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Die Glorious Revolution 1688-1689

Hausarbeit 2005 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Die Glorious Revolution 1688-1689

I. Einleitung

„That stupendous revolution in England“ – so nennt ein zeitgenössischer Autor die Ereignisse der Jahre 1688/89 in seiner Heimat1 und beschreibt treffend die euphorische Stimmung, die in London bei der Ankunft Wilhelms III. im Dezember 1688 herrschte. Inzwischen sind 321 Jahre vergangen, und die Glorious Revolution steht in der öffent-lichen Wahrnehmung eher im Schatten der ihr vorangegangenen Englischen Revolution und der nachfolgenden Amerikanischen, ganz zu schweigen der Französischen Revolution. Auch in der Historiographie wurde ihr ernsthafte Betrachtung verweigert, ihre Bewertung schwankte lange Zeit zwischen „a rather squalid palace coup“ und „an unheroic [...] arrangement which made minor changes in the succession of the throne“2, und erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wächst die Erkenntnis, dass die Glorious Revolution hinsichtlich ihrer Nachwirkungen von größerer Bedeutung war als die Englische von 1640. Karl II. und Jakob II. konnten die Monarchie trotz dieses Aufstandes deutlich stärken, letzterer allerdings überzog seine unpopuläre Politik in einem solchen Maße, dass sich Gegner (Whigs und Tories) gegen ihn verbündeten und so die Glorious Revolution einleiteten. Ihre Bedeutung für die Entwicklung des britischen Parlamentarismus kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ging es bei der Englischen Revolution 1640/60 um einen Machtkampf innerhalb der herrschenden Klasse um Monarchie und Parlamentarismus sowie Anglikanern und Dissenters, bei der Amerikanischen 1776/83 um die Loslösung der nordamerikanischen Kolonien vom englischen Mutterland und bei der Französischen Revolution 1789 um die Abschaffung des Absolutismus und die Umsetzung der Werte der Aufklärung, besteht in der historischen Forschung inzwischen allgemeiner Konsens darüber, dass die Glorious Revolution einen entscheidenden Höhepunkt im Kampf zwischen Parlamentarismus und Königtum in England darstellt, auch wenn er erst im 18. und 19. Jahrhundert definitiv zugunsten des Parlaments entschieden wird.3

II. Vorgeschichte der Glorious Revolution 1660-1689

II.1 Die Regierung Karls II. 1660-1685

Um die Gründe für die Krise von 1688/89 zu verstehen, ist es erforderlich, die Restaura-tion der Stuart-Monarchie durch Karl II. ab 1660 zu beleuchten. Eingeleitet wurde sie durch den Beschluss des Konventionsparlaments, dem Wunsch der englischen Gesellschaft entsprechend zur monarchischen Regierungsform zurückzukehren - die vorangegangenen 20 Jahre hatten durch den Bürgerkrieg und die Herrschaft des Lord Protector Oliver Cromwell das Land in zwei feindliche Lager gespalten, den Befürwortern der Monarchie und denen des Parlamentarismus. Dieser Gegensatz löste sich jedoch durch die Einsetzung Karls II. als König nicht auf, sondern schwelte weiter und manifestierte sich in der Auseinandersetzung um die Machtbefugnisse, die ihm zuzubilligen waren: sollte seine Macht beschnitten und dem Parlament untergeordnet oder ihm ein tendenziell absolutistischer Status wie zu Beginn der Regierung Karls I. zugestanden werden? Man einigte sich zwar auf die königlichen Kompetenzen aus der Verfassung von 1641, allerdings, ohne sie in der erforderlichen Weise zu präzisieren, so dass zahlreiche so entstandene Grauzonen bereits den Keim späterer Konflikte in sich trugen.

