Lade Inhalt...

Die Posttraumatische Belastungsstörung - Probleme der Diagnostik

Diplomarbeit 2011 165 Seiten

Medizin - Neurologie, Psychiatrie, Süchte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract in English

Einleitung zum Thema und Zielsetzung der Diplomarbeit

Methodik

1. Teil: Allgemeine Grundlagen der Posttraumatischen Belastungsstorung (PTBS)
1. Definition der Diagnose PTBS
2. Ursachen und Verlauf der Erkrankung
3. Risikofaktoren
3.1. Geschlechtsspezifisches Risiko
4. Pradiktoren
5. Komorbiditat

2. Teil: Die Posttraumatische Belastungsstorung und ihre Komorbiditat bei Opfern des Balkan - Bosnienkonflikts, bei Fluchtlingen und Betroffenen anderer politischer Auseinandersetzungen
1. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
2. Studien zur PTBS und ihrer Komorbiditat bei Kriegsopfern / Fluchtlingen des Bosnienkonfliktes
3. Das Diagnostikinstrument Harvard Trauma Questionnaire (HTQ)
3.1 Zur Struktur und Entwicklung des Instrumentes
3.2 Der Harvard Trauma Questionnaire in deutscher Fassung:
3.3 Zur Anwendung und Relevanz

In die Auswertung einbezogene Studien, die unter Verwendung des Harvard Trauma Questionnaires durchgefuhrt wurden

Zusammenfassung der Ergebnisse

Schlussfolgerungen und Empfehlungen auf der Basis der angefuhrten Analyse

Reference List

Anhang
1. Projektplan
2. Auswertungsmatrix

Zusammenfassung

Die Diplomarbeit entwirft zunachst einen allgemeinen Uberblick uber die psychiatrische Erkrankung der Posttraumatischen Belastungsstorung (PTBS engl. PTSD) im Sinne der Definition nach ICD - 10 und DSM - IV, beschreibt den Stand der Literatur nach Ursachen und Verlauf, Risikofaktoren, Pradiktoren sowie Komorbiditat des Krankheitsbildes.

Schwerpunkt der Arbeit ist die kritische Analyse und Aufarbeitung der derzeitigen Diagnostik; als Beispiel zur Analyse von in publizierten Studien ublichen Diagnosepraktiken, dient dabei der „Harvard Trauma Questionnaire (HTQ), das derzeit wichtigste interkulturell eingesetzte valide und sensitive Diagnoseinstrument. Dieses wurde entwickelt, um Folter, Trauma und die Erkrankung der PTBS bei Fluchtlingen in Interview- oder Fragebogenform, zu erfassen; dieser wird daher detailliert vorgestellt und besprochen. Im Rahmen einer umfassenden Literaturecherche wurde eine Auswertungsmatrix entwickelt und eine aus Standardliteraturdatenbanken gezogene Stichprobe publizierter Studien uber Kriegsopfer und Fluchtlingspopulationen, die mit dem Harvard Trauma Questionnaire durchgefuhrt wurden, in Bezug auf Ergebnisse, Erfahrungen mit dem Instrument, sowie beobachteten Problemen nach diesem systematischen Modell reanalysiert und verglichen.

Aus den analysierten publizierten Studien bzw. Publikationen geht z.B. oft nicht hervor, ob und in welcher Weise der Fragebogen in derjeweiligen Version, kultursensitiv oder auch ereignisbezogen (unterschiedliche Kriegsereignisse unterschiedlicher Lander) angepasst und validiert wurde.

Die Tatsache, dass sich bestimmte Ereignisse in der einen Kultur in Bezug auf psychopathologische Erkrankungen, im besonderen der PTBS, pathogenetisch aussem, wahrend diese in einer anderen Kultur nicht zu einer Erkrankung fuhren, bedeutet, bei nicht adaptierten und standardisiert eingesetzten Fragebogen, im Hinblick auf die Validitat der gestellten Diagnose, fehlerhafte Resultate.

Die Diplomarbeit diskutiert die Ergebnisse der Analyse in ihren Implikationen in Bezug auf eine Verbesserung und erhohte Transparenz in der Beforschung der PTBS und formuliert diese schlussfolgernd anhand einer Empfehlungsliste fur den Forschungsbereich.

Abstract in English

This doctoral thesis „The posttraumatic stress disorder - problems in diagnostics“ explains and defines the mentioned psychiatric disorder, according to two of the most relevant diagnostic manuals, the ICD-10 and the DSM - IV, in the first part. It outlines its causes, its course and risk factors, predictors and its comorbidity.

The second part, introduced by an historical outline of the balcan wars (1992 - 1995), as being re­sponsible for various traumatic experiences, such as being forced to be a refugee and witnessing and / or experiencing numerous and various war related events, resulting in numerous physical and psychological disorders, in particular PTSD, summarizes relevant published studies on this psychiatric disease.

Particular attention is given, to a thorough analysis and a reprocessing of studies of and on one of the most relevant instrument, the “Harvard Trauma Questionnaire”, proved to be sensitive and widely accepted, in diagnosing the disorder PTSD, on a culture sensitive scale.

By means of two tables, that sum up studies, which used the diagnostic intrument HTQ, among others, to diagnose the disorder PTSD, this thesis underlines that published studies sometimes lack any or precise indication whether the diagnostic instrument “HTQ” has been adapted to local culture in order to capture symptoms on a cultural sensitive basis or not. Instruments that have been adapted to the cultural setting where the research is carried out, might be better suitable to gain valid results. Instruments that have not undergone such culture related changes and adaptation, might not. Furthermore studies do not always provide clear and thorough information on the method, by which results have been obtained. All of this might result in a questionnable and improper outcome as potential traumatas might not have been screened for during the diagnostic setting and hence remain undetected. False negative or false positive results might be the result of a study, whose instruments have not been adapted to the specific cultural environment.

On the basis of the conclusions mentioned, the thesis provides some guidelines and recommendations in accordance with good scientific practice, so as to achieve thorough research by avoiding misleading results that may be due to lack of cultural adaptation and use of standardized methods of scoring and diagnosing diseases like the one herein referred to, in different environmental settings.

Einleitung zum Thema und Zielsetzung der Diplomarbeit

Die posttraumatische Belastungsstorung ist als wichtigste belastungsabhangige Erkrankung zu einer Kemfragestellung im Besonderen den „Public Health“ Bereichen der Psychiatrie geworden. Das rasche Anwachsen entsprechender Publikationen wahrend der letzten Dekade und die Konzentration der meisten publizierten Studien auf eine kleine Kerngruppe von Diagnoseinstrumenten, legt allerdings die Frage nahe, wie systematisch durchdacht und strukturiert die Anwendung dieser Standardinstrumente - unabhangig von den ursprunglichen Validierungsstudien - zu sehen ist. Aufbauend auf den Grundlagen der Erkrankung „Posttraumatische Belastungsstorung“ (PTBS engl. PTSD), setzt sich die vorliegende Diplom-Arbeit damit auseinander, bestehende Studien zur Pravalenz psychiatrischer Storungsbilder mit dem Schwerpunkt der PTBS, erhoben mit dem Diagnostikinstrument Harvard Trauma Questionnaire (HTQ), in Bezug auf diese Problematik, zu analysieren.

AufBasis dessen, soil diskutiert werden, ob normierte und standardisierte Diagnostikinstrumente, wie z.B. der HTQ, welche demjeweiligen kulturspezifischen Kontext nicht Rechnung tragen, weil nicht ortsspezifisch adaptiert, begrenzt geeignet sind, akkurate Diagnostik zu betreiben, da gleiche oder ahnliche Traumata, unterschiedliche kulturspezifische Bedeutungen haben und sich auch unterschiedlich in moglichen psychiatrischen Folgesymptomen aussem.

Das Ziel der Diplomarbeit ist die differenzierte und kritische Analyse von Theorie, Limitierungen und Anwendungspraxis einer der wichtigsten Fragebogen im Bereich der belastungsabhangigen Erkrankungen. Sie kann als Basis einer Verbesserung der Wertung und Anwendungspraxis des Instruments in zukunftigen Studien dienen.

Methodik

Der erste Teil der Arbeit gibt einen allgemeinen Uberblick uber die psychiatrische Erkrankung „Posttraumatische Belastungsstorung“. Sie wird zunachst nach den beiden wichtigsten Diagnoseschlusseln, dem der WHO (ICD 10) und dem der American Psychiatric Association (DSM - IV) definiert und gegenuber anderen belastungsabhangigen Krankheitsbildern, abgegrenzt. Ursachen und Verlauf, Risikofaktoren, Pradiktoren und Komorbiditat werden im ersten Teil anhand einschlagiger Studien beschrieben.

Nach einer ausfuhrlichen Literaturanalyse publizierter Studien zu Faktoren der PTBS und mit diesen in Verbindung stehenden diagnostischen Fragestellungen (Schritt I), wurde anhand der identifizierten Faktoren bzw. Problembereiche in der PTBS Diagnostik eine Auswertungs- bzw. Kriterienmatrix erstellt, die eine systematische Uberprufung publizierter Arbeiten nach Kriterien ermoglicht, welche die in der Literaturauswertung identifizierten Faktoren systematisch erfasst (Schritt II) und so ein systemisches Review nach Qualitatskriterien ermoglicht.

In Schritt III wurde eine aufgrund einer systematischen kriteriengeleiteten Recherche erhobene Stichprobe (MEDLINE, PILOTS) publizierter Studien zur PTBS anhand der erstellten Kriterienmatrix analysiert und die Ergebnisse tabellarisch sowie deskriptiv bzw. semiquantitativ dargestellt. Beschrankt wurde diese auf den HTQ, als wichtigstem Instrument der intemationalen Diagnostik, der dabei auch als typisch fur die haufigsten Diskussionspunkte z.B. die komplexe PTBS gelten kann, da diese nur von wenigen Instrumenten - z.B. dem HTQ erfasst werden kann.

