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Der Raum des Verborgenen: Heimlichkeit im Nibelungenlied

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 28 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff der ‚Heimlichkeit’

3. Arten der ‚Heimlichkeit’ im Nibelungenlied
3.1 ‚Positive Heimlichkeit’: Kriemhilds und Siegfrieds minne -Beginn
3.2 ‚Negative Heimlichkeit’
3.2.1 Standeslüge
3.2.2 Werbungsbetrug
3.2.3 Hochzeitsnachtbetrug

4. Instrument der ‚Heimlichkeit’: tarnkappe

5. Auswirkungen der ‚Heimlichkeit’
5.1 Königinnenstreit
5.2 Siegfrieds Tod

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sichtbarkeit ist die immanente Norm der nibelungischen Welt. Wo sie manipuliert oder verfälscht wird, sammeln sich im ersten Teil die Konflikte an, die sich im zweiten entladen. [1]

Wenn Müller bei seiner oben formulierten Hypothese von Verfälschung und Manipulation der Sichtbarkeit[2] im ersten Teil des Nibelungenliedes spricht, so stellt sich die Frage, wie die Konflikte durch Un-Sichtbarkeit, oder anders ausgedrückt, mittels Verborgenheit und ‚Heimlichkeit’ konstruiert werden. Ausgehend von dieser Fragestellung, soll im Folgenden untersucht werden, inwiefern und in welchem Maße ‚Heimlichkeit’ und heimliche Handlungen einen Einfluss auf die im Nibelungenlied entstehenden Konflikte haben und schließlich – als tragischer Höhepunkt der ersten 19 Aventiuren – in Siegfrieds Ermordung münden. Der Tod des niederländischen Königssohnes gibt somit die Betrachtungsgrenze der nachstehenden Analyse vor.

Die ältere deutsche Literaturforschung hat dem Komplex der ‚Heimlichkeit’ als einen wichtigen Baustein zum Verständnis des Nibelungenliedes bereits eine beachtliche Anzahl von Untersuchungen gewidmet. Dies geschah zum einen mittels einer dichotomen Kontrastierung von ‚Öffentlichkeit vs. Heimlichkeit’ und zum anderen durch die Einbettung der ‚Heimlichkeit’ in ein erweitertes Betrachtungsspektrum von Täuschung, List und Betrug.[3]

Der Fokus der folgenden Untersuchung soll – auch in Anbetracht des Umfangs der Arbeit – auf der tatsächlich im Text formulierten ‚Heimlichkeit’ liegen. Dabei sollen die einzelnen und durchaus ambivalenten Stationen, in denen ‚Heimlichkeit’ eine Rolle spielt, analysiert sowie Mittel, Symbole und Orte des Verborgenen in Form und Funktion benannt werden. Des Weiteren werden die beiden entscheidenden Auswirkungen der vorangegangenen ‚Heimlichkeit’ – der Königinnenstreit und die darauf folgende Ermordung Siegfrieds – näher beleuchtet. Zunächst erfolgt ein theoretischer Exkurs, der die Grundlagen für die weiteren Ausführungen bildet.

2. Zum Begriff der ‚Heimlichkeit’

‚Heimlichkeit‘ und die daraus resultierenden Täuschungshandlungen können in einem literarischen Text durch eine Vielzahl von Möglichkeiten und Ausgestaltungen realisiert werden. Ein derart differenziertes Arbeitsschema wie dies Geier in ihrer Arbeit vorgelegt hat, kann freilich nicht als Vorlage für diese Arbeit dienen, sondern muss begrenzt werden.[4]

Daher soll das Augenmerk dieser Arbeit auf der Präsentation der im Text verwendeten und zum Wortfeld der ‚Heimlichkeit’ gehörenden Begriffe liegen und somit „nicht ausdrücklich als Täuschungshandlung bezeichnete, aber durch die Verwendung von bestimmtem Vokabular (tougenliche, heln, heimliche, verdagen,...) als solche charakterisiert[e]“[5] Vorgänge näher betrachtet werden.

