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Muslimische Kriegsgefangene in Deutschland im Ersten Weltkrieg

Bachelorarbeit 2011 38 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1.0 Muslime im Ersten Weltkrieg

2.0 Die Lager
2.1 Hintergrund- und Rahmeninformationen
2.2 Lagerleben
2.3 Arbeitsdienst

3.0 Die Moschee

4.0 Der Friedhof

5.0 Nachkrieg

6.0 Fazit

7.0 Literatur

8.0 Quellen

9.0 Anhang

Einleitung

Der Beginn des Ersten Weltkrieges wird nicht selten als der Endpunkt des langen 19. Jahrhunders angesehen, welches mit der Französischen Revolution begann und hier im letzten großen - mehrheitlich europäischen - Krieg sein Ende fand. Selbst unter Globalhistorikern gibt es kaum Zweifel daran, dass das 19. Jahrhundert ein durch und durch von Europa dominiertes Jahrhundert war. Obgleich der Erste Weltkrieg, wie der Name schon sagt, weltweit stattfand, leistete man sich in Europa noch den Luxus, die Bevölkerung der gegnerischen Nachbarländer rassistisch zu diffamieren.

Vereinzelt war es zwar schon im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auf deutscher Seite zu Begegnungen mit Marokkanern gekommen, die in den französischen Reihen kämpften, doch wurde dem noch kein Gewicht beigemessen. Die Marokkaner wurden höchstens verwundert wahrgenommen. Wie diese Arbeit unter anderem zeigen soll, wird sich dies im Ersten Weltkrieg ändern.[1] Vor allem die muslimischen Kriegsgefangenen in Deutschland sollen hier genauer betrachtet werden. Es bleibt allerdings festzustellen, dass obgleich die Zahl fremdländischer Kombattanten im Ersten Weltkrieg so hoch war wie nie zuvor in der europäischen Geschichte[2], und so groß auch die Bemühungen waren, sie rassistisch zu diffamieren, sie prozentual nur einen sehr geringen Teil der Streitkräfte und Kriegsgefangenen ausmachten und in der deutschen Öffentlichkeit wenig Beachtung fanden. Für viele Deutsche waren die marokkanischen Soldaten, die nach dem Ersten Weltkrieg im Rheinland stationiert wurden, die ersten Araber, die sie in ihrem Leben sahen, und als im Zweiten Weltkrieg afroamerikanische Soldaten der amerikanischen Streitkräfte durch Deutschlands Straßen fuhren, war auch das für die meisten Deutschen das erste Mal in ihrem Leben, dass sie schwarze Menschen aus nächster Nähe sahen. Die Konzentration auf muslimische Kombattanten und Kriegsgefangene in dieser Arbeit soll deren Einfluss nicht überzeichnen - sie waren eine Randerscheinung, von einem Teil der Öffentlichkeit wahrgenommen und „exotisch“. Angesichts der insgesamt circa 2,5 Millionen Kriegsgefangenen in Deutschland[3] fielen sie mit einer Zahl von ungefähr 16.000 kaum ins Gewicht. Dennoch, sie begründeten durch ihre Teilnahme am Krieg den Beginn des 20. Jahrhunderts teilweise mit, in welchem Kriege globaler wurden, Europa seine absolute Hegemonie einbüßte und rassistisches Gedankengut in seiner Wirkung noch einen grausamen Höhepunkt erreichen sollte. Gregory Martin äußerte sich in ähnlicher Weise: „Im Rückblick leitete der Erste Weltkrieg nach der fast ausschließlichen Bewegung europäischer Händler, Soldaten und Siedler von Europa in überseeische Länder die heutige Epoche der Einwanderung aus den Kolonien und ehemaligen Kolonien nach Europa ein. Das Auftauchen der kolonialen Soldaten löste vielseitige Reaktionen und mitunter auch Widerstand aus und stellte eine erste Phase der sich über mehrere Generationen erstreckenden Wandlung Europas im 20. Jahrhundert zu einer multikulturellen Gesellschaft dar.“ [4]

Ob zwischen den statistisch kaum nennenswerten Migrationsbewegungen nach Europa zur Zeit des Ersten Weltkrieges und der großen Einwanderungswelle ab den 1960er Jahren ein kausaler Zusammenhang besteht, darf bezweifelt werden, insofern möchte ich dem Terminus „erste Phase“ widersprechen. Wahr ist aber, dass die kolonialen Truppenkontingente auf den europäischen Schlachtfeldern und die mit ihnen verbundene Propaganda erstmals einer breiteren Öffentlichkeit das Thema „fremde Kulturen“ konkret vor Augen führten und dazu beitrugen, dass sich das Bild der „Fremdrassigen“ nun nicht mehr ausschließlich aus populären Reiseberichten und Märchen aus Tausendundeiner Nacht speiste.

