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Ursachen von und Umgang mit Gewaltausbrüchen im Klassenverband

Der Fall David

Hausarbeit 2011 15 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Fall David

3. Ursachen von Gewaltausbrüchen
3.1 Gruppendynamik im Schulalltag
3.2 Motive
3.3 Erwartungs-mal-Wert Modell
3.4 Aggressionsmodelle
3.5 Implikationen für den Fall David

4. Umgang mit Gewaltausbrüchen
4.1 Bei der Gruppe ansetzen
4.2 Möglichkeiten für den Umgang mit dem Außenseiter
4.3 Implikationen für den Fall David

5. Fazit

1. Einleitung

Auch wenn unsere westliche Gesellschaft zu heutigen Zeiten weitestgehend zivilisiert ist, bleiben Gewaltausbrüche1 beim engen Miteinander von Menschen nicht aus. In der Erwachsenenwelt werden diese Ausbrüche im Normalfall gerichtlich behandelt und der Gewalttäter bekommt eine Strafe und/oder eine Therapiemaßnahme verordnet. Wird lediglich eine Strafe verhängt, so werden die Ursachen für den Gewaltausbruch nicht weiter untersucht. Wie jedoch soll mit Gewalt in der Schule umgegangen werden? Soll der Lehrer über den Täter eine Strafe verhängen und die Ursachen unbeachtet lassen? Das scheint keine tragfähige Lösung zu sein. Ursachen für Gewalt kann es viele geben. Aus einer Sicht, die dem Menschen inhärente Eigenschaften zuschreibt, mag es sich um eine dem Täter innewohnende Disposition handeln. Es könnte auch die Lust an der Gewalt sein oder die völlige Abwesenheit einer Moral. Wie verhält es sich jedoch bei Tätern, die von ihren Mitmenschen im Allgemeinen als eher ruhig und unauffällig beschrieben werden? Handelt es sich hier um eine bislang versteckte Disposition? Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Anwendung von Gewalt, insbesondere als unerwartete Ausnahmetat, nicht auf einen Wunsch nach Gewalt um der Gewalt willen zurückführen lässt, sondern auf Umwelteinflüsse und wie der Mensch auf diese reagiert. Wenn ein Mensch plötzlich und unerwartet eine Gewalttat begeht, so ist es gut möglich, dass dem ein schon länger vorhandenes Motiv, welches absolut nichts mit Gewalt an sich zu tun hat, zu Grunde liegt, das durch einen Anreiz aktiviert wurde. Eine genauere Bestimmung des Begriffs Motiv und welcher Art diese Motive sein können, wird in Kapitel 3.2 dieser Arbeit untersucht.

Davon ausgehend, dass der Mensch viele Jahre seines Lebens in der Schule verbringt, - in Deutschland immerhin zwölf Jahre, wenn man die Berufsschulpflicht berücksichtigt - kann man annehmen, dass besonders hier auch immer wieder Gewalt ein Thema ist. Die Schüler müssen sich über einen längeren Zeitraum hinweg in einer Gruppe zurechtfinden, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben. Die Aspekte, die in dieser Arbeit untersucht werden sollen, sind die Frage nach der Ursache von Gewaltausbrüchen, insbesondere bei Außenseitern, und die Frage nach dem Umgang mit Gewaltausbrüchen. Zur Veranschaulichung der theoretischen Inhalte sollen diese auf ein Fallbeispiel angewendet werden: den Fall des Schülers David2, welchen ich selbst bei einem Schulpraktikum miterlebt habe.

2. Der Fall David

David ist ein stiller, freundlicher, äußerlich normal anmutender Junge in der 10. Klasse einer integrierten Gesamtschule. Sein Klassenlehrer Herr R. kennt David seit Beginn der 6. Klasse. Er erzählt, dass David schon seit er ihn kenne immer ein Außenseiter gewesen sei, dass sich seine Position jedoch noch verschlechtert habe, seit sein einziger Freund nach Beenden der 8. Klasse die Schule verlassen hat. Probleme habe es mit David nur dahingehend gegeben, dass die Mitschüler ihn gemieden hätten und ungerne mit ihm im Unterricht zusammen gearbeitet hätten. Relativ kurze Zeit vor Beginn meines Praktikums sei in der Klasse die Zimmeraufteilung für die Klassenfahrt besprochen worden. Hierbei habe es Probleme gegeben, da sich keiner der Schüler ein Zimmer mit David hätte teilen wollen und sich alle geweigert hätten, ihre (unglücklicherweise für David) genau aufgehenden Konstellationen aufzulösen. Herr R. versuchte die Situation über ein Einzelgespräch mit dem Klassensprecher zu lösen, welcher sich erst einverstanden zeigte, mit David ein Zimmer zu teilen, dann jedoch seine Eltern einschaltete, um dies doch nicht zu müssen. Am Ende löste Herr R. die Situation so auf, dass er zwei Schüler in ein Zimmer mit David ‚zwangsversetzte‘.

