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Charakteristik und Besonderheiten von Wiki-Systemen am Beispiel von www.simpsonspedia.net

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 43 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 An American way of life - Die Geschichte zweier Erfolgsmodelle
2.1 Wikipedia - Ein Element des Web 2.0
2.1.1 Geschichte
2.1.1.1 Die enzyklopädische Idee
2.1.1.2 Das Internet als Voraussetzung
2.1.1.3 Vom Papier zur Suchfunktion
2.1.1.4 Erfolg auf den zweiten Klick - Die Geburtsstunde von Wikipedia
2.1.1.5 Beispiele für Wikiportale
2.1.2 Funktionalität, Wesen und Bewertung
2.1.3 Wikipedia ist (k)eine Enzyklopädie - Eine Diskussion
2.2 Die Simpsons - „Ihre beliebte Fernsehfamilie“
2.2.1 Historischer Ursprung
2.2.2 Die Simpsons und warum sie so erfolgreich sind

3 Simpsonspedia
3.1 Vergleich mit Wikipedia
3.1.1 Die Hauptseite
3.1.2 Themenspezifik und Guides

4 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Für jede Situation im Leben gibt es eine passende Simpsons Szene.“1 Auch, wenn dieses Zitat bisher wenig wissenschaftlich untermauert ist2, kennen es viele Fans und Zuschauer der gelben Familie. So erscheint es nicht als Wunder, dass ein solches Zitat entstehen konnte, denn die Episoden der Simpsons scheinen aus dem Leben gegriffen, aus dem Leben des Matt Groening. Eigentlich hatte der Philosophieabsolvent bis zum Jahre 1985 nur Comicstrips gezeichnet. Der Produzent James L. Brooks hingegen, auf ihn aufmerksam geworden durch eben jene Comics, bot ihm an, kurze Zeichentrickclips für das Fernsehprogramm zu entwerfen. Dass die darauf entstehenden Figuren, Die Simpsons, bald Kultstatus erreichen sollten, hatten beide wohl nicht geahnt.

Ebenso eigentlich plante der Finanzwissenschaftler Jimmy Wales im Jahre 2001 mit Wiki nur eine Ergänzung zu seinem ersten Projekt namens Nupedia, das von ihm und seinem Entwicklerkollegen Larry Sanger als internetbasierte Enzyklopädie verstanden wurde, mit dem Anspruch wissenschaftlicher Korrektheit. Wikipedia sollte ermöglichen, was bisher nicht einmal ein 30bändiger Brockhaus zu leisten vermochte: Information, Aktualität und schnelle Verwendbarkeit.

Diese Hauptseminararbeit, deren Idee in einem Seminar zur Angewandten Linguistik, genauer im Rahmen einer Referatsvorbereitung zum Thema Hypertext und Hypertextlinguistik, geboren wurde, soll sich mit zwei thematisch nur durch das Wiki-Portal Simpsonspedia.net verbundenen Themenbereichen beschäftigen.

Der eine Themenbereich ist die Idee von Wikipedia, nämlich das gesamte Weltwissen kompendienartig zusammenzufügen, untereinander zu verknüpfen und schließlich im Internet frei zugänglich zur Verfügung zu stellen.

Der zweite Themenbereich behandelt den Mikrokosmos einer amerikanischen Fernsehserie, der seit 1987 auch das deutsche Fernsehkonsumverhalten beeinflusst: Die Simpsons. Beim Durchsuchen des World Wide Web nach Informationen über die beliebte amerikanische Fernsehfamilie stieß ich auf das oben erwähnte Wiki-Portal Simpsonspedia.net und erkannte viele Parallelen, aber auch Unterschiede. Dass einige Parallelen technischer Natur sein würden, war mir ob der laienhaften Kenntnis des System von Wikimedia bekannt, doch auch intratextuell und innerhalb des System fielen mir viele Gleichnisse auf.

Diese Gleichheiten und Unterschiede zu untersuchen, zuvor aber noch einen Überblick zu geben über die historische Entwicklung der enzyklopädischen Idee, des Internet, die Geschichte und Systematik von Wikipedia sowie über die Geschichte und das Erfolgsrezept der Simpsons soll Gegenstand dieser Arbeit sein.

