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Der Mensch als Gefangener eines gesellschaftlichen Überwachungssystems

Über ein Leben im "Panoptikon"

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Mensch als Gefangener eines gesellschaftlichen Überwachungssystems
1.1. Orwells düstere Zukunftsvision

2. Totale Überwachung als gesellschaftliche Funktion
2.1. Zu Michel Foucaults Werk „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“
2.1.1. Das architektonische Konzept des „Panoptikons“
2.1.2. Das „Panoptikon“ als verallgemeinerungs- fähiges Funktionsmodell
2.1.3. Die Bedeutung der „Panoptikonsängste“

3. Die Relevanz des panoptischen Funktions- systems im alltäglichen Leben

4. Die moderne Gesellschaft - eine glückliche Welt der Ordnung?

5. Literaturverzeichnis

1. Der Mensch als Gefangener eines gesellschaftlichen Überwachungs- systems

1.1. Orwells düstere Zukunftsvision

Im Jahre 1949 erschien das Werk „Nineteen Eighty-Four“ von George Orwell, das weltweiten Ruhm erlangte. Darin beschreibt Orwell die zukünftigen Gesellschaftsverhältnisse des Jahres 1984, die durch einen totalitären Überwachungsstaat bestimmt und kontrolliert werden. Die Welt ist insgesamt in drei Supermächte unterteilt, die als totalitäre Staatssysteme die gesamte Bevölkerung beherrschen und überwachen. Ozeanien, der Staat, der in „Nineteen Eighty-Four“ beschrieben wird, stellt einen dieser drei Supermächte dar. Um eine totale Über- wachung gewährleisten zu können, werden Teleschirme an allen öffentlichen Plätzen einge- setzt, die die Menschen zu jeder Zeit beobachten. Außerdem sorgen Mikrofone dafür, dass staatsfeindliche Gespräche überwacht und vermieden werden. Sie werden in sämtlichen Räumlichkeiten angebracht und sind im Gegensatz zu den Teleschirmen für die Überwachten nicht sichtbar.

An oberster Stelle steht als Führer des Überwachungsstaates die von der Staatsmacht konstruierte Figur „Big Brother“. Der Bevölkerung Ozeaniens wird die wahre Existenz dieser Machtfigur vorgetäuscht. Der Slogan „Big Brother is watching you!“ ziert zahlreiche Plakate, die die Menschen täglich an ihre totale Überwachung erinnern und demonstrieren, dass ein Auflehnen gegen die Staatsmacht zwecklos ist.

(Vgl. George Orwell: Nineteen Eighty-Four 1990. London: Penguin Books)

Ist diese von Orwell konstruierte Zukunftsvision eines totalitären Überwachungsstaates nun tatsächlich Realität geworden?

Im Verlauf der vorliegenden Arbeit soll diese Frage diskutiert werden. Das folgende Kapitel beschäftigt sich diesbezüglich mit Michel Foucaults Werk „Überwachen und Strafen. Die Ge- burt des Gefängnisses“, wobei hier der Fokus auf dem Konzept des „Panoptikons“ liegt. Zu- nächst soll geklärt werden, was der Begründer Jeremy Bentham unter einem Panoptikon ver- stand und welche Funktion es erfüllen sollte. Nachfolgend werde ich auf die Bedeutung des panoptischen Konzeptes eingehen, die Foucault in seinem Werk beschreibt. Anschließend nehme ich Bezug auf einen Text von Zygmunt Baumann, der sich mit den sogenannten „Panoptikonsängsten“ beschäftigt. Diese stellen den Ausgangspunkt für das dritte Kapitel dar, in dem erläutert wird, wie präsent die Idee des Panoptikons in der modernen Gesellschaft tat- sächlich noch ist, welche Funktion das Konzept erfüllen soll und welche Probleme damit verbunden sein können. Abschließend wird im vierten Kapitel diskutiert, inwieweit der Einsatz eines panoptischen Konzeptes in der modernen Gesellschaft vertretbar ist und wann aus moralischer Sicht Grenzen überschritten werden.