Dass muslimische Soldaten am Ersten Weltkrieg teilnahmen, ist den meisten Menschen bekannt. Schließlich nahm zum einen das Osmanische Reich an der Seite der Mittelmächte am Kriegsgeschehen teil und zum anderen führten die europäischen Mächte ihren Konflikt auch in den Kolonien aus. Dass aber eine kleine, dennoch nicht zu leugnende Zahl an muslimischen Kombattanten auf europäischem Boden kämpfte, ist heute weitestgehend vergessen. Diese Kombattanten sollen in der folgenden Arbeit als erstes Beachtung finden. Von welcher Größenordung ist die Rede? Wo kamen sie her? Wie wurden sie wahrgenommen? Die Quellenlage ist zu diesen Fragen sehr ergiebig,[5] und Antworten scheinen mir besonders zu Beginn der Arbeit sinnvoll, da sie viele später auftretende Problematiken in der Gefangenschaft erklären.

In Folge werde ich mich auf die muslimischen Kriegsgefangenen in Deutschland konzentrieren und besonders auf jene, die im Halbmond- und Weinberglager in Zossen bei Berlin interniert wurden. Ein Teil der muslimischen Kriegsgefangenen in Deutschland wurde zwar in anderen Lagern untergebracht, gemeinsam mit den Soldaten des Landes, für das sie kämpften, doch sind ihre Spuren kaum genügend dokumentiert, um eine Arbeit darauf zu begründen. Im Halbmond- und Weinberglager verhält es sich anders, denn diese Lager waren ausschließlich für muslimische Kriegsgefangene bestimmt und stechen somit aus den regulären Lagern deutlich heraus. Nach Erörterung des Zwecks und der Ursache für die Errichtung dieser Lager sollen die Lager an sich, inklusive dem Lagerleben, ausführlich betrachtet werden. Auf zwei Aspekte werde ich dort besonders eingehen, da es sich dabei unabhängig von Krieg und Kriegsgefangenschaft um für die Muslime in Deutschland bedeutende „Gebilde“ handeln dürfte: Zum einen auf die Moschee in Wünsdorf, die erste Moschee auf deutschem Boden. Zum anderen auf den „muslimischen“ Friedhof, der ebenfalls ein Novum in der Geschichte der Muslime in Deutschland war und große Aufmerksamkeit verdient, auch wenn er, wie ich zeigen werde, gar nicht so muslimisch ist.

Zum Schluss werde ich einen Blick darauf werfen, was mit dem Lager und seinen Insassen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geschah. Die Repatriierung nahm zwischen vielen Staaten nicht selten einige Jahre in Anspruch. Warum es aber im Fall des Halbmondlagers sechs Jahre dauerte - also anderthalb mal so lange wie der Krieg selbst -, bis die letzten Insassen das Lager verließen, verdient eine genauere Betrachtung.