2 An American way of life - Die Geschichte zweier Erfolgsmodelle

Die Geschichte zweier Erfolsmodelle ist nötig, aber vor allem interessant zu erfahren, um zu verstehen, wie ein Wikisystem im Stile von Simpsonspedia möglich werden konnte. Denn beide Bestandteile dieses Blendings, Simpsons und pedia stehen für jeweils völlig verschiedene Bereiche des Lebens, die sich aber in einem Punkt gleichen: sie haben zu Anfang ihrer Entwicklung enorm viel Zuspruch erfahren und sind deshalb erfolgreich geworden.

Worin sie sich unterscheiden, ist die Herkunft ihrer Fachgebiete.

Das System, die Hardware im übertragenen Sinne, stellt die technische Voraussetzung dar, Simpsonspedia eine elektronische Grundlage zu geben und entstammt dem technischen bzw. informationstechnischen und wirtschaftlichen Lebensbereich.

Die Software, mithin die Inhalte des Internetangebotes stammen aus zwei verschiedenen Quellen. Gewissermaßen inspiratorisch ausgelöst sind sie durch die Erfolgsserie The Simpsons, die Anfang der 90er Jahre im amerikanischen Fernsehen erstmals ausgestrahlt wurde, nun bereits um Hunderte von Episoden reicher und wie völlig selbstverständlich mit deutscher Synchronisation verfügbar ist. Allerdings schreiben sich die Artikel nicht allein. Die Inspiration greift also über auf die Menschen, die Simpsonspedia erstellen, machen, aktualisieren.

2.1 Wikipedia - Ein Element des Web 2.0

2.1.1 Geschichte

Dieses Kapitel versteht sich als Zusammenfassung eines jahrhundertelang andauernden Prozesses in zeitlicher Raffung. Verständlicherweise wird der Entwicklungsfortschritt zwischen Mitte und Ende dieses Kapitels etwas schneller und detaillierter dargestellt, da die Beschreibung des Thema dann in medias res geht.

2.1.1.1 Die enzyklopädische Idee

Reduziert man die Idee von Wikipedia auf den tatsächlichen Nutzen, nämlich das Suchen eines Lemma und das darauf folgende Lesen des Inhalts der Seite, die unter der Überschrift des Lemma steht, so bleibt übrig, was Generationen vor uns unter der Bezeichnung Enzyklop ä die 3 zusammengefasst hätten. Der Begriff Enzyklop ä die ist dabei aufgrund seines Alters sehr weit geraten. Für die passende Erläuterung im hier geforderten Zusammenhang eignet sich daher die sprachliche Herleitung des Lateinischen encyclopaedia, die „Grundlehre der Wissenschaften und Künste“ weniger. Passender, vor allem begrifflich weiter gefasst scheint daher das griechische egkyklopaideia, das aus egkyklios für „kreisförmig, allgemein“ und paideia für „Lehre, Ausbildung“ zusammen gesetzt soviel bedeutet wie Universalwissen.4 Das Universalwissen ist damit als höherwertig anzusehen als das Allgemeinwissen, da es universus, also „sämtlich[es]“ Wissen in sich vereinigen soll. Dies ist jedoch insoweit unglaubwürdig, als dass es auf spezifischen Gebieten Expertenwissen gibt, das weit über das Allgemein- oder Universalwissen hinausgeht. Entsprechende Nachschlagewerke bilden Fachlexika und Fachenzyklopädien.

Somit sind Enzyklopädien zwischen Allgemeinwissen und Expertenwissen einzuordnen.

Für die „enzyklopädische Idee“ gilt laut Daniela Pscheida, dass sie „zwar bereits seit dem Altertum vorhanden gewesen ist, dass sich deren konkrete Umsetzung im zeitgeschichtlichen Verlauf jedoch immer wieder deutlich gewandelt hat.“5 Dies geschieht laut Pscheida auf zwei Ebenen: Einerseits sind es „gesellschaftliche Glaubens- und Denksysteme“6, die zur Veränderung des enzyklopädischen Wissens bzw. deren Zusammensetzung beitragen. Das Leben im 21. Jahrhundert ist sehr viel weniger von Zensur geprägt als beispielsweise das Mittelalter durch die Institution der Kirche als Glaubensinstanz oder politische Regime durch die Staatsmacht. Im heutigen Verständnis gibt es kaum Lemmata, die noch von einem Tabu bedeckt werden und somit nicht in Enzyklopädien aufgenommen werden könnten.

