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Deutsche Direktinvestitionen 1880-1914

Eine Analyse anhand konkreter Unternehmensbeispiele

Bachelorarbeit 2011 44 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Multinationale Unternehmen

3 Direktinvestitionen
3.1 Foreign Direct Investment (FDI)
3.2 Historischer Hintergrund von FDI
3.3 John Dunnings Eklektisches Paradigma
3.3.1 Überblick über andere Theorieansätze
3.3.2 Theoretische Grundlage des Eklektischen Paradigmas
3.3.2.1 Ownership Advantages
3.3.2.2 Locational Advantages
3.3.2.3 Internalisation Advantages
3.3.3 Dynamische Ansätze des Eklektischen Paradigmas
3.3.4 Kritische Würdigung des Eklektischen Paradigmas

4 Siemens und die Expansion der elektrischen Industrie
4.1 Die Anfänge und der Aufstieg auf den Weltmärkten
4.2 Das Auslandsengagement von Siemens ab 1880
4.2.1 Russland
4.2.2 Großbritannien
4.2.3 Österreich
4.2.4 China
4.2.5 Vereinigte Staaten von Amerika
4.2.6 Frankreich, Italien und Spanien

5 Die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF)
5.1 Die Expansion der BASF in die weite Welt
5.2 Auslandsdirektinvestitionen der BASF
5.2.1 Großbritannien
5.2.2 Russland
5.2.3 Frankreich

6 Die Deutsche Bank
6.1 Die Deutsche Bank und die Finanzierung des Außenhandels
6.2 Ausgewählte Auslandsengagements der Deutschen Bank
6.2.1 Großbritannien
6.2.2 China und Japan
6.2.3 Lateinamerika
6.2.4 Die Finanzierung des internationalen Eisenbahnbaus
6.2.5 Rumänien