Während meines Praktikums wurde ich Zeugin der Situation, dass David sich in der Bahn auf einen freien Platz in einer Vierersitzreihe zu seinen Mitschülern setzte, welche daraufhin demonstrativ aufstanden, sich eine andere Reihe suchten und anfingen zu tuscheln. David blieb zurück und guckte traurig. Einen Tag später im Unterricht schlug er seinen Mitschüler Ralf, der an der Situation des Vortags völlig unbeteiligt gewesen war. Ralf hatte David einen Loser genannt, als dieser auf eine Frage keine Antwort gewusst und geschwiegen hatte. Nach dem Vorfall sprach Herr R. mit David und Ralf und trug beiden auf, sich gegenseitig zu entschuldigen. Ansonsten blieb der Vorfall ohne weitere Konsequenzen.

3. Ursachen von Gewaltausbrüchen

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, können die Ursachen von Gewaltausbrüchen unterschiedlich und vielfältig sein. Aus diesem Grund werde ich mich auf Theorien beschränken, die Ursachen von einem unerwarteten Gewaltausbruch bei einer sonst eher unauffälligen Person in einer Gruppe erklären und nicht auf die Ursachen von Gewalt bei dauerhaft körperlich aggressiven Schülern eingehen. Bevor ich das Entstehen einer Motivation zur Gewaltanwendung, die Erwartungs-mal-Werte Theorie und zwei Aggressionsmodelle näher untersuche, liefere ich zuerst eine kurze Einführung in die für den Schulalltag relevante Gruppendynamik.

3.1 Gruppendynamik im Schulalltag

Laut Karl Dambach kann man die Hierarchie der Klasse in drei Gruppen unterteilen: Gruppenführer, Mitläufer und Außenseiter (Dambach 19). Während die Rolle der Gruppenführer und Außenseiter relativ gefestigt sei, bestehe bei Mitläufern die Möglichkeit, dass sie versuchen, in die Rolle des Gruppenführers zu schlüpfen, oder die Gefahr, zum Außenseiter zu werden (Dambach 20). Welche Positionen von den Schülern eingenommen bzw. ihnen zugeteilt werden, sei nicht eindeutig an bestimmte Personenmerkmale zu knüpfen, da von der Zusammensetzung der Gruppe abhänge, welche Eigenschaften wertgeschätzt würden und welche nicht (Dambach 22). Laut Dambach sind die Positionen innerhalb einer fest bestehenden Gruppe jedoch relativ stabil, da die Mitläufer froh sind, dass sie nicht zu den Außenseitern gehören und die Außenseiter nicht die Möglichkeit haben, die Hierarchie zu ändern (Dambach 22). Zur besseren Differenzierung übernehme ich Dambachs Unterscheidung zwischen Außenseitern und Einzelgängern, welche er so vorsieht, dass Einzelgänger zwar allein am Rand der Gruppe stehen, dort jedoch nicht weiter belästigt werden, während Außenseiter direkt von Teilen der Gruppe oder sogar der ganzen Gruppe gemobbt werden (Dambach 24). Wie jedoch kommt es nun bei Außenseitern, wie auch im Fall David, dazu, dass sie zum Teil Jahre lang eine schlechte Behandlung durch ihre Mitschüler ertragen und dann unvermittelt körperliche Gewalt anwenden, die zum Teil auf Schüler gerichtet ist, welche nicht einmal direkt am Mobbing beteiligt sind? Ein Versuch diese Frage zu beantworten, wird nach einem kurzen Exkurs zur Begriffsdefinition von Mobbing gemacht.

Exkurs: Mobbing

In dieser Arbeit wird der Begriff Mobbing so verwendet, wie er von Olweus definiert wurde: „Ein Schüler […] wird gemobbt, wenn er wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler ausgesetzt ist“ (zit. in Schubarth 17). Diese sogenannten negativen Handlungen umfassen verbale, nonverbale und körperliche Schädigungen, die ein Kräfteungleichgewicht herstellen, wodurch sich der Außenseiter nicht selbst aus der Situation befreien kann (Schubarth 18).