2. Totale Überwachung als gesellschaftliche Funktion

2.1. Zu Michel Foucaults Werk „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“

Michel Foucaults1 Werk „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ (franz. Originaltitel: „Surveiller et punir. La naissance de la prison“) wurde erstmals 1975 veröffent- licht. Hierin beschäftigt sich Foucault mit dem gesellschaftlichen Strafsystem vorwiegend in England und Frankreich seit Anfang des 17. Jahrhunderts. Er beschreibt die modernen Gesell- schaften als „Disziplinargesellschaften“2. Nach Foucault stellen sie Gebilde dar, die sich vor- nehmlich aus Machtstrukturen zusammensetzen und ständig neue Disziplinartechniken her- vorbringen, die den Menschen überwachen und kontrollieren. Er analysiert in seinem Werk die Entwicklungen des Strafwesens und zeigt die verschiedenen Formen der Kontrolle und Bestrafung auf, die sich seit dem frühen 17. Jahrhundert herausgebildet haben.3 Die modernen „Disziplinargesellschaften“ sind von der Macht der Überwachung und Disziplinierung be- stimmt. Mit dieser Erkenntnis kommt Foucault zu dem Schluss, dass das Gefängnis als Kon- trollinstanz ein Modell für jede Institution darstellt.4 So schreibt er beispielsweise den Psy- chiatrien, Krankenhäusern oder Erziehungsheimen eine ebenso kontrollierende und über- wachende Macht zu.5

In seinem Werk bezieht sich Foucault diesbezüglich auf den von Jeremy Bentham geprägten Begriff des „Panoptikons“, einem Konstruktionsschema zum Bau von Überwachungsanstal- ten.6

2.1.1. Das architektonische Konzept des „Panoptikons“

Der Begriff des Panoptikons wurde im 18. Jahrhundert von dem englischen Philosophen und Juristen Jeremy Bentham (1748-1832) geprägt. Es bezeichnet ein architektonisches Konzept zum Bau von Gefängnissen und ähnlichen Kontrollinstanzen.7 Die Konstruktion besteht aus einem ringförmigen Gebäude, in dessen Mitte ein Wachturm positioniert ist. Das umgrenzen- de Gebäude ist in Zellen unterteilt, an denen jeweils zwei Fenster angebracht sind. Eines die- ser Fenster ist zur Innenseite des Ringgebäudes gerichtet, sodass einem Aufseher vom Turm aus freie Sicht in die Zelleninnenräume gewährt wird. Das andere der beiden Fenster ist nach außen gerichtet. Diese Konstruktion sorgt dafür, dass die Gefangenen in ihren Zellen perma- nent sichtbar sind und unter ständiger Beobachtung der Aufseher stehen. Ihr Verhalten kann damit zu jeder Zeit kontrolliert werden. Da die Mauern, die die einzelnen Zellen voneinander abtrennen, den Kontakt zu anderen Mithäftlingen unterbinden, sind die Gefangenen vollkom- men individualisiert. Die Aufseher selbst sind für die Zelleninsassen nicht sichtbar. Der Ge- fangene „ist Objekt einer Information, niemals Subjekt in einer Kommunikation.“8

Die Kontrollmacht, die durch das Panoptikon garantiert wird, soll den geordneten Zustand unter den Gefangenen sicherstellen. Das Konzept des Panoptikons weist dem Beobachter einen enormen Machtanspruch zu und zwingt den Überwachten zu Disziplin und Einsamkeit. Jede seiner Bewegungen wird kontrolliert, jede Auffälligkeit registriert. Der Gefangene ist einem Leben in Freiheit in jeglicher Hinsicht beraubt worden und gezwungen, sich der Kon- trollgewalt zu unterwerfen.9

Dieser architektonische Entwurf gewährleistet jedoch nicht nur die permanente Überwachung von Verbrechern, sondern ist prinzipiell als wirksame Kontrollmaßnahme anwendbar. Han- delt es sich bei den Gefangenen um Kranke, so wird durch den Einschluss in die Zellen und die damit verhinderte Kontaktaufnahme zu anderen, eine Ansteckungsgefahr vermieden.