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Unternehmen tätigen heutzutage aus unterschiedlichen Gründen Direktinvestitionen, meist mit dem Ziel zu wachsen und einen höheren Gewinn zu erwirtschaften. Was heute zu den üblichen Methoden gehört, um im Ausland ein weiteres wirtschaftliches „Standbein“ aufzubauen, war zur Zeit des Kaiserreiches noch nicht entsprechend verbreitet. Im 19. Jahrhundert begannen im Zuge der Industrialisierung und der ersten Globalisierungswelle die ersten deutschen Unternehmen ins Ausland zu expandieren. Der reine Export von Gütern in Drittländer war diesen Unternehmen nicht genug, man wollte zunehmend auch vor Ort aktiv werden. Um dies zu ermöglichen, mussten die Unternehmen Investitionen durchführen und Kapital ins Ausland transferieren. Dabei konnten sich die Firmen entweder für Portfolio-Investitionen oder Direktinvestitionen entscheiden. In dieser Abschlussarbeit wird die Aktivität deutscher multinationaler Unternehmen (MNU) im Bereich der Direktinvestitionen analysiert. Es werden gezielt MNUs analysiert, da diese im betrachteten Zeitraum am ehesten Direktinvestitionen tätigten und die nötigen Kapazitäten bündeln konnten, um im Ausland aktiv zu werden. Der Zeitraum 1880 bis 1914 wird im folgenden betrachtet, da in diesem Zeitfenster erstmalig Direktinvestitionen großflächig getätigt wurden. Die Industrialisierung in Deutschland war weit fortgeschritten, sodass die großen Konzerne Ausschau nach neuen Absatz- und Beschaffungsmärkten hielten. Die zentrale Fragestellung dieser Ausarbeitung ist die Suche nach den einzelnen Motiven für ausgewählte Direktinvestitionen. Das Ziel dieser Arbeit ist zudem zu begründen, ob stets wirtschaftliche Interessen hinter den Direktinvestitionen standen oder ob auch andere Faktoren dazu führten. Dabei sollen besonders innen- und außenpolitische Einflüsse, rechtliche Veränderungen und wirtschaftspolitische Maßnahmen in den Zielländern untersucht werden. Die im Zuge dieser Bachelorarbeit analysierten MNUs investierten weitreichend, um auf ausländischen Märkten aktiv zu werden. Dabei wurde gezielt mit Siemens ein bedeutendes Unternehmen der elektrischen Industrie, die BASF als damals schon weltweit dominierender Chemiekonzern und die Deutsche Bank als Kreditgeber der Industrie im Ausland ausgewählt. Aufgrund der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Branchen unterscheiden sich die drei Unternehmen auch in der Art ihrer Motivation für die Durchführung von Direktinvestitionen. Siemens legte als Unternehmen der Elektroindustrie den Schwerpunkt auf den Bau großer elektrischer Anlagen, sodass die Abnehmer der Siemens-Produkte oftmals staatliche Organisationen waren. Die BASF als Produzent von chemischen Farbstoffen und pharmazeutischen Produkten zählte vielmehr andere Firmen und Endverbraucher zu seinen Kunden. Beide, sowohl Siemens als auch die BASF, zielten somit auf unterschiedliche Abnehmer ab, unterschieden sich daher in ihrer Produktions- und Vertriebsorganisation und folglich auch in der Form der von ihnen initiierten Direktinvestitionen. Die Deutsche Bank als Finanzinstitut verfügte in dem Sinne über keine Produktion, baute im Ausland jedoch ein weit verzweigtes Niederlassungsnetz auf und war außerdem über Kapitalbeteiligungen an Industrieunternehmen beteiligt. Die im Folgenden betrachteten Unternehmen werden anhand von John Dunnings OLI-Paradigma bzw. Eklektischem Paradigma analysiert. Dunnings Ansatz wird weltweit angewandt und stellt somit eine Art „Standard“-Methode zur Auswertung unternehmerischer Direktinvestitionen dar. Dem Modell werden die Unternehmensgeschichten der drei Firmen, veröffentlicht von Wilfried Feldenkirchen (Siemens) , Werner Abelshauser (BASF) und Lothar Gall (Deutsche Bank), neben weiteren historischen Quellen zugrunde gelegt. Es wird primär auf Sekundärliteratur zurückgegriffen, die im wesentlichen aus Monographien, Beiträgen aus Sammelbänden und Aufsätzen in Fachzeitschriften besteht. In der Wissenschaft gab es bisher wenige Forschungsprojekte, welche ausschließlich den Aspekt der Direktinvestitionen von Unternehmen im Zusammenhang mit dem OLI-Paradigma behandelten. Autoren wie Antje Hagen, Susan Becker oder John Dunning gehen zwar auf einzelne Branchen oder bestimmte Länder ein. Jedoch fehlt es an Ausarbeitungen, die mit Hilfe des OLI-Paradigmas einen Gesamtüberblick über die Auslandsdirektinvestitionen bestimmter Unternehmen, insbesondere der drei hier behandelten Firmen, darstellen. Die Arbeit beginnt mit einem Teil über MNUs. Diese werden zunächst definiert und in ihrer Entstehungsgeschichte betrachtet. Da MNUs Direktinvestitionen tätigen, wird in der Folge das Konzept und der historische Hintergrund von Direktinvestitionen erläutert, bevor auf das OLI-Paradigma von John Dunning eingegangen wird. Dessen Komponenten werden grundlegend beschrieben und kritisch betrachtet. Das OLI-Paradigma gliedert sich in Ownership Advantages, Locational Advantages und Internalisation Advantages. Das Modell fordert, dass unternehmensspezifische Vorteile, Internalisierungs- und Standortvorteile gleichzeitig vorliegen müssen, damit Direktinvestitionen eines Unternehmens erfolgreich sein können.1 Folgend werden einzelne Zweiggesellschaften der drei betrachteten MNUs analysiert. Dabei wird darauf eingegangen, inwiefern die deutschen Muttergesellschaften von Siemens, BASF und der Deutschen Bank von den unterschiedlichen OLI-Advantages ihrer Zweiggesellschaften profitieren konnten. Da nicht jede Tochtergesellschaft im Ausland zwingend rentabel war, gab es auch Fälle, in denen zwar OLI-Advantages erzielt werden konnten, die Tochter jedoch trotzdem aufgrund mangelnder Rentabilität liquidiert werden musste.