Hierzu soil insbesondere erhoben werden, inwieweit in den, in der fur den Forschungsbereich reprasentativen Zufallsstichprobe erhobenen Publikationen grundlegende Probleme der Diagnostik berucksichtigt wurden, insbesondere:

1. Verwendung operationalisierter Kriterien bzw. validierter cut-off scores
2. Berucksichtigung eines Hypothesen - bzw. evidenzbasierten Modells der Erhebung auslosender Belastungs- bzw. Life-Events
3. Berucksichtigung transkultureller Faktoren
4. Berucksichtigung von Modellen und Diagnostik der komplexen PTBS

Die Ergebnisse der Analyse werden in ihren Implikationen in Bezug auf eine Verbesserung und erhohte Transparenz in der Beforschung der PTBS diskutiert, und in Form einer Empfehlungsliste fur den Forschungsbereich formuliert (Schritt IV).

1. Teil: Allgemeine Grundlagen der Posttraumatischen Belastungsstorung

1. Definition der Diagnose PTBS

Verbrechen, Uberfalle und Gewalthandlungen an Menschen, leichter bis schwerer Auspragung, mit oder ohne schwerwiegenden korperlichen Verletzungen und / oder sexueller Gewalt, stellen in der uberwiegenden Mehrheit der Falle, ein gravierendes Trauma der eigenen Lebensgeschichte dar, resultierend in transienten Belastungsreaktionen bis hin zu schwerwiegenden, unter Umstanden an- haltenden psychiatrischen Storungsbildern, wie z.B. der PTBS; Schwerpunkt der vorliegenden Diplomarbeit. ,,Etwa 80 % aller Menschen erleben im Laufe ihres Lebens ein relevantes Trauma (Lifetime - Pravalenz der Exposition). Exponierte Personen erkranken aber nur zu etwa 25 % tatsachlich an einer PTBS. Die PTBS ist also nicht die „normale“ Folge der Begegnung mit einem Trauma, sondern es benotigt offenbar zur Auslosung einer PTBS noch andere Faktoren. Die Punktpravalenz liegt bei 5 - 10%. Die Lifetime - Pravalenz der Erkrankung, liegt bei Mannem zwischen 5 - 9% und bei Frauen doppelt so hoch, bei 10-18 %. In Risikopopulationen (Vertriebene, Emigranten etc.) liegen die Pravalenzzahlen deutlich hoher.“ {1}

Welches sind die Ereignisse, die zum psychiatrischen Zustandsbild einer PTBS fuhren konnen und welche Risikofaktoren / Pradiktoren / komorbide Erkrankungen treten bei einer posttraumatischen Belastungsstorung, der „verzogerten oder protrahierten Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation (kurz- oder langandauernd) auBergewohnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen AusmaBes (kurz- oder langanhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen wurde“, auf? (F 43.1, Diagnoseschlussel ICD - 10 derWHO.{2})

Das Handbuch ICD definiert diese beschreibend „Pradisponierende Faktoren, wie z. B. zwanghaftes Verhalten oder eine abhangige Personlichkeitsstorung oder die Anamnese einer neurotischen Erkrankung, konnen die Ausbildung des Syndroms begunstigen oder den Verlauf verschlechtem aber diese sind nicht notwendig oder ausreichend, um das Auftreten, zu erklaren. Typische Kennzeichen sind rekurrentes Wiedererleben des Traumas (flashbacks), Traume und Alptraume, vor dem Hintergrund einer persistierenden emotionellen Taubheit, sozialer Ruckzug, Milieuunempfanglichkeit, Anhedonie sowie ein traumaassoziiertes Vermeidungsverhalten von Aktivitaten und Situationen. Gewohnlich besteht eine erhohte Aufmerksamkeitssteigerung sowie eine erhohte Schreckhaftigkeit und Insomnie. Angststorungen und depressive Episoden sind mit den krankheitstypischen Symptomen haufig assoziiert; Suizidgedanken nicht selten. Der Beginn der Erkrankung fluktuiert in einem Zeitrahmen von einigen Wochen bis Monaten nach der Exposition. Der Verlauf ist wechselhaft aber eine Remission in der Mehrzahl der Falle zu erwarten. Bei einer Minderheit kann es zu einer Chronifizierung uber Jahre hinweg kommen, bis hin zu einer anhaltendenPersonlichkeitsveranderung (F 62.0). {3}

Das Diagnosemanual DSM - IV der American Psychiatric Association (APA), das im Gegensatz zumindest zur verbreiteten klinischen Fassung des ICD deutlich klarer operationalisiert, definiert die PTBS, codiert mit 309.81, anhand folgenderKriterien:

„A. Stressor

Die betreffende Person hat ein Trauma direkt oder als Zeuge erlebt; dieses beinhaltet die Gefahrdung der personlichen korperlichen Integritat oderjener der direkt involvierten Personen.

Die betreffende Person reagiert mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen. Kinder hingegen mit desorganisiertem oder agitiertem Verhalten.

B. Intrusives Wiedererleben des Ereignisses

Das Erlebnis wird in mindestens einer der folgenden Art und Weise wiedererlebt:

1. Rekurrentes und intrusives Wiedererleben des Ereignisses, in Form von Bildern, Gedanken oder Wahrnehmungen. Kinder zeigen beim Spiel haufig repetitive Muster; Themen und Aspekte des Traumas werden ofters wiederholt.
2. Rekurrente Traume des Vorgefallenen. Bei Kindern konnen Angsttraume, ohne direkten Bezug zum Trauma, auftreten.
3. Handeln oder Fuhlen, als ob das traumatische Ereignis erneut auftritt, dazu gehoren Illusionen, Halluzinationen, dissoziative flashbacks. Bei Kindern kann es zu einer traumaahnlichen Reinszenierung kommen.
4. Ausgepragter psychologischer Distress bei Wahmehmung internalisierter oder externer traumaahnlicher Reize.
5. Physiologische Reaktion bei Wahmehmung internalisierter oder externer traumaahnlicher Stimuli.

C: Vermeidungsverhalten

Die betreffende Person meidet traumassoziierte Stimuli, mindestens 3 der folgenden Symptome mussen zur Diagnosestellung einer PTBS erfullt sein:

1. Gedanken, Gefuhle oder Konversationen, assoziiert mit dem Trauma werden vermieden
2. Aktivitaten, Platze oder Menschen, die das Trauma wachrufen, werden vermieden
3. Unfahigkeit, wesentliche Aspekte des Traumas zu erinnern
4. Gefuhl der Entfremdung und der Unerreichbarkeit gegenuber Mitmenschen
5. Eingeengter Affekt (Unfahigkeit differenzierter Empfindungen)
6. Interesselosigkeit an pratraumatisch ausgeubten Aktivitaten
7. fehlende Zukunftsperspektive (z.B. beruflicher Erfolg, eine Beziehung, eine normale Lebenserwartung werden nicht erwartet)

D: Hypervigilanz

Die betreffende Person zeigt permanente Hypervigilanz, verursacht durch eine Langzeitalteration basaler sympathischer Aktivitat (bestand nicht vor dem Trauma). Mindestens 2 der folgenden Symptome mussen zur Diagnosestellung der PTBS, erfullt sein:

1. Einschlaf- oder Durchschlafstorungen
2. Irritabilitat oder Wutausbruche
3. Konzentrationsstorungen
4. Hypervigilanz
5. Ubertriebene Schreckreaktionen

E: Dauer

Die Storung halt per definitionem, langer als einen Monat an.

F: Beeintrachtigung

Die Storung verursacht in klinisch signifikanter Art und Weise Distress und / oder Einschrankungen in sozialen, beruflichen und anderen wichtigen Funktionsbereichen.“ {4}

2. Ursachen und Verlauf der Erkrankung

Ausloser der Erkrankung konnen individuelle Gewalt, kollektive Gewalt, Naturkatastrophen, Technikkatastrophen, korperliche oder psychische Extrembelastungen sein. Die Traumata sind ein- und kurz- oder mehrmalig und langandauemd. Exemplarisch erwahnt seien das Trauma der korperlichen Kindesmisshandlung, der ein- oder mehrmaligen Vergewaltigung, schwere Unfalle jeglicher Art, das Miterleben standiger Gewalt in der Familie oder die Bezeugung eines Verbrechens, Todes- oder erlebte Nahtoderfahrungen, auch im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen, gewaltsame Entwurzelung (Verschleppung, Vertreibung), unmenschliche Haftbedingungen (Gefangenschaft, Konzentrationslager), Naturkatastrophen, ein uberlebter Herzstillstand, Tumorerkr ankungen.

Der Verlauf der Erkrankung ist mannigfaltig, eine Heilung oft moglich, manchmal allerdings erst nach Jahren; die Intensitat des Traumas (z. B. grosse Brutalitat) dem Auspragungsgrad teilweise proportional. Besonders schwer und langanhaltend ist die Erkrankung, wenn das Trauma durch Menschenhand bewusst und gewollt verursacht und die bewusste Erniedrigung und Zerstorung des Selbstwertgefuhls angestrebtwerden (Terror, Folter, Vergewaltigung). Die Genese derErkrankung und ihre Auspragung hangen weitgehend von der subjektiven Wahrnehmung wahrend des Traumas ab. Sie ist umso ausgepragter,

1. je groBer die eigene Gefahrdung und Betroffenheit war
2. je mehr Todesgefahr oder Verletzung direkt erlebt wurde
3. je enger und intimer die Beziehung zum Tater war
4. jelangerdastraumatischeGeschehenandauerte. {5}

Die Erkrankung tritt charakteristischerweise nach einem Intervall von einigen Wochen bis zu sechs Monaten nach dem Ereignis auf, dauert defmitionsgemass langer als einen Monat und ist dadurch differentialdiagnostisch von der „akuten Belastungs- und Anpassungsstorung“, laut ICD 10,F 43.0 zeitlich abgrenzbar; sie halt in etwa bis zu einem Monat an. {2} Bei langfristiger Chronifizierung der Storung kommt zu einem tiefgreifenden Umbau der Personlichkeitsstruktur, bedingt durch Symptomneubildung, resultierend in feindlicher und misstrauischer Haltung gegenuber der Umwelt, sozialem Ruckzug, Entfremdung, Gefuhl der Hoffnungslosigkeit sowie chronischer Nervositat. Diese Form der Chronifizierung fuhrt zur schwerwiegenderen Diagnose einer „andauernden Personlichkeitsanderung nach Extrembelastung“, laut ICD 10, F 62.0 {3}:

„Vergleiche von Schatzungen der Lifetimepravalenz mit der Punktpravalenz, deuten daraufhin, dass ein signifikanter Anted der Fade mit der Erkrankung der PTBS, keine Remission erfahrt. Ungefahr ein Dritteljener, die die Kriterien der PTBSjemals erfullt haben, zeigen in einem Zeitrahmen von 1 bis 6 Monaten, Symptome vor Beginn des Interview^ (Davidson et al. 1991; Kessler et al. 1995 as reported in Fairbank et al. 1995; Resnick et al. 1993).