Zum Forschungs-, Literatur- und Quellenbestand ist ein einheitliches Urteil nicht zu leisten. Beinahe die gesamte Forschung zum Thema erfolgte durch den 2003 verstorbenen Orientalisten Prof. Gerhard Höpp, der sich in zahlreichen Aufsätzen und Monographien mit der Rolle der Muslime in den Weltkriegen auseinandersetzte und Pionierarbeit leistete. An ihm und besonders an seinem Werk „Muslime in der Mark“ führt bei der Beschäftigung mit diesem Thema kein Weg vorbei, bei der Beschreibung der Lager ist er sogar absolut alternativlos. Kaum sonst jemand hat je vom Halbmondlager gehört, kaum ein Forscher, weder Historiker noch Islamwissenschaftler, hat sich diesem Thema gewidmet, geschweige denn es populär gemacht.[6] Was den Quellenbestand angeht, ist die Lage erfreulich und kompliziert zugleich. Es existiert eine Vielzahl von Quellenmaterial im Nachlass von Prof. Höpp, das jedoch noch nicht zentral archiviert wurde. Folglich bestehen wenige Streitpunkte, die es an dieser Stelle abzuwägen gälte, und folglich haben sich schlicht aufgrund der Unbekanntheit des Themas wenige Mythen und Legenden im historischen Gedächtnis manifestiert, mit denen es zu brechen gälte. Der 2007 produzierte Dokumentarfilm „The Halfmoon-Files“ liefert durch seine Bilder viele Quellen. Auch wenn sich der Film nur beiläufig mit dem Halbmondlager beschäftigt, liefert er interessante Einblicke in das heutige Leben in Wünsdorf und wie es vom ehemaligen Halbmondlager geprägt wurde.

1.0 Muslime im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war zwar nicht der erste Krieg, in dem die Kolonialmächte unterdrückte Völker aus ihren Kolonien auf fremdem Boden kämpfen ließen - zuvor hatte es schon koloniale Truppen in Europa gegeben, etwa im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, als unter französischer Flagge achttausend nordafrikanische Soldaten gegen Preußen kämpften[7], doch dienten nennenswerte koloniale militärische Kräfte wie beispielsweise 13.000 gut ausgebildete algerische Soldaten meist nur in den Kolonien selber.[8] /[9] Der Erste Weltkrieg stellte insofern eine Zäsur dar, als hier erstmals die Völker der Kolonien in größerem Umfang in Europa eingesetzt wurden. 1907 gab es in Deutschland zwar Bestrebungen, genau das zu unterbinden, also die „Verwendung barbarischer Völkerschaften in europäischen Kriegen“ zu verbieten und „Farbigen (...) die Anerkennung als Kombattanten“ zu versagen, doch scheiterte ein entsprechendes Verbot in der Haager Landkriegsordnung.[10] Je länger sich der Erste Weltkrieg hinzog, desto mehr wurde er zu einem Materialkrieg. In Schlachten wie der von Verdun 1916 kam es kaum noch auf überlegene Strategien an. Was zählte, war das Material, namentlich „Menschenmaterial“. Je begehrter die Ressource Mensch wurde, umso mehr sah man sich in Großbritannien und Frankreich gezwungen, auf „Menschenmaterial“ aus den Kolonien zurückzugreifen.[11] Für das Deutsche Reich stellte sich diese Frage nicht und das hatte nichts mit ideologischen Gründen zu tun. In der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches war es bis auf Ausnahmen in ganz geringem Umfang nicht vorgesehen, einem nennenswerten Teil der Kolonialvölker eine militärische Ausbildung zukommen zu lassen. Die in den Kolonien stationierten deutschen Schutztruppen hatten allenfalls die notwendige Stärke, um regionale Aufstände der Bevölkerung niederzuschlagen, nicht aber einem Angriff von außen wirkungsvoll entgegenzutreten - was zu einer Kapitulation fast aller deutschen Kolonien in den ersten Kriegswochen und Monaten führte.[12] Hinzu kam, dass die deutschen Kolonien weit vom Mutterland entfernt lagen und nur über den Seeweg zu erreichen waren, was spätestens mit der britischen Seeblockade zu einem Ende des „Imports“ kolonialer Truppen geführt hätte. Eine theoretische Partizipation deutscher Kolonialkombattanten wäre für diese Arbeit allerdings ohnehin nur von begrenztem Interesse, da keine deutsche Kolonie über eine Bevölkerung mit nennenswertem muslimischem Bevölkerungsanteil verfügte und auch schon in der Frühphase des deutschen Imperialismus mit wenigen Ausnahmen kaum Interesse daran bestand.[13] So meinte Otto von Bismarck: „Orientalische Zwiste sind nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert.“[14] Die deutsche Orientpolitik vor dem Ersten Weltkrieg war an der Erhaltung des Status quo interessiert und verzichtete weitestgehend auf koloniale Territorien, da sie die Orientpolitik den innereuropäischen und transatlantischen Beziehungen unterordnete. So hatte Deutschland - anders als die anderen Großmächte - im Nahen- und Mittleren Osten keine Muslime zu regieren.[15]