Als wahrhaft belastend erwies sich jedoch die in der Zeit von Bürgerkrieg und Interregnum nicht gelöste religiöse Frage. In der englischen Gesellschaft war die Restauration des Hauses Stuart zwar grundsätzlich positiv aufgenommen worden, aber bezüglich der künftigen Glaubensverfassung gingen die Erwartungen von Presbyterianern, Separatisten und Anglikanern weit auseinander: die Presbyterianer, denen Karl II. trotz seiner bekannten Neigung zum Katholizismus größtenteils seine Rückkehr auf den Thron zu verdanken hatte, wünschten eine nach innen (bezüglich der individuellen religiösen Praxis) tolerante, gegenüber anderen Glaubensrichtungen jedoch unnachgiebige Einheitskirche; die einzelnen separatistischen Gruppen erwarteten die Umsetzung der 1660 in der Deklaration von Breda zugesagten Generalamnestie und Religionsfreiheit. Einzig die Anglikaner konnten ihre Vorstellung von einer Staatskirche mit strenger hierarchischer Struktur wie vor 1640 durchsetzen, die u.a. durch den Clarendon Code zur Diskriminierung der Dissenter führte. So ziehen sich die bereits unter Jakob I. (1603 – 1625) manifesten religiösen Konflikte kontinuierlich durch das 17. Jahrhundert, jedoch nicht im Sinne konkreter Gegensätze Anglikaner contra Dissenter, vielmehr bilden sich in der Restauration zwei Lager mit unterschiedlichen Ansichten darüber, ob der Nonkonformismus geduldet werden dürfe oder nicht, deren Grenzen mitten durch die religiösen Gruppierungen verliefen.

Der im Herbst 1678 enthüllte sogenannte Popish Plot, ein vorgeblicher Mordanschlag katholischer Kreise auf die Protestanten, erschütterte dieses fragile Gleichgewicht und fand in einer sensibilisierten Öffentlichkeit starke Resonanz, die sich insbesondere auf die Konfessionsfrage in der Erbfolge konzentrierte. Die Vorstellung, der katholische Herzog von York, Bruder des Königs und sein legitimer Nachfolger, könnte das protestantische Land regieren, wurde zur Horrorvision und führte zu einer aufgeheizten antikatholischen Stimmung sowie zu politischen Pressionen gegen Parlamentsmitglieder mit dem Ziel, Jakob, den Herzog von York, von der Thronfolge auszuschließen. Karl II. löste 1679 das 1661 gewählte Kavaliersparlament auf, berief aber anschließend drei weitere, in denen die sogenannten Exclusionists sich nachdrücklich dafür einsetzten, die protestantische Konfession als conditio sine qua non für den Anspruch auf den Thron festzuschreiben. Die hieraus erwachsene Exclusion Crisis bedeutete nicht nur eine nachhaltige Bedrohung für die etablierte Restauration, sondern auch eine Verschärfung des Gegensatzes zwischen Whigs und Tories im Parlament. Allerdings verliefen die Fronten nicht in einer klaren, eindeutigen Linie – selbstverständlich unterstützten die Whigs eine Vormachtstellung des Parlaments, und die Tories billigten dem König durchaus absolutistische Befugnisse zu. Jedoch waren sich beide politischen Gruppierungen dahingehend einig, dass sie gemeinsam gegen popery und arbitrary government eintraten. Was sie vor allem trennte, war der Umgang mit der religiösen Frage – die Whigs unterstützten die Dissenter und lehnten die Intoleranz eines Teiles der Anglikaner ab, während die Tories die in der Restauration eingeführte anglikanische Staatskirche definitiv etablieren wollten. Sie fürchteten eher die Aktionen der Whigs und Nonkonformisten als die Möglichkeit einer katholischen Thronfolge.

Auf Grund der Propaganda der Tories wandelte sich zwischen 1678 und 1681 die öffentliche Meinung, die sich von den Exclusionists abwandte. Karl II. seinerseits gelang es, Nonkonformisten und Whigs an den Rand zu drängen – der Rye House Plot, eine Verschwörung gegen den König und seinen Bruder, konnte niedergeschlagen werden, bedeutende Vertreter der Whigs wurden hingerichtet, andere gingen ins Exil. Dadurch, dass der König keine weiteren Parlamente einberief, entzog er den Whigs ihr politisches Forum. Um diese Maßnahmen abzurunden, verstärkte er die Umsetzung der Gesetze gegen die Dissenter, so dass er ein beständiges innenpolitisches Klima etablieren konnte, in dem die Tories die Oberhand hatten.

Karl II. starb am 6. Februar 1685, nachdem er auf dem Sterbebett zum Katholizismus konvertiert war.