Kulka merkt an: „Das Verhaltnis, der zum Zeitpunkt der Untersuchung gegebenen PTBS Erkrankten, zujenem der lifetime PTBS, stellt einen ungeeigneten Index einer Chronizitat dar, da die Zeit der traumatischen Erfahrung und der Beginn der Symptomatik, nicht berucksichtigt werden. Eine Ausnahme bildet die National Vietnam Veterans Readjustment Study (NVVRS) sowie Studien uber Opfer einiger Katastrophen, in denen der Zeitpunkt der Exposition ein definiertes historisches Ereignis war. 15 % der mannlichen Vietnam Veteranen erfullten in den spaten achtziger Jahren die Kriterien einer PTBS; bedenkt man, dass 30 % der mannlichen Veteranenjemals in ihrem Leben die Kriterien der Erkrankung erfullten, so deutet das daraufhin, dass in etwa die Halfte der erwahnten Veteranen infolge kampfassoziierter Handlungen einen chronischen Verlauf entwickelten“ (Kulka et al. 1990).

Daten belegen, dass die Mehrheit der Falle der PTBS den Kriterien der DSM - IV Definition einer Chronifizierung entsprechen (andauernde Symptomatik von 3 Monaten und langer) (Breslau und Davis 1992; Davidson et al 1991; Kessler et al. 1995). Im NCS wird die durchschnittliche Zeit der Remission (mittlere Dauer der Symptomatik) mit 3 Jahren angegeben, furjene, diejemals professionelle Hilfe fur ein psychisches Problem in Anspruch nahmen und mit etwa 5 Jahren, fur all jene, die nicht auf diese Unterstutzung zuruckgriffen (Kessler et al. 1995). Da das NCS keine Informationen uber die Behandlungsdauer hat, konne zwischen der Dauer der Symptomatik und dem effektiven Nutzen einer Behandlung (Kessler et al. 1995), keine Beziehung hergestellt werden. Davidson etal. (1991) konnten unter der Annahme einer 6 - monatigen Dauer einer PTBS mehrere potentielle Risikofaktoren fur eine Chronifizierung finden. Das Risiko fur eine chronische PTBS, variierte mit demjeweiligen Traumatypus. Ein physischer Ubergriff sowie die Bezeugung von Gewalt und kriegerischen Kampfhandlungen, waren pradisponierende Faktoren einer Chronifizierung der Erkrankung. In dieser Studie war die chronifizierte PTBS eher mit psychiatrischer Komorbiditat assoziiert, als die nichtchronische Form, im besonderen mit einer Sozialphobie, einer Somatisierungsstorung und einem pathognomen Vermeidungsverhalten (Davidson et al. 1991). Breslau und Davis (1992), untersuchten potentielle Risikofaktoren einer Chronifizierung, definiert als anhaltende Dauer der Symptomatik von einem Jahr und langer. Sie kamen zum Schluss, dass Personen mit einer chronischen Form einer PTBS, mehr Symptome zeigten alsjene, bei denen die Erkrankung nur transient ausgebildet war und dass im Besonderen zwei Symptome bei den chronisch Erkrankten besonders haufig waren:

1. erhohte Uberreaktivitat bei traumaassoziierter Stimulation
2. Interesselosigkeit an sozialer Interaktion

Die Komorbiditatsrate mit anderen Angst- und Affektstorungen war bei chronisch Erkrankten hoher, als beijenen mit der nichtchronischen Form. Auch die Familienanamnese antisozialen Verhaltens verhielt sich bei der chronischen Form analog.

Die Studie ,,Detroit Area Survey ofTrauma“, bestatigt die Ergebnisse von Davidson et al. (1991); das Risiko einer Chronifizierung sei eine Variable des jeweiligen Traumas; gewaltsame Ubergriffe und andere traumatisierende Verletzungen / Erlebnisse, halten sich symptomatisch langer, als etwa von einem Trauma einer anderen Person zu erfahren oder den unerwarteten Tod einer nahestehenden Person zu erleiden. Die ermittelte Dauer lag bei 36, respektive 13 Monaten (P = .01). {6}

Nach den Ergebnissen des US-amerikanischen „National Comorbidity Survey“, kam es nur bei ungefahr einem Drittel der in einer Studie erfassten PTBS Falle, bereits nach einem Jahr, zu einem deutlichen Symptomenruckgang; bei den anderen zwei Dritteln bestand hingegen auch noch nach einem Zeitraum von zehn Jahren eine pathognome Symptomatik. AuBerdem lagen bei ca. 80 % der

Falle Anomalien im Fuhlen, Denken und Handeln vor.

Untersuchungen an Holocaustuberlebenden, vier Jahrzehnte nach dem ursprunglichen Trauma, konnten belegen, dass die Ereignisse nach wie vor authentisch erlebt; traumarelevante Reize und eine Konfrontation mit dem Erlebten, vermieden wurden.

Die Lebenszeitpravalenz in der Allgemeinbevolkerung liegt zwischen 1 und 9,2 %, eine hohere Pravalenz besteht bei subsyndromalen Storungsbildem; Frauen sind doppelt so haufig betroffen als Manner.

Die Lebenszeitpravalenz ist von der Art des Traumas abhangig:

1. 50- 80 % nach einer Vergewaltigung
2. 25 % nach anderen Gewaltverbrechen
3. 20%beiKriegsopfern
4. 2 - 18% nach Verkehrsunfallen (subsyndromal zusatzlich 28 %)
5. niedrige Pravalenzraten (unter 10 %) nach medizinischen Eingriffen
6. Unklare Pravalenz fur sekundare Traumatisierung bei Helfern und Angehorigen

3. Risikofaktoren

„Das Risiko fur eine PTBS variiert mit dem Typus desjeweiligen Traumas. Das hochste Risiko ist bei bestimmten Typen von Ubergriffen gegeben, im besonderen Vergewaltigung und anderen sexuellenAngriffen.“ {7}

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.1: Spezifische Traumata mit fallendem Risiko fur die Genese einer PTBS, nach Text erstellt, Rachel Yehuda, 1998

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Detroit Area Survey of Trauma

Drei Traumatatypen wurden aufgrund geringer Inzidenz ausgeschlossen SE: Standard error of the mean

Tabelle 1.2: PTBS Pravalenz in Abhangigkeit von bestimmten Traumta nach Rachel Yehuda, 1998

Die Erkenntnis, dass die Wahrscheinlichkeit der Genese einer PTBS eine Variable unterschiedlicher Traumata ist und korperliche Ubergriffe ein hoheres Risiko mit sich bringen, als z.B. eine Katastrophe, unterstreicht die Tatsache, dass die Art des Stressors dasjeweilige Risiko einer PTBS bedingt.

„Analysen weiterer Daten, betreffend den Grossraum Detroit ergaben, dass ein Drittel der gesamten Falle an diagnostizierter PTBS, dem Tod einer nahestehenden Person zuzuschreiben ist. Auch wenn das damit assoziierte Risiko der Genese einer PTBS geringer ist, als bei anderen Traumata, so besteht eine hohe gesellschaftliche Pravalenz dieses Traumas, da es statistisch gesehen, alle anderen Traumata ubersteigt (Breslau et al.). Der plotzliche Tod einer nahestehenden Person war prozentuell gesehen das bedeutendste Trauma, resultierend in der Ausbildung einer PTBS. Andere Arten von Traumata, wie z.B. die Vergewaltigung oder korperliche Ubergriffe, welche ein hoheres Risiko fur die Genese einer PTBS mit sich bringen, sind nicht so haufig an der Genese einer PTBS beteiligt, bedingt durch die Tatsache, dass diese Traumata in der Gesamtbevolkerung statistisch gesehen, nicht so haufig auftreten, wie etwa der Tod eines nahestehenden Menschen. Die Umfrage erbrachte Geschlechtsunterschiede in der Verteilung der Falle der PTBS, hinsichtlich unterschiedlicher Traumata. Abgesehen vom unerwarteten Tod einer nahestehenden Person, welches den hochsten Anted der erkrankten Falle an der PTBS bei beiden Geschlechtem darstellt, war ein korperlicher Ubergriffbei Frauen haufiger die Ursache der Erkrankung als bei den Mannern, wahrend die Bezeugung einer Gewalthandlung bei Mannern haufiger eine PTBS auszulosen vermochte.“ {8}

Der Schweregrad der traumatischen Erfahrung konnte als wesentlicher Faktor in der Genese der Erkrankung identifiziert werden. Die Brutalitat der Kampfhandlungen in Vietnam z.B. konnte mit dem Risikograd einer PTBS in Zusammenhang gebracht werden (Resnick 1993). Nichtsdestotrotz verweisen einige Forschungsergebnisse darauf, dass ein grosser Teiljener, die einem Trauma ausgesetzt waren, keine PTBS entwickeln.