Heimliches Handeln stellt sich – so lapidar es klingen mag – als nichtöffentliches Handeln dar. Verborgene Handlungen, Absprachen und Beratungen bleiben im Kreis der um die ‚Heimlichkeit’ der Situation wissenden Personen[6], die damit einen exklusiven Wissensvorsprung[7] gegenüber nichteingeweihten und damit nichtwissenden Personen haben:

Die Begriffe heimlîch, heîmlicheit, heinlîche usw. (ähnlich tougen, tougenheit, tougenlîche usw.) bezeichnen einen Bereich des Handelns und einen Aktionsraum, der der allgemeinen Einsicht und Wahrnehmung entzogen bleibt. Heinlîche (stf.) ist primär der Raum der Nichtöffentlichkeit [...]. Heimlîche (adv.) oder tougenlîche (adv.) ist dementsprechend eine Handlung, die sich nicht öffentlich vollzieht, aber der Öffentlichkeit entzogen, dennoch handlungsbestimmend sein kann.[8]

Der weiter gefasste Begriffsraum um Substantive wie Täuschung, List und Betrug[9] sowie Verben wie verheimlichen, verschweigen und überlisten spielen bei den nachfolgenden Betrachtungen, wenn auch nicht immer expressis verbis erwähnt, eine wichtige Rolle. So zeigt sich gerade im Verlauf der Handlung, wie weit ‚Heimlichkeit’ mit List und Betrug verwoben ist und dass diese Begriffe in einem reziproken Verhältnis zueinander stehen.

3. Arten der ‚Heimlichkeit’ im Nibelungenlied

Es gilt nun die verschiedenen im Text repräsentierten Variationen der ‚Heimlichkeit’ näher zu betrachten. Die hier formulierte Hypothese lautet, dass sich ein anfangs positiv konnotierter Raum der ‚Heimlichkeit’, nämlich die minne -Beziehung zwischen Kriemhild und Siegfried, sukzessive zu einer negativen und schließlich bis zur Ermordung Siegfrieds führenden ‚Heimlichkeit’ entwickelt.[10]

3.1 ‚Positive Heimlichkeit’: Kriemhilds und Siegfrieds minne -Beginn

Durch die Einbettung in die minne -Thematik, erscheint ‚Heimlichkeit’ in den ersten sechs Aventiuren des Nibelungenliedes als positiv und hat nichts mit den sonst verwandten Wortfeldern Täuschung, List und Betrug gemein.[11] Neben der wichtigen öffentlichen Dimension, welche die Minnewerbung einnimmt – denn minne -Werbung ist ein hochöffentlicher und -politischer Vorgang –, hat sie dennoch einen nichtöffentlichen Bereich:

Alle Vorgänge, die irgendwie mit minne zu tun haben, werden mit der Vorstellung des Heimlichen (tougen) verknüpft. [...] denn höfische minne ist ja gerade dadurch definiert, daß sie sich zwar öffentlich, doch als öffentlicher Kontrolle entzogener Bereich artikuliert.[12]

Gerade das, was in der minne -Handlung öffentlich artikuliert wird, entspringt der innersten Gefühlswelt und damit einem nichtöffentlichen Raum der im Inneren der Liebenden liegt.

So artikuliert auch Kriemhild ihre Gedanken und Gefühle gegenüber Siegfried öffentlichkeitsfern:

und ouch in ein die frouwe die er noch gesach, diu im in heimlîche vil dicke güetlichen sprach. (132, 3 f.)[13]

Auch die Informationen, die Kriemhild über Siegfrieds Kampf gegen Liudeger und Liudegast einfordert, erhält sie heimlich, indem sie einen Boten unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu sich kommen lässt:

man hiez der boten einen für Kríemhílde gân.

daz geschach vil tougen; jane torste si über lût,

wan si hete dar under ir liebez herzen trût. (224, 2-4)

Nach Kriemhilds und Siegfrieds erstem Aufeinandertreffen zeigt sich deren tiefe Zuneigung auch in heimlichen Berührungen und Blicken:

Er neic ir flîzeclîche; bi der hende si in vie.

wie rehte minneclîche er bî der frouwen gie!

mit lieben ougen blicken ein ander sâhen an

der herre und ouch diu frouwe: daz wart vil tougenlîch getân. (293)

Wie weit die ersten Berührungen gehen oder gar wie innig sie sind, vermag selbst der Erzähler nicht zu berichten und so bleiben genaue Schilderungen der ersten körperlichen Zärtlichkeiten im Verborgenen:

Wart iht dâ friuntlîche getwungen wîziu hant

von herzen lieber minne? daz ist mir niht bekant.

doch enkan ich niht gelouben daz ez wurde lân.