Erstaunlich ist, dass der weitaus überwiegende Teil der Soldaten, die von den anderen Großmächten aus den Kolonien rekrutiert wurden, muslimischen Glaubens war. Eine Auflistung nach Konfession existiert zwar nicht, doch sind die Orte nennenswerter Truppenaushebungen fast ausnahmslos mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit.[16] Die Truppen aus den Kolonien waren nicht immer (wenn auch meist) zweite Wahl, die man ruhigen Gewissens in aussichtslose Operationen schickte, wie das Beispiel Indien zeigt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg herrschte, besonders unter den indischen Eliten, Unbehagen über die Fremdherrschaft aus London. Ideen für eine indische Unabhängigkeit wurden vielfach diskutiert. Die indische Armee hatte vor allem die Funktion, nach innen für Ordnung zu sorgen. Als die britische Regierung in Neu Delhi bei Vizekönig Lord Hardinge um Bereitstellung von Truppen bat, befürchtete dieser zunächst, dies könne zu Lasten der inneren Sicherheit gehen. Die indischen Truppen sollten allerdings lediglich in Ägypten eingesetzt werden, um die dortige englische Garnison für den Einsatz in Frankreich frei zu machen. Nach einer Bedenkzeit bewilligte Hardinge die Bereitstellung von indischen Truppen, allerdings nur, sofern diese in Europa eingesetzt würden.[17] Die indische Armee, die sich zum größten Teil aus Muslimen des heutigen Pakistan rekrutierte, genoss einen ausgezeichneten Ruf und hatte auch in der Vergangenheit oft als Retter in Krisenherden in den Kolonien fungiert. Hardinge erhoffte sich durch die mit der Entsendung einhergehende Aufwertung der Truppen ein Nachlassen der Unabhängigkeitsbestrebungen[18]. Für Indien war es also in erster

Linie ein innenpolitisches Manöver.[19] Indien stellte 1914 ein 100.000 Mann starkes Heer, die Lahore und die Meerut-Division,[20] welche dann auch tatsächlich auf den Schlachtfeldern Frankreichs Einsatz fanden. Im Herbst 1915 wurden sie allerdings wieder abgezogen, da sie sich offenbar für den Grabenkrieg als unqualifiziert erwiesen hatten, und wurden stattdessen wie ursprünglich vorgesehen als Schutztruppe von Ägypten eingesetzt.[21] Hardinge, der sich nun für das Versagen der indischen Truppen zu rechtfertigen versuchte, behauptete einfach, ihm sei das Scheitern der indischen Truppen schon vorher klar gewesen, er habe aber den indischen Truppen und der indischen Öffentlichkeit damit nur eindrucksvoll ihre Schwäche und die westliche Überlegenheit demonstrieren wollen. Diese Erkenntnis sei für die britische Herrschaft in Indien von unschätzbarem Wert.[22]

Selbst als nach der Niederlage des Russischen Reiches 1917 sich das Kriegsglück auf die Seite der Mittelmächte zu schlagen schien und die Entente mit 30 bis 40 weiteren deutschen Divisionen an der Westfront rechnete, verzichtete man mit Hinweis auf den Kampfwert darauf, die fehlenden 200.000 Mann in Frankreich mit indischen Truppen zu kompensieren.[23] Bis auf sehr wenige Ausnahmen war Indien die einzige britische Kolonie, aus der das Empire Truppen für den europäischen Kriegsschauplatz generierte. In anderen Kolonien wie Südafrika war es nie zu einer militärischen Ausbildung der einheimischen Bevölkerung gekommen, wodurch diese keine Verwendung in Europa finden konnte.[24] Die französische Regierung teilte in Bezug auf die Nutzung kolonialer Truppen die Bedenken der Briten nicht. Zum einen befürchtete man in den Kolonien keine starken Unabhängigkeitsbewegungen, allenfalls kleinere Aufstände,[25] da Frankreich seiner eigenen Einschätzung nach verglichen mit den anderen Kolonialmächten eine liberale Politik in den Kolonien betrieb[26] und den Kolonialvölkern teilweise in bescheidenem Umfang politische Partizipation ermöglicht wurde.[27] Zum anderen teilte die französische Regierung nicht die Ansicht, dass die kolonialen Truppenverbände untauglich und wenig zuverlässig seien. Trotzdem war die französische Armee alles andere als frei von Rassismus. So wurde 1915 ein Verbot erlassen, das den weißen Soldaten untersagte, ihre Freizeit mit afrikanischstämmigen Soldaten zu gestalten.[28] In Frankreich wurde allerdings differenziert, nicht alle Kolonialvölker genossen denselben Ruf. Schwarzafrikaner, also zum größten Teil die Kolonialbevölkerung der westafrikanischen Kolonien, im französischen Sprachgebrauch allesamt „Senegalesen“, galten in ihrem militärischen Wert als sehr gering. Dennoch wurden zwischen August 1914 und Oktober 1915 circa 32.000 Mann aus Westafrika für den Militäreinsatz in Europa rekrutiert. Da aber anders als angenommen doch regionale Aufstände ausbrachen und für Unabhängigkeit eintraten, wurde in Westafrika die Aushebung von Truppen nach Oktober 1915 vorläufig eingestellt.[29]