Pathogenetische Faktoren, die das Risiko einer PTBS infolge einer Exposition beeinflussen, lassen sich in 2 Kategorien unterteilen:

1. Charakteristika der Traumata
2. Eigenschaften des Individuums

Der Schweregrad der traumatischen Ereignisse konnte als kritischer pathogenetischer Faktor identifiziert werden; der empfundene Disstress wahrend Kampfhandlungen von Vietnam Veteranen mit demjeweiligen Risiko fur eine PTBS in Zusammenhang gebracht werden (Kulka et al. 1990).

Bestimmte Charakteristika des Ereignisses (empfundene Lebensbedrohung oder tatsachliche Verletzung) wurden das Risiko fur eine PTBS erhohen (Resnick 1993).

Personliche Eigenschaften, die mit dem Risiko einer PTBS korrelieren, inkludieren Personlichkeitszuge und die Anamnese personlicher und familiarer psychiatrischer Erkrankungen. Personen mit ausgepragter Neurose zeigen ein hoheres Risiko fur die Genese einer PTBS (Breslau et al. 1991). Auch eine vorangehende schwere Depression und Angststorungen, erhohen das Risiko (Breslau et al. 1991, 1997a, 1997b, Kessler et al., in press) wie auch die familiare Anamnese dieser Erkrankungen (Breslau et al. 1991). Fruhkindliche traumatische Erfahrungen (Trennung der Kinder von ihren Eltem, Kindesmissbrauch und sexuelle Gewalt, die Trennung der Eltem, wahrend der fruhen Kindheit), konnen das Risiko einer PTBS erhohen (Breslau et al. 1991; Davidson et al. 1991). {9}

Das Ziel der als Beispiel diskutierten Studie „Posttraumatic stress disorder in Bosnian war veterans: analysis of stress events and risk factors“ war es, die Inzidenz der PTBS, die Charakteristika der stressassoziierten Ereignisse, sowiejene Risikofaktoren zu eruieren, die zu einer PTBS fuhrten. Das gesamte untersuchte Kollektiv bestand aus 100 bosnischen Veteranen. Zur Anwendung kamen das PTBS Modul von Watson, die Posttraumatic Symptom Scale PTSS-10, die Impact ofEvent Scale, der Life Event Scale und der Eysenck Personality Inventory sowie ein Fragebogen zur Erfassung personlicher Daten. Die Diagnose der PTBS konnte bei 30 % der untersuchten Patienten gestellt werden. Personen mit der Erkrankung, zeigten deutlich mehr stressassoziierte Erlebnisse, im besonderen solche, die als lebensbedrohlich empfunden wurden wie z.B. eine Verwundung oder den Tod einer nahestehenden Person sowie den Verlust von materiellem Besitz. Die ermittelten Risikofaktoren in dieser Studie waren:

1. Alter (30-40)
2. Zivilstatus
3. niedriger Bildungsstand
4. Kampferfahrung an vorderster Front
5. familiare Probleme
6. psychische Probleme in der Kindheit
7. Neurose {10}

Die Studie „Peritraumatic dissociation, acute stress and early posttraumatic stress disorder in victims of general crime“, untersuchte die Beziehung zwischen der peritraumatischen Dissoziation, der akuten Stressreaktion und dem Auftreten einer fruhen PTBS bei Opfern allgemeiner Gewalt.

Methode:

48 Probanden wurden innerhalb von 24 Stunden nach einem Trauma mithilfe des Fragebogens „Peritraumatic Dissociative Experiences Questionnaire Self-Report Version“ (PDEQ-SRV) untersucht. Sie wurden 2 Wochen nach der Tat mithilfe des „Stanford Acute Stress Reaction Questionnaire (SASRQ) hinsichtlich einer akuten Stressreaktion und nach weiteren 5 Wochen mithilfe der Diagnostikinstrumente „CAPS“ und „IES“ im Hinblick auf eine PTBS, nachuntersucht.

Resultate:

Die Studie kam zum Schluss, dass Patienten mit einer PTBS, hohere peritraumatische Dissoziationswerte aufweisen (im Mittel 97.9, SD 29.2), alsjene ohne PTBS. (mean 54.8, SD 28.2) (t = 4.9, df 46, P = 0.00007). Ebenso weisen Patienten mit der PTBS, zwei Wochen nach der Tat hohere Stresswerte auf als solche, die keine PTBS haben. Hohe Werte an peritraumatischer Dissoziation und akutem Stress nach einem Verbrechen konnten als Risikofaktoren einer fruhen PTBS identifiziert werden. Die Identifikation des akuten Wiedererlebens hilft dem Kliniker in der Identifikationjener, die das hochste Risiko tragen. {11}

Im Rahmen der Studie „Violence and risk ofPTSD, major depression, substance abuse / dependence and comorbidity: results from the National Survey of Adolescents“, von Kilpatrick,D.G.; Ruggiero,K.J.; Aciemo,R.; Saunders,B.E.; Resnick,H.S.; Best,C.L. wurden 4023 Adoleszente im Alter zwischen 12 und 17 Jahren telefonisch interviewt. Die Studie gibt Aufschluss uber die Pravalenz, die Komorbiditat sowie entsprechende Risikofaktoren einer PTBS, uber das Auftreten schwerer depressiver Episoden und das Vorhandensein von Substanzmissbrauch. Rund 16 % der Jungen und 19 % der Madchen, erfullten zumindest 1 Kriterium der genannten Diagnosen. Die 6 Monatspravalenz bei den Jungen lag bei 3,7 %, bei 6,3 % bei den Madchen, die der schweren depressiven Episode bei 7,4 respektive 13,9 % und die 12 Monatspravalenz fur Substanzmissbrauch bei 8,2 respektive 6,2 %. Eine PTBS war als Folge einer Gewalttat, wahrscheinlicher, als eine depressive Episode oder ein Substanzmissbrauch. Die Resultate bestatigen in Summe die Hypothese, dass die Erfahrung zwischenmenschlicher Gewalt (physischer, sexuellerNatur oder ein Gewalterlebnis als Zeuge), das Risiko fur eine der genannten Erkrankungen und ihrer Komorbiditat, erhoht. {12}

Stewart et al., untersuchten in der Studie Victimization and posttraumatic stress disorder among homeless adolescents“, den Zusammenhang zwischen der Gewalterfahrung auf offener Strasse und der PTBS bei obdachlosen Adoleszenten, im Besonderen die emotionelle Taubheit (emotional numbing) und das PTBS typische Vermeidungsverhalten. Insgesamt 374 obdachlose Adoleszente im Grossraum von Seattle wurden anhand von strukturierten Interviews im Zeitraum zwischen 1995 und 1998, befragt. 83 % der Jugendlichen wurden physisch oder sexuell nach dem Ausreissen von zuhause, missbraucht. In etwa 18 % der Probanden, erfullten die Diagnose der PTBS. Die Studie kam zum Schluss, dass obdachlose Adoleszente und gleichzeitig Opfer sexueller - physischer Gewalt erhebliche Risiken im Hinblick auf die Entwicklung einer PTBS, aufweisen. PTBS pathognomes und traumaspezifisches Vermeidungsverhalten sowie emotionelle Taubheit, konnten als einheitlich auftretender Symptomencluster bei diesem Probandenkollektiv identifiziert werden. {13}

Die uber einen Zeitraum von 2 Jahren hinweg durchgefuhrte Studie „Risk factors for rape, physical assault and posttraumatic stress disorder in women: examination of differential multivariate relationships^ untersuchte ein US amerikanisches Kollektiv, bestehend aus 3006 erwachsenen Frauen, um herauszufinden, ob es

1. exklusive Risikofaktoren fur eine Vergewaltigung oder eine physische Attacke gibt
2. ob es Risikofaktoren gibt, die zu einer PTBS im Anschluss an eine Vergewaltigung oder physische Attacke fuhren.

Die Faktoren bereits einmal einem Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein,junges Alter und die Diagnose einer bestehenden PTBS, brachten ein hoheres Risiko mit sich, Opfer einer Vergewaltigung zu werden. Die Erfahrung bereits einmal Opfer eines Verbrechens geworden zu sein, die Zugehorigkeit zu einer ethnischen Minderheit, eine bestehende Depression und ein Drogenabusus korrelierten mit einem erhohten Risiko einer physischen Attacke. Risikofaktoren, fur die im Anschluss an eine Vergewaltigung mogliche PTBS waren die Anamnese einer Depression, ein Alkoholabusus sowie ubergriffsbedingte Verletzungen. Risikofaktoren, fur die im Anschluss an eine physische Attacke mogliche PTBS, lediglich die Anamnese einer Depression sowie niedriger Bildungsgrad. {14}

Die Studie „Sexual assault and psychiatric disorders among a community sample of women“, untersuchte den Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und psychiatrischen Storungsbildern bei einer Gruppe von 1157 Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren, im Rahmen des NIMH Epidemiologic Catchment Area Program in North Carolina. Die Resultate zeigen, dass sexueller Missbrauch ein Risikofaktor fur eine schwere Depression, Alkohol- und Drogenmissbrauch / -abhangigkeit, Panik- und Zwangsstorungen, als auch fur eine PTBS. {15}

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.3: Pathogenetische Risikofaktoren derPTBS nach Karl C. Mayer, 2009

3.1. Geschlechtsspezifisches Risiko

Geschlechtsspezifische Faktoren spielen eine pathogenetische Rolle; Frauen zeigen ein hoheres pathogenetisches Risiko einer PTBS als Manner (Breslau et al. 1991, 1997a, Kessler et al. 1995; Norris 1992).