2 Das Multinationale Unternehmen

Für Multinational Enterprises oder im Deutschen auch Multinationale Unternehmen (MNU) gibt es in der Fachliteratur diverse Definitionen. Berghoff definiert sie als Unternehmen, die „unabhängig von ihrer Rechtsform, ihrer Struktur und ihrer Größe durch den Besitz von Betriebsstätten in mehr als einem Land bzw. durch die grenzüberschreitende Reichweite ihrer Organisation“ gekennzeichnet sind.2 Dunning bezeichnet sie als „Firmen, welche internationales FDI“ tätigen.3 Als Foreign Direct Investment (FDI) bzw. Direktinvestitionen definiert Rübel den „Kauf bzw. die Gründung und die Liquidation eines Unternehmens oder einer Beteiligung daran im Ausland, ebenso langfristige Darlehen und kurzfristige Finanzbeziehungen verbundener Unternehmen“4. Für Caves sind MNUs „Firmen, welche Produktionsstätten in mindestens zwei Ländern kontrollieren und führen“5. Hingegen sind sie laut Hertner Firmen, welche „produzierte Güter und Dienstleistungen mit Ursprung in mehr als einem Land besitzen“6. Ein MNU kann demnachverschiedene Formen haben und muss nicht zwangsweise ein großer Konzern sein. Auch kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) können multinational tätig werden, jedoch sind ihre Möglichkeiten und Chancen international erfolgreich zu sein eher gering.7 Der Großteil der MNUs hatte Robert Reich zufolge ursprünglich einen nationalen Hintergrund bzw. eine spezifische Nationalität. Ihr Ursprung war eindeutig bestimmbar, die Produktion mehrheitlich im Ursprungsland angesiedelt. Im Laufe ihrer Entwicklung und der zunehmenden Expansion auf ausländische Märkte wandelten sie sich jedoch zu staatenlosen internationalen Netzwerken bzw. Konglomeraten.8 In ihrer Historie begann die Geschichte der MNUs während der ersten Globalisierungswelle des Industriezeitalters in den 1840er Jahren. Es gab zwar schon vorher vereinzelt große MNUs wie das Konglomerat der Bankiersfamilie Fugger oder die britische East India Company. Jedoch unterscheiden sich diese von den späteren „Multinationals“ durch die umgeschlagenen Handelsmengen und den vergleichsweise lockeren Zusammenhalt zwischen ihren einzelnen Unternehmensbereichen.9

Um im Ausland bzw. auf ausländischen Märkten operativ tätig zu werden, stehen einem Unternehmen verschiedene Handlungsoptionen zur Verfügung. Abgesehen vom klassischen Export und Import, der Beschäftigung von Repräsentanten vor Ort und der Vergabe von Produktionslizenzen an ausländische Unternehmen, hat sich jedoch im zeitlichen Verlauf in der Weltwirtschaft eine Tendenz in die Richtung von Direktinvestitionen entwickelt.10

In Deutschland bildeten sich die ersten MNUs aus der Notwendigkeit heraus im Ausland Kapital zu investieren und Produkte vor Ort zu produzieren anstatt sie in Deutschland herzustellen und dann zu exportieren. Laut Berghoff bietet das multinationale Unternehmen eine „überlegene Koordinationsfähigkeit im Vergleich zu grenzüberschreitenden Markttransaktionen“. So sollen demnach viele Firmen bisher die Erfahrung gemacht haben, dass die Zusammenarbeit mit Partnern im Ausland kompliziert und konfliktreich sein kann. Daher entschieden sich im 19. Jahrhundert eine wachsende Zahl an deutschen Unternehmen für Direktinvestitionen (DI) bzw. Foreign Direct Investment (FDI).11

3 Direktinvestitionen

3.1 Foreign Direct Investment (FDI)

Eine Direktinvestition bzw. FDI liegt vor, sobald das Mutterunternehmen Kapital zum Aufbau einer Zweiggesellschaft im Ausland bindet. Diese Gesellschaft kann verschiedene Aufgaben haben, welche sich vom Vertrieb über Reparaturdienstleistungen bis hin zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen erstrecken kann. Das in diesem Transaktionsprozess gebundene Kapital muss jedoch nicht zwingend in Form von Geld oder Wertpapieren vorliegen. Vielmehr kann es auch Maschinen, Technologie, Know-how und auch Management- bzw. Organisationsstrukturen umfassen. Dabei besteht auch die Möglichkeit, dass durch das Erwerben von Anteilen an einem bereits bestehenden ausländischen Unternehmen diese Kapitalarten übernommen werden können.12

