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Marxistische und neomarxistische Positionen zum Umgang mit dem Universalismus des Kapitalismus

Anhand der Beispiele von Karl Marx, Friedrich Engels und Immanuel Wallerstein

Hausarbeit 2010 25 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung:

1. Karl Marx, Friedrich Engels und das Kommunistische Manifest:
1.1. Der universalistische Kapitalismus und das Manifest:
1.2. Das Ende des universalistischen Kapitalismus:

2. Immanuel Wallerstein:
2.1. Hinführung zur Immanuel Wallerstein:
2.2. Die Revolution von 1848 und ihr Scheitern:

3. Warum der kapitalistische Universalismus in die Krise geraten ist?
3.1. Marktmonopolisierung und Schwächung der Staaten:
3.2. Ökologische Krise:
3.3. Aufbegehren gegen das System aus peripheren Zonen:

4. Die Überwindung des kapitalistischen Universalismus:
4.1. Reform der Arbeitswelt:
4.1.1. Arbeit und Beruf:
4.1.2. Gier und Entlohnung:
4.1.3. Größe und Effizienz der Organisationen:
4.2. Ökologische Herausforderungen:
4.3. Gleichheit von Rasse, Geschlecht und Nation:
4.4. Reaktionen der Betroffenen auf die Veränderungen:
4.5. Handlungsanweisung:

5. Fazit:

Anhang

Literaturverzeichnis

0. Einleitung:

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit marxistischen und neomarxistischen Positionen zum Umgang mit dem Universalismus des Kapitalismus. Dazu werden die klassische, marxistische Position von Karl Marx1 (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) und eine neomarxistische Position von Immanuel Wallerstein (geb. 1930) exemplarisch vorgestellt. Universalismus wird hier allgemein als eine Doktrin verstanden, welche den Anspruch auf globale Gültigkeit erhebt. In der Symbiose mit dem Kapitalismus, der allgemein als System der endlosen Kapitalakkumulation hier definiert wird, kann von einer globalen Gültigkeit eben dieser gesprochen werden. (Wallerstein 2008, S. 81) Wobei dem Autor bewusst ist, dass Marx noch andere Faktoren, etwa die der großindustriellen Produktionsweise und des daraus resultierenden gesellschaftlichen Dasein des Menschen mit dem Begriff des Kapitalismus verbindet. Die oben genannte Definition ist allgemeiner, deckt sich aber mit den grundlegenden Mechanismen welche Marx beschreibt. Im Folgenden wird im ersten Teil der klassische marxistische Ansatz2, anhand des Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels, dargestellt (1.1.) und es wird anhand des Werkes aufgezeigt, wie der universale Kapitalismus überwunden werden kann (1.2.). Im zweiten Teil der Arbeit wird zunächst, in Kombination mit einem kurzen biographischen Abriss, in die Gedanken des Neomarxisten Immanuel Wallerstein (2.1.) eingeführt. Grundlage für die weitere Darstellung der Position Wallersteins ist sein 2008 in der zweiten Auflage auf Deutsch erschienenes Buch „Utopistik historische Alternativen des 21. Jahrhunderts“. Im Kapitel 2.2. wird dann gefragt, warum die Revolution von 1848 aus Sicht von Wallerstein scheiterte. Im Kapitel drei wird auf die heutige Krise des Kapitalismus eingegangen, was Wallerstein an der Schwächung der Staaten (3.1.), der ökologischen Krise (3.2.) und dem Widerstand aus den peripheren Zonen (3.3.) fest macht. Das vierte Kapitel beschäftigt sich dann mit der Frage, wie der universalistische Kapitalismus überwunden werden kann. Dazu werden unterschiedliche Bereiche beleuchtet (4.1.-4.3.) und es wird nach möglichen Reaktionen der Betroffen der unterschiedlichen Lager gefragt (4.4). Im Kapitel 4.5. wird gezeigt, welche Handlungsanweisungen Wallerstein für seine Leser bereit hält, um sich die Krise nutzbar zu machen. Den Abschluss der Arbeit bildet dann ein Fazit des Autors (5.).

