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Väter und Söhne in Lessings "Philotas"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Struktureller Ausgangspunkt des Philotas
2.1 Die Konzeption der Symmetrie
2.2 Das Personenverzeichnis

3. Vater-Sohn-Konstellationen
3.1 Die Rolle der Väter
3.1.1 Strato
3.1.2 Aridäus
3.1.3 Parmenio
3.2 Die Rolle der Söhne
3.2.1 Philotas als dominante Figur im Stück
3.2.1.1 Die Konfiguration
3.2.1.2 Redeanteile
3.2.2 Philotas als konstituierende Figur der drei Einheiten
3.2.3 Philotas’ Dualismus von Sohnes- und Prinzenrolle
3.2.4 Parmenios Sohn als Gegenentwurf zu Philotas

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Lessings Trauerspielen fällt am Ende der Vorhang über die Leichen der Kinder. Hinter ihnen stehen die Väter. Vom Licht einer Vater-Idee getroffen, werfen sie Schatten, die größer sind als ihre Gestalt.[1]

Lessings 1759 erschienene einaktige Tragödie Philotas „[...] gehört in die Reihe jener Dramen, in denen Lessing auf ästhetische Weise das Geschehen des Siebenjährigen Krieges reflektiert, indem er – meist antike Stoffe aufgreifend – die heroische Verhaltensdisposition problematisiert.“[2]

Neben der Kritik am Heroismus[3] steht, wie in vielen anderen Dramen Lessings auch, ein Vater-Kind-Konflikt im Vordergrund. Sind es sonst Töchter wie Emilia oder Sara, die sich mit einer bestimmten patriarchalen Ordnung auseinandersetzen müssen und an denen Lessing familiäre Binnenkonflikte zu zeigen versucht, skizziert er im Philotas den Konflikt eines in Kriegsgefangenschaft geratenen jungen Prinzen, „[...] der das Erwachsenwerden und damit die Ablösung vom Vater zum Zentrum hat.“[4] Lessing unternimmt also mit der Thematisierung dieses Vater-Sohn-Konfliktes einen Brückenschlag zwischen den Bereichen politisch-öffentlich und familiär-privat, um sein Postulat der Aufklärung der vorherrschenden Helden- und Kriegseuphorie Friedrichs II. gegenüberzustellen: „Ermöglicht wird diese Verbindung durch eine Privatisierung des Ideenkonflikts: der Gegensatz Aufklärung/Heroismus wird einer Vater-Sohn-Beziehung zugeordnet.“[5]

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die besonderen Vater-Sohn-Konstellationen der dramatis personae im Stück herauszuarbeiten und deren dramaturgische Konzeption zu untersuchen. Das Augenmerk wird dabei auf der besonderen Konfiguration liegen, da Lessing nur vier Figuren auch wirklich auf der Bühne auftreten lässt, obgleich weitaus mehr die Handlung bestimmen. Dabei muss neben der auffällig hohen Anzahl von backstage characters, der speziellen Überkreuzsituation der Figuren Beachtung geschenkt werden. Am Anfang der Betrachtungen steht die Analyse der dramentechnischen Ausgangssituation und der symmetrischen Konzeption des Stückes. Anschließend werden die einzelnen Rollen der Väter und die des einzigen auftretenden Sohnes, Philotas, dargestellt und dessen Gebaren als Sohn und Prinz analysiert. Zudem wird bei den folgenden Untersuchungen auch immer der Frage nachzugehen sein, wie Lessing es dramaturgisch zu leisten vermag, Philotas als „schönes Ungeheuer“[6] darzustellen und damit ein Psychogramm eines übersteigerten Heldenethos zu zeichnen.

2. Struktureller Ausgangspunkt des Philotas

2.1 Die Konzeption der Symmetrie

Bei Lessings Philotas handelt es sich um eine auf Symmetrie angelegte Tragödie. Die Handlung, die auf der Bühne gezeigt wird, findet in vergleichbarer Weise noch einmal im Lager von Philotas’ Vater mit Polytimet als Gefangenen statt. Was Wiedemann, etwas negativ konnotiert, als „sehr konstruiert“[7] bezeichnet, ist jedoch für das Stück selbst immanent wichtig, da diese Übereinstimmung erst die Erkenntnismöglichkeit von Aridäus im letzten Auftritt liefern kann.