Ist die Zweiggesellschaft rechtlich selbstständig, handelt es sich um eine Tochtergesellschaft. Ist dies nicht der Fall, nennt man die Zweigstelle eine Filiale.13 Es ist auch denkbar, dass mehrere Unternehmen gemeinsam eine Zweiggesellschaft im Ausland aufbauen. Sollte diese rechtlich sowie wirtschaftlich unabhängig sein, handelt es sich um ein sogenanntes Joint-Venture. Dies sind spezifische Kooperationsformen, in der die Partnerunternehmen „auf der Basis vertraglicher Vereinbarungen gemeinschaftlich und gleichgerichtet für eine gewisse Dauer zusammenwirken, um ein bestimmtes unternehmerisches Ziel zu erreichen“.14

Die Unternehmen, die das Kapital zur Verfügung stellen bzw. binden, verfügen auch über die Kontrolle über die ausländische Kapitalgesellschaft.15 In diesem grenzüberschreitenden Kapitalfluss und dem damit einhergehenden Transfer von Kontrolle besteht der wesentliche Unterschied zwischen FDI und einem Portfolio Investment.16 Somit wird den Definitionen in Kapitel 2 zufolge ein Unternehmen erst zu einem MNU, wenn es Direktinvestitionen im Ausland tätigt.

3.2 Historischer Hintergrund von FDI

Die ursprünglichste Form des Auslandsengagements von Unternehmen, der Export und Import, wurde im 19. Jahrhundert von den Direktinvestitionen aus mehreren Gründen abgelöst. Meist wurde die Zusammenarbeit mit ausländischen Handelspartnern komplizierter und konfliktreicher oder es gab Diskrepanzen mit den Lizenznehmern.17 Teilweise führte auch eine Änderung der jeweiligen nationalen Gesetzgebung oder der Wirtschaftspolitik dazu. Speziell die Patentgesetze in Kanada (1872) und Großbritannien (1907) waren politische Faktoren, die Unternehmen zur Ausführung von Direktinvestitionen zwangen. In diesem Zusammenhang spricht man daher von defensivem FDI. So hat teilweise in der chemischen Industrie eine Veränderung des britischen Patentrechtes von 1907 zu einer Erhöhung der Direktinvestitionen geführt.18

Grundsätzlich ist anzumerken, dass Unternehmen Direktinvestition aus absatzorientieren, kostenorientierten und strategischen Beweggründen tätigen. Die Gründung einer Zweiggesellschaft im Ausland ist auf das Ziel in den ausländischen Markt einzutreten zurückzuführen (Absatzmotiv). Auch die Höhe der Löhne und anderer Produktionsfaktoren ist entscheidend (Kostenmotiv).19 Im 19. Jahrhundert wurden fremde Länder teilweise noch als riskante und komplizierte Orte für Unternehmensaktivitäten betrachtet, auch wenn Unternehmen die dortigen Märkte als Absatzmärkte ins Auge gefasst hatten. Jedoch hinderten Handelsschranken wie bspw. Zölle diese Unternehmen daran ihre Güter in bestimmte Länder zu exportieren. Somit war der Aufbau einer Präsenz vor Ort eine Möglichkeit, um diese protektionistischen Maßnahmen zu umgehen.20

3.3 John Dunnings Eklektisches Paradigma

3.3.1 Überblick über andere Theorieansätze

Es gibt verschiedene theoretische Konstrukte, um Direktinvestitionen zu analysieren. Die meisten von ihnen entstanden in den 1960er Jahren, als versucht wurde Fragestellungen der internationalen Produktion anders als mit den gängigen volkswirtschaftlichen Außenhandels- und Portfoliotheorien zu beantworten.21 Den ersten Ansatz lieferte Stephen Hymer in seiner Arbeit „The International Operation of National Firms“, in welcher er argumentierte, dass Firmen einen bestimmten Vorteil gegenüber ihren ausländischen Wettbewerbern benötigten, um in deren Heimatmärkten erfolgreich sein zu können. Diese Vorteile bezeichnete er als „Ownership Advantages“. Sie umfassten Management, Technologie, Marketingfähigkeiten oder finanzielle Stärke.22