Zum anderen betrifft es eine, zumindest in den letzten Jahren rasante Entwicklung, nämlich die der verfügbaren Medien. Es sind einige Jahrhunderte vergangen, seit es gängig und nicht anders möglich war, mit Tinte und Gänsekiel auf Pergament zu schreiben. Eine Revolution war bereits die Einführung des Papiers, das zu produzieren nun sehr viel weniger kompliziert und aufwändig war als die Herstellung von Pergament. Somit hat sich also das Medium geändert; das Medium als Datenträger nämlich. Der Wechsel des Mediums als Werkzeug vollzieht sich etwa zur gleichen Zeit, nämlich in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das Werkzeug ist nun nicht mehr ein Gänsekiel, sondern es werden bewegliche Letter einsetzt, der Buchdruck entsteht. Mit dieser gewaltigen Weiterentwicklung sind zwei distributionelle Merkmale fundamental verändert worden: der ökonomische Faktor verliert an Bedeutung, der logistische Faktor darf gewinnen. Eine weite Verbreitung von Druckerzeugnissen ist nunmehr weder problematisch noch zeitaufwändig noch teuer.

Einen medienhistorisch enorm großen Fortschritt bezeichnet am Ende des 20. Jahrhunderts die Entwicklung des Internet. Bezüglich der Verbreitungsmöglichkeiten, sowohl was Datenmenge als auch Übertragungszeit betrifft, ermöglicht das Internet, was bisher ohne Computer nicht möglich gewesen ist.

2.1.1.2 Das Internet als Voraussetzung

Die Geschichte des Internet beginnt - genau genommen - bereits im Jahre 1945. Damals hatte der US-amerikanische Ingenieur Vannevar Bush die Idee von Memex, einer Art Informationsverwalter persönlicher Art - im Prinzip der Vorläufer des heutigen Personal Computers. In seinem Aufsatz As we may think beschreibt er unter anderem auch die Möglichkeit der Vernetzung dieser Apparate: Die Idee des Internet ist geboren.

In welchen Stufen, mit welcher Geschwindigkeit und durch welche Personen das Internet zu dem geworden ist, was wir heute benutzen, ist bereits hinreichend in den verschiedensten Disziplinen erörtert worden und nur im weitesten Sinne Untersuchungsbestandteil der Angewandten Sprachwissenschaft und muss demzufolge hier in dieser Arbeit nicht ausufernd thematisiert werden.

Wichtig für diese Arbeit ist nur die Art, wie man Internet definiert. Der DUDEN spricht von einem internationalen Computernetzwerk. Schon viel genauer drückt sich der Autor des Wikipedia- Artikels beim Begriff des Internet aus: „Das Internet (von engl. interconnected network), kurz das Netz, ist ein weltweites Netzwerk bestehend aus vielen Rechnernetzwerken, durch das Daten ausgetauscht werden. Es ermöglicht die Nutzung von Internetdiensten wie E-Mail, Telnet, Usenet, Dateiübertragung, WWW und in letzter Zeit zunehmend auch Telefonie, Radio und Fernsehen.“7

Noch wichtiger ist aber, im selben Artikel beschrieben, die Aussage: „Im Prinzip kann dabei jeder Rechner weltweit mit jedem anderen Rechner verbunden werden.“

Damit ist die technische Voraussetzung dafür gelegt, dass Computer - wo immer in der Welt sie auch stehen mögen - sobald sie eine Möglichkeit8 haben, sich am World Wide Web zu beteiligen, mit entsprechenden Rechten auf jeden beliebigen Computer der Welt, im Besonderen natürlich Server, zugreifen zu können.

Somit ist die Möglichkeit also gegeben, von verschiedenen internetfähigen Rechnern auf einen zentralen zuzugreifen, auf dem Daten gespeichert sind, die von den Nutzern der zugreifenden Rechner verändert und verwaltet werden können. Dies ist das Prinzip von Wikipedia.

2.1.1.3 Vom Papier zur Suchfunktion

Ausgehend von der enzyklopädischen Idee soll nun untersucht werden, wie die zur Lektüre auf dem Verbreitungsmedium des Papiers angepassten Lexika und Enzyklopädien ihren Weg gefunden haben, digitalisiert auf CompactDiscs und Digital Versatile Discs als Speicher zu erscheinen, bevor diese Medien mit steigendem Digitalisierungsbedarf an die Grenzen ihrer Nützlichkeit stießen.