Im Stück selbst wird diese Gleichheit zuerst von Aridäus erwähnt, der dies als eine Fügung der Götter interpretiert: „[...] allen diesen Vielleicht hat eine höhere Macht vorgebauet [...]. So wollt es das Schicksal! Aus gleichen Waagschalen nahm es auf einmal gleiche Gewichte, und die Schalen bleiben noch gleich.“[8] So genügt es auch, dass Lessing gerade wegen der symmetrischen Konzeption dem Leser bzw. Zuschauer nur eine der beiden Begebenheiten exemplarisch vorführt.

Über die kongruente Ausgangsituation der Ereignisse hinaus, lässt sich auch eine Gleichheit in der Figurenkonzeption annehmen, das heißt, dass die backstage characters Polytimet und Philotas’ Vater sich auf die selbe Weise verhalten wie ihre auf der Bühne präsenten Ebenbilder Philotas und Aridäus: „Die Gleichheit der Söhne und ihrer Lage hat zudem zur Folge, daß alles, was Philotas sagt und tut, immer auch von Polytimet gesagt und getan werden kann [...].“[9] Und die „[...] Gleichheit der Väter ist die notwendige Ergänzung und das positive Gegenstück zur Gleichheit der Söhne.“[10]

Die Pattsituation, die erst im 3. Auftritt der Tragödie thematisiert wird, zeigt eine positive Lösung des Konflikts, nämlich den beidseitigen Gefangenenaustausch, auf, nach der keine der beiden Kriegsparteien einen Vor- oder Nachteil haben würde: „Die tragische Konstellation scheint durch das Patt der kriegsführenden Parteien aufgelöst [...]“[11], so als ob es niemals zu einer gegenseitigen Gefangennahme gekommen wäre. Ja es wird sogar – wiederum von Aridäus – eine Chance auf dauerhaften Frieden zwischen den ehemals befreundeten Herrschern in der momentan Situation gesehen: „Liebenswürdige Kinder sind schon oft die Mittelspersonen zwischen veruneinigten Vätern gewesen.“[12] Aber Philotas – und das ist hier der entscheidende Punkt – vermag diese Möglichkeit nicht zu sehen: „He completely ignores the possiblity that existing hostilities between his father and Aridäus could be solved amicably.“[13]

Er allein[14] ist es, der sich aktiv gegen diese Möglichkeit versperrt, um durch den heroischen Selbstmord die Schande der Gefangennahme wieder gutzumachen und gleichzeitig seinem Vater einen vermeintlichen[15] Kriegsvorteil zu verschaffen. Durch das Insistieren auf diesen heroischen Idealen zerstört Philotas „[...] das Bild des Gleichgewichts – die Waagschalen –, die die Götter, Aridäus und Lessing, mit solcher Mühe errichtet hatten“[16] und wird so zum Demonteur der Symmetrie.

2.2 Das Personenverzeichnis

Mit dem Terminus Personal wird „[...] die Summe der auftretenden Figuren [...]“ bezeichnet, wobei die backstage characters, also diejenigen Figuren, „[...] von denen nur die Rede ist, ohne daß sie je auftreten [...]“[17] ausgeschlossen werden. Blickt man in das Personenverzeichnis des Philotas werden folgende Figuren mit jeweils einer genaueren Beschreibung genannt: „ Aridäus, König; Strato, Feldherr des Aridäus; Philotas, gefangen; Parmenio, Soldat.“[18]

Wider Erwarten steht also nicht Philotas an erster Stelle des Personenverzeichnisses, sondern Aridäus. Eine durchgehend hierarchische Anordnung oder eine Aufstellung, die Bezug zum Titel nimmt und damit den Protagonisten an erster Stelle nennen würde, wie dies sonst in anderen Dramen üblich ist, findet sich im Philotas also nicht. Dagegen nennt Lessing seine Figuren vielmehr in der Reihenfolge wie sie den verschiedenen Kriegsparteien angehören und in dieser Gruppierung wiederum sind diese hierarchisch angeordnet: Aridäus und Strato auf der einen und Philotas und Parmenio auf der anderen Seite der beteiligten Kriegslager.