Ein weiterer Ansatz zur Analyse ist der Transaktionskosten- und Internalisierungsansatz, welcher von Autoren wie Oliver Williamson oder Mark Casson verfochten wurde. Diese Theorieansätze sind der Neuen Institutionenökonomie zuzuordnen, welche auf Ronald Coases Ausführungen aus dem Jahr 1937 zurückzuführen ist.23 Die Neue Institutionenökonomie beschäftigt sich vor allem mit den Auswirkungen langfristigen, wirtschaftlichen Wandels auf Volkswirtschaften. Sie legt jedoch ihren Fokus auch auf mikroökonomisch-unternehmenstheoretische Aspekte in denen Transaktionskosten eine zentrale Rolle zukommen.24 Williamson geht dabei von der Firma, dem Markt und verschiedenen sonstigen Organisationsformen aus, welche untereinander Transaktionen durchführen. Die Auswahl aus der Menge der verschiedenen Transaktionsalternativen erfolgt dabei anhand der Höhe der Transaktionskosten. Je niedriger die Transaktionskosten, desto eher wird eine Alternative ausgewählt. Die relative Höhe der Transaktionskosten ist abhängig von der Faktorspezifität, der Unsicherheit über den Markttausch (Bezug oder Absatz von Gütern und Dienstleistungen) und der Häufigkeit von Transaktionen.25 Je höher demnach die Ausprägung dieser drei Faktoren ist, desto eher lohnt sich die Aufnahme einer (ausländischen) Produktion in die eigene Hierarchie. Somit liefert Williamson einen Ansatz zur internationalen, vertikalen Integration von Unternehmensbereichen durch Kapitalinvestitionen.26

Beim Internalisierungsansatz entstehen Transaktionskosten als Folge von Hemmnissen, die den Handel zwischen Marktteilnehmern einschränken.27 Die Transaktionskosten sind in diesem Fall als Informationskosten zu verstehen, welche durch fehlenden Kontakt zwischen Vertragspartnern oder durch Misstrauen unter diesen entstehen können.28 Um diese Hemmnisse zu überwinden, bspw. bei fehlendem Vertrauen gegenüber einem Lizenznehmer im Ausland, kann das heimische Unternehmen die Mehrheitsanteile am Vertragspartner erwerben und diesen in die eigene Unternehmensorganisation eingliedern. Dies wird allerdings nur durchgeführt, falls die Kosten der Internalisierung die Kosten zur Überwindung der Hemmnisse unterlaufen.29 Im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung wird jedoch primär das Eklektische Paradigma von John Dunning als theoretische Grundlage Anwendung finden.

3.3.2 Theoretische Grundlage des Eklektischen Paradigmas

John Dunning präsentierte sein Eklektisches Paradigma erstmals im Jahre 1976 im Rahmen eines Symposiums der Nobel Gesellschaft in Stockholm. Die eklektische Theorie war zuvor nur ein Nebenprodukt, entstanden während der Entwicklung der sechs Hauptstränge der ökonomischen Theorie. Zum Zeitpunkt der Entwicklung der Theorie formte die neoklassiche Ökonomie das Rückrat der gängigen, klassischen Theorien.30 Dunnings Theorie wird als eklektisch bezeichnet, da sie teils auf theoretischen, ökonomischen Ansätzen beruht und teils eine Reihe an möglichen Kanälen für eine internationale, ökonomische Einbindung erklärt. Dabei basiert jeder dieser Kanäle auf einer Anzahl unterschiedlicher Faktoren.31 Dunning entschied sich für den eklektischen Ansatz, da bis zu diesem Zeitpunkt kein geeignetes Modell bestand, welches durch FDI finanzierte internationale Produktionsprozesse in Beziehung zu anderen grenzübergreifenden Arten des Ressourcentransfers setzen konnte. Zudem sah Dunning die Notwendigkeit ein ganzheitliches Rahmenkonstrukt zu entwickeln, welches die Signifikanz der Faktoren, die den ursprünglichen Akt der internationalen Produktion und deren Wachstum beeinflussen, darstellen konnte.32