II.2 Die Regierung Jakobs II. 1685-1689 und die Glorious Revolution

Nach dem Tod seines Bruders übernahm Jakob II. eine gefestigte und stabile Monarchie, und es stellt sich die Frage, wie es geschehen konnte, dass er innerhalb von nur drei Jahren das Lebenswerk seines Vorgängers zunichte machen konnte. Kaspar von Greyerz macht diese unterschiedliche Erfolgsbilanz der beiden Brüder an ihren unterschiedlichen Charakteren und Zielen fest4. So setzte Jakob II. zunächst die von seinem Bruder eingeleitete Politik der Diskriminierung von Whigs und Dissenters fort, um sich der Treue der Tories zu versichern. Er unterdrückte erfolgreich einen Aufstand des Herzogs von Monmouth, eines illegitimen Sohnes Karls II., im Südwesten Englands, und griff in die Verfassung der Kommunen ein, um sich bei künftigen Wahlen Vorteile zu verschaffen, so dass bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 1685 königs- und kirchentreue Tories eine Mehrheit errangen. Allerdings traf er bereits im Herbst desselben Jahres Entscheidungen, durch die er sich die Gewogenheit dieser Kreise wieder verscherzte. Das war zum einen der Ausbau eines stehenden Heeres, das allgemein abgelehnt wurde, da es in Friedenszeiten als Kennzeichen absolutistischer Herrschaft galt und eine Belastung des sog. „einfachen Mannes“ durch Einquartierungen, Übergriffe, Krieg, zusätzliche Steuern etc. bedeutete, und zum zweiten seine Rekatholisierungsversuche durch Besetzung leitender Posten im Heer mit Katholiken sowie deren Zulassung zu Hof- und Staatsämtern, was im Widerspruch zu den Test Acts von 1673 und 1678 stand. Der durch diese Maßnahme entstandenen Entfremdung zwischen den Tories und der Krone versuchte Jakob II. durch eine radikale Umkehr seiner Politik zu begegnen – er wandte sich nun den Whigs und den Dissenters zu, um sie als Bundesgenossen zu gewinnen. Am 4. April 1687 erließ er die erste Declaration of Indulgence, das bedeutete die Aufhebung der Gesetze zur Verfolgung der Dissenter und Katholiken, und entließ das 1685 gewählte, von anglikanischen Tories beherrschte Parlament. Seiner Überzeugung nach konnte die anglikanische Kirche ihre Anhänger nur durch Zwang halten, so dass die Toleranzerklärung durch die darin enthaltene Aufhebung der Vorrangstellung der Staatskirche massive Übertritte zum Katholizismus und das Auseinanderfallen der anglikanischen Kirche zur Folge haben würde. Auf diese Weise würde die Reputation des Protestantismus beschädigt und in aller Öffentlichkeit deutlich, dass Ordnung und Moral nur innerhalb der „wahren“, also der katholischen Kirche möglich war. Diese Hoffnung erwies sich als Trugschluss, denn der Nonkonformismus war inzwischen in der Bevölkerung tief verwurzelt und wurde in zahlreichen freikirchlichen Gemeinden mit einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl gelebt. Daher war die schwerwiegendste Folge seiner Politik die Störung des ohnehin prekären Konsenses zwischen Krone und traditionaler Führungsschicht. Das zeigte sich, als er am 27. April 1688 eine zweite Declaration of Indulgence zugunsten von Dissentern und Katholiken erließ und sich der Klerus mehrheitlich seiner Anweisung verweigerte, sie von der Kanzel zu verlesen. Jakob II. machte einigen der protestierenden Bischöfen den Prozess, aber das Gericht sprach sie frei. Für den König bedeutete dieser Richterspruch einen erheblichen Autoritäts- und Ansehensverlust.