In der Studie „Gender and posttraumatic stress: sexual violence as an explanation for women's increased risk“, konnte gezeigt werden, dass Frauen zweimal wahrscheinlicher eine PTBS entwickeln als Manner. Die Studie benennt 2 alternative Erklarungen hinsichtlich des Geschlechtsunterschiedes. Die eine belegt eine intrinsische Verletzlichkeit von Frauen, die andere fusst auf der Untersuchung sexueller Gewalt im bisherigen Leben. Die Autoren untersuchten Daten des „National Violence Against Women Survey“ von 591 Opfern partnerschaftlicher Gewalt. Die Resultate zeigen, dass das Geschlecht, wenn es nur als alleiniger Faktor gewertet wurde, einen kleinen aber signifikanten Effekt auf den Schweregrad der Symptomatik der PTBS hat. Wurde ein Proband hingegen Opfer eines sexuellen Missbrauchs, so konnte das als ein entscheidender Faktor zur Ausbildung einer PTBS identifiziert werden. Der Faktor der intrinsischen weiblichen Verletzlichkeit war nicht ausschlaggebend sondern eher ein sexueller Ubergriff in der Anamnese des Opfers. {16}

Untersucht man den geschlechtsspezifischen Unterschied hinsichtlich des Geneserisikos einer PTBS, stellt man fest, dass Frauen haufiger korperlichen Ubergriffen ausgesetzt sind, als Manner.

Im National Comorbidity Survey (NCS), wird das Risiko fur die Genese der Erkrankung, infolge einer sexuellen Belastigung mit 26,5 % bei Frauen versus 12,2 % bei Mannern, angegeben.

Das geschlechtsspezifische Risiko nach Bedrohung mit einer Waffe, konnte mit 32,6 % bei Frauen und mit 1,9 % bei Mannern beziffert werden (Kessler et al. 1995).

Femer spielt der Geschlechtsunterschied bei der Chronifizierung der Erkrankung eine Rolle. „Frauen haben, verglichen mit Mannern, eine zweifache Wahrscheinlichkeit einer Chronifizierung (Breslau und Davis 1992). Ein markanter Geschlechtsunterschied in Bezug auf die Remission der PTBS Symptomatik, konnte in der Studie „Detroit Area Survey of Trauma“ festgestellt werden. Bei Mannern bildete sich die Erkrankung innerhalb eines Zeitraumes von etwa 12 Monaten zuruck, bei Frauen hingegen erst nach etwa 25 Monaten“ (P = .01). {6}

Geschlechtsunterschiede, die mit anderen Traumata als den genannten assoziiert sind, scheinen hinsichtlich des Risikos der Genese einer PTBS, gering zu sein. Im NCS, wird das Risiko im Zusammenhang mit der Exposition einer Naturkatastrophe mit 5,4 % bei Frauen, bei Mannern mit 3,7 % angegeben, die Bezeugung von Gewalt mit 7,5 % bei Frauen und 6,4 % bei Mannern, die Bezeugung von Unfallen geht mit einem Risiko von 8,8 % bei Frauen und 6,3 % bei Mannern einher (Kessler et al. 1995). Die bestehende Pravalenz einer PTBS, assoziiert mit der direkten Erfahrung einer Katastrophe, liegt bei 6,5 % bei Frauen, bei 5,00 % bei Mannern (Norris 1992);jene bei Unfallen bei 10% beim weiblichen Geschlecht, bei 7,3 % beim mannlichen. Im Grossraum Detroit lag das mit anderen Verletzungen oder schockierenden Erlebnissen (Unfalle, Katastrophen, Bezeugung von Gewalt und lebensbedrohlichen Ereignissen) assoziierte Risiko bei 5,4 % bei Frauen und bei 6,6 % bei Mannern; der plotzliche und unerwartete Tod eines Familienangehorigen oder eines Freundes, brachte ein Risiko einer PTBS von 16,2 % bei Frauen, 12,6 % bei Mannern, mit sich“ (Breslau et al.). {7}

4. Pradiktoren

Ozer, Best Lipsey und Weiss analysierten in der Studie „Pradiktoren einer PTBS und Symptome in Erwachsenen: eine Metaanalyse“, 2.647 Arbeiten mit dem Thema der PTBS; davon verblieben 476 geeignete, um eine Metaanalyse fur Pradiktoren einer PTBS durchzufuhren. Von diesen konnten weitere 68 Studien selektioniert werden, aus denen signifikante Pradiktoren eruiert werden konnten. Sieben Ereignisse wurden hinsichtlich ihrer Eignung als Pradiktor fur eine PTBS, untersucht:

1. Bereits einmal erlebtes Trauma
2. Pratraumatisch bestehende psychologische Anpassung
3. Familiare psychopathologische Anamnese
4. Erfahrene Lebensbedrohung wahrend des Traumas
5. Posttraumatisch erfahrener social support
6. Peritraumatisch emotionelle Reaktion
7. Peritraumatische Dissoziation

Alle sieben Faktoren pradizierten im signifikanten Masse eine PTBS; die familiare psychopathologische Anamnese, ein bereits einmal erlebtes Trauma und die pratraumatisch vorhandene psychologische Anpassung warenjene Pradiktoren mit dem geringsten Risiko; die peritraumatische Dissoziation hingegen mit dem grossten. Die Analyse kam zum Schluss, dass peritraumatisch ablaufende psychologische Prozesse (Dissoziation), die starksten Pradiktoren einer PTBS sind. {17}

Eine PTBS entwickelt sich demnach vielmehr aufgrund der subjektiv wahrgenommenen Bedrohlichkeit eines Traumas und erhalt nachhaltige Pragung durch Wechselwirkung mit der sozialen Umgebung.

Einige Studien, darunterjene von Marmar et al. (1994), untersuchten die Reliability und die Validitat eines Instrumentes zur Messung der peritraumatischen Dissoziation und als Teil davon die Beziehung zwischen dissoziativer Erfahrung wahrend einer Kampfhandlung und der nachfolgenden Entwicklung einer PTBS.

Methode:

251 mannliche Vietnam Veteranen mit einer sich ausbildenden PTBS wurden im Rahmen der „Studie nationaler Wiederanpassung“, hinsichtlich der Beziehung kriegsassoziierter Stressoren, der retrospektiven Beurteilung dissoziativer Vorgange wahrend des am starksten empfundenen Kriegserlebnisses und der allgemeinen Tendenz zur Dissoziation, untersucht.

Resultate:

Das Ergebnis des Fragebogens „Peritraumatische Dissoziation - Rater Version“, korrelierte stark mit dem Ausmass der Symptome der Erkrankung, dem Grad der Stressexposition und der allgemeinen dissoziativen Tendenz, weniger mit den allgemeinen Symptomen der Psychopathologie des MMPI - 2 (Minnesota Multiphasic Personality Inventory). Eine statistische Analyse, ergab zunehmende Werte einer Dissoziation wahrend des Traumas, deutlich mehr als bei einer kriegsbezogenen Stressexposition und der allgemeinen Dissoziation.“

Zusammenfassung:

Die Resultate dieser Studie konnten die Reliabilitat und Validitat des Fragebogens „Erfahrungen peritraumatischer Dissoziation - Rater Version“ belegen und die Hypothese der direkt proportionalen Beziehung zwischen dem Ausmass der Dissoziation und dem Schweregrad der PTBS, belegen. {18} Bestatigung finden diese Daten auch in der Studie „Dissociation and posttraumatic stress disorder in Vietnam combat veterans“ von Bremner et al (1992). Darin wurden bestehende dissoziative Symptome und die Dissoziation wahrend eines spezifischen traumatischen Zeitpunktes bei Vietnam Veteranen mit der Diagnose der PTBS, untersucht.

Methode:

Vietnamveteranen, die medizinische Hilfe aufgrund einerPTBS Symptomatik, in Anspruch nahmen (n = 53), wurden mit anderen Vietnamveteranen verglichen, die eine andere medizinische Hilfe (nicht PTBS) benotigten (n = 32).

Dissoziative Symptome wurden anhand des Fragebogens „Dissoziative Symptome“, evaluiert. Die Dissoziation zum Zeitpunkt des kampfassoziierten traumatischen Ereignisses, wurde retrospektiv mit einer modifizierten Version des Fragebogens „Dissoziative Erfahrungen“, erhoben. Ein weiterer Fragebogen „Exposition wahrend des Kampfes“ wurde verwendet, um das Ausmass der Kampfexposition zu erfassen.

Resultate:

Beijenen Probanden mit der PTBS Symptomatik, konnte ein signifikant hoherer Anted an dissoziativen Symptomen (im Schnitt = 27.0, SD= 18) gefunden werden, als beijenen ohne PTBS (im Schnitt = 13.7, SD = 16.0). Dieser Unterschied bestand auch dann, verglich man den Unterschied der Kampfexposition mit der Analyse der Kovarianz. Jene Probanden mit der Diagnose der PTBS, berichteten von mehr dissoziativen Symptomen zum Zeitpunkt des kampfassoziierten Traumas, basierend auf einer retrospektiven Messung (im Schnitt =11.5,SD= 1.6), alsjene ohne PTBS (im Schnitt = 1.8, SD = 2.1).

Zusammenfassung:

Dissoziative Symptome sind ein wichtiger Faktor der psychopathogenetischen Langzeitreaktion auf ein Trauma. {19}

Gegenstand einer weiteren prospektiven Studie „Predictors ofPTSD in injured trauma survivors: a prospective study“, war die Untersuchung der Beziehung zwischen der unmittelbaren / kurzfristigen Reaktion auf ein traumatisches Ereignis und die daraus resultierende Genese einerPTBS.

Methode:

51 Patienten, die aufgrund einer Verletzung in ein Krankenhaus aufgenommen worden waren, wurden 1 Woche und 6 Monate nach dem Trauma, hinsichtlich der Symptome einer PTBS, untersucht. Die Erstuntersuchung berucksichtigte den Schweregrad des Ereignisses, die peritraumatische Dissoziation, das rekurrente Wiedererleben, das Vermeidungsverhalten, depressive Episoden sowie auch die auftretende Angst. Im weiteren Verlauf kam auch das Modul „PTBS des strukturierten klinischen Interviews fur DSM-III- R der Nicht - Patienten Version“ sowie das Diagnostikinstrument „Zivile Traumata - Version der Mississipi Scale fur kampfbezogene PTBS“, zum Einsatz.

