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Alexander in Ägypten

Vergöttlichung oder Selbstüberschätzung? Der Zug zur Oase Siwa im Kontext griechischer und römischer Überlieferung

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund
a. Alexander in Ägypten
b. Der Zug zur Oase Siwa

3. Historische Überlieferung und deren Fragestellungen

4.Interpretation der Primärquellen
a. Strabon
b. Diodor
c. Curtius Rufus
d. Plutarc h
e. Arria n

5.Schlussbetrachtung

6.Quellen
a. Primärquellen
b. Sekundärquellen

1. Einleitung

Seit Jahrtausenden faszinieren Orakel und ihre Vorhersagen die Menschen. Einige Orte - wie beispielsweise Delphi - wurden aufgrund ihrer berühmten Orakel weltweit bekannt.

Vielen nicht einschlägig Bewanderten weniger ein Begriff dürfte das Orakel der Oase Siwa sein. Dies verwundert, gilt doch gerade die Reise Alexanders des Großen nach Siwa als einer der rätselhaftesten Abschnitte seiner Feldzüge.

Warum aber unternahm Alexander diese risikoreiche Reise? War es das Streben nach mehr Macht? Ägypten war zu dieser Zeit bereits sicher unter seiner Herrschaft und Alexanders Vormachtstellung gesichert. Wollte er seinen Herrschaftsanspruch sichern, indem er sich zum Gottessohn proklamieren ließ? Die griechisch-makedonische Oberschicht seines Reiches hätte ihn ohne Vergöttlichung genauso - wenn nicht sogar leichter - weiterhin anerkannt. Oder wollte Alexander einfach die Wahrheit über sich und seine unsichere Herkunft herausfinden? Wollte er gar eine Bestätigung seiner eigenen Meinung, göttlichen Ursprungs zu sein?

Bis heute streiten Alexanderhistoriker darüber, was Alexanders wahre Beweggründe für seinen Zug zum Orakel von Siwa waren. Schon in antiker Zeit wurde diese Expedition äußerst unterschiedlich ausgelegt und je nach Meinung des Autors zu Alexanders Gunsten oder Ungunsten gewertet.

In dieser Arbeit sollen die Schriften der bedeutendsten antiken Alexanderhistoriker ausgewertet werden. Wie begründeten sie ihre positive beziehungsweise negative Darstellungsweise? Welche Beweggründe Alexanders für diese Reise erachteten sie als die logisch am besten begründbaren? Welche Darstellung erfuhr das Orakel selbst? Diesen und weiteren Fragen soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden.

2. Geschichtlicher Hintergrund

a. Alexander in Ägypten

Gegen Ende des Jahres 332 v. Chr. brach Alexander nach Ägypten auf. Oft wird der strategische Sinn dieses Militäreinsatzes bezweifelt, da Alexander unmittelbar nach der Eroberung von Tyros direkt zu Euphrat hätte ziehen können, um Dareios III. keine Zeit zur militärischen Erholung zu gönnen. Aus Sicht Alexanders überwogen die Vorteile einer Einnahme Ägyptens den oben genannten Nachteil bei weitem auf: Mit den Hilfsmitteln aus dem Land am Nil wollte Alexander die logistischen und finanziellen Probleme seiner Armee dauerhaft beheben1. Zusätzlich ermöglichte „erst die Kontrolle des Nillandes die Konsolidierung der bisherigen Eroberungen“2.

Natürlich spielte wohl auch die Ehrfurcht, Bewunderung und Neugier gegenüber der ägyptischen Kultur, die Alexander wie vielen anderen Griechen zu eigen war, bei der Entscheidung, Ägypten zu besetzen, eine Rolle. Diese darf jedoch als untergeordnet angesehen werden3.

Das makedonische Heer zog über Pelusion/Pelusium nach Ägypten ein, während die Flotte den Marsch zur See hin abdeckte4.