Die Idee, Wissen systematisch zu konservieren und zwar so, dass es ein schnelles Wiederauffinden der Information nicht zum zeitraubenden Problem wird, ist so alt, dass sich ihre Wurzeln in der europäischen Spätantike finden lassen. Der bekannteste Enzyklopädist dieser Epoche war Isidor von Sevilla, der das Wissen seiner Zeit in seinem Buch Etymologiarum sive originum libri XX und der Abhandlung De natura rerum gesammelt hat.9 Ein entscheidender Fortschritt in der Geschichte der Enzyklopädien ist um 1500 spürbar, als sich „Enzyklopädien als selbständige Gattungen entwickelten“10. Als technische Voraussetzung gilt auch hier der Buchdruck, der die Verbreitung gedruckter Medien wie Enzyklopädien für die bereits existierenden Bibliotheken ermöglichte.

Ein durch den Druck trotzdem nicht lösbares Problem bestand jedoch in der Systematik. Diese konnte zwar innerhalb einer Publikation durch alphabetische Ordnung bewerkstelligt werden11, scheiterte aber letztendlich an der Aktualisierung neu hinzugekommenen Wissens. Genau genommen ist eine drucktechnisch erzeugte Enzyklopädie dann schon wieder nicht mehr aktuell, wenn sie gedruckt wird. Um also eine brandaktuelle Wissenslieferung zu realisieren, müssten ständig Neuauflagen gedruckt werden: Ein nicht nur organisatorisch und logistisch, sondern auch finanziell unmögliches Unterfangen.12 Die lineare Ordnung der Einträge ist somit nicht optimal.

Im Kontext dieser Arbeit ist es auch von Interesse, dass sich im 19. Jahrhundert „die Gattung Enzykloädie in zahlreiche Fach- und Realenzyklopädien“13 splittet sowie fachbezogene Monographien und Zeitschriften hinzukommen. Mit Enzyklopädik haben zumindest letztere nichts mehr gemeinsam.

Dieter E. Zimmer hat in seinem Artikel Aufbruch der Saurier in der ZEIT den Sprung von der klassischen, gebundenen Enzyklopädie hin zu optisch-elektronischen Medien umrissen, nicht ohne auf Vor- und Nachteile resümierend einzugehen. Obwohl der Artikel bereits im Jahre 2000 erschienen ist, taugt er sehr gut zur diachronen Betrachtung.14

Aus demselben Jahr stammt auch der Artikel in der Computerzeitschrift c't von Thomas J. Schult. Auch er untersucht verschiedene Enzyklopädien auf CD-ROM und DVD, jedoch steht bei ihm der vergleichende Aspekt über dem philosophischen.15

Zimmer bezeichnet das Aufkommen von auf optische Computermedien digitalisierten Enzyklopädien als „dramatischste[n] Umbruch seit Gutenbergs Zeiten“.16 Dieser Umbruch begann laut Zimmer bereits im Jahre 1989 und spätestens im Jahr 1993 kann von einer allgemeinen Akzeptanz von digitalisierten Nachschlagewerken gesprochen werden, da in diesem Jahr der anerkannte Softwarekonzern Microsoft sein Encarta auf dem EDV-Markt vorstellte. Als Vorteile dieser Distributionsmöglichkeit nennt Zimmer mehrere: Die Möglichkeit der Multimedialität sorgt dafür, dass nicht mehr nur Fotos und Karten, sondern auch „Animationen, Video- und Audioclips, Nachtigallenstimmen und Hitler-Reden, Dieselmotorenanimationen und Tangotakte“17 von einem Medium aus abrufbar sind. Schult erwähnt sogar, dass der Anwender im Bertelsmann Universallexikon Artikel und Internetlinks sogar selbst ergänzen könne.18 Bereits hier zeichnet sich also die Weiterentwicklung zur Interaktivität hin ab.