Die Krise spitze sich zu, als am 10. Juni 1688 Jakobs II. zweite Gemahlin, die Katholikin Maria von Modena, einen Sohn gebar, der die Namen James Francis Edward erhielt. Nicht nur, dass daraufhin die Angst vor einer katholischen Erbfolge wuchs – da Jakob II. es entgegen dem allgemeinen Brauch versäumt hatte, der Entbindung neutrale Zeugen beiwohnen zu lassen, wurden sofort Gerüchte in Umlauf gesetzt, dass es sich bei dem Neugeborenen nicht um Jakobs leiblichen Sohn handelte, sondern das Kind der Mutter von Jesuiten untergeschoben worden war. Die im Grunde verfeindeten Whigs und Tories schlossen sich zusammen, und eine Gruppe führender Peers schrieb dem Statthalter der Vereinigten Niederlande Wilhelm von Oranien (verheiratet mit der protestantischen Maria, der ältesten Tochter Jakobs II. aus erster Ehe mit Anne Hyde und selber Enkel Karls I.) am 30. Juni 1688 einen „Einladungsbrief“5 mit der Bitte, einzugreifen und Jakob II. dazu zu bewegen, seine Politik zu ändern. Wilhelm III. hatte in den Niederlanden zwar die Verschlechterung des politischen Klimas in England beobachtet und eine militärische Intervention erwogen, es aber vorgezogen, auf die Zusicherung politischer Unterstützung im Lande selbst zu warten. Er hatte auch damit gerechnet, dass seine Gemahlin in Ermangelung eines männlichen Nachkommen im Falle der Absetzung Jakobs II. Thronfolgerin und er selbst Mitregent würde – die Geburt des katholischen Thronfolgers hatte die Lage jedoch völlig verändert. Nun drohte die Gefahr, dass sich durch die Etablierung einer katholischen Dynastie in England das politische Gleichgewicht Europas zugunsten der katholisch-absolutistischen Richtung verschob und die protestantisch-parlamentarische ins Hintertreffen geriet.

So veröffentlichte Wilhelm von Oranien am 20. September 1688 in Den Haag eine Proklamation, in der er als Vertreter des protestantischen England, der überkommenen englischen Freiheiten und des traditionellen Rechtssystems auftrat. Er begann, in den Niederlanden Truppen zusammenzuziehen, und landete am 19. Oktober 1688 mit etwa 15.000 Mann und 400 Schiffen in England.6 Obwohl Jakob II. sich auf sein gezielt ausgebautes Heer stützen konnte, gelang Wilhelm von Oranien mit seiner professionellen Armee der Durchbruch. Ihre Übermacht und Stoßkraft bewog einige hohe Militärs aus Jakobs II. Heer, die Fronten zu wechseln. Gegen Jahresende kam es im Land bereits zu vereinzelten Aufständen gegen Jakob II., der nun versuchte, durch Zurücknahme einiger politischer Maßnahmen seine Gegner zu besänftigen. Er hob Dekrete gegen Tories und Anglikaner auf, aber es war zu spät, zumal Auslöser und Sinn dieser Anordnungen zu klar ersichtlich waren, und sie verfehlten ihren Zweck. Am 11. Dezember versucht Jakob, nach Frankreich zu fliehen, wird aber an der Küste gefasst und am 16. Dezember nach London zurückgebracht, wo ihn ein Teil seiner Untertanen mit Jubel empfängt. Am 18. Dezember 1688 schließlich zieht Wilhelm III. in London ein, und fünf Tage später kommt es zu Jakobs II. von Wilhelm insgeheim geduldeter Flucht ins französische Exil.

Nach den Kämpfen bei Wilhelms Landung im November 1688 finden während der Glorious Revolution keine weiteren militärischen, sondern ausschließlich politische Auseinandersetzungen statt – das Ausbleiben weiteren Blutvergießens begründet bei diesem Ereignis das Prädikat glorious. Am 24. Dezember 1688 fordern Mitglieder des Oberhauses Wilhelm III. auf, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen und Parlamentswahlen auszuschreiben, er willigt aber erst ein, als auch Mitglieder des Unterhauses und das politische Establishment sich der Bitte anschließen. Wilhelm von Oranien schreibt Wahlen aus, die zur Bildung des erstmals am 22. Januar zusammentretenden Konventionsparlaments führen. Hier soll nun über die Frage der Thronfolge entschieden werden. Als erstes wird einstimmig beschlossen, Jakobs II. Sohn von der Thronfolge auszuschließen – weniger wegen möglicher Zweifel an seiner tatsächlichen Abstammung, sondern weil er katholisch war. Bei dieser Gelegenheit wird auch verfügt, dass Katholiken künftig grundsätzlich nicht den englischen Thron besteigen dürften, denn „[...] it hath been found, by experience, to be inconsistent with the safety and the welfare of this protestant kingdom to be governed by a popish prince.“7 Schwieriger zu lösen war das Problem, ob Jakobs II. protestantische Tochter Maria allein oder gemeinsam mit ihrem Gemahl die Thronfolge antreten sollte. Nach heftigen Auseinandersetzungen, sowohl zwischen Ober- und Unterhaus als auch zwischen Whigs und Tories, über die Frage, ob Jakobs II. Flucht als „abdication“ oder „desertion“ zu gelten hätte, wurde am 28.1./6.2.1689 die verfassungsrechtliche Situation nach Jakobs II. Flucht in einer Resolution folgendermaßen beschrieben:

„That king James the second, having endeavoured to subvert the constitution of the kingdom, by breaking the original con-tract, between king and people, and having withdrawn himself out of this kingdom, has abdicated the government, and that the throne is thereby vacant”8.

Diese Resolution gehört zu den herausragenden Dokumenten der Glorreichen Revolution und gilt als Beweis für den erzielten Konsens, in dem Whigs wie Tories ihre unterschiedlichen verfassungsrechtlichen Vorstellungen verwirklichen konnten. Für die Tories bedeutete „abdicated“, dass der Monarch freiwillig auf den Thron verzichtet hatte, also nicht mit Gewalt vertrieben worden war – sie bevorzugten zwar den Begriff „deserted“, da dies dem König die Möglichkeit zur Rückkehr geboten hätte (worauf sie insgeheim hofften), konnten sich aber damit nicht behaupten. Die Whigs bestanden auf „abdicated“, weil nach ihrem Verständnis Jakob II. den Vertrag zwischen König und Volk, auf dem die Monarchie beruhte, gebrochen hatte, so dass der Verzicht auf den Thron endgültig sein musste. Um ihrer Vorstellung Nachdruck zu verleihen, drangen sie darauf, die Formulierung „the throne is vacant“ aufzunehmen, welche die Tories gestrichen sehen wollten, und setzten sich durch. Die Eliminierung dieser Formel hätte bedeutet, dass es keine Vakanz auf dem englischen Thron gab, so dass Wilhelm nicht hätte gewählt werden können. Nach dem dynastischen Prinzip wäre Maria zur Nachfolge ihres Vaters berechtigt gewesen, was wiederum für Wilhelm lediglich die Rolle eines beratenden Prinzgemahls übrig gelassen hätte. Erst nachdem Wilhelm damit drohte, in die Niederlande zurückzukehren, falls man ihm nicht zusammen mit seiner Gemahlin den Thron anböte, einigten sich Ober- und Unterhaus und erklärten den Thron für vakant, nicht zuletzt, weil auch Maria nachdrücklich für diese Lösung eintrat.

Am 13. Februar 1689 bot das Konventionsparlament Wilhelm III. und Maria im Banqueting House die englische Krone an, wobei Wilhelm die Amtsgeschäfte allein führen sollte. Die englische Monarchie war somit zur Wahlmonarchie geworden, fortan beruhte das Königtum nicht mehr auf Erbrecht oder Gottesgnadentum, sondern wurde vom Parlament verliehen. Bei der gleichen Zeremonie wurde Wilhelm und Maria die Declaration of Rights vorgelegt.

Die Declaration of Rights ist eines der bedeutendsten Dokumente der englischen Verfassungsgeschichte und entspringt dem Wunsch, Rechte und Pflichten des Monarchen explizit festzulegen. Sie enthielt zwar zum Teil überkommenes Rechtsgut: ein Verbot der Aufhebung von Gesetzen oder Erhebung von Steuern ohne Zustimmung des Parlaments, Petitionsfreiheit gegenüber der Krone, das Recht der Protestanten, Waffen zu tragen (für das Fortbestehen des Milizsystems erforderlich), das Recht auf freie Wahl des Parlaments, ein Verbot überzogener und grausamer Strafen sowie Geldbußen - aber auch zahlreiche neue Bestimmungen: die Illegalisierung königlicher Ausnahmegesetze, das Verbot, in Friedenszeiten ein stehendes Heer zu unterhalten, das Gebot, Geschworene in Strafprozessen rechtsförmig auszuwählen, eine Bekräftigung der parlamentarischen Freiheiten (Recht auf freie Wahl, freie Rede, frequent parliaments), den Ausschluss von Katholiken von der Thronfolge und die Stärkung der Rechte des Individuums.