Eine weitere Auffälligkeit zeigt sich beim Blick auf die Personenbeschreibungen, die im Personenverzeichnis stehen. Wird bei allen anderen eine Standes- bzw. Berufsbezeichnung genannt, steht bei Philotas anstatt der ihm zustehenden Standesbezeichnung ‚Prinz’ nur das Partizip Perfekt ‚gefangen’. Hierzu ergeben sich zwei Deutungsmöglichkeiten: Auf der einen Seite lässt sich ‚gefangen’ als Partizip Perfekt Passiv deuten, was – wenn man die Wendung paraphrasiert – wohl so viel wie ‚Philotas wurde gefangen genommen’ oder ‚er wird nun noch immer gefangen gehalten’ bedeutet. Auf der anderen Seite lässt sich ‚gefangen’ auch als Partizip Perfekt Aktiv, also von Philotas’ Perspektive aus deuten, was dann paraphrasiert wohl ‚er ist gefangen’ bedeuten würde. Darunter lässt sich sicherlich erneut der momentane Freiheitsentzug und der Status des Kriegsgefangen verstehen; jedoch ist dieses ‚gefangen’ darüber hinaus eine Beschreibung von Philotas’ innerer Konstitution und seines Unvermögen, sich aus und von seiner heroischen Determiniertheit zu lösen: „‚Gefangen’ lautet statt der üblichen Standesangabe seine eigene Kennzeichnung in der Liste der dramatis personae, und das charakterisiert neben der äußeren auch seine innere, zutiefst unfreie und verstrickte Verfassung.“[19]

Bei der Lektüre des Philotas fällt überdies auf, dass mehr Figuren die Handlung bestimmen als nur diejenigen, die tatsächlich auf der Bühne präsent sind und im Personenverzeichnis aufgeführt sind. Jeder Bühnenfigur ist nämlich ein backstage character zugeordnet, wodurch eine Art Doppelung des Geschehens im Lager von Philotas’ Vater angedeutet wird.

Überdies wird im Philotas zum einen die spezielle Überkreuzsituation zwischen dem Personal und den backstage characters des Stückes deutlich und zum anderen werden die genealogischen Beziehungen zwischen den Figuren herausgestellt. Es wird also nicht nur einer Figur das entsprechende Pendant im anderen Kriegslager zugeordnet, sondern diese Figur wird gleichzeitig in das Sozialsystem ‚Familie’ als Vater oder Sohn eingeordnet. Folgende Graphik verdeutlicht diesen Sachverhalt und soll die Grundlage für die weiteren Ausführungen bilden:

[...]


[1] Peter Horst Neumann: Der Preis der Mündigkeit. Über Lessings Dramen. Anhang: Über Fanny Hill, Stuttgart 1977, S. 37.

[2] Friedrich Otto Wilhelm Röhrs: Narrative Strukturen in Lessings Dramen. Eine strukturalistische Analyse, Hamburg 1980, S. 351 (Geistes- und sozialwissenschaftliche Dissertationen 57).

[3] An dieser Stelle sei nur kurz auf die verschiedenen Lesarten und Interpretationen hingewiesen, die Lessings Einakter bereits seit seinem Erscheinen bei Zeitgenossen wie Bodmer oder Gleim ausgelöst hat und auch später „[...] als Verherrlichung eines heroischen Selbstopfers in patriotischer Absicht noch bis ins 20. Jahrhundert mißverstanden wurde [...].“; aus: Gerd Hillen: Wertskalen und Wertumbrüche im 18. Jahrhundert. In: The Enlightenment and Its Legacy. Studies in German Literature in Honor of Helga Slessarev, hg. von Sara Friedrichsmeyer und Barbara Becker-Cantarino, Bonn 1991, S. 36 (Modern German studies 17). Einen Überblick über die Rezeptions- und Interpretationsgeschichte des Philotas liefern Dieter Liewerscheidt: Annäherung an Lessings „Philotas“. In: Wirkendes Wort 31 (1981), S.290- 296 sowie Alexander von Bormann: Philotas -Lektüren. Zum Verhältnis von Tragödie und Aufklärung. In: Lessing Yearbook 30 (1998), S. 31-52.

[4] Helmut J. Schneider: Aufklärung der Tragödie. Lessings Philotas. In: Horizonte. Festschrift für Herbert Lehnert, hg. von H. Mundt, E. Schwarz und W.J. Weyman, Tübingen 1990, S. 15.

[5] Neumann: Der Preis der Mündigkeit, S. 30.