Si het im holden willen kunt vil schiere getân. (294)

Die hier angeführten Textstellen zeigen deutlich, dass ‚Heimlichkeit’ zu Beginn des Nibelungenliedes ein Ausdruck der gegenseitigen Verbundenheit und damit im und durch den aufrichtigen minne -Kontext positiv besetzt ist: „Heimlicher Blickkontakt und Händedruck signalisieren die Zuneigung, deren persönlicher Charakter gerade durch die betonte Heimlichkeit ausgedrückt wird.“[14]

3.2 ‚Negative Heimlichkeit’

Ende der 6. und zu Beginn 7. Aventiure findet nun jene Bedeutungsverschiebung von ‚Heimlichkeit’ aus einem positiv konnotierten minne -Raum hinein in einen (be)trügerischen und damit auch rechtslosen Raum[15] des Verborgenen statt, die sich in drei Stufen von der Standeslüge als Ausgangspunkt über den Werbungsbetrug bis hin zum Hochzeitsnachtbetrug vollzieht.

3.2.1 Standeslüge

Die Standeslüge lässt sich allgemein als eine listige Handlung beschreiben, die einen zweiten Raum der Nichtwahrheit konstituiert und damit falsche Tatsachen und Sachverhalte vorspielt.[16] Sie ist die entscheidende Voraussetzung – denn Brünhild akzeptiert nur den stärksten Recken als Werber, obgleich es Gunther ja durch die Standeslüge in Wahrheit nicht ist –, um Gunthers Brautwerbung überhaupt erst einmal als solche anzunehmen. Siegfrieds archaisches Wissen über die Verhältnisse in Isenstein und deren Königin Brünhild, dessen Ursprünge dem Leser verborgen bleiben, lassen ihn zur Standeslüge greifen.[17] Bereits vor der Abfahrt nach Isenstein artikuliert Siegfried seinen Plan für eine erfolgreiche Brautwerbung:

Sô wir die minneclîchen bî ir gesinde sehen,

sô sult ir, helde mære, wan einer rede jehen:

Gunther sî mîn herre, und ich sî sîn man.

des er dâ hât gedingen, daz wirdet allez getân. (386)

[...]


[1] Müller, Jan-Dirk: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998, S. 249.

[2] Zum Komplex ‚Sichtbarkeit’ und ‚Zeichen’ im Nibelungenlied vgl. Jönsson, Maren: Die Funktionalität der Zeichen im Nibelungenepos. In: Studia Neophilologica 75 (2003), S. 186-197. Jönsson unterstreicht in ihrem Aufsatz die wichtige Rolle von repräsentativer Sichtbarkeit und ritualisierten Zeichen in der mittelalterlichen Welt: „Das Mittelalter ist bekanntlich ein Zeitalter, in dem der zeichenhaften Kommunikation in nahezu sämtlichen Lebensbereichen eine andere und umfassendere Bedeutung zukommt als heutzutage. [...] Wer an diesem kulturellen System teilnimmt, muss mit anderen Worten davon ausgehen können, dass man im Umgang mit anderen auf die Zeichen vertrauen kann.“ (S. 186). Dass dieses kulturelle System im Nibelungenlied vor allem durch ‚Heimlichkeit’ unterlaufen und schließlich dadurch zerstört wird, soll im Folgenden aufgezeigt werden.

[3] Grundlegend hierzu: Wenzel, Horst: Ze hove und ze holzeoffenlîch und tougen. Zur Darstellung und Deutung des Unhöfischen in der höfischen Epik und im Nibelungenlied. In: Höfische Literatur – Hofgesellschaft – Höfische Lebensformen um 1200: Kolloquium am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld (3. bis 5. November 1983). Hrsg. von Gert Kaiser und Jan-Dirk Müller. Düsseldorf 1986 (Studia humaniora 6), S. 277-300; Müller, Jan-Dirk: Öffentlichkeit und Heimlichkeit im Nibelungenlied. Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörung im Heldenepos. In: Das Öffentliche und Private in der Vormoderne. Hrsg. von Gert Melville und Peter von Moos. Köln 1998 (Norm und Struktur 10), S. 239-259; Geier, Bettina: Täuschungshandlungen im Nibelungenlied. Ein Beitrag zur Differenzierung von List und Betrug. Göppingen 1999 (GAG 659).

[4] Ebd., S. 29 ff.

[5] Ebd., S. 29.

[6] Dass dies bei Kriemhild als sie Hagen von Siegfrieds verwundbarer Stelle in guter Absicht berichtet nicht zutrifft, wird noch zu zeigen sein (vgl. 5.2).