1. Karl Marx, Friedrich Engels und das Kommunistische Manifest:

Es kann hier nicht ein Einblick in das Gesamtwerk von Karl Marx und Friedrich Engels gegeben werden, da dies den Rahmen der Hausarbeit sprengen würde. In der folgenden Darstellung wird sich der Autor hauptsächlich auf das „Manifest der Kommunistischen Partei“, welches Marx und Engels im Frühjahr des Jahres 1848, unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution verfassten, beziehen. Mit gutem Recht kann man behaupten, dass dieses Werk Abschluss und Höhepunkt der theoretischen und programmatischen Überlegungen der vorrevolutionären Epoche von Marx und Engels bildet. (Marmora 1983, 23).

1.1. Der universalistische Kapitalismus und das Manifest:

Das Manifest der Kommunistischen Partei wurde in einer Zeit abgefasst, in der die industrielle Revolution mit ihren großen Fabriken, die durch die Dampfmaschinerie eine enorme Technologisierung erfahren hatten, einen Höhepunkt erreicht hatte. Zudem hatten die Dampfschifffahrt und ein Ausbau des Eisenbahnnetzes das Transportwesen revolutioniert und damit einen weltweiten Austausch von Waren, Gütern und Dienstleistungen in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit möglich gemacht. Diesen Faktoren, dem Welthandel bzw. Freihandel, der Etablierung der großen Industrie und dem modernen Transportwesen, schrieben Marx und Engels eine wesentliche Rolle bei der gesellschaftlichen Veränderung und der damit zusammenhängenden Ablösung des Feudalismus durch den Kapitalismus zu. Der Träger dieses revolutionären Vorgangs war die Bourgeoisie, das aufstrebende Bürgertum, welches vormals die mittlere Schicht zwischen Adligen/Landbesitzern und Bauern/Handwerkern war. „…und in demselben Maße, worin Industrie, Handel, Schiffahrt, Eisenbahn sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den Hintergrund.“(MEW 4, 464). Letztendlich erkämpfte sie sich die politische Herrschaft im Repräsentativstaat. „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“(4, 464). Die Bourgeoisie trägt eine immense expansive Kraft in sich, in allen Erdteilen errichtet sie großindustrielle Produktionsstätten, modernisiert die Produktionsinstrumente und knüpft Netzwerke. „Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. selbst Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“ (4, 466). Die „Zivilisation“, also die großindustrielle kapitalistische Produktionsweise, ist also ein Fortschritt, der den anderen „unterentwickelten“ Ländern gebracht werden muss, denn der Kapitalismus bildet zum Einen die evolutionäre Vorstufe zum Kommunismus und zum Anderen befreit er von alten verdeckten Abhängigkeiten/Herrschaftsverhältnissen: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht…“ (4, S.465). So werden alle feudalen gesellschaftlichen Konstruktionen aufgelöst, welche z.B. die Beziehungs- und Herrschaftsverhältnisse zwischen den Menschen regelten. Das einzige Band, welches noch zwischen Menschen besteht, ist die „gefühllose bare Zahlung“ (4, S. 464). Es scheint also nicht verwunderlich, dass Marx z.B. die englische Kolonialpolitik in Indien für gut heißt (MEW 9, S. 133). Oder an anderer Stelle noch deutlicher: „Der Kommunismus ist empirisch nur als Tat der herrschenden Völker >auf einmal< und gleichzeitig möglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr voraussetzt.