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Globales Kommunikationsmanagement

Der Erwerb einer transkulturellen Lingua Franca

Fachbuch 2011 51 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhalt

1. Die interkulturelle Sichtweise der Kommunikation

2. Die transkultuelle Sichtweise und die Integration der inter- und der transkulturellen Perspektiven

Bibliographische Hinweise

Interkulturelles- u. Transkulturelles Management (German)

Intercultural &Transcultural Management (English)

Gestion Interculturelle et Gestion Transculturelle (French)

Gerencia Intercultural y Gerencia Transcultural (Spanish)

Gerência Intercultural e Gerência Transcultural (Portuguese)

跨文化的智慧精髓 - kua wen hua de zhi hui jing sui (Chinese)

транскультурная компетенция - transkulturnaja

kompetencija (Russian)

toransukaruchā  ・ manējimento (Japanese)

トランスカルチャー ・ マネジメント

Vishua Chaytana (Sanskrit)

ZAKAA AL-TA'ALOF AL-THAQAFEE (Arabic)

GLOBALES KOMMUNIKATIONSMANAGMENT

Die interkulturelle Sichtweise der Kommunikation

Interkulturelle Psychologie und militärische Strategie sollen uns helfen, das interkulturelle Interfacing von einem Debakel in eine nachhaltige, bereichernde Erfahrung zu transformieren. Dazu werden wir drei psychologische Modelle, ORJI-Kreislauf, MIS-Faktor Effekt und PIE-Metapher aus dem anglo-amerikanischen Raum und drei strategische Traditionen, die chinesische, die deutsche und die amerikanische betrachten. Im zweiten Teil wird die interkulturelle Kommunikationsdynamik in die transkulturelle eingebettet. Die inter- und die transkulturelle Kommunikationsdimension zusammen beschreiben das interkulturelle Kommunikationsphänomen in seiner Gänze und vermögen synergistisch die erfolgreiche Navigation jedwedes interkulturellen Kommunikationsszenarios. Die Sozialisierung höherer Ordnung der Menschheit im Hinblick auf die von der Evolution für die heutige Zeit teleologisch vorgesehene transkulturelle Lingua Franca ist eine gemeinsame kulturelle Sprache, die alle diversitätsbezogenen Differenzen überbrücken kann. Doch zunächst wenden wir uns dem State-of the-art der interkulturellen Kommunikation zu:

Da die Kultur als mentale Software oder kollektive mentale Programmierung im latent bewussten oder unbewussten Bereich der Psyche angesiedelt ist, entziehen sich die kulturverarbeitenden intrapsychischen Prozesse weitgehend der bewussten Kontrolle und Steuerung. Unsere interkulturellen Schnittstellenerfahrungen sind stark emotionalisiert und moralisch wertend, ja sogar oft ent- oder abwertend, da sie in einer tiefen Bewusstseinsschicht sehr stark mit unserem Selbstbild, mit unserer Identität, unseren unbewussten, weil früh erworbenen Grundannahmen und Werten verknüpft sind. Es handelt sich also um gefühlsbetonte, wertende Automatismen, Reaktionen, die eher ganzheitlich und unmittelbar stattfinden, weil sie eine wichtige Komponente unseres Ichs sind, als um sequentiell, Schritt für Schritt steuerbare Prozesse. Da unser Selbstbild tangiert ist, tendieren wir dazu, spontan, direkt ganzheitlich, unmittelbar zu reagieren, unbewusst, nicht rational analytisch, fragend, prüfend und verifizierend, ob unsere Reaktionen faktisch richtig und angemessen sind. Das drängt eine Analogie zur transatlantischen Eskalationstheorie-Dichotomie des Kalten Krieges auf, vertreten beispielsweise durch Herman Kahn auf US-Seite, mit der Theorie der stufenweise steuerbaren Eskalation, und diesseits des Atlantik durch die von Clausewitzsche Theorie der nicht steuerbaren Eskalation, die ins Extrem schießt. Schließlich geht es in beiden Fällen um Konfliktmanagement und Prophylaxe, wenn auch in gänzlich verschiedenen Maßstäben. Doch die Frage nach der unbewussten und der bewussten Logik trifft auf beide Szenarien zu. Bildlich gesprochen handelt es sich in der Clausewitzschen Theorie um einen defekten Aufzug (L. Hamon, La Stratégie Contre La Guerre, 1966) ohne Halteknopf, der vom Erdgeschoss unkontrollierbar und unaufhaltsam ins Obergeschoss rast, ohne bewusste Interventionsmöglichkeit, während die Kahnsche Theorie den Prozess der abgestuften Eskalation rationalisiert und in genau 44 Eskalationsstufen unterteilt, in der Annahme, dass sich Konfliktparteien - natürlich im Lichte der Erkenntnis der Nicht-Mehr-Führbarkeit eines totalen Krieges wegen der gegenseitigen Fähigkeit, sich irreparablen Schaden (mutually assured destruction) zuzufügen - strikt an diese rational gesteuerte Eskalation halten würden. Das alte Europa hielt dies für eine Chimäre (aufgrund seiner Jahrhunderte währenden Kriegserfahrung, derzufolge Eskalationsprozesse eher unbewusste, schwer steuerbare Prozesse sind).