Alexander zog zuerst mit kleinem Gefolge nach Heliopolis (12 Kilometer nördlich von Kairo), da ihn das Heiligtum des Gottes Re faszinierte. Schon hier zeigte sich sein Wunsch, die Gunst der heimischen Götter zu gewinnen. Anschließend machte sich Alexander auf den Weg nach Memphis, wo ihm die aus 800 Talenten Gold bestehende persische Kriegskasse übergeben würde5. Auch hier begegnete er der ägyptischen Religion mit äußerstem Respekt. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, dass ihn die ägyptischen Priester als legitimen Pharao anerkannten. Dies schloss nicht nur die Königsherrschaft über Ober- und Unterägypten ein, sondern machte Alexander auch formell zum „Sohn des Gottes Re, [...] Stellvertreter des Gottes Horus und [...] Geliebte[n] des Gottes Re und Auserwählte[n] des Gottes Amun“6.

Nach dem Besuch von Memphis durchquerte Alexander das Nildelta auf dem westlichsten Mündungsarm des Nils und erteilte den Befehl, in Meeresnähe eine Stadt zu gründen: Alexandria. Sie sollte eine griechische Stadt unter Berücksichtigung der ägyptischen Tradition werden.7

b. Der Zug zur Oase Siwa

Der Gründung Alexandrias folgte eine der rätselhaftesten Unternehmungen Alexanders: Der Zug zur Oase Siwa, um das dort ansässige Orakel des Ammon zu befragen. Alexander zog zuerst entlang der Küstenstraße Richtung Kyrenaika, bevor er sich in Paraitonion nach Südwesten wandte. Es folgte ein entbehrungsreicher Marsch durch die lybische Wüste. Trotz einiger Schwierigkeiten erreichte Alexander schließlich die Oase8.

Die Oase Siwa ist eine langgestreckte Senke, deren Maße etwa 50 x 5 km beträgt. Sie liegt 24 m unter dem Meeresspiegel und birgt - obwohl mitten in der Wüste gelegen, etwa 200 Quellen. Dieser Wasserreichtum machte schon in der Antike die Bewirtschaftung der Oase mit Oliven- und Dattelkulturen möglich, außerdem wird seit dem Altertum Salz und Ammoniak (AMMON-iak) exportiert9.

Zu Zeiten Alexanders gab es in Siwa eine durch dreifache Mauern geschützte Akropolis mit einem Palast und dem Heiligtum, zusätzlich noch ein weitere Heiligtum in einem Hain neben der sogenannten Sonnenquelle10.

Historischen Quellen zufolge wurde Alexander am Eingang des Heiligtums als Sohn Gottes begrüßt. Anschließend stellte er dem Orakel im Inneren des Heiligtums mehrere Fragen, deren nicht gesicherte Antworten sicherlich viel dazu beigetragen haben, dem Zug zur Oase Siwa einen mystischen Anklang zu geben.

Nach dem Zug zur Oase Siwa suchte Alexander noch einmal Memphis auf, bevor er wieder in Richtung Asien aufbrach11.

3. Historische Überlieferung und deren Fragestellungen

Der älteste Bericht über den Zug zur Oase stammt von Kallisthenes und wurde wohl mit Billigung Alexanders geschrieben. Hierin wird beschrieben, dass Alexander das Orakel des Zeus-Ammon aufsuchte, weil Herakles und Perseus es vor ihm schon besucht haben sollen (Alexander führte seine Ahnenlinie unter anderem auf diese beiden Helden zurück); sein Streben nach Ruhm bewog ihn, es ihnen gleichzutun. Laut Kallisthenes durfte nur Alexander zur Befragung ins Allerheiligste, außerdem wurde er im Namen des Gottes als Sohn des Zeus bezeichnet12.

Ptolemaios und Aristobulos geben ebenfalls Alexanders Streben nach Ruhm als Motiv an, jedoch zusätzlich seinen Wunsch danach, die Wahrheit über sich selbst herauszufinden. Sie machen jedoch keine Angaben über die Antworten der Gottheit, lediglich, dass die Gottheit gesagt habe, was Alexander hören wollte.

