederum einem stetigen Wandel. Damit jemand sein Image wahren kann, sind vor allem Selbstachtung und eine gewisse Rücksichtnahme gefordert.[13]

Besonders in direkten Gesprächen spielt gegenseitige Anerkennung eine we-sentliche Rolle. Sie scheint ein grundlegendes strukturelles Merkmal der Inter-aktion zu sein. Dabei ist die Bedingung für eine Interaktion die Imageaufrecht-erhaltung, nicht das Ziel.[14]

Basierend auf dieser Feststellung wird von den Mitgliedern einer Gesellschaft erwartet, zu wissen, wie man sein eigenes Image pflegt. Die Fähigkeit dies zu tun hat verschiedene Bezeichnungen: Takt, savoir-faire, Diplomatie oder auch soziale Geschicklichkeit. Für diese Fähigkeiten benötigt man eine gute Wahrnehmungs-fähigkeit und auch Geschick. Man sollte sowohl stolz als auch rücksichtsvoll sein können und das am besten zur selben Zeit. Man hat also Verantwortung für die Imagepflege zu tragen. Erving Goffman unterscheidet dabei zwei grundlegende Arten der Techniken der Imagepflege und eine Tendenz zu drei Ebenen der Ver­antwortlichkeit; ohne Absicht, mit Absicht und durch Zufall.[15] Was die Techniken zur Imagepflege betrifft, so wäre da zunächst der Vermeidungsprozess zu nennen. Dieser beinhaltet, dass man Imagebedrohenden Kontakten schlicht und ergreifend aus dem Weg geht. Dies wird auch als Defensivpraktik bezeichnet. Sie schafft die Möglichkeit von gefährlichen, Imagebedrohenden Themen abzulenken. Durch sogenannte protektive Manöver ist dies auf diskrete und respektvolle Art und Weise möglich. Kommt es dennoch zu einer Imagebedrohenden Situation und die Kollision lässt sich nicht mehr abwenden, man bzw. nicht einfach über den Vor­fall hinwegsehen kann, dann kommt es offiziell zu einem Zwischenfall. Um das Image bzw. das Gesicht aller teilnehmenden Interaktanten zu wahren, wird nun ein sogenannter korrektiver Prozess in Gang gesetzt. Je nach Schwere des Zwi­schenfalls wird angestrengt und hartnäckig auf die Wiederherstellung des Gleich­gewichts hingearbeitet. Goffman bezeichnet dies auch als Ausgleichshandlung.

Er beschreibt weiterhin, dass diese Ausgleichshandlungen aus vier klassischen ausgleichenden Handlungsschritten bestehen können. Als ersten Schritt nennt er die Herausforderung zur Zurückdrängung des Ereignisses. Der zweite Schritt be­steht aus einem Angebot, welches dem Missetäter die Chance auf Wiedergutma­chung gibt. Daraufhin tritt dann der dritte Schritt in kraft, welcher das Angebot der Entschädigung enthält. Der vierte und letzte Schritt betrifft in der Regel wie-der den Missetäter, welcher im Normalfall mit Dankbarkeit, für die ihm gegebene Möglichkeit der Wiedergutmachung, reagiert. Abweichungen sind natürlich im­mer möglich. Bei diesen Handlungsabläufen spielen gerade Emotionen eine große Rolle. Ohne sie wären die vorangegangen Schritte nur schwer verständlich und nachvollziehbar. Dabei sollte erwähnt werden, dass spontane Gefühle am ehesten zu Ausgleichshandlungen passen als geplante. Eine geplante Handlung bzw. Technik ist zum Beispiel das „fishing for compliments“, welches aber als äußert aggressiv gilt. Der Sarkasmus spielt dabei ebenfalls eine Rolle, da er vor allem Schlagfertigkeit vermittelt. So oder so, die angemessene Wahl der Technik ist nicht leicht.

Für gewöhnlich herrscht stillschweigende Kooperation, bei der jeder versucht, dass Image des jeweils anderen zu schätzen. Die Mischung zwischen Techniken der Imagepflege und der stillschweigenden Zustimmung signalisieren das Fest­halten an den Grundregeln sozialer Interaktion.[16] Menschen neigen dazu Zeichen und Symbole dazu zu verwenden, um den sozialen Wert zu bestätigen. Dies wird durch Gestik, Mimik, Blicke und auch Prosodie realisiert. Es herrscht ein Konsens darüber, wann, wo und wie ein Gespräch gehalten wird. Ebenso, welche Themen besprochen werden und welche nicht. Eine Kommunikation wird durch signifi­kante Gesten in Gang gesetzt. Bestimmte Gesten ermöglichen das Aufrechterhal­ten des Kommunikationszustands, also der Gesprächssituation, das Aufnehmen neuer Gesprächsteilnehmer und das Beenden eines Gesprächs. Es gibt verschie­dene Signale, die dem Gegenüber signalisieren, dass man das Wort aufnehmen oder abgeben möchte, oder dass man zuhört in dem man sich dem Gesprächsteil­nehmer zuwendet und andere Tätigkeiten einstellt. Die Frage nach dem Image führt wiederholt dazu sich zu fragen, ob das eigene oder das fremde Image be­wusst oder unbewusst gefährdet ist. Damit ist klar, dass Ausgleichshandlungen gefordert sind.[17]

Ob das eigene Image gefährdet ist oder nicht, wird laut Erving Goffman schon ganz zu Beginn einer Konversation deutlich. Besonders Begrüßungs- bzw. Verab-schiedungszeremonien zeigen unverzüglich die vorhandenen sozialen Beziehun­gen an. Bei der Begrüßung zeigt sich, ob man noch so zueinander steht wie beim letzten Mal. Bei der Verabschiedung wird dann die Wirkung der Interaktion deut­lich, sie bestimmt wie man sich bei einem erneuten Treffen gegenübertreten wird.[18]

[...]


[1] Asleben, Brigitte (Hrsg.), DUDEN, 2003, S. 730.

[2] Ebd., S. 598.

[3] Vgl. Messinger, Heinz 2001, S. 384.

[4] Bublitz, Wolfram 2009, S. 298.

[5] Ebd., 2009, S. 299.

[6] Vgl. Goffman, Erving 1994, S. 7.

[7] Vgl. Ebd., 1994, S. 8.

[8] Vgl. Bühler, Karl 1978, S. 24.

[9] Vgl. Goffman, Erving 1994, S. 10.

[10] Fuchs-Heinritz, W. / Lautmann, R. u.a. 1994, S. 466.

[11] Vgl. Goffman, Erving 1994, S. 11f.

[12] Vgl. Ebd., 1994, S. 13.

[13] Vgl. Ebd., 1994, S. 14f.

[14] Vgl. Ebd., 1994, S. 17.

[15] Vgl. Ebd., 1994, S. 20.

[16] Vgl. Ebd., 1994, S. 19–37.

[17] Vgl. Ebd., 1994, S. 40–45.

[18] Vgl. Ebd., 1994, S. 48f.

Details

Seiten
38
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656049968
ISBN (Buch)
9783656050186
Dateigröße
678 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181767
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Kommunikation; Face-threatening-acts Höflichkeit Ervin Goffman Brown & Levinson Modellkritik

Autor

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