Welche Theorie ist nun anwendbar auf das interkulturelle Informationsprozess-Management, das interkulturelle Konfliktmanagement und Prävention, der primäre, unbewusste Automatismus des unkontrollierbaren Emporschnellens ins Extrem oder die bewusste Steuerung? Entsprechend der transkulturellen Kompetenz des Individuums oder des Kollektivs, kann der Prozess aber auf eine kognitive Ebene gehoben werden - der Tenor der gesamten interkulturellen Kompetenzentwicklung -, wo die Eskalation entschärft werden kann, wo wir uns des kurzgeschlossenen Informationsverarbeitungsprozesses, des Aufzugs ohne Halteknopf bewusst werden, ihn in seine Komponenten, die Zwischen-Halte des Aufzuges zerlegen und ihre kausalen Verknüpfungen analysieren. Mit dieser Information können wir dann einen Prüfalgorithmus entwickeln, mit dem wir die Eskalation steuern können und somit das Szenario einer kontrollierten und steuerbaren Eskalation haben, da wir in jeder Eskalationsphase die Angemessenheit der Reaktion mit dem Prüfalgorithmus verifizieren können, bzw. den Eskalationsmechanismus durch Übung und interkulturelles Training und durch Anwendung der Prüfverfahren im Vorfeld gänzlich unterbinden können.

Nun möchten wir die Verbindung zwischen Strategie in der Form der Eskalationstheorie und der interkulturellen, intrapsychischen Informations-verarbeitungstheorie herstellen. Im letzteren Fall haben wir es selbst in der Hand, die kulturelle Information nicht primär, sondern rational zu verarbeiten. Wir sind uns der Hypothese des preußischen Kriegstheoretikers (Eskalation ins Extrem) voll bewusst und versuchen nun die Kahnsche US-amerikanische Logik der graduellen, abgestuften Logik zu prüfen, wenn auch die Prävention vorzuziehen ist. Diese kann aber durch den Ethisch-Noetischen Ansatz realisiert werden. Vielleicht auch durch ein hohes Maß an klassischer transkultureller Kompetenz.

Kulturtechnisch gesprochen verknüpfen wir die systemisch, holistische Denkweise des Preußen mit der induktiv-linearen Denkweise des US-Amerikaners der 60er Jahre, die natürlich euphorisch-szientistisch (wissenschaftsgläubig) durch Analogieschluss zur Beherrschung der Umwelt auch Phänomene der menschlichen Natur für quantifizier- beherrsch- und steuerbar hält. Kulturtheoretisch ist das erklärbar als Innensteuerung, leistungsorientiertes, innengesteuertes, Individuum-basiertes Machbarkeitsdenken. Ebenso durch eine spezifischere amerikanische Vorgehensweise, die das Ganze atomisiert und in seine Komponenten zerlegt, im Gegensatz zur diffuseren Herangehensweise des Deutschen, der den Prozess als unaufteilbar, ganzheitlich vernetzt und unentwirrbar betrachtet. Ob dieser individualistisch-orientierte, spezifischere Ansatz universelle Gültigkeit beanspruchen kann, muss empirisch überprüft und getestet werden, denn wir haben Kultur ja als ein kollektives Phänomen definiert, das durch seine kontextuelle Bedingtheit nicht immer universalisierbar ist.

