Lade Inhalt...

Gottfried von Straßburg: Tristan - Eine unerfüllte Liebe?

Entrückung in die Minnegrotte

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aufbau und Darstellung
2.1 Gliederung nach Huber
2.2 Zeit und Raum

3 Minne-Exkurse
3.1 Minnegrotten-Allegorie
3.2 Predigtstruktur und Sakralisierung

4 Symbolik
4.1 Gebäudesymbolik
4.2 Natursymbolik
4.3 Tier- und Jagdsymbolik

5 "Wunschleben"
5.1 Speise- und Geselschaftswunder
5.2 Kurzweil

6 Schlussfolgerungen

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gliederung der Minnegrottenszene bei Gottfried

Abbildung 2: Aufbau der Minnegrotten-Allegorie nach Urbanek

1 Einleitung

Als einer der größten und wohl bekanntesten Liebesromane des deutschen Mittelalters beflügelt die Geschichte von Tristan noch heute die Fantasie ihrer Rezipienten. Gibt es sie, die "wahre Liebe"? Darf diese Liebe nur heimlich im Verborgenen stattfinden und nicht legitimiert werden? Muss sie von Leid erfüllt sein? Und kann man das Rezipieren von traurigen Liebesgeschichten als Ersatz für nicht vorhandenes Liebesleid werten? Sind diese Ansichten heutzutage nicht längst überholt? Und doch! Die Dramatik der Liebenden, die sich nie ganz erreichen können zieht den modernen Leser noch immer in seinen Bann.

Aber was ist eigentlich der Kern dieser Erzählung über die wahre minne ? Viele Fragen kommen beim Lesen von Gottfrieds Tristan auf, doch eine Szene hinterlässt einen wirklich bleibenden Eindruck. Eine Episode voller Symbole und Anspielungen, voller Mehrdeutigkeiten und Einblicke in die Gedankenwelt des Erzählers und seiner Zeit.

Der Aufenthalt von Tristan und Isolde in der Minnegrotte ist der Höhepunkt ihrer körperlichen Liebe.[1] Niemals vorher oder danach können sie sich einander so ungestört hingeben, wie dort. Gerade aufgrund dieser Augenblicke nahezu ungetrübten Glücks spielt diese Szene eine so zentrale Rolle in Gottfrieds Werk. Allerdings sticht die Minnegrottenepisode nicht nur wegen der einmaligen Ungestörtheit des Paares Tristan und Isolde aus dem restlichen Werk hervor. Auch die explizite Auseinandersetzung mit dem Thema minne findet sich am deutlichsten in dieser Szene. Eine Reihe von auktorialen Passagen und ein Exkurs zum Thema Liebe verdeutlichen das Anliegen des Werkes.

In der vorliegenden Arbeit sollen verschiedene Aspekte der Minnegrottenszene angesprochen und erarbeitet werden. Zu Beginn wird der Aufbau der Episode näher betrachtet. Es folgt ein Abschnitt über die drei Minne-Exkurse und die genauere Untersuchung der Minnegrotten-Allegorie. Zum Abschluss soll näher zu den Symbolen im zu untersuchenden Textabschnitt eingegangen werden, sowie zum Speise- und Gesellschaftswunder.

2 Aufbau und Darstellung

In der Literatur gibt es zwei Meinungen über die Einteilung des Minnegrottenaufenthalts. Einerseits wird dieser Teil für sich allein behandelt, andererseits wird er in engem Zusammenhang zum nachfolgenden Teil „Entdeckung und Versöhnung“ gedeutet. Zusammengenommen kann man die beiden Abschnitte auch als Waldlebenepisode bezeichnen.[2] In dieser Arbeit wird letztere Auffassung bevorzugt, da beide Abschnitte inhaltlich so eng zusammengehören, dass man sie auch zusammen untersuchen sollte, um alles zu erfassen. Bezuggenommen wird dementsprechend auf die Verse 16679 bis 17658. Zwichen den Versen 17274 und 17275 gibt es ein Zäsur, die in der neuhochdeutschen Übersetzung grafisch sogar durch den Beginn einer neuen Episode mit eigener Nummerierung und Überschrift gekennzeichnet ist. Im originalen mittelhochdeutschen Text gibt es keine solch explizite Unterteilung in Kapitel, dennoch ist die Zäsur deutlich im Wechsel des Schauplatzes der Erzählung erkennbar und wird somit zur Einleitung einer neuen Handlungseinheit.[3] Der Fokus wird zu Marke geschwenkt und läutet somit das Ende des vollkommenen Wunschlebens ein. Alle darauffolgenden Handlungen leiten unübersehbar zur Entdeckung der Liebenden hin.

Als rahmende Kontrastmotive werden Markes Zorn, welcher die Vertreibung Tristans und Isoldes bedingt und Markes Versöhnung, welche die Rückkehr der Liebenden möglich macht, gewertet.[4]

Die in den Handschriften mit Großbuchstaben gekennzeichneten Abschnitte wurden in der verwendeten Ausgabe[5] beibehalten und dienen als Gliederungseinheiten.

Die gesamte Episode ist durchgehend in stichischer Form gehalten und paarweise gereimt.