Der Trend, auf aktualisiertes Wissen im Internet zugreifen zu können, ist auch in Encarta 2000 erkennbar, denn dort wie in Brockhaus 2000 existieren bereits „geprüfte Linklisten“19. Schließlich weist Schult auf die zeitsparende Suchfunktion hin und vergleicht Zimmer die Kapazitäten von papierner und digitaler Enzyklopädie. Im Gegensatz zu Papier ist digitaler Speicherraum sehr viel großzügiger und durch Updates aktualisierbar.20

Als problematisch hinsichtlich der Voraussetzungen gibt Zimmer zu bedenken, dass in einer digitalisierten Enzyklopädie alle Komponenten eines Computers kompatibel und funktionsfähig sein müssen. Dies ist, im Gegensatz zur Buchenzyklopädie, ein Nachteil, denn um eine solche rezipieren zu können, sind nur Augenlicht und Verstand nötig, für den Computer die aufeinander abzustimmende Technik. Jedoch kann sich die Multimedialität auch als nützlich erweisen, beispielsweise für sehbehinderte Menschen, die dank Audiotechnik den Artikel in der Enzyklopädie auch auditiv rezipieren können.

Möchte man die Entwicklung der Enzyklopädie vom gedruckten Medium zum Internetpendant einteilen, so jedenfalls nicht nach genauen Jahreszahlen. Es ist nicht exakt am Jahr, schon gar nicht am Tag festzumachen, wann eine Phase der Enzyklopädik endete und die neue begann. Es handelt sich um eine kontinuierliche Entwicklung.

Trotzdem möchte ich den Versuch unternehmen, ein Modell zu entwickeln, was die Chronologie der Entwicklung von Enzyklopädien in unterschiedlichen Medien veranschaulicht. Ich möchte diese in vier Phasen unterteilen und zwar aufgrund folgender Anhaltspunkte: Die eingangs erwähnten antiken Autoren waren vermutlich die Vorläufer moderner Enzyklopädik, insbesondere unter dem Aspekt des Ziels, ein möglichst umfassendes Kompendium zu erstellen. Ich nenne dies als erste Phase der Enzyklopädik, da die Aufzeichnungen aufgrund des noch nicht vorhanden typographischen - Gutenbergschen - Drucks handschriftlich stattfanden.

Mit jenem Fortschritt Gutenbergscher Initiative wurde die zweite Phase eingeleitet, indem die Publikation nun schneller erstellt und weiter verbreitet werden konnte. Die Wende zur zweiten Phase ist recht eindeutig bestimmbar und zwar mit den Jahrzehnten, in denen der Buchdruck die Publizierungsmöglichkeiten stark erweiterte, die Mitte des 15. Jahrhunderts also. Da Ende der 1990er Jahre nicht nur die Speicherung digitaler Daten möglich, sondern auch der unkomplizierte Transport mittels Compact Discs gängig wurde, kann der Beginn der dritten Phase der Enzyklopädik spätestens ins Jahr 1995 gelegt werden.

In Ansätzen, d.h. in Form von Linklisten in einigen CD-ROM-Enzyklopädien schon vorhanden, ist der Trend zur Nutzung des Internet. Mit der Entwicklung von Wikisystemen und der Nutzbarmachung dieser für ein enzyklopädisches System beginnt spätestens im Jahre 2001 die vierte Phase, seitdem die Anzahl der Wiki-Portale und der Artikel nahezu exponentiell steigen.

2.1.1.4 Erfolg auf den zweiten Klick - Die Geburtsstunde von Wikipedia

Am 15.01.2001, vor recht genau 10 Jahren also, wurde die neu eingerichtete Internetsoftware namens Wikipedia unter der Domain www.wikipedia.com in Betrieb genommen. Bevor es jedoch so weit kommen konnte, ging ein anderes Projekt, dass dieselben Personen als Gründerväter hatte, zuende.

Im Januar 2000 nämlich gründeten Jimmy Wales21 und Larry Sanger22 das Enzyklopädieprojekt Nupedia, dessen Ziel es war, eine Enzyklopädie im Internet zu schaffen, die sich mit den papiernen Pendants Brockhaus und Encyclopedia Britannica vergleichen lassen konnte. Des Weiteren sollte die elektronische Variante kostenlos und frei23, d.h. ohne jegliche Nutzungsbeschränkungen, zugänglich sein. Dass das Internetangebot überall auf dem Erdball verfügbar sein sollte, insofern die technischen Voraussetzungen gegeben waren, versteht sich von selbst.