[7] Zum Komplex ‚Wissen’ vgl. zum einen Quast, Bruno: Wissen und Herrschaft. Bemerkungen zur Rationalität des Erzählens im Nibelungenlied. In: Euphorion 96 (2002), H. 3, S. 287-302. Quast betont, dass die Preisgabe von Wissen – und damit einhergehend auch die Aufdeckung heimlichen Wissens sowie die Schaffung neuer heimlicher Wissensstrukturen – die Herrschaftsgefüge in ihren Grundfesten erschüttert und schließlich mit Siegfrieds Tod in der Katastrophe mündet: „Wissen sichert Herrschaft, Wissenspreisgabe dagegen unterminiert deren Fundamente, und dies mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Den regulativen Mechanismus, daß Wissen Herrschaft begründet und umgekehrt die Veräußerung von Wissen Herrschaft demontiert, führt das Nibelungenlied vor Augen [...].“ (S. 287 f.). Zum anderen vgl. Robles, Ingeborg: Subversives weibliches Wissen im „Nibelungenlied“. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 124 (2005), H. 3, S. 360-374. Robles arbeitet in ihrem Aufsatz „die Verlagerung des Wissens von den Männern zu den Frauen heraus“ (S. 368) und zeigt auf, dass sich das zu Beginn des Nibelungenliedes handlungsbestimmende männliche Wissen im Laufe der Geschichte zu einem die männliche Ordnung bedrohenden weiblichen Wissen transformiert und subversiv wirksam wird: „Wissen, das nicht mehr Teil der männlich-heroischen Wissens- und Handlungseinheit ist, erweist sich nur noch als zerstörerisch oder nutzlos.“ (S. 374).

[8] Wenzel: Ze hove, S. 290.

[9] Zur Definition und Abgrenzung der Begriffe Täuschung, List und Betrug untereinander vgl. Geier: Täuschungshandlungen, S. 18 ff.

[10] Müller verweist darauf, dass in der Rückschau auch die heimlichen minne -Handlungen zwischen Kriemhild und Siegfried eine negative Färbung erhalten: „Von der Heimlichkeit des Verrats her fällt aber nachträglich auch ein zweideutiges Licht auf alle voraufgehenden Szenen von Heimlichkeit, selbst die, die mit minne verbunden waren. Zwar muß Heimlichkeit nicht grundsätzlich unter negativem Vorzeichen erscheinen, doch wird sie mit Fortschreiten der Handlung mit dunklen, sich der Sichtbarkeit entziehenden Vorgängen assoziiert.“ (Müller: Spielregeln, S. 288). Müller argumentiert weiter an anderer Stelle, dass deren heimliche minne -Handlungen zudem „Anlaß für jene andere, negativ konnotierte Heimlichkeit [sind]“ (Müller: Öffentlichkeit, S. 249) und somit auch ihre minne selbst als ambivalent erscheint. Die Tatsache, dass Siegfried ja gerade durch die Rolle als Werbungshelfer für Gunther den minne -Dienst an Kriemhild leistet (vgl. Strohschneider, Peter: Einfache Regeln – komplexe Strukturen. Ein strukturanalytisches Experiment zum ’Nibelungenlied’. In: Mediävistische Komparatistik. Festschrift für Franz Josef Worstbrock zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Wolfgang Harms und Jan-Dirk Müller. Stuttgart 1997, S. 43-75, hier S. 53 f.) und die folgenschwere Standeslüge als einen Garant für Gunthers Brautwerbungserfolg konstruiert (vgl. bes. die Strophen 386 und 420), soll demnach ein negatives Licht auf Kriemhilds und Siegfrieds heimliche minne -Handlungen fallen lassen. M. E. jedoch stellt dies nicht den ersten Baustein zu einer sich entwickelnden Bewertungsverschiebung der ‚Heimlichkeit’ dar, sondern deren erste heimliche Blicke und zärtlichen Berührungen bilden vielmehr einen positiven Gegenpart zu den in den nachfolgenden Aventiuren stattfindenden heimlichen Handlungen. Die minne zwischen Kriemhild und Siegfried erscheint als rein und absolut und verliert gerade nicht, sondern gewinnt eher durch die ‚Heimlichkeit’ an Glaubwürdigkeit. Eine solche retrospektive Relativierung wie sie Müller vornimmt würde also nicht hinreichend die Aufrichtigkeit und Intensität ihrer Gefühle füreinander berücksichtigen. Jedoch ist Geier zuzustimmen, wenn sie Siegfrieds Werbungsweise wie folgt charakterisiert: „Allein die Art, wie Siegfried diese minne zu erlangen sucht, ist negativ zu sehen: Siegfried kann nicht ’normal’ um Kriemhild werben, obwohl die Werbung an sich kein Problem wäre, da keine offensichtlichen Hindernisse oder Gefahren bekannt sind [...]. Erst auf dem Umweg der Werbungshilfe für Gunther, die den höfischen dienest-lôn -Gedanken pervertiert, kann er Kriemhild schließlich erlangen.“ (Geier: Täuschungshandlungen, S. 84 f.).