Beide Denkweisen sind offenbar kulturbedingt. Betrachtet man die Welt geopolitisch oder auch das nähere Umfeld, so ist die Annahme des Preußen nicht von der Hand zu weisen. Selbst der eminente französische Soziologie Raymond Aaron hat dem Deutschen ein monumentales Werk gewidmet. Und die Last unserer Konditionierung, kulturell und darüber hinaus, spricht dafür. Doch wenden wir uns nun dem Anglo-amerikanischen Ansatz zu:

In dieser Phase stützen wir uns auf die Forschung des amerikanischen Psychologen Ed Schein und N. Adlers, sowie auf interkulturelle Zusammenfassungen der Universität Cambridge (N. Ewington 2004): Wir verknüpfen gewissermaßen Strategie, Kultur, Psychologie und internationales/interkulturelles Management.

Das intrapsychische Informationsprozess-Management kann durch Edgar Scheins ORJI-Vier-Phasenmodell der intrapsychischen Informationsverarbeitung veranschaulicht werden. Nancy Adler hat ein analoges Vier-Phasen-Modell der kulturellen Informationsverarbeitung, den sogenannten MIS-Faktoren Effekt (Falschwahrnehmung, Falschinterpretation, Falschevaluation, Mistrauen) entwickelt. Andere, nicht spezifizierte Autoren haben den Prozess in der wiederum analogen PIE-Metapher (Wahrnehmung, Interpretation, Evaluation) zusammengefasst. Sie ist, ceteris paribus, eine positive Kodierung der negativ kodieren MIS-Faktoren. Alle drei Modelle - der ORJI-Kreislauf, der MIS-Faktoren Effekt und die PIE-Metapher - beschreiben dieselben Schritte, wobei im ORJI-Modell, Bild 1, zusätzlich noch die aus dem sequentiellen Prozess resultierende Handlung in den Kreislauf eingefügt wird, während im Fall des MIS-Faktoren Effektes, das durch das Informationsprozess-Missmanagement entstandene Misstrauen als negativer Verstärker in den Kreislauf eingespeist wird. Sie versuchen gewissermaßen, den irreparablen Schaden einer automatisierten, unbewussten Reaktion zu vermeiden, um noch einmal die strategische Metapher zu bemühen, und bevorzugen die Option einer graduellen, flexiblen, gestuften, rational-analytischen Reaktion, um den ansonsten vorprogrammierten „Default“-Automatismus zu neutralisieren. Der spezifischere Anglo-Mindset (angloamerikanische Denkart), der Prozesse zu atomisieren sucht, ist sowohl in der damaligen amerikanischen Eskalationstheorie, als auch in der interkulturellen Kommunikationspsychologie erkennbar. Betrachtet man die generationenübergreifende Strategie nicht nur der US-Kultur, die konstante Muster aufweist, so sollte man im Lichte der interkulturellen Erkenntnisse Hegels Dictum, demzufolge wir aus der Geschichte lernen, dass wir nichts aus ihr lernen, dahingehend umformulieren, dass wir nichts aus ihr lernen können, weil unsere mentale Software dieser Diskontinuität im Wege steht, solange wir diese nicht steuern lernen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Modelle veranschaulichen, wie wir kulturelle Information verarbeiten und gleichzeitig, wie man jederzeit eine aus dieser Erkenntnis resultierende Überprüfungs- und Steuerungsroutine initialisieren kann und sogar muss, um unsere kulturbedingte Wahrnehmung auf Stichhaltigkeit zu überprüfen. Bei dem als ORJI-Kreislauf bekannten Modell steht Observation (O) für Beobachtung, Emotional Response (R) für Emotionale Reaktion, Judgement (J) für Urteil und Initiative(I) für Initiativeergreifung oder Übergang zur Handlung. Da es ein sequentielles Informationsverarbeitungsmodell mit individualpsychologischer Ausrichtung ist, beschreibt Schein nun die Fallen, in die wir bei jedem Schritt des Informationsverarbeitungsprozesses geraten können, was zu Kommunikations-Missmanagement und Fehlleistungen führt.