Problematisch am System Nupedia war die wissenschaftliche Verifizierung und deren Dauer. Die Artikel wurden teilweise von fachlichen Laien verfasst; um sie aber zu veröffentlichen, mussten sie durch qualifizierte Experten geprüft und freigegeben werden. Diese Handlungsweise sorgte für eine Stagnation bei der Publizierung der bereits fertiggestellten Artikel um des hohen Gutes der wissenschaftlichen Korrektheit Willen.

Durch einen gemeinsamen Bekannten, den Programmierer Ben Kovitz24, wurden Sanger und Wales auf die Möglichkeit aufmerksam, das System Wiki, dessen technische Seite Inhalt des folgenden Kapitels sein wird, für ihre Zwecke zu nutzen. Ursprünglich nur als Entwicklungsplattform für die Artikel von Nupedia konzipiert, verselbständigte sich das Wikipedia sehr schnell. Dass es in den Reihen der Anhänger von Nupedia zahlreiche Kritiker Wikipedias gab, zeigt der Ausstieg Larry Sangers, den Daniela Pscheida folgendermaßen beschreibt: „Während Jimmy Wales sich immer begeisterter von der Wiki-Idee zeigte, kam Larry Sanger mit der offenen Struktur der Wikipedia, vermutlich aber auch mit dem relationalen Misserfolg des Nupedia-Konzepts weniger gut zurecht. Anfang des Jahres 2002 stellte die von Jimmy Wales gegründete Internet-Firma Bomis […] die Finanzierung sowohl der Nupedia als auch der Wikipedia ein. Kurz darauf, im März 2002, erklärt Sanger seinen Ausstieg.“25

Etwa zeitgleich mit der Gründung von Wikipedia ließ Richard Stallman das Projekt GNUPedia entstehen, welches etwa die gleiche Philosophie vertrat, nämlich eine kostenlos zugängliche Enzyklopädie mit urheberrechtsfreien Inhalten26. Dem kraftvollen und schnellen Vordringen von Wikipedia fiel allerdings auch GNUPedia insoweit zum Opfer, als dass Jimmy Wales die Arbeitskraft, die hinter GNUPedia steckte, „auf die Wikipedia umleitete“27

Mit dem Ende des Projektes Nupedia 2003 und der Übernahme von GNUPedia 28 stand der weiteren Entwicklung von Wikipedia nichts mehr im Wege.

Um noch einige Eckdaten zu nennen, die auch Pscheida aufgenommen hat und die die rasche Entwicklung von Wikipedia belegen, seien hier einige erstaunliche Fakten erwähnt. Während es zwischen 2000 und 2001 in Nupedia gelang, gerade einmal 25 Artikel29 öffentlichkeitstauglich fertig zu stellen, standen im März 2001 auf der englischen Wikipediaseite bereits 2.000 Artikel online und es waren Wikipediaseiten in den Sprachen Japanisch, Französisch und Katalanisch geplant, die innerhalb kürzester Zeit auch entstanden. Im Mai desselben Jahres existierten bereits die Sprachversionen für Schwedisch, Spanisch und Deutsch. Christian Pentzold spricht im Sommer 2007 von 250 Sprachen.30

2.1.1.5 Beispiele für Wikiportale

Abschließend für den Aspekt der historischen Entwicklung soll nun noch verdeutlicht werden, welchen Zuspruch das System Wikipedia erfahren hat, indem ich im Folgenden einige Projekte nennen und teilweise erklären möchte, die - aus unterschiedlichen thematischen Quellen stammend - das Wikisystem benutzen. Tabelle 1 (im Anhang) zeigt eine Übersicht der angesprochenen Wikiseiten. Dabei handelt es sich bei den aufgezählten Wikis nicht um Wikis eines Typus. Sie werden in unterschiedlichen sozialen Bereichen genutzt und es werden unterschiedliche Ziele mit dem Betreiben des jeweiligen Wikis verfolgt.

Auffällig auf den ersten Blick sind vor allem die Gründungsdaten. Das älteste Wiki dieser Aufzählung, existiert gerade einmal seit 2004, also 3 Jahre, nachdem das Wikisystem erstmal in deutscher Sprache verfügbar war. Dabei ist Stupidedia als Parodie auf die ernsthafte Beschäftigung mit Wissen, die von den Nutzen und Autoren von Wikipedia vertreten wird, zu verstehen.