“ (MEW 3, 35). „Marx und Engels schrieben den Kapitalismus - nicht nur außerhalb von Europa, sondern ganz allgemein gegenüber den rückständigen Ländern - […] einen revolutionären Charakter zu…“ (Djokic 2003, S.12). An anderen Stellen wiederum prangerten sie das gewaltsame Vorantreiben dieses Prozesse an, so dass sich nicht unbedingt ein systematisches, zusammenhängendes Bild ergibt (2003, S.12). In jedem Fall kann nach dem bisher Ausgeführten gesagt werden, dass dem Universalismus des Kommunismus, der Universalismus des Kapitalismus voraus geht. Mit Ausbreitung der kapitalistischen Produktion, Handelsfreiheit und des Weltmarktes, verschwinden immer mehr die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker und die Lebensverhältnisse gleichen sich immer mehr an (MEW 4, S. 479). Die einstige Zersplitterung der Produktionsmittel wird aufgehoben, diese werden in wenige Hände zentralisiert, damit einher geht eine politische Zentralisation. „Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in eine Nation, eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales Klasseninteresse, eine Donaulinie.“ (4, S. 467). Wenn nun der Kapitalismus so eine universale, integrative Kraft hat und entsprechenden Fortschritt bringt, wieso muss er dann überwunden werden? Zum einen zeigen Marx und Engels auf, dass die Bourgeoisie mit ihrer Produktionsweise und dem Welthandel sehr sensibel auf Handelskrisen reagiert, diese Krise wird noch durch eine entsprechende Überproduktion verstärkt, so gefährdet sich das System quasi selbst. Kurzum es gibt zu viel Handel, zu viel Industrie. „Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen.“ (4, S.468). Dies hat zur Folge, dass ein immer wiederkehrender Kreislauf entsteht, Produktivkräfte werden vernichtet, alte Märkte werden ausgebeutet und neue Märkte erschlossen. Ein weiteres Faktum verstärkt dieses Spirale der Krisenhervorbringung, die Bourgeoisie ist in ständige Kämpfe verwickelt. Zunächst kämpft sie gegen die feudalen Verhältnisse, dann gegen die weniger fortschrittlichen Elemente in ihrer Klasse und „stets gegen die Bourgeoisie aller auswärtigen Länder“ (4, S.471). „In all diesen Kämpfen sieht sie sich genötigt, an das Proletariat zu appellieren, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen und es in die politische Bewegung hineinzureißen.“ (4, S.471). Und hier kommen wir nun zum entscheidenden Punkt, warum der Kapitalismus überwunden werden muss. Denn mit dem Erscheinen der Bourgeoisie auf dem Spielfeld der Geschichte, taucht auch das Proletariat als eine Klasse auf, welche der Bourgeoisie antagonistisch gegenübersteht. Im nächsten Kapitel wird nun auf diesen Sachverhalt weiter eingegangen.