Falle 1. Falschwahrnehmung:

Aufgrund von Vorurteilen, Erwartungen und Defensivmechanismen oder Falschattribuierungen (einem Signal eine falsche Bedeutung zuordnen) nehmen wir nicht akkurat wahr, was oder warum etwas geschah.

Falle 2. Unangemessene emotionale Reaktion:

Aufgrund einer fehlerhaften Wahrnehmung dessen, was oder warum es geschah, gestatten wir uns emotional auf unsere Interpretation zu reagieren, ohne uns bewusst zu sein, dass die Interpretation auf falschen Daten beruht.

Falle 3. Rationale Analyse und Urteil, die auf unzutreffenden Daten gründen:

Sobald wir unsere Beobachtung und die darauf folgende emotionale Reaktion als korrekt (zutreffend) wahrnehmen, können wir zwar folgerichtig denken, aber dennoch zu falschen Schlussfolgerungen kommen, wenn die Input-Daten nicht korrekt waren.

Falle 4. Übergang zur Handlung aufgrund eines scheinbar korrekten Urteils, das aber tatsächlich unkorrekt war. Wenn wir uns nun zu einer Handlung bewegen lassen, ohne den gesamten Kreislauf vorher überprüft zu haben, so handeln wir zwar rational aber laufen Gefahr, die Situation zu verschlimmern.

Doch als „Pädagoge“ gibt uns Schein auch Mittel und Wege an die Hand, um diese möglichen Fallen auf jedem Schritt des Kreislaufs meistern können. Doch zuerst zu Adlers Modell:

1 Falschwahrnehmung. Unsere Wahrnehmung ist kulturbedingt. Wir sehen das, was uns unsere kulturkontingente Wahrnehmung, die das Resultat von Lern- und Erfahrungsprozessen in der Vergangenheit ist, uns zu sehen befähigt. Siehe das Erinnerungs-Antizipationsmodell im Kapitel "Das Eisbergmodell".

2 Falsch-Interpretation. Wir kategorisieren und stereotypisieren die interkulturelle Wahrnehmung. Wir lesen eine andere Kultur mit den Kategorien und kulturellen Filtern unserer angestammten Kultur und nehmen sie über bereits gebildete Kategorien wahr, den Stereotypen, der Reduktion der Wahrnehmung auf ein simples, jederzeit abrufbares Kästchen in unserem Denken, das die Extreme, die äußeren Konturen einer Kultur vereinfacht (denn es erleichtert die Informationsverarbeitung) und ziemlich statisch erfasst. Sie sind bestenfalls Arbeitshypothesen, die durch persönliche Beobachtung und Erfahrung nuanciert oder kulturtheoretisch entschlüsselt werden sollten. Projiziert man seine eigenen Stereotypen von anderen auf diese, so kolonisiert man sie gewissermaßen mit seiner eigenen Perspektive, projiziert man seine eigenen kulturellen Annahmen auf andere, so kolonisiert man sie mit seinen eigenen kulturellen Werten. Entsprechend dem kolonialen Paradigma befindet man sich aber dann im Bereich der kulturellen Beherrschung und Unterordnung, im Bereich der Nullsummenspiele, weit entfernt von Kompromissen - die aber auch beide Kulturen zur Korrumpierung ihrer Werte veranlassen - geschweige denn im Bereich der Synergie, der Nicht-Nullsummenspiele und der interkulturellen Wertschöpfung. - Effiziente internationale Manager bleiben, laut I. Reitu, stets im sachlich Deskriptiven und Interpretativen, statt zu endgültigen Erklärungen, zu nicht modifizierbaren Stereotypen überzugehen. Auch THTs vier Schritte mantrahafte Formulierung des Umgangs mit kulturellen Unterschieden ist kreativ wertschöpfungsorientiert. Die R-Alliteration macht sie darüber hinaus zu einer griffigen Formel:

Schritt 1 Schritt 2 Schritt 3 Schritt 4

Recognize Respect Reconcile Root/Realise erkennen respektieren harmonisieren realisieren

3 Interkulturelle Falschevaluation. Folgerichtiges Denken mit falschen Ausgangsdaten führt zu falschen Schlussfolgerungen. Aufgrund der Unbewusstheit und Tiefe unserer kulturellen Annahmen sind sie auch noch emotional und moralisch befrachtet. Das heißt, dass die Reaktion nicht nur sachlich falsch, sondern darüber hinaus gefühlsbetont und moralisch verwerfend ist.