Werden Geisteskranke eingesperrt, so können Gewalttätigkeiten unterbunden werden. Bei Kindern sorgt diese Art der Kontrollmaßnahme für ein effektiveres Lernverhalten, indem beispielsweise das Abschreiben oder unnötiges Geschwätz unter den Schülern vermieden wird. Das Panoptikon ist damit ein Überwachungskonzept für jedes anormale Verhalten.10

Michel Foucault nutzt die Idee des Panoptikons, um das Prinzip der gesellschaftlichen Überwachung und der damit verbundenen Machtverhältnisse zu veranschaulichen.

2.1.2. Das „Panoptikon“ als verallgemeinerungsfähiges Funk- tionsmodell

Für Foucault stellt die Idee des Panoptikons nicht nur das architektonische Modell einer Über- wachungs- und Disziplinierungsanlage dar, sondern sie veranschaulicht gleichzeitig auch die Wirkungsweise der Macht. So schreibt er dem Panoptikon die Schaffung von Machtverhält- nissen zu, die ohne aktive Einflussnahme der Machtausübenden aufrechterhalten werden. Die Anlage selbst stellt das automatische Funktionieren der Macht sicher.11 Der Grund hierfür ist folgender: Der zentral positionierte Wachturm ist verdunkelt, sodass die Gefangenen ihre Beobachter nicht sehen können. Sie wissen also nicht, ob und von wem sie gerade beobachtet werden. Die Gefangenen müssen jedoch davon ausgehen, dass sie jederzeit überwacht werden können.12 Dies hat zur Folge, dass sie ihr Verhalten aufgrund der mög- lichen Beobachtung permanent kontrollieren und sich damit selbst disziplinieren. Die Gefan- genen unterwerfen sich somit ihrer eigenen Kontrolle.13

Die eigentliche Macht wird also nicht von einzelnen Personen ausgeübt, sondern der architek- tonische Apparat sorgt dafür, dass sie sich automatisiert.14 Foucault bezeichnet das Panopti- kon daher auch als eine Maschine, die in der Lage ist, selbstständig Machtwirkungen zu er- zeugen. Ihre Beobachtungsmechanismen stellen die Wirksamkeit der Macht sicher. Diese greift in das Verhalten der Menschen ein, korrigiert und verändert es.15 Foucault erklärt, dass es Bentham mit seinem panoptischen Konzept vermutlich um die Er- schaffung einer vollkommenen Disziplinarinstitution ging.16 Er selbst aber erkennt hinter die- ser Konstruktion ein „verallgemeinerungsfähiges Funktionsmodell“17, das innerhalb des ge- samten Gesellschaftskörpers vielseitig einsetzbar ist und die Machtbeziehungen im Alltagsleben der Menschen darstellt.18

[...]


1 Anmerkung: Michel Foucault (1926-1984) war ein franz. Philosoph

2 Vgl. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses [1994]. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag (1. Auflage), S. 269

3 Vgl. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses [1994]. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag (1. Auflage)

4 Vgl. Nico Ernstberger: Der Panoptimismus in Michel Foucaults Werk „Überwachen und Strafen“ [2003/04]. München/Ravensburg: Grin Verlag für akademische Texte, S. 6

5 Vgl. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses [1994]. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag (1. Auflage), S. 292

6 Vgl. Ebd, S. 256-257

7 Vgl. Nico Ernstberger: Der Panoptimismus in Michel Foucaults Werk „Überwachen und Strafen“ [2003/04]. München/Ravensburg: Grin Verlag für akademische Texte, S. 256-257

8 Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses [1994]. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag (1. Auflage), S. 257

9 Vgl. Ebd., S. 256-257

10 Vgl. Ebd., S. 256-258

11 Vgl. Ebd., S. 258

12 Vgl. Ebd., S. 259

13 Vgl. Ebd., S. 260

14 Vgl. Ebd., S. 259

15 Vgl. Ebd., S. 262-263

16 Vgl. Ebd., S. 268

17 Ebd., S. 263

18 Vgl. Ebd., S. 263

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656046806
ISBN (Buch)
9783656046837
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181571
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
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