Die bis dahin dominante neoklassiche Theorie kritisierte Coase bereits im Jahr 1937 in seinem Aufsatz „The nature of the firm“. Er erklärte in seiner Theorie die Rolle von Transaktionskosten, welche einen grundlegenden Ansatz zur Erklärung der Existenz eines Unternehmens, seiner Größenordnung („Scale“) und seiner Betätigungsfelder („Scope“) darstellt.33 Allgemein versuchten gerade Evolutionen in der ökonomischen Theorie auf mikroökonomischer, makroökonomischer und mesoökonomischer Ebene in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg auf die wachsende Unzufriedenheit mit der empirischen Validität der auf dem neoklassichen Ansatz basierenden Theorien einzugehen.34

Dies führte dazu, dass neue Theorien zur Erklärung internationaler Produktionsprozesse entwickelt wurden, wovon Stephen Hymers Ansatz von 1960 der erste war. Auf der mikroökonomischen Ebene wurden Theorien wie Hymers Ansatz entwickelt, welche ein MNU basierend auf Marktmacht erklären sollten. Zudem gab es auch Ansätze basierend auf der Internatlisierung von Märkten wie bspw. von Casson im Jahre 1976. Auf der mesoökonomischen Ebene basieren die Theorien der industriellen Organisation auf der Handelstheorie und der Theorie der Kapitalbewegungen nach Kindleberger oder der industrieökonomischen Theorie nach Caves. Hingegen weisen bspw. das Modell des Produktlebenszyklus von Vernon (1966) und die Theorien, die sich mit den finanziellen Faktoren innerhalb von FDI beschäftigen, wie bspw. Rugmans Arbeit aus dem Jahr 1975, eher makroökonomische Ansätze auf.35

Die Entwicklung des Eklektischen Paradigmas resultierte somit aus dem Wunsch einzelne Elemente der Transaktionskostentheorie (Internalisierung) und der Theorie der Marktmacht der einzelnen Firma mit makroökonomischen Ansätzen der internationalen Produktion auf nationaler Ebene darzustellen.36 Dunnings Ansatz ist dabei auf dem Schnittpunkt zwischen der mikroökonomischen Theorie der Unternehmung und der makroökonomischen Theorie des internationalen Handels zu positionieren.37 Dunning versuchte nicht das MNU als solches zu erklären, sondern den Grad und die Struktur von durch Firmen und/oder Regierungen initiierten, wertschöpfenden Aktivitäten im Ausland. Gleichzeitig sollte auch die Produktion im Heimatland, welche im Besitz ausländischer Unternehmen ist, berücksichtigt werden.38 Dabei wird davon ausgegangen, dass bestimmte Arten der Produktion im Sinne der Heckscher-Ohlin-Samuelson Produktion räumlich verteilt sind. Diese räumliche Verteilung und das Eigentum an der Produktion erfordern die Inanspruchnahme von Ressourcen, die nicht für alle Unternehmen gleichsam zugänglich sind. Um dies ökonomisch erklären zu können, müssen zwei Formen von Marktunvollkommenheiten gegeben sein. Zuerst ist das strukturelle Marktversagen zu nennen. Diese Form des Marktversagens unterscheidet zwischen der Fähigkeit von Unternehmen Eigentumsrechte zu erwerben und zu halten und der Fähigkeit diverse geographisch verteilte, wertschöpfende Aktivitäten zu lenken. Die zweite Marktunvollkommenheit ist das Versagen der Märkte von Halbfertigprodukten. Das Versagen dieser Märkte besteht darin, Güter und Dienstleistungen zu höheren Nettokosten zur Verfügung zu stellen als diejenigen Kosten, die eine hierarchische Organisation gewillt ist auf sich zu nehmen. Aus den beiden Marktunvollkommenheiten resultierend sind Variablen wie bspw. Marktstrukturen, Transaktionskosten oder die innerbetriebliche Firmenstrategie wichtige Bestimmungsgrößen der internationalen Geschäftstätigkeit von Unternehmen.39

Dunning unterscheidet bei den Direktinvestitionen zwischen zwei Hauptarten von Investitionen. Einerseits werden „resource seeking investments“ getätigt, um den Zugang zu bestimmten Ressourcen zu erlangen, z.B. Grundstoffe. Andererseits werden sogenannte „market seeking investments“ getätigt, um die eigene Position auf einem bereits bearbeiteten Absatzmarkt des Unternehmens zu sichern oder um den Einstieg in einen neuen Absatzmarkt zu schaffen.40

