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Themen und Motive aus Oscar Wildes 'Lady Windermere's Fan' und 'An Ideal Husband' in 'The Importance of Being Earnest'

Hausarbeit 1998 19 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Motive
2.1. “Stock Characters” – Die Figurentypen in Wildes Komödien
2.1.1. Das Konzept des Dandy
2.1.2. Die Frau mit Vergangenheit und die ‘Fallen Woman’
2.1.3. Die ‘Funny Old Lady’
2.1.4. Die Rolle des Dieners
2.2. Fächer und Handtasche – Der Einfluß lebloser Objekte auf die Handlung
2.3. Das Motiv des Geheimnisses

3. Themen
3.1. Die eigene Identität im Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft
3.2. Schein und Sein – Stellenwert und Bedeutung der Wahrheit
3.3. Zum Begriff des Idealismus in den Komödien
3.4. “Manners before Morals” – Das Leben als Kunstform
3.5. Kritik an der Viktorianischen Gesellschaft

4. Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die letzte der Komödien von Oscar Wilde wurde auch seine populärste. “The Importance of Being Earnest” aus dem Jahr 1895 stuften die zeitgenössischen Kritikern des Autors als ,Farce’ ein, dem sie die ernsthaften ’s ociety plays ’ wie “Lady Windermere’s Fan”, “A Woman of No Importance” und “An Ideal Husband” gegenüber stellten (vgl. Wilde 1990, S. 131). Doch Witz, Komik, Satire, Parodie und Karikatur lassen “The Importance of Being Earnest” nicht substanzlos werden, vielmehr dienen sie in einer spezifischen Art, die im Verlauf der Arbeit deutlich werden soll, einer subtilen Kritik der Viktorianischen Gesellschaft mit ihrem heuchlerischen Moral- und Verhaltenskodex.

Bei einem Vergleich der Komödien “Lady Windermere’s Fan” und “An Ideal Husband” mit “The Importance of Being Earnest” fällt auf, daß Oscar Wilde einige Motive als auch die Themen der beiden früheren Komödien in seinem letzten Stück aufgreift. Die vorliegende Arbeit will daher versuchen diese Elemente aufzuzeigen und ihre Charakteristika sowie ihre Bedeutung im jeweiligen Stück zu beschreiben. Es soll versucht werden, die Unterschiede der gemeinsamen Themen und Motive herauszufinden, um die jeweilige Funktion für die Intention des Stückes zu bestimmen. Gleichzeitig wird analysiert in welcher Weise die Veränderungen der Themen und Motive in “The Importance of Being Earnest” die Aussage dieser Komödie bestimmen und sie von den Vorläufer-Stücken abgrenzt.

2. Motive

2.1. “Stock Characters ” – Die Figurentypen in Wildes Komödien

2.1.1. Das Konzept des Dandy

Lord[1] Darlington[2] in “Lady Windermere’s Fan” ist der erste Dandy, der in Wildes Komödien auftritt. “[...] life is far too important a thing ever to talk seriously about it” (Wilde 1986, S. 19) lautet sein Motto. So glänzt er im ersten Akt durch intelligenten Witz, mit dem er die High Society schockiert und verwirrt, wenn er z.B. im Gespräch mit der Duchess of Berwick Ehemänner als “odd trick” (ebd.) bezeichnet, und er gefällt sich in seiner eigenen Verdorbenheit: “[...] I think it shows rather a sweet and modest disposition to pretend to be bad.” (ebd., S. 15). Trivial zu sein, bedeutet für Darlington sich mit Fragen der Moral ernsthaft zu befassen, wohingegen er im Leben für entscheidend erachtet, was in den Augen der Gesellschaft als trivial gilt (vgl. Ericksen 1977, S. 132).

Doch schon nach dem ersten Akt fällt Lord Darlington aus der Rolle des unbekümmerten Dandys. Indem er versucht Lady Windermere von ihren strengen moralischen Prinzipien abzubringen, handelt er nicht mit der Intention einer Kritik der Viktorianischen Gesellschaft, sondern vielmehr in persönlichem Interesse. Dadurch widerruft er seine eigenen Normen. Erstens, weil er als überzeugter Individualist die Individualität einer anderen Person zerstören will, und zweitens, da er sich im Gespräch mit seinen Freunden nach dem Abend im Club genau den Werten unterwirft, die er zuvor in Frage gestellt hat (vgl. Eltis 1996, S. 90): “She is the only good woman I have ever met in my life.” (Wilde 1986, S. 54). Und er gibt zu: “Love changes one - I am changed.” (ebd., S. 55). Von Gefühlen überwältigt, verliert Darlington seine Oberflächlichkeit und zeigt sein wahres Ich, das eines Romantikers: “No, we are all in the gutter, but some of us are looking at the stars.” (ebd., S. 54). So erscheint Lord Darlington als eine nicht in sich selbst geschlossene Figur, die zwischen „intellektueller Distanzhaltung und emotionalem Engagement“ (Kohl 1980, S. 354) schwankt. “Mask and reality are too various. No unity binds external form and inner substance. Darlington, once ‘found out’, is all too intelligible.” (Shewan 1977, S. 162f).