Die „Senegalesen“ wurden ohne spezielle Vorbereitung an die Frontlinie, insbesondere nach Verdun versetzt und dort „verbraucht“.[30] Grund zum schlechten Gewissen bestand nicht, denn wie der französische Oberbefehlshaber General Nivelle anmerkte, war es der Fall, „daß die afrikanischen Soldaten eine primitive angeborene Kampflust und ein Nervenkostüm besäßen, das weniger hoch entwickelt war als das der Europäer, was sie relativ unempfindlich gegenüber Schmerz und Gefahr machte und daher prädestinierte, als Sturmtruppen eingesetzt zu werden.“[31] Solches Verhalten sorgte allerdings auch in Deutschland für unscheinheilige Kritik, so zum Beispiel, als in der Vossischen Tageszeitung erstaunlich progressiv dafür geworben wurde, die Wut auf die Fremdrassigen lieber denjenigen zukommen zu lassen, welche diese als „Kanonenfutter“ missbrauchten.[32]

Ein weitaus höheres Ansehen genossen die Kombattanten aus Nordafrika, also den muslimischen Kolonien,[33] wobei das höhere Ansehen kaum mit der Konfession zusammenhängen dürfte. Allem Anschein nach spielte die Religion für die nordafrikanischen Soldaten eine besonders große Rolle, was allerdings im Schützengraben wohl ein konfessionsübergreifendes Phänomen ist. Zur Unterstützung der Kampfmoral erfolgten an der Front regelmäßige Besuche eines Imam, die Kantine stellte für die Muslime ein Essen entspreched der muslimischen Nahrungsgebote[34] und es wurde sogar in Nogent-sur-Marne eine „schwache Replik der Moschee des Halbmondlagers in Wünsdorf ‘ errichtet. Sie wurde aus unbekannten Gründen kaum besucht.[35]

Nordafrika, besonders Algerien, war seit langem unter Frankreichs Herrschaft und wurde mitunter sogar als Teil des Mutterlandes angesehen. Unter der nordafrikanischen Bevölkerung war der Anteil derer, die über eine militärische Grundausbildung verfügten, weit größer als unter den Westafrikanern, und so erstaunt es kaum, dass Truppenverbände aus Nordafrika in Europa größere Erfolge erzielen konnten und ein entsprechend höheres Ansehen genossen. Doch sowohl West- als auch Nordafrikaner hatten mit einem Feind zu kämpfen, der für die weißen Franzosen weniger gefährlich war: dem Winter. Die afrikanischen Soldaten waren das kalte Klima nicht gewohnt und so fielen schon im ersten Kriegswinter viele einer Lungenentzündung oder Tuberkulose zum Opfer oder hatten erfrorene Gliedmaßen zu beklagen.[36]