Vorbeugende Maßnahmen und Empfehlungen:

1. Schein empfiehlt, dass wir uns unserer eigenen kulturellen Annahmen bewusst werden.

2. Die Projektion von Ähnlichkeit geht davon aus, dass die eigene Kultur das Natürliche und Selbstverständliche ist, selbst für andere Kulturen. Wo aber tatsächlich Unterschiede vorhanden sind, führt dies zu Fehlleistungen. Man sollte daher von Unähnlichkeit ausgehen, solange die Ähnlichkeit nicht nachweislich gegeben ist.

Routinen zur Vermeidung der Fallen:

1. Identifikation der möglichen Gründe einer fehlerhaften Wahrnehmung, insbesondere bedingt durch

kulturelle Annahmen

persönliche defensive Filter oder Vorurteile

situationsbezogene Erwartungen aufgrund früherer Erfahrung

1. Identifikation der Voreingenommenheiten inbezug auf die eigene emotionale Reaktion

2. Identifikation kultureller Annahmen im Denken und Handeln

3. Mache systematisch Gebrauch von Prüfroutinen (Nachfragen, Zuhören, und eine allgemeine Geisteshaltung der Nachforschung)

Die PIE-Metapher - Perception (P) steht für Wahrnehmung, Interpretation (I) für Interpretation, Evaluation (E) für Evaluation - ist die positiv kodierte Formulierung der MIS-Faktoren Nancy Adlers und ist insofern anschaulich-pittoresk, als dass es gleichermaßen als ganzes Wort‚ „Pastete“ bedeutet. Das ist insofern bedeutsam, als dass eine Parallele zwischen der Pastete, die aus einer Teigmasse mit einer integrierten Füllung, mit vagem Übergang zwischen den beiden Komponenten, besteht. Was hier etwas statischer veranschaulicht wird, tritt bei der internen Informationsverarbeitung dynamischer zutage, das heißt, dass die Informationsmanagement-Sequenz P-I-E nicht sequenziell, Schritt für Schritt abgearbeitet wird, sondern dass die Phasen in einer Art Kurzschluss in ein undifferenziertes Ganzes komprimiert werden, wobei Input ohne angemessene Verarbeitung durch einen unbewussten, emotionalisierten Default-Mechanismus sofort in Output übersetzt wird, entsprechend unseren kulturbedingten Filtern. Es ist also erforderlich, die Phasen Wahrnehmung eines Verhaltens, dessen Interpretation, sowie deren Evaluation strikt zu trennen, um den PIE-Effekt, der ja sowohl elektronisch wie kulturell zu einer Fehlleistung führt, zu beherrschen.

Nachfolgend werden die drei Modelle in der Terminologie der Autoren (siehe unten: Culture and Self: Multimodelling of Intrapsychic Processes) parallelisiert, um praktisch anwendbare Verhaltensweisen (solutions and measures) zur souveränen Meisterung der interkulturellen Kommunikation aufzuzeigen. Die Kombination von Prüfroutinen, kybernetischem Denken (die Fähigkeit die Situation sowohl von der eigenkulturellen als auch von der fremdkulturellen Warte betrachten zu können) und die Trennung der Phasen der interkulturellen Informationsverarbeitung zur Vermeidung von Kurzschlussreaktionen aufgrund falscher Prämissen sind hilfreich für nachhaltige Steuerung der interkulturellen Kommunikation.