3.2 Motive

Motive sind „[z]eitlich überdauernde Bereitschaften für bestimmte Klassen von Zuständen“ (Krapp und Weidenmann 213), anders formuliert, Dispositionen. Diese Motive werden durch situative Anreize zu einem aktuellen Zustand, der Motivation, angeregt. Zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört laut der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow das soziale Bedürfnis, also die soziale Eingebundenheit. Hieraus kann man, zumindest stark vereinfacht, das vielfach in der Psychologie diskutierte Anschluss-, sowie das Anerkennungsmotiv ableiten. Nicht jeder Mensch hat ein gleich stark ausgeprägtes Anschlussmotiv, aber die meisten Menschen wollen von und aus einer Gruppe nicht ausgeschlossen werden. Wenn nun dieses tief liegende Anschlussmotiv einer Person durch einen Situationsanreiz angesprochen wird, wie zum Beispiel eine erneute Mobbingattacke durch Mitschüler, so kann daraus die Motivation entstehen sich zu wehren. Da diese Tatsache noch nicht erklärt, weshalb ein Außenseiter sich nicht jedes Mal gegen Mobbing wehrt, will ich im Folgenden ein handlungstheoretisches Modell der Motivation anführen.

3.3 Erwartungs-mal-Wert Modell

Das Erwartungs-mal-Wert Modell nach Rheinberg sieht folgende Erwartungen vor: Situations-Ergebnis-Erwartungen, Situations-Handlungs-Erwartung, Handlungs-Ergebnis- Erwartung, Ergebnis-Folge-Erwartung (zit. in Krapp und Weidenmann 223). Das Modell zeigt, „dass motiviertes Handeln vielfältig determiniert ist. […] Für den Prozess der Motivierung (bzw. Intentionsbildung) sind einerseits die Erwartungen und andererseits die Bewertungen (‚Anreize‘) des Handlungsablaufs und der Handlungsfolgen von Bedeutung“ (Krapp und Weidenmann 223). Bei der Situations-Ergebnis-Erwartung stellt sich der Außenseiter die Frage, was passiert, wenn er nicht handelt. Seine eigene Erfahrung wird ihm sagen, dass die Mobbingattacke vorüber geht und er dann bis zum nächsten Mal wieder Ruhe hat. Für die Situations-Handlungs-Erwartung überlegt er, ob es ihm möglich ist, die für diese Situation notwendige Handlung durchzuführen, also sich zu wehren. Da es bei Mobbingtätern und Opfern ein Kräfte-, sowie ein Machtgefälle gibt, wird er diese Frage meist mit „Nein“ beantworten. Um die Handlungs-Ergebnis-Erwartung zu bestimmen, fragt sich der Außenseiter, ob und inwieweit er das Ergebnis durch sein Handeln beeinflussen kann. Das Wissen um die Gruppendynamik (wie in 3.1 besprochen) gibt vor, dass die Rolle der Außenseiter relativ gefestigt ist und der Außenseiter ein Außenseiter bleibt und als Folge weiterhin schlecht behandelt wird, unabhängig davon, ob er sich wehrt oder nicht. Ein gewünschtes Ergebnis wäre hingegen, dass die Täter von ihm ablassen und ihn als Folge fortan respektieren. Zu guter Letzt bestimmt die Ergebnis- Folge-Erwartung die Motivation dadurch, dass sich der Außenseiter fragt, inwieweit es wahrscheinlich ist, dass das erwartete Ergebnis zu den gewünschten Folgen führt. Selbst wenn das gewünschte Ergebnis einträte, nämlich dass die Täter die Mobbingattacke abbrechen, so müsste der Außenseiter sich dennoch die Frage stellen, ob die Langzeitfolgen auch so wünschenswert wären, oder ob es nicht vielmehr wahrscheinlicher ist, dass die Täter sich angegriffen fühlen und den Außenseiter in Folge noch mehr in Bedrängnis bringen. (in Anlehnung an Krapp & Weidenmann 223)

[...]


1 Es gibt viele, auch nicht physische, Formen der Gewalt. Auf Grund der Kürze dieser Arbeit möchte ich mich jedoch auf die Untersuchung körperlicher Gewalt beschränken und werde das Wort Gewalt synonym zu körperlicher Gewalt benutzen.

2 Aus Datenschutzgründen ist dieser Name, sowie alle folgenden Namen, selbstverständlich abgeändert.

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656043874
ISBN (Buch)
9783656043935
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181271
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Seminar für Erziehungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
ursachen umgang gewaltausbrüchen klassenverband fall david

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