Als im November 1917 die Regierung wechselte und Clemenceau Premierminister wurde, zog dies eine Änderung in der Kolonialpolitik nach sich. Die Kolonien hatten für Clemenceau keine Priorität vor einem Sieg über Deutschland, das sich nach dem Sieg über Russland nun mit ganzer Kraft gegen Frankreich wenden konnte. Es folgte die größte Aushebung kolonialer Kobattanten in West- und Nordafrika des gesamten Krieges. Sie wurde durch eine auf die Kolonien ausgedehnte Wehrpflicht bewerkstelligt.[37] Insgesamt dürfte die Zahl der in Europa für Frankreich kämpfenden Muslime in etwa 250.000 betragen haben, die Zahl der nicht­muslimischen Schwarzafrikaner circa 170.000, von denen fast die Hälfte ihr Leben verlor.[38] Ihre Aufgabe bestand hauptsächlich darin, gemeinsam mit den damals stark demoralisierten europäischstämmigen französischen Soldaten den deutschen Ansturm so lange aufzuhalten, bis genügend US-amerikanische Soldaten in Europa landeten, um den Krieg zugunsten der Alliierten zu entscheiden.[39] Zum Ende des Krieges waren allein aus Algerien 200.000 Mann nach Frankreich eingeschifft worden, wovon 175.000 für den Fronteinsatz bestimmt waren, während die restlichen zum Arbeitseinsatz verwendet wurden.[40] Aus der Beteiligung am Krieg erwuchs nach 1918 langsam algerisches Streben nach Unabhängigkeit, zumindest aber algerischer Patriotismus. Friedrich Naumann hatte sich zu Beginn des Krieges über Frankreich und England mokiert: „Will man nämlich unzivilisierte oder halbzivilisierte Völkerschaften im Bevormundungssystem erhalten, so darf man sie nicht zu Schiedsrichtern zwischen kämpfenden Weißen machen.“[41] Naumann sollte sich durch die Nachkriegsentwicklungen bestätigt fühlen - aus Sicht der Algerier hatten Algerier und Amerikaner den Krieg gewonnen und waren imstande zu siegen.[42]

Auf die wohl größte Gruppe an Muslimen, die in Europa während des Ersten Weltkrieges kämpfte, nämlich die Tataren im russischen Heer, kann hier leider kaum eingegangen werden. Tataren wurden nicht wie koloniale Truppen in gesonderten Einheiten zusammengefasst und kamen nicht aus einem genau einzugrenzenden Bezirk Russlands. Vielmehr kamen sie aus allen Teilen des Zarenreiches und kämpften in denselben Divisionen wie Christen oder Atheisten. Höpp beziffert ihre Anzahl mit 960.000.[43] Aufgrund von Aufständen in Kasachstan und Turkmenistan - beides Reichsteile mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung -, bei denen der Unmut über die massive Mobilisierung zum Ausdruck gebracht werden sollte, genossen die Tataren trotz zahlreicher Loyalitätsbekundungen in der russischen Führungselite nur vorbehaltliches Vertrauen. Daran änderte sich auch nach der Oktoberrevolution wenig.[44] Dass von diesen insgesamt über eine Million muslimischer Kombattanten aus Afrika, Asien und Indien auch eine nennenswerte Zahl in Kriegsgefangenschaft geriet, verwundert nicht. Einige von ihnen wurden in denselben Lagern interniert wie ihre christlichen Kampfgenossen. Dennoch gab es mit dem Halbmond- und Weinberglager zwei Orte der Unterbringung, die ausschließlich für Muslime bestimmt waren. Wie diese aussahen, soll nun genauer betrachtet werden.

2.0 Die Lager

2.1 Hintergrund- und Rahmeninformationen

Ob muslimischen Kriegsgefangenen eine gesonderte Rolle in der Behandlung zukommen sollte, wurde schon kurz nach Kriegsbeginn diskutiert. Wortführer war hier vor allem der deutsche Botschafter an der Pforte[45] Hans von Wangenheim. Von einem Sonderlager war zu Beginn allerdings noch wenig die Rede, da die ursprüngliche Idee darin bestand, „geeignete“ Muslime der osmanischen Regierung zu übergeben. Es „würde ein derartiger Schritt, falls möglich, der wie ein Lauffeuer sich durch die gesamte mohammedanische Welt verbreiten würde, noch größere Wirkung haben als alle unsere bisher angewendeten Agitationsmittel.“.[46] /[47] Offensichtlich bestand also schon zu diesem Zeitpunkt die Idee, die Muslime in den Staaten der Kriegsgegner deutschfreundlich zu bearbeiten und das Osmanische Reich für einen Kriegsbeitritt an der Seite der Mittelmächte zu gewinnen.