Als sprachliche Besonderheit der Waldlebenepisode fallen dem Rezipienten die vielen eng verknüpften Symbole auf, die zum Großteil vom Erzähler direkt gedeutet werden.[6] Außerdem ist eine wiederkehrende Motivik zu erkennen, welche sich durch das ganze Werk zieht. Viele Einschübe, Wiederanknüpfungen und nachträgliche persönliche Kommentare kennzeichnen die vorliegende Episode[7], sowie Schleifen und Schachtelungen als Gliederungsfiguren.[8]

In den nun folgenden beiden Abschnitten wird die Gliederung der Waldlebenepisode und ihre Einordnung in das Raum-Zeit-Gefüge betrachtet.[9]

2.1 Gliederung nach Huber

Die Waldlebenepisode wird von einem schmalen Handlungsfaden durchzogen (Ankunft, Aufenthalt, Rückkehr), der von wiederkehrenden Beschreibungsteilen durchzogen ist.[10] Es finden sich auktoriale Passagen mit der Beschreibung eigener Erfahrungen des Erzählers und die Auslegung einzelner Symbole der Episode.

Der Aufbau der Szene gliedert sich nach Huber wie folgt:

Abbildung 1: Gliederung der Minnegrottenszene bei Gottfried.[11]

Nach Tristans und Isoldes Ankunft an der Minnegrotte erfährt der Rezipient eine sehr ausführliche Beschreibung der Grottenmerkmale. Die Umgebung wird als Lustort[12] charakterisiert, bevor und nachdem der Erzähler die Bedürfnislosigkeit des Paares beschreibt. Als Mittelpunkt der Gliederung wird die Auslegung der Grottensymbolik verstanden, welche durch zwei Abschnitte mit Erfahrungen des Erzählers[13] umrahmt wird. Nach einem weiteren Skizzieren des Lustortes wird auf den Zeitvertreib und die Kurzweil des Paares eingegangen. Sodann beginnt Markes Hirschjagd, welche dazu führt, dass sein Jägermeister die Minnegrotte entdeckt. Nach der erneuten Darstellung der Grotte als Lustort, wird die Schwertlist durchgeführt, welche Marke, der zur Grotte kommt, täuscht und die Rückkehr der Liebenden an den Hof ermöglicht.

Durch das Schema lässt sich erkennen, dass Hubert die Szene als Zentralkomposition[14] auslegt. Er sieht die Grottenauslegung als Kern der Szene und das "rondoartig nur leicht variierte Motiv vom schönen Naturort"[15] als Verknüpfung der anderen Erzählteile und Elemente der Episode.

Wie es sich mit der zeitlichen und räumlichen Einordnung des Aufenthaltes verhält, soll im nächsten Abschnitt beleuchtet werden.

2.2 Zeit und Raum

Die Dauer des Aufenthalts lässt sich nicht konkret bestimmen, da es keinen Anhaltspunkt im Werk über den Verlauf der Zeit gibt. Es wirkt als wäre der Zeitfluss angehalten und die ganze Szene aus dem normalen Handlungsablauf herausgerissen und in eine höhere Ebene verschoben. Der Aufenthalt könnte sehr kurz sein, sich auf wenige Tage beschränken, er könnte aber auch viel länger dauern.[16] Das wird in der Szene nicht ersichtlich.

Auch die räumliche Lage der Minnegrotte erinnert an die aus der realen Welt entrückten wunderbaren Feenreiche keltischen Mythologie.[17] Ein umschließender Felsgürtel bildet nicht nur eine topographische Grenze, sondern auch den Übergang in eine andere Welt. Er stellt einen Bruch zwischen zwei Ebenen der Wirklichkeit dar.[18]

[...]


[1] Kolb. S. 305.

[2] Gruenter. S. 21.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Gottfried.

[6] Im Kapitel 4 "Symbolik" wird auf die einzelnen Symbole näher eingegangen.

[7] Gruenter. S. 45.

[8] Ebd. S. 44.

[9] Huber (2001). S. 99.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Siehe Kapitel 4 "Symbolik"

[13] An dieser Stelle weiche ich ein wenig von Huberts Grafik ab. Ich bezeichne die beiden rahmenden Teile als "Erfahrungen des Erzählers", nicht wie Hubert als "Erfahrung des Autors", da sich nach meiner Auffassung beide Begriffe erheblich unterscheiden und ich in einem literarischen Werk den Erzähler auf keinen Fall mit dem Autor gleichstellen würde. Selbst wenn Gottfried tatsächlich seine eigenen Erfahrungen als Grundlage nimmt, so scheint es mir doch richtiger, den fiktiven Erzähler als eigenständige Instanz zu betrachten.

[14] Huber, S. 99.

[15] Zitat Ebd.

[16] Huber, S. 108.

[17] Huber (2001). S. 107.

[18] Ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656046844
ISBN (Buch)
9783656046905
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181568
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
gottfried straßburg tristan eine liebe entrückung minnegrotte

Autor

Zurück

Titel: Gottfried von Straßburg: Tristan - Eine unerfüllte Liebe?