1.2. Das Ende des universalistischen Kapitalismus:

Wieso kommt es zum Konflikt zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie? Nun, indem die Bourgeoisie sich immer mehr Produktionsmittel aneignet, diese zentralisiert, geraten die Arbeiter in ein Abhängigkeitsverhältnis. Sie müssen ihre Arbeitskraft auf dem Markt als Ware verkaufen. Im Zuge der Maschinisierung wird ein selbständiges Arbeiten überflüssig, der Arbeiter „wird ein bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird.“ (4, S. 468f). Diese maschinelle Produktion bewirkt eine immer größer werdende Arbeitsteilung, das produzierte Produkt steht dem Arbeiter als etwas Fremdes gegenüber. Zudem ist die Entlohnung der Arbeiter sehr gering, der Mehrwert, den sie erwirtschaften, kommt nicht ihnen zu gute, sondern wird von der Bourgeoisie akkumuliert. Die Verelendung des Proletariats schreitet immer weiter voran. Da sie über keine Produktionsmittel verfügen, werden sie zu Knechten des gesamten kapitalistischen Systems. „Sie sind nicht nur Knechte der Bourgeoisieklasse, des Bourgeoisiestaates, sie sind täglich und stündlich geknechtet von der Maschine, von dem Aufseher, um vor allem von den einzelnen fabrizierenden Bourgeois selbst.“(4, S.469). Immer mehr Menschen werden proletarisiert, da zum Einen ihre spezielle Fachlichkeit, etwa bei Handwerkern, durch die „neuen Produktionsweisen entwertet“ wird und zum anderen besitzen etwa Bauern oder Kleinindustrielle nicht genügend Kapital, um in Konkurrenz mit den Großindustriellen treten zu können (4, S. 469). So wächst die Klasse der Arbeiter zahlenmäßig immer weiter an. Die oben erwähnten Vereinheitlichungsmechanismen der Bourgeoisie durch den Welthandel, großindustrielle Produktion, sowie neue Verkehrsmittel, wirken auch unter den Arbeitern. Der Nichtbesitz an Produktionsmitteln, Entfremdung der Arbeit, niedrige Löhne, Abhängigkeit von der Bourgeoisie, lange Arbeitszeiten, Unsicherheit in Bezug auf Lebenssicherung und Verelendung sind gemeinsame Kennzeichen ihrer Klasse. Dies führt zu lokalen Aktionen der Arbeiter gegen die Bourgeoisie. Sie richten ihre Aggressionen auf die Produktionsverhältnisse, zerstören Produktionsinstrumente und fremde konkurrierende Waren. Dies alles sind aber nach Marx nur Aktionen „die untergegangene Stellung des mittelalterlichen Arbeiters wieder zu erringen“(4, S.470). Wirklich vereinigt sind sie erst dann, wenn der Zustand der Entfremdung einen Höhepunkt erreicht hat, dann wenn das Proletariat massenhaft zusammengedrängt wird, wächst seine Kraft und „es fühlt sie immer mehr“, es kommt zur Bildung von „Koalitionen“ gegen die Bourgeoisie mit dem Ziel, den Arbeitslohn zu behaupten (4, S.470). Wenn auch die Arbeiter nicht flächendeckend siegen, so zeigen doch ihre punktuellen Siege, dass ihre Vereinigung immer weiter voranschreitet und noch dazu, wenn die neuen Kommunikations- und Transportmittel zur Vereinigung genutzt werden können. Letztendlich wird der Wandel, so hoffen Marx und Engels, zum Einen durch eine „offene Revolution“ vollzogen, bei dem die Bourgeoisie vom Proletariat gewaltsam gestürzt wird (4, S.473). Oder zum Anderen auf einem eher allmählichen, parlamentarischen Weg vor sich gehen. „…der erste Schritt in der Arbeiterrevolution [ist M.W.] die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie...“ (4, S. 481). Da aber der Nationalstaat ein Produkt der Bourgeoisie ist, sind die Kämpfe, die in jedem Land ablaufen werden, in welcher Art auch immer, zwar der Form nach national, aber dem Inhalt nach international. „Die Lebensbedingungen der alten Gesellschaft sind schon vernichtet in den Lebensbedingungen des Proletariats.[…] die moderne industrielle Arbeit, die moderne Unterjochung unter das Kapital […] hat ihm [dem Proletarier M.W.] allen nationalen Charakter abgestreift.“ (4, S.472). In diesem Zusammenhang fällt auch der bekannte Satz aus dem Manifest: „Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.“(4, S.479). Wie denn die neue Nation oder ein internationales (Staaten)Gebilde aussehen soll, wird nicht näher ausgeführt, in jedem Fall wird aber mit dem Sieg des Proletariats im jeweiligen Land, ihr „Nationalbewusstsein“ ein anderes sein, als das der Bourgeoisie (4, S. 479).

[...]


1 Wenn im Folgenden von Karl Marx gesprochen wird, dann ist Friedrich Engels mit gemeint, wenn auch dem Autor bewusst ist, dass es zwischen den beiden doch Unterschiede etwa in der Bewertung der nationalen Frage geht, diese Unterschiede erscheinen aber für die Darstellung des Manifestes bzw. für die Fragestellung als nicht relevant.

2 Wobei sich Marx selbst nicht als Marxist bezeichnet. (MEW 35, S. 388). 1

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656049142
ISBN (Buch)
9783656049555
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181596
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
Karl Marx Immanuel Wallerstein Universalismus Kapitalismus Kommunismus Revolution

Autor

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