Noch augenfälliger ist in dieser Aufzählung der Eintrag von GuttenPlag Wiki. Diese Wortneuschöpfung ist natürlich ohne das nötige Hintergrundwissen um den Fall Guttenberg nicht oder nur schwer zu begreifen. Die Kürze dieser Paronomasie trägt dem als ungeschriebenem Gesetz feststehenden Abkürzungstrend der Internetautoren Rechnung. Sie ist als Blending des Namens Guttenberg und des Namens des Tatbestands, dessen Karl-Theodor zu Guttenberg sich schuldig gemacht hat, des Plagiats zu verstehen. Da jedoch das Blending ohne den Zusatz Wiki recht zusammenhangslos dastünde, erklären jene vier Buchstaben sogleich den Kontext, in welchem diese Wortschöpfung sofort zu verstehen ist.

Das Portal hat zum Ziel, den Nährboden für eine kritische Auseinandersetzung31 mit der angeblich als Plagiat anzusehenden Dissertation zu schaffen. Am weitaus interessantesten ist aber die Tatsache, wie schnell sich für Wikiportale Themen und Autoren finden. Am eindrucksvollsten ist dies an jenem GuttenPlag Wiki zu erkennen. Am 16. Februar 2011 wurde zum ersten Mal durch Rundfunk, Fernsehen und Internet bekannt gegeben, Karl-Theodor zu Guttenberg hätte seine Dissertation abgeschrieben. Bereits am 17. Februar war das GuttenPlag Wiki online und wurde mit Beiträgen gefüllt. Diese Schnelligkeit zu ermöglichen, ist das Verdienst des Internet. Im Printmedienbereich könnte zwar mittels kurzfristiger Mitteilungen oder der Zeitungsausgabe des nächsten Tages ebenfalls eine Berichterstattung stattfinden, ein Diskussionsbereich wäre aber nur durch Leserbriefe möglich und dies bedeutete Zeitversetzung.

Es soll noch auf zwei weitere Wikiportale hingewiesen werden, die einerseits aus dem Bereich Hobby/Freizeitbeschäftigung und andererseits aus dem Bereich Studium kommen. Mit einer relativ kleinen Zahl an Beiträgen ist WikiVoyage ein zwar nicht regional beschränktes Portal, aber doch auf den Sektor Freizeitgestaltung/Reiseplanung zugeschnitten. Der Besuch dieser Seiten wird vermutlich unterlassen werden, wenn auf absehbare Zeit keine Reise geplant ist oder kein Interesse besteht. Trotzdem sind 10809 Artikel nur relativ, nicht aber generell wenig. Das Portal wird stetig wachsen, je mehr Interessierte das kostenlose Angebot annehmen. Denn dies ist Wiki in jedem Falle: Kostenlos.

Ein letztes Wiki, das kurz charakterisiert werden soll, ist StudiGer. Sein besonderes Charakteristikum liegt darin, dass es erstens im wissenschaftlichen Bereich angesiedelt, bearbeitet und gebraucht wird, nämlich für den der Germanistik, wie das Phonem Ger widerspiegelt. Zweitens ist es regional beschränkt, d.h. den absoluten Wirkungsgrad der Benutzung erleben eigentlich nur die Dortmunder Studenten der Germanistik.

Der scheinbare Widerspruch von vage zu garantierender Wahrheit im Wikisystem und unbedingt zu verifizierendem Wissen der Universität ist hier nicht gegeben, denn die Seiten werden nicht von Laien inhaltlich gepflegt, sondern von dafür zuständigen Personen, für die die Wahrung der Wahrheit oberstes Gebot ist, eine Verifizierungsgarantie gewissermaßen.

So lässt sich für den historischen Teil abschließend feststellen, dass sich so genannte Content- Management-Systeme (CMS) namens Wiki in vielen sozialen und Internetbereichen finden lassen. Die Portale, die dieses Technik nutzen, widmen sich beispielsweise der Unterhaltung wie Stupidedia, erzielen einen Ratgebercharakter wie WikiVoyage, sind ad-hoc-Bildungen als Spiegel aktueller, politischer oder halbpolitischer Aktivitäten. Oder sie werden als reine Informationsplattform genutzt, die einerseits für einen spezifischen, sozialen Kreis erstellt wird und deren Inhalte durch Fachpersonal verifiziert sind (StudiGer) oder bei denen jeder angemeldete Nutzer als Autor tätig sein kann, zur Nachvollziehbarkeit sicherheitshalber mittels Versionierung abgesichert und archiviert.