Resultate:

Dreizehn Probanden (25.5 %) erfullten die diagnostischen Kriterien einer PTBS im Follow up. Probanden, die eine PTBS entwickelt hatten, zeigten hohere Werte einer peritraumatischen Dissoziation und signifikante Werte fur eine Depression und fur eine Angststorung sowie eine ausgepragt vorhandene Symptomatik, sich rekurrent aufdrangender Bilder, nach einem Zeitraum von einer Woche.

Die peritraumatische Dissoziation nahm die Diagnose einer PTBS nach 6 Monaten vorweg und war als Pradiktor signifikanter als andere Faktoren; sie erklarte mit 29,4 % der Varianz, die Intensitat der Symptomatik der PTBS. Pathognomes Vermeidungsverhalten, das anfangs nur gering ausgepragt war, intensivierte sich beijenen Probanden, denen die Diagnose der PTBS gestellt worden war.

Die Studie kam zum Schluss, dass der Faktor der peritraumatischen Dissoziation signifikant mit der nachfolgenden Genese einerPTBS korreliert. Die Studie folgerte demnach, dass eine fruhe Dissoziation mit einer sich anbahnenden Symptomatik einer PTBS, dem Kliniker in der Identifikationjener helfen konnen, die einem hoheren Risiko der Genese einer PTBS ausgesetzt sind. {20}

Wenige Studien haben die Symptomatik der PTBS und andere Symptome des emotionalen Distress, wie Angst und Depression differentialdia-gnostisch untersucht, trotz betrachtlicher Uberlappung und Komorbiditat.

In der einzigen prospektiven Studie zu diesem Thema von Shalev et al. (1998), konnte gezeigt werden, dass es bei schweren Motorradunfallen unmittelbar im Anschluss an das Ereignis zu einer PTBS und zu depressiver Symptomatik kam. Die Studie kam zum Schluss, dass beide Krankheitsbilder unterschiedliche Reaktionstypen auf ein Trauma sind, nicht zwangslaufig gemeinsam auftreten mussen aber alsjeweilige komorbide Storung eine Verschlechterung der Prognose mit sich bringen.“

In einer weiteren Studie zur Feststellung wesentlicher und exklusiver Pradiktoren fur die PTBS wurde eine Patientengruppe bestehend aus 267 Patienten im Alter zwischen 18 und 35 Jahren mit einem durchschnittlichen Alter von 24,2 Jahren, untersucht.

Die ethnische Zusammensetzung bestand aus 72 % Lateinamerikaner, 15 % Schwarz- oder Afroamerikaner, 5 % Kaukasiem und 8 % anderen.

68 % waren nicht verheiratet, 66 % arbeiteten auf Voll- oder Teilzeitbasis, 47 % der Teilnehmer verfugten uber einen Hochschulabschluss; das Gros der Teilnehmer uber ein Einkommen von weniger als 1000 USD pro Monat. Allen gemeinsam war die Erfahrung eines Gewaltverbrechens; Tater war nicht ein Familienmitglied oder ein fruherer Lebenspartner.

Der Grossteil (62 %) hatte ein Trauma durch eine Schusswaffe, 29 % eines durch eine Messerattacke, 9 % durch einen anderen Angriff (stumpfer Gegenstand, Auto, Raufhandel) erlebt.

32 % waren wahrend der Attacke allein, 76 % wurden von einem Fremden angegriffen, 19 % kannten den Tater, 6 % konnten diesen nicht identifizieren.

Folgende Parameter spielten bei der Untersuchung eine Rolle:

1. peritraumatische Dissoziation (PD)
2. Schweregrad der akuten PTBS Symptomatik
3. generalisierte Disstress Symptomatik
4. Symptome einer Depression im vorhergehenden Jahr
5. Alkoholmissbrauch
6. lebenslange Gewaltexposition
7. Stressoren im vorhergehenden Jahr
8. Neurose
9. Social support
10. Mitglied in einer Gang
11. Dauer der Attacke
12. Verletzungsgrad
13. Alter, Ethnizitat, Bildung

Ein hoher Verletzungsgrad sowie eine Neurose waren deutliche Pradiktoren fur eine peritraumatische Dissoziation.

Der Verletzungsgrad, eine depressive Symptomatik im vorhergehenden Jahr, Symptome einer neurotischen Erkrankung, sowie eine peritraumatische Dissoziation galten als Pradiktoren fur eine akute PTBS, signifikant aber nur ein hoher Verletzungsgrad sowie eine neurotische Storung.

Dieselben Faktoren (Neurose, Depression, akute PTSD) mit Ausnahme des Verletzungsgrades hingegen wurden als signifikante Pradiktoren (25 %) fur allgemeinen Distress, identifiziert.

Die Rolle der neurotischen Storung konnte auch in anderen Studien als wichtige pradizierende Erkrankung einer nicht akut auftretenden PTBS bestatigt werden (Bramsen, Dirkzwager, & van der Ploeg, 2000; Breslau, Davis, Andreski, & Peterson, 1991, Holeva & Tarrier, 2001, McFarlane, 1988). Die peritraumatische Dissoziation spielt den Studien zufolge, eine erhebliche Rolle bei der Genese einer akuten und andauernden PTBS Symptomatik (Birmes et al. 2001; Bremner et al. 1992, Koopman et al. 1994, Marmar et al., 1994, Michaels et al. 1998, Tichenor et al. 1996, Ursano et al. 1999). {21}

Weitere Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen kognitiv - affektiven Faktoren (nicht in der Lage gewesen zu sein, die traumatisierende Erfahrung kontrollieren zu konnen, gedemutigt worden zu sein, das Erleben selbst- und objektgerichteter Wutausbruche) und kindheitstraumatischer Erfahrungen (z.B. sexueller Missbrauch), ein und sechs Monate nach der Erfahrung eines Traumas.

Jene von Andrews, Brewin, Rose und Kirk, fuhrte eine Diagnostik einen Monat nach stattgefundenem Trauma durch und berucksichtigte dabei einenjemals erfahrenen physischen und sexuellen Missbrauch, wahrend der Kindheit. Reaktionen auf das aktuelle Verbrechen wurden sechs Monate nach diesem erhoben. Gefuhle des Argers, der Scham und der Wut mit sich selbst und anderen, wurden bei der Erhebung einen Monat nach der Tat, mitberucksichtigt.

Es sollte festgestellt werden, ob diese Faktoren, Pradiktoren fur eine PTBS sein konnten und wie sich diese 6 Monate danach auf die Symptomatik einer PTBS, auswirken wurden.

,,Die 157 Teilnehmer waren allesamt uber 18 Jahre alt, hatten ein Durchschnittsalter von 35 Jahren und wurden Opfer eines Gewaltverbrechens, das nicht durch eine Person im eigenen Haushalt verubt worden war.

45 % der Teilnehmer waren verheiratet oder befanden sich in einer anderen Lebensgemeinschaft, 38 % waren allein stehend, 18 % getrennt, geschieden oder verwitwet. 45 % schlossen die Pflichtschule mit 16 Jahren ab, 26 % besuchten eine weiterfuhrende Schule, 28 % die Universitat.

94 % erlebten einen korperlichen Angriff, 4 % waren beinahe einem solchen ausgesetzt, weitere 4 % erlebten einen sexuellen Ubergriff. 90 % des untersuchten Kollektivs berichteten von einem Personenschaden“.

Anhand semistrukturierter Interviews wurden demographische Daten, Details des Verbrechens, Schuldgefuhle, Arger- und Wutausbruche sowie eine eventuell vorhandene Kindesmisshandlung vor dem 17. Lebensjahr, erhoben.

Die Symptomatik der posttraumatischen Belastungsstorung wurde anhand eines subjektiv zu schildemden Fragebogens (PSS-SR, Foa, Riggs, Dancu, & Rothbaum, 1993), zum Zeitpunkt des Erstkontakts und 6 Monate spater, erhoben.

„Es gab keine geschlechtsspezifischen Unterschiede hinsichtlich der Scham- oder Wutausbruche. Auch Kindesmissbrauch war im grossen und ganzen, bei Madchen nicht haufiger als bei Jungen. Das Alter, das Geschlecht, der Zivilstatus, der hochst erlangte Bildungsgrad und das Ausmass der Verletzung, dienten als Kontrollvariablen.

Frauen undjene Probanden, deren Verletzung ausgepragter war, zeigten deutlichere Symptome der Erkrankung zu beiden Zeitpunkten. Jene, die keine weiterfuhrende schulische Ausbildung jenseits des 16. Lebensjahres absolvierten, zeigten eine deutlichere Symptomatikbei derErhebung derPTBS Symptomatik nach 6 Monaten.

Wurden alle Variablen gemeinsam betrachtet, so konnten das Gefuhl der Scham und die aufkommende Wut, zum Untersuchungszeitpunkt nach einem Monat, als die einzigen unabhangigen Faktoren identifiziert werden, die eine PTBS, pradizierten.