Das interkulturelle Kommunikationsmanagement auf der mentalen Ebene kann durch die Nutzung der noetischen Steuerungs- und Integrationsebene (die NOETISCHE DIMENSION) - mein weiterführender interkultureller Ansatz und Tenor der gesamten Abhandlung - sowohl vereinfacht als auch wirksamer gestaltet werden. Dieser supramentale Reflex des menschlichen Bewusstseins, der multiperspektivistisch, gleich einem roten Faden und einem erkenntnistheoretischen Leitmotiv den geistigen Hintergrund meines interkulturellen Forschungsbeitrages bildet, kann zu einem wahrhaft transkulturellen Mindset (einer transkulturellen geistigen Disposition) beitragen. Er bedingt die strukturelle Einheit und ermöglicht den Zugriff auf höhere Funktionen des menschlichen Geistes, die der klassische Ansatz allzu oft ausschließt. Es ist einem jeden anheimgestellt, auf welcher Ebene und somit, mit welcher Effizienz er an die Lösung der Herausforderungen der interkulturellen Diversität herangeht. Die Bandbreite erstreckt sich von der klassischen strategischen (meist ein Nullsummenspiel, bei dem einer verliert), über die interkulturelle bis hin zur transkulturellen, die als Summum alle Optionen zu integrieren und sogar zu transzendieren vermag, also über die Synergie hinausgeht und aus einem Bereich schöpft, den man vielleicht als 'Innergie' (innere Energie) oder 'Transergie' (weil sie das gemeinsame Band der einen Familie der Menschheit bildet). Die Konditionierung des Bewusstseins scheint diese Dimension, die im Genius verschiedener Kulturen hin und wieder aufleuchtet, zu unterbinden: eine verschüttete Goldmine, die es nebst anderen Ansätzen für den anstehenden interkulturellen Dialog an der Schwelle des dritten Jahrtausends zu nutzen gilt. Erkennt der Geist seine Bedingtheit, so steigt in ihm die Sehnsucht nach der Unbedingtheit, der Freiheit, dem Urzustand. Das Wissen um diese „Vergangenheit“ ermöglicht die „Zukunft“. Ein Weg nach innen, der proportional den Wirksamkeitsradius nach außen erhöht. Ein erweiterter Raum, der Subjekt und Objekt in Beziehung setzt ohne sie zu vermischen und vermassen, ohne das Individuum, die Einheit und Nicht-Teilbarkeit der menschlichen Person zu kompromittieren und zu übersteigen, sondern seinen idealen Kern sucht, entsprechend unserer westlichen religiösen ETHIK, die zur wahren Freiheit befreien imstande ist, während sie das Gute der jüdisch-christlichen Zivilisation, was unseren Kulturkreis anbelangt, gleichermaßen nutzt. Kultur ist Bedingtheit. Aber in dieser Kultur der Freiheit und Befreiung - scheinbar ein Widerspruch - ist die Transzendenz von Bedingtheit und Unbedingtheit, etwas radikal Unfassbares gegeben, das der menschliche Geist kaum zu ergründen vermag. Gleich einem Zen-Koan führt es uns in den supramentalen, noetischen Bereich und erschließt einen neuen Bewusstseinsraum. Ein Raum in dem Zeit und Ewigkeit verschmelzen. - Diese Vergangenheit kann unsere Zukunft ebnen und ein Leuchtturm und Wegweiser in die Zukunft für andere Kulturen sein, sowie wir uns von anderen Kulturen inspirieren lassen.

Über die noetische Dimension kann auch die kosmische, die Wurzeln, die Seele, die 'Schnittstelle' zum Schöpfer, dem VATER oder Urgrund erreicht werden, der den Eckstein, die Einheit der menschlichen Familie darstellt. Ohne das Vater-Konzept gibt es keine Einheit, keine Familie der Menschheit. Das ist für nichtreligiöse und religiöse Menschen gleichermaßen evident. Vater, Familie und Einheit sind interdependent. Wenn diese Einheit nicht angelegt wäre, würden wir sie vergeblich postulieren und suchen. Somit ist in der christlich-jüdischen Zivilisation die Einheit der Menschheit (catholicos - allumfassend) und integrativer Leitwert mit Zukunft für die Menschheit schlechthin angelegt. Vor diesem 'metapsychischen' Hintergrund sollen nun die oben beschriebenen intrapsychischen Prozesse synoptisch betrachtet werden. Ihre Komplexität wird dadurch in eine höhere Ebene integriert, die Lösungen ihrerseits in einem Licht höherer Erkenntnis zusätzlich erlöst.