[11] Auch die beiden anderen Szenen, in denen ‚Heimlichkeit’ in den ersten sechs Aventiuren vorkommt, jedoch direkt nichts mit der minne -Beziehung zwischen Kriemhild und Siegfried zu tun haben, erweisen sich nicht als negativ, sondern zeugen zum einen von politischer Taktik: Gunthere dem rîchen wart leide genuoc. / die rede er tougenlîchen in sîme herzen truoc. (148, 1 f.), und zum anderen von der beginnenden Loyalität Siegfrieds gegenüber Gunther: »Jane mac ich allen liuten die swære niht gesagen, / die ich muoz tougenlîche in mîme herzen tragen. / man sol stæten friunden klagen herzen nôt.« (155, 1-3)

[12] Müller: Öffentlichkeit, S. 246.

[13] Zitiert wird mit Angabe der Strophen und Verse nach: Das Nibelungenlied, 1. Teil. Hrsg., übersetzt und mit einem Anhang versehen von Helmut Brackert. 29. Aufl. Frankfurt/M. 2004.

[14] Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart 2003, S. 158.

[15] Vgl. Wenzel: Ze hove: „Die Handlung, die sich öffentlich und ungetarnt vollzieht, hat demgegenüber [gegenüber sich nicht öffentlich vollziehenden Handlungen] rechtssetzende oder -verleugnende Kraft, sie ist in ihrer Faktizität gesichert durch ihre Sichtbarkeit und Überprüfbarkeit. [...] Dem Raum der Öffentlichkeit zugeordnet ist die rechtsgarantierende und -kontrollierende Zeugenschaft des Hofes und dementsprechend auch das Licht, die Möglichkeit des Hörens und Sehens.“ (S. 290).

[16] Eine differenzierte Kategorisierung von List und Täuschungshandlungen – neben Geier – liefert Semmler, Hartmut: Listmotive in der mittelhochdeutschen Epik. Zum Wandel ethischer Normen im Spiegel der Literatur. Berlin 1991 (Philologische Studien und Quellen 122). Auf der handlungs-beschreibenden Ebene erweist sich die Standeslüge als eine Mischform aus „kluge[m] Handeln“ und „schützende[m] Handeln“ bzw. „Schutzlist“ (S. 33 f.). Siegfried will die Interessen Gunthers – immer im Hinblick auf die ihm dann als Entlohnung versprochene Kriemhild – mittels einer Strategie (die Standeslüge bildet nur den Beginn weiterer strategischer Handlungen, es folgen noch der publikumswirksam inszenierte Stratorendienst und mehrere Einsätze der tarnkappe) durchsetzen („kluges Handeln“). Die Aufrichtigkeit ist also nicht mehr gegeben und die Getäuschte (Brünhild) wird somit bei der Wahrnehmung ihrer Interessen, nämlich nur den stärksten als Werber zu akzeptieren, hintergangen („schützendes Handeln“ bzw. „Schutzlist“). Schließlich lässt sich die Standeslüge unter sprachlichen Aspekten als „Einsatz von falscher Aussage auf der Sachebene“ (S. 45) und bezüglich der Täuschungsintention als „Verschleiern der Identität“ (S. 53) beschreiben.

[17] Vgl. Müller, Jan-Dirk: Das Nibelungenlied. In: Interpretationen: Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen. Hrsg. von Horst Brunner. Stuttgart 2004, S. 146-172: „Daß Siegfried ‚Bescheid weiß’ über Brünhild und Isenstein, heißt nicht, daß er dort gewesen sein muß, sondern ergibt sich aus der Rolle, die ihm zugewachsen ist: Hagen als überlegenen Ratgeber und Helfer des Königs zu ersetzen. ‚Wissen’ ist Teil der Helferrolle im Schema ‚gefährliche Brautwerbung’. Dieser Rolle entspricht der ständische Rang eines man. Diesen Zusammenhang spielt Siegfried konsequent vor. Die Standeslüge gehört notwendig zum Betrug.“ (S. 156).

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656046189
ISBN (Buch)
9783656045892
Dateigröße
870 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181546
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Nibelungenlied Heimlichkeit Siegfried Standeslüge Königinnenstreit

Autor

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