Seit Kleitarchos wird in den Quellen beschrieben, dass der Gott Alexander nicht nur als Sohn anerkannt, sondern ihn auch (aufNachfrage) die Weltherrschaft zugesagt habe13. Wieso aber wollte Alexander als Sohn des Zeus-Ammon gelten?

Die moderne Forschung bewertet die vorliegenden Quellen äußerst unterschiedlich. Häufig werden wichtigen Quellen nur wenig berücksichtigt, um die These, Alexander wäre nur nach Siwa gezogen und habe sich dort als Sohn des Amun titulieren lassen, um seine Legitimation als Pharao zu stärken, zu untermauern. Hierbei stellt sichjedoch die Frage, warum er hierfür nach Siwa hätte ziehen sollen. Die Oase war für die Ägypter Ausland und das Orakel hatte keine Bedeutung für die ägyptische Herrschaftslegitimation14.

Auch aus diesem Grund sollten die Angaben der Alexanderhistoriker durchaus ernst genommen werden. Die Gottestsohnschaft Alexanders wurde zur gleichen Zeit auch von griechischen Orakeln in Kleinasien verkündet; der Wunsch Alexanders nach einer Anerkennung als Sohn des Zeus war ebenfalls schon bekannt, bevor er nach Siwa zog. Der zuständige Amun-Priester muss also gewusst haben, dass diese Anrede Alexander gefallen würde15.

Anfangs stand die Gottessohnschaft im Mittelpunkt der Überlieferungen, die Weltherrschaft wurde wohl später hinzugefügt. Als bedeutendstes Indiz hierfür kann gelten, dass Kallisthenes (zeitlich und persönlich nächste Quelle) noch nicht von der Weltherrschaft spricht16.

Die Antwort, dass Alexanders Streben nach Vergöttlichung nur darauf zurückzuführen sei, weil er die Gottessohnschaft als bloßes Mittel zum politischen Zweck sah, ist nicht ausreichend, eher wollte Alexander als Gottessohn gelten, weil er sich selbst dafür hielt17.

Eine andere mögliche Interpretation ist, dass die Anrede als Sohn des Zeus kein Zeichen für Vergöttlichung, sondern lediglich die übliche Anrede für einen (griechischstämmigen) Pharao war. Alexander mag sich dadurch trotzdem bestätigt gefühlt haben18.

Laut Plutarch habe Alexander mit seiner Gottessohnschaft keineswegs Philipp als Vater verleugnet, da er danach gefragt habe, ob alle Mörder Philipps („seines Vaters“) bestraft worden seien. Eventuell diente diese Frage der Entlastung von dem Verdacht, dass Alexander und seine Mutter hinter dem Attentat aufPhilipp gesteckt haben könnten19.

So wie auch Alexanders angeblicher Vorfahre Herakles zwei Väter - Zeus und Amphitryon - gehabt haben soll, könnte Alexander sich als Sohn eines Himmlischen und irdischen Vaters zugleich gesehen haben20.

[...]


1 P. Barcelo, Alexander der Große, in: Clauss, M. (Hrsg.): Gestalten der Antike. Darmstadt 2007, S. 132f.

2 ebd., S. 132f.

3 ebd. 132f

4 ebd., S. 133.

5 A. Demandt, Alexander der Große - Leben und Legende, München 2009, S. 163f.

6 H.-U. Wiemer, Alexander der Große, München 2005, S. 107.

7 ebd., S. 107.

8 Barcelo, Alexander der Große, S. 135.

9 Demandt, Alexander der Große - Leben und Legende, S. 175.

10 ebd.

11 Barcelo, Alexander der Große, S. 137.

12 Wiemer, Alexander der Große, S. 108f.

13 ebd.

14 ebd.

15 ebd.

16 ebd.

17 ebd.

18 Demandt, Alexander der Große - Leben und Legende, S. 176f.

19 ebd.

20 ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656049227
ISBN (Buch)
9783656048763
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181585
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
2,0
Schlagworte
alexander ägypten vergöttlichung selbstüberschätzung oase siwa kontext überlieferung

Autor

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Titel: Alexander in Ägypten