Schuld- und Schamgefuhle spielen der Studie zufolge eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Symptomatik der PTBS. Scham sei ein krankheitsmodulierender Faktor, der den Verlauf der Erkrankung beeinflussen kann. Femer ein Bindeglied zwischen Kindesmissbrauch und einer spater auftretenden psychopathologischen Erkrankung im Erwachsenenalter {22}

Brown, Hill und Lambert dokumentierten in ihrer Studie „Traumatic stress symptoms in women exposed to community and partner violence“, eine ausgepragte Traumasymptomatik anhand der Untersuchung zweier unterschiedlicher Gewaltarten (allgemeine Gewalt und Gewalt seitens des Partners) bei 90 afroamerikanischen Frauen mit niedrigem Einkommen, aus dem Milieu einer stadtischen Umgebung. Die Erfahrung allgemeiner und partnerschaftlicher Gewalt war assoziiert mit hoheren Werten an krankheitsspezifischen Traumasymptomen. Probanden, die beides erlebt hatten, zeigten eine ausgepragtere Symptomatik alsjene, die nur eine oder keine der beiden Gewalttypen erlebt hatten. Die Resultate der Studie untermauern, dass ein hoheres Mass an erfahrener Gewalt, sich direkt proportional zum aufgetretenen Disstress verhalt. {23}

Die Studie „Prevalence and predictors of posttraumatic stress disorder (PTSD) in physically injured victims of non-domestic violence. A longitudinal study“, untersuchte bei Opfern von Gewaltverbrechen die Pravalenz und Pradiktoren einer PTBS. Als Parameter dienten der Auspragungsgrad der korperlichen Verletzung, die subjektiv empfundene Lebensbedrohung, eine bereits vorhandene Gewalterfahrung, die peritraumatische Dissoziation, die akute PTBS, das Gefuhl der Situation hilflos ausgeliefert gewesen zu sein sowie gegebener social support.

Drei Untersuchungen wurden bei Anwendung eines longitudinalen Designs in einem Zeitraum von 12 Monaten bei einer Gruppe, bestehend aus 70 Personen, durchgefuhrt.

Folgende Diagnostikinstrumente wurden verwendet:

1. der Impact of event scale -15 und 22 (IES-15, and 22)
2. die Post-Traumatic Symptom Scale-10 (PTTS-10)
3. der Fragebogen der Peritraumatic Dissociation (PD)
4. 7 item self report measure, der Social Provisions Scale (SPS) sowie
5. der Generalized Self efficacy scale (GSE)

Hohe Pravalenzraten und ein ausgepragter Schweregrad der Erkrankung konnten in alien Fallen gemessen werden. Die Resultate des IES-15 zeigten, dass 31 % eine wahrscheinliche PTBS und 14 % ein Risiko hatten, eine PTBS zu entwickeln. Eine akute PTBS konnte als Pradiktor einer spater auftretendenen PTBS identifiziertwerden; die subjektiv empfundene Lebensbedrohlichkeit erhohte die PD. Ferner waren die fehlende soziale Unterstutzung und die Hilflosigkeit, Pradiktoren einer PTBS.

Die Studie unterstrich, dass non - domestic violence schwerwiegende chronische emotionelle Probleme verursachen kann. {24}

Die Studie „Predictors of trauma symptomatology in sexually abused adolescents: a 6 month follow­up study“ untersuchte, ob der Schweregrad und die Art des Missbrauchs (im Kreis der Familie und auch ausserhalb davon), Copingstrategien und eine Krisenintervention im Anschluss an die Tat, einen Einfluss auf eine mogliche Symptomatik, nach einem Zeitraum von 6 Monaten, nach der traumatischen Erfahrung hatte.

65 sexuell missbrauchte niederlandische Adoleszente wurden 6 Monate nach dem Trauma untersucht. 46 % der Untersuchten zeigten eine eindeutig ausgepragte traumaassoziierte Symptomatik.

Zwei Pradiktoren fur eine andauemde Traumasymptomatik konnten im Rahmen der Studie gefunden werden:

1. vorhandenekrankheitsspezifische Symptome
2. fehlende Krisenintervention direkt im Anschluss an das Trauma. {13}

Die Studie ,,Child sexual abuse, coping strategies and lifetime posttraumatic stress disorder among female inmates“, konnte einen Zusammenhang zwischen einem sexuellem Missbrauch wahrend der Kindheit und einer lifetime PTBS bei weiblichen Patienten in China feststellen. 471 Teilnehmer wurden hinsichtlich eines sexuellen Missbrauchs, Personlichkeitszugen, Coping Strategien und der Pravalenz einer lifetime PTBS, untersucht. Die Resultate zeigen, dass sexueller Missbrauch und negative Coping Strategien, pradiktive Faktoren einer lifetime PTBS sind. {24}

Einige der am haufigsten diagnostizierten psychischen Probleme bei traumatisierten Fluchtlingen sind die Depression, Angsterkrankungen sowie die PTBS. Das Ziel der Studie „Predictors of mental health and quality oflife in male tortured refugees”, von Carlsson, J.M.; Mortensen, E.L.; Kastrup, M., war es, eine Gruppe gefolterter Fluchtlinge, die in ein Rehabilitations- und Forschungszentrum fur Folteropfer eingewiesen wurden, hinsichtlich der Auswirkung der erlebten Folter und dem Stress nach der Flucht, auf die gegebene Symptomatik der PTBS, der Angst und hinsichtlich gesundheitsbezogener Faktoren der Lebensqualitat, zu untersuchen. Das untersuchte Kollektiv bestand aus 63 mannlichen gefolterten Fluchtlingen. Daten des personlichen Hintergrundes, der erfahrenen Traumata sowie der gegenwartigen Befindlichkeit in Danemark, Symptomen der Depression, der Angst (Hopkins Symptomen Checklist-25, HSCL-25, and Hamilton Depression Scale, HDS), der PTBS (Harvard Trauma Questionnaire) und gesundheitsbezogener Faktoren der Lebensqualitat (WHO, Quality oflife - Bref), wurden erhoben. Die Werte in den Fragebogen, welche den emotionellen Distress eruierten, waren hoch. Vorhergehende Folter und Traumata, niedriger Bildungsgrad, wenig soziale Kontakte, fehlende Arbeit sowie Schmerzen, konnten als signifikante Pradiktoren fur emotionellen Distress, identifiziert werden. Wenig soziale Kontakte waren ein signifikanter Pradiktor einer niedrigeren Lebensqualitat. Auch nach vielen Jahren stand eine einmal erlebte Folter signifikant mit emotionellem Disstress im Zusammenhang. Faktoren, die nach der Flucht auftraten, standen im besonderen Masse mit emotionellen Distress und niedriger Lebensqualitat im Zusammenhang; veranderbare Faktoren wie z. B. soziale Beziehungen und Arbeit, seien im hohem Masse ausschlaggebend. {25}

5. Komorbiditat

Mayer fasst zusammen: „Eine Folge einer nicht diagnostizierten und somit auch nicht behandelten PTSD, ist die Entwicklung komorbider Storungen, von denen Suchterkrankungen, Depression und Angsterkrankungen sehr haufig sind“. {26}

Als Begleitdiagnosen der Erkrankung konnen auftreten:

1. Angststorungen: schwere Depression, eine generalisierte Angststorung, Phobien, eine Panikstorung, Schlafstorungen, Impulskontrollstorungen
2. Kognitive Storungen: Aufmerksamkeitsstorung, chaotischer, desorganisierter Gedankenductus, Assoziationslosigkeit, Derealisierung
3. Dissoziationsstorungen: Regression, Amnesie, Depersonalisation
4. Somatisierungsstorungen: Migrane
5. Verhaltensstorungen: Substanzmissbrauch, Abhangigkeitsverhalten, Essstorungen, artifizielle Storungen, Personlichkeitsstorungen wie z.B. Pseudologie, Aggression, Impulskontrollstorungen
6. soziale Interaktionsstorungen: Beziehungsprobleme, Paranoia

Die Erkrankung geht mit einem erhohten Risiko fur eine Panikstorung, fur eine Agoraphobie, einer Zwangsstorung, sozialen oder spezifischen Phobie, hoheren Depressionsscores, einer Somatisierungsstorung, einem Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, verglichen mit einem neutralen Kontrollkollektiv, einher.

Die Studie „Posttraumatic stress disorder (PTSD) and comorbidity“ von Licanin, I.; Redzic, A., konnte feststellen, dass die PTBS sehr oft in Kombination mit anderen psychiatrischen Storungen wie z.B. Alkohol- und Drogenmissbrauch, einer Personlichkeitsstorung, einer generalisierten Angststorung, Zwangsstorungen, Schizophrenic etc. auftritt. Manchmal sei es ein Problem, die PTBS von anderen Erkrankungen diagnostisch zu differenzieren. Das Ziel der Studie war es, die am haufigsten mit einerPTBS auftretenden komorbiden Storungen, festzustellen.

Sie wurde im Zeitraum zwischen April 1988 und Oktober 1999 durchgefuhrt. Die Teilnehmer wurden in 2 Gruppen zujeweils 30 Probanden unterteilt. Die erste Gruppe hatte nur die Symptome der PTBS, die andere hingegen die Symptome der PTBS und andere psychiatrische, komorbide Storungen. Sie unterschieden sich weder im Alter noch im Geschlecht signifikant.

Zur Diagnostik kamen mehrere Fragebogen zur Anwendung:

1. das Standard Psychiatric Interview
2. der Harvard Trauma Questionnaire (HTQ)
3. die Hamilton Anxiety Rating Scale
4. die Hamilton Depression Rating Scale sowie die
5. Drug andAlcoholAbuse Checklist

Die Resultate zeigten, dass die Symptome der PTBS im mittleren Alter am prominentesten waren. Komorbide Storungen waren:

1. eine Personlichkeitsstorung zu 46 % (von diesen 13,3 % eine permanente Personlichkeitsstorung nach traumatischem Ereignis)
2. eineDepressionzu29.9%
3. Drogenabusus zul3.3%
4. Alkoholabusus zu 6.7 %
5. dissoziative Storungen zu 3.3 %

Die Studie kam zum Schluss, dass komorbide Storungen einerPTBS, einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf und die Prognose einer PTBS nehmen. {27}

Von 1600 ausgewahlten Vietnam - Kriegsveteranen, wiesen fast ein Viertel der Manner, die an einer PTBS erkrankt waren, gleichzeitig auch eine Alkoholerkrankung auf; im PTBS negativen Kontrollkollektiv lag der Anted bei etwa 10%. Mehr als einer von 20 mannlichen Vietnam - Kriegsveteranen mit PTBS, hatte ein Drogenproblem (Missbrauch oder Abhangigkeit). Bei 2009 landesweit (USA) untersuchten amerikanischen Frauen, die Opfer eines Gewaltverbrechens geworden waren und denen die Diagnose einer PTBS gestellt worden war, konnte man ein 3,2 fach erhohtes Risiko einer Alkoholproblematik, sowie ein 3,4 fach erhohtes Risiko einer Drogenproblematik, verglichen mit dem PTBS negativen Kontrollkollektiv, feststellen.