2.1.2 Funktionalität, Wesen und Bewertung

Der eindeutigste Unterschied zwischen einer herkömmlichen Internetseite, die mittels der Textbeschreibungssprache Hypertext Markup Language (HTML) geschrieben worden ist und einer Wikipedia-eigenen Seite, die Angelika Storrer als „Module“32 bezeichnet, ist die Einfachheit der Erstellung. Weder HTML noch Java oder Flash sind nötig, in den jeweiligen Modulen Text, Bild- oder Tondateien einzubinden.

[...]


1 So der Name einer Facebook-Gruppe (vgl. http://www.facebook.com/group.php?gid=241796759434) sowie eines unter Simpsonsfans bekannten Zitats.

2 Hinsichtlich der wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Thema bildet das Buch Die Simpsons und die Philosophie eine Ausnahme.

3 Da der Begriff sehr alt ist und im Laufe der Zeit verschiedene Bedeutungsveränderungen erfahren hat, sei hier auf die Bedeutungserklärung zurück gegriffen, die das KLUGE Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweitere Auflage. Bearb. Von Helmar Seebold. De Gruyter: Berlin/New York 2002, S. 249 aus dem griechischen Ursprung ableitet. Die Ableitung aus dem Lateinischen scheint mir hier zu eng gefasst.

4 Für sämtliche etymologischen Herleitungen an dieser Stellen vgl. KLUGE 2002.

5 Pscheida, Daniela: Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert. Transcript-Verlag: Bielefeld 2010, S. 331.

6 Ebenda.

7 http://de.wikipedia.org/wiki/Internet

8 Natürlich gibt es im Jahre 2011 immens viele Möglichkeiten, einen PC an das Internet anzuschließen. Jede einzelne Methode, sei es Fernsehkabel, DSL oder die analoge Modem-Variante, zu nennen, ist ebenfalls nicht Thema dieser Arbeit.

9 Vgl. Weddige: Mediävistik 2006, S. 58

10 Stickfort 2002, S. 274, zitiert nach Pscheida 2010

11 Vorreiter in dieser Technik war Domenico Bandini (1355 - 1418), vgl. Stickfort 2002, S. 275, zitiert nach Pscheida 2010

12 Zur Idee Diderots vergleiche Stickfort 2002, S. 275 sowie Diderot (1750), 1961, S. 113 und 123, zitiert nach Pscheida 2010

13 Stickfort 2002, S. 276, zitiert nach Pscheida 2010

14 Zimmer, Dieter Eduard: Enzyklopädien auf dem Weg vom Papier in die Digitalität. In: DIE ZEIT online, 10.Februar 2000.

15 Schult, Thomas J.: Multimedia-Enzyklopädien: Was bieten CD-ROMs und DVDs?. In: c't - Magazin für Computertechnik, 1/2000, S. 76

16 Zimmer, Dieter Eduard 2000, S. 1

17 Ebd., S. 4

18 Vgl. Schult, Thomas J. 2000

19 Zimmer, Dieter Eduard 2000, S. 4

20 Ebd.

21 Jimmy Wales, geb. 1966, Finanzwissenschaftler, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Jimmy_Wales

22 Larry Sanger, geb. 1968, Philosoph (Ph.D.), vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Larry_Sanger

23 Pscheida 2010, S. 348

24 Vgl. Pscheida 2010, S. 349 sowie http://de.wikipedia.org/wiki/Jimmy_Wales

25 Pescheida 2010, S. 349

26 Vgl. Pscheida 2010, ebd.

27 Ebd.

28 Das Internetangebot von GNUPedia wird nicht mehr aktualisiert, ist inaktiv, doch änderte davor scheinbar noch seine Philosophie. Vgl. http://gne.sourceforge.net/eng/

29 vgl. Sanger 2005, zitiert nach Pentzold 2007.

30 Vgl. Pentzold 2007, S. 20

31 Http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki

32 Storrer 2010, S.

Details

Seiten
43
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656051510
ISBN (Buch)
9783656051770
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181664
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Institut für Germanistik und Kommunikation
Note
1,3
Schlagworte
charakteristik besonderheiten wiki-systemen beispiel

Autor

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