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Japan - Verbände und politische Netzwerke

Seminararbeit 2008 18 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Verbande und politische Netzwerke
1.1 Einleitung: Historische Entwicklungen
1.1.1 Entwicklungen von der Meiji-Ara bis zum Ende des Ersten Weltkriegs
1.1.2 Entwicklungen der Zwischenkriegszeit
1.2 Wirtschaftspolitische Massnahmen des Staates
1.2.1 Wirtschaftliche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg
1.2.2 Derjapanische Wohlfahrtsstaat
1.3 Industrielle B eziehungen
1.3.1 Verbandsstrukturen
1.3.2 Sozialpartnerschaft
1.4 Politische Netzwerke
1.5 Schlussteil: Neuere Entwicklungen
1.6 Ausblick

2 Bibliographie

3 Anhang
3.1 Abkurzungsverzeichnis
3.2 Japanische Begriffe

1 Verbande und politische Netzwerke

In dieser Arbeit werden das japanische Verbandssystem und die Konfiguration der politi- schen Netzwerke vorgestellt. Die Ausfuhrungen sind von der Fragestellung geleitet, inwiefern sich die Sozial- und Wirtschaftspolitik, sowie die Ausgestaltung des Staates auf die Verbands- strukturen und die politischen Netzwerke auswirken.

1.1 Einleitung: Historische Entwicklungen

1.1.1 Entwicklungen von der Meiji-Ara bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

Vor der relativ spat einsetzenden Industrialisierung Ende des 19. Jh. war Japan ein stark agrarisch gepragter Staat. Umgeschulte Bauern und Handwerker bildeten denn auch die Mehr- heit der ersten Generation der Stahlarbeiter zu Beginn der Meiji-Ara um 1870. Diese wurden eingesetzt, um den Bestrebungen des Kaisers Meiji nach einer besseren Infrastruktur im Be- reich der Verkehrswege und einer effizienter produzierenden Rustungsindustrie nachzukom- men. Der grosste Teil der Arbeiterschaft wurde aber in der Textilbranche beschaftigt, die ab 1895, nach dem militarischen Sieg Japans uber China, einen grossen Absatzmarkt auf dem asiatischen Festland fand. Wahrend in der Schwerindustrie beinahe nur Manner arbeiteten, bildeten die Frauen die uberwiegende Mehrheit der Arbeiterschaft in der Textilindustrie (Garon 1987: 10-14).

Vor 1895 wurden Arbeiterproteste meist spontan und mit relativ wenigen Leuten durch- gefuhrt. Obwohl sich erste Gewerkschaften bereits um 1885 bildeten, wurden in der Anfangs- phase nur sehr wenige Proteste von ihnen mitgetragen. Erst mit der Zeit nahmen die gewerk- schaftsgefuhrten Streiks zu, die aber die Schwerindustrie kaum betrafen. Die Gewerkschafts- fuhrer versuchten dabei moglichst jeden Konflikt mit den Arbeitgebern zu vermeiden, so dass die Proteste selten zu einer wirklichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen fuhrten (Jackson 2002: 156; Garon 1987: 15-17).

Mit der stark wachsenden Industrie wahrend des ersten Weltkriegs wuchs auch deren Ar­beiterschaft innert wenigen Jahren gleichermassen an. Als Folge von Korruption und Misswirt- schaft nahm die Verelendung der vielen Arbeitnehmer nach dem Krieg stark zu und deren Re- aleinkommen sank gleichzeitig um 1/5, wahrend das Staatsvolumen seit Beginn des Krieges um ein vielfaches zunahm. Der soziale Druck entlud sich im Sommer 1918 - nebst vielen lokalen Streiks - in den Reissturmen, die sich innert Kurze uber das ganze Land ausbreiteten (Rindl 1968: 93f.). Dieses Ereignis ist mit dem Schweizerischen Landesstreik vom November 1918 vergleichbar. Auch da war die miserable Lage der durch die wirtschaftlichen Folgen des Krie- ges verarmten Arbeiterschaft der Hauptgrund bar den landesweiten Protest (Vuilleumier 1977: Ilf.). Der zuvor gekannte (relative) Arbeitsfriede wurde in Japan so auf die Probe gestellt, wahrenddessen sich die Gewerkschaften politisch radikalisierten (Garon: 38f., 99). Die zuvor rein wirtschaftspolitisch orientierten Ministerien begannen sich im Zuge dieser Entwicklungen vermehrt sozialpolitischen Fragen zuzuwenden, was 1922 in der Schaffung eines ministerien- ubergreifenden Sozialburos mundete. Bei der Ausgestaltung der Sozialpolitik liessen sich dabei nicht wenige der beauftragten Burokraten von den sozial-liberalen Ansatzen der britischen La- bourbewegung inspirieren (Garon: 78, 86).