Epidemiologische Studien, erhoben an der Allgemeinbevolkerung, konnten eine hohe Rate an einer Komorbiditat mit anderen psychiatrischen Erkrankungen feststellen (Breslau etal. 1991; Helzer et al. 1987; Kessler et al. 1995). Die Daten dieser Studien, werden in klinischen Stichproben und auch in der National Vietnam Veterans Readjustment Study (NVVRS), bestatigt. Die pradominante komorbide Erkrankung einer PTBS, ist eine schwere Depression und eine Angststorung; des weiteren ein erhohter Substanzabusus.

Ob diese psychiatrischen Storungsbilder eine Folge des traumatischen Erlebnisses sind und ob Personen, die einem Trauma ausgesetzt waren aber keine PTBS entwickelten, ein hoheres Risiko fur andere psychiatrische Erkrankungen zeigen, wurde von Breslau et al. (1997), im Grossraum von Detroit, untersucht. Das Resultat der Analyse konnte eine hohere lifetime Pravalenz einer schweren Depression, einer Angststorung und eines Substanzmissbrauchs bei traumatisierten Personen, verglichen mit Nichtexponierten, feststellen. Sie lag bei schwerer Depression bei den Exponierten bei 18,5 % bzw. bei 10,1 % der Nichtexponierten,jene der Angststorung bei 33,8 % bzw. bei 21,9 %, die des Alkoholabusus bei 25,1 respektive 19,1 % und die des Drogenabusus bei 15,2 bzw. bei 9,3 %. Das Auftreten der Komorbiditat war im wesentlichen bei den PTBS Erkrankten zu finden, wahrend die Raten der traumaexponierten Personen, die keine PTBS ausbildeten, nicht signifikant hoher waren, als beijenen Personen, ohne ein Trauma.

Die Tabelle 1 -4, Quelle: psychological Trauma“ von Rachel Yehuda, PHD, 2005, zeigt die lifetime Pravalenz mehrerer komorbider Erkrankungen bei Personen mit der Anamnese einer PTBS, bei Traumatisierten ohne PTBS und Nichtexponierten. Sie liegt z. B. fur eine schwere Depression bei PTBS Erkrankten bei 36,6 %; beijenen, die eine Exposition hatten aber keine PTBS ausbildeten bei 13 % und bei 10.1 %, die kein Trauma erlebt hatten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.4: Lifetime Pravalenz anderer Storungen in Abangigkeit von PTBS und Expositionsrate (Rate /100), nach Rachel Yehuda, 2005

Die Wahrscheinlichkeitsrate fur eine schwere Depression lag bei denjenigen, die an der PTBS erkrankt waren, bei 5,1 (95 % confidence interval [Cl] 3,1 bis 8,4), bei Probanden ohne PTBS bei 5,1 (95 % Cl 0,9 bis 2,0), verglichen mit der Ratejener, die keine Exposition hatten. Die Wahrscheinlichkeitsraten anderer Erkrankungen, assoziiert mit einer PTBS, rangierten im Bereich von 1,9 bis 5,0 (alle statistisch signifikant), wahrendjene, die nur die Exposition (n = 301) darstellte, sich in einem Bereich von 1,3 bis 1,5 bewegte (nicht statistisch signifikant).

Auch wenn die NVVRS keine ahnliche Analyse zujener in Detroit durchgefuhrt hatte, kommt die Untersuchung bei Kriegsgeschadigten zum selben Ergebnis. Die Pravalenz einer oder mehrerer Erkrankungen, als komorbide Begleiterkrankung bei einer PTBS, war bei Mannern mit manifester PTBS, resultierend aus einer traumatisierenden Kriegserfahrung, um etwa ein Drittel hoher, als bei alien anderen Veteranen; 63 gegenuber 49 %.

Eine dramatische Zunahme der Pravalenz um 99 % einer oder mehrerer Erkrankungen, konnte bei jenen Mannern festgestellt werden, die an einer PTBS litten. Ein ahnliches Muster wurde bei Frauen beobachtet, die aus dem Krieg zuruckkehrten (Kulka et al. 1990). In beiden Studien, derNVVRS und jener, die im Grossraum von Detroit durchgefuhrt wurde, konnten hohere Pravalenzraten an Komorbiditat, assoziiert mit einer PTBS, belegt werden. Diese stand nicht mit der Exposition oder einem bestimmten Stressor, der zu einer PTBS fuhrt, im Zusammenhang sondem mit der Variable, ob eine PTBS manifest war oder nicht (Breslau et al., in press [b]; Kulka et al. 1990).

Analysen prospektiver Datenjunger Erwachsener, erhoben in der Region Detroit, gaben Aufschluss daruber, ob ein Trauma per se, in Abwesenheit einer PTBS, das Risiko des first onset anderer Erkrankungen, erhoht oder nicht (Bresalau et al. In press [b]). Jene traumaexponierten Personen, die keine PTBS als Folge des Traumas entwickelt hatten, unterschieden sich nur geringfugig von jenen, die niemals exponiert waren. Komorbide Erkrankungen, im besonderenjene der schweren Depression und des Drogenabusus, konnten bei exponierten Personen mit einer PTBS gefunden werden (Breslau et al., in press [b]). Die Inzidenz der schweren Depression, lag bei den Personen mit der Anamnese einer PTBS bei 21 %, beijenen ohne PTBS aber vorhandener Exposition bei 6,3 %. Beijenen, die niemals einem Trauma ausgesetzt waren, fand man eine Inzidenz von 5 %. Stichprobenanalysen von Frauen (lifetime data), unter Anwendung des proportionalen Cox Zufallsmodells mit zeitabhangigen Kovarianten, ergaben ubereinstimmende Resultate mitjenen der Region von Detroit (Breslau et al. 1997).

Die erhohte Inzidenz des „first onset“ einer schweren Depression und / oder eines Substanzmissbrauchs, bei Personen mit PTBS und beijenen, die nur ein Trauma erfahren hatten aber daran nicht erkrankten, deckt sich mit der Annahme, dass die belastenden Symptome der PTBS, Grundlage weiterer Erkrankungen und daher komorbider Krankheitsbilder, wie depressiver Episoden und /oder anderer psychiatrischer Storungsbilder sind. Eine alternative Erklarung geht davon aus, dass die PTBS nicht die Ursache nachfolgender Erkrankungen ist, sondem vielmehr eine vorbestehende Vulnerability fur andere psychopathologische Erkrankungen. Die Entwicklung der Komorbiditat (Depression u.a.) bei Personen mit manifester PTBS, ist vor diesem Hintergrund ein Resultat einer vorbestehenden und die sich durch das Trauma verstarkenden Verletzlichkeit.

Diese Erkenntnisse widerlegen die These, dass das Trauma per se, ein atiologischer Faktor einer PTBS komorbiden Erkrankung sein konnte. Vielmehr scheint eine gegebene Verletzlich- und erhohte Anfalligkeit, als atiologischer Faktor einer komorbiden Erkrankung im Anschluss an eine traumainduzierte PTBS, verantwortlich zu sein. {28} Die schwere Depression und die Dysthymie werden als die haufigsten komorbiden psychiatrischen Storungsbilder einer PTBS bei Uberlebenden eines Traumas beiderlei Geschlechts, identifiziert. Ahnlich wie bei einem Substanzabusus, ist es oftmals schwierig festzustellen, ob eine depressive Episode, welche einem Trauma folgt, eine unabhangige Erkrankung darstellt oder ob affektive Symptome in erster Linie im Zusammenhang mit dem posttraumatischen Syndrom, stehen. Dieses Dilemma verscharft sich weiter dahingehend, dass viele komorbide Erkrankungen einer PTBS (z.B. Substanzabusus) auch bei einer depressiven Erkrankung vorhanden sind (Kofoed, Friedman & Peck 1993).

In einer Studie uber weibliche Alkoholiker, konnten Wissenschaftler eine Anamnese eines exzessiven Inzest feststellen. Des weiteren hattenjene mit einer komorbiden Depression eine signifikant hohere Wahrscheinlichkeit, die Kriterien einer PTBS zu erfullen, verglichen mitjenen, welche die Kriterien einer klinischen Depression nicht erfullten (Kovach 1986).

Die Diagnose einer Borderline Storung (BPD), uberschneidet sich mit der Diagnose der PTBS, atiologisch und auch in ihrer Symptomkonstellation, im besonderen bei Frauen. Daten aus dem Jahr 1997 zeigen, dass 75 % aller diagnostizierten Patienten mit einer Borderline Storung Frauen sind. Wissenschaftler nehmen an, dass 80 % der Patienten mit einer PTBS, ein bedeutendes Kindheitstrauma erlebt haben (e.g. childhood physical or sexual abuse; Gudnerson, Zanarini, & Kisiel, 1991). Bis zu einem Drittel der Individuen mit manifester BPD, erfullen die Kriterien einer PTBS (Gudnerson, & Sabo, 1993; Blank 1994).

Ein Kindheitstrauma mit oder ohne der Symptomatik einer Borderline Storung, scheint eine hohere Wahrscheinlichkeit mit sich zu bringen, im Erwachsenenalter sich als traumatisch erweisende Erfahrungen zu erleben; daraufbasierend, eine PTBS zu entwickeln (Albach & Everaerd, 1992; Bremner, Southwick, Johnson, Yehuda, & Chamey, 1993; O' Neill & Gupta, 1991).

[...]

Autor

Zurück

Titel: Die Posttraumatische Belastungsstörung - Probleme der Diagnostik