3.3.2.1 Ownership Advantages

Die Kernaussage des Eklektischen Paradigmas ist, dass Kanäle der internationalen, ökonomischen Einbindung oder internationale ökonomische Transaktionen oder die internationale Wettbewerbsfähigkeit der von einem Land produzierten Güter und Dienstleistungen abhängig davon ist, ob Unternehmen in diesen Ländern über eine sogenannte „ownership“-spezifische Ausstattung41 verfügen, welche einen Vorteil darstellt. Zudem müssen diese Unternehmen die aus der Ausstattung resultierenden Vorteile internalisieren können und wollen.42

Ownership Advantages sind also der Besitz oder die Fähigkeit bestimmte Vermögensgegenstände bzw. Anlagegüter zu erwerben, zu denen ein ausländisches Unternehmen entweder keinen Zugang hat oder diese nur zu schlechteren Konditionen erlangen kann.43

Diese Anlagegüter sind Vermögensgegenstände im Sinne von Irving Fisher, d.h. sie sind Ressourcen, welche imstande sind zukünftig Einkommensströme zu generieren. Demnach sind sie oftmals Halbfertigprodukte, zu denen ein Unternehmen einen privilegierten Zugang hat und sind somit durch Erwerb auch privilegiertes Eigentum des Unternehmens. Die Ownership Advantages sind speziell auf ein Heimat- oder Gastland, Industrien oder bestimmte Unternehmen zugeschnitten. Sie können materielle Vermögensgegenstände wie bspw. natürliche Ressourcen, Arbeitskraft, Kapital oder auch immaterielle Vermögensgegenstände sein. Ebenfalls kann das Eigentum an komplementären Anlagegütern ein Vorteil sein, wie z.B. die Fähigkeit neue Technologien zu entwickeln.44

Tabelle 145: Ownership Advantages eines Unternehmens eines Landes gegenüber seinem ausländischen Kontrahenten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Je mehr die Unternehmen in einem Land A im Vergleich zu Unternehmen in einem anderen Land B über Ownership Advantages verfügen und je größer der Anreiz ist diese Vorteile zu internalisieren anstatt zu externalisieren, desto eher werden die Unternehmen aus Land B diese Vorteile im Ausland A versuchen zu realisieren und desto wahrscheinlicher ist also auch, dass sie im Ausland A diverse Produktionsprozesse durchführen.

3.3.2.2 Locational Advantages

Als sogenannte Locational Advantages oder zu Deutsch auch Standortvorteile bezeichnet werden Faktoren bezeichnet, welche die Investition in einem bestimmten Zielland als vorteilhafter und ertragreicher im Vergleich zu einem anderen Land erscheinen lassen. Die Entscheidung für die Tätigung von Direktinvestition in einem bestimmten Land wird demnach anhand dieser Kriterien getroffen.46

Tabelle 347:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl. Becker, Susan, „Multinationalität hat verschiedene Gesichter“. Formen internationaler Unternehmenstätigkeit der Société Anonyme des Mines et Fonderies de Zinc de la Vieille Montagne und der Metallgesellschaft vor 1914, Stuttgart 2002, S. 38.

2 Berghoff, Hartmut, Moderne Unternehmensgeschichte, Paderborn 2004, S. 127.

3 Pohl, Hans, Transnational Investment from 19th Century to the Present, in: Pohl, Hans (Hg.), Transnational Investment from 19th Century to the Present, Stuttgart 1994, S.7-24, hier: S. 7.

4 Rübel, Gerhard, Grundlagen der Monetären Außenwirtschaft, 3. Auflage, München 2009, S. 8.

5 Pohl, Transnational Investment, S. 7.

6 Ebd., S. 7.

7 Vgl. Berghoff, Unternehmensgeschichte, S. 127.

8 Vgl. Jones, Geoffrey, The End of Nationality? Global Firms and „Borderless Worlds“, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Bd. 51, 2006, S. 149-165, hier: S. 150.