Mit Lord Arthur Goring in “An Ideal Husband” hat Wilde das Konzept des Dandy weiter entwickelt. “Lord Goring [...] represents a significant development in Wilde’s treatment of the dandy. Although he retains his role as dandy and Wildean commentator, he loses the usual role as villain.” (Ericksen 1977, S. 142).

He is fond of being misunderstood. It gives him a post of vantage.” (Wilde 1986, S. 160) wird Goring in der Bühnenanweisung zu seinem ersten Auftritt charakterisiert. Indem er durch Ironie und Spott in seinen Aussagen bewußt auf Distanz zum gesellschaftlichen Leben geht, verschafft er sich einen Standpunkt, von dem aus er das Leben besser interpretieren kann (vgl. Miller 1982, S. 65). Hinter dem modisch eleganten, vergnügungssüchtigen Dandy (Lord Caversham: “You seem to me be living entirely for pleasure.” – Lord Goring: “What else is there to live for, father? Nothing ages like happiness.”; Wilde 1986, S. 162), der über alle sozialen Normen erhaben ist, verbirgt sich der kluge Denker, der intelligente Philosoph. “The philosopher would not be possible without the dandy. It is the seemingly idle life that leaves the dandy free to observe his fellow men, and observation is the beginning of wisdom.” (Miller 1982, S. 66).

So spielt Lord Goring zwei Rollen: die des redegewandten Dandys, der sich in der Gesellschaft mit seinen paradoxen Aussagen oberflächlich gibt und die des treuen, verläßlichen Freundes, der weise Ratschläge erteilt (vgl. ebd., S. 65). “Nobody is incapable of doing a foolish thing. Nobody is incapable of doing a wrong thing.” (Wilde 1986, S. 191) belehrt er Lady Chiltern und sichert ihr seinen Beistand zu, wann immer sie Hilfe brauche. Ein Angebot, das sie von ihm nicht erwartet hat: “Lord Goring, you are talking quite seriously. I don’t think I ever heard you talk seriously before.” (ebd.). Allerdings überrascht seine konservative Aussage, die er Lady Chiltern gegenüber im vierten Akt macht (ebd., S. 239). Zwar spricht Goring von Milde, Nachsicht und Liebe, doch zeigt er chauvinistische Züge, indem er dem angeblich rationellen Leben der Männer mehr Wert beimißt, wohingegen das Leben von Frauen durch Gefühl bestimmt und daher weniger bedeutend sei. Auch hier also wechselt die Dandy-Figur „von einer unverbindlichen ästhetischen Attitüde zu spontaner Handlungsbereitschaft“ (Kohl 1980, S. 354) und zeigt zudem „Merkmale des angepaßten Rebellen“ (ebd.).

Daß Gorings Einstellung zur Rolle der Frau jedoch nicht identisch mit der Wildes sein kann, beweisen klar die weiblichen Dandys. Schon Mrs Erlynne in “Lady Windermere’s Fan” trägt eindeutig dandyhafte Züge (“My dear Windermere, manners before morals !”; Wilde 1986, S. 62; “No – what consoles one nowadays is not repentance, but pleasure.”; ebd., S. 65), in denen sie Lord Darlington sogar übertrumpft: “Her wit is steelier than Lord Darlington’s and does not collapse as he does under the pressure of passion.” (Worth 1983, S. 94).

In “An Ideal Husband” verkörpern Mrs Cheveley und vor allem Mabel Chiltern den Typ des nonchalanten Dandy. Mrs Cheveley betrachtet das Leben genau wie Lord Goring als “difficult pose to keep up” (Wilde 1986, S. 158). Goring, der nie ernst genommen werden will, wird von Mabel dazu gebracht, um genau diese Ernsthaftigkeit zu bitten: “Mabel, do be serious. Please be serious.” (Wilde 1986, S. 231).