[...]


[1] Der Rassismus gegen die Völker anderer Kontinente war zwar keine neue „Erfindung“, doch fand entsprechende Propaganda hier einen neuen Höhepunkt an Wahrnehmung und Zustimmung.

[2] Die österreichischen Kriege gegen die Osmanen seien an dieser Stelle ausgeklammert, da hier “die Muslime” als eigenständiger Akteur und nicht als Bestandteil einer europäischen Macht auftraten.

[3] Oltmer (II): S. 68.

[4] Martin: S. 15.

[5] Es ist allerdings anzumerken, dass Muslime nie für sich erfasst wurden, sondern lediglich etwa „Algerier“ oder „Marokkaner“, unter welchen aber eine überwältigende Mehrheit an Muslimen vermutet werden darf.

[6] An Höpps Ausarbeitungen besteht allerdings kaum Zweifel. Seine außerordentlich exakte, gründliche und quellenkritische Auseinandersetzung ist hier zu betonen.

[7] Martin: S. 28.

[8] Ebda.: S. 26.

[9] Höpp (I): S. 19.

[10] Ebda.: S. 20; als Urheber dieses Gesetzesentwurfes nennt Höpp Hans Vorst und Hans Delius. Zu beiden war es mir nicht möglich, biographische Daten zu finden.

[11] Martin: S. 16.

[12] Eine Ausnahme bildet der Guerillakrieg in Deutsch-Ostafrika, welcher allerdings auch nur mit Hilfe der einheimischen Askari durchzuführen war.

[13] Marokko bildet hier eine späte Ausnahme.

[14] Schwanitz (II): 23.

[15] Ebda.: S. 24.

[16] Namentlich Nordafrika und der Teil Indiens, der heute als Pakistan bezeichnet wird. Westafrika bildet hier eine nicht-muslimische Ausnahme.

[17] Martin: S. 17f.

[18] Zumal der Abzug indischer Truppen aus Indien auch einen Vertrauensbeweis an das indische Volk darstellen sollte.

[19] Ebda.: S. 18: Privat aber hatte Hardinge (...) 1914 eingeräumt, dass die indischen Soldaten das größte Sicherheitsrisiko darstellten. Je mehr folglich von ihnen in den Krieg zögen, desto geringer sei die Gefahr zu Hause.

[20] Höpp (I): S. 24.

[21] Martin: S. 19f.

[22] Ebda.: S. 20.

[23] Ebda.: S. 20f.

[24] Ebda.: S. 22.

[25] Ebda.: S. 26.

[26] Indem zum Beispiel gemischtrassige Geschlechterbeziehungen nicht untersagt wurden

[27] Ein schwarzer Abgeordneter vertrat die Interessen der afrikanischen Staatsbürger im Parlament.

[28] Meynier: S.51.

[29] Martin: S. 27.

[30] Ebda.: S. 26f.; so auch bei Clayton: S. 338.

[31] Clayton: S. 338.

[32] Vossische Zeitung: 2.05.1917

[33] Martin: S. 26.

[34] An der Einhaltung dieser zweifelten jedoch viele Muslime, so Meynier: S. 52.

[35] Meynier: S. 52.

[36] Ebda.: S.51.

[37] Meynier: S.51.

[38] Höpp (I): S. 23.

[39] Martin: S. 27.

[40] Höpp (I): S. 23.

[41] Ebda.: S. 19.

[42] Meynier: S. 54.

[43] Höpp (I): S. 24.

[44] Giljazov: S. 143f.

[45] Die Pforte ist ein Synonym für den Sitz der osmanischen Regierung in Istanbul, den Sultanspalast.

[46] Höpp (I): 35.

[47] Da in den ersten Kriegswochen der Akzent der deutschen Kriegspropaganda im Umgang mit den Muslimen allerdings noch eher aus rassistischer Diffamierung bestand, ist unklar, was von Wangenheim mit „noch größere Wirkung (.. ,)als alle unsere bisher angewendeten Agitationsmittel“ meint.

Details

Seiten
38
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656044178
ISBN (Buch)
9783656044413
Dateigröße
20.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181464
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
muslimische kriegsgefangene deutschland ersten weltkrieg

Autor

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