Culture and Self: Multi-Modelling Intrapsychic Processes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Based on Nancy Adler, Ed Schein and Nigel Ewington

Die vorerwähnten militärstrategischen Ansätze sind für uns nur insofern interessant, als dass sie uns Aufschluss über psychologische Mechanismen geben. Inhärent dienen sie natürlich der Abschreckung oder gehen von einem Nullsummenspiel aus, das heißt, dass eine Partei der Verlierer sein wird. Dies ist natürlich nicht das angestrebte Resultat bei einer interkulturellen Überschneidungssituation, einem kulturellen Interfacing. Eine interkulturelle Begegnung soll ja mit den beschriebenen Modellen und Techniken eben gerade von einem potentiellen Schlachtfeld in eine harmonische, kreative und synergetische Gestaltung von Diversität umgewandelt werden. Zumindest sollen die kulturellen Kommunikationsbarrieren überwunden werden. In diesem Sinne konnten wir sowohl von der Unsteuerbarkeit der Eskalation in der preußischen Strategie lernen, als auch von der abgestuften US-amerikanischen nuklearstrategischen Theorie der graduellen Eskalation. Beide strategischen Theorien, gleich den Management Theorien, sind natürlich Produkte der jeweils kulturtypischen Denkweisen, der diffus-ganzheitlicheren preußischen Sichtweise, die das Phänomen als sich der rationalen Logik entziehend, in seiner Gesamtheit als unvorhersehbar und unkontrollierbar betrachtet auf der einen Seite und der spezifischeren linearen Denkweise, die die Gesamtheit des Prozesses in Phasen aufteilt und diese Herangehensweise darüberhinaus noch universalisieren möchte. Der Vollständigkeit halber wollen wir auch noch prüfen, was - in Ergänzung der transatlantischen Sichtweise - die asiatische Sichtweise zum Konfliktmanagement beitragen kann. In der Tat, der im Westen mittlerweise populäre historische chinesische General Sun Tzu (5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung), der 'Vater' der Strategie gewissermaßen, lehrt uns in seinem Traktat 'Die Kunst der Krieges', zumindest zwei Dinge, die unsere interkulturellen Kommunikationsbemühungen befruchten können. Zum einen ist es die Erkenntnis, dass ein Konflikt bereits vor seinem Beginn entschieden ist. Und zwar kann man den Ausgang des Konfliktes aufgrund der Selbst- und Fremd-Bewusstheit der Parteien prognostizieren. Laut Sun Tzu unterliegt man immer, wenn man sich selbst nicht kennt, kennt man sich selbst, so gewinnt man manchmal und manchmal verliert man. Kennt man aber sowohl sich selbst, als auch seinen Gegner, so bleibt man in zahllosen Schlachten unbesiegt. Dies ist eine noch diffusere und noch ganzheitlichere Sichtweise, die den ganzheitlichen Kontext, inklusive des Vorfeldes und den Mentalbereich in das strategische Kalkül miteinbezieht. Auf unsere Belange übersetzt kann man sagen, je mehr Wissen über den Interaktionspartner und den Kontext man hat, desto leichter ist es, das kulturelle Interfacing von der Warte des anderen, unter seinem kulturellen Blickwinkel, mit seinen kulturellen Filtern zu betrachten, die Perspektive zu wechseln, also kybernetisch zu denken, die Fähigkeit, die Charles Hampden-Turner/Fons Trompenaars (Trompenaars, Hampden-Turner, Building Cross-Cultural Competence, 2002) als das Kennzeichen interkultureller Kompetenz schlechthin bezeichnen. Und ist man so weit, dann ist der Schritt zur systematischen Generierung von interkulturellen Synergien, einer progressiven Feinabstimmung der diversen Positionen in Form einer kreativen Synergiespirale durchaus realistisch. Mit dieser Art von interkultureller Kompetenz, die aus interkultureller Sensibilität und Wissen resultiert, kann man nicht nur defensiv Schaden abwenden und eindämmen, sondern darüberhinaus das Interfacing offensiv und proaktiv in einen inspirierenden, gegenseitig befruchtenden, kreativen Lernprozess transformieren.

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Details

Seiten
51
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656049029
ISBN (Buch)
9783656048596
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181702
Note
Schlagworte
interkulturelle Kommunikation internationales Kommunikationsmanagement

Autor

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Titel: Globales Kommunikationsmanagement