“[...] Mabel maintains without effort a disarming manner in which sophistication and spontaneity are perfectly harmonised. In her, art and nature converge just as in the true dandy the individual converges with society.” (Shewan 1977, S. 183)

Erst in “The Importance of Being Earnest” sind die Dandys nicht mehr dazu gezwungen ihr wahres Ich zu zeigen, da sie es schon seit jeher ausleben. Auch müssen sie nicht mehr als Philosophen fungieren, denn die Welt dieses Stückes scheint nicht mehr zur Wirklichkeit zu gehören. Die „[...] Ästheten und Dandys widersetzen sich den gesellschaftlichen Anpassungszwängen und kämpfen mit ihren Paradoxen gegen die Manipulation des Bewußtseins und der Emotionen.“ (Wilde 1990, S. 138).

Politik, Moral, Erziehung und Ausbildung, Religion und Justiz – die ernsthaften Themen werden für absurd erklärt. Autoritäten, Gesetze und auch die Konsequenzen menschlichen Handelns sind ausgeschaltet; es herrscht die Anarchie (vgl. Eltis1996, S. 199f). Das scheinbar Nebensächliche und Triviale ist es, das die Dandys beschäftigt und dem allein sie Bedeutung beimessen. Jack, Algernon, Cecily und Gwendolen realisieren ihre Wünsche und Vorstellungen, indem sie sich gerade nicht an den gängigen Konzepten, Idealen und Konventionen orientieren, sondern das eigene Vergnügen zur Lebensmaxime erheben. Auch bei Themen wie Liebe und Ehe stehen statt Emotionen vielmehr Intellekt und Ästhetik im Vordergrund. So erscheinen diese Figuren im Gegensatz zu den Dandys der anderen Komödien als geschlossen konzipierte Charaktere.

2.1.2. Die Frau mit Vergangenheit und die ‘Fallen Woman’

Die “fallen woman” bzw. “woman with a past” als ein typisches Motiv der Viktorianischen Zeit taucht in allen Komödien Wildes auf. Ziel dieser Frauen ist es, wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Ein scharfer Verstand und eine realistische Lebenseinstellung sind ihre auffälligsten Charaktereigenschaften (Mrs Erlynne: “Ideals are dangerous things. Realities are better. They wound but the’re better.”; Wilde 1986, S. 66). Ihnen gegenüber stehen als zweites Extrem die “good women”, Frauen mit puritanischer Lebensauffassung, wie Lady Windermere und Lady Chiltern, die auf Moral und Ideale pochen. In “Lady Windermere’s Fan” ist Mrs Erlynne die in den Augen der Gesellschaft gefallene Frau, da sie ihren Ehemann und ihr Baby wegen eines anderen Mannes verließ. Doch im Verlauf der Handlung übernimmt sie die Rolle der “good woman”, auf die der Titel des Stückes anspielt und die zunächst Lady Windermere zugesprochen wurde. Mrs Erlynne – “the voice of reason” (Miller 1982, S. 49) – allein kennt und versteht die Schwächen und Geheimnisse von Lord und Lady Windermere ohne ein Urteil über sie zu fällen. Das Gute an ihr besteht am Ende nicht darin, daß sie ihre Vergangenheit schuldbewußt bereut, sondern in der Akzeptanz des Individuums, die sie zeigt – und konsequenterweise auch für sich selbst beansprucht.

[...]


[1] Die hier zugrundeliegende Definition von ,Motiv’ lautet: „ [...] eine kleinere stoffliche Einheit, die zwar noch nicht einen ganzen Plot, eine Fabel, umfaßt, aber doch bereits ein inhaltliches, situationsmäßiges Element und damit einen Handlungsansatz darstellt. [...] Neben menschlichen Grundsituationen haben auch bestimmte menschliche Typen, in deren Existenz etwas Situationsmäßiges liegt, [...] die Funktion von Motiven.“ (Frenzel, Elisabeth: Stoff-, Motiv- und Symbolforschung. 4., durchgesehene u. ergänzte Auflage. Stuttgart: Metzler 1978 (= Sammlung Metzler 28), S. 29f).

[2] In diese Arbeit nicht einbezogen wurde “A Woman of No Importance”. Unter den Begriff ‘Komödien’ fallen daher hier “Lady Windermere’s Fan” und “An Ideal Husband”.

Details

Seiten
19
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638111188
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1817
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft
Note
1,2
Schlagworte
Wilde/Komödien/Motive/Themen

Autor

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