[6] Vgl. den Titel von Conrad Wiedemanns Aufsatz „Ein schönes Ungeheuer. Zur Deutung von Lessings Einakter ‚Philotas’“ (In: Germanisch-Romanische-Monatsschrift 48 (1967), S. 381), der wiederum auf eine Äußerung Lessings in einem Brief an Moses Mendelssohn zurückgeht. Dort formuliert Lessing ausdrücklich seine Vorbehalte gegenüber der Reduktion eine auf Bewunderungsaffekte zielenden Dramaturgie, welche die Helden dann nur noch als „schöne Ungeheuer“ zeigen kann: „Sie haben einen zu richtigen Begriff von der menschlichen Natur, als daß Sie nicht alle unempfindliche Helden für schöne Ungeheuer, für mehr als Menschen, aber gar nicht für gute Menschen halten sollten.“; aus: Gotthold Ephraim Lessing: Brief an Moses Mendelssohn vom 28.11.1756. In: ders.: Werke und Briefe in zwölf Bänden, Bd. 11/1: Briefe von und an Lessing 1743-1770, hg. von Helmuth Kiesel unter Mitwirkung von Georg Braungart und Klaus Fischer, Frankfurt/M. 1987, S. 128-133; S. 130.

[7] Wiedemann: Ein schönes Ungeheuer, S. 382.

[8] Gotthold Ephraim Lessing: Philotas. Ein Trauerspiel. In: ders.: Werke und Briefe in zwölf Bänden, Bd. 4: Werke 1758-1759, hg. von Gunter E. Grimm, Frankfurt/M. 1997, S. 9-35; S. 16f.

[9] Gisbert Ter-Nedden: Lessings Trauerspiele. Der Ursprung des modernen Dramas aus dem Geist der Kritik, Stuttgart 1986, S. 154.

[10] Ebd., S. 157.

[11] von Bormann: Philotas -Lektüren, S. 33.

[12] Lessing: Philotas, S. 29.

[13] Gregory H. Wolf: Lessing’s Philotas: A problematization of selfsacrifice within the context of Duty and Honor. In: Michigan Germanic Studies 22 (1996), H. 1, S. 6.

[14] Vgl. Verena Ehrich-Haefeli: Philotas: Streiten nach außen – Streiten nach innen? Tragische Pannen bei der Verinnerlichung bei Lessing. In: Streitkultur. Strategien des Überzeugens im Werk Lessings, hg. von Wolfram Mauser und Günter Saße, Tübingen 1993, S. 223-237. Ehrich-Haefeli zeigt in ihrem Aufsatz die inneren Konflikte von Philotas’ Entscheidung, Suizid zu begehen, auf und relativiert damit die in der Forschung tendenziell eher als unmenschlich angesehenen und nur dem Heroismus verpflichteten Handlungsweisen des jungen Prinzen. So betont Ehrich-Haefeli auch den Einfluss der Sozialisation und der Erziehung, die an der Figur Philotas, wie wir sie als ‚Endprodukt’ auf der Bühne sehen, einen nicht zu vernachlässigenden Anteil haben: „Dabei ist es keineswegs nur der Übereifer des 17-jährigen, dem Gefangensein der Inbegriff von Schande ist, sondern das gilt für die im Stück dargestellte Welt generell [...]. Daß die Werte und Ideale des 17-jährigen Philotas kriegerische sind, das ist also nicht ihm im besonderen anzulasten; er teilt sie mit der Welt von Kriegern, in der er aufgewachsen ist, mit den Vätern, die seit drei Jahren, wie Aridäus sagt, ‚Ströme des Bluts vergossen’ haben. [...] Am Widerspruch zwischen aufklärerischem Gedankengut und Kriegsführung haben alle Figuren teil, nicht nur der Prinz.“ (S. 226f.). Auch Schneider macht darauf aufmerksam, dass „[...] der Held nicht schlechterdings der Familie entgegengesetzt werden [kann], vielmehr ist die Familie (die familiäre Sozialisation) auch als ein Ort zu sehen, an dem ‚Heldentum’ entspringt bzw. sich festsetzen kann.“; aus: Schneider: Aufklärung der Tragödie, S. 14.

[15] Vermeintlich deshalb, weil Philotas sich zum einen nicht bewusst ist, was er seinem Vater emotional mit dem Suizid antut, und zum anderen, weil die Möglichkeit besteht, dass sich Polytimet genau wie er selbst verhalten könnte und damit wieder eine neue Pattsituation entstünde.

[16] Eric Denton: Selbstüberzeugung in Lessings Philotas. In: Streitkultur. Strategien des Über-zeugens im Werk Lessings, hg. von Wolfram Mauser und Günter Saße, Tübingen 1993, S. 216.

[17] Manfred Pfister: Das Drama. 11. Aufl. München 2001, S. 226f.

[18] Lessing: Philotas, S. 10.

[19] Schneider: Aufklärung der Tragödie, S. 12.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656046158
ISBN (Buch)
9783656045878
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181552
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Deutsche Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Lessing Philotas Vater Sohn Konflikt Drama Aufklärung Heroismus

Autor

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