1.1.2 Entwicklungen der Zwischenkriegszeit

Diese Entwicklungen lassen einen policy shift der Sozialpolitik, weg von der parlamenta- rischen, hin zur administrativen Arena und somit auch zu den Verbanden, vermuten (vgl. Krie- si 2007: 265). Dieser Eindruck aber tauscht, denn trotz anfanglicher Bemuhungen um bessere Bedingungen fur die Arbeitnehmer nahm der Staat in dieser Phase politischer Liberalisierung, wie zuvor, eine repressive Haltung gegenuber den Gewerkschaften ein (Jackson 2002: 157). Wie in der Weimarer Republik wollten auch die japanischen Eliten ihre Privilegien aus den bestehenden Institutionen nicht gegen sozial-liberale Errungenschaften austauschen (Streeck 2002: 28). Hinzu kam, dass die Arbeitgeber mit betriebseigenen Gewerkschaften (enterprise unionism) und der Einfuhrung von Betriebsraten versuchten, den ausserbetrieblichen Organisa- tionen den Wind aus den Segeln zu nehmen und “the potentially disruptive capacity of labor on the existing political economy” (Pempel und Tsunekawa 1979: 254) zu schwachen. Die be- triebliche Fursorge fur die Arbeitnehmer gab den Arbeitgebern gleichzeitig auch die Legitima­tion externe Gewerkschaften aktiv zu bekampfen (Jackson 2002: 158). Dieser Fursorge waren paternalistische Strukturen inharent, welche die Arbeitgeber immer starker in ihren Firmen zu etablieren versuchten. Der betriebliche Paternalismus, welcher der Einbindung der Arbeiter­schaft diente, glich immer mehr demjenigen, wie er traditionellerweise in Familien zu sehen war und entfernte sich vom zuvor gekannten Verhaltnis zwischen Vorgesetzten (als Patron) undUnterstellten(Jackson2002: 158,Rindl 1968: 16).

Anfangs der 1930er Jahre war in Japan nicht die politische Linke, - so wie in Schweden, Grossbritannien oder den USA - als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise von 1929, auf dem Vormarsch (Kriesi 2007: 150). Der japanische Staat wurde auch nicht von rechtsextremen Kraften, wie in Italien oder Deutschland, ubernommen. In Japan spielte die staatliche Burokra- tie eine zentrale Rolle in der Ausarbeitung eines autoritaren, gegen den Liberalismus gerichte- ten Programms, das aber auch (und nicht zuletzt) mit Blick auf die totalitaren Regimes Deutschlands, Italiens und der Sowjetunion entstanden war (Garon 1987: 188f.). Die staatli- chen Eingriffe in die Vorkriegsindustrie beendeten schliesslich auch die Tatigkeiten der unab­hangigen Gewerkschaften (Jackson 2002: 158). Wahrend die Abschaffung der unabhangigen Gewerkschaften eine der ersten Amtshandlungen Hitlers war, ging dieser Prozess in Japan schleichender vonstatten: Ein erster starker Einschnitt in die Freiheit der Arbeitnehmerverban- de geschah im Herbst 1936, als die Armee die Mitarbeiter ihrer Zeughauser dazu zwang aus ihren Gewerkschaften auszutreten. Grund dafur war ein vorangegangener, fehlgeschlagener Putschversuch, der von jungen aufstandischen Offizieren der Armee durchgefuhrt wurde (Ga­ron 1987: 188, 208). Dieses Ereignis stellt eine critical juncture in einem pfadabhangigen Pro­zess dar (vgl. Kriesi 2007: 20f.). Die Armee verband die Verschworer mit den Gewerkschaften und verbot aus Sicherheitsgrundenjede gewerkschaftliche Organisation innerhalb des Militars. Dieses Verbot wurde danach schrittweise auf die militarnahen Rustungsbetriebe und danach auch auf die ubrige Industrie des Landes ausgedehnt. Die abschliessende Entwicklung war die Uberfuhrung der letzten verbliebenen unabhangigen Gewerkschaften in den staatlichen Gross- japanischen Patriotischen Industrieverband im Sommer 1940 (Garon 1987: 188, 208, 220f.). Damit war die Homogenisierung der Wirtschaftsbeziehungen, wenn auch langsamer als in Deutschland, vollzogen und unter staatliche Kontrolle gebracht (Streeck 2002: 28f.). Diese Verhaltnisse anderten sich erst nach Kriegsende wieder.