9 Vgl. Berghoff, Unternehmensgeschichte, S. 131.

10 Vgl. Berghoff, Unternehmensgeschichte, S. 127.

11 Vgl. ebd., S. 127.

12 Vgl. Hagen, Antje, Deutsche Direktinvestitionen in Großbritannien 1871 - 1918, Stuttgart 1997, S. 26.

13 Vgl. ebd.

14 Fett, Thorsten (Hg.), Handbuch Joint Venture, Heidelberg 2010, S. 1.

15 Vgl. International Monetary Fund, Balance of Payments Manual, in: http://www.imf.org/external/np/sta/bop/ bopman.pdf (abgerufen am 29. 07. 2011), S. 86.

16 Vgl. Jones, Geoffrey, Globalisation, in: Zeitlin, Jonathan (Hg.), The Oxford Handbook of Business History, Oxford 2008, S. 141-168, hier: S. 144.

17 Vgl. Berghoff, Unternehmensgeschichte, S. 127.

18 Vgl. Hagen, Deutsche Direktinvestitionen, S. 354; Berghoff, Unternehmensgeschichte, S. 136.

19 Vgl. Rübel, Monetäre Außenwirtschaft, S. 28.

20 Vgl. Jones, End of Nationality, S. 151.

21 Vgl. Hagen, Deutsche Direktinvestitionen, S. 27.

22 Vgl. Jones, End of Nationality, S. 151.

23 Vgl. Homann, Karl u. Suchanek, Andreas, Ökonomik. Eine Einführung, 2. Auflage, Tübingen 2005, S. 23.

24 Vgl. Berghoff, Hartmut, Transaktionskosten: Generalschlüssel zum Verständnis langfristiger Unternehmensentwicklung? Zum Verhältnis von Neuer Institutionenökonomie und moderner Unternehmensgeschichte, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, No. 2, 1999, S.159-176, hier: S. 160.

25 Vgl. Williamson, Oliver E., Die ökonomischen Institutionen des Kapitalismus. Unternehmen, Märkte, Kooperationen , Tübingen 1990, S. 59.

26 Vgl. Hagen, Deutsche Direktinvestitionen, S. 30.

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. ebd.

29 Vgl. ebd., S. 31.

30 Vgl. Estrella Tolentino, Paz, From a Theory to a Paradigm. Examining the Eclectic Paradigm as a Framework in International Economics, in: International Journal of the Economics of Business, Vol. 8, No. 2, 2001, S. 191-209, hier: S. 192.

31 Vgl. ebd.

32 Vgl. ebd., S. 195.

33 Vgl. Coase, Ronald H, The nature of the firm, in: Economia, Bd. 4, 1937, S. 386-405, hier: S. 401-403.

34 Vgl. Estrella Tolentino, From a Theory to a Paradigm, S. 194.

35 Vgl. ebd.

36 Vgl. Cantwell, John u. Narula, Rajneesh, The Eclectic Paradigm in the Global Economy, in: International Journal of the Economics of Business, Vol. 8, No. 2, 2001, S. 155-172, hier: S. 156.

37 Vgl. Dunning, John H., Multinational enterprises and the global economy, 2. Auflage, Cheltenham 2008, S. 76.

38 Vgl. ebd.

39 Vgl. ebd.

40 Vgl. Hagen, Deutsche Direktinvestitionen, S. 33.

41 Im Folgenden als Ownership Advantages bezeichnet.

42 Vgl. Estrella Tolentino, From a Theory to a Paradigm, S. 195.

43 Vgl. Dunning, Multinational enterprises, S. 76.

44 Vgl. Estrella Tolentino, From a Theory to a Paradigm, S. 195.

45 Vgl. Dunning, Multinational enterprises, S. 81; Estrella Tolentino, From a Theory to a Paradigm, S. 195-197.

46 Vgl. Hagen, Deutsche Direktinvestitionen, S. 33.

47 Vgl. Dunning, Multinational enterprises, S. 81.

Details

Seiten
44
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656048398
ISBN (Buch)
9783656048022
Dateigröße
943 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181639
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
1,50
Schlagworte
Unternehmensgeschichte Wirtschaftsgeschichte Strategisches Management Direktinvestition Foreign Direct Investment Deutsche Bank Siemens BASF

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Titel: Deutsche Direktinvestitionen 1880-1914