Mit diesen Bestimmungen wurden die Rechte der Monarchie eingeschränkt und die des Parlaments im Sinne liberaler Grundsätze gestärkt. Wilhelm seinerseits betonte in der Ansprache, die er nach dieser Zeremonie hielt, die Integrität der monarchischen Gewalt, erklärte sich bereit, gemeinsam mit seiner Gemahlin die Krone anzunehmen und versprach anschließend, Rechte, Freiheit und Glauben seiner Untertanen zu schützen und zu respektieren. Die Reihenfolge dieser Punkte war wohl überlegt, denn er wollte damit dokumentieren, dass die Anerkennung der Declaration of Rights nach der Annahme der Krone rangierte, also keine Bedingung dafür gewesen war. Dennoch wurde in ihr als Verfassungsgrundsatz festgeschrieben, dass der König nicht über dem Gesetz stehe, sondern wie seine Untertanen dem „due process of law“ unterworfen sei, und sie verhinderte die Entwicklung absolutistischer Tendenzen wie unter Karl II. und Jakob II., zumal als sie im Herbst 1689 als Bill of Rights9 Gesetzeskraft erlangte. Gleichsam sinnbildlich für diesen Wandel war die Zeremonie am 11. April 1689, anlässlich der Wilhelm von Oranien und seine Gemahlin Maria gekrönt wurden. Zum ersten Mal wohnten ihr auch Mitglieder des Unterhauses bei, und Wilhelm und Maria leisteten nicht, wie vorangegangene Monarchen, einen Eid auf selbst erlassene Gesetze, sondern schworen „to govern the people of this kingdom of England [...] according to the statutes in parliament agreed on, and the laws and customs of the same“.10 So begann eine Verfassungsentwicklung zugunsten des Parlamentarismus und - langfristig – der konstitutionellen Monarchie.

[...]


1 Zit. nach Israel, Jonathan I.: General introduction. In: Israel, Jonathan I.: The Anglo-Dutch moment. Essays on the Glorious Revolution and its world impact. Cambridge [etc.] 1991, S. 1

2 Dickinson, Harry T.: How revolutionary was the „Glorious Revolution“ of 1688). In: British journal for eighteenth century studies 11. 1988, S. 125

3 Zur gesamten Vorgeschichte s. Hellmuth, Eckhart: Die Glorreiche Revolution 1688/89. In: Wende, Peter [Hrsg.]: Große Revolutionen der Geschichte. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. München 2000, S. 82- 100; Greyerz, Kaspar von: England im Jahrhundert der Revolutionen 1603-1714. Stuttgart 1995, S. 200- 243

4 Greyerz, (wie Anm. 1), S. 220: „Im Gegensatz zu seinem Bruder, dem Höfling, [...], entsprach Jakob II. in seinem Wesen viel eher dem Typus des adligen Offiziers: Direkt und offen [...], zäh in der Verfol- gung seiner Ziele bis hin zur Engstirnigkeit und [...] erst kompromissbereit, als er das Spiel im Spätsommer 1688 bereits verloren hatte. [...] Grundlegend für das Verständnis Jakobs II. und seines politischen Handelns ist seine Treue zum Katholizismus.“

5 Geschichte in Quellen 3.- Renaissance, Glaubenskämpfe, Absolutismus. Bearb. von Fritz Dickmann. München 1966, Nr. 227, S. 493

6 Geschichte in Quellen 3 (wie Anm. 5), Nr. 228, S. 493

7 Zit. nach Hellmuth, Eckart (wie Anm. 1), S. 93

8 Ibidem

9 Geschichte in Quellen 3 (wie Anm. 5), Nr. 228, S. 494

10 Zit. nach Hellmuth (wie Anm. 1), S. 97

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656044574
ISBN (Buch)
9783656044604
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181486
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
Schlagworte
glorious revolution

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Titel: Die Glorious Revolution 1688-1689