1.2 Wirtschaftspolitische Massnahmen des Staates

1.2.1 Wirtschaftliche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Wie in Deutschland, ist auch in Japan die Nachkriegszeit durch eine Zasur der totalen Niederlage und der anschliessenden Besatzung durch alliierte Truppen gekennzeichnet (Kriesi 2008: 232). Trotzdem uberdauerten einige gesellschaftliche und traditionelle Elemente in Japan den Krieg und die japanische Gesellschaft war, wie sich weiter unten zeigen wird, nicht von Grund auf verandert (Garon 1987: 229f.; Manow 2002: 110). Die ersten Nachkriegsjahre wa- ren durch eine massive Inflation gekennzeichnet, welche jegliche wirtschaftlichen Investitio- nen verhinderten. Bis 1949 wurden rund 1/3 der staatlichen Ausgaben fur Industriesubventionen ausgegeben und etwa 80% der Vorkriegskapazitat der industriellen Betriebe wiederhergestellt. Dann wurde die japanische Regierung durch den von den Alliierten eingesetzten Dodge Plan aber gezwungen ihre Unterstutzung der Wirtschaft stark zu reduzieren, was kurzfristig zu ei­nem grossen Verlust an Arbeitsplatzen in der Industrie wie auch im offentlichen Sektor fuhrte. Die Massnahmen sollten u.a. ein stabiles Fundament fur die Wirtschaft schaffen und den Ein- fluss der politischen Linken, namentlich der kommunistischen Parteien, ausraumen. Erganzend dazu wurden Wirtschaftskompetenzen von den alliierten Besatzem an Japan zuruckgegeben. Zur Verwaltung dieser Kompetenzen wurde, ebenfalls 1949, das Ministerium fur Internationa- len Handel und Industrie (MITI) gegrundet (Neary 2002: 177f.). Mit diesem Schritt war die Wirtschaftspolitik, im Sinne von politics, wie in der Zwischenkriegszeit, in die Hande der Bu- rokratie gelegt worden, die somit auch wieder an den inhaltlichen Entscheidungen (policy) mitbeteiligt war. Somit lag die Organisationsmacht der Wirtschaft doch wieder beim Staat und nicht, wie von den Amerikanern vorgesehen, bei den Kraften der freien Marktwirtschaft. Die damit verbundene Strategie, die schon in der Vorkriegszeit Praxis war, dass wirtschaftspoliti- sche Massnahmen zwischen dem Staat und den Spitzen der grossen Unternehmen, unter Aus- schluss der Arbeiterschaft ausgehandelt wurden, ist vergleichbar mit dem franzosischen Diri- gismus derNachkriegszeit (Kriesi 2008: 180f.).

Zur Entwicklung der japanischen Nachkriegswirtschaft trugen die Banken zu einem gu- ten Teil bei. Ebenso wie in Deutschland spielten einige wenige Banken eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Industrie und der Finanzen (Kriesi 2008: 265). Die wichtigste der staatlichen Banken, die Japanische Entwicklungsbank (JDB), war deshalb auch bis anfangs der 1970er Jahre komplett in das Programm des MITI integriert und wurde zu einem bedeutenden Be- standteil des Ministeriums zur Lenkung der Wirtschafts-Policy (Neary 2002: 177f.).

1.2.2 Derjapanische Wohlfahrtsstaat

Wie bereits erwahnt, konnte der japanische Staat auf Strukturen zuruckgreifen, die sich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg etabliert hatten. Schon vor dem Krieg hatte der Staat ein Entwicklungsparadigma verwendet, welcher der Steuerung des Marktes diente: den Develop- mentialismus. Treibende Kraft dabei war das Bestreben, mit den westlichen, bereits weiter entwickelten Industriestaaten wirtschaftlich gleichziehen oder diese sogar uberholen zu kon- nen. Zur Erreichung dieses Ziels intervenierte der Staat in wichtigen Wirtschaftsfragen, um die politischen und wirtschaftlichen Transaktionskosten moglichst niedrig zu halten und so mehr Investitionen zu ermoglichen. Diesen Interventionen war auch der weit verbreitete Glaube in­herent, dass die marktwirtschaftlichen Krafte den gewunschten Erfolg nicht ohne staatliche Beihilfe erzielen konnen (Streeck und Yamamura 2003: 5). Erst in jungerer Zeit kritisierten (neoliberale) Stimmen, dass sich der wirtschaftliche Erfolg auch ohne staatliche Hilfe einge- stellt hatte (Neary 2002: 183f.). Der frisch entstehende Wohlfahrtsstaat, der durch wirtschaftli­chen Erfolg in den Kreis der fruhen Industriestaaten gelangen wollte, zeichnete sich aber - anders als die angelsachsischen Lander - nicht durch eine Sozialpolitik aus, die sich an “broa­der segments of the population or on the ,really deserving’” (Manow 2002: 109) richtete.

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Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656045427
ISBN (Buch)
9783656044857
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181306
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,5 (CH: 5,5)
Schlagworte
Japan Wirtschaftsverbände Wohlfahrtsstaat Industrielle Beziehungen Politische Netzwerke Gewerkschaften Arbeitgeberverbände MITI Vergleichende Politikwissenschaft Critical Juncture Developmentalismus

Autor

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